Abenteurer Gottes
Dave und Neta Jackson
John Wesley Lösegeld für einen kleinen Kaminkehrer
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team, das zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche, Beziehungen und andere Themen geschrieben und mitgeschrieben hat. Zu ihren Büchern für Kinder zählen die »Abenteurer Gottes«-Serie und »Glaubenshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois, zu Hause.
1. Auflage 2006 Originaltitel: The Chimney Sweep’s Ransom © 1992 by Dave und Neta Jackson Originalverlag: Bethany House Publishers © der deutschen Ausgabe 1996 by Zapf & Hofmann, Landstuhl 2006 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Susanne Zapf Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN: 3-89397-551-9
Inhalt Maultiere
7
Gefährlicher Abstieg
14
Keine Arbeit – kein Lohn
22
Der »kleine Riese«
30
Einen Hund gefunden und die Schwester verloren 38 Leere Taschen
49
Botenjunge
59
Die Lösung
70
Erwischt
78
Das Waisenhaus
85
Mr. Wesleys Regel
92
Faule Eier
100
London
111
Wieder zu Hause
123
Mehr über John Wesley
132
John Wesley, Gründer der methodistischen Bewegung, kam erstmals 1742 nach Newcastle upon Tyne. Er fand dort Zustände in den Bergarbeiterfamilien vor, wie sie in England damals kaum schlimmer vorstellbar waren. Viele wahre Ereignisse und Tatsachen aus John Wesleys Leben, seine Reisen und die methodistischen Gemeinschaften sind in unsere Geschichte eingeflossen. Die Notlage der Familie Carter – sie ist ausgedacht – ist typisch für die damalige Zeit. Vielen Familien in dieser Gegend erging es ebenso. Kinder mussten schon im Alter von fünf Jahren in den Bergwerken arbeiten und wurden oft für fünf Pfund als Kaminkehrer »verkauft«.
Maultiere
N
ed Carter schlug die Zügel gegen die Flanken der Maultiere, die vor seinen Karren gespannt waren. Er kauerte sich zusammen, denn es war kalt und neblig. »Hep! Hep!«, rief er. »Steht nicht den ganzen Tag dumm im Schlamm herum. Los, bewegt euch!« Der Kohlewagen ächzte, als die Tiere anzogen. Der Herbst hatte seinen Einzug im Norden Englands gehalten, und es war schon seit einer Woche ungemütlich kalt und feucht. Die schmutzigen Straßen, die von den Kohleminen am Stadtrand von Newcastle zu den Docks des Flusses Tyne führten, waren so schlammig, dass man fast nicht mehr durchkam.
7
Die Straße nach Newcastle war zudem voll von Leuten, was es noch schwieriger machte, mit den Maultieren durchzukommen. Ned fluchte leise vor sich hin. Papa konnte jeden Augenblick mit einer weiteren Kohleladung vorbeikommen, und wenn er noch nicht durch das Stadttor gekommen war, würde es Ärger geben. Plötzlich erblickte er ein bekanntes Gesicht auf der anderen Straßenseite. Das Mädchen trug einen großen Korb auf ihren Hüften. Effie! So eine dumme Gans! Warum trug seine Schwester die Wäsche, die Mama gewaschen hatte, im Regen aus? Sie würde klamm und schmutzig werden, bis sie bei den Kunden in der Stadt ankam. In diesem Moment sah Ned einen großen Jungen auf seine Schwester zulaufen. Er nahm ihr den Wäschekorb ab. Effie blickte ihn schüchtern an, dann gingen sie zusammen in Richtung Markt. Ned fühlte Wut in sich aufsteigen. Dieser eingebildete Morgan! Er war anscheinend immer noch hinter Effie her. Sie ermutigte ihn aber auch geradezu. Dass sein Vater ein bekannter Händler in Newcastle war, beeindruckte Ned nicht im Geringsten. Als Nächstes würde dieses dumme Ding von einer Schwester noch mit diesem reichen Schnösel durchbrennen und ihn irgendwo heiraten. Sie war erst sechzehn, drei Jahre älter als Ned, aber er kannte Mädchen, die noch jünger geheiratet hatten. Ohne groß nachzudenken hielt Ned die Maultiere an und zog die Bremse. Er sprang vom Karren. Wo wollten sie hingehen? Er rannte über die schlammige Straße zum Stadttor und bahnte sich einen Weg
8
durch die Bauern und Händler, die zum großen Marktplatz in Newcastle wollten. Auf der anderen Seite des Tors war die Menschenmenge noch dichter, und Ned befürchtete, dass er seine Schwester und Morgan aus den Augen verlieren würde. Nein, da waren sie noch. Sie hatten sich in einem Hauseingang untergestellt. Er stand neben ihnen, noch bevor sie ihn gesehen hatten. Er packte Effie am Arm und zog sie aus dem Hauseingang. »Du Flittchen!«, schimpfte er. Ned war für seine dreizehn Jahre sehr groß und kräftig. Er blickte ihr gerade in die Augen. »Mama arbeitet den ganzen Tag und wäscht, und du stehst hier herum und flirtest mit diesem dämlichen Trottel, während die Wäsche nass wird.« »He, jetzt …« protestierte Morgan. »Lass mich in Ruhe, Ned!«, schrie Effie und riss sich los. Doch da packte er ihr Haar und zog so fest, dass sie beinahe stürzte. »Ich werde Papa erzählen, was du hier treibst!«, brüllte Ned ihr ins Ohr. »Was sollen wir denn tun, wenn wir die Kunden verlieren, weil sie keine nasse Wäsche haben wollen? Willst du etwa, dass der kleine Pip ins Bergwerk muss? Oder willst du etwa selbst in den Minen arbeiten? Du bist total eigensüchtig!« Effies Fingernägel zerkratzten sein Gesicht. Er ließ ihr Haar los, und sie gab ihm einen Schubs. Ned verlor den Halt und stolperte zu Boden. Als er aufblickte, verschwanden Effie, Morgan und der Wäschekorb gerade um die Ecke.
9
Ned rappelte sich auf und merkte, dass er seine Kappe verloren hatte. Er sah die Straße hinauf und hinunter und entdeckte sie schließlich, wie sie von einem vorbeifahrenden Wagen ein Stück mitgerissen wurde. Er hatte sie gerade aufgehoben, als er einen so heftigen Schlag bekam, dass er wieder zu Boden fiel. Dann wurde er an seinem Hemdkragen nach oben gezogen.
»Was geht hier vor?«, brüllte sein Vater. »Was soll das, dass du den Kohlewagen auf der Straße einfach allein stehen lässt? Ich werde dich wieder in den Schacht stecken, schneller als du gucken kannst, wenn das noch einmal passiert, du Nichtsnutz!«
10
»Aber, Papa …!«, protestierte Ned schwach. Dann sah er die triumphierenden Blicke der Umstehenden auf sich gerichtet und schwieg gedemütigt. Er ging zurück durch das Stadttor zu seinem Kohlewagen; sein Vater folgte ihm breitschultrig und grimmig dreinblickend auf den Fersen. Ned kletterte auf den Karren, trat die Bremse mit dem Fuß los und trieb die Maultiere an, bevor sein Vater noch ein Wort sagen konnte. Neds Wut über Effie war verflogen, doch an ihre Stelle war eine nagende Angst getreten. Angst nicht vor den Schlägen, die er an diesem Abend bekommen würde, sondern Angst um seinen kleinen Bruder Pip. Pip war im Frühling fünf geworden. Bisher war nicht davon die Rede gewesen, ihn in die Minen zu schicken, um ihn dort arbeiten zu lassen. Ned selbst war erst fünf Jahre alt gewesen, als sein Vater ihn in die Kohlebergwerke geschickt hatte, um als »Maulwurf« zu arbeiten. Er würde nie diese Angst vergessen, als er zum ersten Mal in den engen Schacht krabbeln musste mit einem Seil um den Knöchel, damit man ihn wieder zurückziehen konnte; die Dunkelheit war so furchterregend, dass er kaum zu atmen gewagt hatte. Sieben Jahre lang hatte Ned in den Minen gearbeitet. Er musste vor Sonnenaufgang mit seinem Vater aufstehen und über die Brücke gehen, die Gateshead südlich des Flusses mit Newcastle im Norden verband. Wenn sie an das Stadttor kamen, erblickten sie immer schon den Strom von Männern und Jungen, die Kohle förderten – das schwarze Gold Englands.
11
Jeden Tag musste er mit seinem Vater arbeiten. Er füllte die Eimer, während sein Vater die Kohle mit einem Pickel heraushackte. Er räumte Steine aus dem Weg und grub Stollen, die immer tiefer in der Erde verliefen, und musste die Karren beladen. Mehr als einmal waren sie Unfällen oder sogar dem Tod entkommen, wenn ein Schacht einbrach oder überflutet wurde, oder wenn ein Maultier ausrutschte und ein schwer beladener Wagen umkippte. Ned und sein Vater hatten eine stillschweigende Übereinkunft, dass sie von diesen gefährlichen Ereignissen niemals zu Hause erzählten. Vor einem Jahr nun war sein Vater zum Meister befördert worden, und Ned musste lernen, Maultierkarren zu fahren. Er mochte diese Arbeit, schwere Kohlewagen zu den Docks zu fahren, wo die Kohle erst auf kleine Boote und dann auf Schiffe verladen wurde, die in der Mitte des Flusses ankerten. Ja, Ned hatte überlebt – aber Pip war anders als er. Der kleine Bruder war nie besonders stark gewesen und sah viel jünger aus als andere Kinder in seinem Alter. Er war ein Träumer, sang gerne kleine Liedchen vor sich hin und dachte sich Geschichten aus, während er still in einer Ecke saß. Pip würde in den Minen niemals überleben können. Der Wagen gab ein knarrendes Geräusch von sich. Ned wurde aus seinen Gedanken gerissen. Die Maultiere waren beim Abstieg zu den Docks angekommen, die wie Finger in den Tyne hineinragten. Ned griff die Zügel fester. »Ganz ruhig, Bessie. Schön langsam, Ben«, redete er ruhig auf die Tiere ein,
12
während sie einen sicheren Stand in dem Schlamm suchten. Auf halbem Wege rutschte Bessie plötzlich und ging in die Knie. Ben, das andere Maultier, wieherte ängstlich und zog zurück, als wollte es seiner »Gefährtin« im Gespann zu Hilfe kommen. Der Wagen neigte sich zur Seite, und Ned griff nach der Bremse, um ein Umkippen zu verhindern. In diesem Moment rappelte Bessie sich wieder hoch, und der Wagen stand wieder aufrecht auf dem schmalen Weg. Sie fuhren weiter vorsichtig zu den Docks hinab. Ned stieß einen erleichterten Pfiff aus. Ich wünschte, der Regen würde endlich aufhören, damit die Straße trocknen würde, dachte er. Das nächste Mal geht es vielleicht nicht so gut aus.
13
Gefährlicher Abstieg
A
ls Ned am nächsten Morgen erwachte, tropfte es durch die Zimmerdecke, der feine Nieselregen hatte also noch nicht aufgehört. Es war noch dunkel, aber er konnte seine Mutter erkennen, die sich über das Herdfeuer beugte und in einem Topf rührte. Ned krabbelte von der Strohmatratze, die er mit Pip teilte, und ging zum Nachttopf, der hinter dem Vorhang in einer Ecke stand. Danach knöpfte er die Ärmel seines Hemdes zu und setzte sich an den Tisch auf die Bank. Louisa Carter stellte eine große, dampfende Schüssel mit Haferbrei in die Mitte des Tisches und reichte Ned einen Löffel. »Iss, Junge!«, sagte sie und berührte ihn kurz an der Schulter. »Nur noch ein Tag bis zum Ruhetag.« Ned betrachtete die große Schüssel. Wieder Haferbrei. Seit er denken konnte, gab es zum Frühstück immer nur Haferbrei. Er blickte auf dem Tisch herum, nicht einmal Milch war da. Wenigstens gab es manchmal welche. Er erinnerte sich an die Eier, die ihnen jemand zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, wenn er an das köstliche goldene Eigelb dachte, das sich in dem gekochten, heißen Ei verbarg. Ich wette, dieser eingebildete Morgan hat jeden Tag Eier zum Frühstück, dachte er mürrisch. Sein Vater setzte sich auf die Bank an der anderen Seite des Tisches, tauchte seinen Löffel in die gemein-
14
same Schüssel in der Mitte und schob ihn in den Mund. »Iss«, grunzte er Ned an. »Es ist noch nicht Sonntag. Wir müssen unseren Tageslohn noch verdienen.« Effie erschien am Tisch, gefolgt von der zehnjährigen Flora, zerzaust und gähnend. Kurz darauf kroch auch die sieben Jahre alte Dolly mit dem Baby Gilda im Arm auf die Bank. »Pip!«, bellte Dob Carter. »Willst du immer der Letzte sein? Zeit für das Frühstück!« Einen Augenblick später kniete sich Pip unberührt von den Schimpfereien seines Vaters neben ihn auf die Bank und tauchte seinen Löffel in den Brei. Der Haferbrei füllte Neds Magen und wärmte ihn von innen. Er beobachtete seine Mutter, wie sie Gilda zu sich nahm, die jetzt fast zwei Jahre alt war, und sich auf einen Stuhl neben dem Feuer setzte, um sie zu stillen. Seine Mutter war blass und sah im Feuerschein abgemagert aus. »Papa, Mama sieht nicht gut aus«, sagte Ned über den Tisch. »Sag den Mädchen, sie sollen heute für sie die Arbeit tun und Mutter ausruhen lassen!« »Kümmere dich um deinen Kram«, murmelte Effie vor sich hin. Dob Carter sah zu seiner Frau hinüber. »Lou?« Louisa Carter war einen Augenblick lang still. Dann seufzte sie: »Mir geht es gut. Mir macht nur der Schnupfen noch etwas zu schaffen.« Neds Vater stand vom Tisch auf und zog sich Jacke und Mütze an. Er legte seine schwere Hand auf Pips schmale Schulter. »Du hilfst deiner Mama und den
15
Mädchen, hörst du! Du musst lernen, wie man hart arbeitet.« Pip mit dem Mund voll Haferbrei blickte seinen Vater an und nickte. Ned nahm den Korb mit dem Brot und den kalten gekochten Kartoffeln, den seine Mutter für das Mittagessen gepackt hatte. Es war jeden Tag dasselbe. Als er zur Tür ging, rempelte Effie ihn absichtlich an. »Kümmere du dich um deine Angelegenheiten und hör auf, über mich zu bestimmen«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Ich bin die Älteste hier, denk dran.« Dann lief sie weiter und begann, den Frühstückstisch abzudecken. Ned blickte seiner Schwester nach, dann eilte er aus der Tür seinem Vater nach. Der graue Himmel wurde langsam heller. Als sie die engen Straßen von
16
Gateshead zur Brücke über den Tyne entlangliefen, bemerkte Ned, dass es nicht mehr wirklich regnete, sondern ein schwerer Dunst in der Luft hing, als ob die Erde aus allen Poren schwitzte. Sie trafen die anderen Männer und Jungen, die aus einem lang gestreckten Holzhaus kamen – einer Bergarbeiterbaracke. Auch die Familie Carter hatte in einer dieser Baracken gelebt. Es gab einen großen Raum, und alle paar Meter war dieser unterteilt für jede Familie. Keiner hatte Platz für sich allein, Männer, Frauen und Kinder kochten, aßen, schliefen, bekamen Babys, weinten, lachten, spielten, stritten – alle zusammen in diesen Drecklöchern. Ned erinnerte sich daran, wie froh seine Mutter war, als sein Vater genug Geld zusammenkratzen konnte, um eine Zweizimmerwohnung zu mieten, nachdem Pip geboren wurde. Von seinen acht Geschwistern hatten nur fünf überlebt. Als sie sich von Pips Geburt erholt hatte, musste seine Mutter eine Arbeit annehmen. Sie wusch die Wäsche der Händler in Newcastle, sonst hätten sie die Miete nicht weiter bezahlen können. Das winzige Häuschen war oft voll von der Wäsche, die an feuchten Tagen zum Trocknen beim Feuer hing. Doch sie waren damit zufrieden; es schien ihnen wie ein Palast, nachdem sie in den Baracken gelebt hatten. Dann wurde seine Mutter wieder schwanger. Es war eine schwierige Schwangerschaft, und Ned glaubte, dass seine Mutter sich nie wieder richtig erholen würde, nachdem Gilda geboren war. Sie schien ständig müde zu sein oder zu frieren. Doch Mama und die Mädchen nahmen weiter die Wäsche anderer
17
Leute, es blieb keine Wahl. Ned beobachtete häufig, wie sein Vater die Mutter besorgt ansah, doch Dob Carter sagte nur selten etwas. Keiner – am wenigsten Louisa Carter – wollte in die Baracke zurück. Als der lange Zug der Bergarbeiter über die Brücke trottete, versammelte sich eine Menschenmenge am Stadttor von Newcastle. Ned streckte seinen Hals, um zu sehen, was da vor sich ging. »Da steht ein Mann auf einer Kiste und spricht zu allen«, sagte Ned. »Was ist da los, Papa?« Sie hielten einen Augenblick an, erfreut über die kleine Abwechslung in dem üblichen morgendlichen Ablauf. Die Menge stieß sich an und johlte. Ned musste genau hinhören, wenn er verstehen wollte, was der Mann sagte. Schließlich gelang es ihm, einige Sätze aufzuschnappen. »Vielleicht seid ihr alle ehrliche Männer, gute Menschen, die freundlich zu ihrer Familie und den Nachbarn sind«, sagte der Mann auf der Kiste gerade. »Vielleicht geht ihr jede Woche in die Kirche und haltet alle Gebote. Das ist schon etwas, dann seid ihr fast Christen. Aber was meint Gott, wenn er fordert, wir sollen Gott lieben von ganzem Herzen und glauben…« »Ah! Wieder so ein Prediger«, murmelte sein Vater und spuckte angewidert aus. »Religion ist nur was für die Reichen.« Er nahm Neds Arm und zog ihn von der Menge weg. Ned zuckte zusammen und folgte seinem Vater. Er machte sich nichts aus solchen Sachen und vergaß bald diesen Fremden auf der Kiste. Seine Gedanken
18
wanderten zurück zu seiner Mutter, die so erschöpft am Feuer gesessen hatte. Was wäre, wenn Mama krank würde? Oder wenn Effie wirklich mit diesem eingebildeten Händlerssohn durchbrannte? Die kleinen Mädchen würden nie mit den schweren Wäschestücken fertig werden. Wie lange konnte Papa es sich noch leisten, den kleinen Pip zu Hause zu behalten? Neds Gesicht verfinsterte sich. Was auch geschehen mochte, er würde darum kämpfen, dass sein kleiner Bruder nicht in die Mine musste. Während er noch darüber nachgrübelte, war er beim Bergwerk angekommen. Die Maultiere waren unruhig und erforderten die ganze Aufmerksamkeit, um die schwere Ladung zu den Docks zu bringen. Der Morgennebel war immer dichter geworden, sodass Ned kaum die Straße vor Bessie und Ben erkennen konnte. Er hatte Angst, als er die schlammige Straße zu den Docks hinunterfuhr. Tiefe Furchen hatten sich gebildet. Nur mit viel Geschrei und Zügelziehen konnte er die Tiere von der gefährlichen Mitte fern halten. Endlich erreichte er die Docks. »Fahr rückwärts ran!«, schrie einer der Dockarbeiter. Grimmig führte Ned die Maultiere rückwärts. Es war schwierig, im Nebel zu erkennen, wie weit er fahren sollte. Ein Stückchen zu weit, und er, sein Karren und die Maultiere lagen im Wasser. Doch schließlich ragte der Karren über das Ende des Docks. Schnell schaufelten die Dockarbeiter die gesamte Ladung in das Boot und winkten ihm, er sollte weiterfahren. Erleichtert fuhr Ned davon und machte sich auf den Rückweg.
19
Er kam an seinem Vater vorbei, der darauf wartete, mit seiner Ladung Kohle nach vorne fahren zu können. Dob Carter nickte ihm zu. Ned musste innerlich lächeln; sein Vater schien seinen Zorn von gestern vergessen zu haben, als er den Kohlewagen einfach hatte stehen lassen. Nun, es würde nicht wieder vorkommen. Doch dieser Morgan wäre gut beraten, wenn er Effie in Ruhe lassen würde. Als er den Hügel hinauffuhr, musste er sich auf der Seite halten, die zum Fluss abfiel. Er wollte nicht zu nahe an den Rand kommen, daher fuhr er so dicht er konnte an der mittleren Furche entlang. Auf halbem Weg jedoch begann der Wagen seitlich in die Furche zu rutschen. »Hüh! Hüh!«, schrie Ned und schlug die Zügel. »Zieht los!« Bessie und Ben legten sich ins Geschirr, doch der Wagen glitt immer weiter ab, bis das rechte
20
Hinterrad tief in der Furche steckte. Die Maultiere stampften und zogen, doch der Wagen wurde immer langsamer und kam schließlich zum Stehen. Ned stieß einen Schwall von Flüchen aus. Er steckte fest. Er sprang von dem leeren Wagen und starrte auf das Rad, das fast bis zur Nabe im Schlamm steckte. Er warf einen Blick hinunter zu den Docks, doch sie blieben im Nebel verborgen. In der Zwischenzeit würde der Wagen seines Vaters fast von den Dockarbeitern abgeladen sein, und er konnte jeden Augenblick die Straße hinaufkommen. Eilig ließ er sich zu Boden fallen und begann den Schlamm mit den Händen vom Rad zu schaufeln. Der zähe Lehm schien sich geradezu an den Speichen festzuklammern, doch nach kurzer Zeit hatte Ned das meiste weggeräumt. Ein anderer Fahrer, der den Hügel hinunterkam, sah Ned in seiner misslichen Lage und bot ihm seine Hilfe an. Der Mann stemmte sich gegen den Wagen, während Ned auf den Sitz zurückkletterte. »Hüh!«, schrie er den Maultieren zu. Bessie und Ben zogen und zerrten, einen Moment lang passierte gar nichts. Dann war plötzlich das Rad frei, und der Wagen machte einen solchen Satz nach vorne, dass Ned zurückfiel. Er stieß mit dem Kopf hart an eine Seite des Wagens, als er hinunterfiel. Ein scharfer Schmerz durchfuhr seinen Arm. Dann wurde alles schwarz um ihn.
21
Keine Arbeit – kein Lohn
N
ed! Ned! Hörst du mich?« Es war die Stimme seines Vaters, die er weit weg hörte.
Ned öffnete die Augen. Zwei besorgte Gesichter beugten sich über ihn. Er lag im Schlamm neben dem Rad des Karrens. Dann erinnerte er sich: Er war heruntergefallen. Verlegen rappelte er sich hoch, um sich aufzusetzen, doch ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Arm und ließ ihn stöhnend zurückfallen. »Das wird wieder, Dob«, meinte der Mann, der angehalten hatte, um Ned zu helfen. »Das Rad da ist ihm über den Arm gerollt – besser du lässt den Jungen untersuchen. Aber ich glaube, der Rest des Kerlchens ist in Ordnung.« Ned wurde von den starken Armen seines Vaters aus dem Dreck gehoben. »Jenkins, hilf mir, ihn auf den Wagen zu legen.« Sie legten ihn vorsichtig hinten auf den Karren. Die kleinen, spitzen Kohlestückchen, die noch im Wagen geblieben waren, blieben an dem feuchten Schlamm sofort hängen. Unter Schmerzen schob sich Ned weiter, bis er sich an eine Seitenwand lehnen konnte.
Sein Vater kletterte auf den Fahrersitz und schlug die Zügel gegen die Flanken der Maultiere. Der Kohlewagen rumpelte los. Oben auf dem Hügel angekommen, fuhren sie durch das Stadttor von Newcastle und bogen dann zur Brücke nach Gateshead ab. Ned verstand, dass sein Vater ihn nach Hause bringen wollte.
22
Er bewegte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Autsch! Er hatte eine dicke Beule an der Stelle, wo er gegen den Wagen gefallen war. Er beugte erst ein Bein, dann das andere, dann den linken Arm: Es war alles heil. Aber sein rechter Arm hing kraftlos herunter. Er betrachtete den breiten Rücken seines Vaters, während sie schweigend weiterfuhren. Ned machte sich Sorgen. Wie sollte er jetzt den Wagen lenken? Was war mit seinem Arm los? War sein Vater böse auf ihn, weil er zu unvorsichtig gewesen war? Mutlos bedachte Ned, was für ein Unheil er angerichtet hatte. Er war nicht nur unfähig, den Rest des Tages zu arbeiten, sein Vater musste obendrein noch seinen eigenen Wagen im Stich lassen, um ihn nach Hause zu bringen. Der Kohlewagen mit seinem angeschlagenen Passagier kam vor dem Haus der Carters an. Pip und die jüngeren Mädchen rannten nach draußen, überrascht, dass ihr Vater mitten am Tag heimkam. Louisa Carter und Effie folgten ihnen. »Ned hat sich verletzt«, sagte Dob Carter grimmig und half Ned vom Wagen. Seine Mutter nahm ihn in den Arm. Dob kletterte zurück auf den Sitz und beugte sich zu seiner Frau hinunter. »Tu, was du kannst für ihn, Lou – aber gib kein Geld für den Doktor aus. Es geht nicht um Leben oder Tod.« Als der Kohlewagen davonfuhr, begleitete Louisa Carter ihren Sohn ins Haus. Die Luft war feucht von der nassen Wäsche, die überall zum Trocknen hing. Er setzte sich auf seine Strohmatratze, während seine Mutter vorsichtig seinen Arm betastete. Sie be-
23
wegte ihn leicht im Schultergelenk, dann am Ellenbogen. »Deine Hand schwillt an«, sagte sie. »Ich glaube, das Handgelenk ist gebrochen.« Sie schickte Pip mit einem Eimer zum Brunnen, um kaltes Wasser zu holen, und befahl Ned, seine Hand hineinzuhalten, während sie einen Verband zurechtmachte. Währenddessen beugte sich Effie zu ihm hinüber, die Hände in die Hüften gestützt. »Ist das nicht komisch«, sagte sie. »Jetzt kann unser Größter nicht mehr arbeiten.« »Halt die Klappe!«, zischte er. Er fühlte sich schon schlecht genug ohne Effies Spott. Ned beobachtete seine Mutter, als sie seine Hand mit einem Stoffstreifen verband, der mit einem dicken Brei bestrichen war. Ihm gefiel ihr blasses, abgearbeitetes Gesicht überhaupt nicht. Ihre Augen leuchteten ungewöhnlich hell.
24
»Mama …?« »Pscht!«, sagte sie scharf, legte seinen Arm in eine Schlinge und band sie um seinen Hals. »Ich habe genug zu tun, auch ohne eine Menge Fragen zu beantworten. Jetzt bleibst du hier und hältst deinen Arm ruhig, bis der Verband hart geworden ist, verstanden?« Ned legte sich auf seiner Matte zurück. Der pochende Schmerz und die warme, feuchte Luft ließen ihn in einen Dämmerzustand fallen. Immer wieder kamen ihm Bilder in den Sinn: die Maultiere, die sich ins Geschirr legten, … der Schlamm, in dem er fast unter dem Wagenrad gelegen hatte, … Hemden und Laken, die geisterhaft in der Stube hingen, … die kleine Gilda, die seinen Kopf streichelte, … Waschkübel, die ständig geleert und wieder gefüllt wurden, … das Auf und Ab der vertrauten Stimmen um ihn herum.
***
Plötzlich schreckte Ned hoch. Die Silhouette seines Vaters hob sich gegen das Feuer auf der Feuerstelle ab. Er kehrte ihm den Rücken zu. »Handgelenk gebrochen, sagst du? Dieser Tollpatsch!« Sein Vater schlug seine Kappe gegen die durch die Kohle schwarzen Töpfe. »Das sind dann ungefähr zwei, vielleicht sogar drei Wochen, bis er wieder einen Karren fahren kann? Was? Sechs?« Ned konnte die gemurmelte Antwort seiner Mutter nicht verstehen. Doch sein Vater lief unruhig vor dem Feuer hin und her. »Wenn er nicht arbeiten kann, bekommt er auch keinen Lohn. Ich weiß nicht, wie wir das schaffen
25
sollen, Lou. Ich werde Pip mit zum Arbeiten nehmen müssen.« »Nein!« Mutters Stimme klang scharf. Ned rappelte sich so gut er konnte mit einem Arm von seiner Matratze hoch. »Nein, Papa!«, sagte er energisch. »Mein Arm ist bald wieder besser. Ich werde die Maultierkarren fahren können, bevor du noch bis drei zählen kannst.« Dob Carter drehte sich um und starrte ihn an. »Ganz richtig! Du wirst bald wieder arbeiten! Aber es spielt keine Rolle, ob es schon morgen sein kann oder erst nächste Woche. Wir schaffen es nicht! Und das Leben dieser Familie hängt am seidenen Faden.« Louisa Carter weinte. »Nicht in die Minen, Dob! Nicht Pip. Er …« »Ich habe nichts von den Minen gesagt, oder?«, gab Neds Vater bissig zurück. »Ich habe da einen Plan, muss mal sehen, was sich machen lässt. Aber hör auf zu weinen und zu betteln, Lou. Was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr ändern.« Damit setzte Dob Carter seine Kappe wieder auf und stürmte aus dem Haus. Er hinterließ eine Totenstille. Effie trug das Mittagessen auf: trockenes Brot und Kartoffelsuppe mit ein wenig gesalzenem Schweinefleisch, Karotten und Kohlrüben. Ned aß vorsichtig mit der linken Hand, was Gilda und Dolly zum Lachen brachte. Pip beobachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen. Ned blickte stumm vor sich hin. Die Mutter rührte das Essen nicht an und verschwand in den kleinen Nebenraum, der den Eltern und dem Baby Gilda als Schlafraum diente. Die Kin-
26