Abenteurer Gottes
Dave und Neta Jackson
John Paton Der Untergang der Dayspring
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team, das zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche, Beziehungen und andere Themen geschrieben und mitgeschrieben hat. Zu ihren Büchern für Kinder zählen die »Abenteurer Gottes«-Serie und »Glaubenshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois, zuhause.
1. Auflage 2003 Originaltitel: Sinking the Dayspring © 2001 by Dave und Neta Jackson © der deutschen Ausgabe 2003 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Mechthild Niemöller Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN: 3-89397-519-5
Vorwort Die Südseeinseln, die heute als Vanuatu bekannt sind, wurden zu der Zeit, in der diese Geschichte spielt, noch Neue Hebriden genannt. Obwohl tausende Kinder und Erwachsene aus Australien und Schottland »Besitzanteile« erwarben, um mit dem Verkaufserlös den Bau des Missionarsschiffes Dayspring zu unterstützen, ist die Person des Kevin Gilmore frei erfunden. Die Missionare John G. Paton, Kapitän Fraser und die Dayspring hat es dagegen wirklich gegeben. Die Berichte über ihre Erlebnisse sind wahr, bis auf einige wenige Details und die nachfolgenden Fakten. Der Hurrikan, der die Dayspring zum ersten Mal zerstörte, war am 6. Januar 1873 – und nicht 1866, wie in der Geschichte, sondern einige Jahre später. Der zweite Sturm, der ihr schließlich zum Verhängnis wurde, war auch ohne menschliche Mithilfe stark genug, den Anker zu lösen, so dass das Schiff am Korallenriff zerschellte. Paton nennt weder den Namen des Handelsschiffes, noch der Sklavenhändler, die die Dayspring übernommen hatten. Für diese Geschichte haben wir die Namen eines ähnlichen Falles aus dem Jahre 1884 verwendet, als die HMS Swinger der Hopeful den Weg abgeschnitten hatte und McNeil sowie der Bootsmann Williams, beide notorische Sklavenhändler in der Region, festgenommen wurden.
Inhalt Schiffsanteile
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Der Besitzer will sein Geld!
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Keine andere Wahl
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Die Drohung des Händlers
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Die Feier mit den Kannibalen
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Gewehre und Fässer
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Raue See
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»Regen« von unten
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Wieder auf See
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Der Wrackbewohner
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Ein Sklave für die Händler
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Hilfe vom Korallenriff
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Die Dayspring II
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Mehr über John G. Paton
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Schiffsanteile
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ie paar Cent, die Kevin Gilmore dafür bekam, dass er Späne aufsammelte und sie dann in die Tonne am Ende des Fähranlegers warf, würden nicht für einen süßen Kuchen sein. Er musste das Geld nach Hause bringen, damit seine Mutter die Miete bezahlen konnte. Er nahm den Hut vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wenn er doch nur eine richtige Arbeit bekäme, so wie Feuerholz für den Raddampfer herbeiholen, das wäre etwas anderes. Aber dafür nahmen sie nur die älteren Jungen. Zwei von ihnen stolzierten gerade auf ihn zu. »Hey, Gilmore, heb gefälligst diese Späne auf, bevor ich noch drüber falle.« Der größere Junge tat so, als ob er stolperte und taumelte auf Kevin zu. Kevin versuchte noch, ihm auszuweichen, aber der Bursche rempelte ihn mit der Schulter an und schubste ihn vom Dock ins Wasser. Kevin packte das Entsetzen, während er fiel. Er konnte nicht schwimmen! Und dann – PLATSCH – schlossen sich die Fluten über ihm zusammen und die Zeit schien stehenzubleiben. Tausende glitzernde silberne Luftblasen stiegen an die leuchtend grüne Oberfläche, während er in die Dunkelheit versank. Er würde sterben. Dessen war er sich sicher. Er
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hatte sich immer davor gefürchtet zu ertrinken, und jetzt war es so weit. Er ruderte mit seinen Armen, suchte im Wasser nach einem Halt, strampelte und versuchte, zurück an die Oberfläche zu kommen. Wie schwammen die Leute? Hätte er es doch nur gelernt! Dann, plötzlich, ohne zu wissen, wie er es geschafft hatte, hatte er den Kopf über Wasser, spritzte, spuckte Wasser und schrie um Hilfe. Er griff nach dem Dock, aber sein Kopf tauchte erneut unter, wobei das Salzwasser ihm in Mund und Lungen drang. Wieder kam er an die Oberfläche, keuchte und schnappte nach Luft. Er würde ertrinken. Er wusste es. Er bekam keine Luft! Seine Hand berührte etwas Scharfes, als er mit den Armen um sich fuhr. Es schmerzte, aber es gab Halt. Kevin drehte seinen Körper und griff danach. Es war das Balkengerüst des Docks, das von Muscheln bedeckt war. Er zog sich zu dem hölzernen Pfahl hin und presste sich so fest daran, dass die scharfen Muschelschalen in seine Hände schnitten und das Blut hervorquoll. Von oben herab erscholl höhnisches Gelächter. Kevin blickte hinauf in die Gesichter der Jungen, die ihn vom Dock gestoßen hatten. »Möchtest du ein Seil?«, fragte der eine. Salzwasser hustend nickte er. Einen Moment später baumelte ein dickes Tau neben ihm. Dann hörte er die Jungen über das Dock davonlaufen. Kevin ergriff das Seil und zog sich unter Schmerzen Stück für Stück daran hoch. Mit Mühe
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und Not erreichte er das Dock und blieb wie ein Häuflein Seetang darauf liegen. Kaum hatte er sich von dem Schrecken erholt und seine Augen geöffnet, als er ein Paar grobe Stiefel vor seinem Gesicht sah. Er blickte hoch: Der Aufseher des Docks! »Was machst du denn da? Ich hab’ dich nicht fürs Schwimmen angestellt! Sieh dir das Dock an. Überall liegen noch Späne ‘rum. Du bist gefeuert!« »Aber, Sir, ich bin nicht schwimmen gegangen. Ich kann gar nicht schwimmen. Ich wurde … es war ein Unfall.« So sehr er auch die Kerle hasste, die ihm das eingebrockt hatten, würde es nichts nützen sie anzuschwärzen. Sie würden es ihm sonst bei Gelegenheit heimzahlen. »Wenn du so trottelig bist, hast du auf den Docks nichts zu suchen. Und jetzt mach, das du fortkommst!« Kevin trottete am Pier entlang. Bei jedem Schritt spritzte das Wasser mit einem schmatzenden Geräusch aus seinen Schuhen und seine Kleider tropften wie ein löchriger Eimer. Schließlich kletterte er auf einige große Steine und blieb dort, den Kopf auf die Hände gestützt, sitzen. Er wusste nicht, wie lange er schon dort in der warmen australischen Sonne gesessen und sich gewärmt hatte, als er in der Bucht von Sydney ein schnittiges neues Schiff erblickte, das langsam in den Hafen glitt. Es war eine etwa hundert Fuß lange, zweimastige Brigg mit einem schlanken, spitzen Bug. Kevin sah bewundernd zu, wie ihre weißen Segel in der leichten Brise flatterten, eingeholt und an der Segelstange aufgerollt und vertaut wurden.
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Er hatte Angst vor dem Wasser, aber mit festem Boden unter den Füßen schaute er sich liebend gerne Schiffe an. Und dieses war ein besonders stolzes Schiff! Er kniff die Augen zusammen, um ihren Namen besser lesen zu können – Dayspring. Dayspring? Er und seine Mutter hatten einmal Anteile gekauft, damit ein Schiff mit diesem Namen gebaut werden konnte. Durch den Kauf der Anteile wurden sie dann Miteigentümer des Schiffes. Das hatten die Missionare ihnen jedenfalls versprochen. Das war vor zwei Jahren gewesen, als der Missionar John G. Paton in ihrer Kirche zu Gast war, kurz nachdem er gefährlichen Kannibalen auf den Inseln der Südsee entkommen war. Aber er wollte dorthin zurückkehren und brauchte ein Schiff. Kevin hatte es fast vergessen. Der Missionar war gekommen, kurz nachdem sein Vater beim Holzfällen ums Leben gekommen war. Es war eine schwere Zeit für Kevin und seine Mutter gewesen, aber die besonderen Missionsgottesdienste hatten ihnen wieder Zuversicht gegeben. »Was wir brauchen«, hatte der Missionar gesagt, »ist ein Missionsschiff, das von Insel zu Insel fahren kann, um den Missionaren Vorräte zu bringen, sie zu ermutigen … und sie zu retten, falls es nötig ist.« Er hielt ein paar hübsche Scheine in die Höhe. »Hier in meiner Hand habe ich echte Anteile dieses neuen Schiffes, das Dayspring heißen wird. Ihr könnt diese Anteile heute erwerben und damit Teilhaber werden an dem großartigen Auftrag Gottes. Wer möchte der Erste sein? Das Stück zu nur sechs Cent.« Viele der Kinder liefen nach vorne, um drei oder vier, ja sogar zehn Scheine zu kaufen. Doch Kevin hatte von
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seiner Mutter genug Geld bekommen, um hundert Anteile zu kaufen. Er war erschrocken, weil sie doch so arm waren. Aber seine Mutter hatte ihm versichert: »Keine Sorge. Gott wird für uns sorgen.« Also brachte Kevin das Geld nach vorne und kam mit einem Stapel Anteile zurück, der so dick war wie ein kleines Buch. Mit einem schönen, geprägten Segelschiff und dem Aufdruck: Diese Urkunde macht Sie zum Teilhaber am Missionsschiff Dayspring, sahen die Anteile fast wie Geldscheine aus. Am unteren Rand las Kevin: Sie helfen damit, das Evangelium zu jenen zu bringen, die noch nie etwas davon gehört haben. Bis zu diesem Tag hatte Kevin die Anteile fast vergessen. Wo hatte seine Mutter sie wohl aufbewahrt? Er musste sie unbedingt fragen, wenn er wieder zuhause wäre. Er stand auf, als der Anker des neuen Schiffes ins Wasser geworfen wurde. Sollte es wirklich die selbe Dayspring sein, von der er und seine Mutter Anteilsbesitzer waren?
*** Als das Beiboot der Dayspring eine Stunde später am Pier festmachen wollte, war Kevin bereits zur Stelle, nahm das Seil entgegen und band es fest. Aber die Hoffnung, dass dies »seine« Dayspring war, verblasste, als er die sechs Seeleute sah, die an den Rudern saßen. Sie beschwerten sich lautstark bei dem siebten Mann – offensichtlich der Kapitän –, der im hinteren Teil des Bootes saß. »Wenn wir nicht bezahlt werden, dann werden wir nicht für eine weitere Fahrt auf diesem Schiff anheuern!«
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»Erzählen sie uns nicht, was Sie für Probleme haben, Kapitän! Wir leben im Jahr 1865 – die Seegesetze verlangen, dass wir bezahlt werden!« »Meinetwegen verkaufen Sie das Schiff, aber wir wollen unser Geld – und zwar jetzt gleich!« Die Seeleute kletterten aus dem Boot und gingen am Pier entlang. Dabei blickten sie Kevin kaum an. Der vierzehnjährige Junge machte sich auf den Weg nach Hause. Seine Mutter war erst vor kurzem schwer erkrankt – zu schwer nach seiner Meinung, um noch zu arbeiten. Aber sie hatte darauf bestanden, auch weiterhin die große Wäsche für wohlhabende Bürger Sydneys zu waschen. Er schüttelte den Kopf. Hätte seine Mutter nicht das viele Geld für die Anteile der Dayspring ausgegeben, dann hätten sie jetzt noch eine kleine Reserve und sie könnte sich ausruhen und wieder gesund werden. Aber nun war ihr Geld dahin und sie hatten nichts, außer ein paar bunter Zettel, die nichts wert waren. Als Kevin die Tür aufstieß, sah er seine Mutter auf dem Bett liegen. Sie zitterte trotz der Januarhitze, denn in Australien war jetzt Sommer. »Du siehst nicht gut aus, Mama. Geht es dir wirklich so schlecht?« »Es … es geht schon wieder. Ich bin nur etwas benommen von der Arbeit über den heißen Waschzubern. Aber jetzt muss ich aufstehen und weitermachen. Wenn ich die Bettlaken dort nicht bis zum Morgen wieder ins Hotel gebracht habe, bin ich selbst schuld, wenn sie mich entlassen.« Sie versuchte sich aufzusetzen. »Nein, nein«, sagte Kevin. »Du ruhst dich aus. Die Bettlaken mache ich fertig.«
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Sie fiel aufs Bett zurück. »Aber du kannst die großen, schweren Dinger doch gar nicht tragen.« Aber bevor sie ihn noch daran hindern konnte, war Kevin schon aus dem Haus gelaufen. Sie wohnten zur Miete in einem Zimmer im hinteren Teil von McPherson’s Emporium. Neben der Veranda war ein kleines Rasenstück, auf dem Mrs. Gilmore ihre Waschzuber stehen hatte. Dort hatte sie auch eine Feuerstelle gebaut, wo das Wasser erhitzt wurde. Zum Trocknen wurde die saubere Wäsche auf Leinen gehängt, die zwischen der Veranda und dem Zaun im hinteren Teil des Gartens gespannt waren. Kevin machte sich an die Arbeit. Er schürte das Feuer und rührte mit großen Holzpaddeln im Becken herum, bis die Wäsche sauber war. Aber als er die schweren, nassen Laken herausholen wollte, musste er sich eingestehen, dass seine Mutter fast Recht gehabt hatte. Die Bettlaken waren wirklich schwer, aber er schaffte es trotzdem, sie auszuwringen und zum Trocknen auf die Leinen zu hängen, ehe es dunkel wurde. Er ging zurück ins Haus und kochte eine Suppe, während seine Mutter schlief. Er fand noch ein paar Möhren, weiße Rüben und Zwiebeln, aber das war auch schon so gut wie alles, was sie an Essen im Haus hatten. Er stellte die heiße Suppe ans Bett und half seiner Mutter auf. »Ist das alles, was wir noch zu essen haben?« Mrs. Gilmore seufzte. »Nur was noch in der Kiste ist. Ich habe gehofft, dass ich morgen meinen Lohn bekommen würde und davon einkaufen könnte. Doch Mr. McPherson war heute Morgen hier und wollte
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die Miete haben. Sie war längst fällig, so dass ich denke, wir müssen ihm zuerst das Geld geben.« Kevins Blick verfinsterte sich. »Wir hätten diese Anteile niemals kaufen dürfen.« »Anteile? Welche Anteile? Wovon sprichst du?« »Du weißt schon, für das Schiff.« Seine Mutter schüttelte den Kopf und nahm noch einen Löffel Suppe. »Erinnerst du dich nicht? Die Missionare, die vor ein paar Jahren bei uns in der Kirche waren und uns An-
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teile verkaufen wollten, um mit dem Geld ein Schiff für die Missionare bauen zu können.« »Oh ja, John Paton!« Mrs. Gilmore lehnte sich zurück und ein Lächeln überzog ihr Gesicht, als ob sie das fertige Schiff vor sich sähe. »Wir haben hundert Stück gekauft, nicht wahr?« »Genau. Wo sind sie, Mama?« »Ich weiß nicht. Ich habe sie in die wasserfeste Tasche deines Vaters gelegt, aber ich habe keine Ahnung, wo die Tasche sein könnte.« Am nächsten Morgen lieferte Kevin die Hotelwäsche aus und bezahlte Mr. McPherson. Auch am darauf folgenden Tag blieb er zuhause, um seiner Mutter zu helfen, aber es ging ihr scheinbar immer noch nicht besser. Sie brauchte Ruhe – und sie brauchte mehr zu essen. Es war einfach zum Verzweifeln! Am dritten Tag bestand Kevins Mutter darauf, dass sie nun wieder kräftig genug wäre, die Wäsche selber zu waschen. »Geh’ hinunter zu den Docks und schau, ob es Arbeit für dich gibt. Mir geht es schon wieder gut.« Aber Kevin schien es, dass sie immer noch sehr schlecht aussähe. Doch sie brauchten Geld – und zwar bald. Bei den Docks entlang der Bucht von Sydney entdeckte ihn der Aufseher und brüllte: »Wo bist du gewesen? Siehst du nicht, dass der Fähranleger voller Späne ist? Du denkst wohl, dass ich mir den Buckel selbst krumm machen soll, um sie aufzusammeln! Ich hätte große Lust dich zu feuern, dafür dass du nicht zur Arbeit gekommen bist.« »Äh, Ihr habt mich bereits gefeuert, Sir.«
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»Was?« »Ich sagte, dass Ihr mich bereits gefeuert habt – vor zwei Tagen, als ich … äh, als ich ins Wasser gefallen war.« »Warum hätte ich das tun sollen? Los, an die Arbeit, und beeil dich. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Kevin machte sich so schnell er konnte an die Arbeit, wobei er den Aufseher aus den Augenwinkeln ständig beobachtete. Diesem Mann traute er alles zu … Als Kevin sich aufrichtete um zu verschnaufen, sah er, wie der Aufseher einigen Arbeitern Anweisungen gab, wo sie einige Fässer hinstellen sollten. Wenn er gut gelaunt wäre, könnte Kevin es vielleicht wagen, ihn nach dem Lohn für den Tag zu fragen, an dem er ›gefeuert‹ worden war. Andererseits: noch einmal davon anzufangen könnte ihn wieder seine Arbeit kosten. Kevin ging wieder daran, die Holzspäne und Rindenstücke aufzusammeln. Kurz nach Mittag bemerkte er den Kapitän des neuen Schiffes. Während er an den Docks entlang ging, redete er mit einem Mann, der einen kurzen, sorgfältig geschnittenen Bart trug. Dieser Mann kam Kevin irgendwie bekannt vor … Plötzlich fiel es ihm wieder ein: Es war der Missionar, der ihnen die Schiffsanteile verkauft hatte! Kevin sah zu dem Schiff in der Bucht hinüber. Dayspring … es war tatsächlich das Missionsschiff, zu dessen Bau er und seine Mutter ihr Geld beigesteuert hatten. Es war also sein Schiff da draußen!
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Kevin ließ die Späne fallen, die er soeben aufgesammelt hatte, kletterte flink das Pier hinauf und lief auf die beiden Männer zu. Er rieb sich die Hände. Er würde ihnen sagen, dass er ihnen geholfen hatte, ihr Schiff zu bauen. Die Missionare hatten schließlich gesagt, dass sie mit dem Erwerb der Anteile auch Miteigentümer des Schiffes werden würden. Er lief so schnell er konnte, um sie zu erreichen. »He, wo läufst du denn hin?« Kevin sah sich um und erblickte den Aufseher, der die Hände in die Hüften gestemmt hatte. »Du kommst besser sofort zurück, oder du setzt deinen ganzen Lohn aufs Spiel.« Kevin sah zu den sich entfernenden Männern hinüber, dann zurück zu dem Aufseher. Er dachte an seine Mutter und wischte sich mit dem Arm über die Stirn. Er brauchte das Geld. Widerwillig drehte er sich um und ging an seine Arbeit zurück. Aber den ganzen Rest des Nachmittags blickte er immer wieder zur Dayspring hinaus und dachte an seine Anteile an dem Schiff. Schiffseigner waren reiche Männer. Wie konnten dann Anteilseigner an einem so wunderschönen Schiff kurz vor dem Verhungern sein, so wie seine Mutter und er? Das machte doch keinen Sinn. Vielleicht hätten sie ihr Geld besser behalten sollen. Seine Mutter hatte gesagt, dass Gott schon für sie sorgen würde, aber den Eindruck hatte Kevin ganz und gar nicht. Langsam keimte in ihm eine Idee. Vielleicht gab es doch eine Lösung. Vielleicht könnten die Anteile ihm
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und seiner Mutter doch helfen, jetzt, wo sie in solcher Not steckten. Er arbeitete schneller. Er wollte mit der Arbeit fertig werden und seine Idee in die Tat umsetzen, bevor die Dayspring davonsegelte, bevor es zu spät war.
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Der Besitzer will sein Geld!
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ls Kevin am späten Nachmittag nach Hause kam, sah er erleichtert, dass die Wäsche schon auf der Leine hing. Aber im Haus fand er seine Mutter völlig entkräftet auf dem Bett. Sie war einfach niedergesunken und hatte nicht einmal mehr die Kraft gehabt, ihre Füße auf das Polster zu legen, so dass sie es etwas bequemer gehabt hätte. Ihr Mund war geöffnet und das Atmen fiel ihr schwer. Kevin wollte sie auf keinen Fall wecken. Er schlich leise durch das Zimmer auf der Suche nach den Schiffsanteilen. Er war sicher, dass mit ihnen alle ihre Probleme gelöst wären … wenigstens für eine Zeit.
Er schaute in Kästen und Taschen – nichts. Da bemerkte er die große Familienbibel, die auf dem Regal lag. Natürlich! Sie hatten die Anteile im Gottesdienst gekauft, also hatte seine Mutter sie wahrscheinlich in das alte Buch gelegt. Er holte die Bibel herunter, setzte sich auf den Stuhl am Fenster und schlug sie auf. Schnell blätterte er die Seiten um. Er würde sie finden! Schließlich waren es doch hundert Stück gewesen. Aber auch da waren sie nicht. Stattdessen stieß er auf die Seiten mit der Familiengeschichte. Er wusste wenig über seine Familie, nur dass seine Eltern als Sträflinge nach Australien gebracht worden waren – wie die meisten Australier. Jetzt las er sorgfältig, was seine Mutter aufgeschrieben hatte.
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Isaac Gilmore, geboren 1829 in Glasgow, Schottland. Machte eine Lehre zum Weber, bis er überführt wurde, ein Gänsepaar gestohlen zu haben. Er wurde zu fünfzehn Jahren in New South Wales verurteilt und 1849 an Bord der Havering nach Australien gebracht. Mary Healy, geboren 1830 in Gloucestershire, England.Während ihrer Dienstzeit als Zimmermädchen des Diebstahls eines Schals und anderer Kleidungsstücke überführt. Verurteilt zu sieben Jahren nach Van Diemens Land (Tasmanien) und 1848 an Bord der Kinnear dorthin gebracht. Noch vor Ablauf eines Jahres weiter transportiert nach New South Wales. Isaac Gilmore und Mary Healy trafen sich in Sydney, Australien, und wurden am 13. November in der Chalmers Presbyterian Church getraut. Kevin Gilmore, geboren am 3. Februar 1851. Wow! Kevin hatte zum ersten Mal von all diesen Einzelheiten gehört. Er wusste, dass seine Eltern Sträflinge gewesen waren, aber der Gedanke, dass sein Vater nur ein Gänsepaar und seine Mutter einen Schal und ein paar Kleidungsstücke gestohlen hatten, und dafür so hart bestraft worden waren, machte ihn betroffen. Kevin wollte weder in England, noch in Schottland leben. Ob seine Großeltern wohl noch am Leben waren? Hatte er Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen? Er hätte es zu gern gewusst! Er schloss die Bibel und legte sie zurück. Jetzt, da sein Vater tot und seine Mutter krank war, konnte er jedenfalls nicht auf die Hilfe seiner Verwandten zählen. Es gab nur eine Hoffnung: Die Schiffsanteile. Irgendwo mussten sie doch sein!
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Unter dem Bett seiner Mutter fand er eine Kiste. Leise zog er sie hervor, um seine Mutter nicht zu wecken. In der Kiste fand er zwei Flickendecken und ein paar Stoffreste, wohl für eine weitere Decke, aber kein Päckchen mit Anteilen. Als er die Kiste unter das alte Eisengestell des Bettes schob, bemerkte Kevin ganz hinten an der Wand eine kleine Reisetasche. Er kroch unter das Bett und holte sie hervor. Darin war eine flache wasserdichte Brieftasche mit einem langen Lederriemen. Sein Vater hatte den Riemen immer um den Hals getragen und die Brieftasche auf seiner Brust verwahrt. Aufgeregt öffnete Kevin die Tasche: Da waren sie – die Anteile an der Dayspring! Er nahm sie mit zu dem Stuhl am Fenster und zählte sie. Einhundert Stück, jedes mit einem eingravierten Schiff darauf, das aussah wie jenes in der Bucht. Darunter die Worte: Diese Urkunde macht Sie zu einem Miteigentümer des Missionsschiffs Dayspring. Er hielt die Anteile fest in der Hand und wedelte damit vor seinem Gesicht. »Wir sind nicht am Ende«, flüsterte er wild entschlossen. »Wer so ein schönes Schiff besitzt, kann nicht arm sein!« Kevin legte die Anteile zurück in die Brieftasche und hängte sie sich um den Hals. Seine Mutter würde vielleicht nicht mit seinem Plan einverstanden sein, aber er musste doch etwas unternehmen. Er stopfte die Brieftasche unter sein Hemd und schubste die alte Reisetasche wieder unter das Bett. Heute Abend würde er seiner Mutter mehr Suppe kochen. Morgen aber, da würde er sich um die geschäftlichen Dinge kümmern!
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Kevin eilte schon früh zu den Docks. Vorsichtig versteckte er sich hinter dem Lagerhaus, schlich zwischen einem Stapel Fässer hindurch, vorbei an einem Fischerboot im Trockendock, immer auf der Hut vor dem Aufseher. Er wollte nicht am Spänesammeln sein, wenn seine Gelegenheit kam. Das Warten hatte sich gelohnt. Endlich kamen der Kapitän der Dayspring und der Missionar. »Entschuldigung, Sirs.« Kevin kam hervor und ging neben ihnen her. Er zog seine Brieftasche hervor, öffnete sie und holte den Stapel mit den Anteilen heraus. »Dekan Paton, ich bin einer der Eigentümer Eures Schiffes da draußen.« Der Kapitän runzelte die Stirn. Der Missionar streckte jedoch die Hand aus und nahm freundlich erstaunt die Anteile entgegen. Er ließ sie wie einen Satz Spielkarten durch seine Finger gleiten. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sie zurück gab. »Du bist wirklich ein Eigentümer, junger Mann, und ein stolzer noch dazu, da bin ich sicher! Gott wird dich dafür segnen. Und wie du siehst« – er zeigte auf das Schiff – »haben wir unser Versprechen gehalten und ein feines Schiff gebaut, damit die Frohe Botschaft, das Evangelium, auf den Inseln der Südsee verbreitet werden kann.« »Es ist wirklich ein feines Schiff«, sagte Kevin, »und ich bin froh, dass wir Euch geholfen haben, es zu bauen. Aber, Sir, mein Vater ist gestorben und meine Mutter ist schrecklich krank. Wir müssen uns jetzt unsere Anteile ausbezahlen lassen, damit wir etwas
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zu essen kaufen können.« Er hielt dem Missionar die Anteile hin. John Paton trat einen Schritt zurück und hob die Hand. »Es tut mir leid, mein Sohn. Es gibt keine Mög-
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lichkeit, die Anteile zurückzukaufen. Du bist tatsächlich ein Miteigentümer, aber diese Anteile sind nicht rückzahlbar.« Sie waren zu der Stelle gekommen, wo das Beiboot der Dayspring festgemacht war. Paton zog die Schultern hoch und hielt beide Hände hoch. »Tatsache ist: wir haben keinen Penny. Wir könnten dich nicht ausbezahlen, selbst wenn wir es wollten.« »Das stimmt«, warf der Kapitän ein. »Sag, bist du nicht der Junge, der uns gestern geholfen hat, das Boot festzumachen?« »Ja, Sir.« Kevin hatte gedacht, dass sie ihn nicht einmal bemerkt hatten. »Nun, dann hast du ja auch gesehen, wie aufgebracht meine Mannschaft war. Sie haben ihren Lohn immer noch nicht erhalten. Wir haben kein Geld mehr. Tatsache ist, dass sie uns wohl vor Gericht ziehen werden und wir die Dayspring verkaufen müssen.« John Paton hob den Finger. »Nun haltet aber inne, Kapitän Fraser. Ich weiß wie aufgebracht diese Männer waren, aber das würden sie doch nicht tun, nicht wahr? Ich dachte, dass wir gute christliche Männer für das Schiff angeheuert hätten. Wir müssen vorsichtig sein, wen wir einstellen. Sie sind, was auch geschieht, Zeugen Jesu Christi.« Der Kapitän verschränkte die Arme vor der Brust und fuhr fort, als ob Kevin gar nicht da wäre. »Ich bin überzeugt, dass sie gute Christen sind, was ihr moralisches Verhalten angeht. Ich hatte in dieser Hinsicht nie auch nur die kleinsten Schwierigkeiten. Aber Ihr könnt doch nicht erwarten, dass die Männer monatelang arbeiten und um die halbe Welt segeln – ohne Lohn!«
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