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Abenteurer Gottes


Dave und Neta Jackson

Martin Luther Nächtlicher Überfall

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld


Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team, das zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche, Beziehungen und andere Themen geschrieben und mitgeschrieben hat. Zu ihren Büchern für Kinder zählen die »Abenteurer Gottes«-Serie und »Glaubenshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois, zu Hause.

1. Auflage 2004 Originaltitel: Spy for the Night Riders © 1992 by Dave und Neta Jackson © der deutschen Ausgabe 1995 by Zapf & Hofmann 2004 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN: 3-89397-452-0


Vorwort Alle Erwachsenen in diesem Buch sind historische Personen, und auch die Ereignisse – außer die Flucht durch das Werratal –, in denen sie eine Rolle spielen, sind wirklich geschehen. Außerdem hatte Martin Luther zwei Begleiter bei seiner Rückkehr aus Worms. Einer war Bruder Johannes Petzensteiner. In den historischen Werken bleibt der zweite ungenannt. Wer weiß? Vielleicht war es ein Junge wie unser Karl Schumacher. Jedenfalls war es dieser Ungenannte, der mit dem Herrn der Wartburg zusammenarbeitete, um die Entführung Luthers zu organisieren.


Inhalt Die Bulle

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Ein gefährliches Unternehmen

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Kein Platz für Feiglinge

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Nächtliche Reiter

35

Der Triumphzug

46

Geknebelt und gefesselt

58

Der Auftrag

65

Fluchtpläne

74

Flucht durch das Werratal

84

Gefangen genommen

96

Die dunkle Burg

104

Gefangen im Turm

111

Mehr über Martin Luther

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Der Weg nach Worms


Die Bulle

A

ls ich zehn Jahre alt war, sah ich eine Verbrennung.

Verzeiht mir, aber ich muss das näher erklären, weil ihr sonst nicht versteht, warum ich solche Angst bekam, als ich den Namen meines Herrn auf einem Plakat sah, das am Portal der Wittenberger Kirche angebracht war. Diese Verbrennung war das erste Mal überhaupt, dass ich einen Menschen habe sterben sehen. Sie sagten, er wäre ein Ketzer gewesen – dass er sich gegen Gott und die Kirche stellte. Doch ich konnte das nicht glauben. Es geschah frühmorgens an einem regnerischen Dienstag. Mein Vater ist Schuster. (Deswegen heiße ich auch Karl Schumacher.) Er hatte mich zum Bürgermeister geschickt, ihm die reparierten Stiefel zu bringen. Papa hatte sie in Ordnung gebracht, und nun glänzten sie schwarz und schön. Sie sahen toll aus, wie Papas Arbeiten immer. Doch als ich an die Tür des Bürgermeisters klopfte, war er sehr ärgerlich. Er zog mich am Ohr und sagte: »Rein mit dir, Junge, und hilf mir, die Stiefel anzuziehen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ich darf nicht zu spät bei der Verbrennung sein.« Ich hatte bereits gehört, dass eine Verbrennung stattfin-

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den sollte, und ich wusste auch, dass Mama bestimmt nicht wollte, dass ich hinging. Aber ich war neugierig, und das war meine einzige Chance, so etwas zu sehen, ohne dass sie davon wusste. Ich half also dem Bürgermeister in seine Stiefel und folgte ihm auf den Marktplatz in der Mitte unseres kleinen Dorfes Düben. Dort hatte der Stadtpolizist alles vorbereitet, und eine Menschenmenge hatte sich bereits versammelt. Ich versuchte, mich unauffällig unter die Leute zu mischen in der Hoffnung, dass niemand mich bemerkte und es Mama erzählte. Zum Glück waren alle so gefangen von dem, was sie sahen, dass sie mich wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hätten, wenn ich ihnen auf den Füßen herumgelaufen wäre. Sobald der Bürgermeister kam, zündete der Stadtpolizist einen Holzspan an und steckte damit einen gewaltigen Holzstoß in Brand. Dann verschwanden die beiden im Rathaus. Sie blieben solange darin, dass ich beinahe aufgegeben hätte und nach Hause gegangen wäre – Papa fragte sich sowieso sicher schon, warum ich so lange wegblieb. Auch das Feuer wäre heruntergebrannt, wenn nicht immer wieder die Leute aus dem Dorf Äste und Zweige hineingeworfen hätten. Irgendjemand in der stets wachsenden Menge rief: »Bringt ihn raus! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!« Die anderen schrien sofort mit: »Bringt ihn raus! Bringt ihn raus! Bringt ihn raus!« Ich schrie mit, aber das war, bevor ich wusste, wie eine Verbrennung ablief. Einige ältere Jungen um die fünfzehn (so alt, wie ich jetzt bin) standen an der Seite und unterhielten sich über Verbrennungen. »Es ist, wie wenn man das Fell

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eines Hundes versengt. Nur bei einem Ketzer ist es nicht das Haar, das wegbrennt, sondern die Ketzerei.« Sie lachten alle und stießen einander, als ob sie sich gegenseitig ins Feuer werfen wollten. Schließlich kamen der Bürgermeister, der Stadtpolizist und zwei Helfer heraus und befahlen, dass ein Weg vom Rathaus zum Scheiterhaufen geräumt würde. Zuerst bewegte sich niemand; jeder wollte einen Platz, von dem aus er alles sehen konnte. Der Stadtpolizist musste sie mit dem stumpfen Ende seiner Lanze stoßen, bis sie aus dem Weg gingen. Dann kamen die Kirchenleute in ihren feinen roten Roben heraus. Ich kannte keinen von ihnen. Sie waren nicht von hier; sie waren nur als Richter gekommen, um den Ketzer zu verurteilen. Schließlich ging der Stadtpolizist zurück und kam mit dem Ketzer wieder heraus. Er führte ihn, denn seine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden. Ihnen folgte unser Dorfpfarrer, der schlimmer aussah als dieser Ketzer – er ließ den Kopf hängen, das Haar war ganz durcheinander. Er sah aus wie ein Wilder. Ich erkannte den Ketzer wieder. Er hatte ein- oder zweimal auf dem Marktplatz gepredigt. Auch er kam von außerhalb. Die Leute sagten, er ist in unser Dorf gekommen, um die Menschen zu bekehren. Er war groß und mager, trug einen langen, dünnen Bart, der hauptsächlich aus seinem Kinn und kaum aus den Wangen wuchs. Er sah nicht so alt aus wie Papa, doch er hatte fast eine Glatze. Als er die Stufen herunterkam und durch die Menge ging, blickte er ganz ruhig auf die Menschen, und dann fiel sein Blick auf mich, und er lächelte. Ich sehe immer noch

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seine Augen vor mir – dieses helle Blau, fast wie Kreide. Ich glaube … ich hoffe, dass ich zurückgelächelt habe. Ich hatte von Menschen gehört, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden waren. Aber hier gab es keinen richtigen Scheiterhaufen. Den Ketzer hatte man rückwärts auf eine Leiter gelegt, wo man ihn festband. Das Feuer wurde neu aufgeschichtet und entzündet, bis die Flammen hochschlugen. Während der ganzen Zeit kniete der Pfarrer neben dem Ketzer. Ich stand nahe genug, um ihn flehen zu hören, dass der Ketzer widerrufen sollte, damit sein Leben gerettet wäre. Tränen liefen dem Pfarrer das Gesicht hinunter, als er an dem Kreuz um seinen Hals nestelte. Es ist hart, einen Erwachsenen weinen zu sehen. Doch der Ketzer lächelte nur und sagte: »Es tut mir Leid, Pater. Ich kann nicht, es sei denn, man zeigt mir in Gottes Wort, dass ich Unrecht habe.« Wo er Unrecht haben sollte, weiß ich nicht. Nicht einer Meinung mit der Kirche zu sein, war Verbrechen genug. Dann richteten der Stadtpolizist und seine Leute die Leiter auf. Der Ketzer war oben festgebunden und hing dort mit dem Rücken zum Feuer. Es war erschreckend, wie ähnlich er den Darstellungen Jesu Christi sah, wie er so hoch über der Menge hing. Dann fragte einer der Richter, ob er noch etwas zu sagen hatte und erklärte ihm, dass er noch immer sein Leben retten konnte, wenn er seine Einstellung änderte. Der Ketzer blickte sich um, dann rief er laut, so dass jeder es hören konnte: »Ich will nur das Eine sagen.«

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Und dann begann er zu singen, mit einer so wunderschönen Stimme, wie ich es nie zuvor gehört hatte. Sie ließen ihn das Lied zweimal singen, dann ließen sie die Leiter umfallen, so dass der Ketzer auf dem brennenden Holzhaufen landete. Funken sprühten, und einige brennende Zweige flogen in die Gegend. Die Menschen sprangen zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Doch in den Flammen lag der Ketzer und sang immer weiter, statt zu schreien, bis er keine Luft mehr bekam. Und dann, als das Feuer die Stricke verbrannt hatte, die seine Arme und Beine hielten, streckte er eine Hand gegen den Himmel aus. Sie blieb so, und am Ende sah es aus wie ein verkohlter Ast eines alten Baumes. Ich kann den Geruch nach verbranntem Fleisch gar nicht beschreiben, so eklig war er. Mir wird schon schlecht, wenn ich nur daran denke. Ich lernte bei dieser Hinrichtung, dass nicht nur schlechte Menschen hier in Deutschland oder sonst wo im Heiligen Römischen Reich zum Tode verurteilt wurden. Wer Gott loben konnte, während er auf einem Scheiterhaufen verbrannte, und dem kein Fluch gegen die, die ihn dorthin gebracht hatten, über die Lippen kam, musste den Heiligen Geist in sich haben. Ich glaube, andere dachten ebenso. Von dem Augenblick, als er zu singen begann, bis wir uns zerstreuten, wurde nicht ein Wort gesprochen, nicht einmal von den älteren Jungen, die glaubten, alles zu wissen. Wenn jemand seit der Zeit die Verbrennung in Düben erwähnt, spricht er davon mit der Hochachtung, die man einem Heiligen entgegenbringt. Und unser

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Dorfpfarrer? Am nächsten Tag ging er fort, und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich einen solchen Schreck bekam, als ich den Namen meines Herrn auf dem Plakat an der Kirche las. In dicken schwarzen Buchstaben nannte man ihn dort einen Ketzer! Doch auch wenn mein Herr, Doktor Martin Luther, einer der berühmtesten Lehrer im ganzen Reich war, würde ihn das nicht vor dem Verbrennen bewahren, wenn er der Ketzerei für schuldig befunden würde. Ich lebe nicht mehr in meinem Geburtsort Düben. Als jüngster Sohn gab es keinen Platz mehr für mich im Geschäft meines Vaters, und außerdem wollte ich lieber etwas anderes lernen als Kaufmann. Um etwas zu lernen, ging ich nach Wittenberg und bewarb mich bei Doktor Luther als sein Diener. Ich mache Botengänge für ihn,

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halte seine Kleidung und seine Zimmer sauber und diene ihm als Stallbursche, wenn er unterwegs ist. Dafür lässt er mich in seinen Vorlesungen an der Universität sitzen und bringt mir auch abends noch einiges bei, wenn er nicht zu müde ist. Für mich ist das toll. Und vielleicht werde ich irgendwann sogar ein richtiger Student. Als ich jedoch an diesem Tag später die Straße hinunterkam, nachdem ich ein Pferd und einen Wagen zurückgebracht hatte, die wir geliehen hatten, um einige Besuche in den Nachbarorten zu machen, bemerkte ich ein neues Plakat am Kirchenportal. Es war nicht nur ein einzelnes Blatt. Es war fast schon ein kleines Buch, die Leute nennen es Bulle. In Wittenberg ist das Kirchenportal die verlässlichste Quelle für Neuigkeiten. Alle offiziellen Mitteilungen werden hier ausgehängt, damit jeder sie lesen kann. An diesem Portal hatte Doktor Luther auch vor drei Jahren seine 95 Thesen angebracht; sie enthielten seine Argumente gegen falsche Lehren und Handlungen. Mit diesen Thesen kritisierte er die Zustände in der Kirche. Natürlich mochten die Obersten der Kirche das überhaupt nicht. Was mir auffiel, war der Name meines Herrn. Ich las es schnell. Das Datum war der 15. Juni 1520 – fünf Monate zuvor – und es war vom Papst, dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, unterschrieben. Es hieß, dass Doktor Luther aus der Kirche hinausgeworfen würde, wenn er nicht nach Rom käme, um seine ketzerischen Schriften und Gedanken zu widerrufen. Nach Rom? Widerrufen? Das war ja eine nette Art zu sagen, dass die Kirche ihn bereits verurteilt hatte. Ich

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las weiter. Das Blatt verbot jedem, Luthers Schriften zu verteidigen oder ihm zu helfen. Mein Herz schlug schneller. Das war eine Exkommunikationsbulle! Er sollte aus der Kirche ausgestoßen werden, und jeder, der ihm half, würde genauso verurteilt werden. Ich versuchte zu begreifen, was das bedeutete. Doktor Luther war zwar berühmt, und er war auch ein guter Lehrer, aber wenn er nicht seine Meinung über die Bedeutung des Wortes Gottes änderte – und ich wusste, dass er das niemals tun würde –, war er nicht mehr sicher. Ich blickte die Straße hinunter, um zu sehen, ob mich jemand beobachtete. Die Menschen gingen ihre eigenen Wege und achteten nicht auf mich … außer einem Mädchen in meinem Alter, das an einem Obststand in der Straße stand. Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Sie war besser angezogen als die normalen Bauernmädchen, aber sie trug einen Korb, also war sie wohl zum Markt gegangen. Sie hatte ungewöhnlich langes schwarzes Haar, das ihr lose den Rücken hinunterhing. Die meisten Mädchen in ihrem Alter trugen Kopftücher. ›Es reicht‹, sagte ich zu mir selbst. Jetzt war keine Zeit, hübschen Mädchen nachzuschauen. Als sie sich umdrehte, riss ich das Plakat von dem Portal und rollte es schnell zusammen. Dann stopfte ich es in meine Jacke und rannte zur Universität. Mein Herr war in Gefahr. Und wenn ich ihm half, war ich es auch.

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Ein gefährliches Unternehmen

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ch fand Doktor Luther auf dem Universitätsplatz, wo er mit einigen Studenten über seine Nachmittagsvorlesung sprach. So höflich wie ich konnte, unterbrach ich sie. »Entschuldigen Sie bitte, mein Herr. Aber ich muss dringend mit Ihnen sprechen.« Wahrscheinlich dachte er, es hätte Probleme mit dem Pferd und dem Wagen gegeben, denn er antwortete: »Mach dir keine Sorgen, Karl. Wir werden heute Abend darüber sprechen, und alles wird wieder ins Lot kommen. Nun geh und bereite etwas Schönes für meinen Geburtstag vor.« Er lächelte wohlwollend. Oh nein! Das hatte ich ja total vergessen. Es war der 11. November, und – ich rechnete schnell nach – Doktor Luther wurde 37. Ich wollte gerade von meinen Neuigkeiten anfangen, doch er hatte sich schon wieder seinen Studenten zugewandt. Daher verließ ich die kleine Gruppe und eilte zum Markt, wo ich einige neue Kerzen, frisches Brot, Wein, Käse und einen kleinen Honigkuchen kaufte. Als ich schließlich in unsere Zimmer zurückkehrte, war Doktor Luther bereits da. Ich ließ die Einkäufe auf den Tisch fallen und zog schnell die Bulle aus der Tasche. »Ich habe dies am Kirchenportal gefunden«, sagte ich.

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Luther strich die Seiten glatt und blätterte das kleine Heft durch. »Ist Johann Eck also an die Öffentlichkeit gegangen. Diese Bulle wurde mir auch schon persönlich übergeben.« »Dann kennen Sie sie bereits?«, fragte ich. »Ja, ja. Sie wurde dem Direktor der Universität präsentiert, und er zeigte sie mir vor einiger Zeit. Aber ich hätte es wissen müssen. Eck würde keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, mich öffentlich anzuprangern.« Johann Eck ist der ärgste Feind meines Herrn. Ich hatte ihn einmal an der Universität Leipzig gesehen, wo er sich in einer öffentlichen Diskussion gegen Luther aussprach. Eck war ein sehr entschlossener und listiger Mann. »Sie glauben also, dass er es war?«, fragte ich. »Wer sonst?« Luther warf das Papier auf einen kleinen Stapel neben seinem Schreibtisch. »Was werden Sie jetzt unternehmen?«, fragte ich ihn. »Was soll ich schon tun? Einen weiteren Zettel schreiben, dass alles unfair ist?« »Vielleicht. Aber … müssen Sie nicht nach Rom, um sich zu verteidigen?« »Das gibt es nicht, sich gegen eine solche Anklage in Rom verteidigen. Der Papst hat diese Bulle erlassen, auch wenn Eck ihm wahrscheinlich Wort für Wort diktiert hat. Aber wenn man nach Rom gerufen wird, geht man entweder und widerruft alles und macht sich selbst zum Narren, oder man …« »Oder was?«

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»Ich weiß es nicht. Aber ich werde darüber nachdenken.« Ich stand noch da und blickte auf das Papier auf dem Boden, doch Doktor Luther wühlte in meinen Einkäufen herum. Ich versuchte also, das Plakat und seine Bedeutung zu vergessen und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Geburtstagsfeier meines Herrn. Doktor Luther war äußerst gut gelaunt und machte einen großen Zirkus beim Anschneiden des Honigkuchens. Nachdem wir gegessen hatten, fragte ich ihn: »Doktor Luther, als Sie ein Junge waren, was wollten Sie werden?« »Was ich werden wollte, als ich in deinem Alter war?« »Ja. In meiner Familie fragten uns die Eltern an Geburtstagen immer, was wir werden wollten, wenn wir erwachsen wären. An ihren Geburtstagen fragten wir deshalb immer sie, was sie werden wollten, als sie in unserem Alter wären.« »Hm. Ich weiß es nicht.« Doktor Luther kratzte sich am Kinn. »Ich wollte auf keinen Fall ein Bergarbeiter wie mein Vater werden. Sein Leben war fürchterlich. Er atmete den ganzen Tag den Kohlenstaub ein und hustete deshalb die ganze Nacht. Ich wollte etwas ganz anderes. Vielleicht kann ich dich deshalb so gut verstehen, Karl. Ich weiß, was es heißt, nicht in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Ich bewundere dich dafür, dass du etwas anderes willst.« »Wollten Sie immer Lehrer werden?« »Nein, nein.« Er lachte ein bisschen, als er seinen Kuchen in seinen Apfelwein tauchte. »Ich glaube, als

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Junge wollte ich ein Ritter werden, der für einen mächtigen Herrn kämpft und alles Böse aus dem Land austreibt. Es gab einen alten Volkshelden, Ritter Georg, der sein Volk aus der Herrschaft eines grausamen Königs befreite und das Land für den rechtmäßigen König zurückeroberte. Hast du schon von dieser Sage gehört?« Ich nickte. »Nun, ich wollte wie dieser Ritter Georg sein«, lächelte Doktor Luther. »Was hältst du davon?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte ich und versuchte, mir den Professor als Reiter auf einem Pferd vorzustellen, der ein mächtiges Schwert schwang. Doch als ich in meinem Bett lag, fiel mir ein, dass Doktor Luther ja eine Art Ritter geworden war, der für Wahrheit kämpfte. Die Kirche von Rom war korrupt geworden. Viele der Kirchenführer kümmerten sich nicht darum, dass die Menschen Gott kennen lernten. Sie interessierte nur, wie sie den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen konnten. Und sie taten es auf alle möglichen Arten. Zum Beispiel verkauften sie Ablassbriefe, ein Papier, auf dem stand, dass die Sünden der Person, die den Brief besaß, vergeben waren. Das machte Doktor Luther sehr wütend. Er predigte, dass Vergebung nicht gekauft und verkauft werden kann – sie ist ein Geschenk Gottes, das alle bekommen, wenn sie ihre Sünden wirklich bereuen und Gott um Vergebung bitten. Deswegen wurde Johann Eck Luthers Feind. Eck verteidigte all diese schlimmen Dinge; Luther stellte sich dagegen. Ich wusste, dass sich ein regelrechter Kampf zusammenbraute – nicht nur zwischen diesen

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beiden Männern, sondern in der ganzen Kirche und im ganzen Reich. Doch da die römisch-katholische Kirche und das Heilige Römische Reich auf einer Seite standen, hielt man Menschen wie Luther, die die Kirche aufforderten, ihr Verhalten zu ändern, für Verräter. Die Wochen vergingen, und Doktor Luther unternahm nichts, um nach Rom zu gehen, wie es der Papst verlangt hatte. Dann hörte ich eines Tages zufällig, wie er mit einigen anderen Universitätsprofessoren sprach. »Ich habe an den Kaiser geschrieben«, sagte er. Er meinte Karl V., den Regenten des gesamten Heiligen Römischen Reiches. »Was haben Sie getan?«, rief Bruder Nikolaus. »Halten Sie das nicht für gefährlich, Luther? Wenn der Kaiser Sie verdammt, könnte es Ihr Todesurteil bedeuten.« Nikolaus von Amsdorf war auch ein Mönch und ein Kollege, der viele der Ansichten Luthers teilte. »Das könnte schon sein«, meinte Luther ruhig, «und ich habe auch kein Vertrauen in den Kaiser. Wir alle wissen, wie jung er ist und wie schwach sein Charakter. Er wird von anderen beeinflusst, in der Hauptsache von den Leuten des Papstes. Aber zumindest an diesem Gericht wird es einen fairen Prozess geben. Unser Johann Friedrich sitzt bei dem Reichstag als Kurfürst von Sachsen. Er und einige andere werden auf eine ordentliche Verhandlung achten.« Ich fühlte mich trotzdem unbehaglich, denn ich wusste nicht, ob der Kurfürst von Sachsen Doktor Luther schätzte oder nicht. Einige sagten, er täte es, andere sagten nein. Aber … ich hatte auch gehört,

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dass er sich für den Schutz seiner Bürger einsetzte, und er war sehr mächtig. Er würde niemals zulassen, dass einer seiner berühmtesten Professoren als Ketzer verurteilt würde, ohne dass eine ordentliche Gerichtsverhandlung stattgefunden hätte. Vielleicht war also das, was Luther getan hatte, ganz klug. Doch früh am Morgen des 10. Dezember, als ich zur Universität ging, bemerkte ich eine Menschenmenge um das Schwarze Brett. Ich bahnte mir einen Weg durch die Menge, ein Student las laut vor. Alle, die sich zu der evangelischen Wahrheit halten, sollen sich heute früh um neun Uhr vor den Toren unserer Stadt einfinden. Dort werden die gottlosen Bücher des päpstlichen Rechts verbrannt werden, wie auch Paulus die Bücher über Hexerei in Ephesus verbrannt hat. Denn die Feinde des Evangeliums haben sich ihrerseits herausgenommen, Luthers Schriften zu verbrennen. Auf, ihr gläubigen Studenten, kommt zu diesem gottgefälligen Schauspiel! Denn vielleicht ist jetzt die Zeit, da der Antichrist offenbar werden soll. Hatte Luther diesen Zettel angeheftet oder jemand anderes? «Vielleicht«, so meinte einer der Studenten, «hat einer seiner Gegner diese Botschaft angebracht, weil er Luther in Schwierigkeiten bringen will.« »Er kann doch gar nicht mehr Schwierigkeiten bekommen, als er ohnehin schon hat«, sagte ein anderer. »Habt ihr nicht gehört, dass Doktor Luther zur Anklage der Ketzerei Stellung nehmen muss?« Wir zwängten uns alle in Luthers Vorlesungssaal und rutschten ungeduldig auf unseren Plätzen hin und her, als Doktor Luther einfach mit seiner Vorle-

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sung fortfuhr. Doch am Ende der Stunde klärte Luther das Geheimnis auf: »Liebe Studenten. Sie wissen, dass meine Schriften von dem Papst abgelehnt wurden. Und in einigen Städten im Süden haben einige Geistliche das zum Anlass genommen, meine Schriften zu verbrennen. Nun, hier im Norden ist bald Winter. Wenn Sie also nichts besseres zu tun haben nach dem Unterricht, lade ich Sie ein, mich vor die Stadtmauer zu begleiten, wo wir uns auch die Hände an einem eigenen kleinen Feuer wärmen wollen. Ich beabsichtige, alle diese falschen Erlasse des Papstes dort zu verbrennen.« Er hielt uns einen Stoß von Büchern und Heften entgegen. Jubel ertönte von den Studenten. Sie konnten es kaum erwarten, das, was sie in den letzten Wochen gelernt hatten, in die Tat umzusetzen. Alle stürmten durcheinander zur Tür. »Karl«, sagte Doktor Luther, «hilf mir, diese Schriften zu tragen.« Vor dem Elstertor der Stadt Wittenberg hielt Luther die Studenten an, Holz für ein Feuer aufzuschichten. Doktor Luthers Vorlesungen wurden oft von über dreihundert Sudenten besucht, doch an diesem Vormittag waren es noch mehr. Die Menschen mussten sich uns angeschlossen haben, als wir durch die Straßen liefen. Auch einige Universitätsprofessoren begleiteten uns. Als das Feuer richtig brannte, nahm Luther die Schriftstücke eins nach dem anderen in die Hand, las den Titel jedes einzelnen vor und warf es dann in die Flammen. Schließlich hielt er die Bulle hoch, in der ihm befohlen wurde, nach Rom zu kommen und

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seine Überzeugungen zu widerrufen. Er sagte: »Einige von euch haben gehört, dass ich aus der Kirche hinausgeworfen werden soll, wenn ich nicht meine Überzeugungen und Schriften zurücknehme. Doch da der Papst die Wahrheit Gottes in den Schmutz getreten hat, werfe ich auch diese Bulle in das Feuer. Amen.« Die Menge jubelte. Anschließend gingen Luther und die anderen Professoren feierlich zurück zur Universität. Doch die Studenten blieben, und kurz darauf sangen sie und tanzten um das Feuer herum. Sie waren alle lustig und ausgelassen, … doch mich erinnerte es an diese Verbrennung, die ich als Junge miterlebt hatte, deshalb sah ich nur zu.

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Ich war überrascht, als ich in der Menge dasselbe Mädchen wiedersah, das ich an dem Tag getroffen hatte, an dem ich die Bulle am Kirchentor entdeckt hatte. Diesmal war ihr langes, dunkles Haar zurückgebunden, doch ihr Kopf war immer noch unbedeckt. Und obwohl ihre Kleider nicht unbedingt schick waren, lächelte sie mit ihrem hübschen Gesicht. Sie stand so still und unauffällig da, als ob sie … als ob sie eine ›Beobachterin‹ war. Ich weiß kein besseres Wort, um ihr Verhalten zu beschreiben. Es schien, als sei ihre einzige Aufgabe zu beobachten. Und ich konnte nicht anders, als sie beobachten. Als sich jedoch unsere Blicke trafen, sah sie schnell weg. Warum schaute sie weg? Und warum machte sie bei dem Trubel nicht mit? Erinnerte sie das Feuer auch an etwas Unangenehmes, so wie mich, oder gab es einen anderen Grund? »Lasst uns all die falschen Schriften in der ganzen Stadt zusammensammeln«, rief ein Student. Wie auf ein Stichwort strömte die Menge durch die Stadttore zurück. Kurz darauf hatten sie einen alten Karren aufgetrieben, einige setzten sich darauf, während andere ihn zogen. Ein Student hatte eine Trompete und begann, irgendwelche schrägen Töne zu blasen, während der Zug durch die Straßen marschierte. Sie wurden immer übermütiger und klopften an die Haustüren, um die Leute zu fragen: »Haben Sie welche von den Giftblättern des Papstes hier? Wir wollen die Stadt davon befreien.« Ich war ihnen drei Straßen lang gefolgt und zu dem Feuer zurückgekehrt, um mehr Schriften zu verbrennen, als ich bemerkte, wie das Mädchen mit den lan-

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gen, dunklen Haaren die anderen verließ. Wahrscheinlich wäre mir das gar nicht aufgefallen, wenn sie sich nicht umgesehen hätte, ob jemand sie beobachtete. Dann verschwand sie in einer engen Gasse. Als ich ihr hinterherlief und die Straße hinunterblickte, war sie schon fast bis zum anderen Ende gerannt. Ich beschloss, ihr zu folgen. Schließlich war sie sehr hübsch und geheimnisvoll; warum also sollte ich nicht herausfinden, wo sie wohnte? Es gelang mir kaum, sie nicht aus dem Blick zu verlieren. Doch nach einigen Kreuzungen und Einmündungen betrat sie endlich das Gasthaus zum Raben. Das Gasthaus zum Raben? Warum sollte sie dort hineingehen? Dort wohnten keine Familien. Nur Fremde nahmen dort ein Zimmer. Ich stand vor der Tür und versuchte, all meinen Mut zusammenzunehmen und hineinzugehen. Ich wollte herausfinden, was sie drinnen machte, als plötzlich die Tür aufflog und zwei Männer herauskamen. Sie sprachen aufgeregt miteinander. Ich erkannte den einen: Johann Eck, Doktor Luthers Feind! Ich wollte mich gerade herumdrehen und weglaufen, als mir einfiel, dass Eck mich nicht kannte. Daher lehnte ich mich nur einfach gegen die Wand und verschränkte die Arme. Ich tat so, als ob ich auf jemanden wartete. Was ich jedoch hörte, war überraschend. »Wenn Luther die Bannbulle des Papstes verbrannt hat, muss ich sofort nach Rom«, sagte Eck. »Bruder Johann, Sie wissen genau, dass es nicht die Bulle des Papstes war«, lachte der andere Mann. »Wir haben doch selbst jedes Wort geschrieben. Der Papst hat nur unterschrieben.«

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