Abenteurer Gottes
Dave und Neta Jackson
Dwight L. Moody Gefahr in der Zirkuskuppel
Christliche Literatur-Verbreitung e. V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
Dave und Neta Jackson sind verheiratet. Gemeinsam haben sie zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche, Beziehungen und andere Themen geschrieben. Zu ihren Büchern für Kinder zählen die »AbenteurerGottes«-Serie und »Glaubenshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois, USA, zu Hause.
1. Auflage 2008 Originaltitel: Danger on the Flying Trapeze © 1995 by Dave und Neta Jackson Originalverlag: Bethany House Publishers © der deutschen Ausgabe 2008 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Hermann Grabe Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-89397-450-4
Inhalt Vorwort
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Schulschwänzer
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Arbeit beim Zirkus
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Zirkusreiterin
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Zirkusflieger
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Auf Tour
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Die Weltausstellung
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Im Riesenrad
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Vom Trapez gefallen
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Gesucht werden: Durchschnittstalente
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Moodys Show
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Kein Platz für Drückeberger
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Verloren …
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… und gefunden
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Mehr über Dwight L. Moody
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Vorwort Der Zirkus von Mr. Forepaugh gehörte vom 5. bis zum 18. Juni zum Programm der Weltausstellung in Chicago 1893. Für unsere Geschichte haben wir diese Zeit allerdings auf neun Tage verkürzt, einschließlich der zwei Sonntage (am 11. und am 18. Juni), als Dwight L. Moody das Zirkuszelt gemietet hatte. Die wichtigsten Zirkuspersonen – Joe McCaddon, die Eugene Brothers als Trapezartisten, Eph Thompson, Addie Forepaugh, Jr., und seine Frau, Lillie Deacon – gehörten tatsächlich zu unterschiedlichen Zeiten von Ende 1880 bis Anfang 1890 zum Zirkus Forepaugh. Wir konnten allerdings nicht feststellen, wer noch 1893 mit von der Partie war. Die Nummer mit dem boxenden Elefanten »John L. Sullivan«, die Eph Thompson eingeübt hatte und von Addie Forepaugh übernommen wurde, haben wir aus dem Programm des Zirkus Forepaugh aus dem Jahr 1885 geborgt. Casey Watkins und seine Familie sind rein fiktiv, obwohl sich Dwight L. Moody gern mit solchen jungen Leuten anfreundete und ihnen half, indem er sie auf eine seiner beiden Schulen schickte, die er in Massachusetts gegründet hatte.
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Schulschwänzer
C
asey Watkins vergrub seine kalten Hände tief in die Taschen seiner dünnen Jacke, krümmte seinen Rücken wegen des beißenden Februarwindes und trat ärgerlich gegen eine Blechdose, die auf dem Weg lag. »Ich hasse Philadelphia!«, brummte er vor sich hin, während die Dose mit lautem Scheppern gegen die Ziegelmauer einer Fabrik flog und zu ihm zurücksprang. Sein Weg führte ihn an etlichen rostigen Gleisen vorbei, auf denen Waggons abgestellt waren. Eigentlich ging er nirgendwohin. Er wollte nur dem Angestellten nicht begegnen, der die Schulschwänzer aufspüren sollte, denn dass jemand nicht zur Schule ging, kam in letzter Zeit immer häufiger vor. So stapfte er durch den schmutzigen Schnee zwischen den Gleisen und den Rückseiten der hässlichen, lang gestreckten Fabrikhallen. Er wusste, dass seine Mutter ärgerlich wäre, wenn sie von seiner erneuten Schwänzerei erführe. Aber er konnte es einfach nicht mehr aushalten! Die ganze Zeit, seit sie vor vier Monaten die Farm verkauft hatten und in die Stadt gezogen waren, hatten die Jungen in der Schule ihn wegen seiner roten Haare verspottet. »Dreckiger irischer Kathole!«, beschimpften sie ihn. Dann 9
schubsten sie ihn ganz ohne Grund, nur um zu sehen, ob er wütend würde. Noch schlimmer waren die Mädchen, die sich über ihn lustig machten, wenn er ein Wort falsch aussprach. »Weiß gar nicht, warum ich überhaupt zur Schule geh«, murmelte er bitter. »Ich bin jetzt vierzehn – beinahe ein Mann. Da sollte ich arbeiten und Mama und Cara unterstützen, wo doch Papa gestorben ist. Aber nein. – Onkel John sagt, ich soll zur Schule gehen …« Und er seufzte tief. Plötzlich blieb der Junge kurz stehen und blickte erstaunt auf das seltsamste Ding, das er je gesehen hatte. Auf einem Tieflader der Eisenbahn stand etwas, das unten wie ein Wagen aussah, der golden angemalt war und in der Wintersonne funkelte. Aber der obere Teil war als mittelalterlicher Ritter gestaltet, der mit einem riesigen, grünen, glitschigen Drachen kämpfte. Höchst verwundert starrte Casey auf den eigenartigen Wagen. Dann blickte er sich um und merkte, dass dies nur einer von vielen ungewöhnlichen Wagen war, die dort auf den Abstellgleisen geparkt waren. Reich verzierte, kunterbunte Waggons gab es da neben riesigen Käfigwagen, die gleich auf mehreren Tiefladern standen. Andere erinnerten an gewöhnliche Personenwagen oder an Ställe, mit denen man Kühe oder auch Ausrüstungsgegenstände transportieren konnte. Nur waren alle bunt angemalt und auf jedem Wagen war in riesengroßen Zierbuchstaben zu lesen:
Der berühmte Zirkus Forepaugh 10
Vergessen war jetzt alles: die Schule, der Kerl, der die Schwänzer aufspüren sollte, und auch Onkel John. Casey lief los, um möglichst schnell in die Nähe von zwei Riesenhallen zu kommen, von deren vier Ecken bunte Fahnen wehten. Auf allen Seiten trugen diese Gebäude große Plakate, die riesige Elefanten, sich aufbäumende Pferde, Clowns, Zwerge, Akrobaten, hübsche Mädchen und die Worte zeigten: »Größte Schau der Welt … Zirkus Adam Forepaugh!« Casey war ganz verwirrt vor Aufregung. Noch nie hatte er bisher einen Zirkus gesehen; aber er hatte gehört, dass sie wie Zigeuner in Karawanen von Stadt zu Stadt zogen, wo todesmutige Artisten und dressierte Tiere erstaunliche Kunststücke in einem riesigen Zelt zeigten. Aber wozu waren diese Eisenbahnwaggons und die gewaltig großen Gebäude? Über der ungeheuer hohen Tür an der Rückseite des einen Gebäudes hing ein Schild. Casey entzifferte es mit Mühe: »Winterquartier, Zirkus Forepaugh«. Also das war es! Gerade in diesem Augenblick flog die große Tür auf, und ein riesiger, grauer Elefant trat ins Freie. Casey drückte sich an die Mauer des Gebäudes, als das gewaltige Geschöpf an ihm vorüberstampfte. »He, Bengel!«, rief der Mann, der den Elefanten mit etwas führte, das wie eine kleine Kette aussah. »Weg da … will nicht, dass dir was passiert!« Und dann trotteten die beiden durch den weichen Schneematsch an den Abstellgleisen entlang, sodass jeder denken mochte, dass da einer mit einem Riesenköter spazieren ging. Die hohe Doppeltür stand immer noch offen. Neu11
gierig blickte Casey hinein. Der warme, stechende Geruch von Stroh, Heu und Mist reizte seine Nase. Es war genauso wie in Vaters Pferdestall. Wohin er blickte, sah er Pferche und Tierboxen. Da stand ein Eimer halb voll mit Wasser. Casey schnappte sich ihn und ging den langen Flur entlang. Dabei versuchte er so auszusehen, als gehöre er dorthin. Das große Stallgebäude erschien ihm vertraut und gleichzeitig wie eine ganz fremde Welt. Die ersten Boxen waren mit kräftigen Zugpferden besetzt, ganz anders als die schmucken Reitpferde, die sein Vater gezüchtet und trainiert hatte. Er ging an einem Hufschmied mit gewaltigen Muskeln vorüber, der den schweren Huf eines Pferdes in Ordnung brachte. Zwei Zwerge reparierten Zaumzeug, und eine Frau mit Haaren, die bis zur Hüfte reichten, machte sich an einem eigenartigen Fahrrad zu schaffen. Überall waren die Leute eifrig bei der Arbeit. Einige sahen ihn neugierig an; doch die meisten hatten viel zu viel zu tun oder riefen einander irgendetwas zu oder fütterten die Tiere oder säuberten die Ställe. Mit dem Wassereimer als Ausweis setzte Casey seinen Weg auf dem Flur entlang an den Ställen fort, vorbei an Pferden und Ponys aller Art, wie auch an Haufen von Seilen, Flaschenzügen und Strohballen. Als er um die Ecke bog, sah er einen anderen langen Flur, an dem aber Käfige lagen. Er kniff die Augen zusammen, um in dem Dämmerlicht etwas zu erkennen, und sah Tiger, die am Gitter hin- und herschritten, ein Nilpferd, Affen, Bären und … doch jetzt konnte er nicht weiterkommen. Allzu gern hätte 12
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er alles genau besehen; aber ein Mann mit Reitstiefeln und einer kurzen Lederpeitsche in seiner Hand erschien plötzlich und redete laut auf eine Frau ein. Casey machte, dass er fortkam. Auf der anderen Seite des Gebäudes war eine ganze Reihe wunderschöner weißer Pferde mit langen seidenen Mähnen und Schwänzen. »Wow«, dachte Casey, »könnte Mama doch diese herrlichen Tiere sehen!« Er dachte daran, wie Mama über die grünen Weiden ihrer Pferdefarm galoppiert war. Dabei flatterte ihr rostrotes Haar im Wind, und sie lachte fröhlich, wenn Papa versuchte, sie auf einem anderen Pferd einzufangen. Dann hätte er beinah bei dem Gedanken heulen mögen, dass seine hübsche Mutter jetzt in einer winzigen Wohnung steckte, wo sie die ganze Zeit Wäsche flicken musste, die Tante Mary ihr von den Frauen aus Onkel Johns Gemeinde zum Ausbessern brachte. Casey hatte seinen Rundgang fast beendet, als er die Elefanten sah. Die riesigen Tiere standen brav nebeneinander. Jedes war an einem Bein mit einer kurzen Kette an einer dicken Eisenstange befestigt, die im Boden verankert war. »Eins, zwei, drei«, zählte er atemlos … »acht, neun, zehn.« Er hätte nie gedacht, in seinem Leben einen Elefanten zu sehen, geschweige denn zehn! »He! Du mit dem Eimer!«, rief eine ihm schon bekannte Stimme. Casey sprang auf. Er hatte ganz den Mann vergessen, dem er draußen in den Weg gelaufen war. Im ersten Augenblick wollte er wegrennen; aber der Mann und Elefant Nummer sieben standen zwischen ihm und der Tür. 14
Casey schluckte. »Ja?«, brachte er gerade noch heraus. Der schwarze Mann sah ihn von oben bis unten an. »Hattest du mit dem Wassereimer etwas vor?« Casey wurde rot. »Nein, nichts …« Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus. »Was hältst du davon, der ›Königin Victoria‹ zu trinken zu geben?« Unsicher, was er tun sollte, machte Casey einige Schritte auf den Elefanten zu und stellte den Eimer hin. Der lange Rüssel schlängelte sich vor und tauchte in den Eimer. Der Elefant saugte ein Viertel des Inhalts ein. Dann schwang er den Rüssel zurück in sein Maul und spritzte sich das Wasser in die Kehle. Der Mann amüsierte sich immer noch über Caseys Verwunderung. »Sag mal, Junge«, meinte er und kratzte das Ohr des Elefanten mit einem Stock. »Suchst du vielleicht Arbeit, he? Wie alt bist du eigentlich … vierzehn? fünfzehn?« Casey blieb der Mund offen stehen. Hatte der Mann von einer Anstellung gesprochen? »Vierzehn«, sagte er eifrig. »Ja, ich hätte gern eine Arbeit!« »Gut«, sagte der Mann. Er führte den Elefanten zurück in die Reihe zu den anderen und befestigte dessen einen Fuß an der Eisenstange. »Ich brauche einen Jungen ungefähr vier Stunden täglich für alles Mögliche: Mist wegkarren, füttern und tränken, die Tiere sauber halten und all so was. Das ist schwere, dreckige Arbeit. Hast du schon mal bei Tieren gearbeitet?« »Ja, natürlich«, sagte Casey, »mein Vater hat Pferde gezüchtet … Wir hatten weit weg in Lancas15
ter eine Farm. Das war bevor …« Seine Stimme begann zu zittern. Der Mann blickte ihn scharf an; aber dann wechselte er das Thema. »Du gehst noch zur Schule?« Gern hätte Casey »nein« gesagt, doch dann nickte er langsam. »Gut. Du kommst morgen nach der Schule her und fragst nach Eph Thompson – das bin ich. Ich werde mit dem Zirkusdirektor reden. Wenn er ›O.K.‹ sagt, zahle ich dir fünfzehn Cent pro Tag, sechs Tage in der Woche … allerdings nur, wenn du gut arbeitest.« Eph Thompson streckte die Hand aus. »Abgemacht?« »Abgemacht!«, grinste Casey und schüttelte die riesige Hand. Kurz darauf stand er draußen vor den beiden großen Gebäuden, die dem Zirkus Forepaugh als Winterquartier dienten. Er sah sich nach einem Straßennamen um, damit er den Ort wiederfinden konnte. Da stand es: Lehigh Avenue. Dann rannte er so schnell er konnte nach Hause. Es war ihm noch nie so leicht ums Herz gewesen wie jetzt, seit sein Vater im letzten Sommer bei einem verrückten Reitunfall ums Leben gekommen war. Er konnte es gar nicht abwarten, dass seine Mutter von seinem neuen Glück erfuhr. Drei Dollar in der Woche! Das war echt eine Hilfe. Vielleicht stellten sie ihn ja auch vollzeitlich ein, wenn sie sahen, dass er gut arbeitete. Von seinem drei Kilometer langen Lauf noch völlig außer Atem sprang er schnell die wackligen Stufen an der Rückseite der elenden Mietskaserne hinauf, in der sie wohnten. »Mama!« rief er aufgeregt, »Mama, stell dir vor, ich habe Arbeit …« Casey verstummte augenblicklich. Da stand mit16
ten im Wohnzimmer, das auch Mamas Nähstube und Caseys Schlafraum war, sein Onkel, der Pastor John Watkins, neben seiner Mutter. Onkel John trug wie immer einen düsteren schwarzen Mantel und seinen Pastorenkragen … Und dann war da noch ein Mensch. »Casey«, sagte Onkel John mit tieftrauriger Stimme, »dies ist der Herr, der die Schulschwänzer aufspürt.«
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Arbeit beim Zirkus
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asey mochte seiner Mutter nicht in ihr angstvolles Gesicht blicken, während er die Strafpredigt des Beamten wegen des Schulschwänzens über sich ergehen lassen musste. »Dies ist die letzte Warnung«, sagte der Mann abschließend und setzte sich seine »Melone« auf den Kopf. »Beim nächsten Mal fliegst du von der Schule!« Casey wusste: Die Drohung, von der Schule verwiesen zu werden, sollte dazu dienen, dass er dort blieb. Aber ein Rausschmiss kam ihm sehr willkommen vor … Seine Gedanken wurden von Pastor John Watkins unterbrochen. »Ich schäme mich deiner, du Flegel!«, sagte Onkel John finster, als er die Tür hinter dem anderen Besucher geschlossen hatte. »Da habe ich meinen Einfluss als Pastor ins Spiel gebracht, um dir nach dem Tod meines Bruders – Gott hab ihn selig – einen Platz an einer privaten höheren Schule zu besorgen. Und was machst du? Du achtest das für Dreck – wie ein ganz gewöhnlicher Taugenichts! Ist das vielleicht Dankbarkeit?« Casey kochte innerlich. Dankbarkeit? Vor allem anderen hatte er überhaupt nicht gewollt, dass sein Onkel die Farm verkaufte. Auch nach Philadelphia wollte er nicht, und schon gar nicht in die blöde höhere Schule. Das al-
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les hätte er dem Onkel gern an den Kopf geworfen. Aber ein schmerzlicher Blick seiner Mutter ließ seine bitteren Worte nicht über die Zunge kommen. Der Herr Pastor wandte sich jetzt seiner Schwägerin zu. »Na ja, Doreen, du weißt ja, was ich davon hielt, dass Jack eine wilde irische Katholikin heiratete – aber was geschehen ist, ist geschehen. Und ich weiß, was ich der Familie meines toten Bruders schuldig bin. Unter großen persönlichen Opfern haben Mary und ich diese Wohnung für euch gefunden, haben euch zu essen gegeben und dir Näharbeit besorgt. Alles, was ich dafür verlangte, war, dass du regelmäßig zum Gottesdienst kommst, deine Kinder ordentlich erziehst und nichts unternimmst, was in dieser Stadt Schande über den guten Namen der Watkins’ bringt. Nun, war das etwa zu viel verlangt?« Casey konnte aus Mutters grünen Augen Funken sprühen sehen; aber sie blickte zu Boden und murmelte bescheiden: »Ich werde zusehen, dass Casey auf der Schule bleibt, John.« Zufrieden wandte sich Pastor Watkins zum Gehen. Da erinnerte er sich an etwas. »Was sagtest du von einer Arbeit für dich, Casey?« Casey zögerte. Onkel John würde ihm sicher verbieten, beim Zirkus zu arbeiten! »O…ch… b…bloß einem Mann beim Stall…ausm...misten helfen«, stotterte er. »Nach der Schule«, fügte er noch hinzu. »Na ja«, brummte sein Onkel. »Das könnte dich von Schlimmerem abhalten. Aber«, und er fuchtelte mit seinem Zeigefinger vor Caseys Nase herum, »erst kommt die Schule, verstanden?«
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»Du willst mich doch wohl nicht anlügen, Casey?«, fragte seine Mutter, als er ihr schließlich nach einer Woche sagte, dass sein Ställe-Ausmisten in Wirklichkeit bedeutete, bei den Elefanten zu helfen, die im Winterquartier des Zirkus Forepaugh untergebracht waren. »Hast du einen richtigen Elefanten gesehen?«, fragte seine sechsjährige Schwester Cara mit vor Verwunderung weit aufgerissenen Augen, als Casey seinen Eintopf in sich hineinstopfte, den es zum Abendessen gab. Dazu kaute er an einem Stück Brot mit harter Rinde. »Nicht nur einen hab ich gesehen. Ich muss für elf Stück sorgen!«, prahlte Casey mit vollem Mund. »Aber halt ja die Klappe, Cara – trau dich nicht, Elspeth davon zu erzählen.« Elspeth war die achtjährige Tochter von Tante Mary und Onkel John. Die kleine Cara blickte zu ihrer Cousine wie zu einer älteren Schwester auf; aber Casey fand sie hochnäsig. Seiner Mutter konnte Casey eine Menge von seiner neuen Arbeit erzählen, weil sie sehr interessiert daran war – aber einmal kannte ihre Neugier keine Grenzen. Er hatte ihr beschrieben, wie er zugeschaut hatte, als die geschmeidigen weißen Pferde auf dem Übungsplatz schwierige Figuren eingeübt hatten. Es war, als blickten Doreen Watkins’ grüne Augen sehnsüchtig in die Ferne. »Schau, dieser Kerl, er heißt Addie Forepaugh, trainiert mit allen möglichen Tieren … Tigern, Elefanten …«, fügte Casey hinzu und genoss es, der Mittelpunkt solchen Interesses zu sein, »aber besonders die Pferde. Die weißen sind seine Lieblinge. Sie ma20
chen auch ›freie Dressur‹, das heißt, da machen sie alles ohne Reiter.« »Gehört der Zirkus dem Addie?« »Nöh. Das hatte ich am Anfang auch geglaubt; aber Eph Thompson, der mit den Elefanten, hat mir erzählt, dass irgendein anderer reicher Mann den Zirkus gekauft hat, als vor ein paar Jahren der alte Forepaugh gestorben war. Addie Forepaugh Junior ist nur der oberste Tierdompteur.« »Eigenartig, dass er nicht seines Vaters Zirkus geerbt hat«, überlegte Doreen. »Er hat eine hübsche Frau, die Lillie heißt … sie selbst nennt sich Lillie Deacon«, fuhr Casey fort. »Sie führt selbst Kunststücke ohne Sattel aus, und sie arbeitet mit noch einigen anderen Damen zusammen, die dasselbe machen.« »Was machen sie sonst noch in dem Zirkus?«, unterbrach Cara ungeduldig das Gespräch nur über Pferde. »Nun, viel mehr habe ich bislang noch nicht gesehen«, gab Casey zu. »Eph hält mich immer stramm ran mit Mistfahren und Fußbodenschrubben im ganzen Elefantenstall. Aber heute habe ich wirklich was gesehen, da wären dir die Augen aus dem Kopf gefallen, Cara.« Man hatte ihn geschickt, den Kopfschmuck eines Elefanten aus der Reparatur in der Nähstube im anderen Gebäude zu holen – dort wo die Ringe hängen, an denen die Akrobaten ihre Kunststücke einüben. Da hatte er einen Jungen in etwa seinem Alter gesehen, der an einer Strickleiter bis zu einer hohen Plattform kletterte, wo er eine Schaukel loshakte. 21
Dann sprang er von der Plattform und schwang erst an den Armen, dann an den Knien … vor und zurück. So flog er ganz lange durch die Luft. Dann ließ er sich endlich los und fiel mit etlichen Saltos in ein Netz, das darunter angebracht war. Casey hatte dagestanden und alles wie versteinert angeschaut. So sonderbar und wunderlich alles auch war, was mit dem Zirkus zusammenhing, nichts hatte er bisher dermaßen aufregend gefunden. Wie sich das wohl anfühlte, so durch die Luft zu fliegen? Casey stellte sich vor, selbst die Strickleiter emporzusteigen, die Schaukel zu ergreifen und an den Beinen hin- und herzuschwingen … »Eph Thompson hat mir erzählt, dass der Junge zu einer Akrobatengruppe gehört, die sich Eugene Brothers nennt«, beendete Casey seinen Bericht. »Drei Brüder – sie sind Franzosen oder so was.« Seine Augen glänzten vor Erregung. »Ich würde alles dafür geben, genauso mit der Schaukel zu fliegen«, sagte er verträumt. Doreen sah ihren Sohn scharf an. »Nun fang nicht an zu spinnen, Casey Watkins«, schimpfte sie. Dabei sammelte sie das schmutzige Geschirr ein und brachte es zu der winzigen Spüle. »Du hast Onkel John gehört. Zuerst kommt die Schule.« Ach, die Schule!! Caseys froher Sinn war plötzlich wieder dahin. »Du verstehst das nicht, Mama. Es ist nicht das Lernen, was so schrecklich ist, sondern …« Nun, endlich konnte er seiner Mutter sagen, dass jeder Tag, der ihn an die Schule fesselte, eine einzige Tortur war, die er einfach nicht mehr aushalten konnte! 22
»Ich … versteh dich gut, Casey«, sagte Doreen freundlich und doch mit Schmerz in der Stimme. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie die anti-irische Stimmung in Philadelphia bemerkte, in der Stadt, die auf Deutsch »Bruderliebe« hieß. Es war das Jahr 1893 und die Zeit der Rezession, in der es wenig Arbeit gab und die »eingeborenen« Amerikaner sich vor der Flut der neuen Immigranten fürchteten. Die Kinder nahmen die Vorurteile ihrer Eltern auf und ließen sie an den nächstliegenden Zielen aus. Das waren die »fremd« aussehenden Klassenkameraden. »In Wirklichkeit«, so dachte Doreen bitter, »waren Casey und Cara hier in Amerika, in Pennsylvania, geboren, und ihr Vater war ein Amerikaner, wie er im Buche steht.« Ein kleines Lächeln kam auf ihre Lippen, als sie an den fröhlichen jungen Mann dachte, den sie geheiratet hatte. Jack, der Sohn eines Methodistenpredigers, wurde für »ungebärdig« gehalten und erschreckte seine Familie, weil er Rennpferde züchten wollte. Nicht nur das, er hatte sich auch noch in ein irisches Mädchen – Doreen O’Brien – verliebt, das rote Haare und ein Naturtalent zum Reiten hatte. Ihre beiden Kinder hatten die ins Auge fallenden Haare ihrer Mutter und deren rötliche Gesichtsfarbe geerbt, dazu einen leicht irischen Akzent. Aber solange Jack Watkins lebte, hatte niemand gewagt, den Kindern etwas anzuhängen oder sie zu beschimpfen. Doreen schüttelte ihre traurigen Gedanken ab und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Casey. »Ich weiß, es ist nicht leicht; aber dein Vater würde wollen, dass du zur Schule gehst. Außerdem müssen wir 23
mit deinem Onkel John auskommen. Er und Tante Mary haben viel für uns getan.« »Was haben sie denn für uns getan?«, explodierte Casey und schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. »Sie haben unsere Farm verkauft, das haben sie getan! Sie haben Vaters Pferde verkauft! Warum sind wir nicht dort geblieben, Mama? Du wolltest es doch – und du hättest es auch getan! Aber nun sieh dich doch an – da hängst du in einer hässlichen Wohnung herum in einer überfüllten Stadt und musst für hochnäsige Weiber Wäsche nähen, was du absolut nicht magst. Ich kenn dich doch!« Doreens Augen füllten sich mit Tränen. »Ja, aber … dein Vater hatte viele Schulden. Er wollte sie langsam alle abbezahlen; aber … als er so plötzlich starb …« Ihre Stimme zitterte. »Es gab keinen anderen Weg, Casey.« Casey wandte sich ab. Mutter weinen zu sehen, das konnte er nicht ertragen. – Es musste einen Ausweg geben!
*** Als Casey Zeuge des Unfalls wurde, hatte er schon zwei Wochen im Winterquartier des Zirkus gearbeitet. Wieder einmal war er für Eph Thompson unterwegs. Und wie gewöhnlich nahm er dabei seinen Weg durch die hochgewölbte Halle, um einen Blick auf die dort übenden Akrobaten und Dompteure zu werfen. An manchen Tagen war es Addie Forepaugh, der mit seiner Peitsche nach den großen Katzen schlug, die in einem riesigen Käfig saßen, manchmal auch eine Frau, die sich »Zuila« nannte und auf 24
einem Hochseil mit dem Fahrrad entlangfuhr, während Zwerge und Clowns anscheinend überall zu finden waren mit ihren Jonglierkünsten und akrobatischen Späßen. Heute aber war Lillie Deacon, Addies Frau, im Ring und übte mit zwei anderen Frauen ein schwieriges Reiterballett ein. Die für das Reiten ohne Sattel benutzten Pferde waren gutmütige, kräftige Pferde, wenn auch nicht so groß wie die Zugtiere, mit denen die Wagen und schwere Lasten bewegt wurden. Doch hatten sie ganz schön breite Rücken und eine stetige Art zu gehen. »Nein, nein, Mimi!«, hörte er Lillie zu einer der anderen Reiterinnen sagen, die gerade einen Salto auf einem trabenden Pferd versucht hatte, dabei aber in die Sägespäne der Manege gefallen war. »Du fängst zu spät an. Beginn mit dem Lauf, wenn das Pferd hier ist«, sagte sie und zeigte auf einen Punkt im Ring, »und spring hier auf das Pferd.« Um zu zeigen, was sie meinte, nahm Lillie einen Anlauf, und mit Hilfe einer Lederschnur an dem Schmuckgeschirr des Pferdes landete sie rittlings auf dem Tier. Voller Bewunderung sah Casey zu. Er erinnerte sich, wie seine Mutter ihr Lieblingspferd aus dem Gewühl der Herde auf dem Vorplatz ihres Stalles herausfing, indem sie in die Mähne griff und ihm auf den Rücken sprang – ohne Zügel, ohne Sattel. Papa schrie dann immer, sie sei zu waghalsig, noch dazu, wo Damen eigentlich im Damensattel ritten. … Andererseits konnte Casey aber auch sehen, wie stolz die Augen seines Vaters glänzten, weil sein irisches Mädchen eine so tolle Reiterin war. 25
Als das Zirkuspferd wieder langsam seine Runde drehte, begann Mimi zu laufen, ergriff die Lederschnur des Geschirrs und sprang. Diesmal auf den Pferderücken. Lillie und die anderen Zuschauer wollten gerade Beifall klatschen, aber Mimi hatte zu viel Schwung genommen; denn gleich darauf fiel sie an der anderen Seite wieder hinunter. Sofort hörte man einen harten Aufschlag und einen Schmerzensschrei. Lillie und mehrere Clowns eilten dorthin, wo Mimi lag. Casey hörte Rufe wie: »Holt den Doktor!« und »Es kann gebrochen sein.« Gern hätte Casey weiter zugeschaut; aber da fiel ihm die Salbe ein, die er für Queen Victorias entzündeten Fuß vom Zirkustierarzt holen sollte. Schnell machte er sich davon. Aber auf dem Rückweg ging er wieder durch die Manege, um zu sehen, was geschehen war. Mimi war weg – man hatte sie sicher zum Arzt gebracht – aber Lillie Deacon und Addie Forepaugh stritten sich mitten im Ring. »Sie hat sich den Knöchel gebrochen?«, rief Addie ärgerlich. »Das ist Mimis dritter Unfall in zwei Jahren!«, fauchte er und stapfte wild mit seinen hohen Stiefeln und Reithosen in der Manege herum. »Ich schmeiß sie raus, sag ich dir! Das Weib ist ein Risiko für uns.« »Es war doch ein Unfall, Addie«, protestierte Lillie. »Du darfst sie nicht entlassen. Wir brauchen für unsere Nummer drei Reiterinnen!« »Ich darf sie nicht entlassen?«, schnauzte Addie. »Im Gipsverband wird sie eine schöne Hilfe für euch sein! Und ich werde die Frau nicht dafür bezahlen, 26