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Abenteurer Gottes


Dave und Neta Jackson

Amy Carmichael Flucht durch Indien

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team, das zahlreiche Bücher über Ehe und Familie, Kirche, Beziehungen und andere Themen geschrieben und mitgeschrieben hat. Zu ihren Büchern für Kinder zählen die »Abenteurer Gottes«-Serie und »Glaubenshelden«. Die Jacksons sind in Evanston, Illinois, zu Hause.

1. Auflage 2005 Originaltitel: The Hidden Jewel © 1992 by Dave und Neta Jackson Originalverlag: Bethany House Publishers © der deutschen Ausgabe 1993 by Zapf & Hofmann, Landstuhl 2005 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Übersetzung: Susanne Zapf Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN: 3-89397-449-0


Inhalt Unfall im Zug Verlängerte Ferien

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Der bettelnde Elefant

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Hilfe!

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Karfreitag an Ostern

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»Swami-Liebling«

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Feuer!

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Eine blutende Nase und ein blaues Auge

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Vor Gericht

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Verschwunden

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Entdeckt

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Die Braut von Dohnavur

122

Mehr über Amy Carmichael

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Unfall im Zug

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er indische Diener ging voran, mit allerlei Gepäck beladen. Der vierzehnjährige John Knight folgte ihm hinaus auf den Bahnsteig, dann starrte er erstaunt den merkwürdigen Zug an, der am Ende des Bahnsteigs knatternd und dampfend hielt. »Vater!«, rief er über die Schulter zurück. »Was ist das für ein Zug? Er ist so klein – fast wie eine Spielzeugeisenbahn. Und sieh mal dort!« John zeigte auf den Zug. »Die Lokomotive ist ja hinten!«

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Johns Vater und Mutter erschienen an der Tür zum Bahnsteig. Sie trugen beide einen Topee, einen Sonnenhelm, um sich vor der glühenden indischen Sonne zu schützen. Sanford Knight lächelte über seinen erstaunten und verwirrten Sohn. Der große, schlanke englische Regierungsbeamte war selbst erst seit sechs Monaten in Indien, und er verstand, wie fremd seiner Frau und seinem Sohn alles vorkommen musste. »Das ist eine Zahnradbahn«, erklärte er, »die einzige Möglichkeit, um auf die steilen Hügel nach Ootacamund zu kommen. Die Lok ist hinten am Zug, damit sie die Wagen den Berg hinaufschieben kann. Und schau mal, was zwischen den Gleisen ist.« John blinzelte, als er einen Blick auf die hell blitzenden Gleise warf. Eine Reihe von Zähnen verlief wie ein drittes Gleis dazwischen. »Ein Rad unter der Lok hakt sich in diese Zähne ein und hilft mit, den Zug zu ziehen. Jetzt kommt, Leslie«, sagte er zu seiner Frau. »Steig ein.« Mr. Knight öffnete die Tür eines Wagens der ersten Klasse und half seiner Frau in den Zug. Azim, ihr indischer Diener, folgte ihnen mit den Koffern und verstaute sie im Gepäcknetz über ihren Köpfen. Gelächter und Rufe von Mädchen zogen Johns Aufmerksamkeit auf sich. Eine Gruppe junger indischer Mädchen in bunten langen Röcken stieg in einen Wagen dritter Klasse, zusammen mit einer Frau in einem blassblauen Sari. »Eigenartig«, dachte John. »Diese Frau sieht wie eine Engländerin aus. Ich frage mich, warum sie indische Kleider trägt.«

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Der Zugführer in seinem blauen Anzug und dem weißen Turban rief: »Alles einsteigen!«, und die Dampflok stieß einen lauten, schrillen Pfiff aus. John lehnte einen Arm aus dem offenen Fenster, als der Zug sich ruckartig in Bewegung setzte und langsam aus dem Bahnhof fuhr. Zu beiden Seiten lagen braun und trocken die Nilgiri-Hügel. Sein Vater meinte, in dem Luftkurort am Fuße des Westghats Ooty – wie Ootacamund normalerweise genannt wurde – sei es grüner und kühler. Knights wollten nach Ooty, um John dort in der britischen Schule anzumelden. Während der Zug die Hügel hinaufkeuchte, fragte er sich, wie die Schule wohl sein würde. »Alle englischen Familien kommen in der heißen Jahreszeit nach Ooty, um Ferien zu machen«, hatte sein Vater erklärt. »Es ist ein schöner Ort für eine Schule. Du wirst dich bald wie zu Hause fühlen; die Stadt erinnert sehr an England.« John wollte sich eigentlich nicht wie zu Hause in England fühlen – dort war es langweilig. Indien war das Aufregendste, was er je gesehen hatte. Er und seine Mutter waren erst vor kurzem aus England gekommen, um bei seinem Vater zu wohnen, der der neue Gouverneur im Tinnevelly-Distrikt in Südindien geworden war. Der alte Gouverneur sollte 1910 in den Ruhestand versetzt werden, und die britische Regierung wollte Johns Vater ein Jahr Zeit geben, um sich in die Pflichten als Richter und Verwalter einzuarbeiten. Von dem Augenblick an, da John die Gangway des Schiffs hinuntergelaufen war, war Indien für ihn ein großes Abenteuer. Menschenmassen in den Straßen,

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zusammen mit Fahrrädern, Pferdefuhrwerken und Ochsenkarren, die sich um den Platz stritten. Esel, mit großen Ballen beladen, trotteten langsam zwischen den Verkaufsständen. Mächtige Tamarindenbäume lieferten Schatten und Erholung von der trockenen Hitze in Palamcottah, der Stadt, in der der Gerichtshof des Tinnevelly-Distrikts lag. Tempelelefanten zogen die Straße hinunter; keifende Affen saßen in den Sträuchern am Straßenrand. John hatte man sogar vor Leoparden gewarnt, die manchmal die Hügel herabkamen, aber er sah keinen. John seufzte. Allein der Gedanke, blank gebohnerte Korridore des Internats entlangzugehen – auch wenn es in Indien war –, reichte, um ihm die Tränen in die Augen zu treiben. Es gab so viel zu sehen und zu entdecken. Trotzdem, nach einer Woche, die sie in ihrem Haus in Palamcottah verbrachten, beschloss Sanford Knight, dass sein Sohn unverzüglich zur Schule musste, damit er nichts versäumte. Sie wollten es mit einem schönen Urlaub in Ooty verbinden. Soweit es möglich war, hatten sie den ›normalen‹ Zug genommen und reisten in einem bequemen Abteil erster Klasse mit ihrem indischen Diener. Als John sich aus dem Fenster lehnte, wurde er auf etwas hinten im Zug aufmerksam. Er beugte sich weiter vor. »Das kann ich nicht glauben!«, rief er. »Da sind Menschen auf dem Dach des Zuges!« Mrs. Knight blickte aus dem Fenster und sah nach oben. »Oh Gott! Sie können sich doch wehtun!« Mr. Knight sah von seiner Zeitung auf. »Hm, ja. Die niedrigen Kasten hoffen, dass sie umsonst reisen

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können. Erlaubt ist es nicht, aber eigentlich hat keiner etwas dagegen.« In diesem Augenblick kam die Zahnradbahn ins Schleudern, als sie um eine Kurve fuhr. Die Wagen schwankten gefährlich. John sah gerade noch, wie ein ärmlich gekleideter Inder rutschte und vom Zugdach fiel. Geräuschlos landete er in den Büschen und Steinen neben den Schienen.

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»Halt!«, schrie John. »Da ist ein Mann vom Zug gefallen!« »Sanford, wie bringen wir den Zug zum Halten?«, rief Mrs. Knight. »Er ist kopfüber gefallen.« Mr. Knight sprang auf und zog die Notbremse. Zuerst schien nichts zu passieren. »John!«, rief Sanford Knight, und John zog zusammen mit seinem Vater an der Notbremse. Wenige Augenblicke später blieb die Zahnradbahn ächzend stehen, die Dampfmaschine stieß einige Wölkchen wie aus Protest aus. Der indische Zugführer kam an ihr Abteilfenster gerannt und sprach aufgebracht mit Johns Vater. »Sie haben den Zug angehalten? Was ist denn passiert, Sahib?« John deutete nach draußen. »Dort hinten. Ich habe ihn gesehen. Ein Mann ist heruntergefallen.« Der Zugführer drehte sich um und lief eilig die Schienen entlang zum rückwärtigen Teil des Zuges. Türen in anderen Wagen wurden geöffnet, und die Menschen sahen neugierig nach draußen. John kletterte aus dem Zug und folgte zusammen mit seinem Vater und seiner Mutter dem Zugführer. Der Zug war schon ein gutes Stück gefahren, seitdem der Mann heruntergefallen war. Reglos lag er da, er war bewusstlos. Schmutzige Lumpen bedeckten kaum seinen ausgemergelten Körper; er trug weder Hut noch Turban. Der Zugführer schob die laute, aufgeregte Menge beiseite, die sich um den Mann geschart hatte, und sah ihn sich genau an; dann begann er zu winken und die anderen Passagiere in einer fremden Sprache anzuschreien. John war klar, dass er ihnen sagte, sie sollten wieder in den Zug einsteigen.

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»Was ist los?«, fragte Johns Vater den Zugführer. Er war gerade mit Mrs. Knight und Azim angekommen. »Nichts. Gar nichts. Wir können nichts tun. Er ist paria – unberührbar.« »Ich verstehe«, sagte Mr. Knight. »Wie bitte?«, meinte Mrs. Knight entrüstet. »Wir können doch nicht einen Verletzten einfach neben den Schienen liegen lassen.« Mr. Knight zog seine Frau zur Seite. »Leslie, das verstehst du nicht. Das indische Kastenwesen ist sehr kompliziert – wir dürfen in ihren Glauben nicht eingreifen. Sie sind Hindus, weißt du?« »Ich weiß nicht!«, protestierte Johns Mutter. »Aber ich weiß, dass ich als Christ und als Engländerin …« »Sie haben völlig Recht, Madam«, sagte eine ruhige Frauenstimme. »Würden Sie mir helfen?« Zu Johns Erstaunen war die weiße Frau in dem blassblauen Sari dem Zugführer gefolgt und beugte sich nun zu dem Verletzten hinunter. Ihre Hände betasteten vorsichtig seinen Körper. »Es ist nichts gebrochen«, sagte sie. »Doch er hat sich den Kopf angeschlagen. Wir müssen ihn in den Zug bringen.« »Miss Carmichael!«, entrüstete sich der Zugführer. »Das geht nicht!« Die Frau tat, als hätte sie nichts gehört. »Würden Sie mir helfen?«, fragte sie wieder und sah Knights dabei an. John verstand nicht ganz, was da vor sich ging, aber ihm gefiel die mutige Frau. »Ja, Ma’am!«, sagte er. Azim war schockiert und zog sich zurück. Widerstre-

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bend half Sanford Knight seiner Frau, seinem Sohn und der Dame in dem Sari, den Verletzten aufzuheben und vorsichtig in einen Wagen der dritten Klasse zu legen. John versuchte, den Geruch des schmutzigen Körpers zu ignorieren. Lauter Beifall kam von den Männern auf dem Zugdach, und John winkte ihnen als Antwort zu. Als sie wieder zurück in ihrem Erste-Klasse-Abteil waren, sagte Johns Vater verstimmt: »Ich möchte nicht, dass meine Frau und mein Sohn sich in die Angelegenheiten der Inder einmischen. Ihr könnt ihre Probleme nicht lösen mit falschem Mitleid. Mein Auftrag hier als Beamter der britischen Regierung ist, das Land zu regieren und Ordnung hineinzubringen, aber die Eingeborenen sollen sich dabei um ihre gesellschaftlichen Angelegenheiten selbst kümmern.« »Ach Sanford«, sagte seine Frau, »sieh uns nicht so finster an. Es war nur christlich, was wir taten. Wir konnten den Mann doch nicht sterben lassen. Sag mal, … wer ist eigentlich diese Carmichael?« Mr. Knight seufzte. »Ich habe schon von ihr gehört – sie ist angeblich eine Unruhestifterin. Eine irische Missionarin, so hat man mir gesagt, die es ablehnt, sich der üblichen Formen von Mission zu bedienen. Stattdessen ist sie dazu übergegangen, indische Mädchen zu ›retten‹, die zum Tempel gehören oder so. Ich weiß nur, dass viele der heiligen Hindu-Männer sehr wütend auf sie sind.« »Haben diese Mädchen keine Familie?«, fragte John. Er verstand immer noch nicht genau, was sein Vater meinte.

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»Ich weiß es nicht. Und es interessiert mich auch nicht«, sagte sein Vater. Mr. Knight griff nach seiner offenen Zeitung. Er hatte genug von Miss Carmichael. »Hm«, murmelte Mrs. Knight. »Ich würde sie gern kennen lernen. Jetzt bin ich neugierig. Es ist doch unfassbar, dass kleine Mädchen Eigentum eines Tempels sein sollen.« »Ich würde sie auch gern kennen lernen«, dachte John. Er wollte besonders gern indische Jugendliche kennen lernen. Jungen wären gut, aber selbst indische Mädchen wären besser als eine langweilige englische Schule. Eine Pfeife ertönte. Das braune Gras war in grüne Bäume und Büsche übergegangen. Dann tauchten die ersten roten Ziegeldächer von Ooty auf.

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Verlängerte Ferien

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er Direktor der Kingsway-Schule für Jungen ließ sich nicht erweichen, er saß fest und unnachgiebig in seinem Sessel hinter dem großen Schreibtisch. »Was soll das heißen, Sie können John nicht einschulen, weil das Schuljahr bereits angefangen hat?« Die Adern in Mr. Knights Gesicht und an seinem Hals begannen anzuschwellen. John beobachtete ihn interessiert. Er wusste: Sein Vater war es gewohnt, dass man ihm seinen Willen erfüllte. Knights waren direkt zu der Schule gegangen, als sie in Ooty angekommen waren. Sein Vater hatte Recht: Die Schule sah aus wie seine alte in Brighton in England, außer dass man statt des Ärmelkanals die Hügel der Westghats sah, die sich wie eine dunstige Wand in der Ferne erhoben. Jungen in Schuluniformen starrten ihnen neugierig nach und stießen sich gegenseitig an, als Knights den Korridor hinuntergingen. Im Büro des Direktors merkten sie recht bald, dass sie gegen eine Wand anrannten: den Direktor. »Wir haben unsere Richtlinien, Mr. Knight«, sagte der kräftige Mann geduldig. Seine Goldrandbrille war ihm bis auf die Nasenspitze gerutscht. »Unser Winterhalbjahr fängt Mitte Januar an. Das ist jetzt vier Wochen her, wir sind also mittendrin. Für die Klasse, und ich glaube auch für John, wäre es störend, wenn er jetzt mit der Schule beginnt. Meine Empfehlung ist, dass sie bis zum Sommerhalbjahr warten.«

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John, der versuchte, ordentlich auf dem unbequemen Holzstuhl zu sitzen, hielt den Atem an. Nicht zur Schule gehen? War es möglich, dass er noch ein paar Monate Zeit hatte, bevor er in dieses englische Gefängnis musste? Das würde ja bedeuten, dass er Indien kennen lernen konnte – das Indien, das draußen in den Hochebenen des Tinnevelly-Distrikts lag. »Sanford …«, sagte Johns Mutter und berührte ihren Mann sacht am Ärmel. »Nicht jetzt, Leslie«, sagte Mr. Knight ungeduldig. Er blickte den Direktor finster an, dann ging er zum Fenster. »Das ist wirklich äußerst ungünstig, Mr. Bath. Ich habe meine Verpflichtungen, bin viel unterwegs. Ich hatte gehofft, dass John den Unterricht besuchen könnte, damit meine Frau mit mir fahren kann. Außerdem möchte ich nicht, dass er zu viel versäumt. Ist denn wirklich gar nichts zu machen?« »Absolut nichts«, sagte der Direktor. »Da Sie jedoch schon mal hier in Ooty sind, könnten wir schon die nötigen Anmeldeformalitäten erledigen und John für das nächste Halbjahr vormerken. Dann wäre zumindest das getan.« Gesagt, getan. Eine Stunde später, als sie wieder auf der Straße standen, hielt Mr. Knight eine Tonga an, ein zweirädriges Pferdefuhrwerk, und sagte dem Fahrer die Adresse »Willingdon House«. Während das Pferd zu diesem Gasthaus trabte, starrte er missmutig vor sich hin. »Sanford«, versuchte es Mrs. Knight noch einmal, »vielleicht ist es ganz gut so. Auf diese Weise sind wir noch länger als Familie zusammen und können

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uns besser in der Gegend zurechtfinden. Und vergiss nicht, ich bin Lehrerin; ich kann John in den meisten Fächern unterrichten.« »Das stimmt, Vater«, sagte John. Bis jetzt hatte er wenig gesagt, um seine Freude, nicht zur Schule gehen zu müssen, nicht zu deutlich zu zeigen. »Ich werde mit Mama lernen; auf diese Weise versäume ich nichts.« »Nun ja, es ist nicht dasselbe wie eine richtige Schule. Aber ich schätze, es bleibt uns nichts anderes übrig.« Ihr Gepäck war bereits von Azim in das große, verwinkelte Gasthaus gebracht worden, das in einem Garten mit Steinpfaden und blühenden Büschen lag. »Ist es hier schön!«, sagte Mrs. Knight. Sie nahm ihren Topee ab und ging durch die gut gelüfteten Wohn- und Schlafzimmer. »Lasst uns die Enttäuschung vergessen und unsere Ferien genießen.« John fühlte sich ein wenig schuldig. Er war gar nicht enttäuscht, und er war ganz sicher, dass er die Ferien genießen würde! Am nächsten Tag zog seine Mutter sich bequeme Kleider und Schuhe an, um mit John auf einen Erkundungsspaziergang zu gehen. Es gab viele Fußwege von Ooty hinauf zu den Hügeln. Sanford Knight wollte lieber in seinen Club gehen, um die neuesten Nachrichten zu erfahren. »John, du bleibst bei deiner Mutter«, befahl er. »Bleibt auf den Wegen und geht nicht zu weit. Es gibt Schlangen und wilde Tiere in den Hügeln; man kann nicht vorsichtig genug sein.« »Ja, Vater.«

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Sie machten sich auf den Weg und ließen bald die Stadt hinter sich, als sie den steilen Berg hinaufgingen. Im Wald war es kühl und schattig unter dem Blätterdach der Bäume. »Oh, wie schön«, murmelte Mrs. Knight und blieb immer wieder stehen, um Atem zu schöpfen. Sie gingen eine halbe Stunde, dann lichteten sich die Bäume, und ein Geräusch von Wasser war zu hören. Nachdem sie um die nächste Kurve gelaufen waren, standen sie vor einem Wasserfall. Am Fuß des Wasserfalls befand sich ein kleiner See, aus dem Felsen herausragten. Es dauerte einen Moment, bis John merkte, dass sie nicht allein waren. Die Frau aus der Zahnradbahn saß auf einem Felsblock und beaufsichtigte einige Mädchen, die am Fuß des Wasserfalls im Wasser planschten. Sie trug wieder den blassblauen Sari und hielt eins der kleineren Kinder auf dem Schoß. »Ah, Miss Carmichael«, hörte John seine Mutter sagen. Mrs. Knight näherte sich der Frau und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich hatte gehofft, Sie irgendwann zu treffen. Mein Name ist Leslie Knight, und das ist mein Sohn John. Übrigens, wissen Sie, ob es dem Mann, der von dem Zugdach gefallen war, wieder besser geht?« Die Frau schüttelte Mrs. Knight die Hand und lächelte John freundlich zu. »Ich heiße Amy Carmichael. Möchten Sie sich nicht zu uns setzen? Wir genießen hier Gottes Schönheit, nicht wahr, Blossom?« Das Inderkind auf ihrem Schoß lachte glucksend und streckte sein rundes Ärmchen aus.

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»Ich denke, der Mann wird gesund«, fuhr die Frau fort. »Er hat eine Gehirnerschütterung und ist jetzt bei uns im Gästehaus.« »Ich muss zugeben, unser zufälliges Treffen gestern hat mich neugierig gemacht«, sagte Mrs. Knight. »Erzählen Sie mir mehr über sich und die Mädchen – wenn meine Bitte nicht zu aufdringlich ist.« Amy Carmichaels Augen ruhten liebevoll auf den Mädchen, die ihre Röcke hochgerafft hatten und im Wasser planschten. Neugierige Blicke wanderten in

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ihre Richtung. Miss Carmichael hatte braune, von Lachfältchen umspielte Augen und eine sonnengebräunte Haut. John schätzte sie auf mindestens vierzig. »Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagte die Frau. Plötzlich war sie schüchtern und zurückhaltend. »Wir leben außerhalb des Dorfes Dohnavur an einem Ort, den wir Dohnavur-Gemeinschaft nennen. Dort wohnen ich, einige Inderinnen, ein paar freiwillige Engländerinnen und viele Mädchen wie Blossom, die Gott von den üblen Praktiken der Hindutempel gerettet hat. Mrs. Hopewell, eine liebe Frau hier aus dem Ort, hat uns ihr Haus zur Verfügung gestellt, so dass wir uns hierher zurückziehen können. Gerade jetzt sind viele der Kinder in Dohnavur krank, darum habe ich diese Mädchen hergebracht, um dem Fieber zu entgehen.« »Und jetzt«, meinte sie lächelnd, »erzählen Sie mir von sich.« Mrs. Knight sprach kurz von ihrer nicht lange zurückliegenden Ankunft, der Stellung ihres Mannes als Richter in Palamcottah und ihrer Reise nach Ooty, um John in der Schule anzumelden. »Aha«, sagte Miss Carmichael, als sie hörte, dass John mitten im Schulhalbjahr nicht zugelassen worden war. »Zweifelsohne bist du zutiefst enttäuscht darüber.« Sie zwinkerte John zu; er grinste. Er mochte Amy Carmichael, wer auch immer sie war. »Sie sagen, Sie sind Lehrerin, Mrs. Knight?«, fuhr Miss Carmichael fort. »In Dohnavur werden Lehrer dringend gebraucht.«

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»Oh, ich weiß nicht, ob ich unterrichten könnte«, sagte Johns Mutter. »Es ist alles noch so neu hier in Indien. Ich weiß außerdem noch nicht, wie es in Palamcottah sein wird und welche Verpflichtungen ich als Frau eines Regierungsbeamten habe. Und natürlich muss ich John unterrichten, bis er zum Sommerhalbjahr mit der Schule beginnen kann.« John entfernte sich von den beiden Frauen und ging zum Wasserfall. Das Sprühwasser war kühl auf seinem Gesicht und seinen Haaren. Er fragte sich, ob die Mädchen, die dort unterhalb des Wasserfalls im Wasser spielten, Englisch sprachen. »Hallo«, rief er ihnen vom Ufer aus zu. Die Mädchen im Wasser verstummten, legten die Handflächen aneinander und beugten den Kopf zu einem kleinen Salaam, einem Gruß. John tat es ihnen nach und grüßte zurück. Die Mädchen fingen an zu kichern, hielten die Augen jedoch nach wie vor gesenkt. John fragte sich, was er als Nächstes tun sollte. Wie konnte er ihnen klar machen, dass er mit ihnen Freundschaft schließen wollte, wenn er ihre Sprache nicht konnte? Da kam ihm eine Idee. Er setzte sich ans Ufer, zog Schuhe und Strümpfe aus und stieg ins Wasser. Es war eiskalt. Er ging ein paar Schritte vom Ufer weg; er wollte über die Steine und kleinen Felsen springen, die ab und zu aus dem Fluss ragten. Er wollte vor den Mädchen ein wenig angeben, rechnete jedoch nicht mit der Stärke der Strömung, und plötzlich rutschte er auf einem glatten Stein aus und fiel mit einem großen Platsch ins Wasser.

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Bevor John begriff, wie ihm geschah, hatten einige kleine, starke Hände ihn gepackt und hochgezogen. In Windeseile waren die indischen Mädchen dann ans Ufer geklettert und rannten zu Miss Carmichael und seiner Mutter. Sie überließen es dem tropfenden John, allein aus dem Wasser zu kommen.

Es war ihm alles sehr peinlich. Das Einzige, was seine Mutter sagte, war: »Setz dich am besten in die Sonne zum Trocknen; im Wald ist es recht kühl.« John setzte sich ein Stück entfernt auf einen Stein und zitterte vor Kälte in seinen nassen Kleidern; er sah aus wie ein begossener Pudel. Er konnte jedoch immer noch der Unterhaltung zuhören.

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»Auf jeden Fall müssen Sie uns bald besuchen kommen«, sagte Amy Carmichael gerade. »Dohnavur liegt nur dreißig Kilometer südlich von Palamcottah. Bringen Sie John ruhig mit, wenn Sie möchten. Bei uns gibt es zwar keine Jungen – auch wenn Gott weiß, dass die Jungen in Indien genauso von den heidnischen Machenschaften gefangen sind wie die Mädchen. Eines Tages … ja, eines Tages wird Gott auch dafür sorgen. Oh, außer Arul natürlich. Arul ist unser erster Junge, ein paar Jahre älter als John, denke ich. Er ist eine große Hilfe und ein großer Segen, und er hat unwahrscheinlich gelitten für seinen Glauben an Jesus. Er könnte John einiges zeigen …« John vergaß seine nassen Kleider. Oh, wenn er doch nur die Dohnavur-Gemeinschaft einmal besuchen und diesen Arul kennen lernen könnte! Aber … würde sein Vater es erlauben? Es schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, dass John sich für die Inder interessierte. Genauso wenig gefiel es ihm, dass man freundlich zu Amy Carmichael war, die sich wie eine Eingeborene kleidete, kleine Mädchen rettete und heilige Hindu-Männer verärgerte. Dann aber fiel ihm ein, dass er ja seine Mutter auf seiner Seite hatte. Es war undenkbar, dass Leslie Knight sich damit zufrieden geben würde, mit anderen englischen Damen Tee zu trinken, wenn sich ihr stattdessen die Möglichkeit bot, das wahre Indien kennen zu lernen – und dabei sogar Kindern zu helfen.

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Der bettelnde Elefant

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ie Ferien in Ooty dauerten zwei Wochen. Das Wetter Ende Februar war sonnig und mild während des Tages, aber empfindlich kalt, sobald die Sonne hinter den Hügeln untergegangen war. An einem Tag nahm Mr. Knight seine Frau und seinen Sohn mit zu einem Polospiel auf dem Poloplatz von Ooty. Ein anderes Mal ritten sie auf gemieteten Pferden in die Hügel, aßen im Ooty-Club oder stöberten in der Nilgiri-Bücherei. Jeder Tag endete gewöhnlich mit einem Tee auf der offenen Veranda des Willingdon House. John und seine Mutter genossen außerdem die Spaziergänge in die Berge, die sie mit Amy Carmichael und ihrer kleinen Bande unternahmen. (Mr. Knight machte sich nichts aus Spaziergängen, er zog die gediegenere Gesellschaft im Club vor.) Als die indischen Mädchen die Wege entlangsprangen, dachte John, dass sie wie Wildblumen aussahen mit ihren gelben, roten, blauen und grünen Bändern, die sie in ihr glänzendes, dickes schwarzes Haar geflochten hatten. Die irische Missionarin und ihre Mädchen verließen Ooty wenige Tage vor den Knights. »Verzeihen Sie, dass ich so vorlaut frage, aber warum reisen Sie dritter Klasse?«, fragte Leslie Knight Miss Carmichael, als sie sich auf dem Bahnhof von Ooty verabschiedeten. »Weil es keine vierte Klasse gibt«, lachte Amy Carmichael und schwang sich in die Zahnradbahn. Die

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Mädchen schnatterten laut durcheinander und lehnten sich winkend aus dem Fenster, bis der kleine Zug nicht mehr zu sehen war. Als sie zum Willingdon House zurückkehrten, fragte John seine Mutter: »Was hat sie eigentlich damit gemeint?« Leslie Knight verjagte ein Insekt von ihrem Ärmel. »Ich weiß nicht genau. Sie glaubt anscheinend, dass es wichtig ist, alles so zu machen wie das indische Volk; zu leben, wie sie leben, und zu reisen, wie sie reisen. ›Wir sind alle eins in Jesus Christus‹, sagte sie zu mir. Ich glaube auch, dass das Geld knapp ist, wenn sie für so viele Kinder sorgen muss. Aber stell dir vor – dritter Klasse reisen auf diesen harten Bänken. Alles überfüllt und unbequem!« John stimmte ihr im Stillen zu. Selbst in den Abteilen erster Klasse war die Fahrt nach Palamcottah anstrengend. Nachdem man mit der Zahnradbahn die Berge hinuntergefahren war, brauchte man noch mehrere Tage mit dem »normalen« Zug. An jedem Bahnhof schrien Wasserträger: »Hindu tunni!« oder »Mussulman tunni!« (»Wasser für Hindus beziehungsweise für Moslems«, erklärte Azim, ihr indischer Diener.) Auch Essen konnte man bei Straßenverkäufern bekommen, die Curry- und Reisgerichte direkt auf dem Bahnhof zubereiteten. Nachts klappte Azim eine Koje herunter, auf der John schlief, während seine Eltern auf den gepolsterten Sitzen darunter schliefen. Vom Bahnhof in Palamcottah wurden sie zu dem Haus des zuständigen Regierungsbeamten gebracht. Man holte sie mit Palanquin ab – Sesseln, die mit zwei

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