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Abenteurer Gottes


Dave und Neta Jackson

Mary Slessor Die Todesprobe

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


Dave und Neta Jackson sind als Ehepaar ein Team, das zahlreiche Bücher über Familie, Kirche und Beziehungen geschrieben und mitgeschrieben hat, einschließlich der ›Secret Adventurers‹-Videoserie, der ›Pet-Parables‹-Serie, der ›Caring Parent‹-Serie und der neu erschienenen Hero Tales, Folge I und II. Die Jacksons haben zwei verheiratete Kinder: Julian, der die ›Trailblazer Books‹ illustriert hat, und Rachel, die ihnen kürzlich ihre erste Enkeltochter, Havah Noelle, geschenkt hat. Dave und Neta sind in Evanston, Illinois, zu Hause, wo sie aktive Glieder der Reba Place Church sind.

1. Auflage 2003 Originaltitel: Trial By Poison © 1994 by Dave und Neta Jackson © der deutschen Ausgabe 2003 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Übersetzung: Sabine Pujol Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel Ulm ISBN: 3-89397-442-3


Vorwort Die Hauptpersonen in diesem Buch sind echt und die großen Ereignisse wahr. Bestimmte Ereignisse jedoch (so zum Beispiel die Handelsexpedition und Etims Unfall) entsprechen nicht dem wirklichen zeitlichen Ablauf. Bestimmte unbedeutende historische Charaktere wurden ebenfalls nicht aufgenommen, um die Geschichte nicht zu verkomplizieren. Zu den Personen im Einzelnen: Inyam war tatsächlich eine angeheiratete Verwandte von Häuptling Edem, und ihre jugendliche Tochter, die wir Imatu genannt haben, war eine Kusine von Etim, dem Sohn des Häuptlings. Die echten Namen von Marys zwei Pflegekindern, die bei uns Okot und Udo heißen, sind uns nicht bekannt. Die Geschichte von Imatu, die ein Gesetz bricht, indem sie das Lager der Jungen betritt, basiert auf einem wahren Ereignis in einem Dorf, in dem zwei sechzehnjährige Haremsfrauen spaßeshalber in das Jungenlager eindrangen und zur Strafe einhundert Peitschenhiebe erhalten hätten, wenn Mary Slessor nicht eingegriffen hätte. Wir haben den Fund des Babys im Busch mit den Ereignissen um Etims Begräbnis zusammengebracht; in Wirklichkeit wurde es erst später gefunden. Frauen aus dem Dorf »hörten« das Baby auf dem Weg zum Markt. Der Zeitrahmen für den ersten Abendmahlsgottesdienst, der tatsächlich an Mary Slessors fünfzehntem


Jubiläum in Okoyong stattfand, wurde von uns etwa um die Hälfte gekürzt; außerdem erzählen wir in der Geschichte nur von einer Reihe von Täuflingen; am nächsten Tag wurden ebenfalls elf jüngere Kinder getauft, darunter auch sechs von Marys Adoptivkindern.


Inhalt Die weiße Ma und das königliche Kanu

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»Lauf, Ma! Lauf!«

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Wer anderen eine Grube gräbt …

34

Der Fluch

46

Die Verbannung

58

Wunderschöne Körbe

71

Der tödliche Unfall

82

Der königliche Leichnam

94

Ein Baby im Busch

104

Die Giftbohnenprobe

114

Keine Rache mehr

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Es geht voran

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Einiges über Mary Slessor

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Die weiße Ma und das königliche Kanu

D

a war sie. Ganz nah konnte sie die Ziege sehen, die mit dem Schwanz wedelte und das Gras am Ufer zupfte. Jetzt krieg’ ich dich endlich, dachte Imatu mit verbissenem Gesichtsausdruck. Ein leichter, stetiger Regen fiel und erstickte jeden ihrer Laute im Wald. Doch bevor Imatu sich rühren konnte, reckte die Ziege den Kopf, machte einen erschreckten Sprung nach vorn und verschwand im tropfnassen Gebüsch. »So eine böse Ziege!« Imatu war so wütend und enttäuscht, dass sie mit dem Fuß aufstampfte. Schon seit Mittag hatte sie versucht, den Ausreißer zu fangen und hatte ihn bis hierher zum CalabarFluss verfolgt. Anfangs war sie froh, dass ihre Mutter ihr befohlen hatte, die entlaufene Ziege einzufangen; das bedeutete nämlich, dass sie nicht zu dem Begräbnis in Ifako gehen musste, dem nächstgelegenen Dorf. Imatu hasste Begräbnisse. Die ganze Trinkerei verdrehte nur allen den Kopf, und der Medizinmann fand sicher wieder einen Schuldigen, der einen Fluch auf den Toten gelegt hatte.

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Doch das Licht des Tages war im Laufe des verregneten Nachmittages immer fahler geworden und schwand langsam ganz dahin, und Imatu wollte nach Einbruch der Dunkelheit auf keinen Fall im Wald sein. Beinahe hätte sie diese Ziege gefangen! Sie wusste, dass sie keinen einzigen Laut von sich gegeben hatte. Was also hatte die Ziege so erschreckt? Dann hörte sie es. Ein Singen, das vom Fluss herkam. Das Singen wurde lauter, begleitet von einem gleichmäßigen Plätschern eintauchender Paddel. Wer kam denn da flussaufwärts? Imatus Herz schlug schneller; sie war nahe daran, zum Dorf zurückzulaufen. Doch die Neugier war stärker, und so setzte sie leise und vorsichtig in dem feuchten Gras einen Fuß vor den anderen, trat über knotige Baumwurzeln und gewundene Kletterpflanzen und näherte sich so dem Flussufer. Das Mädchen hockte sich hinter einen Busch und lauschte. Sie konnte jetzt sogar einige Worte verstehen … Mutter, unsere schöne, geliebte Mutter, ist an Bord. Ho! Ho! Ho! Und dann konnte man das Kanu sehen. Imatu stockte der Atem. Sie hatte noch nie in ihrem Leben ein solches Kanu gesehen! Es war doppelt so lang wie die Fischerkanus der Männer ihres Dorfes, die man aus ausgehöhlten Baumstämmen herstellte, die man am Boden fand. Von vorne bis hinten säumten starke Paddler jede Seite – mehr als sie zählen konnte! Die dunkle Haut der Männer glänzte im Regen. Ein Steuermann saß hinten neben einer Stange, an der eine

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lange Fahne nach hinten wehte. Doch das Merkwürdigste war, dass es in der Mitte des Bootes eine kleine »Hütte« gab, die mit Palmblättern bedeckt war und an der an allen Seiten bunte Stoffgardinen angebracht waren. Das Kanu schoss an ihr flussaufwärts vorüber. Imatu rannte ihm nach, immer im Schutz der Büsche und Bäume des Waldes. Das war kein Fischerkanu. Es gehörte keinem der gewöhnlichen Dorfhäuptlinge. Es musste das Kanu eines Königs sein! Wumm! Imatu stolperte über eine versteckte Baumwurzel und fiel der Länge nach hin. Sie rappelte sich auf, doch das Kanu war verschwunden, obwohl sie noch das Singen hören konnte: Ho! Ho! Ho! Ohne auf ihre schmerzenden Zehen und Knie zu achten, rannte Imatu noch schneller. Sie hatte noch niemals einen König gesehen – der Okoyong Stamm hatte keinen König. Woher dieser König wohl kam? Und wohin er ging? Plötzlich verstummte das Singen. Imatu erreichte eine kleine Anhöhe am Ufer des Flusses und hockte sich schnell hin. Das Boot hatte eine kleine Landefläche aus Sand erreicht. Die vorderen Paddler sprangen aus dem Kanu und zogen es halb aus dem Wasser. Dann luden sie Taschen und Kisten aus. Doch Imatus Blick war fest auf die kleine Hütte gerichtet. Die Vorhänge teilten sich, und ein Junge und ein Mädchen krabbelten heraus. Direkt hinter ihnen trat ein Junge – etwa in Imatus Alter – heraus, der ein kleines Kind im Arm hielt. Die Kinder kletterten kreischend auf der einen Seite aus dem Boot. Sie waren

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anscheinend froh, dass sie ihre Beine nach der Enge in der Hütte endlich ausstrecken durften. Sie schloss die Augen fest, öffnete sie wieder und starrte aufs Neue auf die Frau. Die Haut der Frau hatte gar keine Farbe! Sie war so weiß wie die Ziege, der Imatu den ganzen Nachmittag hinterher gelaufen war. Und das Haar erst! Es war von einem Orangerot – so orangefarben wie die Süßkartoffeln, die Imatu und ihre Mutter aus der Erde gruben und zum Essen rösteten. Imatu hatte noch nie in ihrem Leben eine Weiße gesehen. Was machte diese Frau in dem Kanu eines Königs? Imatus Herz schlug so heftig in ihrer Brust, dass sie fürchtete, die Leute im Kanu könnten ihr Herzklopfen hören. Hatte diese merkwürdige Frau Krieger mitgebracht, die ihr Dorf angreifen wollten, während alle beim Begräbnis waren? Alle, bis auf Imatus Mutter und ein paar Sklavinnen … Genau in diesem Moment rief die merkwürdige weiße Frau dem ältesten Jungen zu: »Okin! Bringe die Kinder zusammen und folgt diesem Pfad!« Imatu war verblüfft; die Frau sprach Efik, Imatus Sprache! »Akani«, sagte die Frau zu dem Steuermann, »die Kinder und ich werden vorangehen. Du kümmerst dich um die Träger und bringst die Verpflegung. Wir müssen Ekenge noch vor Dunkelheit erreichen … es sind noch sechs Kilometer durch den Wald.« Ekenge! Das war Imatus Dorf. Die weiße Frau wollte dorthin gehen! Imatu sprang leise auf und achtete immer noch darauf, dass sie nicht gesehen wurde. Sie rannte so

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schnell sie konnte durch das dichte Unterholz zu ihrem Dorf. Als sie glaubte, den Fremden weit genug voraus zu sein, stieß sie auf den Pfad, der vom Fluss her zum Dorf führte. Der Regen war in Nieselregen übergegangen, doch der Pfad war nass und schlüpfrig. Das Tageslicht war fast gänzlich verschwunden, als Imatu in das fast ausgestorbene Dorf kam. Ekenge bestand wie alle Okoyong-Dörfer aus einer lockeren Ansammlung von einzelnen Lagern, in denen Großfamilien lebten. Jedes Lager bestand aus einigen Hütten, die sich hinter einem groben Bambuszaun verbargen. In jedem Lager lebten ein Mann, seine Frauen, ihre Kinder, mehrere Sklaven und verschiedene Tiere. Heute waren die Lagerfeuer kalt – bis auf eines. Imatu rutschte immer wieder im Schlamm aus, bis sie endlich das einzige, im Regen flackernde Feuer erreichte. Ihre Mutter Inyam rührte einen Maisbrei unter einem Schutzdach aus Palmblättern, während zwei alte Frauen – die Sklavinnen des Häuptlings – in der Tür einer der Hütten saßen. »Mem! Mem!«, rief Imatu schon von weitem, völlig außer Atem vom schnellen Laufen. »Imatu? Hast du die Ziege gefunden?«, rief ihre Mutter zurück. Inyam war eine hübsche Frau, groß und stark gebaut. »Nein … die Ziege … das ist nicht wichtig … eine Frau kommt …«, keuchte Imatu. »Was?«, fragte Inyam ärgerlich. »Du bist ohne die Ziege zurückgekommen? Geh! Geh sofort und suche

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sie, oder der Häuptling wird uns schlagen, wenn er zurückkommt.« »Warte, warte!«, bettelte Imatu. »Ich komme, um dich zu warnen … eine Frau mit vielen Kriegern … sie kommt!« »Eine Frau? Was für eine Frau?« Imatus Mutter runzelte die Stirn. »Eine weiße Frau! In dem Kanu eines Königs!« Inyam nahm Imatu bei den Schultern und schüttelte sie. »Du redest Unsinn! Wer hat dir Gin zu trinken gegeben?« Plötzlich vernahmen sie den Lärm schreiender Kinder, die den Pfad heraufliefen. Imatus Mutter starrte vor Staunen, als die weiße Frau mit ihrem kurzen roten Haar barfuß und ohne Kopfbedeckung aus dem Busch hervortrat und mit einem Kind auf dem Arm die schlammige Lichtung erreichte. An ihren Röcken hingen zwei Kinder, die fröhlich redeten. Imatu sah, dass der Junge namens Okin der Frau dicht auf den Fersen folgte und ein weiteres wimmerndes Kind im Arm hielt. Die zwei alten Sklavinnen gaben einen erschreckten Schrei von sich und verbargen sich sofort in der Hütte. Doch Inyam näherte sich der kleinen Gruppe, die nun mitten im Dorf stand. Imatu verbarg sich dicht hinter ihrer Mutter und spähte hinter deren Rücken hervor. »Oh, ich bin so froh, dich zu sehen!«, sagte die Fremde und schob das Kind auf die andere Hüfte. »Ich suche Häuptling Edem von Ekenge.« Inyam musterte die Frau von oben bis unten. »Du hast Krieger?«, fragte sie.

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»Krieger? Nein, nein.« Die Frau schüttelte den Kopf, während sie vergeblich versuchte, die müden, nassen Kinder zu beruhigen. »Ich komme als eine Freundin. Ich bin eine Jesus-Lehrerin.« Inyam legte die Stirn in Falten, als sie den merkwürdigen Namen hörte. »Jesus-Lehrerin? Ist das der König des Kanus?« »Der König des … was?« Dann fing die Frau an zu lachen. »Oh, das Kanu! Das Kanu gehört meinem Freund, König Eyo Honesty VII. von Creek Town. Der König hat mir sein Kanu geliehen, weil ich sonst keine Möglichkeit hatte, den Fluss heraufzukommen …« Genau in diesem Augenblick kam ein Mann vom Pfad her auf die Lichtung gerannt. Inyam erstarrte; Imatu erkannte, dass es der Steuermann des Kanus war. »Ma! Ma Slessor!«, schrie der Mann und keuchte vor Atemnot. »Die Paddler wollen die Verpflegung heute nicht mehr herbringen. Sie sagen, es sei zu dunkel; sie haben Angst vor den bösen Geistern im Wald. Sie wollen morgen kommen.« Einen Moment lang schienen die Schultern der Frau einzufallen. Dann hob sie ihren Kopf. »Nein, morgen ist Sonntag, Gottes Ruhetag. Ich kann sie nicht bitten, morgen für mich zu arbeiten. Es muss heute sein. Hier«, sagte sie zu der verblüfften Inyam und reichte ihr das Baby. »Passt du bitte auf die Kinder auf, bis ich zurückkomme? Anscheinend muss ich die Männer selbst zur Vernunft bringen. Komm, Akani.« Und mit diesen Worten verschwand die Frau wieder in dem bereits dunklen Wald, dicht gefolgt von dem Steuermann.

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Inyam konnte ihr nur mit offenem Mund nachblicken, während das Baby in ihren Armen schrie. Imatu zupfte ihre Mutter am Rock und zeigte auf den Topf mit Maisbrei, der immer noch auf dem leise flackernden Feuer vor sich hinkochte. »Wir können ihnen zu essen geben«, schlug sie vor. Sie hatte plötzlich Mitleid mit den Kindern, die gerade von ihrer »Mutter« zurückgelassen worden waren … oder wer auch immer diese weiße Frau war. Nicht lange danach stopften die fünf Kinder hungrig den Brei in ihre Münder, während die zwei alten Sklavinnen, die sofort nach dem Weggang der weißen Frau wieder aus der Hütte gekommen waren, die Kinder verhätschelten. »Keine Milch zum Trinken«, sagte Imatu zu dem Jungen namens Okin und zuckte die Schultern. »Ich habe die Ziege verloren.«

***

Imatu erwachte plötzlich. Der Regen hatte aufgehört, das Baby schlief in Inyams Armen, und die anderen Kinder der weißen Frau hatten sich auf Matten im Inneren der Hütte zusammengerollt. Doch sie erblickte das tanzende Licht vieler Taschenlampen, die sich dem Dorf näherten, und sie hörte das Schlagen der Trommeln und das Singen der Betrunkenen. Kehrte etwa die weiße Frau zurück? … Nein, die Taschenlampen kamen aus der Richtung von Ifako. Die Einwohner kamen von dem Begräbnis zurück. Inyam hatte den Lärm ebenfalls gehört, und sie versuchte, das Baby hinzulegen, ohne es zu wecken, als ein großer Mann mit flatterndem Gewand auf das immer noch flackernde Feuer zutrat.

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»Inyam!«, brüllte er ärgerlich. »Warum bist du nicht zum Begräbnis gegangen? Durch deine Abwesenheit beleidigst du mich und unser Nachbardorf!« Imatus Mutter rappelte sich hoch, ihr Blick war gesenkt. »Ich wollte dich nicht beleidigen, Schwager«, sagte sie. »Die Ziege, die mir mein toter Mann hinterließ, ist uns davongelaufen. Imatu und ich mussten sie suchen, damit wir deine großzügige Gastfreundlichkeit nicht noch mehr in Anspruch nehmen müssen.« »Eine sehr glaubhafte Geschichte!«, brüllte der Mann, der offensichtlich betrunken war. »Du hast sie wahrscheinlich selbst losgebunden, damit du eine Entschuldigung hast und nicht zum Begräbnis gehen musst, du unverschämte Frau! Und … was ist mit diesem Baby? Wessen Waisenkind hast du da aus dem Wald mitgenommen? Denkst du vielleicht, unser armes Dorf kann noch einen Mund mehr stopfen? Das lasse ich nicht zu! Ich …« »Häuptling Edem!« Die kräftige Stimme einer Frau drang durch die Nacht und übertönte das Raunen der durch den Alkoholgenuss verzerrten Stimmen. Die Blicke aller richteten sich auf den Pfad, der in Richtung Fluss führte, und das Stimmengewirr verstummte plötzlich. Die weiße Frau mit dem roten Haar trat in den Lichtkegel der Taschenlampen; ihr folgten eine Reihe von unglücklich dreinschauenden Männern, die alle möglichen Kisten und Bündel trugen. »Häuptling Edem«, sagt die Frau wiederum in Efik, indem sie sich an Inyams Schwager wandte. »Das

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Baby ist mein Adoptivkind. Ich bin Mary Slessor; erinnerst du dich an mich? Du und ich hatten vor fast zwei Jahren schon einmal ein großes Palaver, und du hast mich in dein Dorf eingeladen, damit ich das ›Buch‹ lehren kann. Nun, hier bin ich.« Die Augen des betrunkenen Häuptlings traten ihm fast aus dem Kopf. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder; doch er brachte keinen Laut hervor. Imatu hätte am liebsten gekichert, doch sie wagte es nicht. Dann hörte sie, wie ein hilfloses »Määäääh« die Stille unterbrach. Mary Slessor hielt ein Seil um das Handgelenk gewickelt, und angebunden am anderen Ende des Seils war – die vermisste Ziege.

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»Lauf, Ma! Lauf!«

H

äuptling Edem war über das Wiedersehen mit Mary Slessor so erstaunt, dass er seinen Ärger über Inyam und Imatu völlig vergaß. Mit keinem Wort mehr erwähnte er die entlaufene Ziege, die Imatu in der Nähe der Hütte ihrer Mutter festband. Der betrunkene Häuptling stolzierte davon, und Mary und die Männer vom Kanu konnten nun zusehen, wie sie es sich inmitten der Kisten und Bündel bequem machten, um ein bisschen zu schlafen. Früh am nächsten Morgen gab die rothaarige Frau den Paddlern von ihren Vorräten zu essen und schickte sie dann weg, damit sie König Eyo das Kanu zurückbringen konnten. Während der Häuptling und die meisten Einwohner des Dorfes noch ihren Rausch ausschliefen, sah Imatu, wie die Jesus-Lehrerin etwas Seltsames tat: Sie bedeckte eine ihrer Kisten mit einem hübschen Tuch. Auf das Tuch legte sie ein Buch und einen Strauß lila Orchideen und gelben Jasmin, die man am Rand des Waldes finden konnte. Dann begann sie, mit ein paar Kindern und Sklavinnen zu reden, die sich neugierig um sie herum versammelt hatten. »Dieses Buch ist die Bibel«, erklärte Mary. »Es ist Gottes Wort für alle Menschen – weiße Menschen wie mich und schwarze Menschen wie ihr. Es er-

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zählt die Geschichte von Gott, dem Vater, der euch liebt. Er hat sogar seinen Sohn Jesus gesandt, damit er die Strafe für alle unsere Sünden auf sich nimmt. Heute ist Sonntag, der erste Tag der Woche, den Gott dafür bestimmt hat, dass wir ihn anbeten und ihm für seine Liebe danken.« Sie sprach zwar in Efik, doch trotzdem schienen Imatu die Worte sehr fremd. Wovon sprach sie eigentlich? Die einzigen Götter, die Imatu kannte, waren böse Geister, die Leute verfluchten und einen Zauber auf die Menschen legten und zur Besänftigung ihres Zorns Blutopfer verlangten. Imatu hatte Angst vor Göttern; und sie traute diesem neuen Gott auch nicht. Doch sie mochte das sanfte Lächeln der Frau, das diese beim Sprechen aufsetzte. Imatu molk die Ziege und gab die Milch in einer Tonschüssel Marys Kindern zum Trinken, dazu ein paar Süßkartoffeln und Reis, den ihre Mutter gekocht hatte. Die merkwürdige Familie hatte ihr Lager inmitten der Kisten und Bündel aufgeschlagen; und Imatu hockte sich in ihre Nähe und beobachtete die Kinder beim Essen. Dann zeigte sie schüchtern auf jedes Kind und richtete einen fragenden Blick auf Mary. Mary lächelte und nickte. »Das ist Annie«, sagte sie, indem sie das Baby scherzhaft rüttelte. Dann berührte sie die beiden kleineren Jungen, die das Gesicht von Süßkartoffeln völlig verschmiert hatten. »Okot ist drei Jahre und Udo acht. Janie …« Mary umarmte das kleine Mädchen, das etwa sechs Jahre alt war. »Janie ist meine süße kleine Adoptivtochter, die schon bei mir war, als sie so ein kleines Baby war wie Annie. Und das hier ist Okin …«

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Der ältere Junge schaute verlegen. »Okin ist mir anvertraut«, fuhr Mary fort, »weil seine Mutter möchte, dass ich ihm über Gott und die Bibel Unterricht erteile. Ohne Okin käme ich nicht zurecht – er ist der Mann in der Familie, obwohl er erst elf ist.« »Ich bin schon zwölf«, warf Imatu stolz ein. »Mein Vater ist letztes Jahr gestorben, – deshalb leben meine Mutter und ich im Lager meines Onkels. Aber mein Onkel …« Imatus Stimme erstarb und ihre Augen weiteten sich plötzlich vor Angst. Der jetzt nüchterne Häuptling näherte sich der kleinen Gruppe in Begleitung einer sehr fülligen Frau und einem Jungen von etwa sechzehn Jahren. Die drei trugen ihre Festtags-Kleidung; und der Junge trug eine Trommel über der Schulter, die an einem Schlangenhautriemen befestigt war. Hatte ihr Onkel zugehört? Doch Häuptling Edem beachtete Imatu überhaupt nicht, sondern sprach den Gast an. »Wir heißen dich willkommen, Ma Slessor!«, dröhnte er, als sei sie gerade erst angekommen. »Das ist Etim, mein ältester Sohn, der nach mir Häuptling sein wird. Und das ist meine Schwester Eme Ete. Sie wird dir die Hütte für dich und deine Kinder zeigen. Sie befindet sich in dem Bereich der Frauen. Du bist unser Ehrengast.« Mary Slessor dankte dem Häuptling herzlich und folgte seiner großen Schwester in das Lager des Häuptlings, während Etim dazu die Trommel schlug. Da nun der Häuptling die weiße Frau offiziell willkommen geheißen hatte, drängten auch alle an-

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deren Dorfbewohner hinzu, da sie nichts verpassen wollten. Die Kinder zwickten die Neue, um zu sehen, ob die Haut der Frau dieselbe war wie ihre eigene; die Frauen berührten ihr gerades kurzes Haar und lachten. Doch »Ma Slessor« lächelte nur und lachte mit ihnen, als sie ihr Gepäck hinter den Zaun des Lagers des Häuptlings schleppte.

*** Am nächsten Morgen bemerkte Imatu beim Erwachen, dass Ma Slessor und eine belustigte Eme Ete – die übrigens jeder »Ma Eme« nannte – energisch die schmutzige Hütte mit Palmzweigen ausfegten, das eingefallene Dach mit frischen Palmblättern ausbesserten und den Eingang mit einer Stoffgardine versahen. Die Kisten und Bündel wurden in der Hütte verstaut, obwohl sie bei Nacht alle wieder herausgeholt werden mussten, so dass die weiße Ma und ihre Kinder drinnen schlafen konnten. Imatu verließ diesen interessanten Platz und brachte die vier Ziegen aus dem Lager des Häuptlings in den Wald, wo sie ihr Futter suchten; das war Imatus tägliche Aufgabe. Heute nahm sie das Seil, das um den Hals der Ziege ihrer Mutter gebunden war, nicht ab, damit sie auf keinen Fall ein zweites Mal davonlaufen würde. Als sie am Nachmittag zurückkehrte, redete Ma Slessor mit ihrer Mutter und einigen anderen »unbedeutenderen« Frauen und den Sklavinnen des Häuptlings. »… damit ihr lernt, wie man das ›Buch‹ liest«, sagte die weiße Frau gerade.

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»Aber wir sind doch Frauen«, protestierte Inyam. »Der Häuptling wird das niemals erlauben.« »Und wir sind doch nur Sklavinnen«, bemerkten einige andere Frauen bitter. »Das ist völlig gleichgültig«, beharrte Ma Slessor. »Ich hatte mit dem Häuptling eine Unterredung. Wenn einer lesen lernt, müssen alle lesen lernen, sei es Häuptling oder Sklave, Mann oder Frau oder Kind. Das ist meine Bedingung!« Und tatsächlich versammelte sich eine neugierige Gruppe von etwa dreißig Männern, Frauen und Kindern, Sklaven und Freien, zur ersten Unterrichtsstunde bei der Missionarin. Ma Slessor hielt eine Tafel hoch, auf der ein merkwürdiges Zeichen stand, und machte einen Laut dazu. Jeder musste diesen Laut wiederholen. Dann drehte sie die Tafel um und kritzelte ein neues merkwürdiges Zeichen auf die andere Seite und machte einen anderen Laut dazu. Daraufhin wiederholte jeder den zweiten Laut. Dann wechselte sie zwischen den beiden Zeichen hin und her, das jedes einen eigenen Laut darstellte. »Sie lehrt uns das Efik-Alphabet«, flüsterte Okin Imatu ins Ohr. Imatu war begeistert. Würde sie wirklich lesen lernen? Sie blickte auf und erkannte ihren Cousin Etim, den Sohn des Häuptlings, der mit seiner Trommel abseits stand und vor sich hin grinste. Er sagte keinen Ton, doch sie konnte seine abschätzige Miene lesen: Bah! Lesen ist etwas für Frauen und Kinder. Der Sohn des Häuptlings wird sich mit solch weibischen Dingen nicht beschäftigen!

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Imatu blickte weg. Ihr war es egal, was dieser dumme Etim dachte.

*** Der Leseunterricht wurde am frühen Abend erteilt, sobald die Sklaven ihre Arbeit beendet hatten. Ihre Aufgabe bestand darin, das Land der »Farmen« ihrer Herren zu bearbeiten – kleine Felder, die in den Lichtungen zwischen dem Wald verstreut lagen –, auf denen jede Großfamilie Süßkartoffeln und Maniokwurzeln, rote Paprika, Mais, Bohnen und Reis anbaute. Die Kinder eines jeden Lagers molken die Ziegen und fütterten die mageren Hühner, die die Familien mit Eiern versorgten, und manchmal auch mit Fleisch, so dass ein Gemüsetopf damit verfeinert werden konnte. Männer und Jungen gingen auch zum Fischen im Calabar-Fluss, um den dürftigen Speisezettel etwas zu bereichern. Ma Eme hatte noch ein Stück Land in der Nähe ihres alten Dorfes, in dem sie gelebt hatte, bevor ihr Mann starb und sie Witwe wurde. Einige Tage nach der Ankunft von Ma Slessor, als der August-Regen ein bisschen schwächer geworden war, hatte die Schwester des Häuptlings angekündigt, sie wolle ihre Farm besuchen, weil eine ihrer Sklavinnen schwanger war und bald ein Baby bekam. Ma Slessor fragte höflich, ob sie sie begleiten dürfe. Ma Eme war darüber erfreut, und so machten sie sich zusammen mit dem Baby Annie und den drei Jungen von Ma Slessor auf den Weg. Doch die sechsjährige Janie war in einen Dorn getreten und konnte eine solche Strecke nicht bewältigen.

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