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Eckart zur Nieden
Vier in einer KajĂźte
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1. Auflage der Lizenzausgabe 1999 © 1978 by Christliches Verlagshaus Stuttgart © der Lizenzausgabe 1999 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-89397-419-9
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Nun gut, ich will euch meine Erlebnisse erzählen, auch wenn ich mich dazu überwinden muss. Vielleicht ist es gut, dass ihr mich hierzu nötigt. Nicht, dass ich euch etwas verheimlichen wollte. Aber ihr wisst sicher selbst, dass es Erfahrungen gibt, die man gern überall auftischt, und wieder andere, die es nicht vertragen, ausposaunt zu werden. Man hat Angst, die zarte Pflanze, die da im eigenen Herzen gewachsen ist, zu zerstören, wenn man ihre Wurzeln aus dem Erdreich gräbt. Aber ihr seid meine Freunde. Ich hoffe, bei euch Verständnis zu finden, auch wenn ich Dinge zu erzählen habe, die euch merkwürdig scheinen, ja die mir selbst noch fremd sind, die ich nur staunend und fast wie ein Außenstehender in mir selbst wachsen sehe. Vielleicht kann mein Bericht dazu helfen, mir selbst darüber mehr Klarheit zu verschaffen. Darum will ich alles mit allen Einzelheiten wiedergeben. Allerdings erfordert es Geduld. Einige Stunden wird meine Erzählung wohl verschlingen. Ihr macht so ernste Gesichter – ich merke, meine Einleitung ist wohl etwas feierlich geraten. Nun gut. Aber meine Erlebnisse vertragen es durchaus, dass ihr ab und zu ein Schlückchen trinkt. Gießt euch Wein nach! Es ist ein guter Tropfen. Mein Vater hat ihn aus Südfrankreich kommen lassen. Zum Wohl! Meine Geschichte beginnt am 25. Mai 1794, vormittags gegen elf Uhr. Das ist die Stunde, in der ich zum ersten Mal meinen Fuß auf die Deckplanken der »Egmont« setzte. Sie war ein niederländisches Schiff, klein, aber see5
tüchtig, wie uns versichert worden war. Mein Vater hatte Erkundigungen eingezogen. Er war verständlicherweise darum besorgt, dass seine Tuchballen, Werkzeuge und andere Güter gut in die Kolonialgebiete gelangten. Und natürlich auch, dass ich, sein Sohn, das Ziel wohlbehalten erreichte. Es war die erste Reise, auf die er mich schickte, die über den Bereich der Nordsee hinausging. Über Monate hatte er alles, von dem er glaubte, dass es in der neuen Welt gebraucht werden könnte, in unserem Lager in Amsterdam zusammengetragen. Ich hatte die Fracht nach den Westindischen Inseln zu begleiten, dort möglichst teuer abzusetzen, von dem Erlös Landesprodukte zu kaufen und damit bei nächster Gelegenheit wieder zurück zu segeln. Der Kapitän begrüßte mich freundlich, aber nicht überschwänglich. Wir hatten keine Verständigungsschwierigkeiten, da die niederländische Sprache der unseren ja recht ähnlich ist. Er war ein kräftiger, bärtiger Mann von etwa sechzig Jahren, ziemlich genau das Abbild von dem, was man sich unter einem alten Seebären vorstellt. Auf mich wirkte er sehr vertrauenerweckend. Da auch das Verladen der Fracht reibungslos und schnell vor sich ging – ich überwachte die Arbeiten –, konnte ich mit dem Beginn des Unternehmens zufrieden sein. Die erste Enttäuschung kam, als ich den Kapitän bat, mir nun meine Kajüte zeigen zu lassen. »Ja, Ihr müsst wissen, Herr« –, druckste er, »unsere ›Egmont‹ ist klein und – da ist nicht viel Platz …« »Nur gerade heraus. Was ist mit meiner Kajüte? Ist sie sehr klein?« »Ganz und gar nicht, sie ist sehr groß, nur – es ist nur eine. Und wir haben vier Passagiere.« 6
»Heißt das etwa, dass ich die Kajüte mit vier anderen teilen muss?« Er nickte nur. Das war ärgerlich. Als zahlender Fahrgast hatte ich nicht nur Anspruch auf eine eigene Kabine, ich konnte auch mit Recht erwarten, bevorzugt behandelt zu werden, da ich fast die Hälfte des Schiffsraums für meine Waren gemietet hatte. Aber so recht zornig konnte ich nicht sein. Das Wetter war herrlich, die Verladearbeiten hatten vorzüglich geklappt, meine frohe Stimmung war mir zu schade, sie von einer Laune überschatten zu lassen. Außerdem war mir der Kapitän so sympathisch, dass ich mich scheute, ihm eine Szene zu machen. »Kommt mit mir, Herr«, bat er und ging nach achtern. Die Heckaufbauten waren in der Höhe des Achterdecks unterteilt. Auf der Steuerbordseite hatte der Kapitän seine Kajüte mit Kartentischen und was so dazugehört; auf der Backbordseite war ein gleich großer Raum für Passagiere vorgesehen. Beide stießen aber nicht direkt aneinander, sondern hatten etwa den Abstand der ausgebreiteten Arme eines Mannes. Den Zwischenraum nahm eine Kammer mit Tauwerk ein und vorn war eine Treppe, die zum Achterdeck hinaufführte. Der Kapitän wies auf die niedrige Tür und bat mich einzutreten. Ich bückte mich und betrat den Raum, der – was ich freilich noch nicht wusste – Ort der Handlung für manche dramatischen Erlebnisse auf dieser Fahrt werden sollte. Die Kajüte war nicht klein, aber niedrig. Kaum konnte ich aufrecht unter den Balken hindurchgehen, die das darüber liegende Deck trugen. Rechts von der Tür, an der gleichen Wand wie diese, standen zwei Kojen trotz des niedrigen Raumes 7
übereinander, weshalb die untere ohne Beine fast auf dem Boden lag. Ebenso war es an der Wand links, die unsere Kajüte von dem Treppenaufgang trennte. Die beiden anderen Seiten – wobei man sich den Raum nicht genau rechteckig wie in einem Haus vorstellen muss, sondern durch die nach hinten enger zulaufende Schiffsform etwas verzogen – die beiden anderen Seiten waren durch Luken unterbrochen, kleine Fenster, die sich zum Teil auch öffnen ließen. In der Mitte stand ein schwerer Tisch, drumherum einige Hocker, bestehend aus einer runden Sitzfläche und einem einzigen Bein in der Mitte, das im Boden befestigt war. Auf einem dieser Hocker saß ein älterer Herr, sauber, wenn auch nicht vornehm gekleidet, und schrieb. Ein weiterer Mann – in der Mitte der Jahre – stand an einem der Fenster und sah dem bunten Treiben im Hafen zu. Er war auffallend groß und breitschultrig. Auf ihn wies der Kapitän und sagte, während dieser sich langsam umwandte: »Darf ich bekannt machen: Herr Weißgerber aus Straßburg. Und hier sitzt Herr – pardon, wie war doch gleich Euer Name, mein Herr?« Der Mann am Tisch reagierte gar nicht auf die Frage. Ob er so sehr in seine Schreibarbeit vertieft war, dass er sie überhört hatte, oder ob er nicht antworten wollte, war nicht zu erkennen. Glücklicherweise fiel dem Kapitän nach einigen Augenblicken der Verlegenheit der Name wieder ein. »Äh – Veit, nicht wahr? Aus Bayern.« Der Herr Veit sah kurz auf und nickte wortlos. Sein Gesicht ließ dabei aber keinen abweisenden Ausdruck erkennen, wie ich erwartet hatte, sondern eher einen leeren, nichtssagenden. »Meine Herren«, fuhr der Kapitän fort, »Herr Linz 8
ist der vierte Passagier. Er ist Kaufmann und ihm gehört, was wir heute an Bord genommen haben.« Er sah mich an und bemerkte offenbar, dass ich mich hier nicht recht wohl fühlte. Sein Blick erschien mir mitleidig und fast entschuldigend. Langsam öffnete er den Mund, als wollte er mir noch etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder und wandte sich wortlos ab. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um. »Ich sagte den Herren wohl schon, dass sie gern noch einmal an Land gehen können. Wir haben noch allerlei zu erledigen und Proviant und Frischwasser an Bord zu nehmen. Morgen sehr früh werden wir mit der Flut auslaufen. Herr Linz, ich lasse sogleich Euer Privatgepäck bringen.« Dann schloss er die Tür und ich war mit den zwei abweisenden Personen allein in diesem Raum, der nun für einige Wochen meine Herberge werden sollte, ohne das Empfinden von Geborgenheit in mir zu wecken. Der Mann am Fenster deutete auf die Kojen neben der Tür. »Die obere ist noch frei. Unten hat schon einer belegt. Der ist nur noch mal an Land gegangen. Herr Veit und ich liegen hier drüben.« Er sprach mit stark französischem Akzent. »Vielen Dank!«, nickte ich mit freundlichem Lächeln zu ihm hinüber, bestrebt, dieses kleine Anzeichen von menschlichem Interesse zu beachten, wie man ein kleines Zündflämmchen im Ofen hegt, bis es stark genug ist, selbst seine Nahrung zu finden. Ich inspizierte meine Koje. Sie war alles andere als bequem und ich hatte Schwierigkeiten, überhaupt hineinzukommen. Da mein Gepäck noch nicht da war, beschloss ich, noch ein wenig an Land zu gehen. Ich würde ohnehin lange genug in diesem Käfig eingesperrt sein. »Ich vertrete mir noch ein wenig die Beine an Land«, 9
sagte ich laut. Niemand reagierte. Offenbar war das kleine Flämmchen wieder erloschen. Es würde wohl recht kühl unter uns bleiben. Es begann dunkel zu werden. Das Treiben im Hafen wurde weniger hecktisch. Die Schauerleute verließen müde ihr Tagewerk und schlichen nach Hause. Irgendwie musste ich sie beneiden. Es ist etwas wunderbares, mit einer gesunden Müdigkeit in die Geborgenheit des eignen Heims zurückzufinden, ins eigne Bett zu sinken. Aber ich will zugeben, dass ich nicht sicher bin, ob ich mir das nur einbilde. Ich habe nämlich noch nie einen ganzen Tag schwer körperlich gearbeitet, sondern immer nur zugesehen und beaufsichtigt. Gemächlich schlenderte ich am Kai entlang und ließ mich von der Hafenatmosphäre gefangennehmen. Schiffe aus ganz Europa lagen dort: hier ein Engländer, dort ein Portugiese, da ein Norweger. Ich liebe dieses Bild, vielleicht, weil ich es von meiner Kindheit an kenne: Das Gewirr der Masten, Rahen und Taue zergliedert den rötlichen Abendhimmel in tausend kleine Stücke. Die Luft ist erfüllt vom Geruch des Seewassers und des Teers. Knarren und Ächzen von Holz und Hanf, das sich durch die leicht schaukelnde Bewegung der Schiffe reibt. Das Geschrei der Möwen mischt sich in das Geschwätz der Leute, die an Bord oder an Land ihre Arbeit verrichten oder einfach vorübergehen. Lautes Lachen in einer kleinen Hafenkneipe lockte mich, einzutreten. Wenn ich nun gezwungen war, wochenlang mit griesgrämigen Männern meine Kajüte zu teilen, konnte es gut sein, vorher noch ein wenig Fröhlichkeit zu atmen. Der Raum war von wenigen Tranfunzeln spärlich erleuchtet. Eine stickige Luft schlug mir entgegen. Trotzdem trat ich ein und setzte mich an ein leeres Tisch10
chen in einer Ecke. Eine Schar portugiesischer Seeleute grölte und lachte laut, an einigen anderen Tischen unterhielten sich kleinere Gruppen von Männern. Der Wirt brachte mir ein Glas Wein und etwas Brot und Käse. Ich trank und aß und döste ein wenig vor mich hin, in Gedanken schon mit dem fernen Land beschäftigt, das ich bald betreten wollte. Als der Lärm immer lauter wurde und die Laune einem Höhepunkt zustrebte, riss mich das Treiben aus meinen Grübeleien. Die Portugiesen hatten einige Männer von den Nachbartischen zum Trinken eingeladen. Die machten auch freudig mit, obwohl die Verständigung schwierig war. Nur ein Mann stierte schweigsam vor sich in sein Glas und reagierte nicht auf die lauten Zurufe der Seeleute. Schließlich packte ihn einer am Oberarm, um ihn aufzurichten. Da schnellte der blitzartig hoch, so dass der Tisch wankte und das Weinglas umfiel, und brüllte den Portugiesen auf deutsch an: »Rühr mich nicht an!« Für einige Augenblicke herrschte Totenstille, dann brach aus der Gruppe der Seeleute ein Schwall von Worten hervor. Beleidigt, entrüstet über diese Reaktion drängten die Männer näher an den Deutschen heran. »Wirt, schafft mir diese Leute vom Hals!«, rief der. Der Wirt verstand ihn wohl, sah aber weder Möglichkeit noch Veranlassung, diesem Wunsch nachzukommen. Da ich durch meine spanischen Sprachkenntnisse die Portugiesen gut verstand – beide Sprachen sind ja eng verwandt – fühlte ich mich verpflichtet, hier dolmetschend und schlichtend einzugreifen. Ich sagte den Seeleuten ein paar beruhigende Worte und redete dem Deutschen zu, er möge sich doch etwas freundlicher zeigen oder lieber in einem anderen Lokal weitertrinken. 11
Da kam ich aber schlecht an. »Ich trinke, wo ich will«, brüllte er. »Und über mein Verhalten lasse ich mir keine Vorschriften machen! Was geht Euch das überhaupt an?« Während er sich in Eifer redete, kam er, einige andere energisch beiseite schiebend, zu mir herüber. Es sah so aus, als wollte er handgreiflich werden. Da verständigten sich die Portugiesen mit ein paar Worten, packten den Mann an Armen und Beinen und warfen ihn ziemlich roh durch die Tür auf die Straße hinaus. Der Deutsche wurde noch wütender. Er rappelte sich auf und versuchte, wieder hereinzukommen. Es schien sich eine Schlägerei zu entwickeln. Und ich – ja, es war wohl nicht besonders heldenhaft, aber derlei Roheiten sind mir zuwider – ich bat den Wirt, mir den Hinterausgang zu zeigen und verschwand. Schließlich hatte ich einen Versuch zur Schlichtung gemacht und es lag mir wahrlich nicht daran, mich vor der Abreise noch von einem verrückten Landsmann oder einigen betrunkenen Seeleuten verprügeln zu lassen. Es war vollends dunkel geworden, als ich die »Egmont« erreichte. Da ich müde war und auch nicht das geringste Bedürfnis verspürte, mit meinen mürrischen Kabinengenossen eine lustlose Konversation zu pflegen, legte ich mich schweigend in meine Koje und schlief bald ein. Ich wurde erst wieder wach, als das laute Treiben an Bord begann. Eiliges Getrappel an Deck, Stimmengewirr, dazwischen Befehle. Der Anker wurde gelichtet, wir liefen aus. Diesen Anblick wollte ich mir nicht entgehen lassen, sprang aus dem Bett, schlüpfte in meine Kleider und trat aus der Kajüte. Schon immer hat es mich eigenartig ergriffen, wenn ich eine Hafenstadt vom Schiff aus kleiner und kleiner werden sah. Diesmal jedoch bewegte es mich ganz besonders, vielleicht wegen der 12
langen Reise, die nun vor mir lag, vielleicht auch wegen der besonderen Umstände, unter denen ich sie anzutreten hatte. Um die Seeleute bei ihren Pflichten nicht zu stören, drückte ich mich in eine Ecke und heftete meinen Blick versonnen auf das kleine Stück Europa und damit Heimat, das da im heraufdämmernden Tag immer ferner rückte. Es war mir, als ließe ich damit ein letztes Stück meiner Kindheit zurück, um nun endgültig als Mann in eine neue Welt einzutreten, die mich nicht willkommen hieß, so wie mich bisher alle neuen Lebensabschnitte willkommen geheißen hatten, sondern die erobert, bezwungen werden wollte. Mich fror. Ich ging zurück, um mich noch ein wenig hinzulegen. Es war, wie gesagt, etwas mühsam, mein Nachtlager zu erreichen und darum unvermeidlich mit einigem Lärm verbunden. »Ruhe!«, brüllte es da plötzlich. Ich fuhr erschreckt zusammen. Die Stimme kam aus der unteren Koje. Unser vierter Passagier musste offenbar in der Nacht an Bord gekommen und zu Bett gegangen sein, ohne dass ich davon aufgewacht war. »Entschuldigung«, murmelte ich, »es ist ein bisschen schwierig, in die Koje zu kommen. Entschuldigt, dass ich Euch geweckt habe!« Die Worte waren ihm aber offenbar schon zu viel. »Ruhe, habe ich gesagt!«, presste er hervor und wollte sich wütend aufrichten. Dabei stieß er aber unglücklich mit dem Kopf an mein Bett, da es ja zwischen beiden nur wenig Raum gab. Er unterdrückte einen Fluch und wandte sich vollends mir zu. Wir erschraken beide – es war der Mann, mit dem ich am Abend vorher in der Gaststätte aneinander geraten war. Mir gefror das Blut in den Adern. Nicht, dass ich befürchtete, er werde nun seine Prügelei fortsetzen 13
wollen. Aber der Gedanke, mit solch einem wüsten Gesellen mehrere Wochen auf engstem Raum zusammenleben zu müssen, vertrieb mir den letzten Funken Hoffnung, ich könnte der Reise doch noch eine angenehme Seite abgewinnen. Ich konnte beobachten, wie es hinter seinen Zügen arbeitete. Er erinnerte sich offenbar an mich, sagte aber nichts. Jetzt schien es ihm wohl nur wichtig, festzustellen, ob ich auch nicht über sein Missgeschick lachte, dass er sich den Kopf angestoßen hatte. Sicher wäre er sogleich über mich hergefallen, wenn auch nur ein leichtes Schmunzeln meine Mundwinkel verzogen hätte. Aber zum Lachen war mir überhaupt nicht zumute. So starrten wir uns nur einige Augenblicke lang schweigend an. Dann löste ich meinen Blick aus dem seinen und begann, mich wieder in meine Koje hinaufzuarbeiten. Oben angekommen, drehte ich mich zur Wand und vergrub mich unter meine Decke. Mir war elend zumute. Am liebsten hätte ich den Kapitän gebeten, zu wenden und Amsterdam wieder anzulaufen. Aber das ging natürlich nicht. Ich konnte nicht anders, ich musste die kommenden Wochen auf dem Atlantik irgendwie hinter mich bringen, diese Wochen ohne Familie und Freunde, dafür mit drei mürrischen Männern zusammengepfercht. Am besten war es wohl, ich dachte gar nicht viel über meine Lage nach, vertiefte mich statt dessen in Erinnerungen an zu Hause oder malte mir aus, was mich wohl erwarten könnte, wenn ich nach erfolgreich abgeschlossener Geschäftsreise wieder wohlbehalten ankommen würde. Der Herr Weißgerber, der gestern als Einziger ein freundliches Wort mit mir gewechselt hatte, schälte sich aus seinem Bett und begann sich anzukleiden. Sein Nachbar über ihm, der Bayer, folgte. 14
Da klopfte es an die Kajütentür. Niemand von uns Vieren schien sich verantwortlich zu fühlen, hereinzubitten, wer immer da Einlass begehren mochte. Erst als es noch einmal heftiger klopfte, rief Weißgerber: »Bitte!« Ich streckte meinen Kopf etwas zur Seite, um beobachten zu können. Ein langer, hagerer Mann betrat – sich tief bückend – die Kajüte. Er trug ein Tablett mit Geschirr, einem Brotkorb und einer riesigen Kanne. »Guten Morgen, die Herren!«, rief er fröhlich. »Der Herr Christus segne Euch! Ich bringe das Frühstück.« Einige Augenblicke herrschte Verblüffung über diesen frommen Gruß, den hier beim besten Willen niemand erwartet hätte. Dann brach der Mann unter mir plötzlich in schallendes Gelächter aus. Laut brüllend wälzte er sich aus dem Bett, setzte sich auf die Kante und schlug sich auf die Schenkel. »Der – der –«, begann er ein paar Mal, aber was er sagen wollte, wurde immer wieder von seinem dröhnenden Gelächter niedergewalzt. Endlich – während der ganzen Zeit stand der Eingetretene schweigend, aber durchaus nicht verlegen dreinblickend, mit dem Tablett in der Hand da – endlich brachte der Mann unter mir heraus: »Der Herr Christus segne uns. Er bringt das Frühstück.« Und schon wieder brach vulkanartig ein neues Gelächter aus ihm hervor. Weißgerber ließ sich nur zu einem leichten Schmunzeln anstecken und Veit sagte mit todernstem Gesicht: »Sehr komisch!« – wobei ich nicht wusste, ob er das auch so meinte oder den Lacher rügen wollte. »Stellt es nur da hin«, bat Weißgerber und wies auf den Tisch. Der Hagere begann etwas tollpatschig – offenbar war er an die leichte Schaukelbewegung des Schiffes nicht gewöhnt, das Geschirr auf dem Tisch auszubreiten. 15
Als sich mein Untermann etwas beruhigt hatte und nur noch ab und zu gluckste, fragte Veit, der Bayer: »Wer seid Ihr? Werdet Ihr uns immer das Essen bringen?« »Mein Name ist Buchenau, Herr«, antwortete der Hagere. »Ich bin dem Koch zugeteilt. Ich soll ein wenig in der Küche helfen und für Euer leibliches Wohl sorgen.« »Kein Seemann, was?«, fragte ich. »Sieht man das sofort?« »Ja, am Gang. Außerdem, wenn Ihr Seemann wärt, würdet Ihr wohl nicht Koch und Küche sagen, sondern Smutje und Kombüse.« Weißgerber mischte sich ein: »Wie kommt Ihr hier auf die Egmont?« »Ich gehöre genau genommen nicht zur Besatzung, sondern bin Passagier wie Ihr, der nach den Westindischen Inseln will. Aber da ich kein Geld für die Überfahrt habe, hat mich der Kapitän freundlicherweise so mitgenommen, unter der Bedingung, dass ich an Bord helfe, so viel und so gut ich’s kann.« »Und was habt Ihr am Ziel vor? Wollt Ihr dort siedeln? Ohne Geld wird das schwierig sein!« »Nein, ich möchte den armen Sklaven das Evangelium verkündigen.« »Was?« »Ich bin ein Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine.« Man schwieg allgemein. Sogar mein Untermann lachte nicht mehr. Was sollte man auch dazu sagen? Ich wusste nicht, was ich nun noch hätte fragen können. Mit einem Mann, der als Kombüsenjunge ohne Geld über den Ozean fährt, um »armen Sklaven das Evangelium zu verkündigen«, wusste ich beim besten Willen nichts anzufangen. Allein, dass sich jemand für Sklaven interessierte und in ihnen etwas 16
anderes als Arbeitskräfte sah, war mir neu. Von Herrnhut hatte ich allerdings schon gehört. Es sollte eine von der Kirche unabhängige schwärmerische Bewegung sein. Inzwischen war der Frühstückstisch hergerichtet. Die beiden, die schon aufgestanden waren, machten sich über das Essen her, während sich der Herrnhuter zurückzog, nicht ohne uns eine »gesegnete Mahlzeit« zu wünschen. Auch wir beiden kleideten uns an und setzten uns zum Frühstück hin. Auch jetzt entwickelte sich kaum ein Gespräch. Nur ab und zu flogen ein paar Satzfetzen hin und her. Ich erfuhr dabei, dass der Mann, den ich im Hafen kennen gelernt hatte, Oertzen hieß und aus Preußen stammte. Mehr wussten die anderen offenbar auch nicht über ihn. Ich hatte nun Gelegenheit, ihn gründlich zu betrachten. Er war nicht übermäßig kräftig gebaut, aber anscheinend zäh. Auffallend waren seine ruckartigen, energisch wirkenden Bewegungen und seine stechenden Augen. Im sechsten Lebensjahrzehnt mochte er schon sein, jedenfalls sah er hier älter aus, als er mir in jener Kneipe beim schwachen Tranlicht erschienen war. Als ich in die Runde sah, schien es mir, als wären alle dabei, über ihr Brot hinweg die anderen sorgfältig zu mustern. Später kam der fromme Hagere wieder und räumte das Geschirr ab. Niemand hänselte ihn. Vielleicht, weil er mit seinem mutigen Unternehmen uns doch einige Hochachtung abnötigte, vielleicht auch nur aus Lustlosigkeit. Den ganzen Tag blieb ich an Deck. Nicht nur, weil die Fahrt bei Sonnenschein und leichter Brise durch den Kanal etwas Erhebendes und die Verrichtungen 17
der Seeleute interessant zu beobachten waren. Vor allem, weil ich in der Kajüte das Gefühl hatte, die ohnehin schon drückend niedrige Decke müsse mir auf den Kopf fallen. Die ersten Tage unserer Reise verliefen ohne erwähnenswerte Ereignisse. Wir machten mäßige Fahrt. Ich hatte mir angewöhnt, mich auch bei schlechtem Wetter an Deck aufzuhalten. Gelegentlich ergab sich ein Gespräch mit dem Kapitän oder dem Bootsmann oder mit einem der anderen Männer der Besatzung. Sonst hatte ich keine Abwechslung. Aus lauter Verlegenheit ging ich wieder einmal meine Warenliste durch oder stieg auch mal in den Laderaum hinab, um alles zu inspizieren. Einmal kam ich kurz mit dem Herrnhuter ins Gespräch. Aber sein Wesen und sein Reden waren mir so fremd, dass ich ihm durch solch eine oberflächliche Konversation nicht näher kam. Nichtsdestoweniger nickte er mir jedesmal freundlich zu, wenn er an mir vorbeiging. Ich empfand das als angenehm in dieser sonst so unhöflich rauen Männergesellschaft und nickte allemal zurück oder rief ihm ein nichtssagendes Grußwort nach. Der Hagere hatte noch eine Bedeutung für mich. Immer, wenn ich ihn in die Kajüte gehen sah, wusste ich, dass die nächste Mahlzeit aufgetischt wurde. Dann galt es, sich wieder für einige Zeit – keine Minute länger als nötig – der frostigen Atmosphäre unter meinen Mitreisenden auszusetzen. Diese waren offenbar allmählich in ihrem Verhältnis zueinander ein klein wenig aufgetaut. Geredet wurde auch jetzt noch nicht viel. Aber einmal spielten sie Karten, ein anderes Mal spielten Weißgerber und Oertzen Schach, während Veit schrieb. Das tat er 18
übrigens oft, anscheinend führte er sehr gründlich Tagebuch. Dieser eintönige und immer gleiche Tagesablauf änderte sich erst, als ein Sturm aufkam. Wir hatten die Höhe der Azoren noch nicht erreicht. Ich konnte unmöglich an Deck bleiben. Meine Mitreisenden luden mich zum Kartenspiel ein. Das war mir recht. Eine andere Beschäftigung hatte ich nicht und ich brauchte etwas, um mich von dem unangenehmen Gefühl abzulenken, das mich jedesmal ergriff, wenn die »Egmont« sich heftig neigte. Es war wohl eine Mischung aus Angst und Seekrankheit, beides nicht ganz, aber von beidem etwas. Die Regeln des Kartenspiels waren mir noch unbekannt. Während sie mir alles erklärten, muss ich wohl einen ziemlich beschränkten Eindruck gemacht haben. Jedenfalls lachten sie über meine Begriffsstutzigkeit. Das ärgerte mich aber nicht im Geringsten, denn ohne solch ein Lachen – auch wenn darin viel Spott lag – wäre die Gesellschaft der drei noch schwerer zu ertragen gewesen. Nun aber begann fast so etwas wie Gemütlichkeit aufzukommen. Der Sturm wurde in den nächsten Tagen noch heftiger. Der Kapitän ließ den größten Teil des Segelzeugs einholen. Ich blieb weiter in der Kajüte. Das Kartenspiel – wir fingen nun an, kleine Geldbeträge einzusetzen – erwies sich als die ideale Beschäftigung. Man konnte dabei schweigen, wenn man wollte, man konnte aber auch über die Karten hinweg eine knappe Unterhaltung führen. Ich fühlte mich dabei – ich muss es gestehen – ein wenig wie ein Kind, das zum ersten Mal unter Männern sein darf. Weniger wegen meines Alters – jeder der drei war alt genug, dass er mein Vater hätte sein können. Nein, vielmehr wegen der fremdartigen rau19
en Welt, in die ich hier eingetreten war. Bei uns zu Hause wurde ja nicht Karten gespielt, dabei getrunken und rohe Witze gemacht. Veit passte da wohl auch nicht so ganz hinein. Er musste – ähnlich wie ich – vornehm erzogen worden sein. Aber offenbar erregte es auch ihm ein gewisses Wohlgefühl, sich dieser Situation gewachsen zu zeigen. Bald war ich von dieser Atmosphäre in unserer Kajüte so gefangengenommen, dass ich einmal sogar laut mitlachte, als der Herrnhuter mitsamt seinem Geschirr bei einer heftigen Schlingerbewegung des Schiffes in eine Ecke flog. Dass das eigentlich ganz gegen meine Art war, merkte ich erst, als es ihm trotz aller Mühe nicht gelingen wollte, die verlorenen Dinge wieder aufzusammeln und er mich, während er sich an einem Bettpfosten festhielt, hilfesuchend ansah. Ich sprang hinzu, las auf, was noch zu gebrauchen war und sagte ihm ein paar mutmachende Worte. Ein weiteres Ereignis hatte noch mehr Einfluss auf die allmähliche Bildung eines gewissen kumpanenhaften Zusammengehörigkeitsgefühls unter uns, von dem ich in den ersten Tagen so gar nichts bemerkt hatte. Wir hatten die großen Teile unseres Gepäcks in einer Ecke zusammengestellt und mit einem Tau festgezurrt. Im Laufe der Zeit hatte dieses etwas von seiner Spannkraft verloren. Oertzen wollte es neu festziehen, musste es zu dem Zweck aber erst lösen. In dem Moment holte die »Egmont« gerade weit über. Seine schwere Seekiste, die auf den anderen Kisten stand, kam ins Rutschen. Oertzen stemmte sich dagegen, merkte aber, dass er sie nicht allein halten konnte und rief laut um Hilfe, weil er fürchtete, das schwere Stück könnte auf ihn fallen. Wir sprangen hinzu und konnten die Kiste halten, vermochten aber nicht auf dem schwankenden 20
Grund, wo uns selbst der Halt fehlte, sie wieder an ihren richtigen Platz zu heben. Wenn sie nicht fest stand, ehe das Schiff wieder nach der gefährlichen Seite schlingerte, konnte sie vielleicht nicht mehr gehalten werden. Weißgerber, der Kräftigste von uns, erkannte die Gefahr. Er sprang auf die anderen Kisten und zog das schwere Stück nach oben, während wir schoben. In diesem Augenblick setzte wieder die Rollbewegung des Schiffes ein. Als es seinen stärksten Neigungswinkel hatte, konnten wir drei uns nicht mehr halten, geschweige denn die Seekiste, da uns auf den glatten Planken ein Festpunkt fehlte. Wir rutschten ab zur Kajütenmitte hin. Weißgerber aber, der sich mit einer Hand in einer Lukenöffnung anklammern konnte, hielt das schwere Gepäckstück mit der anderen Hand über die kritischen Augenblicke hinweg eisern fest. Als sich das Schiff wieder zurückneigte, sprangen wir drei hinzu und sicherten alles schnell mit dem Tau. Wir sahen uns aufatmend an, als es geschafft war. Dass wir eine Gefahr in gemeinsamer Anstrengung überwunden hatten, verband uns auf eine Weise, die jeder empfand, aber keiner in Worte kleiden konnte oder wollte. Wir setzten uns wieder an den Tisch und spielten mit unseren Karten ruhig weiter – ich möchte fast sagen: übertrieben ruhig, als sei nichts gewesen. Im Lauf des vierten Tages nach Ausbruch des Sturmes wurde die See ruhiger. Unsere Mittagsmahlzeit konnten wir schon einnehmen, indem wir die Schüsseln auf den Tisch stellten, die wir in den Tagen vorher kunstvoll balancieren mussten. Gegen Abend lag das Schiff ruhig auf dem Wasser und wir schliefen endlich wieder eine Nacht ungestört. Allerdings wären wir darüber wohl kaum so froh gewesen, wenn wir gewusst hätten, dass sich damit 21
eine lang andauernde Flaute ankündigte, die uns noch viel zu schaffen machen sollte. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, merkten wir, dass die »Egmont« keine Fahrt mehr machte. Ich kleidete mich an und ging an Deck. Die Sonne war gerade aufgegangen. Wie ein glühender Ball lag sie auf dem Horizont und spiegelte sich fast vollkommen oval in dem Wasser, das nur von ganz leichten Wellen kaum merklich gekräuselt war. Ich ging aufs Vorschiff und schaute nach unten. Es war keine Bugwelle zu sehen, obwohl alle Segel gesetzt waren. Das Tuch hing schlaff an den Rahen. »Sieht nicht gut aus«, sagte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und stand vor dem Kapitän. »Ja«, entgegnete ich, »eine längere Flaute ist auch für mich unangenehm. Wie lange kann so etwas anhalten?« »Das kann ich bei aller Erfahrung mit Atlantikfahrten nicht sagen, Herr Linz. Unangenehm ist meistens die Hitze, der man bei solch einer Flaute schutzlos ausgeliefert ist.« Wir schauten eine Weile schweigend, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, auf die endlose stille Wasserfläche. »Übrigens«, begann der Bärtige von neuem, »wie kommt Ihr mit den anderen aus? Ich meine, mit den Mitreisenden?« Als ich nicht gleich antwortete, weil ich meine Sätze sorgfältig überlegen wollte, ja, mir über den jüngsten Stand unserer Beziehungen erst selbst klar werden musste, ergänzte er seine Frage: »Sie sind ja nicht alle leicht zu nehmen, besonders Oertzen. Er hat mir schon einige Schwierigkeiten gemacht. Er scheint unfähig zu sein, über eine Sache sachlich zu sprechen, ohne sich sofort angegriffen zu fühlen.« 22
»Den Eindruck habe ich auch. Aber in den letzten Tagen sind wir ganz gut miteinander ausgekommen. Wenn man so eng zusammen lebt … Wisst Ihr, Kapitän, was er drüben vorhat?« »Nein, davon hat er nichts gesagt. Ich konnte nur aus seinem Verhalten schließen, dass er es offenbar recht eilig hatte hinüberzukommen und dass er keinen genauen Zielhafen kennt.« »Es interessiert mich natürlich, aber ich wage nicht zu fragen. Auch die anderen nicht. Sie sind sehr abweisend. Erst in diesen letzten Tagen begann das Eis ein wenig zu tauen. Aber solange sie nicht selbst aus sich herausgehen, will ich kein Gespräch über persönliche Dinge beginnen.« Wir schwiegen. Es war mir sehr angenehm, diesen ruhigen und umsichtigen Mann als Verantwortlichen auf dem Schiff zu wissen. Während er nun nach achtern ging, um irgendwelche nautischen Maßnahmen zu treffen, schaute ich ihm nach. Es gehörte doch schon viel dazu, schoss es mir durch den Kopf, nicht nur alle seemännischen Kenntnisse zu besitzen, um über den schier endlosen Ozean hinweg irgendwo auf der anderen Seite einen kleinen Hafen exakt zu finden, sondern darüber hinaus die bunt zusammengewürfelte Schar der wilden Seeleute mit Autorität zu führen und zu alledem noch einige reichlich merkwürdige Fahrgäste zufriedenzustellen. Diesem Mann traute ich das zu. Ich versuchte, über die Flaute nicht ungehalten zu sein, sondern die Stille nach dem Sturm zu genießen. Auf einem der Beiboote sitzend, schaute ich versonnen auf die endlose Wasserfläche hinaus, über die sich jetzt die Sonne eine Hand breit – wie es schien – erhoben hatte. Sie war so hell, dass man auch nicht mehr in ihr Spiegelbild im Wasser sehen konnte, ohne dass die Augen schmerzten. 23
Ich hing meinen Gedanken nach. Ich muss gestehen, dass ich bis zu dieser Reise noch nie so gründlich über mich selbst nachgedacht hatte. Ohne viel zu überlegen, hatte ich als Kind und als Heranwachsender gelernt – Sprachen, kaufmännische Grundkenntnisse, Dinge, die ich brauchte, um einmal das Geschäft meines Vaters zu übernehmen. Mit meinem Vater war ich durch Europa gereist, beneidet von meinen Altersgenossen. Ich hatte mir den Lebensstil der vornehmen Bürger angewöhnt, ihre Art zu reden: gepflegt mit Gleichgestellten, herablassend mit denen, die bei uns ihr Brot verdienten. Kurz, ich war selbst ein reicher Bürger, wie man ihn sich vorstellt. Aber nie hatte ich mir darüber Rechenschaft gegeben, ob ich diese Rolle eigentlich übernehmen wollte. Ich war einfach geworden, was man von mir erwartete. Aber erwartete ich das gleiche von meinem Leben? Jedermann hielt es für selbstverständlich, dass ich in die Fußstapfen von Großvater und Vater trat, die Handelsfirma als Inbegriff meines Lebens ansah, sie auszuweiten und selbst zu noch mehr Ehre und noch mehr Reichtum zu kommen suchte. Der Gedanke, das alles in Frage zu stellen, war mir nie gekommen, redeten doch zu Hause alle so. Meine eigenen Gedanken hatten gar nicht die Kraft aufgebracht, sich in einer anderen Richtung zu entwickeln, ähnlich einem Wagen, der die eingefahrenen Spuren in einem Feldweg nicht verlassen kann, die unzählige Wagen vor ihm eingedrückt haben. Aber hier auf dem Schiff war auf einmal alles anders. Niemand redete mit mir, geschweige denn, dass mir jemand wissend oder unwissend vorzuschreiben suchte, wie ich zu denken hatte. Plötzlich sah ich mich – um bei dem Bild zu bleiben – in der Lage des Fuhrmanns, der nicht nur alle vorgebahnten Wege verlas24
sen hatte, sondern nicht einmal wusste, in welche Richtung er fahren sollte. So ganz allein, ohne rechten Gesprächspartner, konnte, ja musste ich mich auf einmal mit mir selbst befassen. Der Welt entrissen, die ich gewohnt war und in der ich mich behütet fühlte, tauchte unabweisbar die Frage in mir auf, wer ich eigentlich sei. War ich nur der Sohn meines Vaters, der willkommene und selbstverständliche Erbe eines Handelsunternehmens? Oder war ich wirklich ich selbst, mit eigenen Wünschen und Zielvorstellungen? Niemand hatte mich gefragt, ob mir das Leben recht sei, das ich zu führen angefangen hatte. Warum auch? Es war doch selbstverständlich, dass man die Chance nutzte, ein angenehmes und sicheres Leben zu führen. Wer etwas hat – Geld, Ansehen, Einfluss –, gibt es doch nicht grundlos dran! Aber gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der ich in die gehobenere Welt vereinnahmt worden war, begann mich zu ärgern. Ich hatte nur dieses eine Leben. Es gehörte mir ganz allein. Daraus würde ich machen, was ich wollte. Aber was wollte ich denn? Ich wusste es selber nicht. Wollte ich jemand werden wie der Kapitän, bewundernswert ruhig und souverän, wissend und kraftvoll? Vielleicht. Oder wie jener junge Bursche, der da geschickt, geschmeidig und kraftvoll in die Wanten kletterte, ohne Schwindel in windiger Höhe, ohne seine Bewegungen zu verlangsamen, je höher er kam? Vielleicht. Jedenfalls eher als ein wohlbehüteter Krämer, der seinen dicken Bauch unter einem teuren Wams verbarg und seinen Mangel an echtem Leben – was immer das sei – hinter dem geistvollen Geschwätz vornehmer Konversation. Was ich hier erlebte, schien mir wahrhaftiger, lebensnäher zu sein als das, was ich von Kindheit an 25
gewöhnt war. Aber ob ich es wirklich begehrte? Ich war vernünftig genug, nicht zu vergessen, dass mein bisheriges Leben auch viele Vorteile brachte. Und von jeder anderen Art zu Leben wusste ich zu wenig, als dass ich sie wirklich herbeiwünschen konnte. Aber was wollte ich dann? Wofür sollte dieses mein einziges Leben da sein? Ich wusste es nicht. Wenn man mich einmal zu Grabe tragen würde, was sollte dann übrig bleiben? Was würde dann der Sinn des ganzen Unternehmens gewesen sein, das man Leben nennt? Ich wusste es nicht. Aber ich war entschlossen, es herauszufinden, wenn irgend es sich herausfinden ließ. Ich war entschlossen, zu mir selbst zu finden, diese Gedanken nicht von den alltäglichen Belangen unterdrücken zu lassen, wenn ich aus dieser besonderen Situation herausgenommen und wieder in meiner gewohnten Umgebung sein würde. Diesen Fragen weiter nachzugehen, bis ich eine Antwort gefunden oder festgestellt haben würde, dass es keine gab. Ich war entschlossen, den Sinn meines Lebens zu finden. Tagelang dauerte die Flaute. Brütende Hitze breitete sich wie ein betäubendes Gas um das völlig reglos liegende Schiff und lähmte alle Bewegungen. Die Besatzung verrichtete nur schwitzend das Notwendigste. Wie zäher Brei tropften die Sekunden aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Gern hätten wir nachgeholfen, hätten die Zeit vorangetrieben. Aber in quälender Langsamkeit vergingen die Stunden. Und dabei schienen wir in Tagen keine Meile vorangekommen zu sein. Sinnlos verfloss die Zeit. Meine Mitreisenden reagierten unterschiedlich. Veit, der Alte aus Bayern, schrieb, träumte oder schaute mit reglosem Gesicht aufs Meer hinaus. Die beiden an26