Skip to main content

255393

Page 1







Erwin W. Lutzer

Unvollkommene Heilige

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld ďœł


. Auflage der Sonderausgabe  ©  by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach    ·  Bielefeld Originaltitel: When A Good Man Falls © by Cook Communications, Colorado Springs Übersetzung: Reinhilde Klatte Umschlag und Satz: CLV Druck und Bindung: Grafische Großbetriebe Pössneck ISBN ---


Inhaltsverzeichnis Vorwort

.............................

Kapitel : Leben auf der Anklagebank: Mose .



Kapitel : Was ein Mann außerhalb des Willens Gottes lernte: Jona . . . . . . .



Kapitel : Der hohe Preis des Opportunismus: Lot . . . . . . . . . . . .



Kapitel : Die Schlinge des Alkohols: Noah . .



Kapitel : Die Selbsttäuschung des Erfolgs: Gideon . . . . . . . . . . . . .



Kapitel : Die verborgenen Kosten der Wollust: Simson . . . . . . . . . . . .



Kapitel : Das Versagen durch Kompromisse: Asa . . . . . . . . . . . . .



Kapitel : Verliebt in die Welt: Demas . . . . . .



Kapitel : In der Falle der Macht: Salomo . . . .



Kapitel : Der Bazillus Feigheit: Petrus . . . . . .



Kapitel : Sterben mit Selbstvorwürfen: David . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



Kapitel : Das Tor zur Hölle neben dem Tor zum Himmel: Judas . . . . . . . . .  Kapitel : Wiedereingliederung der Gestrauchelten . . . . . . . . . . . . . . . .







Vorwort Was passiert, wenn ein guter Christ in eine Sünde fällt? Kann er aus der geistlichen Niederlage wieder aufsteigen wie die legendäre Phoenix aus der Asche? Wenn Sie in Ihrer Gemeinde darüber abstimmen würden, wie viel würden Ihrer Meinung einem gefallenen, aber bußfertigen Menschen noch eine Chance für die Wiedereinsetzung in eine verantwortliche Position geben? Außer diesen Fragen stellen sich noch andere, denen wir nachgehen wollen. Wie reagiert Gott auf den gläubigen Menschen, der in eine Sünde tappt? Muss sich der Vorhang im Dienst für Gott für immer schließen? Hat Gott je eine derartige Person noch einmal gebraucht? Hat Gott die alttestamentlichen Heiligen anders behandelt, weil Jesus noch nicht gekommen war? Wir werden Antworten finden, wenn wir uns in diesem Buch mit dem Vergehen von zwölf Männern aus dem Alten und dem Neuen Testament befassen. Bedenken wir einmal die Vielfalt an Vergehen, die die Bibel schonungslos aufdeckt. Da ist Noah, der unerschütterliche Mann Gottes, der, trotz Hohn und Spott seiner Zeitgenossen,  Jahre lang an der Arche baute und sich dennoch mit der gegorenen Frucht des Weinstocks so »volllaufen« ließ, dass er nackt in seinem Zelt lag. Jahre später wurde der gerechte Lot (der Apostel Petrus hat ihn gerecht genannt) aus den unsittlichen Städten Sodom und Gomorra gerettet, um volltrunken Blutschande zu begehen. Und was geschah mit Mose, nachdem er einen Totschlag begangen hat


te und daraufhin in der Wüste Zuflucht suchte? Wissen Sie, dass Gideon, nachdem er mit seinen  Männern die Midianiter geschlagen hatte, vierzig Jahre lang eine Anbetungsstätte ohne Jahwe, den einzigen Gott, verwaltete? Dass er viele Frauen hatte und einer seiner Söhne alle seine Brüder getötet hatte? Auch der weise König Salomo hatte zahlreiche ausländische Frauen und dies hatte zur Folge, dass er vom Glauben abfiel. Jona ließ die Angst davor, was ein gütiger Gott tun könnte, in eine Richtung reisen, die entgegen der Bestimmung lag, für die Gott ihn auserwählt hatte. Und wir alle wissen um das wollüstige Leben von Simson und wie es ein bestürzendes Ende fand. Einer der wenigen guten Könige von Juda war Asa. Er diente sechsunddreißig Jahre lang treu dem Herrn und ging dann ein fatales Bündnis mit einem syrischen König ein. Dieses Bündnis warf einen Schatten über Asas letzte Jahre als König. Ein neutestamentlicher Jünger, der ein schlechtes Bündnis einging, war Judas. Er schlug sich lieber auf die Seite der politischgeistlichen Führer seiner Tage, als mit Jesus zu leiden. Wer könnte in diesem Zusammenhang Petrus übersehen, der nicht nur ein guter Fischer war, sondern ein so loyaler Jünger, wie ihn sich jeder Führer wünscht? Und doch ließ dieser Petrus sich von einem Dienstmädchen zur Verleugnung seines Herrn treiben. Und denken wir an Demas, den Begleiter von Paulus, der eines Tages Gefallen am schillernden Rom fand und den Apostel verließ. Wir haben noch nicht erwähnt, dass Abraham in Ägypten auf die schiefe Bahn geraten ist. Auch nicht die Doppelsünde – Ehebruch und Mord –, die David 


begangen hat. Auch nicht Hiobs ernsthaftes Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit in seinem Fall und Johannes Markus, der Paulus und Barnabas auf ihrer ersten Missionsreise im Stich gelassen hat. Warum hat Gott so viel Versagen, so viel Abtrünnigkeit in die Bibel aufgenommen? Weil er der Nachwelt seinen Erlösungsplan für die Menschen überliefern wollte, die er erschaffen hat, damit sie ihm dienen. Immer und immer wieder haben sich genau die Menschen, die auf den Weg des Ungehorsams abgewichen waren, später für den Weg des Gehorsams entschieden. Und als sie das getan haben, segnete Gott sie wieder. Er vergibt und vergisst! Er erstattet die Jahre, die »die Heuschrecken gefressen haben«, wie es in der Bibel heißt. Dieses Buch ist nicht nur ein Katalog von Versagen und Niederlagen. Ja, wir werden darauf eingehen, und auch auf die Menschen, die nicht von ihrer Sünde gelassen haben. Aber Ziel dieses Buches ist es, dem Leser unseren gnädigen, vergebenden Gott bekannt zu machen. Gemeinsam wollen wir über unsere Verwundbarkeit lernen, um die Fehler, die andere gemacht haben, möglichst zu vermeiden. Wir wollen die Vergebungsbereitschaft Gottes herausarbeiten, damit auch wir lernen, anderen, die gestrauchelt sind, zu vergeben. Wir wollen uns Gottes Bereitschaft zur Wiedereinsetzung vergegenwärtigen, damit wir wieder Mut und Hoffnung bekommen, nachdem wir Buße über eine Sünde getan haben, von der wir übereilt wurden. Sie sehen, wir wollen mehr über Gott lernen als über das Versagen von Menschen.





Kapitel 

Leben auf der Anklagebank: M Kürzlich erhielt ich folgenden Brief eines jungen Mannes: »Ich bin  Jahre alt und geschieden, obwohl ich erbittert gegen die Scheidung gekämpft habe. Ich fühle mich so elend, weil ich keine Hoffnung mehr für die Zukunft habe. Oft komme ich von der Kirche nach Hause und weine. Aber es ist niemand da, der mich in die Arme schließt, wenn ich weine. Niemand kümmert sich um mich. Am meisten schmerzt mich aber, dass ich Gott um die Gnade gebeten habe, zu seiner Ehre als Single leben und meine Augen ganz auf Jesus richten zu können, aber nichts ändert sich. Ich versage immer wieder. Ich bin emotional amputiert oder am Rande des Zusammenbruchs. Irgendetwas ist bei mir grundfalsch. Ich bin so gehemmt und verbittert, dass ich kaum noch zu anderen Menschen eine Beziehung pflegen kann. Ich habe das Gefühl, dass ich für den Rest meines Lebens auf der Anklagebank sitzen muss.« Die Anklagebank – haben Sie auch schon darauf gesessen? Vielleicht wegen eines Bankrotts, den Sie nicht vermeiden konnten, wegen selbstverschuldeter gesundheitlicher Probleme oder einer unmoralischen Beziehung, die Sie eingegangen sind. Sie haben versucht, die Sache wieder auszubügeln; aber Sie fühlen sich weiterhin wie auf der Anklagebank – wie ein Spie


ler im Sport, der den Platz verlassen musste, weil er die Spielregeln missachtet oder einen anderen Spieler übel gefoult hat. Aber müssen Sie für den Rest Ihres Lebens dort sitzen bleiben? In Mose können Sie einen Freund finden. Er lebte vierzig Jahre lang am Hofe Pharaos, weitere vierzig Jahre war er damit beschäftigt, die Israeliten aus Ägypten herauszuführen, und zwischen diesen beiden Zeitspannen verbrachte er weitere vierzig Jahre auf der »Anklagebank« wegen Totschlag. Stephanus sagt in Apostelgeschichte ,, dass Mose »in aller Weisheit der Ägypter gelehrt wurde und mächtig war in Worten und Werken«. Bestimmt hatte er Mathematik, Astronomie und die Hieroglyphen studiert. Als Sohn der Tochter des Pharaos war er eine prominente Persönlichkeit, die sich jeden Luxus leisten konnte, den das Land Ägypten zu bieten hatte. Der Geschichtsschreiber F. B. Meyer stellt sich das so vor, dass Mose in einer prachtvollen Equipage durch die Straßen gefahren wurde, begleitet von den Rufen der Diener: »Beugt die Knie!« Bei Fahrten auf dem Nil wurde er sicherlich in einem Galaboot unter den Klängen der Musik befördert. Der Geschichtsschreiber Josephus macht darauf aufmerksam, dass Mose die Befehlsgewalt über die königlichen Truppen hatte, als die Äthiopier erfolgreich in Ägypten einfielen. Mose überraschte, schlug den Feind und kehrte mit einer Siegesbeute zurück. Meyer sagt: »Das Beste Ägyptens war in seinen Becher geflossen.« Doch obwohl Mose als Ägypter erzogen worden war, blieb er in seinem Herzen immer Israelit. Schmerz 


ergriff ihn, als er sah, wie seine Landsleute in der heißen Sonne Ziegelsteine brennen mussten. Er wusste, dass sie sogar noch härter arbeiten mussten, nachdem Pharao angeordnet hatte, dass sie zum Brennen auch noch ihr eigenes Stroh sammeln mussten. Er als Mann von Luxus hätte sich im Palast abkapseln können, aber er ging hinaus, um zu erfahren, was draußen auf den Feldern geschah. Die Misshandlung seines Volks machte ihn zutiefst zornig. Er wusste, dass er zum Befreier des Volkes Israel berufen war. Seine Mutter hatte ihm anvertraut, wie Gott ihn in einem Korb, der im Schilf des Nils versteckt war, gerettet hatte (. Mose ,-). Was aber noch ausschlaggebender war: Mose fühlte sich zur Leiterschaft berufen. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Bestimmung nicht im Palast lag, sondern in der risikoreichen Aufgabe, sein Volk aus der Zwangsherrschaft zu befreien. Seine besonderen Privilegien durften nicht ungenutzt bleiben. Er war ein Mann mit einer Sendung. Eines Tages beobachtete Mose, wie ein Ägypter einen Israeliten schlug. Das war zu viel für ihn; die Zeit zum Handeln war gekommen. Mose schaute sich um, und als er niemanden sah, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand (. Mose ,). Am nächsten Tag wollte er einen Streit zwischen zwei Israeliten schlichten. Da musste er sich zu seiner Überraschung von einem der Streiter sagen lassen (Vers ): »Wer hat dich zum Aufseher oder Richter über uns gesetzt? Willst du mich auch umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast?« Mose war verblüfft, dass er beim Totschlag des 


Ägypters beobachtet worden war. Obwohl er sich so sorgfältig umgeschaut hatte, war es offensichtlich nicht sorgfältig genug gewesen. Oder hatte er die Leiche nicht tief genug verscharrt? Aber etwas anderes traf ihn noch mehr: Sein eigenes Volk lehnte ihn ab. Stephanus sagt in Apostelgeschichte ,: »Er meinte aber, seine Brüder sollten’s verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung bringe; aber sie verstanden’s nicht.« Mose hatte vorausgesetzt, dass sein Volk ihn verstehen würde! Das war aber ein unglückseliger Trugschluss. Es ging ihm, wie vielen Christen, die im Leben irgendwann gescheitert sind und lernen mussten, dass es oft ein Irrtum ist anzunehmen, andere Christen würden sie verstehen! Pharao fühlte sich von Mose, der unter seiner Vormundschaft aufgewachsen war, betrogen, und deshalb wollte er ihn lieber tot sehen. Die Israeliten hätten Mose nicht geschützt, selbst wenn sie es gekonnt hätten. So blieb ihm nur eine Möglichkeit: Er floh in die Wüste, um sein Leben zu retten. Von Pharao gehasst zu werden war für Mose verständlich; aber von seinem Volk abgewiesen zu werden, für das er sein Leben riskiert hatte, das schlug bei ihm eine innere Wunde, die Jahre brauchte, um zu heilen. Oft werden unsere Enttäuschungen nicht durch die Welt, sondern durch andere Christen verursacht, von denen wir eigentlich Verständnis erwartet hätten. Es gibt die Redensart: Christen schießen auf ihre Verwundeten! Als Mose in Midian ankam, war er erschöpft, und er setzte sich an eine Quelle. Er hatte einen Karton voller Medaillen, er hatte die Qualifikation, König von 


Ägypten zu werden; aber dort im fernen Ägypten war sein Ruf für immer ruiniert. Ohne Zweifel würde Pharao sein ganzes Volk wissen lassen, was für ein Verräter sein Adoptivsohn geworden war. Warum das alles? Mose musste einiges lernen, was er auf dem Weg des Erfolgs nicht hätte lernen können. Es gibt eine Umformung des Charakters, die sich nur in der »Wüste« vollziehen kann. Eine Ausbildung kann man im »Palast« erhalten, aber Weisheit nur in der »Wüste«. Was müssen wir lernen, wenn wir auf der Anklagebank sitzen?

Die Lektion der Dienerschaft Zuallererst müssen wir lernen zu dienen. Als die Töchter des Priesters von Midian kamen, um Wasser zu schöpfen, beschützte Mose sie vor den groben Hirten und half ihnen beim Tränken der Schafe (. Mose ,). Obwohl Mose für Ansehen und Aufsehen erregende Aufgaben ausgebildet worden war, tat er sein Bestes, um zu helfen. Die Veränderung begann. Als Reguël, der Vater der jungen Frauen fragte, wer ihnen geholfen habe, wussten sie nur, dass es ein Ägypter gewesen war. Der Mann, den in Ägypten jeder sofort erkannt hätte, war nun dazu bestimmt, in der Anonymität und Erniedrigung zu leben. Er wurde in Reguëls Haus eingeladen und heiratete Zippora, eine der Töchter dieses Mannes. Und von da an war Mose ein Hirte. Mose war somit geografisch, aber auch sozial meilenweit von Ägypten entfernt. Hirten waren für die 


Ägypter Abschaum. Nun verschwendete dieser Mann von Welt und Ansehen sein Leben mit Arbeiten, die der einfachste Sklave genauso tun konnte. Vierzig Jahre lang tat er nun etwas, was er früher gering zu schätzen gelernt hatte. Als seine Frau ihm einen Sohn gebar, nannte er ihn Gerschom, was »Fremdling« heißt (. Mose ,). Mose fühlte sich in der Wüste nicht heimisch. Er war sprichwörtlich der Mann am falschen Platz. Seine Begabungen und seine jetzigen Verantwortlichkeiten klafften auseinander. Seine ganze Ausbildung schien vergebens gewesen zu sein. Was Mose persönlich betraf, so erwartete er, dass er nun in Midian für den Rest seines Lebens »auf der Anklagebank sitzen« würde. Niemand würde sich von seinen Qualitäten beeindrucken lassen. Es blieb ihm nichts weiter, als seinen Fehler zu betrachten und darüber zu meditieren, wie man ihn behandelt hat. In der hintersten Wüste würde sich niemand um ihn kümmern. Dort gab es keine Beförderungen. Bestenfalls konnte er von einer Schafherde zu einer anderen »graduieren«. Früher hatten in Ägypten bestimmt die Mütter auf Mose gezeigt und ihren Söhnen gesagt: »Schaut euch Mose an. Werdet wie er.« Aber jetzt bewunderte niemand mehr seine Ausbildung oder seine Befähigung zum Leiten. Doch Gott lehrte ihn, treu zu bleiben – auch in Niedrigkeit. Francis Schaeffer hat einmal gesagt, dass es in Gottes Augen keine »großen und kleinen Menschen« gibt. Für Gott gibt es nur geheiligte und nicht geheiligte Menschen. Deshalb ist unsere Berufung für Gott nicht so wichtig, wie sie es für uns ist. Es gibt Erfüllung in Niedrigkeit, wenn wir etwas 


für Gott tun. Selbst wenn wir darum gebeten werden, eine Arbeit zu tun, die uns nicht passt, kann sie für uns zur Freude werden, wenn wir glauben, dass wir sie für Gott tun. Als Jakob bei Laban war, willigte er ein, ihm sieben Jahre um Rahel zu dienen. In . Mose , steht: »… und es kam ihm vor, als wären’s einzelne Tage, so lieb hatte er sie.« Sogar die Zeit vergeht schneller, wenn wir in der richtigen Haltung arbeiten. Ruth Harms Calkin hat geschrieben: Du weißt, Herr, mit welchem Eifer ich dir im Rampenlicht diene. Du weißt, wie engagiert ich für dich in einer Frauenveranstaltung rede. Und du weißt, mit welcher Hingebung ich mich für Gruppenstunden einsetze. Du kennst meine Begeisterung beim Bibelstudium. Aber ich frage mich, wie würde ich reagieren, wenn ich gebeten würde, die schwieligen Füße einer gekrümmten und runzligen alten Frau zu waschen – Tag für Tag, Monat für Monat, in einem Zimmer, wo niemand es sieht und keiner es weiß. Dienen lernt man am Besten in der Wüste, dort, wo wir gebeten werden, Dinge zu tun, für die wir überqualifiziert sind. Mose musste lernen, dass bei Gott nicht zählt, was man tut, sondern warum man es tut. 


Die Lektion des Vertrauens Dienerschaft war nicht alles, was Mose lernen musste. Er musste lernen, dass Gott auch arbeitet, wenn seine Handlungen nicht direkt wahrnehmbar sind. In . Mose , steht: »Lange Zeit aber danach starb der König von Ägypten. Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott.« Im Verlauf vieler Tage begann Gott zu arbeiten – um genau zu sein, es waren   Tage oder vierzig Jahre. Doch Gott begann, das Gebet des Volks zu erhören. Es gibt drei Verben, die beschreiben, was Gott tat. Erstens, er hörte das Seufzen seines Volks. Er war schließlich nicht taub. Wenn Gott auch nicht sofort auf das Schreien seines Volks reagierte, so hörte er ihm doch zu. Zweitens, Gott erinnerte sich an seinen Bund. Wir mögen vielleicht Versprechen vergessen oder nicht einmal die einlösen, an die wir uns erinnern. Gott jedoch geht niemals sorglos mit seinen Versprechungen um. Vor ihm verwischt die Zeit keine Einzelheiten; alles ist in seinem Gedächtnis frisch. Deshalb kann er uns auch mit solcher Genauigkeit einschätzen. Er erinnert sich genau, was damals geschah im Jahre  …  … ! Ein Grund, weshalb wir erlebte Ungerechtigkeiten vergessen dürfen, ist, dass Gott sich an sie erinnert – und weil er der Richter ist, gibt es wirklich keinen Grund für uns, auch noch an sie zu denken! Mose lernte, dass selbst wenn das Leben bedeutungslos erscheint und Gott schweigt, er doch genau um alles weiß. 


Drittens, Gott sah die Bedürfnisse seines Volks. Er hatte Mitgefühl mit seinen Verletzungen. Die Wege der Israeliten waren ihm nicht verborgen, obwohl die Erlösung auf sich warten ließ. Mose musste zunächst lernen, Gott zu vertrauen, auch wenn er sich scheinbar gleichgültig den Bedürfnissen seines Volks gegenüber verhielt. Natürlich ist es leicht, Gott zu vertrauen, wenn der Busch brennt, sich die Wasser teilen und die Berge erzittern – es sind eben diese stillen Jahre, die entmutigend sind. Ja, es ist leicht, über den Glauben zu sprechen, wenn man gesund und gerade befördert worden ist. Wenn Sie in Ihrer Arbeit Erfüllung finden und Ihre Kinder dem Herrn folgen, ist das Vertrauen nicht schwer. Aber wenn Sie missverstanden werden oder man Sie in ein falsches Licht gerückt hat, wenn Sie eine Arbeit verrichten müssen, die Ihnen nicht gefällt und Ihren Fähigkeiten und Ihrer Ausbildung nicht entspricht, wenn sich Rechnungen häufen oder wenn Sie einen schwierigen Ehepartner haben, dann freut sich Gott am meisten über Ihr Vertrauen. In der Wüste und nicht im Palast erkundet Gott die Tiefen Ihrer Hingabe. Wenn er schweigt und nicht wenn er spricht, ist unser Glaube in seinen Augen kostbar. Mose lernte vertrauen – und wir müssen es ebenfalls.

Die Lektion des Gehorsams Gott kam in dem brennenden Busch zu Mose und sagte ihm, dass es an der Zeit sei, sich von der Anklagebank zu erheben und zurückzugehen in das Spiel. Mose ant


wortete (. Mose ,): »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?« Mose war ein anderer Mensch geworden. Vierzig Jahre zuvor hatte er gedacht, er könne den Exodus mit eigener Kraft vorantreiben, aber jetzt hatte er seine Lektion gelernt. Er hätte zu Gott sagen können: »Wo bist du gewesen? Ich habe nur darauf gewartet, nach Ägypten zurückzukehren.« Aber er stellt die Frage, die jeder fragt, der von Gott »gebrochen« wurde: »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?« Er war zerbrochen und verwundet. Das ist der Punkt, an den Gott jeden von uns bringen möchte, damit wir uns selbst erkennen. A.W. Tozer hat gesagt, dass die besten Leiter nicht die sind, die die betreffende Arbeit tun wollen, sondern die, die von Gott zur Leiterschaft verpflichtet wurden. Mose war nun dafür geeignet. Für Gott waren Moses Grenzen kein Hindernis. Er antwortete: »Ich werde bestimmt bei dir sein.« Aber Mose war noch verletzt. Obwohl er schon seit vierzig Jahren in der Wüste war, konnte er noch nicht vergessen, dass sein Volk ihn abgewiesen hatte. Vielleicht war es ihm sogar lieber, dass sie in Ägypten sterben! Auf der Anklagebank wird man leicht bitter. Deshalb bringt Mose eine zweite Entschuldigung vor: »Siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern werden sagen: Der Herr ist dir nicht erschienen« (. Mose ,). Mose befürchtete, wieder abgelehnt zu werden. Wie hat nun Gott dieses Verletztsein bei Mose behandelt? Er fragte: »Was hast du in deiner Hand?« Mose antwortete: »Einen Stab.« Und Gott befähigte Mose, besondere Wunder damit 


zu tun. Als er den Stab auf den Boden warf, wurde er zur Schlange, aber als er seine Hand ausstreckte und die Schlange am Schwanz ergriff, bildete sich wieder ein Stab aus ihr. Von da an trug Mose diesen Stab bei sich, und er wurde von Gott gebraucht, um die Ägypter zu schlagen. Dieses dünne Stück Holz sollte für Mose eine ständige Erinnerung daran sein, dass Gott auf dem ganzen Wege bei ihm sein würde. Moses Stab wurde der Stab Gottes. Und wo hat Mose diesen Stab bekommen? Während er auf der Anklagebank saß. Später wird er diesen Stab über das Rote Meer ausstrecken und die Wasser werden sich teilen. Und so wird er an seine Tage in der Wüste erinnert werden. Schließlich überwand Gott Moses Einwände. Der zögernde Mose wurde wieder in den Dienst verpflichtet. Jetzt war er qualifiziert, das zu tun, was er früher aus eigener Kraft versucht hatte. Heute fragt Gott Sie und mich: »Was ist in deiner Hand? Was hast du auf dem Abstellgleis gelernt?« Geduld, Glaube, die Fähigkeit, die Nicht-Liebenswerten zu lieben? Haben Sie gelernt, zufrieden zu sein in Niedrigkeit, Gott zu vertrauen in Widerwärtigkeiten? Hat bei Ihnen Scham zu Bitterkeit oder zu Gebrochenheit geführt? David hat gesagt, als er sich von seinem Versagen erholte: »Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten« (Psalm ,). Ein Pastor fiel in die Sünde der Unmoral. Als seine Sünde bekannt wurde, war sein Ruf ruiniert. Seine Karriere schien gelaufen zu sein. Er fand Arbeit in einem Warenhaus, eine Beschäftigung, für die er, um es 


gelinde zu sagen, überqualifiziert war. Nur ein paar Christen hielten zu ihm. Niemand wagte es, ihn einer anderen Gemeinde zu empfehlen, obwohl er Buße getan hatte. Begabt, ausgebildet, qualifiziert für den Dienst im Reich Gottes, war er jetzt ein Niemand, abgewiesen, vergessen. Er hätte bitter werden können, aber er fing an, Gott dort zu dienen, wo er war. Er fing an, am Gemeindeleben einer Kirche teilzunehmen – zuerst als Besucher, dann als Mitglied und mit der Zeit wurde er Sonntagsschullehrer. Er war treu in dem, was er tat, verbrachte viel Zeit damit, stille vor Gott zu sein. Es verging ein Jahr und ein weiteres. Gott befähigte ihn noch mehr und bot ihm noch mehr Gelegenheiten zur Mitarbeit. »Gott liebt es, seine Leute zu verletzen«, pflegte er zu sagen. »Der Zweig, der das Baummesser gespürt hat, bringt besonders Frucht.« Heute sitzt dieser Mann nicht mehr auf der Anklagebank, sondern hat einen gesegneten Dienst. Natürlich hat nicht jede Geschichte ein solches Happy-End. Aber wenn wir unsere Lektionen in der Wüste lernen, werden wir feststellen, dass es sich in Wirklichkeit nicht um eine Anklagebank handelt – in Wahrheit ist es Gottes Trainingsfeld für einen tieferen, weniger ichbezogenen Dienst. In der Wüste berührt uns Gott neu. Mose musste lernen, dass es Gott gefällt, Diener und nicht Pharaonen zu formen. Und am Besten kann Gott seine Arbeit in der Abgeschiedenheit und nicht im Rampenlicht tun. Lassen Sie sich von Satan nicht einreden, dass durch Ihr Versagen alles vorbei ist. Gott ist bei Ihnen auf der 


Anklagebank, um Sie hinzuführen zum Dienen, zum Vertrauen und zum Gehorsam. An der aktiven Teilnahme am Spiel gehindert sein ist keine Zeitverschwendung, wenn Sie Privatunterricht vom Trainer selbst bekommen.







Kapitel 

Was ein Mann außerhalb des Willens Gottes lernte: J Waren Sie schon einmal absichtlich Gott ungehorsam? Vielleicht sind Sie einem Impuls gefolgt und taten etwas, von dem Sie wussten, dass es Sünde ist. Vielleicht haben Sie sich geweigert, jemandem zu vergeben, oder Sie haben gegen Ihre Eltern rebelliert, um den eigenen Kopf durchzusetzen. Vielleicht haben Sie aber auch Gottes Eingebung abgewehrt, Missionar in einem fremden Land zu werden. Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Ungehorsam in einer lokalen Zeitung stehen würde? Und stellen Sie sich vor, dass es auch in Stein gemeißelt wird, so dass Archäologen in  Jahren sagen könnten: »Schaut euch diese Geschichte an. Hier ist jemand, der willentlich Gott ungehorsam war. Er war so fanatisch-fromm, dass er nicht bereit war, Menschen in einem anderen Land zu helfen.« Das ist die Geschichte des bekanntesten Propheten Gottes in Israel während der Regierungszeit von Jerobeam II. Die Geschichte von Jonas Ungehorsam ist nicht nur als ein Stück Geschichte seiner Tage fest gehalten worden, sondern wurde von Gott auch als Lektion für alle Zeiten in sein Wort, die Bibel, aufgenommen. Jona muss ein besonders effektiver Prophet gewesen sein, dass er von Gott damit beauftragt wurde, die 


Einwohner von Ninive, der Hauptstadt von Assyrien, zu warnen. Sie hatten den Ruf, besonders grausam zu sein. Ein Prophet musste schon innerlich sehr gefestigt sein, um diese Menschen vor Gottes Gericht zu warnen! Als Gott also zu Jona sagte: »Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen« (Jona ,), sollte uns Jonas Reaktion nicht zu sehr überraschen. Jonas eigentliches Problem war, dass er sich über den Willen Gottes mit ihm aufregte. Im Klartext gesprochen sagte er: »Ich bin nicht mit Gottes Wille für Ninive einverstanden. Ich möchte, dass diese Assyrer bestraft werden, bevor sie sich zur Umkehr zu Gott entscheiden. Sie sind Feinde, und Feinde warnt man nicht vor kommendem Gericht.« Wir werden es nie erfahren, ob Jona tatsächlich dachte, er könne Gottes langem Arm entkommen, indem er in die entgegengesetzte Richtung floh. Wir wissen nur, dass er hinab nach Jafo ging und sich dort eine Fahrkarte nach Tarsis kaufte. Dabei entdeckte er drei bedeutsame Lektionen, die jeder Mensch lernen muss, wenn er absichtlich vom Kurs Gottes abweicht. Welches waren die Lektionen, die Jona zur Vervollständigung seiner Ausbildung brauchte?

Wenn man wegläuft, wird man von Gott verfolgt Jona wollte nach Tarsis fliehen – »vor dem Herrn« (Jona ,a). Luther übersetzt Vers b so: »Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld 


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
255393 by Fontis-Shop - Issuu