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S. Pearce Carey

William Carey Der Vater der modernen Mission

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


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1. Auflage 1998 Originaltitel: William Carey © by Hodder & Stoughton Ltd, London, 1923 © der deutschen Ausgabe 1998 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Übersetzung: Benedikt Peters Satz: CLV Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-89397-388-5


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Inhaltsverzeichnis Über den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Careys bleibende Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil I: Careys 32 Jahre in England . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

Die Zeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Junge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Anfänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Dorfpastor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Stadtpastor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die unsterbliche Predigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Geburt der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Missionar bereitet sich vor . . . . . . . . . . . . . . . . Hindernisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13 20 28 40 48 53 62 66 74 80

Teil II: Careys 40 Jahre in Indien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22.

Die fünfmonatige Seereise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erste Unternehmungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Siedler in den Sundarbans . . . . . . . . . . . . . . . . Der pflanzende Missionar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Anfänge in Serampore . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Professor von Fort William . . . . . . . . . . . . . . . Die Jahre des Durchbruchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Wirkungskreis wächst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vereitelte Anschläge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das häusliche Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Feuer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Feind wird in die Flucht geschlagen . . . . . . . . .

91 95 102 108 128 145 151 158 169 180 189 197


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23. 24. 25. 26. 27. 28.

Drohende Entfremdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Meisterbauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spaltung und Entfremdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trauer und Trost . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Katastrophen in Kalkutta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mit Gutem gesättigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

205 212 221 227 231 236

Anhang: Die Ăœbersetzungsleistung . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Anhang: Karten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248


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Über den Autor Samuel Pearce Carey überflügelte alle anderen Biografien, als er die außergewöhnliche Lebensgeschichte seines Urgroßvaters William Carey, des »Vaters der modernen Mission«, zu Papier brachte. S. P. Carey war ein bekannter Baptistenprediger und Missionar während der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, bekannt wurde er in der christlichen Welt allerdings als Schriftsteller. Sein weit herum gerühmtes Lebensbild erlebte seit seinem Erscheinen im Jahre 1923 acht Auflagen, bis es 1934 einer gründlichen Überarbeitung unterzogen wurde. S.P. Carey war ein ungeheuer fleißiger Forscher und gleichzeitig ein Meister der biografischen Kunst. Er hat das Leben William Careys um die bemerkenswerten Akte der göttlichen Vorsehung gruppiert, durch die Gott die kleine Schar von Missionaren zu Errungenschaften führte, von denen keiner nur zu träumen gewagt hätte.


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Careys bleibende Bedeutung 1793, also vor mehr als 200 Jahren, segelte Carey nach Indien. Die Geschichte eines Schuhmachers aus ländlicher Gegend, der sich selbst die alten Sprachen beibrachte und die ganze Bewegung der modernen Weltmission in Gang setzte, ist zu großartig, als dass man sie in einer kurzen Skizze abtun dürfte. Gottes Macht befähigte Carey ungeheure theologische, rechtliche und gesellschaftliche Vorurteile niederzuringen und sie machte ihn sowohl zum fruchtbarsten Bibelübersetzer als auch zum gleichzeitigen Gemeindegründer der gesamten Kirchengeschichte. Durch seine Leistungen (und seinen Wandel) konnte er die unerbittliche Feindschaft der britischen Regierung gegen Missionare überwinden. Der Mann, dem man einmal jegliches Predigen auf indischem Boden verboten hatte, wurde schließlich von der Regierung angestellt und beständig als dessen Ratgeber aufgesucht. Durch die unermüdliche evangelistische Arbeit von Carey und seinen Mitarbeitern konnten innerhalb von 19 Jahren nach Errichtung ihres Hauptquartiers in Serampore über 600 Menschen getauft werden. Was sie als Übersetzer und als Drucker leisteten, ist phänomenal. Innerhalb von dreißig Jahren konnten sie 212 000 Bibeln, Neue Testamente und Evangelien drucken, und das in 40 verschiedenen Sprachen. Die Missionare von Serampore übersetzten die Heiligen Schriften in so viele Sprachen, dass Feinde in der Heimat behaupteten, diese hätten Namen von Sprachen erfunden, die gar nicht existierten. Careys Arbeit führte zur Geburt und zum schnellen Wachstum der missionarischen Anstrengungen unter allen christlichen Denominationen. Endlich wichen lange Jahre der Gleichgültigkeit und des Widerstandes einer tiefen Sorge um die Evangelisation der Heidenwelt. Innerhalb von vier Jahrzehnten nach Careys Ausreise nach Indien entstanden in Großbritannien allein dreizehn Missionsgesellschaften. Eine wahre Flutwelle von Missionaren segelten von den europäischen und amerikanischen Küsten ab in die entlegensten Regionen der Erde. Auf dem Missionsfeld war Carey seiner Zeit weit voraus, indem er keinerlei kolonialistisches Gebaren kannte. Er wollte Indern das Evan-


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Careys bleibende Bedeutung

gelium in ihrer eigenen Sprache mitteilen und er schulte bald indische Bekehrte, damit sie als Evangelisten und Pastoren ihre eigenen Landsleute gewännen. In Serampore herrschte Gleichheit unter den Indern und Europäern und Carey drängte die indischen Bekehrten, ihre Kastenschranken fallenzulassen. Als überzeugte Calvinisten glaubten Carey und seine Mitarbeiter an die »Lehren der Gnade« und standen zur reformatorischen und puritanischen Überzeugung von der Verdorbenheit des Menschen, der erwählenden Liebe Gottes und der Notwendigkeit eines unwiderstehlichen Wirkens des Heiligen Geistes, damit Sünder zur Errettung kommen können. Sie waren der Meinung, diese Lehren forderten von ihnen, dass sie das Evangelium mit nie nachlassender Hingabe allen Menschen in allen Winkeln der Erde zu verkündigen hatten. Ihr größter Trost in schwierigen Zeiten war die Überzeugung, dass Gottes rettender Wille unwiderstehlich ist und dass Er die Menschen am Ende dazu bewegen würde, den Herrn zu suchen, wie ablehnend ihre Herzen anfänglich auch zu sein scheinen. Die große theologische Debatte in den Tagen Careys drehte sich um den Gebrauch der »Mittel«. Würde Gott die Bemühungen der Christen zur Verbreitung des Evangeliums verwenden oder würde Er die Verlorenen unmittelbar zu sich rufen, indem Er sie durch große Katastrophen aufrüttelte? Careys Antwort war: Gott wirkt durch die missionarische Arbeit der Seinigen. Die Ergebnisse seiner Arbeit gaben ihm recht: Die evangelistische Arbeit ist den Gemeinden des Herrn verordnet. Wir dürfen sie nicht liegenlassen. Und wie sehr brauchen wir diesen Bericht vom Wirken der göttlichen Macht heute! Wir leben in einer Zeit, da die Christen versucht sind, das Evangelium mit weltlichen Lockmitteln anziehend und schmackhaft zu machen. Hier haben wir das Lebensbild eines Pioniers der Mission, in dem Gottes große Macht zur Errettung ohne menschlichen Putz sichtbar wird. Möge dieser biografische Klassiker das Herz und das Denken einer neuen Generation von Christen ergreifen und zeigen, wie viel durch die Kraft des Heiligen Geistes geschehen kann, wenn man die alten Wahrheiten wirklich auf die Probe stellt. Möge das Zeugnis Careys und seiner Mitarbeiter neu zu uns reden! P e t e r M a s t e r s , London im Januar 1993


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Tei l I Careys 32 Jahre in England Wie Gott ihm und durch ihn der modernen Christenheit die Notwendigkeit der Weltmission auferlegte


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1. Die Zeiten 1761 – 1793 Es ist nicht übertrieben, Carey als einen der größten von Gottes Engländern zu bezeichnen. Er bahnte den Weg für uns alle nach Asien, und er gab sein Leben für dessen Menschen, ohne sich je eine Ruhepause zu gönnen. S i r G e o r ge Adam Smith

Es war Careys Glück, dass er in jener Periode der englischen Geschichte geboren wurde. Vieles war in Bewegung, Samen keimten, Frühling lag in der Luft. Die Kinder gewöhnlicher Leute bekamen Gelegenheit, Schulen zu besuchen; zwar noch nicht durch den Willen der Nation, aber durch das Wohlwollen geneigter Menschen. In englischen Dörfern entstanden überall karitative Lehranstalten. Die gebotene Kost war einfach, aber sie machte dem Fasten ein Ende. Carey stand in enger Verbindung mit diesen Anfängen, denn sein Großvater war der erste Schulmeister in seinem Dorf, und sein Vater folgte ihm mit 32 Jahren im Amt. So wurde von Williams siebtem Lebensjahr an sein Heim zum Schulhaus. Sieben Jahre lernte er dort, und obwohl er als Erwachsener oft über die eng gezogenen Grenzen seiner Schulbildung klagte, so bedeutete es in jenen Tagen doch allerhand, einen Vater und einen Großvater zu haben, die dem Lehrerberuf folgten. Immerhin wurde seinem außergewöhnlich hungrigen Geist Nahrung geboten. Carey hatte das Glück, Kind eines lieblichen Dorfes zu sein, vor dessen Haustür sich ein Wald erstreckte. Die Natur war ihm Schwester und Bruder. Das Wunderland der Bäume, Blumen, Insekten und Vögel waren ihm bald ein offenes Buch. Zu beobachten, wie die Pflanzen und Lebewesen wuchsen, war seine Lieblingsbeschäftigung. Er war noch ein Kind, als die Ereignisse in Indien und Amerika zu Entscheidungen drängten, und als England trotz düsteren Vorahnungen zu Vorherrschaft und Macht aufstieg. In Kanada wurde der Rivale Frankreich aus dem Rennen geworfen, und Spanien trat Florida im


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Tausch mit Kuba ab. So war England Herrin ganz Indiens und ganz Nordamerikas geworden, und damit war ihr Bewusstsein um ihre Verantwortung in der Welt gewachsen. Von klein auf wurde seine Fantasie von Geschichten eines Onkels im fernen Kanada befruchtet, und als der Onkel nach Jahren des Lebens als Pionier zurückkehrte, bekam er all das Aufregende aus dessen eigenem Mund zu hören. Er war draußen im Westen gewesen, während Frankreich und England um Kanada kämpften; und seine Erzählungen machten den Jüngling und seinen Onkel zu unzertrennlichen Gefährten. Andere Eroberungen und Entdeckungen beflügelten ihre Gespräche. Kapitän Cook entdeckte die pazifischen Inseln und erstellte Karten von Neuseeland und von der Ostküste Neu Hollands. Die Welt wuchs, und die Nachricht von einer jeden Entdeckung war dem jungen Carey aufregender als jeder Roman. Er war zwölf, als die Kunde von Unruhen in Boston das Mutterland erreichten, und mit zwanzig erfuhr er, wie der Verlust der dreizehn Kolonien besiegelt wurde. Aber nicht nur Kolonien erstritten sich Freiheit von hoheitlicher Bevormundung. Pitt behauptete gegenüber dem König die Vollmachten von Ministern und Parlament. Die Presse bestand auf dem Recht, parlamentarische Debatten zu publizieren. Der Kampf Englands und der Engländer um mehr Selbstbestimmung machte den jungen Carey zu einem Radikalen. Wenige Wochen nach seiner geistlichen Neugeburt entschied er sich (trotz den zu Hause gehegten Vorurteilen) für den kirchlichen Nonkonformismus, und zwar schloss er sich den Baptisten an; denn Carey war ein unabhängiger Geist. Die Nonkonformisten hatten die Auswirkungen der Test and Corporation Acts noch immer empfindlich zu spüren: Es konnten nur Angehörige der anglikanischen Kirche ein öffentliches Amt bekleiden. Ebenso konnten nur Anglikaner Lehrer an öffentlichen Schulen oder Offiziere in der Armee und in der Flotte sein. Nur diese konnten an den Universitäten Grade erlangen. Nonkonformisten lebten und webten und hatten ihr Wesen unter Verdächtigungen und Benachteiligungen. Ihre Vertreter verlangten umsonst Gleichheit, da alle Vorstöße im Unterhaus regelmäßig zurückgewiesen wurden. Unter solchen Umständen willigte Carey ein, während er in Leicester war, Sekretär des Komitees der dortigen Nonkonformisten zu werden!


1. Die Zeiten

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Er verfolgte das Drama der Französischen Revolution mit großer Anteilnahme und hoffte, es werde eine »Bewegung hin zu mehr Menschenwürde« sein. Er meinte, es handle sich um »Gottes Antwort auf das neuerliche einhellige Beten Seines Volkes … eine herrliche offene Tür für das Evangelium durch die Ausbreitung ziviler und religiöser Freiheiten und die Beschneidung päpstlicher Macht«. Andrew Fuller hielt fest, dass »Careys Denken von diesen Dingen stark beschlagnahmt war«. Er war überzeugt von den »allgemeinen und gleichen Rechten« aller, und er hatte das Verlangen, sein reiches Erbe in Christus mit allen zu teilen. Entsprechend befürwortete er die Befreiung der Negersklaven. Der Sklavenhandel hatte schändliche Ausmaße angenommen, und seine Schwestern hörten ihn nie beten, ohne dass er diesen »unmenschlichen und fluchbringenden Handel« vor Gott ausbreitete. Er beobachtete die gemeinsamen Anstrengungen von Clarkson, Wilberforce, Maculay und Sharp und wie das Unterhaus sich der Frage stellte, nachdem Fox und Wilberforce 1789 für die Abschaffung votiert hatten. Er war entsetzt, als 1791 eine parlamentarische Reaktion auf die Unruhen in Frankreich dem Sklavenhandel wieder Auftrieb verschaffte, dies trotz Wesleys Aufrufe auf dem Sterbebett. Seine persönliche Reaktion war die, dass er aufhörte Zucker zu verwenden. Gleichzeitig begann sich das öffentliche Gewissen Großbritanniens gegen das Vorgehen Englands in Indien zu regen. Generalgouverneur Warren Hastings wurde zurückgerufen, und damit war der East India Company das Signal gegeben, dass Parlament und britische Öffentlichkeit fortan ihre Augen auf deren Aktivitäten richten würde. Britische Oberhoheit über ihre fernen Kolonien würde fortan menschenwürdig sein müssen. Die Öffentlichkeit befasste sich lange mit dem Verhör von Hastings, und das trug zweifelsohne entscheidend dazu bei, die Ohren der Christen für Careys Aufrufe zugunsten Indiens zu schärfen. Careys größtes Glück war es aber, dass er als Kind und Jugendlicher die Welle geistlicher Erneuerung verspüren durfte, die über das Land ging. Bis zum Ende seiner Jahre in England (und schon ein halbes Jahrhundert davor) wirkte der Geist der Erweckung, der mit George Whitefield und den Brüdern Wesley zusammenhängt, und zog unzählige Seelen zum Herrn.


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In jenem Jahrhundert des Rationalismus, in denen Religion eine kalte Formsache und David Hume das Orakel Gottes und Voltaire das Idol war, und »alle gebildeten Menschen endlich eingesehen hatten, dass das Christentum ein Mythos ist«, wurde die Seele Britanniens durch drei Evangelisten gerettet. Durch diese drei Gesandten Gottes – Whitefield und die beiden Wesleys – befruchteten himmlische Regenschauer den Erdboden. Obwohl sie nicht in allem gleich dachten, predigten alle die reiche Gnade Gottes in Jesus Christus. Das Volk hörte sie gerne, und Tausende wurden von neuem geboren. Als Carey zwölf war, kann er den siebzigjährigen Wesley in Towcester gehört und gesehen haben; noch wahrscheinlicher ist es, dass er ihn einige Jahre später in Northampton und Leicester sah. Und ohne jeden Zweifel kannte er viele, die ihm von der Würde, dem Mut, der Eindringlichkeit und der Vollmacht des Predigers erzählen konnten. Careys Eifer um die Missionierung der Heidenwelt muss durch Wesleys Vorbild starken Auftrieb bekommen haben. Das stand allerdings in auffälligem Gegensatz zum hochgezüchteten Hyper-Calvinismus, den man von vielen Kanzeln seiner eigenen baptistischen Denomination lehrte. Die Souveränität Gottes wurde so stark betont, dass alle menschliche Verantwortung schwand. Man überließ es vollständig Gott, den Saal zur königlichen Hochzeit mit Gästen zu füllen. Robert Hall von Arnesby und Andrew Fuller protestierten gegen diese falsche Lehre. Hall publizierte seine Ansichten zuerst, dann folgte Fuller mit The Gospel worthy of all acceptation – Das Evangelium, das aller Annahme wert ist. Die beiden kreuzten ihre Klingen mit der alten Garde, lange und heftig, bis Carey und seine Anhänger zu begreifen anfingen, dass die Kirche Christi die Pflicht hat, das Evangelium allen Menschen zu verkünden. Im Jahre 1784 ging von Northampton der Aufruf zur missionarischen Fürbitte aus. In den Vierzigerjahren hatten schottische Verkündiger, durch George Whitefield aufgestört, den Ruf zur Fürbitte erhoben. Jonathan Edwards hatte in Nordamerika damit angefangen, und jetzt, 25 Jahre nach dessen Tod, erreicht der Ruf die Baptistengemeinden in und um Northampton. Die Gemeinden, die unter ihrer Fruchtlosigkeit litten, nahmen den Ruf an, die Gläubigen begannen den Karmel zu besteigen, um in monatlichen Gebetstreffen zu Gott um Seinen himmlischen Regen zu beten. Sie konnten nicht ah-


1. Die Zeiten

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nen, in welcher Weise Gott sie beim Wort nehmen und sie durch Carey zum Auftrag der Weltmission herausfordern würde. Die ersten Erfindungen moderner Maschinerie, der Beginn der chemischen und elektrischen Wissenschaft, die Nutzung der Dampfkraft, alles gehört in diese Zeit, und sie revolutionierten die Arbeit, das Aussehen und die Beziehungen in der Welt. Carey konnte nicht ahnen, was für eine Entwicklung der Weberei- und Stickereimanufaktur seiner Eltern und seiner eigenen Schuhmacherei bevorstand, noch konnte er voraussehen, dass sein England der Wälder, Dörfer und Kleinstädte die von Industriezonen durchzogene Fabrik und der Marktplatz der Welt werden sollte. Nie hätte er sich träumen lassen, dass Leicester (das eben mit Öllampen ausgestattet worden war) einst elektrisch erhellt oder dass es nicht mehr zwanzig, sondern lediglich zwei Stunden von London entfernt sein würde. Dennoch, durch Gottes Wirken wurde Carey, gerade als diese Umwälzungen anfingen, die Stimme des Herrn, um das Volk des Herrn zum Aufbruch neuer Grenzen zu rufen. Adam Smith war der erste, der verstand, dass die Wirtschaft den engen Grenzen des nationalen Eigennutzes entwachsen war und dass daher das Motto der Zukunft »Gegenseitigkeit« heißen musste. Jede Nation könne nur mit Hilfe der Wohlfahrt aller gedeihen und daher müsse die Losung vernünftigen Handels gegenseitige Abhängigkeit heißen. Im selben Jahrzehnt, da Smith seine Landsleute aufrief, die Schranken zum Welthandel niederzureißen, zeigte ihnen Carey, dass sie sich wahren Wohlstand erwerben würden, indem sie ihren geistlichen Reichtum, Christus, allen Völkern verkündigten und ihren eigenen Fortschritt mit freudigem Dienst an der ganzen Welt abgelten müssten. Er war nicht allein mit seiner Forderung, dass die Briten ihren Missionsauftrag wahrnehmen müssten. John Montgomery hatte sich zusammen mit sechs anderen Engländern (samt ihren Frauen) den Herrnhutern in ihrer Mission nach Westindien angeschlossen, und James Rhodes und William Turner gehörten zur Herrnhuter-Mission auf Labrador. Thomas Thompson hatte einige Jahre an der afrikanischen Goldküste gearbeitet. Wilberforce plante aus der befreiten Insel Sierra Leone ein modernes Iona1 zu machen. Thomas Coke drängte den Methodismus zur Mission in Asien oder Afrika. Samuel Pearce


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versuchte als Freund der Gefangenen nach Botany Bay zu gelangen. Rector Haweis suchte junge Waliser als Freiwillige für die Südsee. Director Grant von der East India Company versuchte, einen Missionstrupp für Bengalen auf die Beine zu bringen. Es gab also einige wenige britische Seelen, die eine Schau für Mission hatten, aber die Kirchen und Denominationen waren entweder gleichgültig oder eingeschüchtert. Kollektives missionarisches Denken und Handeln existierte nicht, und das zeigt, welche Berge sich vor Carey auftürmten, die zuerst ins Meer versetzt werden mussten. Carey musste die Bedingungen schaffen, in die seine Missionsgesellschaft hineingeboren werden konnte. Er konnte nicht einfach das Streichholz an den Zunder halten; der Zunder musste zuerst bereitet werden. Als er erwachte und den Missionsauftrag sah, stellte er zu seiner Verwunderung fest, dass seine Mitchristen fast alle schliefen. Er musste zuerst das Verlangen wecken, welches schließlich das Missionsunterfangen schuf, die Nachfrage erzeugen, für das er das Angebot bereitgestellt hatte. Zehn Jahre lang widerstand er der Trägheit seiner Zeitgenossen und bekämpfte ihren Unglauben und überwand ihn schließlich – durch die hartnäckige Ausdauer eines Einzelnen. Er setzte sich am Ende durch gegen jedes Diktat gesunden Menschenverstandes, jedes Kalkül der Vorsicht und nahezu universellen Widerspruch, denn in den stillen Tiefen seiner brütenden Seele hörte er einen unablässigen Ruf der in Elend versunkenen Heidenwelt. Und doch, Carey wuchs in einer idealen Zeit auf. Kinder der Armen bekamen Zugang zu Schule und Bildung. Koloniale Expansion weitete den Blick für die ganze Welt und für die Verantwortung an ihr. Kapitän Cook kartografierte den mit Inseln übersäten Pazifik. Die Söhne der Pilgerväter erkauften sich neue Freiheiten mit ihrem Blut. Kämpfe für die Freiheit wurden im Parlament und in der Presse erfolgreich geschlagen. Die Freikirchen stellten Satzungen in Frage, welche ihnen bürgerliche Rechte beschnitten. Großbritannien begann 1

Auf der Insel Iona befand sich das Kloster, von dem aus Columba im 6. Jahrhundert die Kelten missionierte.


1. Die Zeiten

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sich des Sklavenhandels zu schämen, Mitleid mit den Eingekerkerten und Geisteskranken wurde wach. Westminster begann sich zu rühren, um Indien vor britischer Habsucht zu schützen. Die methodistische Erweckung hatte bewiesen, dass das gepredigte Wort die Kraft Gottes zur Errettung ist, und der Hyper-Calvinismus musste der Überzeugung weichen, dass alle Welt das Evangelium hören müsse. Die Gemeinden begannen zusammenzuarbeiten, gemeinschaftliches Gebet wurde zu einer glücklichen Gewohnheit. Industrielle und gesellschaftliche Veränderungen standen vor der Tür und man begann die Schranken zum Welthandel niederzureißen. Die vom Evangelium unerreichten Völker der Welt begannen wenigstens einige einzelne britische Seelen zu beunruhigen und sie zur Weltmission zu drängen. Das war die Umwelt, in der Carey seine englischen Jahre verbrachte. Man könnte auch hier sagen, er sei in »der Fülle der Zeit« geboren worden. In solcher Zeit erweckte Gott eine demütige und empfindsame Seele, um die Regungen der Zeit zu erfassen und zu beschleunigen. Wäre Gottes Mann nicht bereit gewesen, hätte diese Zeit nur spärliche Ergebnisse gezeitigt.


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2. Der Junge Paulerspury, 17. August 1761 – 1775 Mit bescheidener Bildung wurde er ein Gelehrter; selbst arm, machte er Millionen reich; von unbedeutender Geburt, stieg er zu nie beabsichtigter Berühmtheit auf; und indem er nichts anderes suchte als die Führung des Herrn, führte er die Heerscharen des Herrn hinaus zum Kampf. A. T. P i e r s o n

Northamptonshire ist die zentralste der englischen Grafschaften, das Herz der Midlands. In diesem geografischen Herzen Englands wurde Carey geboren und das war in besonderer Weise angemessen, denn die von ihm ausgelöste Bewegung floss aus dem Herzen der englischen Christenheit. Carey kam in der südöstlichen Ecke der Grafschaft zur Welt, in einem Dorf mit dem Namen Paulerspury. Der alte Römerweg von Dover und London nach Chester streifte das Dorf und verband es so mit dem Leben der Grafschaft. Careys Großvater Peter Carey war nicht gebürtig aus dem Dorf, aber er kam als junger Mann aus dem nahen Yelvertoft dahin, wo er wie so viele in jener nordöstlichen Ecke der Grafschaft ein Weber von »Tammy« war, einem kalikofarbenen Kammgarn. Im August 1722 heiratete er in Paulerspury eine Anna Flecknoe, die gleich ihm keine Einheimische war. Indem er nach Paulerspury kam, kehrte er möglicherweise in die Heimat seiner Väter zurück, denn James Carey war von 1624 bis 1629 dort Dorfpfarrer gewesen. Ein Mann mit dem Namen James Carey wurde dort am 7. April 1661 beerdigt, eine Elisabeth Carey im Jahre 1665, und 1776 folgte ein John – vielleicht Gattin und Sohn des Dorfpfarrers. Wenn Peter Carey von diesen abstammte, dann hätte William Carey Vorfahren von einiger Bildung gehabt. Er kann aber auch Nachfahre eines anderen John Carey gewesen sein und damit sehr armer Vorfahren. Denn dieser John wurde dort am 6. Oktober 1680 beer-


2. Der Ju n g e

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digt »in einem bloßen Sarg«, während alle anderen siebzehn Verstorbenen jenes Jahres in Wolle bestattet wurden, wie es das Gesetz vorschrieb. John Careys fehlendes Leichentuch war das Zeugnis seiner Armut. Das zehn Meilen von Paulerspury entfernte Olney hängt vielleicht mit Careys näherer Verwandtschaft zusammen, denn dort war der Name Carey während des ganzen Jahrhunderts vor seiner Geburt häufig. In dessen Register erscheinen zwischen den Jahren 1669 und 1771 sechzig Careys. Zu den besseren Familien Paulerspury gehörten die Marriotts. William Marriott stiftete im Jahre 1720 das Geld, das sechs Jungen in seinem Dorf die Tür zur Schulbildung öffnete. Sechs Jahre später stellte ein Thomas Nicholl Geld zur Verfügung, das sechs weiteren Jungen den Gang zur Schule ermöglichte. Bevor man staatliche Schulen kannte und als karitative Schulen noch selten waren, hatte Paulerspury seine Schule mit zwölf freien Plätzen. Peter Carey war dessen erster Lehrer. Er muss ein außergewöhnlich fähiger Mann gewesen sein, da er ansonsten als neu zugezogener Weber nicht zum Lehrer befördert worden wäre. Ein Lokalhistoriker charakterisiert seine Handschrift als »außergewöhnlich frei fließend und elegant«, worin er ein Zeichen von Bildung sah. Zwei der drei Söhne Peter Careys wurden ebenfalls tüchtige Lehrer. Achtzehn Jahre versah er seinen Dienst als Lehrer und Kirchgemeindeschreiber und dann starb er, als er noch keine fünfzig war. Der Tod Williams, seines Erstgeborenen, des verheißungsvollen Lehrers in Towcester, mit nur zwanzig Jahren hatte ihm das Herz gebrochen. Zwei Wochen nach dessen Beerdigung musste das Grab wieder geöffnet werden. In dichter Folge wurde ins Register von Pury eingetragen: William Carey, beigesetzt am 26. Juli 1743 Peter Carey, beigesetzt am 7. August 1743 Viele teilten Anna Careys überwältigende Trauer. Wenige Monate zuvor war sie so gesegnet gewesen wie nur irgendjemand, gesegnet mit einem geehrten Ehemann und tüchtigen Söhnen. Nun hatte sie alle verloren, außer ihrem vierten Sohn Edmund. Ein dritter Sohn mit


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Namen Peter war ins ferne, unbekannte Kanada gezogen. Sie hatte keine Nachricht von ihm und musste befürchten, er sei nicht mehr. So war ihr der siebenjährige Edmund als einziger geblieben. Als sie vom doppelbelegten Grab zum Schulhaus zurückkehrte, kam ihr die Geschichte von der Witwe im Buch Ruth in den Sinn und fortan nannte sie sich nicht mehr Ann, sondern Naomi. Das Dorf schloss sie in sein Herz und sorgte für ihren Lebensunterhalt, und Edmund bekam einen Platz unter den zwölf freien Plätzen an der Schule. Er verstand bald, wie einsam Mutter war, und er begann sein Glück in ihrem Glück zu suchen. Er lernte Weben wie sein Vater, und er arbeitete mit Fleiß, heiratete mit 24 Elisabeth Wells in Towcester und nahm seine Mutter mit in ihr neues Heim. Sie lebten in schöner Harmonie zusammen, eine regelrechte Ruth mit ihrer Naomi. »Mutters zarte Glieder fanden ihre Entsprechung in ihrer außergewöhnlich empfindsamer Seele. Sie war bekannt für ihre Sanftmut und ihr liebenswürdiges Wesen, gepaart mit den besten Manieren«. Die Trauer, welche ihren Mann ins Grab gebracht hatte, schuf in ihr einen stillen, lieblichen Geist. Edmund Carey war arm, aber er kam sich reich vor, als er an seinem Webstuhl saß und in seinen kleinen Garten am Hang voller Maßliebchen guckte und als er an den Winterabenden in einem seiner geliebten Bücher las. Am 17. August 1761 wurde ihm ein Sohn geschenkt, dem er zur Freude seiner Mutter den Namen William gab, in Erinnerung an ihren Erstgeborenen. Großmutter machte klein William zu »ihrer besonderen Fürsorge«; er war ihr Abendlicht. Zwei Jahre später wurde Anna geboren, nach ihr selbst so genannt. Nun war sie wirklich eine Naomi, der Gott große Güte erwiesen hatte. Bevor ein weiteres Jahr verflossen war, verließ sie dieses Leben. Ihr Sohn Peter war nicht in Kanada gestorben. Mit etwa 35 Jahren kehrte er in seine Heimat zurück. Ob er noch seiner Mutter die Augen schließen durfte, ist nicht bekannt. Er hatte keine Kinder, war aber ein großer Kinderfreund und er wurde bald Williams bester Freund, der dem Neffen Geschichten erzählte von Schiffen und vom wilden Meer, von Kanadas Indianern und Franzosen, von ihren Wäldern und Wintern, Flüssen, Fällen und Seen, Tieren und Vögeln, Bäumen und Blumen. Der Zauber der Neuen Welt hatte William


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gefangen, aber vor allem konnte Peter seinem Neffen zeigen, was er selbst erst nach den langen Jahren in der Ferne entdeckt hatte: die liebliche Schönheit Englands. Leidenschaftlicher Gärtner wie er war, gingen ihm die Augen für die Schönheit der heimischen Wälder und Fluren auf und er schüttete seine eigene Leidenschaft in die empfängliche Seele des Jungen. 1767 wurde wieder ein Schulmeister gesucht und die Wahl fiel auf Edmund Carey. William war gerade sechs, als die Familie von Pury End ins Schulhaus oben auf dem Kirchhügel umzog, was nicht nur einem topografischem Aufstieg gleichkam. Der Weber wurde zum Vorsteher der Schule, in der er als Knabe selbst gesessen war. Das niedrige, strohbedachte Haus hatte keine Tische; als Bänke dienten rohe Planken. Edmund Carey war für die Aufgabe geeigneter als mancher Schulmeister seiner Zeit. Er liebte Kinder und Bücher, und er konnte gut schreiben. Er lehrte Arithmetik sowohl in Towcester als auch in Paulerspury und zum Drill des Katechismus brachte er wenigstens einen ehrfürchtigen Geist mit. Das kleine Schulhaus war groß, verglichen mit der Hütte in Pury End. Zwei weit ausladende Platanen wuchsen vor dem Haus, und hinter dem Haus war – zur Freude der Kinder – ein Garten mit Blumen und Obstbäumen, und zwischen dem Garten und dem weiten Gelände der Pfarrei war ein Wassergraben, in dem es von Kaulquappen und Stichlingen wimmelte. Eine halbe Meile entfernt konnte man die Kutschen auf der Wattling Street sehen. Wie Mark Rutherford liebte William »den bloßen Anblick der Wegweiser nach London«. Der Vater fand, Williams besondere Begabung sei unermüdliche Aufmerksamkeit und Fleiß, gepaart mit auffälliger Fertigkeit im Kopfrechnen. Mutter hörte den Jungen oft zählen, als er längst hätte schlafen sollen. Seine persönlichen Vorlieben galten der Naturkunde und Reiseberichten. Er las und redete so viel von Kolumbus, dass seine Schulkameraden ihn selbst so nannten. Besser hätten sie es nicht treffen können. Die Geschichte des Genueser Entdeckers fesselte ihn mehr als die erfundene Geschichte von Robinson Crusoe. Wirklichkeit war für Carey das Spannendste, was es gab; er interessierte sich für nichts so sehr wie für Länder und Menschen aus Übersee. Mit zwölf lernte er die sechzig Seiten von Dyches Vocabularium auswendig, auch wenn


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Die Pfarrkirche von Paulerspury, von Careys Elternhaus aus gesehen.


2. Der Ju n g e

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es gleich zu Beginn so ausgefallene Horazsche Wörter wie lanista, lixa, rabula und scurra enthielt. Es war ein Freudentag, als er auf dem Friedhof die romantische lateinische Inschrift auf dem einzigen Alabastergrabstein entziffern konnte. Er war nicht einfach ein Bücherwurm. Maria sagt, er war »äußerst aktiv bei allen Spielen und in jedem Zeitvertreib«. Nichts ging ihm freilich über die Fluren, Wiesen und Wälder. Hier umherzustreifen war seine Lieblingsbeschäftigung. Er hatte keine Freude am Fangen und Töten, sondern ihn trieb die Leidenschaft des Naturforschers: Finden und Beobachten. Sein Schlafzimmer war, mit Mutters weiser Nachsicht, voll von seinen Funden. Er lernte, von Liebe zu Sache angetrieben, sie zu zeichnen und zu malen. Bald war er unter seinesgleichen die anerkannte Autorität in Naturgeschichte. Fand jemand eine seltene Blume oder einen Vogel oder ein Insekt, hieß es immer: »Geh zu Bill Carey; er sagt dir, was es ist.« Seine Schwester Maria erinnerte sich: Von Vögeln und allerlei Insekten hatte er immer eine große Menge; wenn er weg war, unterstellte er die Vögel immer meiner Aufsicht und Pflege … Er ging nie aus, ohne Beobachtungen anzustellen bei den Hecken, an denen er vorbeiging, und wenn er eine Pflanze in die Hand nahm, untersuchte er sie immer mit Sorgfalt – und zwar schon als kleiner Junge. Sein sieben Jahre jüngerer Bruder Tom weiß Ähnliches zu berichten: Er trug mich auf seinen Streifzügen oft auf seinen Schultern und zeigte mir, wie schön alles Grüne ist, das wächst. Er war klein, aber er kletterte auf jeden Baum, um einen Vogel zu beobachten oder ein Ei zu ergattern. Einmal stürzte er und verletzte sich, sodass er danach mehrere Tage liegen musste. Kaum war er wieder auf den Beinen, bezwang er stolz den gleichen Baum. Seine Kindheit war glücklich. Am Morgen früh weckten ihn seine Vögel und er stand auf, um sie zu füttern und die Käfige zu säubern, sammelte Futter für seine Sammlung von Haustieren, holte Wasser für die Kaulquappen und die andern Wassertiere, begrüßte freudig jede Überraschung, jeden geschlüpften Schmetterling und jede Mot-


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