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Benedikt Peters
George Whitefield Der Erwecker Englands und Amerikas
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
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1. Auflage 1997 2. Auflage 2003 © 1997 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Satz: CLV Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 3-89397-374-5
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Inhalt Whitefield und die Nachgeborenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . England vor Whitefield . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Halbwaise von der Bell Inn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Oxford und der Heilige Club . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erste Arbeiten am Evangelium und Ordination . . . . . . . . . . Eine Fanfare schreckt England aus dem Schlaf . . . . . . . . . . . Nicht Frieden, sondern ein Schwert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von London nach Savannah . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Als Missionar in der Neuen Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Und sie warfen ihn hinaus« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Schritt ins Freie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Moorfields und Kennington Common . . . . . . . . . . . . . Whitefield und Wesley: Beginnende Entfremdung . . . . . . . Zeichen und Wunder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Reise in die Tiefe und in die Höhe . . . . . . . . . . . . . . . . Whitefield und Amerikas Stunde der Heimsuchung . . . . . . Amerika hört die Stimme Whitefields . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bethesda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das große Erwachen – die mittleren Kolonien . . . . . . . . . . . Briefe aus der Stille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unter Beschuß – im Süden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das große Erwachen – Neuengland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wesley und Whitefield: Der Riß wird tiefer . . . . . . . . . . . . . Jonathan Edwards . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wiederum: Zeichen und Wunder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reiche Ernte und wachsender Kummer . . . . . . . . . . . . . . . . Whitefield und Wesley entzweit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neubeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Erweckung kommt nach Schottland . . . . . . . . . . . . . . . Ehe und Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Das Abendmahl von Cambuslang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aussöhnung unter Brüdern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aug in Auge mit dem Pöbel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fremdes Feuer in Neuengland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unter Freunden und Feinden in Neuengland . . . . . . . . . . . Auf den Bermudas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Der Name Whitefield soll erlöschen!« . . . . . . . . . . . . . . . . . »… daß es nicht viele Edle sind« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Erwecker der anglikanischen Kirche . . . . . . . . . . . . . . . Whitefield und Wesley – eine Charakterstudie . . . . . . . . . . . Bleibende Erweckung in England und in Amerika . . . . . . . Tottenham Court Road Chapel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kämpfe und schwindende Kräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zum sechsten Mal in Amerika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die letzten vier Jahre in England . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Whitefield aus nächster Nähe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die letzten Monate in Amerika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kerze erlischt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Gedächtnis des Gerechten ist zum Segen . . . . . . . . . . . Whitefields Geheimnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Die Predigt »Freie Gnade« von John Wesley . . . . . . . . . . 2. Ein Brief an Reverend Mr. Wesley als Antwort auf seine Predigt »Freie Gnade« . . . . . . . . . . . . . 3. Nachgedanken über Whitefields »Kalvinismus« . . . . . . . 4. »Sünder in den Händen eines zürnenden Gottes« . . . . . 5. Eine knappe Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Whitefield und die Nachgeborenen Am letzten Abend seines Lebens begann George Whitefield die Treppen im presbyterianischen Pfarrhaus in Newburyport, Massachusetts, hinaufzugehen. Obwohl erst fünfundfünzig, war er müde und schwach, völlig verbraucht von einem Leben rastloser evangelistischer Arbeit. Mehrere Tage war er bereits so geschwächt, daß er eigentlich sein Bett gar nicht hätte verlassen dürfen. Während er aber die Treppe hinaufstieg, drängten Menschen durch die Tür, verlangend, noch einmal das Evangelium aus seinem Mund zu hören. Er blieb auf dem Treppenabsatz stehen und begann zu predigen. Da stand er, die Kerze in der Hand, und so groß war sein Eifer, daß er weiterredete, ohne zu merken, wie die Zeit verging, bis schließlich die Kerze ein letztes Mal aufflackerte. Sie war in seiner Hand niedergebrannt und erlosch endlich. Diese Kerze war in schlagender Weise ein Sinnbild von Whitefields Leben; eines Lebens, das in heiligem Brennen lange strahlende Helligkeit und Wärme verbreitet hatte, an jenem Abend aber ein letztes Mal hell loderte, und dann erlosch. Arnold Dallimore: George Whitefield Als der 22jährige George Whitefield (sprich: Witfield) im Jahre 1736 seine erste Predigt als eben ordinierter Pfarrer der Kirche von England hielt, hätte sich die englische Öffentlichkeit um nichts weniger scheren können als um eine Botschaft dieser Art: Sein Ruf zur Umkehr zu Gott war ziemlich genau das letzte, was die Allgemeinheit hören wollte. Als derselbe Mann 34 Jahre später während seines siebten Aufenthaltes in den nordamerikanischen Kolonien starb, hatte seine Botschaft die gesamte englischsprachige Welt verändert. Man sucht seit den Tagen der Apostel vergeblich nach einer Epoche, in der das Evangelium in vergleichbarer Gewalt um sich griff und in so kurzer Zeit einer ganzen Nation ein anderes Gesicht verlieh. John Wesley fragte in der Grabrede seines Mitstreiters am Evangelium die versammelte Trauergemeinde: Haben wir jemals seit den Aposteln von jemandem gelesen oder gehört, der das Evangelium der Gnade Gottes in einem so weit ausgreifenden Gebiet der bewohnten Welt predigte? Vor allem, haben wir jemals von jemandem gelesen oder gehört, der in der Hand Gottes das gesegnete Werkzeug gewesen ist, der so viele Sünder aus der Finsternis ins Licht und aus der Gewalt Satans zu Gott gebracht hat?
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Eigentlich müßte der Mann zu den bekanntesten der gesamten Kirchengeschichte gehören. Wie kommt es, daß man ihn so wenig kennt, und daß man, wo man um ihn weiß, ihn zumeist falsch kennt? Ein erster Grund ist der, daß Whitefield selbst nicht die geringste Sorge darum trug, daß sein Name im Zusammenhang mit der durch ihn ausgelösten Erweckungsbewegung bekannt bleiben sollte. Vielmehr sagte er andersratenden Freunden und Mitarbeitern: »Der Name Whitefield soll erlöschen, wenn nur der Name Christi genannt und gerühmt wird!« Dieser Haltung wegen verdiente Whitefield, in um so höheren Ehren gehalten zu werden; sie hat aber gerade dazu geführt, daß man ihn um so mehr vergessen hat. Ein zweiter Grund ist Whitefields Botschaft. Er ist allenfalls als großartiger Redner bekannt, und das war er. Aber das, was seine Reden so unwiderstehlich machte, war ihr Inhalt. Whitefield war ein Mann, der von jenen Lehren durchdrungen war, die man auf Englisch seit dem goldenen Jahrhundert der Puritaner gerne »the Doctrines of Grace – die Lehren der Gnade« nennt. Diese Lehren besagen, daß die Errettung nicht an Eigenschaften oder Taten der Erretteten, sondern an der Gnade des Retters liegt. Sie sagt, daß alles Heil von Gott und Seinem Willen und nicht vom Menschen und dessen Willen abhängt. Sie lehren, daß das Werk der Errettung ganz Gottes Werk ist, nicht teilweise das Werk Gottes und teilweise das Werk des Menschen. Mit den Reformatoren und mit den Puritanern war Whitefield davon überzeugt, daß nur diese Wahrheiten Gott alle Ehre für Sein Tun geben; sie machen Ihn groß und den Menschen klein, und sie unterwerfen den Erretteten dem Gnadenwillen dieses Gottes. Daß Whitefield von diesen Wahrheiten überführt und überwältigt, ja bezwungen war, war die tiefste Ursache für die ungeheure Kraft seiner Predigt, und es ist gleichzeitig eine weitere Ursache dafür, daß Whitefield zum nahezu Unbekannten geworden ist. Der Mensch will nicht so klein scheinen; darum ist eine Botschaft, die den Menschen aus dem Zentrum wirft und Gott dahin stellt, wo nur Gott hingehört, für eine Christenheit nicht attraktiv. Und darum hat man den Träger solcher Botschaft nicht zufällig vergessen. So verbindet sich denn mit dem Namen George Whitefield wiederum nicht zufällig eine der krassesten Unterschlagungen in der gesamten Kirchengeschichte. Oder hat jemand je ein Buch mit dem Titel »England vor und nach Whitefield« gesehen? Ein solches Buch existiert nicht; es gibt aber ein in der bibellesenden Welt oft genanntes Buch mit dem Titel »England vor und nach Wesley«. Damit haben wir die erwähnte Unterschlagung auf den Punkt gebracht: Der Mann, der am Anfang jener Erweckung stand, die man die Methodistische nennt, hieß nicht John Wesley, sondern George Whitefield. Der junge Whitefield war durch seine Predigten, die London
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wie schmetternde Fanfarenstöße aufgerüttelt hatten, bereits in aller Munde, als Wesley noch immer resigniert und in sich gekehrt mit seinem Gewissen rang und noch keinen Frieden mit Gott kannte. Whitefield war es, der im Freien zu predigen anfing; Wesley mußte lange von diesem gedrängt werden, bis er sich endlich auch dazu überwinden konnte. Whitefield begann als erster, die unzähligen Gläubigen, die sich unter seiner Verkündigung bekehrten, in Societies zusammenzufassen, wie sie sich von der später mit Wesley identifizierten Bewegung nicht mehr wegdenken lassen. Und Whitefield war es, der Schulen für Arme zu eröffnen und Waisen eine Heimat zu bereiten begann. In allem ist Wesley der Zweite, der Nachfolgende, der Erbe. Aber eigenartigerweise ist der Mann, der während der ganzen zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der ganzen englischsprachigen Welt als der Führer der Erweckung galt und in der säkularen Presse schlichtweg »the Founder of Methodism« hieß, fast vollständig hinter dem nachträglich durch dessen Bewunderer ungeheuer aufgeblähten Bild Wesleys verschwunden. Whitefields Leben ist die Geschichte eines Mannes, der im Glauben, in der Predigt, im christusähnlichen Wandel und im alles verzehrenden Eifer um Gottes Ehre den Aposteln so glich, wie wenige vor und nach ihm. Ist es nicht an der Zeit, daß wir auch in der deutschsprachigen Christenheit diesen Mann aus dem Halbdunkel, in welches ihn undankbare Vergeßlichkeit gestoßen hat, ans Licht treten lassen? Ich wüßte von wenigen Knechten Gottes, deren Leben und Arbeit es mehr verdienten, von nachfolgenden Generationen in dankbarer Erinnerung wachgehalten, weitererzählt und nachgeahmt zu werden. Whitefield sagte als junger Evangelist: I love those that thunder out the word! The Christian world is in a deep sleep. Nothing but a loud voice can waken them out of it! – Ich liebe solche, die das Wort hinausdonnern! Die Christenheit liegt in tiefem Schlaf. Nichts als eine laute Stimme kann sie aufwecken. Damals war Whitefield 24 Jahre alt und ahnte nicht, daß er bereits jene Donnerstimme war, welche die englischsprachige Christenheit auf zwei Kontinenten aufwecken sollte. Sein ganzes Leben ist ein einziger Fanfarenstoß. Einer der echten Söhne Whitefields, Charles H. Spurgeon, sagte von ihm: Das Interesse, das ein Mann wie George Whitefield erregt, kennt kein Ende. So oft ich sein Leben gelesen habe, habe ich eine ausgesprochene Belebung erfahren. Er lebte. Andere Männer scheinen nur halb zu le-
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ben; Whitefield war aber nichts als Leben, Feuer, Flügel, Kraft. Mein eigenes Vorbild, wenn ich ein solches in aller gebührenden Unterordnung unter den Herrn selbst haben darf, ist George Whitefield. Mit ungleichen Schritten muß ich indes seiner glänzenden Spur zu folgen suchen. Das oft verzweifelte Schreien mancher Kinder Gottes unserer Tage ist dies: daß der souveräne Herr der Gemeinde Jesu Christi das Gewissen einer bestürzend selbstverliebten, weltlichen und selbstgefälligen Christenheit hart und scharf schlagen möge. Wenn Er das Zeugnis George Whitefields dazu verwenden kann, dann ist dieses Buch nicht umsonst geschrieben worden.
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England vor Whitefield Gerechtigkeit erhöht eine Nation, aber Sünde ist der Völker Schande. Sprüche 14,34 Ist unsere Zeit verkommen? Liegt das christliche Zeugnis in unseren Breiten danieder? Die Zeit, in die Whitefield hineingeboren wurde, war in manchem ähnlich wie die unsrige. Wenn wir erkennen, wie verkommen England damals war, dann müssen wir sehen, daß Gott nicht Erweckung sendet oder Seine Werkzeuge erweckt, weil irgend jemand der Heimsuchungen oder der Gaben Gottes würdig gewesen wäre. Er tut es in Seiner unbegreiflichen Gnade. Sollten wir Seiner Gnade nicht vertrauen, daß der gleiche Herr der Gemeinde auch uns in unseren finsteren Tagen ein Aufleben des christlichen Zeugnisses schenken kann? England war Ende des 17. und im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts ein sittlich und sozial so degeneriertes Land, daß zeitgenössische Beobachter um den Fortbestand der Nation bangten. Wir gehen zurück bis ins Jahr 1660. Mit der heftigen Verwerfung des Puritanismus, die damals die Restauration der Monarchie begleitete, verlieh man den Engländern die Vorstellung, daß man ohne üble Folgen ein Leben der ungezügelten Hemmungslosigkeit führen könne. Mit dieser Gewißheit warf ein Großteil der Nation alle Hemmungen ab und stürzte sich kopfüber in ein Leben der Gottlosigkeit, der Trunksucht, der Unmoral und des Spielens. Es wurden Gesetze verabschiedet, welche jedes puritanische Gewissen quälen mußten. Im Jahre 1662 – einem der schwärzesten Tage in der gesamten britischen Geschichte – wurden nahezu zweitausend Pastoren aus ihrem Beruf gestoßen – all jene nämlich, welche sich der Act of Uniformity nicht beugen konnten. Hunderte litten für den Rest ihres Lebens, manche starben in der Folge (Arnold Dallimore: George Whitefield).
Der Ausverkauf des biblischen Glaubens Hatte man die bibelgläubigen Pastoren aus der Church of England vertrieben – Männer, die den Glauben der Reformatoren persönlich kannten und mit Hingabe lehrten – kann das Bild, das jene Kirche im 18. Jahrhundert bot, nicht verwundern: Das Kollektiv der Pastorenschaft besteht aus Männern, deren Leben und Beschäftigung in sonderbarster Beziehung zu ihrem Beruf steht –
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Höflinge, Politiker, Anwälte, Händler, Wucherer, Tändler, Musiker, Werkzeuge der Mächtigen und sogar Gefährten von Schurken und Gottlosen. Das Kirchenvolk ist entsprechend das unwissendste, das sich in irgendeinem protestantischen wenn nicht überhaupt christlichen Volk auf der Erde befindet (Alfred Plummer, The Church of England in the Eighteenth Century). Ein harmloser Deismus verdrängte den Glauben an den Gott der Bibel, und das kam der Verrohung britischer Gepflogenheiten in willkommener Weise entgegen. Das Christentum war bestenfalls schmückender Beirat, wie folgende Begebenheit aus jenen Tagen illustrieren kann: Sie [Queen Caroline] war lange bei schlechter Gesundheit gewesen, und im November 1737 lag sie im Sterben … Nun erleben wir folgende sehr schmerzliche, aber charakteristische Szene. Das Volk wundert sich, daß niemand mit der Königin Gebete gelesen hat. Um diesem Munkeln ein Ende zu setzen, schlug der Prime Minister Robert Walpole der Prinzessin Emily vor, den Erzbischof Potter ans Sterbelager zu bestellen. Die Prinzessin zögerte, worauf Walpole fortfuhr, wiewohl etwa ein Dutzend Personen zugegen waren: »Gnädige Frau, wir spielen am besten diese Farce; der Erzbischof wird seinen Part gut machen. Sie können ihm auftragen, sich so kurz zu fassen wie irgend möglich. Es wird der Königin weder schaden noch nützen, aber es wird alle guten und weisen Narren zufriedenstellen, die uns Atheisten nennen werden, wenn wir uns nicht als so große Narren bekennen, wie sie es sind« (Alfred Plummer). Bishop Butler sagte, der Skeptizismus herrsche so uneingeschränkt, daß man »das Christentum so behandelt, als sei es reine Fiktion … daß es zu nichts mehr dienen könne, als der öffentlichen Belustigung und Verhöhnung preisgegeben zu werden«.
Eine versoffene Nation Die Nation war völlig dem Gin (ein Branntwein mit Wacholdergeschmack) verfallen. Um 1700 war jedes sechste Haus in London ein Schnapsladen. Ein Londoner Beamter jener Zeit fragte sich: Was soll aus dem Kind werden, das im Gin-Suff gezeugt wurde und im Mutterschoß und an der Mutterbrust einer dem Gin Verfallenen herangewachsen ist?
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Bishop Benson – der Mann, der einige Jahre später George Whitefield ordinierte – klagte zur gleichen Zeit: Diese verfluchten Schnäpse werden, wenn man weiterhin so viel trinkt, dieses Volk vernichten. Gin hat das englische Volk so werden lassen, wie es zuvor nie gewesen ist: grausam und unmenschlich. Der berühmte und im 18. Jahrhundert gefeierte britische Dramatiker Henry Fielding (Verfasser von »Tom Jones«) urteilte: Sollte das Trinken dieses Giftes in den nächsten zwanzig Jahren im gleichen Ausmaß weitergehen, dann werden nur noch wenige Normale zurückbleiben, um es noch zu trinken. Die Liste der Laster jener Zeit ist lang. Sie fand ein widerliches Vergnügen an Tierquälereien. Die Puritaner hatten zu Zeiten Oliver Cromwells alle mit Tierquälerei zusammenhängenden Belustigungen verboten. Jetzt aber fand das Volk landauf, landab sein Vergnügen an tierquälerischen Spielen. Eine herzlose Aristokratie lebte in übermäßigem Prunk, während große Teile der Bevölkerung ein elendes Dasein fristen mußten. Wachsende Kriminalität führte zu überfüllten Gefängnissen, und die Gefängnisse ihrerseits waren unbeschreibliche Höhlen des Schmutzes, der Verwahrlosung und der Brutalität. Obszönitäten auf offener Bühne, »that sink of corruption – jene Sickergrube der Verderbtheit«, wie John Wesley sie nannte, gehörten zu den Sünden jener schamlosen Generation, ebenso wie der Sklavenhandel. England war die führende Sklavenhändlernation; der Sklavenhandel war der einträglichste Zweig britischen Außenhandels überhaupt. England stand vor dem gesellschaftlichen Ruin. Nur noch eine Heimsuchung von oben konnte dieses Volk vor dem Untergang retten.
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Gin Lane = Die Ginstraße. In London war um 1700 jedes sechste Haus ein Schnapsladen. Das Ausmaß der Trunksucht war so groß, daß die wenigen noch nüchtern gebliebenen Zeitgenossen um den Fortbestand der Nation bangten.
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Hahnenkämpfe als Beispiel für die rohe Vergnügungs- und Genußsucht im England des 18. Jahrhunderts. Die Puritaner hatten unter Cromwell alle Kampfspiele mit Tieren verboten; mit der Vertreibung der Puritaner aus Kirche und Amt (1662) kehrte diese üble Sorte von Volksbelustigung bald wieder zurück.
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Der Halbwaise von der Bell Inn Ehe ich dich im Mutterleibe bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterschoße hervorkamst, habe ich dich geheiligt: zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt. Jeremia 1,5 »Ich wurde in Gloucester (sprich: Gloster) im Monat Dezember des Jahres 1714 geboren. Mein Vater und meine Mutter führten die ›Bell Inn‹. Ersterer starb, als ich zwei Jahre alt war.« Mit diesen Sätzen beginnt George Whitefield seine ganz knappen autobiographischen Aufzeichnungen, die als George Whitefield’s Journals in englischer Sprache aufliegen1. Er kam als siebtes Kind einer wohlhabenden Familie zur Welt. Seine Eltern zählten beide erfolgreiche Geschäftsleute, Gelehrte, Pastoren und Bürgermeister zu ihren Vorfahren. Thomas und Elizabeth Whitefield selbst führten den Gasthof »The Bell Inn«, das beste Haus in Gloucester, mit beträchtlichem Erfolg. Es wurden ihnen der Reihe nach fünf Söhne geboren, dann eine Tochter und als siebtes Kind George. Eine Erkrankung an Masern verursachte ein Augenleiden, das ihn für den Rest seines Lebens begleitete: das berühmte Schielen seines linken Auges. Es war nicht so schwerwiegend, daß er über Kreuz geschielt hätte, aber es war deutlich genug, um ihm vom Londoner Pöbel jenen Spottnamen einzutragen, den Whitefield auch ganz gerne auf sich selbst anwandte: Doctor Squintum – ungefähr: Dr. Schielus. Als George zwei Jahre alt war, starb sein Vater. Acht Jahre später ging seine Mutter eine zweite Ehe ein, die sich aber als eine so unglückliche Verbindung erwies, daß Elizabeth nach wenigen Jahren ihren zweiten Mann verließ, um fortan allein zu bleiben. Wir wissen von der Kindheit und Jugend Whitefields nicht viel; die einzigen Informationen darüber finden sich in einem kurzen autobiographischen Vorspann zu seinen Tagebüchern, die er zu schreiben anfing, als er bereits ein bekannter Evangelist war. Wir erfahren dort unter anderem: Mein Vater und meine Mutter hielten die »Bell Inn«. Mein Vater starb, als ich zwei Jahre alt war; meine Mutter lebt noch. Sie erzählte mir oft, daß sie nach meiner Geburt eine vierzehnwöchige Krankheit erduldete; und sie pflegte zu sagen, daß sie – bereits vom Säuglingsalter an – von mir mehr Trost erhoffte als von ihren übrigen Kindern. Das, zusammen mit dem Umstand, daß ich in einem Gasthof geboren wurde, hat mir oft dazu gedient, die Hoffnungen meiner Mutter nicht zu ent-
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täuschen … Ich kann nur sagen, daß ich von Mutterleib an störrisch war … ich kann mich an einige sehr frühen sündigen Handlungen erinnern. Lügen, unsauberes Reden und närrisches Schwatzen, manchmal sogar Fluchen … Ich machte mir kein Gewissen daraus, aus der Tasche meiner Mutter zu stehlen, wenn sie noch nicht aufgestanden war. Ich mißbrauchte oft das mir erwiesene Vertrauen und entwendete mehr als einmal Geld aus dem Haus und kaufte davon Früchte und Gebäck usw., um meinen sinnlichen Appetit zu stillen. Ich habe zahlreiche Sabbate2 gebrochen und benahm mich gewöhnlich sehr ehrfurchtslos im Haus Gottes, und ich habe viel Geld ausgegeben für Spiele und die üblichen Unterhaltungen jener Zeit. Karten spielen und Romane lesen waren meine Herzenslust. Oft schloß ich mich andern an und verübte üble Streiche, wurde aber glücklicherweise meistens, wenn auch nicht immer, entdeckt. Dafür habe ich Gott oft gepriesen und tue es noch jetzt. Was uns auffallen muß, ist Whitefields Bewertung von uns harmlos genug erscheinenden Narrheiten. Uns mag das überspannt vorkommen, aber offenkundig empfand er, als er diese Aufzeichnungen machte, Sünde bereits so, wie es seine geistlichen Vorfahren, die Puritaner, empfunden hatten. Bei diesen war »the sinfulness of sin – die Sündhaftigkeit der Sünde« ein stehendes Thema gewesen. Zum tiefen Empfinden der Sündhaftigkeit gesellte sich bei Whitefield – und darin ist er wiederum ein echter Sohn der Puritaner vom Schlag John Bunyans3 und anderer – das ebenso tiefe Empfinden für die Größe und Unbegreiflichkeit der Gnade. So fährt er in seinem »Short Account of God’s Dealings« fort: Konnte der reiche Jüngling in den Evangelien sich dessen rühmen, er habe von Jugend auf die Gebote gehalten, so muß ich mit Scham bekennen, daß ich sie von Jugend an allesamt gebrochen habe. Wenn andere davon reden und sich dessen rühmen mögen, daß in ihnen etwas gewesen sei, das sie der Errettung würdig gemacht habe, so kann ich in mir nichts anderes sehen, als daß ich gänzlich geeignet und passend bin, verdammt zu werden. Wenn der Allmächtige mir nicht mit Seiner Gnade zuvorgekommen wäre und nicht mit großer Macht an meiner Seele gewirkt, wenn Er mich nicht durch das freie Wirken Seines Geistes belebt hätte, als ich tot war in Sünden und Übertretungen, würde ich jetzt entweder im Dunkel und im Schatten des Todes sitzen oder längst als Verdammter am Ort der Qual meine Augen aufgeschlagen haben.
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So groß ist aber Gottes freie Gnade an mir gewesen, daß ich mich trotz der Verderbtheit, die so mächtig in meiner Seele wirkte und so früh so bittere Früchte hervorbrachte, an frühe Regungen des gesegneten Geistes an meinem Herzen erinnern kann – Regungen, die genügten, mich davon zu überzeugen, daß Gott mich mit ewiger Liebe geliebt haben muß und daß er mich von Mutterleib an für das Werk ausgesondert hatte, zu dem Er mich später zu berufen beliebte. Elizabeth muß von Anfang an die Absicht gehabt haben, George nach Oxford zu schicken, vielleicht in der Hoffnung, er werde die Familientradition fortführen und Geistlicher werden. Sie muß auch gesehen haben, daß er sich in der Schule ganz gut hielt und sogar außerordentliche Talente zeigte. Lassen wir Whitefield weitererzählen: Ich liebte immer die Vorstellung, ein Geistlicher zu sein, und imitierte oft die Pastoren, wie sie die Gebete etc. lasen. Ein Teil des Geldes, das ich meiner Mutter stahl, gab ich den Armen, und einige der Bücher, die ich andern entwendete und für die ich seither vierfältig erstattet habe, waren Andachtsbücher. Meine Mutter gab sehr acht auf meine Bildung … Als ich etwa zehn Jahre alt war, gefiel es Gott, meiner Mutter zu erlauben, ein zweites Mal zu heiraten. Es stellte sich als das heraus, was die Welt als eine unglückliche Verbindung in den zeitlichen Dingen bezeichnet, aber Gott lenkte es zum Guten. Als ich etwa zwölf Jahre alt war, kam ich auf die St. Mary de CryptSchule – das war gleichzeitig die Schule meiner letzten Jahre an einem Gymnasium (grammar school). Da ich einen guten rednerischen Ausdruck und ein entsprechendes Gedächtnis hatte, wurde ich ausersehen, die Reden vor versammelter Stadtvorsteherschaft zu halten bei ihrem jährlichen Besuch an unserer Schule. Mit fünfzehn Jahren brach Whitefield seine Schulausbildung ab, da er vermuten mußte, seine Mutter werde ihn entgegen ihrer Erwartung nicht auf die Universität schicken können. In der Tat hatte Mutter Whitefields zweite Ehe zur Folge, daß die Geschäfte der Bell Inn immer schlechter gingen – so schlecht, daß George sich zur Mithilfe im Betrieb entschloß: Ich begann, ihr von Zeit zu Zeit im Gasthaus zu helfen, bis ich schließlich die blaue Schürze und die Lichtscheren ergriff und anfing, Böden zu putzen, Zimmer zu reinigen – kurz, für fast anderthalb Jahre ein berufsmäßiger Zapfgeselle wurde.
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Ich erinnere mich, wie ich einmal sehr dazu gedrängt wurde, mich selbst zu überprüfen, aber dabei eine große Unwilligkeit feststellte, in mein Herz zu schauen. Dennoch las ich oft in der Bibel, während ich in den Nächten aufblieb. Wenn ich meine Kameraden sah, wie sie zur Schule gingen, schnitt mir das oft ins Herz. Ein liebenswürdiger Jüngling, der jetzt beim Herrn ist, kam oft, während ich hinter dem Tresen stand, und drängte mich, doch mit ihm nach Oxford zu gehen. Darauf antwortete ich gewöhnlich: »Könnte ich nur!«
George soll nach Oxford! Etwas später öffnete sich eine unerwartete Tür nach Oxford; doch zuerst sah es aus, als ob der Traum der Mutter und der Wunsch ihres Sohnes auf immer begraben werden müßten. Elizabeth sah sich genötigt, ihren Mann und die Bell Inn zu verlassen, und George folgte ihr bald. Nachdem ich eine ganze Weile schon mit meiner Mutter gelebt hatte, kam ein junger Student, der einmal mein Mitschüler gewesen, aber inzwischen Servitor am Pembroke College in Oxford war, zu meiner Mutter auf Besuch. Er erzählte uns unter anderem, wie er als Servitor alle College-Ausgaben bestritten und sogar noch einen Pfennig verdient hatte. Darauf rief meine Mutter sofort: »Das ist genau das Richtige für meinen Sohn!« Sie wandte sich dann an mich mit der Frage: »Willst du nach Oxford gehen, George?«, worauf ich antwortete: »Von ganzem Herzen.« Darauf suchte meine Mutter sogleich die Freunde dieses jungen Studenten auf. Diese versprachen, sie würden sich für mich um eine Stelle als Servitor am gleichen College bemühen. Dann wandte sie sich an meinen alten Schulmeister, der es nur zu gerne hörte, daß ich wieder zur Schule gehen wollte … Es gefiel Gott, mich zu segnen, und ich lernte viel schneller als zuvor. Die Monate an der Schule bescherten Whitefield jedoch auch Auseinandersetzungen mit der Sünde und erste Erfahrungen göttlichen Beistands. Sicher, er beschrieb in den Tagebüchern seine Verstrickungen in die Sünde aus der Sicht des Evangelisten, der er inzwischen war, und daher gab er ihnen wahrscheinlich mehr Gewicht, als sie damals in seiner Seele hatten; aber dennoch: Wir können den unendlichen Abstand, den unsere Zeit zur Zeit Whitefields hat, nicht übersehen. Er empfand Gottlosigkeit viel tiefer, als wir es tun; entsprechend empfand er auch Gottes Erbarmen um ebensoviel größer und unbegreiflicher:
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Aber diese ganze Zeit fuhr ich fort in verborgener Sünde, und ich lernte eine Gruppe so ausschweifender, haltloser, gottloser Jünglinge kennen, daß ich längst auf dem Sitze der Spötter meinen Platz eingenommen hätte, hätte Gott mich nicht durch Seine freie, unverdiente, besondere Gnade aus ihrer Hand befreit. Indem ich mich zu ihnen hielt, wurden meine Gedanken über Religion den ihrigen immer ähnlicher. Ich besuchte die Gottesdienste nur noch des Amüsierens und der Geselligkeit wegen. Ich fand Gefallen an schmutzigen Unterhaltungen. Ich begann zu urteilen, wie sie urteilten, und war wohl schon so gottlos wie der Schlimmste unter ihnen. Aber anbetungswürdige Liebe! Gott hielt mich sogar da noch auf, als ich mit voller Fahrt auf die Hölle zusteuerte. Denn gerade als ich am Rande des Abgrunds stand, schenkte Er mir einen solchen Widerwillen gegen ihre Grundsätze und Handlungen, daß ich sie dem Schulmeister meldete … Da ich jetzt im siebzehnten Lebensjahr stand, beschloß ich, mich für das heilige Sakrament zu rüsten, welches ich am Weihnachtstag empfing. Ich begann immer mehr auf meine Gedanken, Worte und Taten achtzugeben. Ich hielt die sich anschließende Fastenzeit, indem ich Mittwoch und Freitag zusammen sechsunddreißig Stunden fastete. Die Abende verbrachte ich, nachdem ich meiner Mutter aufgewartet hatte, gewöhnlich mit Andachten, mit dem Lesen von »Drelingcourt on Death« und anderer Bücher praktischer Frömmigkeit, und ich besuchte zweimal wöchentlich den Gottesdienst. Da ich jetzt zum ältesten Jahrgang gehörte, vermochte ich mit Gottes Hilfe unter meinen Mitschülern einige Besserungen durchzusetzen. Ich war im Studium der alten Sprachen sehr eifrig, auch im Studium meines griechischen Neuen Testaments, wiewohl ich noch nicht davon überzeugt war, daß Kartenspielen und das Lesen und Ansehen von Theaterstücken strikt verboten ist. Immerhin begann ich, einige Bedenken zu empfinden … Zwölf Monate hielt ich mich an diesen Kreislauf meiner Pflichten, des monatlichen Empfangs des Abendmahles, des häufigen Fastens, des regelmäßigen Gottesdienstbesuches, des täglichen wiederholten Gebetes im Kämmerlein. Einer meiner Brüder sagte mir mehr als einmal: »Das wird nicht lange vorhalten. Spätestens, wenn du nach Oxford kommst, wirst du damit aufhören.« Mit dieser Warnung tat er mir einen großen Dienst, denn sie führte dazu, daß ich begann, ernstlich zu beten, daß Gott mir Beständigkeit und Ausharren schenke. Was für ein Bild: Da liegt ein Jüngling auf den Knien vor Gott und betet »um Ausharren«. Ein gewiß nicht alltägliches Gebet aus der Brust eines
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Siebzehnjährigen! Aber seine Empfindungen waren echt und seine Bitten ebenso. Wie echt, das bewiesen die Jahre in Oxford, die Whitefields Kurs für sein weiteres Leben und für die Ewigkeit festlegten. Gott gab ihm weit mehr als Ausharren. Es dauerte nicht mehr lange, da rief Gott den jungen Mann »mit heiligem Ruf« (2Tim 1,9) und unterwarf ihn Seinem Gnadenwillen.
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Oxford und der Heilige Club Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leibe an abgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, auf daß ich ihn unter den Nationen verkündigte … Galater 1,15.16 Wenn Menschen in sich die schwere Last der Sünde verspüren, wenn sie die Verdammnis als deren Lohn erkennen und mit ihren Augen die Schrecken der Hölle gewahren, dann zittern sie, dann beben sie und werden innerlich von Herzenskummer befallen. Sie können nicht anders, als sich selbst anzuklagen und ihren Kummer dem Allmächtigen zu bekennen und zu Ihm um Erbarmen zu schreien. Da dies mit Ernst geschieht, ist ihr Sinnen so beschlagnahmt – teils von Kummer und teils vom brennenden Verlangen, der Hölle und der Verdammnis zu entrinnen –, daß jedes Verlangen nach Essen und Trinken schwindet und eine Abscheu vor allen weltlichen Dingen und Vergnügungen dessen Platz einnehmen. Nichts gefällt ihnen mehr, als nur zu weinen und zu klagen und mit Worten und Gebaren zu zeigen, daß sie des L ebens überdrüssig sind. John Wesley, 1746 Am 7. November 1732 schrieb sich George Whitefield am Pembroke College in Oxford ein. »Der Tag war ihm nicht so düster, wie er manch einem andern gewesen wäre, weil er in der niedrigsten Kategorie eintrat, nämlich als Servitor« (Dallimore). Der Servitor trug den Titel zu Recht: Er war ein Diener der höhergestellten Studenten, der diese am Morgen wecken, ihnen die Schuhe putzen, ihre Zimmer aufräumen und ähnliche Besorgungen verrichten mußte. Dafür erhielt er von ihnen als Lohn nicht mehr benötigte Schulbücher oder Kleider; manchmal steckten sie ihm auch einen Heller zu. Der Servitor mußte ein besonderes Gewand tragen; den Studenten höheren Ranges war durch die Sitte verboten, mit ihm zu sprechen; er durfte nicht mit der allgemeinen Studentenschaft an den Kolloquien teilnehmen; sogar zum Abendmahl durfte er nur in einer für ihn bestimmten Stunde gehen. So kam es oft vor, daß junge Männer, die als Servitor nach Oxford kamen, diese Demütigungen nicht ertrugen und die Schule verließen. Nicht so Whitefield. Er verließ Oxford nicht, ehe er seinen »Bachelor of Arts« erworben hatte. Er war nicht der Mann, der einen Vorsatz aufgab, und er war demütig genug, auf dem Platz zu verharren, der ihm gewiesen war. Dallimore meint, Whitefield habe hier »bleibende Narben in seiner Persönlich-
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keit« davongetragen. Wer will das mit Sicherheit feststellen? Tyerman urteilt vorsichtiger: »Whitefield wurde als Servitor aufgenommen – eine demütige, aber nicht notwendigerweise entehrende Stellung. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Wesleys Vater den gleichen bescheidenen Eingang in Oxford gehabt.« Auf alle Fälle wurde Whitefield hier von Gott in die Schule genommen, und Gottes Hochschulen sind, wie ein zeitgenössischer Evangelist einmal sagte, Tiefschulen.4 Er mußte auf jene Jahre vorbereitet werden, in denen er solch ungeheuren Erfolg hatte und ihm solche Bewunderung entgegenschlug, daß es ihm bei normalen Umständen das Genick hätte brechen müssen. Denn zu den hervorstechendsten Merkmalen im ganzen Leben dieses Gottesmannes gehört, daß er auch dort, wo er auf einer Welle schier universaler Verehrung emporgetragen wurde, klein und bescheiden blieb. Whitefield war nach Oxford gekommen, um zu arbeiten und um in seinem religiösen Streben voranzukommen. Darum ließ er sich vom oberflächlichen Lebensstil seiner Mitstudenten nicht mitreißen, sondern vergrub sich hartnäckig in seine Studien und setzte mit noch größerem Eifer seine religiösen Übungen fort. Man drängte mich bald, mich den Ausschweifungen etlicher meiner Zimmergenossen anzuschließen, aber Gott gab mir Gnade, zu widerstehen … Ich begann jetzt dreimal am Tag zu beten und Psalmen zu singen; ich fastete jeden Freitag und empfing einmal im Monat das Sakrament in einer Kirche nahe beim College.
Die Oxforder Methodisten Sein Glück war, daß er einen guten Tutor (persönlicher Betreuer einzelner Studenten) hatte, der ihn in seinem religiösen Eifer nicht hinderte und ihn im Studium förderte: »Er lieh mir Bücher aus, gab mir Geld, besuchte mich und besorgte einen Arzt, wenn ich krank war.« Obwohl dieser gute Mann ihm wie ein Vater war, fühlte er sich allein. Ein ganzes Jahr blieb es so, bis er die Brüder John und Charles Wesley und den Heiligen Club kennenlernte. Er hatte schon seit längerer Zeit Mitglieder des Heiligen Clubs beobachtet und sich zu ihnen hingezogen gefühlt: Die jungen Männer, die man Methodisten nannte, waren oft das Gesprächsthema in Oxford … Über zwölf Monate sehnte sich meine Seele danach, sie kennenzulernen, und ich wurde heftig gedrängt, ihnen nachzueifern, als ich sie einmal sah, wie sie durch einen spöttelnden Haufen schritten, um das heilige Abendmahl zu empfangen.
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Als Servitor durfte Whitefield sie nicht ansprechen, aber er war den Wesleys durch seine Ernsthaftigkeit aufgefallen, und eines Tages setzte sich Charles Wesley über die Sitten der Universität hinweg und lud ihn zu sich zum Frühstück ein. Damit begann eine lebenslange Freundschaft. Whitefield schrieb einige Jahre später in seinen Tagebüchern: »Gott sei gelobt, es war einer der nützlichsten Besuche in meinem Leben«, und Charles Wesley schrieb Jahrzehnte danach in einem Gedicht über das glückliche Treffen die Worte: Kann ich den denkwürdigen Tag je vergessen, An dem wir uns durch Gottes Bestimmung erstmals trafen? Endlich war Whitefield zu den »Methodisten« gestoßen, jener Gruppe junger religiöser Eiferer, die 1728 gegründet worden war. John Wesley war unbestritten der führende Kopf der etwa zwölf Männer, die sich regelmäßig trafen, um miteinander im griechischen Neuen Testament und in erbaulichen Schriften zu lesen wie etwa Die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis. Sie führten ein Leben rigoroser Selbstzucht, das hieß: früh aufstehen zu persönlicher Andacht, streng reglementiertes tägliches Pensum an akademischer Arbeit, sonntägliche Teilnahme am Abendmahl, Fasten an jedem Mittwoch und Freitag, Führen eines Tagebuches zur beständigen Selbstprüfung. All das faszinierte Whitefield, der sich sofort dieser Selbstzucht unterwarf: Nie rangen Menschen ernsthafter darum, durch die enge Pforte einzugehen. Sie führten ihren Leib in Knechtschaft bis zum Äußersten. Sie waren der Welt gestorben und waren willens, als Auskehricht aller zu gelten, auf daß sie Christus gewönnen … Und nun begann auch ich wie sie nach Regeln zu leben und jeden Augenblick auszukaufen, um keine Zeit zu verschwenden. Ob ich aß oder trank, ich versuchte alles zur Ehre Gottes zu tun.5 Wie sie ging ich sonntäglich zum Empfang des Sakramentes zur Christ Church. Ich hielt mich mit ihnen an die Fastentage Mittwoch und Freitag und unterließ nichts, von dem ich erwartete, es würde mich näher zu Jesus Christus bringen. Die Männer des »Heiligen Clubs« oder die »Methodisten« waren mit all ihrer Ernsthaftigkeit keine wiedergeborenen Christen. Der Club war auch nicht die erste »Methodist Society«, methodistische Gemeinschaft, wie zu Unrecht schon gesagt worden ist. Es sollte Whitefield vorbehalten sein, als erster unter seinen Mitgenossen die geistliche Geburt aus Gott zu erfahren, und es dauerte noch einige Jahre, bis durch ihn die erste methodisti-
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sche Gemeinschaft gegründet wurde. Dennoch verdankte er dem Heiligen Club vieles. Dort lernte er jene Selbstzucht, ohne die er später sein ungeheures Lebenswerk nie hätte leisten können. Und ohne das bis zum Äußersten gehende geistliche Streben nach christlicher Vervollkommnung hätte er seine Bekehrung wohl auch nicht so bald und mit solcher Tiefe und Macht erlebt.
Ein Buch stellt eine Weiche Eines Tages geriet Whitefield ein Buch eines jungen Schotten aus dem 17. Jahrhundert in die Hände, dessen Titel lautete: »Das Leben Gottes in der Seele des Menschen«6. Hier nun las er von Dingen, die ihm gänzlich neu waren: Gott zeigte mir, daß ich von neuem geboren werden oder verdammt werden müsse. Ich erfuhr hier, daß man in die Kirche gehen, Gebete aufsagen, das Sakrament empfangen kann, ohne ein Christ zu sein. Wie brachte das mein Herz in Wallung! Ich fühlte mich wie ein verarmter Mann, der es nicht wagt, in seine Buchhaltung zu schauen, aus Angst, er müßte seinen Bankrott feststellen. »Soll ich dieses Buch verbrennen? Soll ich es wegwerfen? Oder soll ich es zu Ende studieren?« Ich hielt das Buch in den Händen und redete zum Gott des Himmels und der Erde: »Herr, wenn ich kein Christ bin, oder wenn ich kein echter Christ bin, dann zeige mir um Jesu Christi willen, was Christentum ist, damit ich am Ende nicht verdammt werde!« Gott zeigte es mir bald, denn als ich etwas weiter unten las: »Wahre Religion ist die Gemeinschaft der Seele mit Gott und das Gestaltnehmen Christi in uns«, schoß ein Strahl göttlichen Lichts unvermittelt in meine Seele. Von dem Augenblick an wußte ich, daß ich eine neue Kreatur werden mußte.« Soviel wußte er nun, aber er wußte nicht, wie er eine neue Kreatur werden konnte. Wie hätte er es auch wissen können? Die neue Geburt ist etwas, das vollständig zur geistlichen Welt gehört, für die der natürliche Mensch so blind ist wie der Maulwurf für die Sonne am Himmel. So stolperte Whitefield wie ein Blinder weiter, von diesem einen Verlangen getrieben, verändert zu werden. Als erstes verschärfte er seine Askese, was ihm wachsende Feindschaft seiner Verwandten in Gloucester und Unverstand bei seinen Mitbrüdern im Heiligen Club einbrachte. Sein ganzes Denken wurde von seinem Streben nach Heiligkeit beschlagnahmt, bis er keinen klaren Gedanken mehr fassen und von furchtbaren Ängsten gejagt wurde:
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Bald wich aller Trost von mir, und eine furchtbare Angst überfiel meine Seele. An einem Morgen fühlte ich beim Aufstehen einen ungewöhnlichen Alpdruck auf meiner Brust, der von innerer Finsternis begleitet war … Der Druck wuchs, bis es mich so vollständig niederdrückte, daß ich glaubte, von Satan überfallen worden zu sein wie einst Hiob. Alle Fähigkeit zur Andacht oder auch nur zu klarem Denken wich von mir … Meine ganze Seele war dürr wie eine Wüste, ich fühlte mich wie in Eisen geschlagen. Wenn ich niederkniete, wurde jedesmal mein Körper von Wallungen heimgesucht, und ich betete, bis mir der Schweiß vom ganzen Körper troff … Gott allein weiß, wie viele Nächte ich auf dem Bett lag und unter dieser erdrückenden Last stöhnte, während ich Satan befahl, im Namen Jesu von mir zu lassen. Ganze Tage und Wochen verbrachte ich ausgestreckt auf dem Boden und flehte um Befreiung von diesen stolzen, höllischen Gedanken, die meine Seele umfingen und mich wegreißen wollten. Der geplagte Jüngling trieb seine Askese noch weiter, aß keine Früchte mehr, sondern gab das auf diese Weise gesparte Geld den Armen. Er nahm nur das kümmerlichste Essen zu sich, trug einen geflickten Rock und schmutzige Schuhe. Dann stürzte er sich in einen extremen Quietismus7, den er aus einer erbaulichen Schrift eines gewissen Castaniza herleitete. Dabei übertrieb er jede Anweisung, so daß er, statt wenig zu reden, gar nicht mehr redete, und aus dem Rat, vor Gott stille zu sein, den Schluß zog, gar nicht mehr zu beten. Er saß ganze Abende stumm vor sich hinstarrend unter seinen Freunden im Heiligen Club. Seine akademische Arbeit litt zusehends. Als sein freundlicher Tutor ihn nach den Ursachen fragte, dachte er allen Ernstes, Whitefield habe den Verstand verloren. Noch immer brannte die ungestillte Sehnsucht in seiner Seele, und er steigerte seine asketischen Strapazen abermals. Er meinte, er müsse es dem Herrn gleichtun, der in der Wildnis versucht worden war. Ganze Nächte verharrte er auf den Feldern kniend oder bäuchlings ausgestreckt im Gebet. Aber seine Seele kannte noch immer keinen Frieden. Was konnte er noch tun, um dem Ziel näher zu kommen? Was mußte er noch aufgeben, damit endlich das Leben Gottes in seiner Seele keimen würde? Der Verzicht auf die Gemeinschaft seiner Freunde und Gesinnungsgenossen im Heiligen Club wäre, so schien ihm, jenes höchste Opfer, das er noch nicht gebracht hatte. Er trennte sich folglich von den Methodisten, von der Überzeugung getragen, Gott werde ihn noch das Gesuchte finden lassen. Schließlich befand er sich am Rande des vollständigen Zusammenbruchs. In der Fastenzeit des Frühlings 1735 aß er während sechs Wochen nichts als ein wenig Schwarzbrot und trank dazu Salbeitee. Er war körperlich schon so