Skip to main content

255271

Page 1

1


2


3

Josh McDowell und Bob Hostetler

Die neue Toleranz Wie eine kulturelle Bewegung Sie, Ihren Glauben und Ihre Kinder zu zerstĂśren droht

Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld


4

1. Auflage 1999 © 1998 by Josh McDowell und Bob Hostetler Originaltitel: The New Tolerance Herausgegeben von Tyndale House Publishers, Wheaton, Illinois, USA © der deutschen Ausgabe 1999 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Satz: CLV Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Druck und Bindung: Ebner, Ulm ISBN: 3-89397-271-4


5

Inhaltsverzeichnis Kapitel 1:

Eine wachsende Bedrohung . . . . . . . . . . . .

7

Kapitel 2:

Zwei Arten von Toleranz . . . . . . . . . . . . . .

15

Kapitel 3:

Die Kosten der Toleranz . . . . . . . . . . . . . . .

31

Kapitel 4:

Die Folgen der Toleranz . . . . . . . . . . . . . . .

51

Kapitel 5:

Die Taktik der Toleranz . . . . . . . . . . . . . . .

65

Kapitel 6:

Der vortrefflichere Weg . . . . . . . . . . . . . . . .

77

Kapitel 7:

Toleranz und Erziehung . . . . . . . . . . . . . . .

97

Kapitel 8:

Toleranz und Regierung . . . . . . . . . . . . . . . 117

Kapitel 9:

Toleranz und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . 133

Kapitel 10: Toleranz und Christenheit . . . . . . . . . . . . . 149 Kapitel 11: Scheinen wie Himmelslichter . . . . . . . . . . 165 Begriffserklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179


6


7

1

Eine wachsende Bedrohung

Die Borg. Halb Menschen, halb Maschinen. Eine weit fortgeschrittene Rasse von Schlächtern. Sie greifen ohne Gnade an und assimilieren ihre Opfer ins »Kollektiv«, saugen sie auf in eine einzelne Gruppenideologie, in der alle individuellen Gedanken, Handlungen und Persönlichkeiten verloren sind. Die Borg leben nicht mit anderen Lebensformen oder Kulturen friedlich zusammen. Sie zerstören alle unterlegenen Einzelpersonen oder Welten, denen sie begegnen, und assimilieren alle anderen – machen sie zu Ihresgleichen. Sie haben kein Gewissen und keine Ethik. Und sie werden nicht aufhören, bis sie alle ihre Feinde zerstört oder assimiliert haben. Die Borg sind natürlich erdichtet – sie sind die geistreiche Schöpfung der Köpfe, die hinter der beliebten Kinofilm- und Fernsehserie Star Trek bzw. Raumschiff Enterprise stehen. Doch die Borg haben ein Gegenstück in der unserer heutigen Kultur. Es ist möglich, dass bereits Ihr Freundeskreis, Ihre Schule, Ihre Gemeinde und sogar Ihre Kinder davon infiziert wurden. Vielleicht ist dieses Borg-Gegenstück sogar schon dabei, Ihren eigenen Glauben und Ihr Zeugnis zugrunde zu richten. Und sofern das nicht schon geschehen ist, könnte es bald beginnen, diejenigen zu beeinflussen und zu infizieren, die Sie am meisten lieben. Und es wird nicht aufhören, bis Sie und Ihre Familie vollständig assimiliert sein werden. Dieses lebensbedrohliche Gegenstück wird »neue Toleranz« genannt, ein einfacher Ausdruck, der eine komplexe moderne Lehre beschreibt.

Die neue Toleranz Lange Zeit dachte ich, ich wüsste, was Menschen meinten, wenn sie von Toleranz sprechen. Aber ich habe seither entdeckt, dass ursprüngliche und heutige Wortbedeutung zwei drastisch verschiedene Dinge sind. Die heutige Lehre der Toleranz (was ich »neue Toleranz« nenne) geht weit über die Definition der Toleranz im Wörterbuch hinaus.


8

Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

Websters Wörterbuch definiert tolerieren als »anerkennen und respektieren [der Glaubensüberzeugungen, Verhaltensweisen usw. anderer] ohne sie zu teilen« und »etwas oder jemanden ertragen oder erdulden, das bzw. den man nicht besonders mag«.1 Doch dieser Definition entspricht das Wort nicht mehr, zumindest nicht, was die Mehrheit der Menschen und Institutionen betrifft, die es gebrauchen … das ist besonders unter Schülern und Studenten der Fall. Und die neue Toleranz stellt für Sie und für Ihre Familie eine ernste Gefahr dar, wie Sie es anhand des Beispiels Monikas und ihrer Tochter Sherry sehen werden.2

Verschiedene Lebensstile Monika wurde in einer nichtchristlichen, aber liebevollen Familie mit anständigen, strengen Regeln und Richtlinien erzogen. Als eine gute Schülerin und – nach der Meinung ihrer Eltern – »gutes Mädchen« ging Monika im Alter von 18 Jahren ans College. Sie erwarb ausgezeichnete Abschlüsse, war an angesehenen College-Aktivitäten beteiligt und besuchte während der Semesterferien treu ihre Eltern. Dann, in ihrem Examensjahr, teilte sie ihr Zimmer mit einer inbrünstigen Christin, die geduldig Monikas viele Fragen beantwortete, bis Monika schließlich eines Freitagnachmittags ihr Leben Jesus Christus übergab. Sie engagierte sich in einer nahe gelegenen Gemeinde, wo sie bald einen netten gläubigen Mann namens Jack kennen lernte und heiratete. Ein Jahr später stellte sie ihren Eltern deren erstes Enkelkind Sherry vor. Das Leben hätte nicht besser werden können. Doch als Sherry ins Teenageralter kam, begann sich manches zu verändern. Die Anzeichen waren zuerst nur unterschwellig, aber schließlich mussten Monika und Jack eingestehen, dass ihre Tochter anscheinend viele Werte der Eltern ablehnte. Sie waren beunruhigt, doch sie beteten weiter für Sherry und hofften, dass sie »aus dieser Phase herauswachsen« und zu dem zurückkehren würde, was sie ihr beigebracht hatten. Sie waren erleichtert darüber, dass ihre Tochter trotz der Differenzen mit ihnen nie in die Drogen- oder Alkoholszene abrutschte, wie es bei vielen ihrer Altersgenossinnen der Fall war. Sherry legte ihre Reifeprüfung an der Schule mit Auszeichnung ab und ging auf dieselbe Universität, die ihre Mutter besucht hatte. Dort lernte sie Toni kennen. »Du wirst ihn lieben, Mama«, erklärte Sherry bei ihrem ersten Heimatbesuch von der Universität aus. »Er ist so süß – um nicht zu


Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

9

sagen brillant. Er ist einfach in jeder Hinsicht erstklassig. Jeder respektiert ihn. Und er behandelt mich wie eine Königin!« Monika lächelte. »Ich freue mich so für dich«, sagte sie. »Wann werden wir ihn denn kennen lernen?« »Augenblicklich hofften wir, in den Weihnachtsferien gemeinsam hierher kommen zu können. Natürlich nicht für die ganzen zwei Wochen. Wir möchten einen Teil der Ferien auch bei seinen Eltern verbringen. Aber zumindest lange genug, damit ihr alle einander kennen lernt.« »Das ist eine wunderbare Idee, Schatz. Dein Papa und ich würden uns sehr freuen. Lasst es uns nur rechtzeitig vorher wissen, an welchen Tagen ihr hier sein werdet, und ich werde das Gästezimmer bereithalten.« Sherry zögerte. »Sicher, Mama. Aber …« Sie atmete tief durch. »Nun ja, ist das Gästezimmer wirklich nötig? Ich dachte, wir könnten ja gemeinsam in meinem Zimmer übernachten.« Monikas Augen öffneten sich weit. »Sei nicht dumm. Das geht nicht. Das wäre nicht richtig.« »Ich hatte mir gedacht, dass du das sagen würdest«, antwortete Sherry. »Ich habe Toni erklärt, wie du und Papa diese Dinge empfinden, aber ich habe ihm versprochen, irgendwie mit euch darüber zu reden. Aber sorge dich nicht. Wir werden eure Empfindungen respektieren und in getrennten Zimmern schlafen, wenn wir hier sind.« Monikas Herz pochte wie Trommeln in ihren Ohren. »Wenn ihr hier seid? Was meinst du damit, wenn ihr hier seid? Willst du etwa sagen, dass ihr vorhabt zusammen zu schlafen, wenn ihr nicht hier seid?« »Das tun wir schon, Mama«, erklärte Shelly geduldig. »Wir sind verliebt. Du erwartest doch nicht wirklich, dass wir …« Monika unterbrach. »Ich erwarte, dass du die Moral und die Werte respektierst, die wir dir dein ganzes Leben lang beigebracht haben.« »Das tue ich«, entgegnete Sherry. »Darum habe ich zugestimmt, dass wir in getrennten Zimmern schlafen, solange wir hier sind. Aber bei Toni zu Hause oder in der Schule ist es anders.« Monika schüttelte ihren Kopf. »Willst du etwa sagen, dass Tonis Eltern keine Probleme damit haben, wenn ihr in ihrem Haus zusammen schlaft?« »Nein, Mama, sie haben keine Schwierigkeiten damit. Schließlich haben nicht alle die gleichen Ansichten darüber wie ihr, wie du weißt.« Monika schüttelte ihren Kopf. »Ich weiß das«, sagte sie und wisch-


10

Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

te sich eine Träne von ihrer Wange. »Aber ich war mir sicher, du teiltest diese Ansicht.« Sherry erhob sich aus dem Schaukelstuhl und hockte sich auf die Couch an die Seite ihrer Mutter. »Mama, in vieler Hinsicht teile ich wirklich eure Ansichten. Du und Papa, ihr habt mir eine Menge beigebracht. Aber manche Dinge muss ich für mich selbst entscheiden. Für dich und Papa wäre es falsch gewesen, vor eurer Heirat zusammen zu leben. Aber ich empfinde das nicht so. Ich wünschte, du könntest das verstehen. Du hast dein Wertsystem und ich habe meines. Dass sie verschieden sind, bedeutet nicht, dass eines richtig und das andere falsch ist und es bedeutet nicht, dass wir nicht die Meinung des anderen respektieren könnten. Darum geht es doch nur. Wir müssen unterschiedliche Wertsysteme respektieren und achten – deines, meines und das jedes anderen – so wie wir unser eigenes achten und respektieren. Alles andere wäre intolerant. Wir können unsere Werte oder Überzeugungen nicht anderen Menschen aufzwingen. Das ist einfach nicht richtig. Kannst du nicht bitte versuchen, das zu verstehen?« Monika unterdrückte ein Schluchzen. »Ich weiß nicht, Schatz«, sagte sie. »Ich weiß einfach nicht.«

Eine breite Kluft Shelly war der neuen Toleranz zur Beute gefallen. Und ihre arme Mutter wurde von der Denkweise ihrer Tochter verwirrt. Doch gerade das ist die Kluft, welche die neue Toleranz zwischen vielen Eltern und Kindern schafft – eine Kluft, wegen der Eltern oft ihre Köpfe schütteln und sich fragen, wo sie verkehrt liegen (diese Kluft wird in Kapitel 2 näher erklärt werden). Die Gefahren der neuen Toleranz hören hier jedoch nicht auf. Selbst wenn Ihre geliebten Angehörigen unter dem Sirenengesang der neuen Toleranz nicht zusammenbrechen, bringt die neue Toleranz immer noch viele gefährliche, bedrohliche Auswirkungen für Sie, Ihre Familie und Ihre Gemeinde mit sich. Sie wird Sie heftiger Kritik aussetzen. Wegen der neuen Toleranz werden Sie vor Gericht in manchen Fällen den Kürzeren ziehen. Die neue Toleranz bringt Sie vielleicht sogar um ihren Arbeitsplatz. Sehen wir uns nur den Fall von Jerrold Warner an. Als Professor an einem College in Arizona hatte Warner jedes Jahr herausragende Kritiken erhalten, bis er sich in der Christlichen Studentenunion auf


Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

11

dem Campus engagierte. Doch nachdem er im Campus-Bereich Ankündigungen für ein Video mit dem Titel Amerika in Gefahr ausgehängt hatte, das bei einer Veranstaltung der Christlichen Studentenunion gezeigt werden sollte, verlangte sein Dekan die Entfernung der Poster noch vor dem Ereignis. Damit nicht genug wurde Warner auch informiert, dass es ihm nicht länger gestattet sei, in seinem Unterrichtsraum Treffen der Christlichen Studentenunion ohne vorherige Erlaubnis vom Konrektor auszurichten, obwohl andere Fakultäten regelmäßig Clubtreffen ohne eine solche vorherige Erlaubnis ausrichteten – wie Warner zuvor auch. Doch Warners Probleme hörten hier nicht auf. Im März 1995 erhielt der Professor eine Mitteilung, dass sein Vertrag nicht verlängert würde. Er war tatsächlich gefeuert. »Bevor Herr Warner mit der Christlichen Studentenunion zu tun hatte«, sagte der Rechtsanwalt James Mueller, der auf die Verteidigung der Religionsfreiheit spezialisiert ist, »waren seine Bewertungen als Angestellter extrem hoch, und er erhielt das Prädikat ›die Erwartungen übertreffend‹ eingestuft. Die nicht erfolgte Verlängerung seines Arbeitsvertrages scheint in direkter Beziehung zu stehen mit seiner Arbeit für die Christliche Studentenunion.«3 Warum wurde das Beschäftigungsverhältnis eines Universitätsprofessors wegen seiner Unterstützung einer christlichen Organisation beendet? Aufgrund einer neuen Definition von Toleranz. Oder denken wir an den Fall von Beverly Schnells. Frau Schnell suchte einen Mieter, der ihr als Gegenleistung für eine niedrige Miete dabei helfen sollte, ihr 100 Jahre altes Haus zu renovieren. Als Christin hoffte sie, diese Aufgabe einem zuverlässigen, reifen Mitchristen anvertrauen zu können, sodass sie eine Kleinanzeige aufgab, »christlicher Heimwerker gesucht«. Ihre Annonce provozierte Regierungsbeamte, aktiv zu werden. Ihre einfache Anzeige war ein klarer Fall sexueller und religiöser Diskriminierung, so verfügten sie. Statt der sechs oder acht Dollar, die die meisten Kleinanzeigen kosten, schlug Beverly Schnells Annonce mit 8000 Dollar zu Buche – für Bußgelder und Gebühren, die ihr von der staatlichen Bürokratie auferlegt wurden.4 Doch diese neue Definition von Toleranz stellt nicht nur eine potentielle Bedrohung für Sie dar; sie stellt auch Ihre Kinder in eine gefährliche und möglicherweise schädliche Position. Vielleicht fragen Sie sich, wie Vorfälle wie die folgenden überhaupt von einer so ge-


12

Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

nannten »Toleranz« veranlasst werden konnten, weil diese »Toleranz« so intolerant erscheinen. Aber sie alle haben unmittelbar mit dem Aufstieg der neuen Toleranz zu tun. Shannon Berry, ein Erstklässler an einer Grundschule in Florida, begann während der Pause mit einer Klassenkameradin über ihren gemeinsamen Glauben an Jesus Christus zu sprechen. Ein Lehrer, der das Gespräch mithörte, nahm beide zur Seite und rügte sie, indem er ihnen einschärfte, dass sie »in der Schule nicht über Jesus sprechen dürfen«.5 Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich im US-Bundesstaat New York, als ein Lehrer einer dritten Klasse ein Mädchen am Bibellesen während der Pausen hinderte. Dem weinenden Kind wurde gedroht und ihm gesagt, dass es das verbotene Buch nie wieder zur Schule mitbringen dürfe.6 Der Viertklässler Raymond Raines beging den Fehler, seinen Kopf vor dem Mittagessen zu neigen, um ein stilles Gebet zu sprechen. Sein Verhalten führte jedoch dazu, dass er ins Büro des Rektors gehen und sich dort eine Verwarnung einholen musste: Wenn er wieder – auch still – zu beten versucht, wird er bestraft.7 Solche Erfahrungen sind nicht auf junge Kinder oder auf öffentliche Schulen begrenzt. Ein 14-jähriges Mädchen kam im Geschichtsunterricht in ihrer konfessionellen Schule in Probleme. Die Klasse wurde aufgefordert, eine Verfassung für ein fiktives Land zu schreiben. Die Diskussion entwickelte sich zu einer Debatte, als das Mädchen sich höflich gegen den Vorschlag aussprach, die Verfassung solle die Freiheit der sexuellen Präferenz enthalten und daran festhielt, dass sexuelle Präferenz keine spezielle Erwähnung in der Verfassung verdiene. Fast umgehend wurde sie von einer Klassenkameradin unterbrochen, die sagte: »Du bist eine Frömmlerin!« Der Lehrer schritt ein, um weiteren Beschimpfungen zuvorzukommen, doch der Schaden war bereits angerichtet; die Eltern des 14-jährigen Mädchens mussten ihr fortan helfen, mit dem unverdienten Etikett fertig zu werden, das ihre Klassenkameradin ihr verpasst hatte. Vor einigen Jahren fragte ich meine Tochter Katie, ob sie sich fürchtete, in der Schule mit irgendwelchen Namen beschimpft oder abgestempelt zu werden. Ihre Antwort überraschte mich. Sie antwortete sofort, dass sie sich fürchtete, »intolerant« genannt zu werden. Dieses Etikett war genug, um Furcht im Herzen meiner jugendlichen Tochter zu erregen.


Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

13

Christliche Kinder und Jugendliche in Nordamerika – und in der ganzen Welt – erleben und erleiden immer wieder eine derartige Behandlung. Warum? Aufgrund der neuen Definition von Toleranz. Nicht nur Sie und Ihre Familie stehen in Gefahr, infolge dieser Bedrohung wird sich auch Ihre Gemeinde wachsender Opposition und Verfolgung gegenüber sehen (sofern nicht bereits geschehen). Eine Stadt in Illinois erließ eine Verordnung, die private Zusammenkünfte mit mehr als drei Personen gleichzeitig verbietet (wozu auch Hausbibelkreise und Hausgemeinden, Bibelstudiengruppen und Gebetstreffen gehören).9 Der Pastor einer Gemeinde in Pennsylvania wurde von einem früheren Mitglied mit einem Prozess bedroht, das wegen seiner homosexuellen Lebensweise aus der Gemeinde ausgeschlossen worden war.10 Und eine Gemeinde in Pennsylvania erhielt die Mitteilung, dass ihr Gemeindeeigentum öffentlich verkauft werde, um damit Schulsteuern zu bezahlen. Die Gemeinde verlor 1994 ihren steuerfreien Status, als der Stadtrat den steuerfreien Status aller protestantischen Kirchen und gemeinnützigen Organisationen aufhob.11 Diese Dinge geschehen nicht nur heute; sie werden wahrscheinlich wegen der neuen Definition der Toleranz in den kommenden Monaten und Jahren mit größerer Häufigkeit und Intensität auftreten.

Verhängnisvolle kulturelle Veränderungen Während Sie diese Zeilen lesen, erlebt die Gesellschaft um Sie her den vielleicht schnellsten, verhängnisvollsten kulturellen Umschwung der Menschheitsgeschichte, den der Autor Dennis McCallum bezeichnet als »eine kulturelle Metamorphose, die mittels der Ausbreitung über Schulwesen, Film, Fernsehen und andere Medien ausgebreitet wird und so jeden Bereich des alltäglichen Lebens verwandelt«12. Es ist eine so gewaltige Veränderung, dass ihre Folgen irrsinnig sind. Am allerbeängstigsten ist, dass die meisten Christen sie anscheinend gar nicht mitbekommen. Folglich werden wir womöglich in nicht allzu ferner Zeit in einer Kultur aufwachen, die nicht nur unempfänglich für das Evangelium ist, sondern der Gemeinde und dem Evangelium Christi öffentlich feindlich gegenüber tritt – einer Kultur, in der die Verkündiger des Evangeliums als verbohrte Fanatiker etikettiert werden, einer Kultur, in der man Christenverfolgung nicht nur erlauben,


14

Kapitel 1 – Eine wachsende Bedrohung

sondern ihr applaudieren wird. Und alles wird in direkter Beziehung zur »neuen Toleranz« stehen. »Wie kann das möglich sein?«, fragen Sie vielleicht. »Wie kann etwas, das ›Toleranz‹ genannt wird, Feindschaft hervorbringen? Wie kann ›Toleranz‹ mich, meine Kinder und meine Gemeinde schikanieren? Wie kann ein anscheinend wohlwollendes Anliegen wie das der Toleranz in Unterdrückung und Verfolgung enden?« Das nächste Kapitel legt das Problem mit der Toleranz offen.


15

2

Zwei Arten von Toleranz

Von Jiddisch sprechenden Juden bis hin zu Mandarin sprechenden Chinesen: Während des 19. Jahrhunderts kamen Einwanderer in beträchtlichen Mengen auf dem nordamerikanischen Kontinent an. Viele der Neuankömmlinge sprachen wenig oder überhaupt kein Englisch und die ältere Generation neigte dazu, hartnäckig an der Muttersprache festzuhalten. Aber in der Schule, auf Spielplätzen und in der Nachbarschaft lernten die Kinder der Einwandererfamilien oft ganz schnell Englisch. Die Folge war, dass viele Einwandererfamilien neben den vielen Umstellungen im Leben in der so genannten Neuen Welt auch noch mit einem neuen Dilemma konfrontiert waren: Die Kinder sprachen eine andere Sprache als die Eltern – eine Situation, die manchmal Verwirrung, Stress, Missverständnis oder Streit zur Folge hatte. Eine ähnliche Situation besteht auch heute. Viele Eltern sind sich nicht darüber im Klaren, dass ihre Kinder eine andere Sprache sprechen. Bis zu einem bestimmten Ausmaß ist dies immer so gewesen; die saloppe Umgangssprache und Redeweise der Jugend haben viele Elterngenerationen nacheinander verwirrt, seit der Zeit Mark Twains genau wie zuvor. Doch die Sprachunterschiede zwischen Eltern und Kind heute sind viel gefährlicher als jugendlicher Jargon. Die beiden Sprachen klingen zwar gleich, aber die Worte der Kinder bedeuten nicht immer dasselbe wie die gleichen Worte, die die Eltern gebrauchen. Vielleicht merken Sie es gar nicht, doch diese Situation kann sogar in Ihrem Haus, unter Ihren eigenen Familienmitgliedern bestehen, wie die folgende Geschichte veranschaulicht.

Mein verbohrter Vater Die Tür knallte zu. »Hei, Mama«, rief der 16-jährige Matt und marschierte schnurstracks auf den Küchenschrank zu. »Ich hab’ voll den Kohldampf!« Nancy lächelte. »Wie war dein Tag?«, fragte sie. Matt zuckte die Achseln und griff nach der Keksdose. »Nicht schlecht«, antwortete er. »Wie immer.« Mit einer Handvoll Kekse drehte


16

Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

er sich und ging Richtung Küchentür. »Ich muss lernen; morgen schreiben wir einen Test«, sagte er über seine Schulter. »Oh?« Nancy hob ihre Augenbrauen. »In welchem Fach?« »Sozialkunde«, antwortete er und drehte sich etwas, um sie anzusehen. »Wir haben die letzten paar Tage über Toleranz gesprochen und heute Morgen kündigte Herr Johnson an, dass wir morgen einen Test schreiben über das, was wir zum Thema gelernt haben.« »Toleranz. Das ist schön«, sagte sie und wandte sich an ihre Spüle voll schmutzigen Geschirrs zurück. »Sag mir Bescheid, wenn du irgendwie Hilfe brauchst.« Am nächsten Samstag befreiten Nancy und ihr Mann Chuck mit Matt zusammen den Garten vom Herbstlaub. Als sie harkten und Blätter einsammelten, kam ihr Nachbar Jim herüber und gesellte sich zu ihnen. »Wenn ihr hier fertig seid, habe ich noch einen Rasen zum Harken für euch«, sagte Jim mit einem Lachen und nickte in Richtung seines Grundstücks. Alle lachten, nur Matt schüttelte den Kopf. »Nein, danke«, sagte er. »Ein Garten reicht!« »Im Ernst, Chuck«, sagte Jim, »ich wollte wissen, ob ich am Montag mal dein Laubgebläse ausleihen könnte. Ich habe den Tag frei und werde einen Arbeitstag im Garten einlegen.« »Sicher, kein Problem. Wie kommt es, dass du am Montag frei hast?« »Es ist der Feiertag der Schwulen«, erklärte Jim. »Wir alle bekommen den Tag frei.« »Du machst wohl Witze! Sie schließen euer Büro für diesen Schwulen-Umzug?« »Nun, das Management ist heute empfindlich für solche Sachen. Natürlich ist das nicht mein Ding«, fügte Jim schnell hinzu, »aber ich freue mich über die freie Zeit.« Chuck schüttelte seinen Kopf. »Ich kann es nicht fassen. Man fragt sich wirklich, wo diese Welt hinkommen kann.« »Leben und leben lassen, das hab ich doch schon immer gesagt«, meinte Jim. Chuck rang mit den Händen. »Oh, versteh mich nicht falsch. Ich habe nichts persönlich gegen sie. Ich mag nur nicht, dass sie ihren Lebensstil dem Rest der Gesellschaft aufdrängen, mit ihren roten Bändern und Schwulen-Umzügen und der Forderung nach Schwulenrechten …«


Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

17

»Ja«, sagte Jim, »aber hast du je einmal darüber nachgedacht, dass sie vielleicht nicht so extrem aufdringlich wären, wenn mehr Menschen sie so akzeptieren würden, wie sie sind?« »He, warte mal«, konterte Chuck. »Ich sagte nicht, dass ich sie als Menschen nicht akzeptieren könnte. Ich bin nur mit ihrem Lebensstil nicht einverstanden. Homosexualität ist falsch. Wir sollten sie nicht feiern, das darf doch wohl nicht wahr sein.« »Aber ihre Lebensweise steht für ihre Identität«, argumentierte Jim. »Sie möchten nur sie selbst sein, ohne dass Leute sie verurteilen und verdammen.« Er unterbrach und lächelte. »Wie dem auch sei – kann ich heute Abend kommen und dein Laubgebläse holen? Chuck lächelte ebenfalls und nickte. »Auf jeden Fall.« »Danke«, sagte Jim im Weggehen. »Bis später dann.« Erst als Jim wieder im Haus war, bemerkte Chuck, dass sein Sohn ihn anstarrte. »Ich kann es nicht fassen, Papa«, sagte Matt mit finsterem Blick und bestürztem und anklagenden Ton. »Was?«, antwortete Chuck. »Was meinst du?« »Mir sagst du immer, dass wir ein Zeugnis für die Leute sein sollen, dass wir ein gutes Beispiel für Christsein vorleben müssen, und dann redest so mit unserem Nachbarn?« Chuck war schockiert. »Wovon sprichst du? Alles, was ich sagte, war …« »Alles, was du sagtest, war«, unterbrach Matt, »dass Menschen nicht das Recht haben sollen, zu leben und zu glauben, wie und was ihnen gefällt. Aber geht es im ganzen Christentum nicht gerade darum? Menschen so zu lieben und zu akzeptieren, wie sie sind? Sagt es nicht auch die Goldene Regel so – andere so behandeln, wie du selbst von ihnen behandelt werden willst? Möchtest du nicht mit Respekt behandelt werden? Wenn ja, dann musst du andere Menschen genauso behandeln.« Chuck war platt. Noch nie hatte sein Sohn so mit ihm gesprochen. »Natürlich muss ich andere Menschen mit Respekt behandeln«, sagte er. »Das tue ich. Aber das bedeutet nicht, dass ich mit ihrem Glauben übereinstimmen und ihre Lebensweise unterstützen muss. Das ist ein Unterschied.« »So?«, fragte Matt. »Was denn für ein Unterschied? Kannst du wirklich sagen, du akzeptierst und respektierst jemanden, wenn du seinen Glauben als falsch und seinen Lebensstil als unmoralisch abstem-


18

Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

pelst? Denk mal nach, Papa. Es macht einfach keinen Sinn. Wie kannst du dich Christ nennen und so intolerant sein? Fordert die Bibel uns nicht auf, gerade nicht so zu sein? »Du verstehst nicht, Matt«, fuhr Chuck fort. »Es ist nicht intolerant, Menschen zu sagen, was die Bibel über ihre Lebensweise sagt. Du weißt, was ich schon so oft gesagt habe: ›Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder.‹ Mehr will ich gar nicht sagen.« Matt schüttelte seinen Kopf. »Was bist du altmodisch, Papa. Du bist total selbstgerecht und richtend. Du hörst dich an wie einer der Pharisäer in der Bibel, über die sich Jesus immer aufgeregt hat. Wenn Glauben und Lebensstil von jemanden sich nicht mit deinen Auffassungen decken, hast du Recht und sie sind falsch. Wenn das nicht intolerant ist, dann weiß ich nicht, was überhaupt intolerant ist!« Matt wandte sich seiner Mutter zu, die mit offenem Mund neben ihnen stand, und sagte zu ihr: »Ich kann es nicht glauben. Mein eigener Vater – so verbohrt.« Er warf seine Harke hin und stürmte ins Haus.

Ein Wort, zwei Bedeutungen Was verursachte Chucks Bestürzung und Matts Ausschreitung nach dem Gespräch mit dem Nachbarn? Genau dies: Chuck und Matt gebrauchten dasselbe Wort, um zwei völlig verschiedene Vorstellungen auszudrücken. Genau aus diesem Grund sind christliche Eltern, Lehrer und Pastoren in Gesprächen oft hilflos – oder verstehen nicht, was ihre Kinder, die Kollegen, die Schule, die Regierung und die Gesellschaft meinen, wenn sie das Wort Toleranz gebrauchen. Und das Ergebnis ist nicht nur Verwirrung; bei vielen jungen Leuten aus christlichen Familien wurde der Glaube an den einen wahren Gott untergraben oder sogar zerstört worden, wie bei Matt – und sogar bei vielen Erwachsenen.

Traditionelle Toleranz Wie wir in Kapitel 1 erwähnt haben, geht die heutige Lehre der »neuen Toleranz« weit über die traditionelle Definition des Wortes hinaus. Websters Wörterbuch definiert tolerieren als »anerkennen und respektieren [des Glaubens, Verhaltens usw. von anderen] ohne sie zu teilen« und »etwas oder jemanden tragen oder erdulden, das bzw. den man nicht besonders mag«.1 Diese Haltung ist im Grunde das, was


Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

19

Paulus in 1. Korinther 13,7 ausdrückte, als er sagte, dass die Liebe »alles erduldet«. Die Bibel sagt: »Seid gegeneinander gleich gesinnt … Wenn möglich, so viel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!« (Römer 12,16.18). Wir werden aufgefordert, einander aufzunehmen, wie auch der Christus uns aufgenommen hat, »zu Gottes Herrlichkeit« (Römer 15,7). Das Wort Gottes zeigt klar, wie Christen sich untereinander und gegenüber Außenstehenden verhalten sollen: … mit aller Demut und Langmut, einander in Liebe ertragend (Epheser 4,2). Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat (Epheser 4,32). Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr (Kolosser 3,13). Lasst uns also nun, wie wir Gelegenheit haben, allen gegenüber das Gute wirken, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens (Galater 6,12). Die traditionelle Toleranz ist vollkommen mit diesen biblischen Geboten vereinbar, denn das traditionelle Verständnis der Toleranz bedeutet, • die legitimen Rechte anderer Menschen zu respektieren und zu schützen, sogar von solchen Menschen, mit denen man nicht übereinstimmt oder die anders sind als man selbst. In einem passiven Sinne bedeutet traditionelle Toleranz: »Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung.« Im aktiven Sinne war es die traditionelle Toleranz, die Christen (und andere) befähigte, im Amerika des 19. Jahrhunderts für die Abschaffung der Sklaverei zu kämpfen, Juden unter Hitler vor den Nazis zu beschützen und zu Führern in der frühen Bürgerrechtsbewegung in den USA und anderswo zu werden. • andere Sichtweisen, Kulturen und Hintergründe anzuhören und zu respektieren. Ein christlicher Jugendlicher, der respektvoll an der Bar-Mizwa-Feier eines Klassenkameraden teilnimmt, demonstriert traditionelle Toleranz, ebenso wie eine Frau aus dem Westen,


20

Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

die ihre Schuhe auszieht, wenn sie ein japanisches Haus betritt, oder ein Universitätsstudent, der aufmerksam zuhört, wenn ein Austauschstudent sein Heimatland sowie dessen Kultur und Religion beschreibt. • im Frieden mit anderen zu leben, trotz mancher Unterschiede. Die Bibel sagt: »Jagt dem Frieden mit allen nach« (Hebräer 12,14); dem Volk Gottes wird geboten, den Frieden zu suchen (Psalm 34,15); zum Frieden zu raten (Sprüche 12,20); Friedensstifter zu sein (Matthäus 5,9) und dem Frieden nachzujagen (1. Petrus 3,11). Das erfordert nicht, göttliche Grundsätze zu opfern, um Frieden zu erreichen, sondern vielmehr: »Wenn möglich, so viel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!« (Römer 12,18). • andere Menschen zu akzeptieren, ungeachtet ihrer Rasse, Nationalität, ihrem Glaubensbekenntnis oder Geschlecht. Immerhin sprach Jesus (obwohl er ein Jude war), freimütig und respektvoll mit einer samaritischen Frau2, aß mit Steuereintreibern 3 und berührte sogar Aussätzige4 (das alles war für jüdische Männer seiner Zeit striktes Tabu). Als er von einer kanaanäischen Frau bedrängt wurde (die Kanaanäer waren historische Feinde des jüdischen Volkes und beteten Baal, Dagon und andere Götter an), lobte Jesus ihren Glauben und heilte ihre Tochter.5 Traditionelle Toleranz zeigt diese Art der liebevollen Annahme von Menschen als Individuen (während diese Toleranz nicht unbedingt deren Glauben oder Verhalten akzeptiert). Die traditionelle Toleranz schätzt, respektiert und akzeptiert den Menschen, ohne notwendigerweise seinen Glauben oder sein Verhalten gutzuheißen oder daran teilzuhaben. Traditionelle Toleranz unterscheidet zwischen dem, was eine Person denkt oder tut und der Person selbst. Doch die heutige Definition – das Prinzip, das unseren Kindern in der Schule oder durch die Medien beigebracht wird – ist völlig anders.

Die neue Toleranz Ich schätze, dass in etwa 80% der Fälle, wo man heute das Wort Toleranz außerhalb von Kirchenmauern hört – von Lehrern, Nachrichtensprechern, Politikern, Aktivisten, Prominenten und vielleicht sogar von den eigenen Kindern –, nicht traditionelle Toleranz, sondern die von uns so genannte neue Toleranz gemeint ist.


Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

21

Die neue Toleranz klingt zwar wie traditionelle Toleranz, aber sie ist ganz anders. Wie Stanley J. Grenz in seinem Buch A Primer on Postmodernism (»Eine Einführung in Postmodernismus«) herausstellt, gründet sich diese neue Toleranz auf die unbiblische Ansicht, dass »Wahrheit relativ ist für die Gemeinschaft, an der jemand teilhat. Und da es viele menschliche Gemeinschaften gibt, gibt es notwendigerweise viele verschiedene Wahrheiten.«6 Don Closson (Probe Ministries) führt über die neue Toleranz aus: »Weil es mehrere Beschreibungen der Wirklichkeit gibt, kann nicht eine Meinung in einem letzten Sinne wahr sein. Weil die Wahrheit durch Sprache beschrieben wird und alle Sprache von Menschen geschaffen worden ist, ist alle Wahrheit von Menschen geschaffen worden.«7 Geben Sie an dieser Stelle besonders Acht, weil es entscheidend ist, das Ergebnis dieses unbiblischen Gedankenganges zu verstehen. Wenn alle Wahrheit von Menschen geschaffen ist und alle Menschen »in Gleichheit erschaffen« sind (wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung besagt), was ist dann logischerweise der nächste Schritt? Dieser: Alle »Wahrheit« ist gleich. Der spanische Philosoph Fernando Savater behauptet in seinem neuesten Buch El Mito Nacionalista: Toleranz … die in Mode gekommene Lehre, heißt, dass alle Meinungen gleich sind. Jede hat ihren Kernpunkt, und alle sollten respektiert oder gelobt werden. Das heißt, dass es keinen rationalen Weg gibt, zwischen ihnen zu unterscheiden.8 Oder, wie Thomas A. Helmbock erklärt, der amtierende Vizepräsident der nationalen Lambda Chi Alpha Bruderschaft: Die Definition der neuen … Toleranz lautet, dass die Überzeugungen, Werte, der Lebensstil und die Wahrnehmung von Wahrheit bei jedem Einzelnen gleich sind. Es gibt keine Hierarchie der Wahrheit, Ihre Überzeugungen und meine Überzeugungen sind gleich und alle Wahrheit ist relativ.9 Begreifen Sie die Bedeutung? Die neue Toleranz wird als die Ansicht definiert, dass alle Werte, Überzeugungen, Lebensstile und Wahrheitsansprüche gleich seien. Nach den Worten von Edwin J. Delattre, dem


22

Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

Dekan der Pädagogischen Fakultät an der Universität Boston, beinhaltet die neue Toleranz »die Erhebung aller Werte und Überzeugungen auf eine Position, die der gleichen Achtung würdig ist«.10 Sogar die amerikanischen Gerichte haben dieser Definition der neuen Toleranz beigepflichtet, indem sie (mit den Worten des Richters Danny Boggs vom US-Revisionsgericht) erklärten, dass nicht nur »Anhänger aller Glaubensbekenntnisse gleiche Rechte als Bürger verdienen«, sondern dass »jeder Glaube als Religionen gleich wahr«11 sei. Die traditionelle Toleranz besagte, dass jeder ein gleiches Recht hat, zu glauben oder zu sagen, was er für richtig hält. Doch im Gegensatz dazu sagt die neue Toleranz – und diese Überzeugungen werden unseren Kinder beigebracht –, dass der Glaube oder die Überzeugung jedes Einzelnen gleich richtig und gleich wahr sei. So hat nicht nur jeder ein gleiches Recht auf seinen Glauben, sondern alle Glaubensauffassungen sind gleich. Alle Werte sind gleich. Alle Lebensstile sind gleich. Alle Wahrheitsansprüche sind gleich. Aber es sind nicht alle Werte, Glaubensauffassungen, Lebensstile und Wahrheitsansprüche gleich. So drückt es Edwin J. Delattre aus: [Nicht alle Werte, Glaubensauffassungen, Lebensstile und Wahrheitsansprüche] verdienen es, um ihrer selbst willen, ohne Berücksichtigung … des Inhalts … geachtet zu werden. Die Werte des Ku Klux Klan verdienen keine Achtung; ebenso wenig diejenigen irgendeiner anderen rassisch, geschlechtlich oder ethnisch vorherrschenden Gruppe. Auch schulden wir den Werten und Auffassungen der organisierten Verbrechenskartelle, die in den USA operieren, keine Achtung. Wir schulden den Werten zahlloser anderer Einzelpersonen und Gruppen keine Achtung, von denen man sich leicht vorstellen kann, dass sie nach Macht hungern und diese Macht ungeachtet jeder moralischen Erwägung einsetzen.12 Die Bibel macht deutlich, dass alle Werte, Religionen, Lebensstile und Wahrheitsansprüche nicht gleich sind. Sie lehrt, dass der Gott der Bibel der wahre Gott ist (Jeremia 10,10), dass alle seine Worte wahr sind (Psalm 119,160) und dass etwas falsch ist, wenn es aus Gottes Sicht nicht richtig ist (5. Mose 6,18). Das ist nicht nur die Ansicht der hebräischen, christlichen oder westlichen Kultur; es ist die in Gottes Wort geoffenbarte Wahrheit, die dem Gott entspricht, der über alle Kulturen herrscht.


Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

23

Leben und leben lassen? Eine besorgte Mutter sandte mir eine kurze Notiz, nachdem ich bei einer Konferenz in ihrer Gegend über die neue Toleranz gesprochen hatte. Sie schrieb: Ich besuchte kürzlich eine Hochzeit in Dallas und die meisten der Leute dort waren in den Zwanzigern. Und ich wollte Ihnen schreiben, dass das, was Sie heute Morgen über Toleranzbegriffe gesagt haben, genau meinen Erfahrungen entsprach … All die jungen Leute dort waren nette, sehr gebildete Menschen, die nicht nur sehr gute Berufe mit besten Zukunftsaussichten hatten, sondern sehr freundliche, herzliche und liebevolle Leute waren. Ich sagte zu meiner Tochter: »Ich möchte, dass du absolut ehrlich zu mir bist, weil ich hier heute etwas sehe. Ich sehe, dass die Leute hier alles nette, freundliche und intelligente Menschen sind, die es in ihrem Leben zu etwas bringen, und doch leben sie [als unverheiratete Männer und Frauen] zusammen und denken sich nichts dabei. Sie haben absolut keine Skrupel … Was geht da vor?« Meine Tochter ist 24 und was sie mir sagte, schockierte mich. Sie sagte: »Mama, du verstehst nicht. Meine Generation ist anders als deine Generation. Meine Generation ist toleranter. Sie sagen: »Lasst die Menschen so leben, wie sie leben möchten.« Wir entscheiden selber, was richtig und was falsch ist – und jedem anderen überlassen wir diese Entscheidung ebenso.13 Solche Ansichten sind heute keine Ausnahme, selbst unter christlichen Kindern. Eine umfangreiche Studie zeigte, dass die Mehrheit der Kinder (57%) in evangelikalen Kirchen bereits glaubt, was die neue Toleranz lehrt: Was für den einen Menschen falsch ist, ist für jemand anders nicht unbedingt falsch.14 Und es wird immer schlimmer: Neue Untersuchungen zeigen: Einerseits glauben zwar weniger als die Hälfte der Menschen im Rentenalter, dass es »keinen unveränderlichen ethischen Maßstab für Recht und Unrecht« gebe, doch andererseits vertreten fast vier Fünftel der 18- bis 34-Jährigen diese unbiblische Ansicht.15 Es ist deutlich, dass die neue Toleranz wachsende Anerkennung unter jeder neuen Generation junger Leute findet. Und wenn Sie heute Eltern sind, können Ihre Kinder den Ergebnissen der For-


24

Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

schung zufolge durchaus in der drohenden Gefahr stehen, die gefährliche Lehre der neuen Toleranz anzunehmen.

Hipp, hipp, hurra? Und der Einfluss dieser gefährlichen Lehre geht noch weiter. Weil die neue Toleranz lehrt, dass alle Religionen, Werte, Lebensstile und Wahrheitsansprüche gleich sind, genügt es für Sie (oder für Ihre Kinder) nicht, »leben und leben zu lassen«. Es genügt für Sie nicht, das Recht eines anderen Menschen einzugestehen, dass er glauben oder sagen kann, was er für richtig hält. Es genügt für Sie nicht, einem anderen Menschen einzuräumen, dass er mit Ihrem Glauben oder Verhalten nicht übereinstimmen braucht. Um wirklich tolerant zu sein, müssen Sie (nach der Lehre der neuen Toleranz) damit übereinstimmen, dass die Einstellung eines anderen Menschen im gleichem Maße gültig ist wie Ihre eigene. Um wirklich tolerant zu sein (sagen die Vertreter der neuen Toleranz), müssen Sie andere Glaubensauffassungen und Verhaltensweisen gutheißen, ihnen zustimmen und sie aufrichtig unterstützen. Wie wirkt sich dies auf die Wahrheitssicht Ihres Kindes aus? Es untergräbt das ganze Wesen und die Bedeutung absoluter Wahrheit. Wenn Ihr Kind die Meinung annimmt, Menschen mit anderem Glauben und Lebensstil zu akzeptieren bedeute, diesen Glauben und Lebensstil als gleich zu betrachten, dann muss folglich jeder Begriff von absoluter Wahrheit gleichsam zum Fenster herausgeworfen werden – und damit jeder Gedanke, dass es ein objektives Recht und Unrecht gibt, das auf alle Menschen, alle Zeiten und alle Orte anzuwenden ist. Und wer nicht mehr an absolute Wahrheit glaubt, wird seinen moralischen Kompass verlieren, seine Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Und das Kind (oder der Erwachsene) der nicht zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann, wird keine Kraft haben, um der Versuchung zu widerstehen und sich für das Richtige zu entscheiden. Dieses Programm, alle Glaubensauffassungen und Verhaltensweisen gleich wahr und löblich zu machen, wird deutlich, wenn Sie genau zuhören, was die Befürworter der neuen Toleranz sagen. Zum Beispiel schreibt Dr. James Banks in seinem Buch An Introduction to Multicultural Education (»Eine Einführung in multikulturelle Erziehung«):


Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz

25

Multikulturelle Erziehung ist ›inklusivistisch‹ … Viele Menschen stehen wegen ihrer Rasse, Klasse, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung am Rande der Gesellschaft. Multikulturelle Erziehung wird sie ins Zentrum bringen und sie zu einer vereinten Nation aus vielen Menschen machen … Um dies zu erreichen, müssen wir ihre Erfahrungen bestätigen.16 Beachten Sie, was dieser Kommentar von Dr. Banks zeigt. Er spricht darüber, Menschen von »dem Rand der Gesellschaft … ins Zentrum zu bringen« und er sagt, dass man dazu »ihre Erfahrungen bestätigen« müsse. Er suggeriert, dass es nicht genügt, Menschen, die »am Rande der Gesellschaft stehen, zu akzeptieren«; wir müssen auch ihre Erfahrungen bestätigen, d. h. sie gutheißen, unterstützen und legitimieren. Das bedeutet, ihre Werte, ihren Glauben, ihre Lebensweise und ihre Wahrheitsansprüche zu unterstützen, sei es Homosexualität, Abtreibung, Frauenhass oder ein anderes Verhalten, das für Sie und Ihre Kinder verabscheuenswürdig sind. In der Gesetzgebung bezüglich der Nationalen Stiftungen für die Human- und Geisteswissenschaften hat der US-Kongress sogar erklärt: Die Geistes- und Humanwissenschaften reflektieren den hohen Rang, den das amerikanische Volk sowohl dem reichen kulturellen Erbe der Nation beimisst als auch der Förderung gegenseitiger Achtung für die diversen Religionen und Werte aller Menschen und Gruppen [Hervorhebungen zugefügt].17 Beachten Sie, dass der Kongress nicht einfach Achtung gegenüber Menschen als solchen empfiehlt, sondern gegenüber ihren »diversen Religionen und Werten« – ein Ideal, das vermutlich Lob und Unterstützung für die sträflichen Ansichten und Werte des Ku Klux Klan ebenso vorschreibt wie für viele lobenswerte Gruppen, die Harmonie und Versöhnung unter den Rassen fördern wollen. Und eine jüngst von der Regierung des Staates New York erlassene Verordnung reflektiert gleichfalls die Forderung der neuen Toleranz: Gutheißung und Unterstützung aller Werte, Glaubensüberzeugungen, Lebensweisen und Wahrheitsansprüche: Jeder Schüler wird die Fähigkeit entwickeln, Menschen unterschiedlicher Rassen, Geschlechter, kultureller, wirtschaftlicher und so-


26

Kapitel 2 – Zwei Arten von Toleranz zialer Hintergründe, nationaler Herkunft und Religion sowie ihre Werte, Glaubensüberzeugungen und Haltungen zu verstehen, zu respektieren und zu akzeptieren [Hervorhebungen zugefügt].18

Der Präsident des Amerikanischen Lehrerbundes Albert Shanker erhob vehement Einwände gegen diese festgesetzte Schulpolitik. Er schrieb: Wollen wir wirklich, dass [Schüler] »die Werte, Glaubensüberzeugungen und Ansichten anderer Menschen respektieren und akzeptieren«, welcher Art auch immer? Wollen wir, dass sie die Glaubensüberzeugungen respektieren und akzeptieren, die chinesische Führungspersonen dazu brachten, dissidente Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens umzubringen? Und wie steht es mit den Werten und Glaubensauffassungen, die dem Ayatollah Khomeini erlaubten, das Todesurteil über Salman Rushdie zu verhängen …? Müssen wir das Aussetzen ungewollter Kinder – ihren sicheren Tod – respektieren und akzeptieren, diesen Brauch, der in manchen Ländern Asiens und Afrikas immer noch weithin praktiziert wird, weil er Teil einer anderen Kultur ist? Müssen wir Beschneidung von Mädchen respektieren? Müssen wir den Brauch respektieren, kleine Kinder auf den Philippinen oder in Thailand zu zwingen, in Sklaverei zu arbeiten? Und müssen wir Hitlers Glaubensüberzeugungen und Machenschaften mit Hochachtung betrachten?19 Offensichtlich ja. John Leo stellt in einem Artikel in der Washington Times die bizarren Ergebnisse eines Systems heraus, das nicht nur Kritik verbietet, sondern Lob und Billigung verlangt für alle Werte, Glaubensüberzeugungen, Lebensweisen und Wahrheitsansprüche: In 30 Jahren Unterricht am College hat Prof. Robert Simon nie einen Studenten getroffen, der den Holocaust leugnete. Schlimmer ist jedoch, was er in zunehmendem Maße sieht: Dass Studenten zwar die Tatsache des Holocaust anerkennen, sich aber nicht durchringen können zu sagen, dass die Ermordung mehrerer Millionen Menschen falsch ist. Simon, der am Hamilton College Philosophie lehrt, sagt, dass 10 bis 20% seiner Studenten mit moralischen Urteilen sehr zurückhaltend sind – in manchen Fällen sogar bezüglich des Holo-


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
255271 by Fontis-Shop - Issuu