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2 Einer neuen, jungen Generation gewidmet – und jenen Menschen der älteren Generation, die in ihrem standhaften Einsatz als Radikale für die Wahrheit und für Christus eintreten.
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Francis A. Schaeffer
Die groĂ&#x;e Anpassung Der Zeitgeist und die Evangelikalen
Christliche Literatur-Verbreitung e.V. Postfach 11 01 35 ¡ 33661 Bielefeld
1. Auflage 1988 im Verlag Schulte + Gerth, Aßlar 2. Auflage 1998 3. Auflage 2008 © 1984 by Francis A. Schaeffer Originaltitel: The Great Evangelical Disaster Herausgegeben von Crossway Books, Westchester, Illinois, USA © der deutschen Ausgabe 1998 by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld Internet: www.clv.de © der deutschen Übersetzung des Kapitels »Das Kennzeichen des Christen« 1971 by R. Brockhaus Verlag, Wuppertal Abdruck mit freundlicher Genehmigung Übersetzung: Christiane Maikranz und Peter C. Knüppel Satz: CLV Umschlag: OTTENDESIGN.de, Gummersbach Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-89397-266-1
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Inhaltsverzeichnis
Francis A. Schaeffer – ein moderner Apologet . . . . . . . . In Dankbarkeit und Anerkennung . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil 1: Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Worauf kommt es wirklich an? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil 2: Die Wasserscheide der evangelikalen Welt . . . . . . . . . . Die Kennzeichnung der Wasserscheide . . . . . . . . . . . . . . Das Ausleben der Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil 3: Namen und Streitfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungen und Nebenbedeutungen . . . . . . . . . . . . . . Erscheinungsformen des Zeitgeistes . . . . . . . . . . . . . . . . Die feministische Subversion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die große Anpassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil 4: Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 Radikale für die Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Das Kennzeichen des Christen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
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Francis A. Schaeffer – ein moderner Apologet
Francis A. Schaeffer (1912 –1984) ist einer der wenigen Apologeten des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Theologiestudium war er zunächst Pfarrer in den USA, bevor er Mitte der fünfziger Jahre in der Schweiz die L’Abri-Gemeinschaft gründete, durch die auch viele deutsche Studenten und Akademiker entscheidend geprägt wurden. Seine Bücher Preisgabe der Vernunft, Gott ist keine Illusion und Wie können wir denn leben: Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur gehören zu den wichtigsten Werken der evangelikalen Nachkriegsliteratur. Durch zahlreiche Konferenzen und Seminare, durch Vorlesungen und Diskussionsveranstaltungen an vielen Universitäten der Welt und nicht zuletzt durch seine Filme hat Francis Schaeffer unbestritten einen nachhaltigen Einfluss auf die amerikanische Bevölkerung, besonders auf Regierungs- und Universitätskreise, ausgeübt. Der Ausgangspunkt von Schaeffers apologetischem Ansatz ist die Analyse der westlichen Kultur, der er die Absolutheit Gottes und die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit seines Wortes gegenüberstellt. Sein letztes Buch, das im Jahre seines Todes unter dem Titel The Great Evangelical Disaster publiziert wurde, ist gewissermaßen Schaeffers Vermächtnis an die Evangelikalen. Denn um ihnen zu helfen, klagt er sie der Laschheit an und wirft ihnen vor, die lebenswichtige Aufgabe der Konfrontation zu vernachlässigen. Wenn Schaeffer auch von den amerikanischen Verhältnissen ausgeht, so ist dieses Buch dennoch für die Evangelikalen in der Bundesrepublik Deutschland von brennender Aktualität. Die Mög-
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
lichkeit der Übertragung seiner Argumente auf die deutsche Situation ist so offenkundig, dass sie nicht einmal in einzelnen Details konkretisiert zu werden braucht. Die im Folgenden kurz dargestellten Grundzüge seines Buches machen das deutlich.
Die gegenwärtige Situation Schaeffer setzt mit einer bedrückenden Beobachtung ein: Auf der einen Seite erleben wir eine nahezu unvorstellbare Ausweitung des wissenschaftlich-technischen Wissens, auf der anderen Seite jedoch einen moralischen Zusammenbruch erschreckenden Ausmaßes. Irgendetwas muss also mit der christlichen Kultur des Abendlandes geschehen sein, dass die Welt nicht humaner geworden ist, sondern heute jede Perversion als gesellschaftsfähig gilt. Die Ethik wird vom Prinzip der Nützlichkeit bestimmt, Maßstäbe gelten als einengend. Typisch für diese Situation ist nach Schaeffer das Auseinanderklaffen von Freiheit und Autorität. Eine Gesellschaft kann indes nur existieren, wenn sie die rechte Balance zwischen diesen beiden Werten findet. Denn Freiheit ohne Autorität führt zu Anarchie und Chaos; Autorität ohne Freiheit führt in die Diktatur und somit zur Zerstörung individueller und sozialer Freiheit. War die Freiheit einst integriert in eine christliche Ethik, so hat sich nun der Mensch selbst zum Gott aufgeworfen und bestimmt in autonomer Freiheit das, was Wahrheit sein soll. Aufgrund dieses Befundes kommt Schaeffer zu der Überzeugung, dass wir in einer nachchristlichen Welt leben, in der das Christentum nicht mehr die ethische Basis der Gesellschaft darstellt. Der Gesichtsverlust des christlichen Glaubens zeigt sich darin, dass die Christen sich dem Zeitgeist der Welt angepasst haben und in Jesus Christus nicht mehr den Herrn aller Lebensbereiche sehen. In dieser Situation ist es die Aufgabe des gläubigen Christen, einen offensiven Standpunkt gegen den wertezerstörenden Zeitgeist
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einzunehmen. Hierbei geht es laut Schaeffer um einen Kampf um Leben und Tod, der sowohl über die Situation des Menschen in der Ewigkeit als auch in dieser Zeit entscheidet. Diese Situationsanalyse Schaeffers gilt für Amerika und Europa gleichermaßen.
Die geistesgeschichtlichen Ursachen Den entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Zerstörung der christlichen Basis der Kultur erblickt Schaeffer in dem antichristlichen Charakter der Aufklärungsepoche, stehen doch die zentralen Ideen jener Zeit in scharfer Antithese zum Christentum: die Leugnung des Übernatürlichen, der Glaube an die Autonomie der menschlichen Vernunft, die Ablehnung von Sündenfall, Gottheit Jesu Christi und seiner Auferstehung, die Auffassung von der Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu vervollkommnen und die Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Bibel durch die menschliche Kritik. Mit diesen Entscheidungen, so Schaeffer, begann auch der moralische Verfall der Menschheit. Erlösung geschieht nun nicht mehr durch Christus, sondern durch die Vernunft des Menschen; rationale Prinzipien übernehmen die Rolle der Rechtfertigung, und der Fortschritt ist der neue Weg zum Paradies. Schaeffer hat diese Entwicklung mit der griffigen Formel Preisgabe der Vernunft beschrieben. Besonders verhängnisvoll hat sich diese Entwicklung auf die Theologie in Deutschland ausgewirkt, wurde doch der Glaube von der Rationalität gelöst und auf die Insel der subjektiven Innerlichkeit verbannt. Mit der denkerischen Erschließung der Wirklichkeit hat er seitdem nichts mehr zu schaffen. Der christliche Glaube wurde aus der Welt des Nachprüfbaren entrückt und auf ein angeblich sicheres, unantastbares, aber auch geschichtsloses Nebengleis in höheren Dimensionen abgeschoben. Da der Mensch aber gleichsam einen Hang zum Spirituellen in sich hat, der auf Formgebung wartet, steht am Ende dieses Weges
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
der Verfall an den Irrationalismus. Neuere Tendenzen in der Wissenschaftstheorie, Linguistik und Philosophie bestätigen diesen Trend ebenso wie populäre Erscheinungen in der westlichen Gesellschaft. Mit aller Kraft müssten die gläubigen Christen diesem relativistischen Denken gegenüber offensiven Widerstand leisten. Wenn sich die Evangelikalen wirklich von ihrem Glauben leiten ließen, stünden sie nach Schaeffer an vorderster Front gegen den säkularen Zeitgeist. Schaeffer erhebt die Anklage, dass manche Evangelikale sich zwar so nennen, es im Grunde aber gar nicht sind, weil sie durch Anpassung die Kraft des göttlichen Wortes abschwächen. Die Ursache hierfür sei die mangelnde Bereitschaft zur Konfrontation, die Folge Angleichung an den Zeitgeist. Schaeffer erblickt diesen Einbruch einerseits im Schriftverständnis und andererseits in weltlichen Verhaltensformen. Die entscheidende Bruchstelle ist eine veränderte Auffassung von der Bibel. Man hält sie selbst in evangelikalen Kreisen für grundlegend im Bereich der religiösen Erfahrung, aber für fehlbar in den Bereichen der Vernunft und der Wissenschaft. So wird das Wort Gottes der Kritik durch den Zeitgeist unterworfen, anstatt Gesellschaft und Kultur durch die Bibel in Frage zu stellen. Als Beispiel nennt Schaeffer die existentiale Methode der Bibellektüre. Man differenziert zwischen der objektiven Welt der Vernunft und der subjektiven Erfahrung der inneren Überzeugung. Damit wird die objektive Heilstatsache von dem subjektiven Befinden des Menschen abhängig gemacht und dadurch letztlich herabgewürdigt. Dies entspricht einer Trennung von Glauben und Denken, die in den Irrationalismus führen muss. Es lässt sich nicht leugnen, dass auch in den Kreisen deutscher Evangelikaler eine solche Aufweichung des Schriftverständnisses zu konstatieren ist. Nicht mehr die Schrift, sondern die religiöse Erfahrung mit Gott wird die Entscheidungsinstanz für das Glaubensleben. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Autorität der Aussagen der Heiligen Schrift wird dabei als nebensächlich abge-
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tan, die Hauptsache für den Gläubigen sei die undogmatische Begegnung mit Jesus. Dabei wird unsere Kultur zum Maßstab der Bibelauslegung. Nach vielen Jahren der klaren Ablehnung der Bibelkritik machen sich ihre Ausläufer nun selbst in evangelikalen Ausbildungsstätten Deutschlands breit. In der Folge eines zunehmenden Dialoges mit den Kritikern werden anscheinend unumstößliche Ergebnisse der Bibelkritik übernommen und in ein evangelikales Wortgewand gekleidet. Diese Durchdringung des Schriftverständnisses geschieht schleichend, aber kontinuierlich, so dass für viele Evangelikale die Gefahr nicht sichtbar geworden ist.
Die gegenwärtigen Folgen Als Beispiele für diese Fehleinschätzung der Evangelikalen in Amerika behandelt Schaeffer ausführlich die Problemfelder Ökumenismus, Friedensbewegung, Feminismus und die Abwertung des menschlichen Lebens durch die Abtreibung. Sie lassen sich ohne weiteres auf die deutschen Verhältnisse übertragen und haben auch in den evangelikalen Gemeinden zu heftigen Kontroversen geführt. Aus unserer Sicht wäre ferner zu erinnern an die Debatte innerhalb des evangelikalen Lagers um die Teilnahme am Kirchentag, an die Frage nach der Stellung in der Auseinandersetzung zwischen Schöpfungsforschung und Evolutionshypothesen sowie zwischen Psychologie und Seelsorge. Auch über ethische Fragestellungen wie Homosexualität, vorehelicher Verkehr oder Wiederheirat Geschiedener besteht mittlerweile kein Konsens mehr. Auch die Diskussion um die sogenannten Parallelstrukturen trifft ja gerade den Kern des evangelikalen Selbstverständnisses, denn hier geht es um die Haltung der Evangelikalen der verfassten Volkskirche gegenüber. Einer der Prüfsteine in dieser Auseinandersetzung ist die Frage nach dem Verhältnis zu staatsunabhängigen, bibeltreuen Ausbildungsstätten.
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Vorwort zur deutschen Ausgabe
Es gibt also genügend Problemfelder, die die Evangelikalen veranlassen sollten, auf Schaeffers deutliche Analyse zu hören.
Der einzige Ausweg Schaeffer spricht eigentlich Selbstverständlichkeiten aus, wenn er zur Rettung eines deutlichen Zeugnisses der Evangelikalen auf die Notwendigkeit einer klaren Haltung der Schrift gegenüber hinweist. Ohne eine solche Verwurzelung in dem einzigen tragfähigen Fundament wird es den Evangelikalen nicht möglich sein, in den kommenden Auseinandersetzungen standzuhalten. Es deutet vieles darauf hin, dass diese Konflikte in Zukunft an Schärfe zunehmen werden. Schaeffer fordert eine Rückkehr zu der ursprünglichen Bedeutung der Worte »Fundamentalismus« und »evangelikal«. Beide Begriffe meinten zu Beginn dasselbe, nämlich das Vertrauen in die gesamte Heilige Schrift mit der daraus resultierenden kompromisslosen Haltung der Welt gegenüber als dem Herrschaftsbereich Satans. Von daher widerspricht die Reserviertheit mancher deutscher Evangelikalen gegenüber einem »fundamentalistischen Bibelverständnis« dem gemeinsamen Anliegen, das sie zu Beginn unseres Jahrhunderts bewegte. Am Beispiel der USA weist Schaeffer nach, dass der Einbruch des säkularen Urteils in das Denken und Handeln der Evangelikalen vor allem in den akademischen Ausbildungsstätten begann und von dort seinen Weg in die Gemeinden nahm. Sein Schluss aus dieser Beobachtung ist keineswegs ein neuer Anti-Intellektualismus, sondern im Gegenteil eine viel stärkere Betonung der Notwendigkeit des Zusammenhanges von Glauben und Denken. Von der Bibel her sollten sich die gläubigen Studenten aller Fachdisziplinen ihr kritisches Urteilsvermögen schärfen lassen, um nicht der Faszination gelehrter Modelle zu erliegen, sondern alles zu prüfen und das Beste zu behalten.
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Übertragen auf die deutsche Situation bedeutet dies zuerst eine nüchterne Analyse der Wirklichkeit der Theologenausbildung an den staatlichen Fakultäten. Auch wenn die evangelikalen Ausbildungsinitiativen von den Kirchenleitungen entweder der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden, so ist doch inzwischen allgemein offenkundig, dass die Ausbildung an den Universitäten aufgrund der Monopolstellung der Bibelkritik beinahe zwangsläufig zur Infragestellung und oft genug auch zur Zerstörung des Glaubens der Studenten führt. Im Sinne Schaeffers wäre es daher die Aufgabe der Evangelikalen, mit Energie die Forderung nach bibeltreuen Hochschulen zu betreiben und den neo-orthodoxen Ansatz aus den eigenen Reihen zu entfernen. Gerade an dieser entscheidenden Stelle mangelt es aber offensichtlich noch an Einsicht in das Notwendige. Schaeffers Hauptforderung, die er in seinem Buch immer wieder wie ein Vermächtnis ausspricht, ist diese: die Grenze zwischen Christentum im biblisch-reformatorischen Sinne und dem Säkularismus müsse deutlich werden. Sie ist für ihn die Wasserscheide, an der die Entscheidung über Leben und Tod fällt. Wahrheit bringt Konfrontation mit sich, verlangt sie geradezu. Wer dieser Konfrontation aus angeblicher Liebe ausweicht, liefert den säkularen Menschen letztlich dem Verderben aus. Die daraus resultierende Anpassung an den Zeitgeist ist das, was Schaeffer die »evangelikale Katastrophe« nennt. Erst auf diesem Hintergrund, der auch durch die deutsche Situation erhellt wird, kann man seine Forderung nach Radikalen für die Wahrheit verstehen. Wenn die Botschaft des Evangeliums glaubwürdig ist, dann betrifft sie das gesamte Leben, dann muss sie eine ständige radikale Anfrage an die moderne Welt sein. Deshalb sollen gläubige Christen Radikale sein, Radikale gegen Relativismus und Synkretismus. Obwohl die Wahrheit die Konfrontation fordert, soll sie in Liebe und Vergebungsbereitschaft geschehen, nicht in rechthaberischer Gesetzlichkeit und Kritiksucht. Darum wendet sich Schaeffer auch eindeutig gegen die Selbstge-
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rechtigkeit in den eigenen Reihen, die dem anderen den Blick für die Wahrheit versperrt. In der Tat: Schaeffers schonungslose Analyse gilt für die USA wie für den deutschsprachigen Raum. Wir benötigen radikale Christen, die in gehorsamer Nachfolge Kirche und Gesellschaft diesen Liebesdienst der Konfrontation um der Wahrheit willen leisten. Man nimmt Schaeffer seine Sorge um die Evangelikalen unserer Tage ab, hat er doch viele Jahre ihren Weg verfolgt und mit geprägt. Die Bibelfrage bleibt die Wasserscheide. Sie wird den weiteren Weg der Evangelikalen bestimmen. Werden sie den Weg vieler Institutionen und Werke gehen, die einflussreich und bibeltreu anfingen, aber bedeutungslos und liberal endeten, oder lassen sie sich zurückrufen zur Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift, dem Grundparadigma, mit dem sie begannen und das ihnen ihre Existenzberechtigung gab gegenüber allen Ideologien und Theologien unserer Tage? Es wäre zu wünschen, dass Schaeffers Warnruf gehört und auch in Deutschland befolgt würde. Lutz E. v. Padberg Stephan Holthaus
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In Dankbarkeit und Anerkennung
Wie einige von Ihnen wissen werden, befand ich mich während der sieben Wochen, die auf den Thanksgiving Day 1983 folgten, in einem äußerst kritischen Gesundheitszustand. Man brachte mich zunächst in das Krankenhaus in Aigle, Schweiz; dann erfolgte ein Nottransport über den Atlantik, bei dem es buchstäblich um Leben und Tod ging. Den größten Teil der folgenden sechs Wochen verbrachte ich im St.-Mary-Krankenhaus, das mit der Mayo-Klinik verbunden ist. Während ich in St. Mary behandelt wurde, erhielten Edith und unsere Kinder dreimal die Nachricht, dass man mit meinem baldigen Tod rechnete. Glücklicherweise liegt diese Zeit nun hinter mir. Während ich dies schreibe, erhole ich mich in einem Haus des amerikanischen Zweiges von L’Abri in Rochester, Minnesota. In diesen sieben Wochen war ich vollkommen unfähig, irgendetwas zu tun; so blieb auch ein Großteil der Arbeit, die ich mir vorgenommen hatte, unerledigt. In dieser Situation wäre das Buch niemals rechtzeitig für die Seminare gleichen Namens fertig geworden, wenn nicht Lane Dennis, Vizedirektor und Geschäftsführer von Crossway Books, gewesen wäre. Er hat viele Stunden mit großer Hingabe für das vorliegende Buch gearbeitet. Lane ist ein echter Freund und zudem jemand, der meine Arbeiten »in- und auswendig« kennt. Er veröffentlichte meine Complete Works und mein Buch Ein christliches Manifest. Lane und seine gesamte Familie lebten im Sommer 1978 drei Monate in L’Abri. Viele Stunden brachte er damit zu, meine Tonbandvorträge zu hö-
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In Dankbarkeit und Anerkennung
ren. Er schrieb seine Doktorarbeit in Philosophie als soziologische Studie über L’Abri. Als ich aus dem Krankenhaus kam, stellte ich fest, dass die sieben Wochen meines Krankenhausaufenthaltes keine verlorene Zeit gewesen waren. Lane hatte währenddessen viele Stunden genaue Nachforschungen getrieben und meine Unterlagen für das endgültige Manuskript vorbereitet. Als es mir nach einiger Zeit etwas besser ging, war das Manuskript soweit vorbereitet, dass ich sofort mit der Arbeit beginnen konnte. Während ich dies schreibe, führen wir immer noch stundenlange Telefongespräche und tauschen uns über die letzte Bearbeitungsphase des Manuskripts aus. Hiermit möchte ich noch einmal hervorheben, dass dies alles ohne Lane Dennis’ Engagement nicht möglich gewesen wäre. Bei keinem meiner vorherigen Bücher hat sich so etwas jemals ereignet; deshalb bin ich – und ist jeder, dem dieses Buch eine Hilfe bietet – Lane Dennis zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Francis A. Schaeffer 7. Februar 1984
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Vorwort
Wenn Sie nun mit der Lektüre dieses Buches beginnen, möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich mich in einer Art Dilemma befinde und dies nun schon seit einigen Jahren. Lassen Sie mich das erklären: Während der letzten zwanzig Jahre habe ich dreiundzwanzig Bücher geschrieben. Meine frühen Bücher behandeln hauptsächlich intellektuelle Fragen der Philosophie und Inhalte des kulturellen Bereiches. Ferner schrieb ich Bücher über das geistliche Leben und die Kirche. In der letzten Zeit beschäftigten sich meine Bücher besonders mit dringenden Fragen zu Staat, Gesetz und staatlicher Gewalt. Durch meine gesamten Werke zieht sich wie ein roter Faden das allen gemeinsame Thema »Die Herrschaft Jesu Christi in der Gesamtheit des Lebens«. Wenn Christus wirklich der Herr ist, dann muss er Herr in allen Lebensbereichen sein – in geistlichen Angelegenheiten, das versteht sich von selbst, aber in genau demselben Maße auch im gesamten Spektrum des Lebens, einschließlich der intellektuellen Fragen und den Gebieten der Kultur, der Gesetzgebung und der staatlichen Gewalt. Ich möchte betonen, dass sich vom Anfang bis zum Ende meiner Bücher folgendes Thema hindurchziehen soll: die Bedeutung der Verkündigung des Evangeliums (Männern und Frauen zu helfen, Christus als ihren Erlöser kennen zu lernen), die Notwendigkeit, jeden Tag mit Gott zu leben, Gottes Wort zu erforschen, ein Leben des Gebets zu führen und die Liebe, das Erbarmen und die Heiligkeit Gottes, unseres Herrn, zu verkündigen. Aber gleichzeitig und in gleichem Maße müssen wir die Notwendigkeit betonen, dass dies auf jedem Gebiet von Kultur und Gesellschaft ausgelebt werden muss.
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Vorwort
Dieses Buch, das Sie jetzt lesen, muss also im Kontext meiner gesamten Bücher gesehen werden. Mein Dilemma ist, dass wahrscheinlich viele Leser nicht die Möglichkeit hatten, die Gesamtheit meiner Bücher kennen zu lernen – es ist mir aber auch nicht möglich, in diesem einen Buch alles abzudecken oder einen gesamten Überblick zu geben. Gleichzeitig ist es jedoch auch ein eigenständiges Buch, indem es sich zu bedenklichen Fragen unserer Zeit äußert. Deshalb eröffnet das Buch auch einem Leser, der sich zum ersten Mal mit meinen Werken beschäftigt, eine gute Anfangsgrundlage. Andererseits sollten diejenigen, die meine Bücher schon kennen, bemerken, dass dieses Buch aus der kritischen Situation heraus entstanden ist, in der wir uns heute befinden, und dass es eine direkte Erweiterung und Anwendung dessen darstellt, was ich während der letzten Jahre geschrieben habe. Wenn Sie die Ausführungen in diesem Buch interessant und hilfreich finden, dann möchte ich Sie ermutigen, auch meine früheren Werke durchzuarbeiten. Einer der Gründe für das vorliegende Buch bestand darin, einige Gedanken und Themen meiner früheren Werke zu bestätigen und neu zu formulieren – ebenso war mir daran gelegen, diese Inhalte zu erweitern und sie auf unsere heutige Situation anzuwenden. Die Anmerkungen am Ende dieses Buches sollten berücksichtigt werden, da sie Aufschluss darüber geben, in welchen meiner übrigen Bücher viele dieser Themen und Gedanken detaillierter behandelt werden. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass meine Broschüre Das Kennzeichen des Christen der vorliegenden Ausgabe beigefügt wurde. Ich bitte Sie, zunächst in der Lektüre des Buches fortzufahren; lesen Sie aber auch Das Kennzeichen des Christen, da die darin aufgeführten Prinzipien besonders in den vor uns liegenden schwierigen Zeiten von Bedeutung sein werden. Abschließend möchte ich erklären, dass die Aussage, die ich in diesem Buch mache, möglicherweise die wichtigste Aussage ist, die ich je niedergeschrieben habe. Sie betrifft das, was ich »die evan-
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gelikale Katastrophe« nenne und beinhaltet das größte Problem, dem wir als Christen in unserer Generation gegenüberstehen. Francis A. Schaeffer im Februar 1984
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Teil 1 E I N LE I T U N G
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Worauf kommt es wirklich an?
Die Zeitschrift Time veröffentlichte kürzlich unter dem Titel »The Most Amazing 60 Years« (Die bemerkenswertesten 60 Jahre) eine Sonderausgabe anlässlich ihres sechzigjährigen Bestehens. Indem diese Sonderausgabe die Welt in Erinnerung ruft, in der die Zeitschrift Time entstand, beginnt sie mit folgenden Worten: »The atom was unsplit. So were most marriages.«1 (Das Atom war ungespalten. Ebenso die meisten Ehen.) Hier werden zwei Geschehnisse unseres Zeitalters in den richtigen Zusammenhang gebracht – das eine, die wissenschaftlich technologische Explosion; das zweite, ein moralischer Zusammenbruch. Diese beiden Dinge haben sich nicht zufälligerweise gleichzeitig ereignet. Es gibt vielmehr etwas, das sich hinter beiden Phänomenen verbirgt. Indem Time dies erkannt hat, bewies es ein erstaunliches Verständnis unserer Zeit.
Das Streben nach Autonomie In den vergangenen sechzig Jahren hat sich etwas geändert – etwas, das die moralische Grundfeste, auf der unsere Kultur basiert, zerstört hat. In jeden Bereich der Kultur sind verheerende Ereignisse eingebrochen, sei es nun im Bereich der Gesetzgebung oder der staatlichen Gewalt, in den Schulen, in unserem Gemeinwesen oder in der Familie. Und diese Dinge haben sich zu Lebzeiten vieler meiner Leser abgespielt. Mit unserer Kultur und unseren Wertvorstellungen wurde Raubbau getrieben, und sie gingen verloren; sie wurden in große Maße verworfen. Dies einen morali-
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Teil 1 · Einleitung
schen Zusammenbruch zu nennen ist noch gelinde ausgedrückt. Die Moral selbst wurde auf den Kopf gestellt, indem jede Form moralischer Perversion von den Medien und der Unterhaltungsindustrie anerkannt und verherrlicht wurde. Wie können wir uns erklären, was geschehen ist? Der Hauptartikel der Time-Sonderausgabe bietet eine Erklärung. Die Betrachtung unter dem Titel »What really mattered?« (Was spielte wirklich eine Rolle?) schlägt vor: »Um entscheiden zu können, was sich in diesem Wirrwarr (von Ereignissen) wirklich abspielte, muss man wohl einen Sinn für das haben, was sich hinter den jeweiligen Ereignissen verbirgt.« Es ist laut Time notwendig zu entdecken, »welche Auffassung für (unser) Zeitalter charakteristisch ist«.2 Hier hat Time vollkommen recht. Um wirklich einen Sinn in dem zu finden, was in den vergangenen sechzig Jahren geschehen ist, um auch die Gegenwart verstehen zu können und zu wissen, wie wir als Christen heute leben sollten, müssen wir unbedingt erkennen, welche Auffassung unser Zeitalter kennzeichnet – wir könnten dies auch den Zeitgeist nennen, der unsere Kultur seit 1920 in so radikaler Weise verändert hat. Diese Vorstellung, dieser Zeitgeist, so Time, ist der Gedanke der »Freiheit« gewesen – nicht bloß Freiheit als ein abstraktes Ideal oder Freiheit im Sinne einer Befreiung aus der Ungerechtigkeit, sondern Freiheit im absoluten Sinne: Die fundamentale Idee, für die Amerika geradezu repräsentativ war, entsprach den Wertvorstellungen der Zeit. Amerika war nicht einfach ein freies Land; es war vielmehr befreit, entfesselt. Dabei hatte man die Vorstellung von etwas, das zuvor in Schach gehalten wurde – die explosive Kraft eines Landes, die sich in planlosen Energiepartikeln umherbewegte und dennoch gleichzeitig an Macht und Erfolg zunahm. Frei zu sein bedeutete, modern zu sein; modern zu sein bedeutete, seine Chancen wahrzunehmen. Das »Amerikanische Jahrhundert« sollte das Jahrhundert der Befreiung, des Ausbrechens aus dem 19. Jahrhundert sein (mit Leitbildern wie Freud, Proust, Ein-
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stein und anderen) und schließlich zu einer Befreiung von jeglichem Zwang führen.3 Im Verlaufe der weiteren Betrachtungen bemerkt Time: »Hinter den meisten dieser Ereignisse verbarg sich die Annahme, ja fast ein moralischer Imperativ, dass alles Unfreie frei sein sollte, dass Begrenzungen schon in sich unheilvoll seien« und dass sich die Wissenschaft im Geiste einer »selbstsicheren Autonomie«4 unbegrenzt fortentwickeln sollte. Aber, wie Time schlussfolgert, »wenn Menschen oder Ansichten entfesselt werden, dann sind sie zwar befreit, aber noch nicht wirklich frei«.5
Ordnung und Freiheit Hier ist das wahre Problem der zwanziger bis achtziger Jahre beim Namen genannt worden. Es liegt in dem Versuch, absolute Freiheit haben zu wollen – vollkommen unabhängig von allen wesentlichen Begrenzungen zu sein. Es besteht in dem Versuch, alles von sich abzuschütteln, was die eigene, persönliche Autonomie einschränkt. Aber ganz besonders stellt dies eine direkte und bewusste Rebellion gegen Gott und seine Gesetze dar. In diesem Essay hat Time das deutlich gemacht, was wirklich von zentraler Bedeutung ist, nämlich das Problem von Ordnung und Freiheit. Dies ist ein Problem, mit dem jede Kultur seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte konfrontiert wurde. Das Problem stellt sich so dar: Wenn es keine Ausgewogenheit zwischen Ordnung und Freiheit gibt, dann wird sich die Gesellschaft zu dem einen oder anderen Extrem hinbewegen. Freiheit ohne ein angemessenes Gleichgewicht von Ordnung wird zum Chaos und dem totalen Zusammenbruch der Gesellschaft führen. Ordnung ohne ein angemessenes Gleichgewicht an Freiheit wird unausweichlich zu einem autoritären Regierungssystem und zur Zerstörung der individuellen und gesellschaftlichen Freiheit führen.
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Teil 1 · Einleitung
Und merken Sie sich bitte noch eins: keine Gesellschaft kann in einem Zustand des Chaos existieren. Und jedesmal, wenn das Chaos auch nur für kurze Zeit herrschte, resultierte daraus die Geburt einer tyrannischen Kontrollmacht. Wir haben in unserem Land enorme menschliche Freiheiten genießen können. Aber gleichzeitig gründete sich diese Freiheit auf solche Formen der Regierung, Gesetzgebung, Kultur und gesellschaftlichen Moral, die dem individuellen und gesellschaftlichen Leben Stabilität verliehen und die dafür sorgten, dass unsere Freiheiten nicht in ein Chaos führten. Zwischen Ordnung und Freiheit herrscht ein Gleichgewicht, das wir als das Selbstverständlichste von der Welt ansehen. Dabei ist es überhaupt nicht selbstverständlich. Und wir sind äußerst töricht, wenn wir nicht erkennen, dass sich dieses einzigartige Gleichgewicht, das ein Erbe der reformatorischen Denkweise ist, in einer gefallenen Welt keineswegs selbst ergibt. Dies wird klar, wenn wir uns den langen Zeitraum der Geschichte ansehen. Aber genauso klar wird es, wenn wir in der Tageszeitung lesen, dass die halbe Welt totalitär unterdrückt wird. Die Reformation brachte nicht nur eine klare Verkündigung des Evangeliums hervor, sondern sie formte auch die Gesellschaft als Ganzes – einschließlich der staatlichen Gewalt, der Weltanschauung des Menschen und dem gesamten Spektrum der Kultur. In Nordeuropa und in den Ländern wie den Vereinigten Staaten, die im Grunde genommen nichts anderes als eine Erweiterung von Nordeuropa sind, brachte die Reformation ein enormes Anwachsen der Bibelkenntnis mit sich, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zog. Hiermit möchte ich allerdings nicht sagen, dass die Reformation jemals ein »goldenes Zeitalter« gewesen wäre oder dass jedermann in den reformierten Ländern ein wirklicher Christ war. Aber es steht fest, dass durch die Reformation viele Menschen zu Christus geführt wurden und dass die absoluten Maßstäbe der Bibel eine weite Verbreitung in der gesamten Kultur erfuhren. Die Freiheiten, die daraus erwuchsen, waren gewaltig; und dennoch führten sie nicht zum Chaos, da die Ordnung fest im biblischen Konsens oder Ethos6 verankert war.