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J. Larcombe Rees

Der Fluch von Schwarzeneck

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1. Auflage 1985 2. Auflage 1989 3. Auflage 1992 4. Auflage 1995 5. Auflage 1999 Originaltitel: The Curse of Craigiburn © 1967 by J. Larcombe Rees © der deutschen Ausgabe 1985 by CLV Christliche Literatur-Verbreitung Postfach 110135 - 33661 Bielefeld Übersetzung: Manfred Siebald Umschlag: Dieter Otten, Gummersbach Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-89397-106-8

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Inhaltsverzeichnis Kapitel 1 Was auf Schwarzeneck geschah ......................................... 7 Kapitel 2: Der H채ssliche aus dem Wald ........................................... 16 Kapitel 3: Jetzt habe ich dich .............................................................. 25 Kapitel 4: Eine aufregende Entdeckung ........................................... 36 Kapitel 5: Basti, die Wilde ................................................................... 47 Kapitel 6: Der leere K채fig .................................................................... 54 Kapitel 7: Entdeckt .............................................................................. 64 Kapitel 8: Der Kaiser und die Bombe ............................................... 73 Kapitel 9: Ein Schock f체r Horst ......................................................... 80 Kapitel 10: Wer war Sylvia Mohr? ....................................................... 93 Kapitel 11: Ein neuer Freund ............................................................. 105 Kapitel 12: Probleme 체ber Probleme ................................................ 120 Kapitel 13: Sebastian und die Blaskapelle ........................................ 130

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Kapitel 14: Das Preisschießen ............................................................ 141 Kapitel 15: Überraschungen für Frank ............................................. 150 Kapitel 16: Vieles ändert sich ............................................................. 156

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Kapitel 1

Was auf Schwarzeneck geschah Der Vater hatte gesagt, das Haus sei verflucht. Frank saß in den dürren Zweigen des Apfelbaumes und schaute hinüber. Jetzt war er ja schon älter und verstand, dass der Vater die Bewohner des Hauses und ihre Familie gemeint hatte, aber an diesem Nachmittag sah auch das Haus verwunschen aus. Der graue Granit der Mauern hob sich düster von dem helleren Grau des Himmels ab und der Wind peitschte die Zweige der Kiefern unbarmherzig gegen das Schieferdach. Die Farbe, mit der der Urgroßvater die Fensterrahmen und die Haustür gestrichen hatte, blätterte ab, und überall waren die schweren Brokatvorhänge aus Urgroßmutters Zeiten vor die Fenster gezogen. Aus dem Garten, den sie noch gehegt und gepflegt hatte, war eine schreckliche Wildnis geworden. Wirklich, das Haus sah verflucht aus. Es schien Frank, als habe sein ganzes Leben lang der Schatten all des Unglücks auf ihm gelegen, das in diesem Bauernhaus geschehen war; und doch hatte er bis vor kurzem noch nicht einmal wissen dürfen, worin dieses Unglück bestanden hatte. Das war das Schlimmste an der ganzen Sache - niemand hatte ihm davon erzählen wollen. Wenn er fragte, vertrösteten sie ihn: Du wirst es erfahren, wenn du älter bist. Dadurch wurde in seiner Einbildung das Unglück immer größer und schließlich malte er sich so entsetzliche Dinge aus, dass er sich zum Schlafen die Decke über den Kopf ziehen musste. 7


Eigentlich habe ich alles erst vor ein paar Monaten herausgefunden , flüsterte er vor sich hin, aber es kommt mir vor, als seien es Jahre. Er rief sich jenen wichtigsten Tag seines Lebens ins Gedächtnis zurück. Wie es am Nachmittag geregnet hatte! Er war mit einer ellenlangen Einkaufsliste in Herrn Michels Laden gestürzt. Herr Michel besaß das einzige Geschäft in der Gegend, aber er verkaufte auch alles, was man sich vorstellen konnte - das behauptete er jedenfalls. Frank musste grinsen, als er an Herrn Michel dachte. Er war so dick, dass manche Leute meinten, er käme nur deshalb nie aus seinem Laden heraus, weil er nicht durch die Tür passte. Wenn man ihn in der richtigen Stimmung erwischte, dann konnte er Geschichten erzählen wie kein zweiter; der Haken dabei war nur, dass seine Geschichten gewöhnlich vom Unglück anderer Leute handelten und dass sie immer wahr waren. Wahrscheinlich mochten ihn deshalb die Erwachsenen nicht; doch bei den Kindern war er umso beliebter. An diesem Nachmittag hatte Frank ihn hinter dem Ladentisch entdeckt. Er saß dort und verzehrte einen Keks nach dem anderen. Das war ein sehr gutes Zeichen es bedeutete, dass er Zeit hatte und in Erzähllaune war. Meine Güte! , rief er, als Frank den Laden betrat. Wenn man dich da im Halbdunkel stehen sieht, gleichst du deiner Mutter wirklich aufs Haar. Während Herr Michel die Lebensmittel auf Franks Liste zusammensuchte und dabei immer noch fröhlich seine Kekse knabberte, schossen Frank wild die Gedanken durch den Kopf. Heute hatte ihm zum ersten Mal in seinem Leben jemand etwas über seine Mutter gesagt. Wenn ich ihn nur zum Sprechen bringen könnte , dachte er verzweifelt, dann könnte ich es herausbekommen ... alles! Dass jetzt bloß niemand in den Laden kommt und 8


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uns stört! Sein Herz schlug heftig, als er so beiläufig wie möglich sagte: Haben Sie denn meine Mutter gekannt, Herr Michel? Ob ich sie gekannt habe? , antwortete er und drehte sich um. Sein Arm, mit dem er etwas aus dem Regal holen wollte, hing noch in der Luft. Natürlich habe ich sie gekannt; ich habe sie alle da oben auf dem Hof gekannt. Frank musste schlucken. Dann wissen Sie auch über all das Unglück Bescheid? Ob ich darüber Bescheid weiß? , fragte Herr Michel noch einmal. Natürlich. Aber ich noch nicht , sagte Frank ganz leise; meinen Sie nicht, ich wäre jetzt alt genug, es zu erfahren? Herr Michel nahm einen großen Schokoladenkeks und kaute still vor sich hin. Frank erinnerte sich jetzt daran, wie er in der Dunkelheit des kleinen Ladens der Antwort auf seine Frage entgegengefiebert hatte. Es war ihm vorgekommen, als äße Herr Michel den größten Keks der Welt; so lange Zeit brauchte er zum Kauen. Endlich hatte er in seiner breiten und umständlichen Aussprache gesagt: Vielleicht bist du alt genug, Jungchen, vielleicht; aber verrate nie deinem Vater, dass ich es dir erzählt habe! Ich erinnere mich gut an deine Urgroßmutter - eine feine alte Dame, mit einer richtigen Adlernase. Ich weiß , lachte Frank, im Wohnzimmer haben wir in einem großen schwarzen Rahmen eine alte, vergilbte Fotografie von ihr stehen. Darauf liest sie gerade in einem gewaltig großen Buch. 10


Ja , sagte Herr Michel, das war ihre Bibel. Gewöhnlich las sie stundenlang darin, wenn sie in ihrem Schaukelstuhl in der Küchenecke saß. Manche Leute sagten, dass sie zu viel Zeit damit verschwendete. Wenn aber dieselben Leute in Not waren, gingen sie schnurstracks zu ihr, um sich helfen zu lassen. Als ich im Anfang den Laden hier eröffnete, war dein Vater ein junger Mann und bewirtschaftete zusammen mit seinen Eltern den Hof und die alte Dame lebte bei ihnen. Sie waren wohlhabend damals; ja, das waren sie. Ich durfte in jenen Tagen nur die besten Lebensmittel zum Schwarzeneck-Hof schicken. Aber was geschah dann? , drängte Frank flüsternd. Nun, die Eltern deines Vaters fuhren eines Tages mit dem Einspänner aus und waren gerade im Wald an der höchsten Stelle über dem alten Steinbruch. Nach Meinung der Polizei muss das Pferd plötzlich durch ein Kaninchen oder irgendetwas anderes erschreckt worden sein. Jedenfalls scheute es, der Wagen kenterte und beide wurden hinab in den Steinbruch geschleudert. Dein armer Vater! So ein junger Mann! Nicht so schlimm , sagten wir alle, er hat ja die alte Dame; sie wird ihn schon versorgen. Und das tat sie auch! Sie stand von ihrem Schaukelstuhl auf, band ihre Schürze um und kochte, putzte und sorgte für ihn. Es war jedoch für ihre achtzig Jahre viel zu viel und innerhalb eines Jahres starb sie. Da war er wohl ganz allein? Ja, ganz allein mit einem Hof, den er versorgen musste, und gerade war er erst fünfundzwanzig geworden. Wir alle rieten ihm, den Hof zu verkaufen, doch er wollte nicht und arbeitete mit Herrn Fuhrmann und Adalbert, dem alten Schelm, weiter. In einem Jahr verlor er alle seine Schweine durch die Schweinepest und im nächsten den größten Teil 11


der Ernte durch Feuer. Ich weiß nicht, wie er es schaffte durchzukommen, denn es folgte ein Unglück auf das andere. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn er auf die schiefe Bahn geraten und weggelaufen wäre wie dein Onkel Harry, das schwarze Schaf der Familie. Herr Michel amüsierte sich köstlich, wie immer, wenn er eine traurige Geschichte erzählte. Wir waren natürlich alle froh, als wir sahen, dass er sich um deine Mutter bemühte. Er war damals ungefähr achtundzwanzig. Dies war das Kernstück der Geschichte; hierauf schien Frank sein ganzes Leben lang gewartet zu haben. Er hielt den Atem an und dachte: Wenn jetzt jemand in den Laden kommt ... Ich weiß nicht, was ich dann tue. Doch er raffte sich auf und fragte: Wie sah sie aus? Oh, sie hatte langes, goldenes Haar - von gleicher Farbe wie deines - das sie nie zurücksteckte oder mit einem Hut bedeckte. Sie war ein wildes Mädchen, lachte immer und freute sich jeder Minute ihres Lebens. Am allerglücklichsten aber war sie, wenn sie auf dem Rücken ihres Pferdes saß und wie toll durch die Gegend ritt. Sie hatte eine große, schwarze Bestie, genauso feurig wie sie - ich sagte von Anfang an, dieses Pferd sei gefährlich! Im Winter heirateten sie und du wurdest ein Jahr später geboren. Ein langes, unbehagliches Schweigen folgte. Schließlich sagte Frank ganz leise, mit einer Stimme, die ihm gar nicht zu gehören schien: Dann war ich wohl auch so ein Unglück? Ja, Jungchen, das warst du. Manche meinten, es sei die Stra12


fe für die Wildheit deiner Mutter, aber die Ärzte im Krankenhaus sagten, es sei nur einer der Fälle, die eben manchmal vorkommen. Zuerst dachten sie, du würdest nie sprechen oder deine Umwelt wahrnehmen können. Sei dankbar, Frank, dass du wenigstens im Kopf richtig bist, auch wenn dein Körper nicht so ist, wie er sein sollte. Doch, sei dankbar dafür! Frank erinnerte sich daran, wie er nach unten auf den großen Schuh mit der dicken Spezialsohle an seinem dünnen linken Bein geblickt hatte und auf seinen unbeholfenen linken Arm und die ungeschickte Hand. Bitter hatte er gefühlt, dass es nicht viel gab, wofür er dankbar sein konnte. Ein schrecklicher Gedanke hatte ihn durchzuckt. Sah es mein Vater nicht gern? ... Mich, meine ich? Herr Michel nahm sich noch einen Keks, um die Peinlichkeit der Frage zu verdecken. Weißt du, wenn ein Hof viele Jahre der eigenen Familie gehört bat, wünscht man sich natürlich einen kräftigen Sohn, der die Tradition fortführen kann; aber deine Mutter lachte deinen Vater aus seiner Traurigkeit heraus und sagte, sie würden noch viele andere Söhne haben. Du warst damals ein kleines, schwächliches Baby, nicht älter als ein paar Monate, und doch ritt sie Tag für Tag auf ihrem großen schwarzen Pferd aus. Aber das hatte ein Ende. Wie ich mich an jenen schrecklichen Tag erinnere! Sie ritt auf dem Weg zu den Hügeln hier am Laden vorbei und winkte mir. Ich sah sie nie mehr wieder. Sobald ich die Schreckensnachricht hörte, ging ich hinauf zum Hof. Herr Michel musste bei jeder Sensation dabei sein. Dr. Harder sagte, es wäre vielleicht noch Hoffnung vor13


handen gewesen, wenn man sie sofort nach Dilfingen ins Krankenhaus gebracht hätte, aber man brachte sie nach Hause zum Hof, als man sie im Heidekraut liegen fand. Das Pferd blieb drei Tage lang verschwunden. Damals saßen Adalbert und ich den ganzen Abend in der Küche und tranken Kaffee. Das war eine Nacht! Ich habe niemals einen solchen Sturm erlebt! Er tobte gegen die Mauern des Hauses und heulte im Schornstein. Frank würde sich immer daran erinnern können, wie Herrn Michels Gesicht immer näher gerückt war, als er sich über den Ladentisch lehnte und jedes seiner eigenen Worte genoss. Ja, eine schreckliche Nacht war es. Schließlich knarrten oben die Dielen und Dr. Harder kam herab und ging gleich nach draußen. Nach einiger Zeit trat dein Vater langsam in die Küche, schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Es hat keinen Sinn , sagte er, ich weiß jetzt sicher, dass Gott gegen mich ist. Einst habe ich ihn geliebt, jetzt hasse ich ihn. Ich werde ihn aus meinem Haus ausschließen und aus meinem Leben und aus dem Leben meines Sohnes. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dieses Haus ist verflucht. Dann schien etwas über ihn zu kommen. Er ging von Zimmer zu Zimmer und riss die Bibelsprüche von den Wänden ab, die deine Urgroßmutter dort aufgehängt hatte. Wenn er ein Zimmer verließ, schlug der Wind die Tür zu, dass das ganze Haus bebte. Dann nahm er die große Bibel der alten Dame vom Bücherbrett und verbrannte sie zusammen mit den Wandsprüchen in einem mächtigen Feuer im Hof. Als er es angezündet hatte, ging er ins Haus zurück und ließ uns draußen stehen. Der Wind schlug die Hintertür hinter ihm zu, als ob Gott wirklich damit für immer aus dem Hause ausgeschlossen worden sei. 14


Und weiter? , flüsterte Frank. Nun, der Wind lenkte die Flammen des Feuers zur Scheune hin, und wenn wir nicht dagewesen wären und gelöscht hätten, hätte im Nu der ganze Hof in Flammen gestanden. Verbrannte die Bibel vollständig? Nein, nicht ganz. Ich schlug Adalbert vor, ihr im Küchenfeuer den Rest zu geben, aber er sagte, er habe zu viel Respekt vor der alten Dame. So versteckte er sie irgendwo. Ich weiß nicht mehr wo und er sicher auch nicht. Frank fröstelte und er schlug den Mantelkragen hoch; es war kalt im Apfelbaum. Was für ein Nachmittag war das gewesen und was für ein Ende hatte er gehabt! Der arme Herr Michel! Er erzählte gern Geschichten und trieb dabei die Spannung so auf den Höhepunkt, dass seine Zuhörer sich schüttelten, wenn sie den Laden verließen. An jenem Nachmittag aber war ihm seine Freude verdorben und sein Gefühl für das Dramatische zutiefst verletzt worden. Als er am Höhepunkt seiner Geschichte angelangt war, war er so in Erregung geraten, dass er zwei Kekse auf einmal verschluckte. Das Wasser schoss ihm in die Augen, sein Gesicht färbte sich rot und er musste halberstickt unter Husten und Niesen in sein Schlafzimmer hinter dem Laden flüchten. Frank hatte sich zwar geschüttelt, als er den Laden verließ, aber nicht vor Furcht, sondern vor Lachen, und er hatte noch auf dem ganzen Heimweg gelacht. Ungeschickt stieg er vom Apfelbaum herunter und grinste, weil er an Herrn Michels tränende Augen denken musste. Doch er schwor sich auch, was er sich inzwischen schon tausendmal geschworen hatte: dass er die Bibel finden würde und wenn es ihn das Leben kosten sollte.

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Kapitel 2

Der Hässliche aus demWald Als Frank an einem rauen Winternachmittag die Tür fest hinter sich schloss, durchströmte ihn ein Gefühl der Wärme und des Wohlbehagens. Er blickte sich in der altmodischen Küche mit ihrem rotgekachelten Fußboden, ihrem stabilen Holztisch und dem großen, offenen Feuer um. Dies war sein Zuhause. Schwarzeneck mochte von außen rau und abstoßend wirken, aber sobald man in die Küche trat, fühlte man sich zu Hause. Mühsam schälte er sich aus seinem Regenmantel, hängte ihn an einen der Haken, die die Männer seiner Familie durch Generationen hindurch benutzt hatten und grinste vor sich hin, als er Tante Hildes schwarzen Gummimantel neben dem seinen sah. Der Vater und er hatten nie darüber gesprochen, aber sie nahmen diesen Regenmantel niemals fort. Jedesmal, wenn sie ihn ansahen, freuten sie sich im Stillen darüber, dass Tante Hilde nie wiederkommen und ihn tragen würde. Tante Hilde (eigentlich war sie niemandes richtige Tante) hatte nach dem Tod der Mutter Frank, seinen Vater und das Haus unter ihre Obhut genommen und Frank, der Vater und das Haus hatten diesen Schlag nie überwinden können. Vom frühen Morgen bis abends putzte sie alles und jeden und verbreitete unter Keifen und Schelten eine hektische Betriebsamkeit. Damals lebten sie prunkvoll in allen Räumen des Hauses - die Küche ausgenommen. Die durften sie nicht betreten, denn sie war Tante Hildes privates Königreich, in dem sie schreckliche Fischpasteten und Reispuddings kochte und Wäsche wusch, lange bevor sie schmutzig war. 16


Frank erinnerte sich des heftigen, prickelnden Zornes, der ihn eines Tages vor zwei Jahren gepackt hatte, als sie ihm wie gewöhnlich nach der Schule helfen wollte, Mantel und Schuhe auszuziehen. Ich bin vielleicht nicht sehr stark , hatte er zwischen den Zähnen hervorgestoßen, aber ich bin kein Schwächling! Das hatte der Vater gehört und plötzlich war etwas in dem sonst so ruhigen Mann explodiert, denn er hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen und ihr vorgeworfen: Genau das tust du! Du machst aus meinem Sohn einen hilflosen Invaliden und aus meinem Haus ein ... ein ... Reinlichkeitsmuseum. Und er hatte noch eine Menge anderer, höchst vergnüglicher Dinge zur Sprache gebracht, die Frank schon jahrelang gern gesagt hätte. Am Abend war sie gegangen, aber erst, nachdem sie aus Rache eine gräulich Fischpastete für das Abendessen in den Ofen gestellt hatte. Frank begann, den Tisch zu decken. Er gebrauchte seine gesunde rechte Hand, um die Ungeschicklichkeit der linken auszugleichen. Was für eine Wonne war seither ihr Leben gewesen! Er und der Vater hatten alle Zimmer im Haus abgeschlossen und lebten fröhlich zusammen in der Küche und den zwei Zimmern der Knechte darüber. Frank füllte den Kessel und stellte ihn auf den Herd. Tante Hilde hätte ihn so etwas nie tun lassen. Es war herrlich, wie ein Mann und nicht wie ein Kleinkind behandelt zu werden! Er hockte sich vor den Ofen hin und schaute hinein und verlor vor Entzücken fast die Balance. Frau Fuhrmann hatte heute ein Kotelett und eine Nierenpastete dagelassen. Jeden Nachmittag schaute Frau Fuhrmann vorbei ; sie war sehr dick und hatte neun Kinder und keine 17


Zähne. Saubermachen hasste sie, aber dafür kochte sie ihnen immer etwas Leckeres zum Abendessen. Plötzlich warf sich etwas gegen die Hintertür und mit einem Mal waren die zwei großen Schäferhunde und der Vater in der Küche. Die drei hatten großen Hunger mitgebracht und bald aßen alle stillvergnügt. Frank und sein Vater sprachen immer nur das Nötigste miteinander; sie freuten sich schweigend an der Gegenwart des anderen Schwatzen war Frauensache. Glücklicherweise war keine Frau im Hause, die den Frieden eines Mannes mit kleinlichen Bemerkungen - etwa über Ellenbogen auf dem Tisch - hätte stören können. Unglücklicherweise war aber auch keine Frau zum Geschirrspülen da, doch das war bald erledigt. Der Vater richtete sich an einem Ende des Tisches mit der landwirtschaftlichen Abrechnung ein, während Frank am anderen Ende mit seinen Hausaufgaben saß. Die Hunde knurrten vor Wohlbehagen auf dem Kaminvorleger und der Feuerschein tauchte die friedlichen Wände der Küche in ein tiefes, sattes Rot. Die Schule war etwas Schönes, wenn es nicht den Schulhof gäbe, dachte Frank, als er am nächsten Morgen durch den Wald ging. Wenn sie alle in dem einzigen großen Raum der Dorfschule hinter ihren Tischen saßen, dann gab es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Schülern. Aber sobald die Pause oder die Mittagszeit begann und jemand vorschlug: Lasst uns Kriegen spielen! , waren nicht mehr alle gleich. Dann machte es Frank nicht viel Spaß, dem Spiel den Rücken kehren zu müssen und so zu tun, als sei es ein größeres Vergnügen, in der Ecke mit Steinen auf eine Konservendose zu werfen. Egal, dachte er, morgen ist Sonnabend. Plötzlich raschelte neben ihm etwas zwischen den Bäumen. Mit einem Ruck hielt er an und drehte sich um. Ein böse 18


dreinsehendes Wiesel huschte über den Weg und verschwand in Farn und Federgras; dann war alles wieder still. Es war wunderbar, durch den Wald zur Schule zu gehen, denn man wusste nie, was man als Nächstes zwischen den dunklen Baumreihen entdecken würde. Der Wald war ausgedehnt und erstreckte sich über viele Morgen der Landschaft. Es war ein großes Geheimnis, wem er gehörte, denn außer dem Waldaufseher, der für den Wald und die Waldarbeiter verantwortlich war, wusste es niemand. So sehr man ihn auch fragte - er sagte nie, wer ihn bezahlte. Frank liebte jede der hohen, schlanken Lärchen und der krummen Kiefern, aber manchmal war es auch unheimlich, allein im Wald zu sein. Jetzt hatte er ihn jedoch hinter sich gelassen und unter ihm lag das Dorf. Er konnte Herrn Michels Laden sehen, die Kirche und das Pfarrhaus; die Schule, umgeben vom Grau des Schulhofes und das weiße Golfhotel mit dem Golfplatz dahinter, der sich in der dunkelgrünen Mauer des Waldes verlor. Hier war der Weg steil und Frank kam nur langsam vorwärts. Er war halb unten, als von hinten ein Lärm wie von einer durchgegangenen Rinderherde kam. Ärgerlich polterten Steine in alle Richtungen und unter ängstlichem Krächzen flatterten einige aufgeschreckte Krähen hoch. Um die Ecke kam in gestrecktem Galopp ein Riese von einem Jungen. Seine großen, schwarzen Schuhe trommelten auf den Weg und seine Schulmappe flog wie ein Steuerruder hinter ihm her. Neben Frank kam er mit einem bewundernswerten Stemmbogen zum Stehen und grinste. Mann, ich dachte, ich käme wieder mal zu spät zur Schule , keuchte er. Ich bin die halbe Nacht aufgeblieben und habe im Stall geholfen. Wir haben Lämmer bekommen. 19


Robert interessierte sich so leidenschaftlich für die Landwirtschaft, dass er kaum von etwas anderem reden konnte und immer mit einem dicken Buch über Ackerbau und Viehzucht zu Bett ging. Wenn ich nur so stark wäre wie Robert , dachte Frank, als sie zusammen weitergingen, dann wäre mein Vater stolz auf mich. Fröhlich plauderte Robert weiter über seine Lammzwillinge, bis sie das Golfhotel erreichten, wo Horst auf sie wartete. Seinem Vater gehörte das kleine Lokal; wenn man allerdings Horst reden hörte, konnte man meinen, er wohne im Grand Hotel der Hauptstadt. Doch er wohnte nun einmal in dem kleinen Haus, wo die unglücklichen Gäste die Kochkunst seiner Mutter und die langweiligen lustigen Geschichten seines Vaters ertragen mussten. An diesem Morgen trug Horst eine funkelnagelneue Jacke und als er wartend dastand, rückte er sie mehrmals zurecht, um sie auch genügend zur Geltung zu bringen. Hallo, ihr beiden , sagte er herablassend wie ein König zu zwei Landstreichern. Wisst ihr, was ich morgen früh tun werde? Frühstücken? , fragte Frank mürrisch. Horst warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Nein, natürlich nach dem Frühstück. Ich soll der Balljunge für Baron von Kolben sein, wenn er mit dem Golflehrer Golf spielt. Man hat ihm erzählt, ich sei der beste Golfjunge im Bezirk. Er wohnt bei uns, müsst ihr wissen. Er sagte das so, als seien Adlige bei ihm zu Hause eine Selbstverständlichkeit. Auf dem weiteren Schulweg redete Robert auf Franks ei20


ner Seite über seinen Hof und auf der anderen prahlte Horst mit seiner eigenen Tüchtigkeit. In der Mitte ging Frank und wünschte, dass er sich den anderen gegenüber nicht so klein vorkäme. Es war in der letzten Unterrichtsstunde am Nachmittag und die drei obersten Klassen hatten Geschichte. Die Schule bestand aus achtundzwanzig Kindern und nur einer Lehrerin. Sie arbeiteten alle zusammen in einem Raum, doch jede Klasse saß in einer eigenen Reihe. Frank saß hinten in der obersten Klasse mit Robert, Horst und den anderen. Sie mussten viel lernen dort, denn Fräulein Klaar, die Lehrerin, sagte oft: Wir möchten, dass ihr alle nach Dilfingen zur Höheren Schule gebt , und dabei klingelten ihre vielen silbernen Armreifen. Jedesmal, wenn sie das sagte, beobachtete Frank, wie ihr Blick verächtlich auf Sebastian fiel. Frank saß neben ihm und fand wie alle anderen, dass er ein ziemlicher Dummkopf war, aber trotzdem hatte er ihn irgendwie gern. Sebastian hatte abstehende Ohren und trug immer weite, flatternde Cordhosen und Turnschuhe. Er saß jetzt gerade mit offenem Munde da und dachte an überhaupt nichts. Robert saß an Franks anderer Seite und war damit beschäftigt, auf die Rückseite seines Geschichtsbuches den Plan eines neuartigen Desinfektionsbades für Schafe zu zeichnen. Plötzlich wurde in der letzten Reihe ein Zettel von Horst durchgegeben. Kommt nach der Schule alle mit zu Herrn Michel zum Essen , stand darauf. Nun hatte nie jemand außer Horst am Freitag noch Taschengeld, aber alle taten immer das, was Horst wollte, weil das am bequemsten war. Alle aus der obersten Klasse gingen zusammen die Straße entlang: Robert, Sebastian, Frank, Horst und die FergusonZwillinge, die Töchter des Waldaufsehers. Die Zwillinge sahen einander sehr ähnlich, waren aber ganz verschie21


den. Ihre Mutter kleidete sie stets genau gleich, aber Sybille sah in ihren Kleidern so adrett wie ein Mannequin aus, während Heide immer einer Vogelscheuche ähnelte. Heide war immer von allem, was sie gerade taten, hell begeistert. Los, kommt! , rief sie den anderen zu. Vielleicht bekommen wir heute eine gute Geschichte aus ihm heraus. Mit fliegenden Zöpfen stürmte sie davon und kam als Erste am Laden an. Sie rannte die zwei Stufen hinauf und wollte gerade hineingehen, als sie wie angewurzelt stehenblieb und durch das Glasfenster in der Tür starrte. Etwas in ihrem Benehmen ließ auch die anderen auf der Stelle anhalten. Schnell! , zischte sie ihnen zu. Hinter das Haus! Es ist der Hässliche aus dem Wald und er kommt gerade heraus. Alle verschwanden hinter dem Laden, bis auf Frank, der nicht flink genug war und deshalb fast mit dem zerlumpten, alten Landstreicher zusammenstieß, von dem die meisten Leute sagten, er sei der hässlichste Mensch der Welt. Sie kauerten sich alle zusammen und beobachteten ihn, wie er mit seinem Sack voller Lebensmittel dem Wald entgegenhumpelte. Heide atmete auf. Meine Güte! Wäre es nicht schrecklich, ihm allein im Wald zu begegnen? Mit zitternden Knien drängten sie sich alle in den Laden. Habt ihr diesen Burschen gesehen? , fragte Herr Michel und griff tief ins Kühlfach, um Horsts Eiscreme zu holen. Mir stehen immer die Haare zu Berge, wenn er in den Laden kommt. Da Herr Michel gar keine Haare mehr hatte, glaubte ihm 22


das niemand, aber sie sahen ihn alle mit großen Augen an, als er sich über den Ladentisch beugte und sagte: Hannes Lämmerich, der alte Förster, war gestern hier und erzählte mir, dass er an seiner Wohnung im Wald vorbeigegangen sei - es ist nur ein Wohnwagen mit einem Zaun drum herum - aber wisst ihr, was er da hörte? Was? , flüsterten alle und Frank war sicher, dass seine Haare jetzt so zu Berge standen, wie Herr Michel es von seinen behauptet hatte. Ja, wisst ihr, was er hinter dem hohen Zaun hörte? Schreckliche Geräusche - Schläge und Gequieke und seltsame, schnatternde Laute. Was meinen Sie bloß, was er hinter seinem Zaun hat? , fragte Sebastian, dessen große Ohren vor Aufregung purpurrot geworden waren. Das kann niemand sagen , erwiderte Herr Michel düster, weil der Zaun zum Hinüberschauen zu hoch ist. Aber eins weiß ich sicher - er führt nichts Gutes im Schilde. Mein Vetter hat in Dilfingen am Bahnhof ein Geschäft und er sieht ihn oft zum Bahnhof gehen, mit einer Schubkarre voll kleiner, hölzerner Kästen. Die schickt er mit dem Zug weg und ein paar Tage später kommen sie wieder zurück. Aber wo diese Holzkästen dann gewesen sind und was sie enthalten, wage ich nicht auszudenken! Die unbefriedigte Neugier setzte Herrn Michel so zu, dass er selbst ein Eis essen musste. Da er jetzt zu sehr damit beschäftigt war, über dem dunklen Geheimnis zu brüten, verließ ihn die Gruppe. Meine Güte , sagte Heide, als sie draußen waren, ich 23


würde alles darum geben, wenn ich wüsste, was hinter dem Zaun ist. Ich auch , bekräftigte Sebastian, aber keiner von uns würde wagen, auch nur einen Blick hinüberzuwerfen. Na, das weiß ich aber noch nicht , prahlte Horst überlegen. Ich mache mir nichts daraus; es wäre ganz einfach: Nur leise anschleichen, eine Leiter anstellen und im Handumdrehen hat man alles gesehen. Nein, ich hätte überhaupt keine Angst. Warum tust du es dann nicht morgen? , schlug Sebastian begeistert vor. Wir kommen alle mit. Oh ja , fügte Heide hinzu, und wir machen Picknick im Wald; wir werden schon nicht frieren. Ich ... äh ... ach ja, ich habe morgen zu tun. Ich muss Golfjunge spielen , antwortete Horst, froh, eine Entschuldigung zu haben. Aber das ist doch nur morgens , sagte Robert. Ich habe auch keine Leiter. Horst suchte verzweifelt nach einer Ausrede. Oh, wir haben eine von diesen neuen, leichten Klappleitern , bot ihm Robert stolz an. Mein Vater gibt sie mir bestimmt. Horst wusste, dass er in die Enge getrieben war. Na gut , sagte er verdrießlich, aber macht mir keine Vorwürfe, wenn wir totgeschossen oder von gräulichen quiekenden und schnatternden Viechern aufgefressen werden.

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Kapitel 3

Jetzt habe ich dich Am nächsten Tag gingen sie nach dem Mittagessen los. Die Wintersonne schien vom Himmel. Gewöhnlich hielt sich Frank beim Spielen von den anderen fern, denn er hasste es, wenn sie auf ihn warten und ihm über Tore und Mauern helfen mussten. Heute aber dachte er nicht daran, denn er brannte vor Neugierde. Robert trug die Leiter und einen großen Brotbeutel, in den jeder sein Essen für das Picknick gepackt hatte. Er war so stark, dass er das Doppelte hätte tragen können, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Sie drangen in die beklemmende Dunkelheit des Waldes ein und bald schon hatte sie seine unheimliche Stille verschlungen. Am besten nehmen wir den Weg über den Bodenlosen Teich , sagte Horst. Heute Nachmittag war er glänzender Laune, weil Baron von Kolben ihm fünf Mark statt der üblichen drei Mark gegeben hatte. So beschloss er, Sebastian ein wenig auf den Arm zu nehmen. Sebastian , sagte er, weißt du eigentlich, was mit dem Bodenlosen Teich los ist? Nein , antwortete Sebastian und starrte Horst geistlos mit offenem Munde an. Soll das heißen, dass dich dein Vater nie davor gewarnt hat? 25


Nein, warum denn? Dann hast du wohl auch noch nie von dem Ungeheuer gehört? Alle anderen verkniffen sich mühsam das Lachen. Der arme Sebastian glaubte aber auch alles, was man ihm erzählte und biss herrlich auf jeden Köder an. Hör mal, Sebastian , fuhr Horst fort, du kennst doch das Ungeheuer vom Loch Ness? Na, das ist nur eine winzige Kaulquappe im Vergleich zu diesem Biest. Und das Schlimmste ist: Dieses Ungeheuer soll Menschen bei lebendigem Leibe auffressen. Meint ihr nicht, wir sollten den anderen Weg gehen? , sagte Sebastian ängstlich und bekam ganz rote Ohren. Vielleicht wäre es besser , stimmte Horst zu, aber weil ich dich gut leiden kann, Sebastian, werde ich dich in das Geheimnis des Ungeheuers einweihen. Du brauchst ihm nur einmal etwas zu essen zu geben. Weil es dich wie ein Elefant aus Dankbarkeit dann nie wieder vergisst, bist du dein ganzes Leben lang vor ihm sicher. An deiner Stelle würde ich ihm mein Picknickpaket opfern. Auf Sebastians Gesicht malte sich Bestürzung. Aber darin ist Obsttorte sagte er kläglich. Mein lieber Sebastian , sagte Horst mit ernster Miene, was ist ein Stück Obsttorte, verglichen mit deinem Leben? Inzwischen waren sie am Teich angekommen. Heide presste sich gegen einen Baum, um ihr Kichern zu ersticken, und Robert schien einen Hustenanfall zu haben. Langsam griff 26


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