L. Emerson Ferrell
QUANTENFASTEN Nahrung fĂźr unsere Gedanken
cube8
Die Bibelstellen sind in der Regel der revidierten Elberfelder Bibel 2008 entnommen und an den gekennzeichneten Stellen aus Schlachter 2000 (SLT), Luther 1984 (LUT), Einheitsübersetzung 1980 (EU), Amplified Bible Version 1.1 1987 (AMP), Neue Genfer Übersetzung 2011 (NGÜ), Neues Leben. Die Bibel 2002 und 2006 (NLB), Gute Nachricht Bibel 1997 (GNB), Hoffnung für alle 2002 (HFA), Weymouth New Testament 1993 (WEY), Contemporary English Version 1995 (CEV), Holman Christian Standard Bible 2009 (HCSB), God’s Word 1995 (GW), The Message 2002 (MESS), Bible in Basic English 1965 (BBE), New King James Version 1982 (NKJV) und Today’s English Version (The Good News Bible) 1976 (TEV) zitiert bzw. ins Deutsche übersetzt. Alle Bibelzitate wurden den Regeln der Rechtschreibreform angepasst. Hervorhebungen einzelner Wörter oder Passagen innerhalb von Bibelstellen sind Hervorhebungen des Autors. Titel der englischen Originalausgabe: Quantum Fasting – Food for Thought © 2012 L. Emerson Ferrell Erschienen bei Ana Méndez Ferrell, Inc., Florida, USA www.AnaMendezFerrell.com | www.VoiceOfTheLight.com Übersetzung aus dem Englischen: Judith Lange Lektorat: Gabriele Pässler Redaktion und Satz: cube8 Cover: k-effect, Konstanz Druck: CPI, Ulm © cube8 Bücklestr. 13 | 78467 Konstanz | www.cube-8.eu 1. Auflage 2013, cube8, Konstanz ISBN 978-3-944492-01-8
Anmerkung zum Cover Eine Statue, weiblich und allgegenwärtig, leuchtet mir am Horizont der Stadt den Weg. Sie hält ein Licht in ihrer Hand. Es spendet der ganzen Stadt Helligkeit. Man nennt sie „die große Freiheit“. Seit ich denken kann, überragt sie die Dächer unserer Stadt. Ihr Licht gab uns immer Orientierung auf unseren Wegen. Obwohl mir der Ort, an dem ich stehe, grenzenlos erscheint, kann ich Unfreiheit und Begrenzung als beständige innere Begleiter fühlen, seit einiger Zeit bewusster denn je. Doch da draußen muss es mehr geben – das Mehr meines Lebens. Es muss direkt neben mir beginnen und existieren. Ich kann es spüren. Nur beweisen kann ich es bislang nicht. Eines Tages fällt mir auf, dass ich auf einem steinernen Sockel stehe. Er trägt die Inschrift „Introite, nam et heic Dii sunt“ (Tretet ein, denn auch hier sind Götter). Weder weiß ich, was diese Inschrift bedeutet, noch ist mir klar, warum ich auf diesem Sockel stehe. Doch er war schon vor mir da und er ist auch seit jeher mein Fundament. Mir ist, als wäre ich dem Sockel gleichgeworden – fest, starr, unbeugsam. Meine Kraft ist meine Stärke. Ich kenne Jesus schon lange. Seitdem er mich zum ersten Mal berührt hat, versuche ich täglich, ihm mein ganzes Leben anzuvertrauen und in seinen vorbereiteten Werken zu leben – aufrichtig und von ganzem Herzen. Doch meistens fühlt er sich zu entfernt an, als dass er direkt in mir wohnen würde. Manchmal sehe ich seine Herrlichkeit gleich einer Sternschnuppe, die in mein irdisches Bewusstsein eintritt, nur um Sekunden später zu verglühen. Ich glaube, weil ich weiß. Doch das reicht mir nicht mehr. Aber meine Rufe der Ver-
zweiflung werden von einer gläsernen Wand zurückgeworfen. Sie ist kristallklar, fast unsichtbar. So gerne würde ich dieser urbanen Einöde entfliehen. Mein Herz sehnt sich nach unbegrenztem Leben. In diesem Moment höre ich ganz tief in meinen Herzen seine Stimme: „Iss!“ Völlig verwundert frage ich mich, was ich wohl essen sollte. Dann nochmals: „Iss von mir.“ Alles hallt und vibriert von dieser Stimme. Im selben Moment bewegt sich ein warmes, gleißendes Licht in meiner Hand. Es ist lebendig und frisch – himmlisches Manna. Ich beginne zu essen. Dann höre ich leises Knacken. Etwas beginnt zu brechen. Risse entstehen in der spannungsgeladenen Luft. Kristalle reiben aneinander. In einer lauten Explosion zerbricht das Kristallgas sichtbar vor meinen Augen. Sofort strömt frische Luft hinein. Alles in mir weitet sich und atmet auf. Frei und zeitlos betrete ich eine vertraute und doch unbekannte Welt. Beschreibende Worte können mir hier nicht mehr folgen. Ich bin dort, wo mein Gott wohnt – ich bin nach Hause gekommen. „Wir haben Babel heilen wollen, aber es war nicht zu heilen …“ (Jeremia 51,9) Joel Argast, k-effect
Für eine neue Reformation Wir sehnen uns danach, dass Gott seine Kraft und Herrlichkeit zeigen kann. Unser Geist will verbunden sein mit den Dingen des Himmels und wir sind davon überzeugt, dass Gott seine Pläne denen offenbaren will, die ihn darum bitten und danach suchen. Deshalb glauben wir, dass es eine Plattform braucht – damit das, was der Heilige Geist momentan zu sagen hat, im Land gehört werden kann. Eine solche Plattform will cube8 sein. Unser Land braucht eine echte Reformation – nicht nur das Prinzip der kleinen Schritte und der ruhigen Hand, sondern einen richtigen Ruck. Es ist Zeit für Regeneration und Transformation. Unser Gott ist nicht so sehr an Kirchen interessiert als vielmehr an den Menschen, die auf dem Globus leben. Er hat innovative Lösungen für die Probleme der Menschheit; und die will er unters Volk bringen durch uns Christen, die wir an ihn glauben. Dazu müssen wir auf wesentlichen Gebieten umdenken und uns erst einmal sein Denken aneignen. Denn Gott will, dass wir die Dinge kennen, die er in seiner Weisheit vorbereitet hat. Deshalb wollen wir das Reden des Heiligen Geistes für diese Generation aufnehmen, anstatt nur alte Ideen neu aufzulegen. Der Geist der Prophetie legt Zeugnis ab von Jesus Christus (Offenbarung 19,10). Deshalb braucht es neue Botschaften. Prophetische Botschaften. Göttliche Ideen. Das alles wollen wir aufgreifen, verbreiten und ins Land hinaussenden. Mit allen Mitteln und mit unserer ganzen Kraft – damit Gottes Stimme eine Plattform bekommt. Denn er ist der König der Könige. Seine Herrschaft hat kein Ende.
Wir laden dich ein, ein Teil dessen zu werden, was Gott jetzt tut. Es braucht dafür dein offenes Herz, damit Gott auch in dich Neues hineinlegen kann. Rechne damit, dass dir der Heilige Geist beim Lesen dieses Buches völlig neue Einsichten, einen ganz neuen Kurs aufzeigt. Er tut einfach Neues, wenn wir offen dafür sind! – Merkst du es schon? Bitte schreib uns deine Erlebnisse mit diesem Buch. Wenn du selbst neuartige Dinge erlebst oder Gott zu dir redet, lass es uns wissen. Wir sind echt gespannt darauf zu hören, was Gott im ganzen Land tut (feedback@cube-8.eu). Werde Teil einer neuen Reformation! Dein cube8-Team
Inhaltsverzeichnis Einleitung
11
Teil I: Frühe Begegnungen mit Engeln
15
01 Göttliche Begegnungen
19
02 Vom Himmel herausgefordert
25
03 Mein Weckruf
29
Teil II: Die unsichtbare Welt
33
04 Sinn und Zweck des Fastens
35
05 Quantenfasten und das Übernatürliche
41
Teil III: Geist
65
06 Meine Worte sind Geist und Leben
69
07 Unser Geist ist sein Schlüssel
73
08 Jesus – das lebendige Wort
79
09 Steine zu Brot
85
Teil IV: Der Heilige Geist und Blut
91
10 Das Blut des ersten und des letzten Adams
97
11 Blut und Gedanken
105
12 Dämonische Kräfte und unsere Gedanken
111
Teil V: Die Seele
123
13 Der Gnadenthron
131
14 Alte Weinschläuche
137
Teil VI: Der Körper
145
15 Fasten ist Medizin
151
16 Fasten und Physiologie
157
17 Fasten – meine persönlichen Erfahrungen
163
18 Durch Fasten werden Propheten geboren
171
Schlusswort
179
Einleitung Dieses Buch zeigt dir eine reale Welt auf, eine Welt jenseits unserer natürlichen Welt. Das Leben, das Gott für uns geplant hat, liegt in deinem Geist verborgen, zusammen mit einer Anleitung zu Gerechtigkeit, Friede und Freude. In der Bibel steht: Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist (Römer 14,17). Von dem Tag an, als der Heilige Geist mir die volle Bedeutung dieses Verses offenbarte, änderte sich mein Leben radikal. Ich wünsche mir, dass jeder die himmlischen Hochgefühle erlebt, die denen vorbehalten sind, die fasten. Der Teufel weiß von der Kraft des Fastens. Und genau deshalb sät er unter so vielen Christen eine große Furcht davor. Fasten ist nichts Neues, auch wenn es in der Gemeinde wenig praktiziert wird. Das mag an vorgefassten Meinungen und religiösen Überzeugungen liegen. Jedenfalls hat der Teufel große Angst verbreitet vor einem Lebensstil des Fastens. Dieses Buch transformiert und erleuchtet nicht nur dein Verständnis über Fasten, es birgt auch Kraft zur Überwindung von Furcht. Außerdem wirst du verstehen, dass du das bist, was du aufgrund deiner Gedanken glaubst. Hast du erst einmal erkannt, dass Gedanken auch durch Essen geprägt werden, dann verstehst du auch, wie wichtig Fasten ist. Dein Geist hat mehr Hunger als dein Körper. Wenn er richtig ernährt wird, dann wirkt sich das auch auf deine Essgewohnheiten und auf dein Denken aus. 11
Du hast die Vollmacht, im Licht des Heiligen Geistes deine Begierden zu erkennen und zu verändern, und dann verändert sich alles. Du wirst zum Herrn deiner Gedanken und bist nicht mehr länger ihr Sklave. Darüber hinaus wirst du entdecken, dass in deinem Geist eine verborgene Kraft liegt, durch die du deinen körperlichen Gesundheitszustand verändern kannst. Die Ernährungsweise der meisten Menschen in der westlichen Welt stillt Begierden, die durch Lärm und Stress hervorgerufen werden. Wir werden uns damit befassen, wie sich der Klang unserer Seele dem Essen, das wir zu uns nehmen, angleicht – zur Aufrechterhaltung des Kreislaufs von Sünde, Krankheit und Tod. Du wirst erkennen, dass Gerechtigkeit und Friede echte Nahrung sind, und der Heilige Geist bietet sie allen an, die dasselbe Verlangen haben wie er. Die Wissenschaft gebraucht unterschiedliche Begriffe für Phänomene in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt. Fasten stößt die Tür zwischen diesen beiden Welten auf, sodass wir uns am göttlichen, übernatürlichen Wesen Gottes laben können. Quantum ist den meisten Wörterbüchern zufolge ein lateinischer Begriff für Menge. Nach heutigem Verständnis stellt es die kleinstmögliche eigenständige Einheit jeder beliebigen physikalischen Größe wie Energie oder Materie dar. Wer als Christ auf Essen (Materie) verzichtet, wird vom Heiligen Geist mit Glauben (Energie) gespeist werden. Dadurch wird unser Geist stärker und kann die Illusionen von Zweifel und Unglauben zerstören, die durch den ständigen Verzehr von Materie entstehen. Das bedeutet also, du kannst deinen Glauben ganz einfach ernähren und stärken – durch Fasten in Kombination mit Anbetung und Danksagung. 12
Du musst dem Heiligen Geist vertrauen, dass er – losgelöst von deinem Urteilsvermögen und deinen Überzeugungen – deine Bedürfnisse befriedigt. In diesem Vertrauen liegt die Kraft, die natürliche Welt zu überwinden. Und genau das praktizieren wir beim Fasten. Wenn der Teufel merkt, dass du dich dazu entschieden hast, kann er dich nicht mehr einschüchtern. Deine Furcht wird sich in Kraft verwandeln, sobald du anfängst zu fasten. Diese Erfahrungen und noch mehr liegen seit Grundlegung der Welt für uns bereit. Sie sind unser Erbe, und diese Schätze werden zukünftige Generationen verändern. Fasten lässt den Überwindergeist in dir aufstehen, es stärkt dein Durchhaltevermögen und verbessert dein Wohlbefinden. Das ist erforderlich für die Art der Anbetung unseres Königs, zu der wir erschaffen sind. Jesus sagte: „Fürchtet euch nicht, denn ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16,33). Wenn du dich vor irgendetwas fürchtest, dann nur aus einem Grund – weil du die Segnungen, die das Fasten mit sich bringt, noch nicht richtig verstanden hast. Denn Kraft und Autorität über jeden Schrecken in deinem Leben kommen dadurch zustande, dass du zunächst die Angst vor dem Fasten überwindest. Wenn du eine Sehnsucht nach Vollmacht und Autorität hast, dann fang jetzt an dieses Buch zu lesen und hör nicht auf, bevor du jede Seite in dich aufgenommen hast. Erinnere dich: Jesus trat erst dann in der Kraft, Vollmacht und Autorität des Reiches Gottes auf, nachdem er in der Wüste gefastet hatte. Möchtest du in seinen Fußspuren wandeln? Als ersten Schritt lege alle Ausreden beiseite – und dann schau niemals mehr zurück. Wie hell deine Zukunft ist, hängt davon ab, wie groß dein Vertrauen in seine dich verändernde Kraft ist. Jesus zerstörte die Werke des Teufels – nach seiner Taufe und der Zeit in der Wüste. In diesen vierzig Tagen in der Wüste ohne Essen 13
wurde etwas in ihm freigesetzt. Ich glaube, dass Fasten eine wichtige Komponente war, damit das göttliche Blut seines Vaters aktiviert werden konnte. Meine Fastenreise begann, nachdem ich mich intensiv mit der Wüstenzeit Jesu und seiner Konfrontation mit dem Teufel beschäftigt hatte. Die meisten Bibellehrer sind sich darin einig, dass Jesus den Teufel durch das Zitieren von Gottes Wort abwehrte. Darüber, dass sein Verzicht auf Speise auch entscheidend zu diesem Sieg beigetragen hat, wird allerdings wenig gelehrt. Meine Erfahrungen und Entdeckungen stellen einen fortlaufenden Prozess dar. Ich habe sie aufgeschrieben um zu bezeugen, dass der Heilige Geist Macht hat über jedes teuflische Hindernis der Furcht. Jesus zerstörte die Werke des Teufels; und jedes Mal, wenn ich eine neue Offenbarung darüber bekomme, nimmt das Maß an Autorität in meinem Leben zu. Dabei wird mein geistlicher Hunger viel stärker als meine körperlichen Gelüste. Fasten war für mich der Schlüssel zu diesem wundervollen, übernatürlichen Prozess, und es ist mein Wunsch, dass dieses Buch dich ermutigt, dich auch auf den Weg zu machen.
14
Teil I FrĂźhe Begegnungen mit Engeln
Mein ganzes Leben hindurch hat Gott immer wieder eingegriffen, um meinen Blick auf seine erstaunliche Gnade zu richten. Ich glaube, dass fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens eine direkte Begegnung mit dem Himmel hat. Dennoch liegt es an jedem Einzelnen, auf diese Begegnungen zu reagieren. Die Ereignisse in diesem Kapitel habe ich aufgeschrieben, um Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu bestätigen und zu ermutigen. Diese Geschichten sind eine Sammlung von Träumen und Visionen, an die ich mich aus meiner Kindheit und Jugend erinnern kann. Diese Erlebnisse hatten zwar eine große Auswirkung auf mein Leben, aber die Entscheidung, ihnen nachzugehen, fiel mir schwer. Ich musste feststellen: Immer, wenn der Himmel auf der Erde eingreift, wird auch die Hölle aktiv. Die Mächte und Gewalten der Finsternis nehmen immer davon Notiz, wenn das Licht Christi die Realität Gottes und seines Königreiches beleuchtet. Das passiert jedes Mal, wenn Gott Engeln befiehlt, sich zu zeigen. Die Mächte der Finsternis streuen Zweifel und Unglauben, um diese Erlebnisse zu verschleiern und infrage zu stellen. Immer und immer wieder hat Gott die Menschheit mit seiner majestätischen Liebe berührt, obwohl diese es später dann wieder verwarf und in Vergessenheit geraten ließ. Vielleicht kommen dir gerade jetzt Dinge in den Sinn, die dir außergewöhnlich und irgendwie beängstigend erschienen. Ich möchte dich ermutigen, verbringe Zeit mit dem Heiligen Geist und erlaube ihm, dich an diese Erlebnisse zu erinnern. Begegnungen mit Engeln machen eine Person aber keineswegs zu etwas Besonderem oder Einzigartigem. Sie erinnern schlichtweg an Gottes ewige Liebe zu den Menschen. Diese Liebe nimmt sogar das Risiko in Kauf, abgelehnt zu werden.
17
Göttliche Begegnungen
01
Als ich noch klein war, eröffnete sich mir durch meine Träume und Visionen eine reale Welt – jenseits der Erfahrungen, die die meisten Menschen in Kirche, Schule oder anderen Einrichtungen machen. Während dieser Jahre lernte ich meine geistliche Natur kennen. Ich entdeckte, dass mein Geist in der Lage war nonverbale Sprachen zu verstehen, als wäre das die normalste Art der Kommunikation. Tatsächlich weckten diese Interaktionen in mir einen tiefen Hunger nach jener Welt und später ein ernsthaftes Verlangen, Christus kennenzulernen. Mein erstes Erlebnis dieser Art hatte ich eines Tages in der Schule. Ein Freund erzählte mir, dass ein Engel ihm einmal das Leben gerettet hatte. An diesem Vormittag war es heiß und feucht und der Himmel war voller Schäfchenwolken. Auf dem Spielplatz der Grundschule herrschte reges Treiben und man konnte die Begeisterung förmlich hören, die am Anfang eines neuen Schuljahres in der Luft liegt. Ein bekanntes Gesicht in der Menge zu entdecken war, als hätte man in der Wüste Wasser gefunden. Aus einiger Entfernung 19
erkannte ich die Stimme meines Freundes David, den ich aus dem vorigen Schuljahr kannte. Er war einer der wenigen Schulkameraden gewesen, die immer glücklich zu sein schienen. Er schrieb gute Noten und war bei Mitschülern und Lehrern gleichermaßen beliebt. David lächelte immer und war stets bemüht, anderen in unangenehmen Situationen zu helfen. Einmal hatte meine Mutter vergessen, mir ein Pausenbrot einzupacken, und ich hatte kein Geld dabei. David hörte davon und schenkte mir die Hälfte seines Sandwichs. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht sagte er: „Ich hoffe, du magst Erdnussbutter und Marmelade.“ Wir wurden gute Freunde und teilten im Laufe der Zeit weitaus mehr als nur unsere Pausenbrote. Einmal erzählte er mir, dass seine Mutter und er in einen Autounfall verwickelt wurden. Auf wundersame Weise wurden sie vor dem sicheren Tod bewahrt – durch einen Engel, wie sie später herausfanden. Er erzählte mir von einem großen Mann mit durchdringendem Blick, der seine Mutter und ihn aus dem brennenden Fahrzeug zog. Er beschrieb dieses überwältigende Gefühl von Frieden und Sicherheit. Wie gebannt hörte ich David zu und löcherte ihn mit Fragen über den Engel. Ich wollte alles ganz genau wissen! Oft saßen wir in der Pause auf den Schaukeln und starrten in die Luft. Tagträume waren mein liebster Zeitvertreib. Dabei konnten wir, ohne ein Wort zu sprechen, Raum und Zeit hinter uns lassen und in eine Welt voll unschuldiger Phantasien und Träume reisen. Später erzählten wir uns alles und durchlebten so unsere Abenteuer noch einmal gemeinsam, was uns wiederum zu weiteren Exkursionen anspornte. Eines Tages unterhielten David und ich uns wieder einmal über unsere Träume und Abenteuer, als wir beide bei der großen Eiche mitten auf dem Spielplatz eine große Gestalt bemerkten. Langsam 20
gingen wir beide auf diese Person zu. Zu unserer Überraschung waren wir die Einzigen, die sie wahrnahmen. Meine Füße fühlten sich plötzlich so an, als würden sie den Boden nicht berühren, und ich war mir nicht sicher, ob ich da gerade wieder einen Tagtraum hatte oder nicht. Plötzlich rief eine Stimme meinen Namen und teilte mir mit, der himmlische Vater hätte mich für etwas Besonderes auserwählt. Beim Klang dieser Stimme durchströmte mich ein warmes Gefühl von Frieden und Ruhe. Diese Person hatte eine starke Anziehungskraft, aber je näher wir ihr kamen, desto schwerer wurde es, sich zu bewegen. Plötzlich standen wir direkt vor dieser wundervollen, herrlichen Person. Ihre Kleider reflektierten eine andere Art von Licht. Das Licht war hell, aber die Strahlen, die von ihr ausgingen, waren – mir fällt kein besseres Wort ein – lebendig. Das Eindrücklichste an diese Person waren ihre Augen. Die Farbe war unbeschreiblich und ihre Intensität glich einem Laserstrahl. Das Gesicht strahlte zugleich Kraft und Sanftheit aus. Während wir vor dieser Person standen, war mein Verstand frei von jeglichen Gedanken. Es war, als hätten wir eine andere Welt betreten, einen Ort, an dem all meine Fragen beantwortet waren, bevor ich sie überhaupt stellen konnte. Es war unmöglich für mich, sein Alter oder seine Nationalität festzustellen. Er kommunizierte nicht mit seinem Mund, sondern starrte einfach in meine Augen. Ich fühlte mich wie in der Achterbahn, mir war schwindlig und übel. Da plötzlich berührte eine Hand meine Stirn. Augenblicklich fühlte ich mich wieder besser und Bilder rasten durch meinen Kopf; ich kann es nur so beschreiben: In meinen Gedanken begann ein Film abzulaufen. Ich entdeckte mich selbst in diesem Film und verstand intuitiv, dass es sich dabei um mein Leben handelte – jetzt und in der Zukunft. Es 21
war unbeschreiblich, denn die Person, die ich beobachtete, war nicht die Person, die den Film anschaute. Es war, als wären mein Körper und mein Geist voneinander getrennt. Ich schaute mein komplettes Leben an, von der Wiege bis zur Bahre. Als ich mich selbst auf der Leinwand sah, wusste ich bereits, wie ich mich entscheiden würde, lange bevor ich diese Entscheidungen traf. Außerdem wurde mir klar, dass mein himmlischer Vater Wohlgefallen an richtigen Entscheidungen hatte und dass falsche ihn tief verletzten. Das überwältigende Verlangen, ihm zu gefallen, weckte in mir eine Leidenschaft, die mich zum Weinen brachte. Gott wollte, dass mein Leben ihm gehörte – das wusste ich; aber in meinem Kopf brannte eine Frage: Werde ich in meinem Leben die richtigen Entscheidungen treffen? Dann endete der Film ganz plötzlich und aus meinem Auge rollte wie eine Träne eine Art Wassertropfen heraus, der mein ganzes Leben zu beinhalten schien. Als er über meine Wange lief, wurde er von einer wundervollen Kristallvase in Form eines menschlichen Herzens aufgefangen. Du zählst, wie oft ich fliehen muss; sammle meine Tränen in deinen Schlauch! Stehen sie nicht in deinem Buch? Psalm 56,8 SLT Plötzlich begann es zu regnen und ich hörte, wie jemand meinen Namen rief. Diesen überwältigenden, zeitlosen Zustand zu verlassen war das Letzte, was ich wollte! In dem Moment, als ich meine Aufmerksamkeit und meine Blickrichtung veränderte, spürte ich ein Gefühl von Verlangsamung. Ich meinte, bleierne Stiefel und Kleidung anzuziehen. Es war wie ein Übergang von einer Welt in die andere und fühlte sich genau so an, wie ich mir immer Treibsand vorgestellt hatte. 22
Auf jeden Fall war es unangenehm und beengend. Mich verließ sogar meine Fähigkeit, Dinge verstehen zu können. Meine Gedanken rasten und mein Herz klopfte wie wild nach dieser Begegnung. Keine Worte konnten es beschreiben, aber ich wusste, dass etwas Außergewöhnliches mein Leben berührt hatte. Ich kann mich daran erinnern, dass ich aus den Augenwinkeln David sah, wie er auf das Schulgebäude zulief. An der Tür wartete er auf mich und strahlte mich mit einem großen Lächeln an, bevor wir das Klassenzimmer betraten. Die Wärme in diesem Lächeln ließ keinen Zweifel zu, dass wir beide Emotionen und Gefühle erlebt hatten, die mit Worten nicht ausgedrückt werden konnten. Das war mein erstes Erlebnis mit einem Engel. Es sollte nicht das letzte bleiben. Die Gastfreundschaft vergesst nicht! Denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. Hebräer 13,2 Während dieser Begegnung nahm ich in meinem Körper und meinen Gedanken eine seltsame Empfindung wahr. Meine Einstellung und meine alltäglichen Gelüste fingen langsam und fast unmerklich an, sich zu verändern. Die unsichtbare Welt hatte meine Phantasie in Beschlag genommen. Mein Geist war geweckt und statt Angst zu haben, war ich voller Erwartung auf weitere Begegnungen mit der unsichtbaren Welt. Mein Herz brannte und war erfüllt von der Hoffnung, meinem himmlischen Vater zu begegnen. Obwohl ich noch jung war, wusste ich, dass mein Geist dabei die entscheidende Rolle spielen würde. Mir war klar, nicht der natürliche Mensch durfte in meinem Leben Entscheidungen tref23
fen, sondern der Teil von mir, den Gott berĂźhrt hatte. Die Eigenschaften und die Erkenntnis, die es zu entdecken und aktivieren galt, lagen in meinem Geist.
24