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3.

Das Wesen des Gottesdienstes im Alten Testament

Das Wesen des Gottesdienstes ist vor allem personal und nicht formal zu bestimmen. An den Beteiligten entscheidet sich, was rechter Gottesdienst ist. Davon ist dann abzuleiten, wie solcher Gottesdienst recht gefeiert werden kann. Fragt man nach den Beteiligten am Gottesdienst, so geht es beim Gottesdienst in allen Religionen zuerst um den Gott, der im Gottesdienst gesucht, verehrt und geglaubt wird. Im Gottesdienst im Alten Testament geht es somit um Israels Gott JHWH. Sodann geht es um die Personen, die sich im Gottesdienst treffen um gemeinsam einem Gott – oder in manchen Religionen auch verschiedenen Göttern – zu dienen bzw. sich dienen zu lassen. Im Gottesdienst des Alten Testaments geht es um das Gottesvolk des Alten Bundes Israel. Die Beteiligten am Gottesdienst im Alten Testament sollen nun genauer betrachtet werden um damit entscheidende Grundlinien für das Wesen des Gottesdienstes im Alten Testament zu bestimmen.


Volker Gäckle

1.

„Gottesdienst“ gibt’s nicht!

Wenn wir nach dem Gottesdienst der ersten Christen und der frühesten, im Neuen Testament bezeugten Gemeinden fragen, dann machen wir zunächst die verblüffende Entdeckung, dass es im griechischen Neuen Testament keinen äquivalenten Begriff für unser deutsches Wort „Gottesdienst“ gibt, geschweige denn ein äquivalentes Verb für „Gottesdienst feiern“.1 Das bedeutet natürlich nicht, dass die ersten Christen nicht entsprechende Versammlungen gekannt und gefeiert hätten. Aber für sie war der „Gottesdienst“ keine fest umrissene Veranstaltung, auch nicht mit einem bestimmten „Kultvollzug“ verknüpft, wie im jüdischen und heidnischen Gottesdienst der Antike,2 sondern ein Lebensvollzug ihres Glaubens. Entsprechend werden gottesdienstliche Treffen mit dem Begriff des „Brotbrechens“ (Apg 2,42.46; 20,7.11) oder sozialen Begriffen wie „sich versammeln“ (Apg 4,31; 13,44; 14,27; 20,7f.; 1Kor 5,4; 11,17f.20.33f.; 14,23.26) bzw. „Versammlung“ (Hebr 10,25; Jak 2,2) umschrieben.3 In diesen beiden Begriffen kommen auch die beiden entscheidenden Beziehungsverhältnisse zum Ausdruck, die die zentrale Sinnstiftung dieser Zusammenkünfte bildeten: die Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn („Brotbrechen“) und die Gemeinschaft untereinander („sich versammeln“).

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F. Hahn, Der urchristliche Gottesdienst (SBS 41), Stuttgart 1970, 34-37; ders., Art. Gottesdienst III, in: TRE 14 (1985), 28-39:37. Vgl. P. Wick, Die urchristlichen Gottesdienste. Entstehung und Entwicklung im Rahmen der frühjüdischen Tempel-, Synagogen- und Hausfrömmigkeit (BWANT 150), Stuttgart-Berlin-Köln 2002, 21: „Sowohl im alten Orient als auch in den hellenistisch-römischen Religionen war Gottesdienst vor allem Opferkult. Es gibt keine eigenständige kultlose Gottesdienstbewegung [außer den jüdischen Synagogengottesdiensten, VG], die auf Schlachtopfer, Libationen und Darbringungen von Räucherwerk verzichtete und die Teilnahme an diesen bekämpfte. Praktizierter Gottesdienst war immer auch mit Opferkult verbunden. Philosophische Strömungen, die den Gottesdienst geistig deuteten oder sich von diesem distanzierten, boten selber keine kultfreien Versammlungen an, die den Anspruch erhoben hätten, vollgültiger Gottesdienst zu sein, oder die die Versammlungsteilnehmer sogar davon abgehalten hätten, am Opferkult teilzunehmen.“ Begriffe, die in der heidnischen Umwelt zur Bezeichnung kultischer Feiern zur Verehrung heidnischer Gottheiten gebraucht wurden, wie z.B. qrhskei,a (vgl. Jak 1,26f.) oder latrei,a (vgl. Röm 12,2), werden im Neuen Testament (mit Ausnahme von Hebr 9,1 als Bezeichnung für den alttestamentlichen Opferkult) gerade nicht für die gottesdienstliche Versammlung gebraucht, sondern als Umschreibung eines „gottesdienstlichen Lebensstils“.


Der Unterschied zu unserem modernen Verständnis des Gottesdienstes ist deutlich. Während in unserer individualisierten Lebenswelt die Zusammengehörigkeit von Glaube, Christsein und Gottesdienst Gegenstand vieler Fragen und Diskussionen geworden ist und der „Gottesdienst“ zunächst einmal als eine spezielle Veranstaltungsform einer Gemeinde verstanden wird, war für die ersten Christen das „Brotbrechen“ und das „Sich Versammeln“ ein ganz unmittelbarer und selbstverständlicher Ausdruck ihres Glaubens: Die Gemeinden „lebten“ Gottesdienst im ganzheitlichen Sinne, integriert in ihren Alltag.


3.2. Musik für Herz und Gemüt Martin Luther hat der Musik nach der Theologie den zweiten Platz in der Kirche eingeräumt.19 Die Musik sei in die Theologie eingewickelt. Wer sich mit dem Evangelium beschäftige, stoße naturgemäß auf die Musik. Musik und Evangelium gehörten für ihn daher untrennbar zusammen.20 Der Grund dafür ist, dass beide, Musik und Evangelium, in ihrem Wesenskern Freude vermitteln. Der Praktische Theologe Alfred Dedo Müller hat daher zu Recht die Musik als „eine Art Naturform des Evangeliums“ bezeichnet.21 In der Musik bildet sich das Evangelium am herrlichsten ab. Sie eignet sich daher als ausgezeichnetes Mittel zur Evangeliumsverkündigung. Im Unterschied zum gesprochenen Wort nimmt sie den ganzen Menschen mit, bewegt ihn, rührt ihn und lässt ihn vor Freude jubeln. Mu18 19

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Rudolf Bohren, Predigen in dürftiger Zeit, ThBeitr 36 (2005), 2. „Die Musika ist eine Gabe Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sich auch den Teufel und macht die Leute fröhlich, man vergisst dabei alles Zorns, Unkeuschheit, Hoffart und andere Laster.“ Luthers Tischreden W. Tr. 6, 7034. Vgl. W. Blankenburg, Kirche und Musik, Göttingen, 1972, 317. A. Dedo Müller, Die Musik als Problem lutherischer Gottesdienstgestaltung, Berlin 1947, 10.

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Rolf Sons sik vermittelt im Gottesdienst im Falle von konzertanter Musik nicht nur ein Hörerlebnis, sondern ermöglicht im gemeinsamen Lobsingen auch ein intensives Gemeinschaftserleben. Die Stimmen vieler vereinen und verbinden die Gottesdienstgemeinde zu einem großen Chor. Die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes kann auf diesem Hintergrund nicht genug Aufmerksamkeit verdienen. Dabei spielt der Musikstil nicht die entscheidende Rolle. Dieser ist in vieler Hinsicht vom Geschmack der Gottesdienstbesucher abhängig. Eher ist die Frage nach der Qualität und dem Inhalt der Musik zu bedenken. Qualitativ gute Musik können sowohl Pop als auch Klassik, lobpreisendes Liedgut als auch Choräle sein. Die Frage wird sein, ob die Musik Trägerin der frohen Botschaft ist und Herz und Verstand, Seele und Geist gleichermaßen zu berühren vermag. Die Frage wird auch sein, wie Musik im Gottesdienst vermittelt wird. Gibt es Kantoren oder eine Band, welche die Gemeinde so zum Mitsingen animieren kann, dass der Funke überspringt? Ist es möglich auch im Stehen zu singen? Aufrecht vor Gott zu stehen und ihn zu preisen? Viele Gemeinden leben auch deshalb unterhalb ihren musikalischen Möglichkeiten, weil vielleicht der Mut fehlt, dem Herrn immer wieder ein neues Lied zu singen.


Zweit- und Zielgruppengottesdienste im Rahmen des missionarischen Gemeindeaufbaus Rolf Sons Bereits im Jahre 1987 wies der damalige württembergische Landesbischof Theo Sorg auf die Notwendigkeit eines „Zweiten und dritten Gottesdienstprogramms“ hin.1 Er verstand darunter Gottesdienste für Menschen, die sich in der herkömmlichen Form unserer Gottesdienste nicht zu Hause fühlen oder sich darin nicht angenommen oder verstanden wissen. Seine Folgerung war klar: „Darum ist, wo die Kraft es erlaubt und die Mitarbeiter dafür gewonnen werden können, ein Zusatzangebot zum sonntäglichen Hauptgottesdienst im Sinne eines zweiten oder dritten Programms zu empfehlen: Freizügiger angelegte Familiengottesdienste für Eltern und (Klein-)Kinder, Gottesdienste für bestimmte Zielgruppen, etwa für junge Menschen, Singe- oder Posaunengottesdienste, Meditationsgottesdienste, Themengottesdienste zu bestimmten Fragen oder anlässlich besonderer Ereignisse.“2 Sorg plädierte dafür, die Freiheit unserer kirchlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu nutzen, um Gottesdienste zu gestalten, welche den Menschen von heute ansprechen. Wenn wir heute, beinahe 20 Jahre später Rückschau halten, stellen wir fest, dass viele Gemeinden mutige Schritte in der damals von Sorg beschriebenen Richtung gegangen sind. Nach einer statistischen Erhebung aus dem Jahre 2003 sind im Bereich der Evangelischen Landeskirche von Württemberg 305 Gemeinden dazu übergegangen, Zweitgottesdienste zu initiieren.3 Bei einer ungefähren Zahl von 1500 evangelischen Kirchengemeinden in Württemberg entspricht dies etwa einem Fünftel. Wir können davon ausgehen, dass sich die Zahl der Gemeinden mit einem zweiten Programm in den letzten Jahren noch weiter erhöht hat. Gemeinsam ist diesen Gottesdiensten, dass sie ihre Andersartigkeit im Vergleich mit den traditionellen Gottesdiensten hervorheben, sich in aller Regel programmatisch auf eine bestimmte 1

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T. Sorg, Christus vertrauen – Gemeinde erneuern. Gemeindeaufbau in der Volkskirche, Stuttgart 1987, 70. A.a.O., 71. Die Umfrage wurde von der Synodalgruppe „Kirche für morgen“ durchgeführt.


Rolf Sons Zielgruppe ausrichten und ganz gezielt mit Werbung arbeiten. Die meisten Zweitgottesdienste tragen einen eigenen Namen, verwenden ein Logo, verteilen WerbebroschĂźren und besitzen ihren eigenen Internetauftritt.


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