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Dagmar Petrick

Der Hund, der vom Himmel fiel


Meinen vier wunderbaren Jungs: Frithjof, Valentin, Tilman und Benjamin. Und Malcolm, dem Hund.


Dagmar Petrick

Der derHund, vom Himmel fiel


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Umschlaggestaltung und Illustrationen: Bernd Lehmann, Köln Satz: Katrin Schäder, Velbert Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-417-28674-8 Bestell-Nr. 228.674


Inhalt Erstes Kapitel, in dem es Herbst ist und Hunde nicht vom Himmel fallen TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 10 Zweites Kapitel, in dem sich Mama Sorgen macht und Jan ein großer Junge ist, obwohl er sich nicht danach fühlt TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 18 Drittes Kapitel, in dem der Bus schon wieder weg ist, eine gruselige Ankündigung gemacht wird und Jan von einem Mädchen mit Pferdeschwanz eine Einladung erhält TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 21 Viertes Kapitel, in dem Jan einer Einladung folgt, obwohl ein Jugendtreff vielleicht nicht harmlos ist

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Fünftes Kapitel, in dem Jan vom lieben Gott hört und erfährt, dass man mit ihm reden kann, was sich auch Beten nennt TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 33 Sechstes Kapitel, in dem Jan erneut aus einer brenzligen Lage befreit wird TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 42 Siebtes Kapitel, in dem Jan ein Geschenk erhält und mehr über Gedichte erfährt TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 46 5


Achtes Kapitel, in dem es Jan noch einmal mit dem Jugendtreff versucht, einen Vortrag über Gutestun hört und wieder einen Brief schreibt, obwohl er immer noch keine Antwort bekommen hat

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Neuntes Kapitel, in dem Jan Gutes tut, ohne es zu wissen TT 58 Zehntes Kapitel, in dem Jan einen Hund mit Fledermausohren kennenlernt, der auf den stattlichen Namen Arthur hört TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 65 Elftes Kapitel, in dem Jan einen Besuch wagt und die Geschichte eines Königs erzählt wird TTTTTTTTTTTTTTTTT 71 Zwölftes Kapitel, in dem Jan zum ersten Mal Gassi geht und noch einmal eine Einladung erhält

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Dreizehntes Kapitel, in dem Sebastian das Gebetsbuch der Bibel vorstellt und von einem guten Freund erzählt TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 84

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Vierzehntes Kapitel, in dem Jan ausgerechnet im Deutschunterricht mit seinem Wissen herausplatzt und eine Prügelei übersteht, die keine ist Fünfzehntes Kapitel, in dem ein großer Sturz vorkommt (den wir aber nicht sehen) und Jan sich als äußerst tapfer erweist (auch wenn ein Junge namens Stefan nach wie vor etwas anderes behauptet)

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Sechzehntes Kapitel, in dem Jan an etwas erinnert wird, das er fast vergessen hat, oft Gassi geht und noch ein tiefgründiges Gespräch führt TTTTTTTTTTTT 105 Siebzehntes Kapitel, das eine große Überraschung und ein folgenschweres Gespräch enthält

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Achtzehntes Kapitel, in dem die Dinge schön sind, aber auch Schönes kann sich ändern, wenn man „Den schrecklichen dreien“ begegnet TTTTTTTTTTTTTTTTTTT 114 Neunzehntes Kapitel, in dem Jan ein Buch geschenkt bekommt, um die Dinge selbst zu prüfen und eine Entdeckung macht, die ihn, zumindest vorübergehend, tröstet TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 120 Zwanzigstes Kapitel, in dem Jan einen merkwürdigen Wunsch verspürt und ein schwerwiegendes Gespräch über Geduld vorkommt

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Einundzwanzigstes Kapitel, in dem der Frühling endlich bleibt und Jan zusammen mit Luisa ein Bäumchen pflanzt TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 128 Zweiundzwanzigstes Kapitel, in dem die gefürchtete Deutschstunde bedrohlich näher rückt, Jan „Den schrecklichen dreien“ erneut unterwegs begegnet und noch einmal ausgelacht wird, und zwar schlimmer als zuvor TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 137 Dreiundzwanzigstes Kapitel, in dem Jan noch ein Gespräch mit Frau Schneider führt und mitten in der Nacht Besuch bekommt TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 148 Vierundzwanzigstes Kapitel, in dem Jan von einer Mutprobe erfährt und etwas sagt, obwohl er es nicht sagen will TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 154 Fünfundzwanzigstes Kapitel, das zwar kurz ist, dafür aber von einer großen Angst erzählt TTTTTTTTTTTTTTTTTTT 159 Sechsundzwanzigstes Kapitel, in dem sich auch ein Panther als bedürftig erweist TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 161 Siebenundzwanzigstes Kapitel, in dem Sebastian noch einmal einen Psalm vorliest und Jan vor allen anderen von sich erzählt, was man durchaus mutig nennen könnte TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 164

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Achtundzwanzigstes Kapitel, in dem Jan mitten in der Nacht aufsteht und nicht weiß, was er tun soll TTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTT 171 Neunundzwanzigstes Kapitel, in dem der Hund sich als ein Helfer in der Not erweist und Jan und Stefan einander die Hand reichen TTTTTTTTTTTTTTTTTTT 177 Dreißigstes Kapitel, in dem endlich die gefürchtete Deutschstunde stattfindet und das noch einmal eine große Überraschung bereithält

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Einunddreißigstes und damit letztes Kapitel, in dem manche Hunde eben doch vom Himmel fallen

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Erstes Kapitel, in dem es Herbst ist und Hunde nicht vom Himmel fallen Jan liegt in seinem Zimmer auf dem Bett. Durch das Fenster, das bis zum Boden reicht, sieht er in den Garten. Garten ist allerdings übertrieben. Der Fetzen Rasen hinter dem Haus gleicht eher einem Handtuch, das jemand dort zum Trocknen ausgebreitet hat, und er liegt eingepfercht zwischen den ebenfalls handtuchgroßen Gärten anderer, ähnlich kleiner Reihenhäuschen. Aber Trocknen ginge heute gar nicht – wäre der Rasen tatsächlich ein Handtuch. Ausgesprochen trübsinnig platscht Regen vom Himmel, plopf, plopf, plopf, ununterbrochen, immerzu. Jan seufzt. Es rutscht ihm so raus, dagegen kann er nichts machen. Aber es stört auch nicht, weil es ohnehin keiner hört. Mama und Papa werkeln unten in der Küche. Sie bereiten das Abendessen zu, und nebenbei besprechen sie allerhand Dinge, wie es Papa nennt. Vielleicht erzählt er von den schwerwiegenden Gedanken, die er tagsüber auf der Arbeit begrübelt und die einmal, vielleicht, bahnbrechend sein und alle Welt begeistern werden, wenn er sie in seinen Aufsätzen, die von Bäumen und anderen Pflanzen handeln, veröffentlicht. Vielleicht aber reden sie auch über Mamas neue Arbeit. Seit das Schuljahr vor ein paar Wochen begonnen hat, geht sie am Nachmittag in Jans alte Grundschule in den Hort. Dort passt sie auf die Kinder auf, die nach der Schule nicht nach Hause gehen. Kinder hüten, sagt sie, als wären die Schüler ein Haufen Flöhe, den es einzufangen gilt. Mich braucht sie nicht zu hüten, denkt Jan, ich bin schließlich schon groß. Aber dann seufzt er doch wieder. 10


Denn obwohl es stimmt, dass Jan inzwischen in die fünfte Klasse geht und damit zu den Großen zählt, größer jedenfalls als die Grundschüler in Mamas Hort, gefällt es ihm kein bisschen, dass das Haus jetzt leer steht, wenn er nachmittags von der Schule kommt. Viel zu laut knackt der Schlüssel im Schloss, wenn Jan die Tür öffnet, als wäre er ein Einbrecher. Und innen hallt es merkwürdig still, als wären alle ausgezogen. Aber das ist nicht das Einzige, das Jan nicht mag in diesem Schmuddelherbst. Denn Mamas neue Arbeit und das leere Haus sind das eine. Die Schule und Stefan aber sind das andere. Sobald Stefan Jan sieht, verdreht er die Augen, als wäre ihm eine Fliege hineingesurrt. Geht Jan versehentlich zu dicht an ihm vorbei, schubst Stefan ihn. „Pass doch auf!“, faucht Stefan dann, „du kannst ja nicht mal richtig gehen!“ Das treibt Stefan, seit sie miteinander in die Grundschule gingen. Neu ist es also nicht wirklich und auch nicht, dass sie wieder in derselben Klasse hocken. Neu aber ist, dass Stefan prompt Verstärkung für seine Rangeleien gefunden hat. Sie nennen sich „Die schrecklichen drei“, und das sind sie auch: Stefan, Moritz und der dicke Nick. Wäre Jonas, Jans allerbester Freund, noch da, wäre alles wohl nur halb so schlimm. Aber Jonas ist weg. Fortgezogen in diesem Sommer an einen Ort, der immerzu von Wasser umspült wird. Ausgerechnet! Irgendwo im Norden sitzt Jonas jetzt auf einer Insel und schickt Jan Postkarten, auf denen putzige Seehundbabys aus großen schwarzen Kulleraugen in die Kamera blinzeln. „Die Nordsee“, kritzelt Jonas mit ungelenken Buchstaben, „würde dir gefallen. Komm mich besuchen!!!“ Und er setzt drei Ausrufezeichen dahinter. Jan aber mag sich gar nicht vorstellen, wie es ist, 11


wenn von allen Seiten Wasser rauscht und man mit dem Fahrrad nie weiter als fünf Kilometer radeln kann, ohne irgendwann ins Meer zu plumpsen. Am Rand der Neubausiedlung, in der Jan mit seinen Eltern lebt, seit er denken kann, gibt es allenfalls die schmalen Entwässerungsgräben, in denen das Wasser höchstens einmal kniehoch steht, an Tagen wie heute zum Beispiel, an denen es regnet ohne Unterlass. All das, die Schule, Stefan, Mamas neue Arbeit und Jonas, der weg ist, dürfte, jedes für sich besehen, noch zu schaffen sein. Aber alles zusammen genommen, ist es ein bisschen viel, ziemlich viel sogar, um ehrlich zu sein. Und immer noch prasselt der Regen vom Himmel. In langen grauen Fäden fällt er wie ein Vorhang. Jan denkt an die Englischstunde von heute Vormittag. „Wenn es heftig regnet“, hat Frau Kramer erklärt, „sagen die Menschen in England it’s raining cats and dogs, es regnet Katzen und Hunde.“ Sie haben alle gelacht, es klang immerhin zu komisch. Auch jetzt lacht Jan, aber es hört sich eher an wie ein Schnauben, ein Prusten, dass die Nasenflügel beben. Pah, das wäre wirklich zu schön, wenn Hunde aus dem Himmel purzelten! Dann würden sie heute in Massen fallen: Möpse. Pudel. Terrier. Pekinesen. Ganze Hunderudel würden vom Himmel plumpsen und sogleich zu ihm ins Zimmer spazieren. Die kleinen, Pinscher, Dackel, Chihuahuas, würden zu Jan hinauf aufs Bett hopsen, die großen, Bernhardiner und Doggen, würden sich, artig wie Wächter, davor legen. Hätte ich einen Hund, denkt Jan, wäre all das viele Neue nicht so furchterregend. Dann nämlich wäre Jan nicht länger allein. Der Hund wäre da und würde mit ihm spielen. Und 12


auf ihn warten, solange er in der Schule büffelt, ihn erwarten und schwanzwedelnd begrüßen, sobald er heimkäme, dass der Hundekörper vor Freude und Erleichterung hin- und herwackelte. Jan und der Hund würden einander mögen auf immer und ewig. Und „Die schrecklichen drei“, Stefan, Moritz und den dicken Nick, würde der Hund mit einem einzigen zornigen Knurren aus seiner Kehle verjagen. Auf Nimmerwiedersehen. Außerdem würde der Hund Jan verstehen. Und dafür bräuchte Jan nicht einmal zu reden. Denn Reden mag Jan nicht besonders. Stets rasen die Gedanken durch seinen Kopf wie Autos über die Autobahn. Ehe er die Worte aus dem Mund bekommt, sind seine Gedanken längst weitergestürmt. So schnell, da kommt er niemals hinterher. Der Hund aber würde wissen, was Jan meint, ganz ohne Worte. Weil Hunde Gedanken lesen können und Jans Hund sowieso. Aber selbst wenn Jan etwas sagt, hätte der Hund doch Geduld, weil er warten würde, bis ihm die Worte über die Lippen gekommen sind. Und niemals, nie würde er lachen, wenn Jan sich dabei geschwollen ausdrückt, so wie Stefan behauptet. „Du redest wie ein Lexikon, das versteht doch kein Mensch!“, knurrt er und lacht. Aber es ist kein Lachen, das einen froh macht, sobald man es hört, sondern eines, bei dem Jan sich unbedeutend und winzig vorkommt. Lächerlich eben. Ein Kleinmach-Lachen. Der Hund, das steht völlig außer Frage, wäre ein Freund. Jans Freund. Aber von einem Hund kann keine Rede sein. Nicht einmal heute. Das Einzige, das nach wie vor vom Himmel platscht, ist Wasser. Kein Hund in Sicht, nicht einmal der klitzekleinste. 13


Aus dem Regal über dem Bett kramt Jan das große Buch. Geschichten aus der Vorzeit steht in schwarzen, geschwungenen Buchstaben oben auf dem Deckel. Jan braucht nicht lange, bis er die Seite findet. Er hat sie schon so oft aufgeschlagen, dass das Buch dort fast von alleine aufklappt. Jan liest, aber eigentlich kann er den Text längst auswendig: „Im hintersten Winkel einer Höhle in Südfrankreich, der Höhle von Chauvet, fand man die Spuren eines Jungen neben denen eines Hundes. Die beiden müssen vor mehr als sechsundzwanzigtausend Jahren nebeneinander hergegangen sein.“ Neben dem Text ist ein Foto abgedruckt. Jan betrachtet es eindringlich: die längliche, schmale Fußspur eines Jungen, daneben die gewölbten Pfotenabdrücke eines Hundes, darüber die spitzen Krallen, bis beide miteinander verschmelzen. „Der Hund ist das älteste Haustier des Menschen“, liest Jan weiter. „Ob der Hund sich dem Menschen angeschlossen hat oder ob es eher umgekehrt war und der Mensch das zunächst wilde Tier zähmte, weil er in ihm einen nützlichen Begleiter erkannte, lässt sich nicht genau sagen. Fest steht jedoch, dass beide von Anfang an − trotz all ihrer Verschiedenheit − wunderbar zusammenpassten, bis sie schließlich zu Gefährten wurden.“ Jan klappt das Buch zu. Er sieht hinaus. Draußen platscht pausenlos der Regen und noch immer fallen keine Hunde vom Himmel. Er wird es erneut versuchen und mit den Eltern sprechen, weil man die Dinge manchmal selbst in die Hand nehmen muss, wie es Papa sagt. Und weil Hunde offenkundig nicht vom Himmel fallen. 14


Allerdings bettelt Jan schon sehr lange um einen Hund, und er kennt die Antwort, ehe er die Frage stellt. Die Antwort auf die Frage nach einem Hund lautet regelmäßig: „Nein!“ Der Regen scheint jetzt fast noch heftiger zu fallen, falls dies überhaupt möglich wäre, fast als würde der Himmel mit Jan weinen. Aber Jan weint nicht. Wenn er die Augen schließt, verwandelt sich der Regen in ein Gurgeln wie bei einem Wasserfall. Jan macht die Augen wieder auf. Unter dem Kopfkissen kramt er das bunte Heft hervor. Über die Seiten sind Linien gezogen wie in den Deutschheften in der Schule. Aber das Heft hat einen festen Einband aus bunter Pappe wie ein schillernder Regenbogen. Die Seiten sind noch unbeschrieben. Mama hat Jan das bunte Heft zum Schulbeginn geschenkt, als er in die fünfte Klasse kam. „Vielleicht gibt es Dinge“, hat sie gesagt, „über die du nicht reden willst und die du lieber einem Stück Papier anvertraust. Papier ist nämlich wundersam verschwiegen.“ Oben auf dem Deckblatt aber steht schon etwas. Entdeckungen, die Jan machte, als er elf Jahre alt war hat Jan darauf gekritzelt. Jetzt fischt Jan den Füller vom Schreibtisch. Er schreibt: Heute, Mitte November, habe ich eine Entdeckung gemacht: Wenn es regnet, sagen die Menschen, die in England leben, dass Katzen und Hunde vom Himmel fallen. Das stimmt nicht. Aus dem Himmel kommt nur Wasser. Im Winter wird daraus Schnee. Aber jetzt ist es erst Herbst, obwohl es schon ziemlich kalt ist. Auf den Herbst folgt der Winter. Dann kommt der Frühling. Es ist ein Kreislauf, sagt Papa, und es bedeutet, dass wir uns darauf verlassen dürfen, während wir uns auf 15


andere Dinge nicht verlassen dürfen, wie zum Beispiel auf die Behauptung, dass aus dem Himmel Hunde fallen. Das ist allenfalls ein dummer Spruch. Oder ein falscher, wie es Papa sagen würde. Gleich fühlt sich Jan viel wohler. Es ist schwer, seine Gedanken zu ordnen, wie das Papa nennt, besonders wenn sie so wild durcheinanderwuseln, wie sie es in Jans Kopf oft tun. Aber wenn Jan schreibt, gelingt es ihm manchmal eben doch. Vielleicht wird er später einmal ein Dichter werden und dann wird er alles aufschreiben, was ihn bewegt, was er sieht und erlebt und entdeckt. Und was er sich wünscht. Denn das hat er mal in einem Gedicht gelesen: Einem Dichter geht es gut, weil er sich die Welt aus Worten kneten kann, wie sie ihm passt. Und das würde Jan dann machen. Auch wenn es lange, lange, lange dauert. Aber niemand wird ihn drängeln. Papier ist schließlich geduldig. Es kann warten, und er selbst kann das auch. Auf alles kann Jan warten, nur nicht auf einen Hund. Den hätte er gerne bitteschön jetzt gleich, am liebsten schon gestern. Der Hund bräuchte nicht einmal hübsch zu sein und auch nicht sonderlich artig. Es würde schon genügen, wenn er ab und an Sitz macht, sobald Jan ihn darum bittet. Nur einen Schwanz sollte er haben, bitte, und vier Beine, das wäre gut. Man kann es ja versuchen, mit Worten fängt es an. Die kritzelt Jan jetzt in das bunte Heft: Regentage Ich wünsche mir ein Tier, am liebsten einen Hund. Der färbte mir die Welt gleich wieder bunt. Jan schlägt das bunte Heft zu. Draußen prasselt immer noch der Regen. 16


Wenn er jetzt über das nachdenkt, was er geschrieben hat, kommt es ihm ein wenig merkwürdig vor. Weil es wie eine Bitte klingt. Aber wer sollte sie hören? Vielleicht wird Jan doch lieber etwas anderes als ein Dichter, am besten ein Forscher. Dann fährt er in die Höhle von Chauvet und sieht nach, ob sie auch wirklich da sind: die Fußspuren eines Jungen und seines Gefährten, des Hundes. „Jan!“, schallt es durchs Treppenhaus. Das ist Mama. „Das Abendessen ist fertig!“ „Ich komme!“, ruft Jan.

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