Elke Pfesdorf
Louis von Mortville Der verschwundene Leuchter
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Inhaltsverzeichnis
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
© 2013 SCM Kläxbox im SCM-Verlag GmbH & Co. KG Bodenborn 43 · 58452 Witten Internet: www.scm-kläxbox.de; E-Mail: info@scm-klaexbox.de Die Bibelverse sind aus folgenden Ausgaben entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Witten. Das Buch. Neues Testament – übersetzt von Roland Werner. © 2009 SCM Brockhausim SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. Umschlaggestaltung und -Illustration: Ventura: Design, Iserlohn; www.vaurore.de Satz: Breklumer Print-Service, Breklum Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-417-28606-9 Bestell-Nr. 228.606
Geheime Ladung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Der Überfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Eine merkwürdige Begegnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Räuberische Möwen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Die ausstehende Bestrafung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Im Zentrum der Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Gefährliche Fahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 In Gewahrsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Sperrgebiet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Ungeplanter Lauschangriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Kolossale Schwierigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Null Kondition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Rohrbruch mit Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Die Schlinge zieht sich zu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Sieg für Friedrich Lacroix . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Geschichte zum Anfassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Schwänzen mit Ansage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Nützliche Karabiner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Das Verhör . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Grüße von der Mafia? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Unerwünschtes Wiedersehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Erpressung mit Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Das Straftribunal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Extrascharfe Pickelcreme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 Der fliegende Teller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Killerspinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Rosenparfum und ein Veilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 In der Krypta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Trash-Spider-Beat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Das Optimus-Projekt wird fortgesetzt . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 Verfolgungsjagd aus der Luft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Verschwörungstheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Nächtlicher Überfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
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Der Plan geht nicht auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Gruselkabinett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unter den Teppich gekehrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Showdown im Gebälk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Atrium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Doppelter Ritterschlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Geheime Ladung Der dunkle Lastwagen bremste ab und verließ die Straße. Die Räder rumpelten über Betonplatten in das militärische Sperrgebiet. An einem Schlagbaum hielt der Fahrer an und stieg aus. Er verschloss weder das Führerhaus noch warf er einen Blick auf die Fracht. Seine Schritte führten ihn zu einem Wachturm, der auch für andere Zwecke genutzt wurde. Mattes grünes Licht schimmerte aus dem Kontrollraum, den der Mann nicht betrat. Er suchte stattdessen einen erstklassig ausgestatteten Ruheraum auf. Dort hörte er nur das Rauschen der Wellen, die in der Nähe gegen das Festland schlugen. In ein paar Stunden würde er den Sattelschlepper leer geräumt oder mit anderen Gütern bestückt und frisch betankt an der Schranke vorfinden. Dass der Sattelschlepper in dieser Zeit einige zusätzliche Kilometer bis zu einem Flugzeughangar zurückgelegt und unter die Erde gerollt war, wusste der Fahrer nicht. In einem Bunkersystem lagerte tonnenweise Material, das Nacht für Nacht dort abgeladen wurde. Ob die dafür ausgestellten Papiere ordnungsgemäß waren und ob er Hilfsgüter, Saatgut oder Baumaterial transportierte, war dem Mann gleichgültig. Er stellte keine Fragen. Er wurde gut bezahlt und war ausschließlich nachts unterwegs. Das kam ihm gelegen. So konnte er in der verbleibenden Zeit seiner Leidenschaft, der Musik, frönen. »Trash-Spider-Beat« hieß seine Rockband. Der Kerl wirkte selbst wie eine Spinne, ein wenig unheilverkündend und mit langen, dünnen Beinen. Die Geschäfte des angeblichen Transportbetriebes und weiterer Gesellschaften wurden diskret, kühn, scharfsinnig, erfahren und mit eiserner Konsequenz abgewickelt. Lieferscheine und Rechnungen waren auf den Firmennamen Transport Emrich, Pelmann & Ritter ausgestellt. Mögliche Fragen der Polizei brachten den für
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diese Zahlen verantwortlichen Mann, Hugo von Mortville, nicht um den Schlaf. Dem Fahrer des Lastwagens waren seine Auftraggeber unbekannt. Niemals entdeckte er einen Fehler oder irgendwelche Schäden. Nur einen silbernen Karabiner hatte er zufällig gefunden: ein kleines Werkstück aus besonders glänzendem Metall, das unter einer Plane vergessen worden war. Wenn man geschickt an dem Haken drehte, konnte man einen höchst stabilen, langen Draht herausziehen. Dieser Karabiner erwies sich als sehr nützlich und der Musiker trug ihn fortan immer an seinem Gürtel. Er fand dieses Patent nirgendwo, um ein weiteres Exemplar zu bestellen. Merkwürdig war allerdings das winzige Symbol, das versteckt in das Material eingelassen war: Es zeigte ein Tatzenkreuz, das Zeichen der Tempelritter, die es angeblich seit mehreren hundert Jahren nicht mehr gab.
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11 Stunden später
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Ein Schrei durchbrach die andächtige Stille des Gotteshauses. Poltern und Klappern, ein metallisches Knirschen, Beine, die eben noch gekniet hatten, sprangen auf und hasteten zum Portal. Die Haltung, die der Mann im weißen Umhang einnahm, wirkte ganz und gar ungemütlich. Sein Körper lag verdreht, der Kopf merkwürdig angewinkelt. Die Hand, die einen silbernen Leuchter getragen hatte, ruderte fahrig in der Luft herum, als suche sie etwas, ohne jeden Nachdruck und ohne Hoffnung. Das, was der Mann bewahren sollte, war verschwunden. Blut tropfte langsam auf den kalten Steinfußboden, bildete eine rote Lache in den ausgetretenen Wölbungen der tausendfachen Schritte. Ohne sich abzusprechen, dennoch routiniert und wie durch unzählige Aktionen einstudiert, verließen einige Tempelritter die Kirche und schwärmten aus. Andere suchten konzentriert die Räume ab. Der Verletzte wurde hinausgetragen. »Du wartest in der Kirche, Louis!«, wandte sich ein Mann mit lockigem Bart an einen schlanken Jungen, der erschrocken an einem Pfeiler lehnte. »Vitus, sie haben Vitus niedergeschlagen!«, kreiste es in beunruhigenden Endlosschleifen durch seine Gedanken. Nach einem auffordernden »Nun geh schon!« gehorchte Louis. Im Hauptschiff der Kirche war es angenehm kühl und friedlich. Die Flammen der Kerzen warfen zitternde Schatten in das Halbdunkel. Louis roch den Duft der Kräuter, die seine Wahrnehmung schärften; keine Bewegung, nicht ein Detail entging seiner Aufmerksamkeit. Der Junge ließ sich in einer der engen Holzbänke nieder. Das Kreuz der Tempelritter war als Verzierung hineingeschnitzt. Die Tatzen berührten die Kanten, als wäre ihnen die Kirche zu klein und die Grenzen der Mauern und Menschen zu eng. Die Tempelritter – ihre Symbole und ihre Macht – gehörten der Vergangenheit
an? Diesen Irrtum hatte der Junge ebenfalls eine Weile begangen; bis eine Welle gefährlicher Dinge ihn überrollt und er nur knapp überlebt hatte. »Ob daraus der Begriff ›Knappe‹ abgeleitet wird?«, dachte Louis flüchtig. Denn er war ein Knappe der Templer, aufgenommen in den Kreis der Bewahrer. Im Untergrund wickelten sie ihre Geschäfte und Missionen ab, verschwiegen, perfekt vorbereitet. Nicht wie früher hoch zu Ross, sondern mit raffinierten technischen Methoden und den anderen häufig einen Schritt voraus. Louis gehörte dazu und zugleich nicht. Wer nahm einen fünfzehnjährigen Jungen ernst? Immer wurde betont, wie viel er zu lernen hatte. Unbedingter Gehorsam war nur ein winziges Fragment, ein Einzelteil im Katalog der Anforderungen. Louis zuckte zusammen. Ein helles, schabendes Geräusch hatte sein Ohr erreicht. Es schien aus der Apsis zu kommen, wo der reich verzierte Altar stand. »Ich soll einfach sitzen bleiben und warten! Die ehrwürdigen, so perfekten Herren Ritter haben alles unter Kontrolle. Sie suchen die Täter, die Vitus im Vorraum der Kirche hinterlistig überfallen haben«, maulte Louis etwas angenervt. Er beobachtete mit konzentriertem Blick die goldenen Säulen, zwischen denen versteckte Fächer eingelassen waren. Eine der nun sperrangelweit offen stehenden Schubladen hätte den silbernen Leuchter, der zu den Insignien der Macht gehörte, verbergen sollen. In einer zusätzlich gesicherten Truhe sollte der Firmariearzt der Templer das Zeichen seiner Berufung verwahren. Nur zu besonderen Gelegenheiten holten die obersten Tempelritter die kostbaren Gerätschaften hervor. Hugo von Mortville, Louis’ Großvater, war der Tressler des Ordens, der die Finanzgeschäfte regelte. Er besaß den silbernen Dolch. Um die Insignien der Macht, dazu gehörten die silberne Schreibfeder, der Kerzenleuchter und das edel gearbeitete Schwert, war ein Kampf ausgebrochen. Eine Sekte, die Wölfe der Apokalypse, machte Jagd auf die alten Stücke und war nicht zimperlich in der Wahl ihrer Methoden. Das Schwert des Großmarschalls war bereits vor langer Zeit zu ihrer Beute geworden. Wenn alle Insignien in ihren Händen sein würden, rechneten die
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Der Überfall
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Sektenanhänger mit dem Ende der Welt und ihrer alleinigen Rettung. Hatten sie nun ebenfalls den Leuchter erwischt? Louis bekam eine Gänsehaut, wenn er an die gefährlichen Männer aus der Sekte dachte. »Vitus, was haben sie mit dir gemacht?« Der Junge mochte den blonden Templer, der immer ein wenig verträumt aussah. Vitus hatte sich schon mehr als einmal für Louis eingesetzt, als der in Schwierigkeiten geraten war. Und in ebensolche würde er abermals geraten, wenn er jetzt seinen Platz in der Kapelle verließe. Dennoch stand Louis auf. Seine Füße trugen ihn automatisch in Richtung des Altars. Aus einer Schale stiegen träge einige Rauchkringel in die Luft. Die leeren Fächer zwischen den Säulen gähnten Louis leer und höhnisch an. Mit den Fingern strich er über den glatten Marmor, versuchte den Mechanismus der Geheimschubladen zu enträtseln. Ein lautes Knacken ließ ihn zusammenfahren. Es kam eindeutig aus dem Chorgestühl! Louis schlich dichter heran, betrachtete das dunkle Holz mit den edlen Schnitzereien. Rote Samtkissen erhöhten den Komfort der würdevollen Sitze. Weitere Polster lagen in einer stabilen Truhe bereit. Der Junge klopfte vorsichtig gegen die Lehne, lauschte, versuchte es an einer anderen Stelle. Er verglich den Ton. Hatte es sich unten nicht hohl angehört? Louis schabte und tastete, arbeitete sich am Chorgestühl entlang. Er suchte eine Fuge, einen unauffällig angebrachten Riegel oder ein versteckt liegendes Schlüsselloch. Mit dem kostbaren Kreuz der Templer, das Louis an einem Lederband um den Hals trug, konnte er verborgene Gänge und Türen öffnen. Jeder der vier Arme des Kreuzes betätigte eine andere Art von Schließmechanismus. Bedrohlich zischte das Kerzenwachs auf. Louis wandte eilig den Kopf. Nichts, er war völlig allein im Hauptschiff der Kirche. Eine rasche Bewegung zog seine Aufmerksamkeit zum Chorgestühl. Fast wäre Louis zu langsam gewesen. Eine kräftige Faust schoss blitzschnell auf ihn zu. Louis drehte sich zur Seite. Der Schlag streifte sein Kinn, ließ ihn nach hinten fliegen wie eine federleichte Puppe. Louis versuchte, den Schmerz zu ignorieren, rollte ab und sprang sofort auf die Füße. Das Licht der Kerzen beleuchtete spärlich einen
kräftigen Mann, dessen Kopf nur in den Ohren Haare aufwies. Die Augen, hässlich zusammengezogen, musterten Louis wie ein ekliges, kleines Insekt. »Du schon wieder. Ich hätte es mir denken können!« Louis keuchte erschrocken. Er kannte seinen Gegner: Frater Isparagus gehörte zu den Wölfen und hatte die eine oder andere Rechnung mit Louis offen. »Ich könnte schreien!«, versuchte Louis einen Notfallplan aufzustellen. Aus seinem Mund kam nur ein heiseres Krächzen. Sein Kiefer fühlte sich merkwürdig verformt an. Langsam wich Louis zurück, beobachtete den Eindringling, der sich unter dem Chorgestühl verborgen haben musste. Was machte der Kerl bloß in der Kirche der Templer? Der Leuchter war längst gestohlen worden! Hatten die Wölfe Isparagus zurückgelassen? Oder gab es plötzlich weitere Finstermänner, die auf die Insignien der Macht scharf waren? Louis fand dafür keine Erklärung. Vielleicht brauchte er gleich keine mehr. Wie ein heißer Strahl schoss die Panik durch seine Gedanken. Der Wolf wirkte höchst entschlossen und griff an. Der Junge war auf der Hut, wich immer weiter zurück. »Ich muss zur Tür! Am besten, ohne weitere Tritte und Schläge einzustecken.« Davon war Louis allerdings weit entfernt. Die Hand des Wolfes zuckte nach vorne, täuschte an, bevor die zweite den weißen Umhang des Jungen zu fassen bekam und gnadenlos schüttelte. »Du gehörst mir!«, zischte es zwischen den wulstigen Lippen hervor. Louis biss die Zähne zusammen. Sein Ellbogen rammte irgendeine weiche Stelle seines Gegners. Louis spürte, wie die Umklammerung kurz nachließ, holte Luft und brüllte: »Achtung! Alarm!« Bei dem Wort »Hilfe« sauste die Faust in Richtung Louis. Der lenkte den Angriff mühsam mit seinem Unterarm ab und setzte einen Hebel zur Verteidigung an. Frater Isparagus war ein erfahrener Kämpfer. Er lächelte nur hämisch und konterte problemlos. Louis krümmte sich, als sein Arm gefährlich überstreckt wurde. Der Wolf brummte zufrieden. »Gleich bist du dort, wo ich dich haben will! Ein kleiner Schnitt mit meinem Messer und du widerliche Kröte wirst uns nie mehr dazwischenfunken. Dabei hätte ich dein Ende gerne länger ausgedehnt, um deine Schmerzen genüsslich zu beobachten!« Frater Isparagus drückte ein wenig
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fester zu. Louis keuchte vor Angst. Jede Gegenwehr war zwecklos. »Los, auf die Knie!« Die harten Steinplatten bohrten sich in Louis’ Beine. Ein heller Lichtblitz funkelte auf der spitzen Klinge. Frater Isparagus hielt das Messer in den Fingern, von denen nur vier komplett waren. »Scharf!«, knurrte der Wolf genüsslich. Seine Stimme hallte drohend durch das Kirchengewölbe, fand ein Echo, kehrte zurück. Louis stöhnte. Ein Luftzug streifte ihn. Mit einem letzten Aufbäumen ließ sich der Junge zur Seite kippen und brachte Frater Isparagus damit aus dem Gleichgewicht. Ein kleiner Pfeil mit einem schwarz gefiederten Schaft bohrte sich in die Kirchenbank. Ein weiterer folgte. Ein abscheulicher Schimpflaut entfuhr dem Wolf, bevor er mit einem riesigen Satz verschwinden wollte. Louis trat mit beiden Füßen gegen einen kleinen Tisch. Die Flugbahn der beiden kreuzte sich. Zusammen mit einer Menge Gebetbüchern segelte der Frater durch die Kapelle. Er landete auf dem Bauch und rutschte ein Stück über den Boden. Mühsam stieß der Wolf eine kleine Pforte auf, raste eine schmale Wendeltreppe nach oben. Ein Tempelritter mit rötlichen Haaren hetzte aus der Sakristei heran. Seine Hand umklammerte den Bolzen einer kleinen Armbrust. Sofort nahm er die Verfolgung des Wolfes auf. Louis rappelte sich hoch, massierte kurz seinen schmerzenden Arm und folgte den beiden entschlossen. Den Eingang zu der kleinen Empore über dem Chorgestühl ließ er hinter sich. Unvermittelt endeten die Stufen vor einer Maueröffnung. Helles Licht ließ Louis blinzeln. »Er flieht über das Dach!«, keuchte Louis. Eine Schindel brach unter dem Gewicht des Wolfes auseinander und regnete in Einzelteilen auf den gepflasterten Hof. Ein Schuh des Flüchtenden blieb hängen. Ohne anzuhalten, verschwand er hinter dem Turm der Kirche. Auf dem dunklen Dach flimmerte die Luft vor Hitze. Der Templer blieb stehen. Er murmelte einige Sätze in seine Armbanduhr. »Wir müssen h-hinterher! Wir dürfen ihn nicht entkommen lassen!«, stotterte Louis und wollte sich an dem Tempelritter vorbeiquetschen. Der hielt den Jungen entschlossen fest. »Nichts da. Das ist zu gefährlich. Wir schneiden ihm den Weg ab, ein Kontrolltrupp weiß Bescheid.« Louis nickte scheinbar
überzeugt. Kaum hatte der Tempelritter in seiner Wachsamkeit nachgelassen, war Louis durch die Luke verschwunden. Vorsichtig balancierte er über ein schmales Brett und die morschen Ziegel. Er bekam nur mühsam Luft, selbst harmlose Sprints raubten ihm die Kraft. Louis gestattete sich keinen Blick nach unten. Hinter ihm schimpfte der Tempelritter. »Komm sofort zurück!«, befahl er. Louis ignorierte ihn und erreichte kurz darauf den Turm, hangelte weiter. Er umrundete die Mauer. »Wenn Isparagus jetzt dahinter auf mich wartet? Dann braucht er mich nur herunterzustoßen!«, schoss es ihm flüchtig durch den Kopf. Neben ihm lief ein starres, dünnes Metallrohr die Mauer des Turmes hinauf. »Der Blitzableiter!«, erkannte Louis und testete die Stabilität. Vorsichtig setzte er einen Fuß an die Wand, stemmte sich ein Stück nach oben. Seine rechte Hand erreichte die vorstehende Kante eines Steinfrieses. »Noch ein Stück höher!«, murmelte Louis. Er konnte jetzt das verschachtelte Dach der Kirche und der Seitenflügel besser überblicken und entdeckte den flüchtenden Wolf in einiger Entfernung: Der glatzköpfige Frater umkletterte eine Gaube und verschwand im Gewirr der Dachaufbauten. Hektisch winkte Louis nach unten, wo einige Tempelritter über das Pflaster liefen. »Dort herüber! Er flieht in diese Richtung!«, brüllte Louis. Ein warmer Wind blies seine dunklen Locken aus der Stirn. Die blauen Wellen des Meeres glitzerten am Horizont. Nur der Deich trennte die Ansammlung kleiner Häuser rund um die Kirche von der See. Der Vorplatz wirkte plötzlich wie ausgestorben, niemand betrat das Pflaster, keiner hetzte zwischen den Gebäuden hin und her. Langsam stieg Louis ab und kletterte zurück. Unterwegs pflückte er den Schuh des Wolfes aus der Dachrinne. Mit starrer Miene, die Louis verriet, dass sein Ungehorsam Folgen haben würde, nahm ihn der Templer am Ende der Wendeltreppe in Empfang. Tatsächlich wartete in der Kirche bereits Friedrich Lacroix auf ihn. »Ich denke, ich hatte mich klar und deutlich ausgedrückt?!«, fragte er gefährlich ruhig. Louis versuchte sein Verhalten zu rechtfertigen. »Frater Isparagus hatte sich im Chorgestühl versteckt!«
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»Und wieso kletterst du dann auf dem Dach herum?« Friedrich Lacroix strich gedankenverloren durch seinen grauen Bart und musterte Louis mit einem Röntgenblick, der bis in die geheimsten Windungen des Körpers zu dringen schien. Der Junge seufzte. Erst jetzt spürte er, dass sein T-Shirt vor Angst durchgeschwitzt war, bemerkte das Pochen in seinem Kinn und das wüste Klopfen seines Herzens. Die Gefahr, in der er geschwebt hatte, wurde ihm allmählich bewusst. Die Klinge an seinem Hals, der Spaziergang über das Dach. Louis musste die Übelkeit, die in ihm aufstieg, entschieden zur Seite drängen, um nicht in eine tatenlose Lähmung zu fallen. Er konzentrierte sich auf die Worte von Friedrich Lacroix und bereute es sofort: »Es war eine große Auszeichnung für dich, dass du an der Zeremonie um den Leuchter teilnehmen durftest. Und sofort schlägst du wieder über die Stränge!«, zeterte Lacroix. Louis dachte in einem Anflug von Trotz und Widerspruch: »Ich habe das Ding schließlich zurückgeholt!« Er war klug genug, diese Behauptung nicht laut auszusprechen. Sie stimmte nicht ganz. Welfhardt, ein Knappe der Templer und Louis’ Freund, war in die Hände der Wölfe gefallen und sollte im Austausch gegen den Leuchter freigelassen werden. Mit einem ganzen Team von Tempelrittern waren sie jedoch erfolgreich gewesen. Sie konnten das Insigne der Macht in ihren Reihen halten und Welfhardt retten. Heute sollte der Leuchter an seinen ursprünglichen und sicheren Platz zurückkehren. Mit dem filigran gearbeiteten, geheimen Schlüssel, dem silbernen Kreuz der Templer, hatte Louis die Schubladen und eine raffiniert gearbeitete und gesicherte Truhe geöffnet. Pech für den Firmariearzt, dass der Kerzenleuchter schon wieder verschwunden zu sein schien. »Du bist fünfzehn Jahre alt und kein Kleinkind, das ständig einen Babysitter braucht!«, motzte der kräftig gebaute Friedrich Lacroix. »Fertig?!«, fragte Louis nur scheinbar unbeeindruckt und schwenkte den Schuh des Wolfes wie eine Trophäe. »Nein. Ich hätte dir eine Menge zu sagen. Aber ich sehe die Sinnlosigkeit meiner Worte ein. Pure Verschwendung. Räume bitte die
Bücher wieder auf den Tisch. Dann kannst du abzischen!«, kommandierte Friedrich Lacroix, entwand Louis den Halbschuh und zerrte den Umhang von seinen Schultern. Achtlos deponierte er die Gegenstände auf dem Steinsims einer Säule. Stattdessen warf er dem Jungen eine Tasche zu und humpelte durch den Mittelgang zum Portal. Louis wusste, dass Friedrich Lacroix den neuerlichen Verstoß gegen die Regeln der Templer weder vergessen noch auf sich beruhen lassen würde. Er hatte dem Jungen lediglich eine Gnadenfrist eingeräumt.
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Eine merkwürdige Begegnung Louis zerrte den Tisch an seinen Platz und stapelte die heruntergefallenen Bücher zu einem hohen Turm, der leicht schwankte. Aufgewühlt dachte Louis über Friedrich Lacroix nach, einem bewährten Tempelritter. Er kümmerte sich um die Jungen im Seminar, die allmählich in die Geheimnisse des Ordens eingeweiht wurden und nebenbei ein straffes Tagespensum zu erledigen hatten. Morgen würden Lacroix und Louis dorthin zurückkehren. Am heutigen Tag würde Louis die Auszeit genießen. Er schnappte sich die Tasche und ging in Richtung Portal. Der Vorraum lag verwaist, das Blut war zu einer bräunlichen Masse geronnen. Sein Blick wanderte zu einem Seitenaltar aus gesprenkeltem Marmor. Er glich dem Abendmahlstisch in der Apsis, wies ebenfalls vergoldete Verzierungen und garantiert versteckte Fächer auf. Der Junge stieg eine flache Stufe auf das hölzerne Podest. Fast wäre er über eine Kante gestolpert. Ein rötlich-brauner Teppich verbarg die geschliffenen Holzbretter. Er roch merkwürdig neu. Die Ausdünstung wollte nicht recht in das alte, ehrwürdige Kirchengebäude passen.
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Louis betrachtete das dunkel gehaltene Gemälde an der Mauer über dem Marmoraufbau. Es zeigte Pilger, die von einem Ritter mit einem Tatzenkreuz auf dem Umhang beschützt und versorgt wurden. Am linken unteren Bildrand entdeckte er ein weiteres Symbol: Der Leuchter war in einer vereinfachten Darstellung in das Kunstwerk eingeflossen. Das silberne Exemplar lehnte an einem Felsen. Man musste genau hinschauen, um ihn zu entdecken und die Pinselstriche zuzuordnen. Louis beschlich das Gefühl, etwas Wichtiges zu übersehen, ein Detail des Puzzles nicht an die richtige Stelle zu bekommen. Irgendetwas war komisch. Vitus lag verdreht in einer merkwürdigen Position. Wo kam der Angreifer plötzlich her? Warum hat ihn keiner bemerkt? An welchem Ort hatte er sich vorher versteckt? Oder waren es mehrere? Louis suchte den Raum nach unterschiedlichen Möglichkeiten ab. Er konnte sich den Ablauf des Überfalls einfach nicht erklären. Schließlich gab er auf und drückte die Klinke der schweren Holztür herunter. Sie quietschte leise. Hitze schlug Louis wie eine Wand entgegen. Er verdrängte seine Gedanken an das geplatzte Ritual um den Leuchter, den Angriff auf Vitus und besonders Frater Isparagus und bummelte Richtung Deich. Bei den Tempelrittern gab es gute Ärzte, die würden Vitus wieder hinbekommen! Louis überwand die Kuppe des Walls. Es tummelten sich eine Menge Leute am Strand, genossen das gute Wetter und Kinder buddelten im Sand. Die Luft roch nach Salz und Algen. Rasch öffnete Louis die Tasche und schlüpfte in seine Badehose. Ein kleiner Zettel flog herunter. »Guten Appetit!«, las Louis und entdeckte eine braune Papiertüte. Er musste vor Freude grinsen. Bestimmt hatte Friedrich Lacroix’ Ehefrau Beata köstliche Leckereien eingepackt. Der Junge zog das T-Shirt über den Kopf. An seinem Hals baumelte an einer Lederschnur das silberne Kreuz. »Das habe ich ganz vergessen!«, dachte Louis. »Verträgt die Kette wohl Salzwasser?« Um auf Nummer sicher zu gehen, stopfte Louis das kostbare Schmuckstück in den Proviantbeutel und knüllte die obere Kante sorgfältig zusammen. In der Tasche verbarg er die Kleidung und die nun wertvolle Tüte.
Eigentlich durfte er das Kreuz nicht ablegen. Louis hatte ein schlechtes Gewissen. Er hoffte, dass alles gut gehen würde und stürzte sich in die niedrigen Wellen. Immer wieder blickte er in Richtung seines Handtuches und der Tasche. Keiner der anderen Strandbesucher machte Anstalten, die Habseligkeiten zu durchsuchen oder zu stehlen. Louis atmete auf. Das Wasser war nicht tief, aber erfrischend. Interessiert beobachtete er das Geschehen um sich herum. Eine Schlick-Schlacht war im Gang, Luftmatratzen schipperten in der Strömung und Möwen kreischten angriffslustig. Louis schwamm langsam ein Stück hinaus. Ein Frachter kreuzte die Linie des Horizontes. Bunte Dreiecke der Surfer durchpflügten die Wellen, einige Drachen stiegen auf. Louis ließ sich treiben, genoss die Sonnenstrahlen. »Ob man Isparagus geschnappt hat?«, überlegte er kurz. Erst als sein knurrender Magen fast das Wellenrauschen übertönte, lief er zu seinem Handtuch. Eine bleiche Gestalt mit einem großen Heftpflaster auf der Stirn lief über den Strand. Louis schaute genauer hin. Er ließ sich nicht täuschen. Dieser Typ war kein harmloser Spaziergänger oder Badegast. Seine Augen wanderten ruhelos von rechts nach links, bereit, blitzschnell zu reagieren. »Vitus!«, erkannte Louis und folgte dem Kerl möglichst unauffällig. Wasser tropfte eine Spur in den Sand. Louis duckte sich hinter einen Strandkorb. Der blonde Templer, dessen Haare in feuchten Strähnen am Kopf klebten, schien jemanden zu suchen. Jetzt zog er ein flaches Handy aus der Hosentasche. »Ich muss näher herankommen«, überlegte Louis. »Vielleicht verstehe ich, was er zu berichten hat oder wen er anruft!« Er hastete zu einem roten Windschutz, der auf halber Höhe des Deiches stand. Doch er kam zu spät, Vitus hatte sein Telefonat beendet. Er wirkte alles andere als glücklich. Spontan beschloss Louis, seine Tarnung aufzugeben. Er trat überraschend zu Vitus und sagte: »Hi, haben dich die besorgten Ärzte aus ihren Klauen gelassen? Hier beim Firmariearzt und in der Klinik sind besonders viele anstrengende Exemplare vor Ort!« Vitus schwieg betroffen. Seine Miene zeigte eine Mischung aus Entsetzen und Panik. Sie ging in eine gewisse Erleichterung über, als er Louis erkannte.
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»Oder wie hast du es geschafft, ihrer geballten Aufmerksamkeit z-zu entgehen?« Louis wurde nervös. Er stotterte, konnte nicht sortieren, was gerade für ein Film ablief. Er begann unter der bohrenden Musterung von Vitus’ Augen seinen unüberlegten Entschluss zu bereuen. »Louis, du hast mich nicht gesehen, okay?«, zischte Vitus eindringlich. Seine Hand umklammerte den Arm des Jungen ein wenig zu fest. Louis antwortete nicht. »Ich bin quasi gar nicht am Strand!«, erklärte Vitus mit drängender Stimme. »Komm, aus alter Freundschaft! Es kostet dich nichts. Und mir würde es aus der Klemme helfen! Du weißt doch, wie die Templer sind!« Das wusste Louis tatsächlich. Sie konnten fürchterlich kleinlich sein und dachten nicht daran, einen Regelverstoß ungeahndet zu lassen. Dennoch blieb Louis misstrauisch. »Wen h-hast du angerufen?« Eine Möwe kam im Sinkflug herangerauscht. Vitus zog den Kopf ein. »Ich musste zu Hause anrufen, erklären, dass ich aufgehalten wurde. Sie brauchen eine Vertretung für meine Surfkurse«, erklärte Vitus hektisch. »Hm!« Louis glaubte diese Variante nur bedingt. Aber verpetzen mochte er Vitus nicht. Das wäre eine genauso armselige Vorstellung, wie sie der rothaarige Tempelritter eben auf dem Dach abgeliefert hatte. »Versprich mir, dass du kein Wort über unser Treffen verlierst! Nicht einen Ton!«, forderte Vitus. Louis zuckte nur unverbindlich mit den Achseln. »Schaffst du es überhaupt alleine zurück ins Haus? Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen!« Der Tempelritter, der bereits mit Louis’ Vater Richard zusammengearbeitet und einige Aktionen durchgeführt hatte, beugte sich vornüber und holte tief Luft. »Ich gehe jetzt. Und du wirst deine Klappe halten. Ist das klar?!«, drohte der Templer. Mit Mühe lief er den Deich nach oben. Louis folgte ihm besorgt und etwas sauer. Er hasste es, wenn er irgendwelche Befehle ohne Begründung bekam. Louis erreichte den Kamm. »Sie haben ihn geschnappt!«, stellte er mit Erleichterung fest. Einige Tempelritter führten Frater Ispa-
ragus über den Vorhof der Kirche. Vitus wirkte plötzlich wie elektrisch aufgeladen. Er unterdrückte einen Schrei und wirbelte blitzschnell herum. Mit einem gezielten Tritt brachte er Louis aus dem Gleichgewicht und stieß den Jungen um. Louis fiel ohne Eleganz und völlig überrumpelt ins Gras. Der abschüssige Hang verwandelte seinen Sturz in Energie und Louis purzelte den Deich herunter. Mehrmals überschlug er sich, verfing sich in einer Zeltschnur und blieb schließlich im Sand liegen. Verdrießlich spuckte er einige Körnchen aus. Ein helles Lachen drang an seine Ohren. »Das sah aber lustig aus!«, kommentierte eine Stimme. Louis entdeckte zwei kleine rothaarige Jungen, die Eimer und Schaufel trugen. Der jüngere grinste von einem Ohr zum anderen. »Hast du dir wehgetan?«, fragte der andere leise und blickte auf seine schmutzigen Zehen, die ein Loch in den Sand bohrten. Louis stand probeweise auf. Es ging problemlos. Allerdings sah er aus wie ein paniertes Schnitzel: An seiner nassen Haut und der Badehose klebten Grashalme, Sand und trockene Algen. »Warum wollte Vitus mich loswerden? Was hat er vor?«, überlegte Louis, während er den Abhang erneut nach oben raste und die Fragen der Jungen ignorierte. Wo wollte der Kerl hin? Louis konnte sich keinen Reim auf das merkwürdige Verhalten von Vitus machen. Der lief an einer Mauer entlang und Louis folgte ihm entschlossen. Zwischen den Häusern führten schmale gepflasterte Gänge bis zum Kirchplatz. Kein Tempelritter kreuzte den Weg. Louis sah, dass Vitus durch ein schmiedeeisernes Gatter auf den Friedhof stolperte. Louis übersprang die Mauer und machte einige Meter gut. Zwischen Grabsteinen hindurch, an einem Brunnen und an einer alten Dame vorbei hetzte Louis weiter. Die zeterte hinter ihm her. Louis merkte erst jetzt, dass seine Badehose keine angemessene Kleidung für den Besuch eines Friedhofes darstellte. Sein Herz klopfte heftig in einem rasanten Tempo. Er sah, dass Vitus an einem länglichen Gebäude, das sich an den alten Klinikkomplex anschloss, die Tür öffnete und dahinter verschwand. Als Louis vorsichtig die Klinke herunterdrückte und in den dämmrigen Raum huschte, tauchte plötzlich ein breit grinsender
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Schädel vor ihm auf. Die leeren Augenhöhlen wirkten düster. Abrupt blieb Louis stehen. Ein ganzes Skelett, das ihn um einige Zentimeter überragte, stand neben einer Vitrine, die andere Kuriositäten in gefüllten Gläsern enthielt. Der Junge entdeckte ein weißes, nudelartiges Gebilde. »Bandwurm, Darmparasit«, las Louis im Vorbeigehen und schüttelte sich angewidert, als er mehrere in Formalin eingelegte Organe erkannte. Der nächste Schrank mit merkwürdigen Untersuchungsinstrumenten aus rostigem Stahl und Holz verstärkten seinen Eindruck einer medizinischen Geisterbahn. »Vitus könnte überall lauern!«, ahnte Louis. Er ließ die Regale hinter sich und schlich einen Raum weiter. Durch mehrere große Bogenfenster fiel helles Licht, die kuppelartige Decke erinnerte Louis fast an eine Kirche. Kein Geräusch war zu vernehmen. Die Stille verstärkte das Unbehagen des Jungen. Vor einem antik wirkenden Operationstisch unter einer riesigen runden Lampe blieb Louis stehen. Grüne Tücher, altertümlich bespannte Wandschirme, schmale, hohe Gasflaschen und blitzendes OP-Besteck waren um den Tisch gruppiert. Breite Ledergurte, mit denen man die Patienten fixieren konnte, hingen an der Seite des Rolltisches herunter. Louis blickte rasch weg und in alle Richtungen. Er versuchte die gruseligen Exponate auszublenden und zwang seine Gedanken in eine andere Spur. Wo war Vitus bloß hin?! Ein Fenster stand offen, von dem verletzten Templer gab es keine Spur. Louis legte sich auf den kühlen Fliesenboden. Unter den Aufbauten hindurch konnte er den ganzen Saal sehen. Nichts. Wenn Vitus nicht gerade irgendwo einen Klimmzug machte und mit den Füßen in der Luft hing, war er wohl verschwunden. Gedankenverloren griff Louis mit der Hand an seinen Hals. Und sofort war Vitus unwichtig. Die Kette, das Kreuz! Er hatte es am Strand gelassen! Ruckartig sprang Louis auf. »Es muss noch da sein. Es muss!«, murmelte er beschwörend und raste über den Deich. Das Wasser hatte sich bereits ein Stück zurückgezogen und grau-braunen Schlick hinterlassen. Nur wenige Besucher wühlten darin herum, der Strand wirkte verwaist. Ein kühler Wind fegte heran und blies scharfe Sandkörner in Louis’ Gesicht. »Wenn das Kreuz verschwunden ist, bin ich geliefert!«, keuchte Louis panisch.
»Da vorne liegt mein Handtuch!«, schnaufte Louis. Seine Füße wühlten den Sand auf. Louis erkannte auf den ersten Blick, dass die Tasche in einem anderen Winkel auf dem Laken stand. Sie war offen. Sofort kramte Louis zwischen der Kleidung herum, suchte den braunen Papierbeutel, der den Proviant und die Kette enthielt. Der Junge schleuderte sein T-Shirt, weitere Kleinteile und die Hose heraus. Nichts, die Tasche war leer. Heiße Wellen rührten in Louis’ Magen eine Panik-Suppe. »Was mache ich jetzt? Das kann nicht wahr sein.« Louis’ Wangen verfärbten sich rot. Erneut sah er hektisch die Sachen durch. Der gut gefüllte Proviantbeutel war verschwunden. Und mit ihm das Kreuz der Tempelritter. »Die Familie Mortville hütet den geheimnisvollen, kostbaren Schlüssel von Anfang an, durch alle Zeiten und bis jetzt!«, hörte Louis die erklärende Stimme seines Freundes im Ohr. Nicht nur die Wölfe machten Jagd auf das Schmuckstück. Caspar hatte ihm damals verraten, dass andere Templer eifersüchtig waren und sich ebenfalls mehr Macht wünschten. »Und ich habe das Kreuz verloren!«, stöhnte Louis. Verzweifelt schüttelte er das Handtuch, boxte mit seiner Faust in die Luft. »Großvater Hugo wird toben und mich hassen. Er schimpft sowieso ständig mit mir, weil ich sorgfältiger mit meinen Dingen umgehen soll.« Was sein Vater Richard sagen würde, wollte sich Louis lieber gar nicht ausmalen. »Alle anderen Templer werden mich verachten. Dann bin ich nicht nur der dreiste Junge, der den Komtur und die Versammlung der Ältesten beleidigt hat, sondern zusätzlich der unfähige Trottel, der kostbare Schmuckstücke veruntreut. Ich bin ein Versager. Grütze, Grütze, Grütze!«, fluchte Louis. Eine Möwe glitt knapp über seinem Kopf durch die Luft. Krächzend landete sie in einem Pulk dieser Vögel. Einige stoben empört kreischend hoch, eine andere zerrte mit dem Schnabel an einem
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Räuberische Möwen
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