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M a nue l Gr ä ßli n ßlin

THEO PHOBIE

Warum Gott nicht sicher, aber gut ist

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

© 2026 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH · Max Eyth Str. 41 · 71088 Holzgerlingen brockhaus-verlag.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

BasisBibel, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (BB). Weiter wurden verwendet:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Used by permission. (LUT)

Hoffnung für alle® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis –Brunnen Basel. (HFA)

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. (NGÜ)

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. NeÜ bibel.heute, © 2001-2012 Karl-Heinz Vanheiden, www.kh-vanheiden.de. Alle Rechte vorbehalten. (NeÜ)

Lektorat: Rahel Dyck

Umschlaggestaltung: Andreas Sonnhüter; grafikbuero-sonnhueter.de

Titelbild: artyway (shutterstock)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

Gedruckt in Deutschland

ISBN 978-3-417-01076-3

Bestell-Nr. 227.001.076

Inhaltsverzeichnis

Im Weltabenteuer Gottes stehen –dazwischen glauben und leben

Säkularisierung verwandelt Kirche –eine prophetische Stimme Gottes ........................

Bücher, die mich inspiriert haben –

Vorklänge

Angst vor Gott als dem „ganz anderen“

In der deutschen Filmkomödie Otto – Der Film, die im Jahr 1985 erschienen ist, gibt es eine bedenkenswerte Szene: Der geldgierige Kredithai Shark legt dem naiven Otto einen undurchsichtigen Vertrag vor. Shark weist Otto darauf hin, dass er das Kleingedruckte des Kontraktes besser nicht lesen sollte. Auf die Frage Ottos: „Warum denn nicht?“, antwortet Shark nur: „Das ist schlecht für die Augen.“

So lustig diese kleine Anekdote auch sein mag: Ähnlich verhalten sich einzelne Christenmenschen und manchmal sogar ganze Kirchen, wenn es um ihre religiösen Überzeugungen oder Ansichten zur Bibel geht. Immer wieder sagen sie sich selbst und anderen: „Wir brauchen das Kleingedruckte nicht zu lesen. Das schadet nur unserem Glauben.“

Was wäre, wenn dieser Satz stimmt? Wenn es tatsächlich Themen rund um die Bibel und das christliche Weltbild gibt, die wir uns selbst und anderen verschweigen, weil sie unserem persönlichen Glauben oder dem Glauben anderer schaden könnten? Themen, die wir von vornherein kritisch begutachten, besserwisserisch beiseiteschieben oder vehement attackieren, weil wir merken, dass sie unser perfekt zusammengebasteltes Glaubenskonstrukt zum Einstürzen bringen könnten – egal, ob es fundamentalistisch, konservativ, (post)evangelikal, liberal oder (neo)orthodox ist?

Theophobie – mit dieser Wortneuschöpfung möchte ich das hier

angesprochene Phänomen mal umschreiben. Mit Theophobie meine ich nicht eine grundsätzliche Angst vor Gott an und für sich, sondern eine Angst vor Gott als „dem ganz Anderen“.1 Denn was wäre, wenn Gott ganz anders ist, als wir ihn rational begreifen oder uns fantasievoll vorstellen können? Haben wir uns vielleicht mit der Bibel, der Tradition, dem Verstand, der Fantasie, der Erfahrung oder der Biografie ein Bild von Gott gemalt, das ihn ganz anders zeigt, als er sich uns eigentlich zeigen will? Nicht, weil Gott uns so fremd und fern ist, dass wir ihn nicht erfassen könnten. Sondern deshalb, weil er uns näher ist als unser eigenes Herz.

Das ist doch der eigentliche Grund, warum wir aus Gott kein Objekt und keinen Gegenstand machen können, über den sich mit einem gewissen Sicherheitsabstand sprechen ließe. Denn Gott ist streng genommen nicht das Objekt, sondern das Subjekt unseres Glaubens,2 weil er den Glauben wundersam gibt, ganzheitlich umfasst, vollkommen erhält und unendlich übersteigt. Deshalb lässt sich nicht gegenständlich über Gott sprechen wie über einen selbst gemachten Götzen – genau das kritisieren übrigens die meisten Atheisten völlig zu Recht am christlichen Glauben und Gottesbild –, sondern nur im persönlichen Involviert- und leidenschaftlichen Beteiligtsein. Und das geht nicht ohne besonnenen Mut und ohne gesunde Angst.

Zurück zur Theophobie: Menschen mit Phobien nehmen ihr Umfeld anders wahr. Bei einer Abscheu vor Spinnen zum Beispiel erscheint der Achtbeiner plötzlich viel größer und ekliger, als er eigentlich ist. Menschen mit Theophobien wollen Gott anders wahrnehmen. Anders, als er – oder sie? – eigentlich ist. Und warum? Damit Gott perfekt in ihr Glaubenssystem passt. Abhängig davon, in welchem religiösen Kontext du und ich sozialisiert wurden oder gegenwärtig und zukünftig noch sozialisiert werden, hat jede und jeder von uns

übrigens eine ganz andere Theophobie, eine ganz andere Angst vor diesem ganz anderen Gott: Was wäre, wenn Gott ganz anders gnädig, ganz anders liebend, ganz anders gerecht, ganz anders allmächtig, ganz anders persönlich, ganz anders … Der Satz bricht hier ab, weil er ansonsten nicht mehr aufhören würde. Aber noch einmal: Was wäre, wenn Gott tatsächlich ganz anders Gebet erhört, ganz anders zu uns spricht, ganz anders über mich und diese Welt denkt, ganz anders …? Ja, Gott ist dieser ganz andere. Ein Gott, der sich unseren Vorstellungen entzieht. Immer wieder neu. Und wenn wir denken, wir hätten ihn verstanden, wenn wir glauben, seine Gedanken durchschaut zu haben – dann war es vermutlich nicht Gott, über den wir gesprochen haben. Denn sobald wir meinen zu wissen, wer Gott ist und was Gott über bestimmte Dinge denkt, begegnet er uns als der ganz andere. Unfassbar. Unverfügbar. Oder wie Augustinus einmal sagte: „Si comprehendis, non est Deus.“3 Das bedeutet: Wenn wir ihn verstehen, ist es nicht Gott. Vielleicht lässt sich Gott auch deshalb nicht wirklich definieren. Oder zumindest nicht so, dass wir ihn damit festhalten oder eingrenzen könnten. Der Theologe Gregor von Nyssa hat das betont. Und auch Dietrich Bonhoeffer schloss sich dem an mit seinem prägnanten Satz: „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht.“4

Die Feststellung, dass Gott unbegreiflich ist, dass er der „bekannteste Unbekannte“ ist,5 dass wir uns von Gott kein Bildnis machen sollen (2. Mose 20,4), bezeichnet man übrigens als „Negative Theologie“. Oder um es mit den Worten des verstorbenen Papst Franziskus zu sagen:

Gott in allen Dingen suchen und finden. […] Ja, bei diesem Suchen und Finden Gottes in allen Dingen bleibt immer ein Bereich der Unsicherheit. Er muss da sein. Wenn jemand behauptet, er sei Gott mit absoluter Sicherheit begegnet, und nicht berührt ist von einem Schatten der Unsicherheit, dann läuft etwas schief. Für

mich ist das ein wichtiger Erklärungsschlüssel. Wenn einer Antworten auf alle Fragen hat, dann ist das der Beweis dafür, dass Gott nicht mit ihm ist. Das bedeutet, dass er ein falscher Prophet ist, der die Religion für sich selbst benutzt. Die großen Führer des Gottesvolkes wie Mose haben immer Platz für den Zweifel gelassen. Man muss Platz für den Herrn lassen, nicht für unsere Sicherheiten. Man muss demütig sein.6

Meine Theophobie ist die Angst vor einem Gott, der eine ganz andere Theologie hat, als ich sie habe. Manchmal befürchte ich, dass Gottes Theologie – also sein Denken, Reden, Handeln und Fühlen –viel weiter, offener und inklusiver ist als die meine. Und ich muss zugeben: Ich habe Angst davor. Ich habe Angst vor dem Kleingedruckten in der Theologie Gottes. Dieses Kleingedruckte, das ich bisher übersehen habe oder übersehen wollte. Ich habe Angst vor diesen leicht zu übersehenden und leicht zu unterschätzenden Dingen im Kleingedruckten Gottes, die mir gleichgültig, aber Gott unglaublich wichtig sind.

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Vom deutsch-israelischen Lyriker Jehuda Amichai stammt folgendes Gedicht mit dem Titel Der Ort, an dem wir recht haben:

An dem Ort, an dem wir recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr. Der Ort, an dem wir recht haben, ist zertrampelt und hart wie ein Hof. Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Und ein Flüstern wird hörbar an dem Ort, wo das Haus stand, das zerstört wurde.7

Wenn es um Glauben, Lieben und Hoffen geht – um die drei Kardinaltugenden des Christentums –, bringt uns die im Gedicht angesprochene Rechthaberei nicht weiter. Denn sie baut nicht auf (1.  Korinther 14,26) – nein: Sie zerstört. Deshalb geht es auch bei allem Theologisieren, bei allem Denken und Reden über, von, zu und mit Gott, nicht um ein Rechthaben. Vielmehr geht es um ein fortlaufendes Unterwegssein. Denn gelebte Theologie – also eine Theologie, die aus der Praxis kommt und auf die Praxis zielt – ist immer auf einem Weg: auf dem Weg im unendlichen Geheimnis Gottes, auf dem Weg zu Gott selbst. In ähnlicher Weise, wie sich Jesus Christus auf den Weg ins Geheimnis der Menschwerdung begab (Philipper 2,6-8), beschreiten Christenmenschen diesen Weg im Geheimnis Gottes ihr Leben lang. Sie tasten sich an Gott heran und kommen doch nie ganz bei ihm an; zumindest nicht in diesem Leben. Aber vielleicht ist gerade auch das das Schöne: Was wir nämlich nicht besitzen und worüber wir nicht verfügen können (wie beispielsweise die unverfügbare Liebe eines Menschen oder der nicht verfügbare Sonnenuntergang in den Schweizer Bergen, wo ich gerne unterwegs bin), das weckt in uns immer wieder neu ein Begehren: ein Begehren, dieses Unverfügbare und zugleich Wunderschöne erneut zu erleben – wie es der Soziologe Hartmut Rosa mit seiner Resonanztheorie8 vermutlich beschreiben würde. Ich glaube, dass Gott uns unverfügbar bleiben will, damit wir ihn andauernd begehren und uns unaufhörlich nach ihm sehnen. Nicht, weil er sich damit einen Spaß mit uns erlauben will. Sondern weil genau das das Allerschönste im Leben eines Christenmenschen ist: das ständige Verlangen, diesem heiligen und liebenden Gott zu begegnen. Dieser rationale und fantasievolle Weg im Geheimnis Gottes, dieses Suchen nach Gott, kennt deshalb kein Stoppzeichen im Sinne von:

bis hierher und nicht weiter. Vielmehr ist dieser Weg im Geheimnis eine Ermutigung zum stets neuen Vertrauen. Zum Vertrauen, den unergründlichen Weg in die unerschöpfliche Tiefe Gottes zu gehen. Einen Weg, der niemals aufhören wird.

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„Ich bitte Gott, dass er mich von Gott befreit“ – so ähnlich hat es der mittelalterliche Mystiker und Prediger Meister Eckhart mal gesagt. Das ist die Bitte um Befreiung von allen festgefahrenen Glaubenskonventionen. Es ist der Wunsch, Gott jenseits aller Bilder, Vorstellungen und theologischer Konstrukte zu erfahren – in radikaler Offenheit und innerer Freiheit.

In diesem Buch wollen wir uns also auf den Weg machen. Auf den Weg zu diesem ganz anderen Gott. Dieser Weg wird ein Wagnis sein, ein abenteuerliches Unterfangen mit riskanten Gedanken und erschreckenden Überlegungen. Ein Tasten, ein Nachspüren, ein Fragen, ein „von Gott reden sollen und es doch nicht können“.9 Aber keine Angst: Das Kleingedruckte des Glaubens, die Phobie vor diesem ganz anderen Gott, ist im Grunde genommen unbegründet –wie eben jede Art von Phobie (die Angst vor Spinnen lässt erneut grüßen). Schließlich ist es ein guter Gott, dem wir auf diesem Weg im Geheimnis mal hier, mal dort begegnen werden. Dieser Gott, der sich in Jesus Christus zeigt, spricht uns immer wieder zu: „Fürchte dich nicht!“ Und dennoch hält sie an, die Angst. Dennoch versuchen wir ihn zu vermeiden, diesen ganz anderen Gott. Dennoch wollen wir das Kleingedruckte unseres Glaubens viel lieber übersehen. Dass jeder Christenmensch andere Theophobien hat (hier wieder im Plural, denn meistens sind es mehrere), habe ich ja bereits gesagt. Ich möchte dich deshalb mit auf meine Wegstrecken nehmen: zu meinen Theophobien, zu meinen Ängsten vor diesem ganz anderen Gott, denen ich mich in den letzten Jahren und Monaten stellen durfte. Verschiedenen Theophobien, die teilweise (lose)

zusammenhängen, teilweise aber auch gar nicht. In diesem Buch entfalten sie sich dennoch in Form eines thematischen Dreiklangs und werden auch so zur Sprache gebracht. Trotzdem oder gerade deshalb gibt es keine zwingende Lesereihenfolge: Du kannst ganz vorne oder ganz hinten mit den einzelnen Aufsätzen oder Essays zu den unterschiedlichen Theophobien anfangen. Größtenteils entspringen sie meinen Beschäftigungen in Form von Predigten, Vorträgen oder ersten Versuchen der Verschriftlichung als Pastor im ICF Karlsruhe, Habilitand an der Theologischen Fakultät Leipzig, Content Creator bei der Kleingruppen App FeedYourself und meinem GastdozentenDasein am Theologischen Seminar St. Chrischona. Dazu ein kleiner Disclaimer am Rande: Wenn dir was theologisch querliegt, beschwer dich bei mir, nicht bei meinen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Denn die hier vertretenen Überzeugungen sind ganz meine eigenen. Vielleicht erkennst du dich in diesen Theophobien wieder. Vielleicht aber auch nicht. Schließ dich einfach den Wegen an, die dich persönlich interessieren oder auf denen du momentan selbst unterwegs bist. Auf diesen theophoben Wegen werden wir Unbekanntes an Gott entdecken und Ungewöhnliches mit ihm erleben. Ich glaube sogar, dass sie der Anfang einer neuen Erkenntnis sind (Sprüche 1,7). Und sie werden hoffentlich auch der Anfang einer noch nicht da gewesenen Ekstase sein – „Ekstase“ in ihrem wörtlichen Sinn verstanden, als ein euphorisches und faszinierendes „Außerhalb-Stehen“,10 außerhalb des Bekannten und Gewöhnlichen an Gott.

Als Albert Einstein mal von einem Journalisten gefragt wurde: „Glauben Sie an Gott?“, soll seine schlichte Antwort gewesen sein: „Sagen Sie mir erst, was Sie unter Gott verstehen; dann sage ich Ihnen, ob ich daran glaube.“ In diesem Buch will ich versuchen, (m)ein Verständnis von Gott und (m)einem Glauben an ihn – verbunden mit (m)einem kreativen Bibelverständnis – darzulegen.

Vielleicht ist Gott aber auch noch mal ganz anders, als ich ihn auf den folgenden Seiten darzustellen versuche. Dann darfst du dieses Buch ganz anders schreiben. Vielleicht sind die darin erläuterten Theophobien aber auch gar nicht neu für dich. Dann bist du inzwischen wahrscheinlich auf ganz anderen Wegen unterwegs und darfst dieses Buch mit gutem Gewissen beiseitelegen und etwas anderes lesen.

Theophobie – oder: das Kleingedruckte des Glaubens. Diese Theophobie, das Kleingedruckte in unserem sonst so großen Glauben, wird deinen und meinen Glauben kleiner machen. Kleiner, als wir unseren Glauben gerne hätten. Ja, richtig gelesen! Aber weißt du was? Das ist genau richtig so! Denn vielleicht vermag unser Glaube deshalb nichts Großes zu tun, weil er nicht klein genug ist. Weil er eben nicht so klein ist wie das Senfkorn, von dem Jesus spricht (Matthäus 13,31-32). Vielleicht bedarf es deshalb einer heilsamen Verkleinerung, einer notwendigen Entlastung von all dem, was wir Gott vorschnell zugeschrieben haben: von unseren rationalen Sicherheiten und theologischen Fantasien. Vielleicht muss unser Glaube nicht neu konstruiert, sondern von manchem falschen Großen befreit werden – wie das nicht mehr notwendige Gerüst bei einem fertig gebauten oder frisch gestrichenen Haus –, damit er (wieder) Großes bewirken kann.11

Kurzum: In diesem Buch wird Gott größer und dein (?) und mein Glaube kleiner. Und das meine ich nicht im Sinne eines weiteren Buches über Dekonstruktion, sondern als Rückbindung, Rückeroberung und Bezugnahme auf vergessene, aber bewährte Glaubenswahrheiten, die unsere Glaubensmütter und -väter in sich getragen haben. Denn darin finden wir eine oft übersehene, aber tiefgründige Glaubensdemut, die sich darüber im Klaren ist, dass Gott als der „ganz andere“ „nicht sicher, aber gut“ ist! Und wenn wir diese rationale Erkenntnis und dieses praktische Erlebnis der Andersheit und Unsicherheit Gottes zulassen, wird Gott größer und wir, mit unserem Glauben, auf den wir uns manchmal ziemlich viel

einbilden und auf den wir uns manchmal mehr als auf Gott verlassen, kleiner.

Das klingt doch nicht ganz falsch, oder? Stell dir einfach eine zugefrorene Seefläche im Winter vor – eine Illustration, die ich vom österreichischen Prediger und Bibelschullehrer Hans Peter Royer übernommen habe. Du kannst mit festem Schritt und großem Glauben darauftreten. Doch wenn das Eis zu dünn ist, bricht es, und dein

Glaube rettet dich nicht vor dem eiskalten Wasser. Nicht die Größe deines Glaubens trägt dich, sondern die Stärke des Eises. Ein kleiner Glaube ist deshalb völlig ausreichend – wir haben schließlich einen großen Gott.

Angst vor Gott als dem „nicht sicheren“

Gerade sind wir schon recht tief in theologische und philosophische Fragen eingestiegen – und im weiteren Verlauf dieses Buches werden wir immer wieder dahin zurückkehren. Zugegeben: Dort kann es einem ganz schön schwindelig werden, auch mir … Doch bevor wir uns erneut auf diese Höhen begeben, möchte ich dich in drei Geschichten mit hineinnehmen, in eine persönliche, eine biblische und eine fantastische, um dir plastisch zu zeigen, worum es in diesem Buch ebenfalls geht. Denn für mich gehört immer beides zusammen, damit es richtig und relevant wird: theologische Gedankenflüge und praktische Erdungspunkte, reflektierte Theologie und alltagsnaher Glaube. Man könnte auch sagen: der Kopf mit Hand und Herz – mal das eine mehr, mal das andere.

Als Manuel, als Christ, als Pastor, als Theologe, als Ehemann, als Freund und als Autor will ich die beiden genannten Welten miteinander verbinden – oder es zumindest versuchen. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers sagte mal über Friedrich Nietzsche, er habe zu allem zwei Meinungen. Ganz ähnlich führe ich in diesem Buch einen inneren Dialog mit philosophischen und persönlichen, theologischen und praktischen Ansichten auf den (oder meinen) christlichen Glauben. Zwei Sichtweisen, die sich in meinem Inneren ununterbrochen unterhalten, teilweise auch miteinander diskutieren, manchmal sogar streiten.

Als Pastor begegnen mir in theologischen Diskussionen oder seelsorglichen Gesprächen häufig zwei Arten von Menschen. Ziemlich pauschalisierend, ich weiß, aber die Einordnung hilft: Typ eins hat genug von einfachen Antworten. Ihr oder ihm reichen schnelle

Erklärungsversuche nicht mehr aus. Diese Person will alles ganz genau wissen, bis ins kleinste Detail. Typ zwei hingegen hat genug vom Komplizierten. Sie oder er braucht klare Ansagen, eindeutige Statements und schlichte Lösungen. Doch bei beiden Typen von Menschen kommt es irgendwann, zumindest bei genauerem Hinsehen, zu gewissen Schwierigkeiten und Problemen: Typ eins vergisst, dass es für viele Themen rund um den christlichen Glauben keine logischen Erklärungen gibt. Vieles bleibt ein Geheimnis. Und das weiß ich aus eigener Erfahrung ziemlich gut: Nach meinem Theologiestudium mit Promotion und Habilitation in Basel, Heidelberg und Leipzig hatte ich mehr Fragen als Antworten. Die Schwierigkeit bei Typ zwei ist, dass einfache Antworten, Schwarz-Weiß-Kategorisierungen und Richtig- oder Falsch-Aussagen vielleicht helfen, aber nicht zwingend tragen. In Glaubenskrisen kann man, ziemlich schnell und fast unbemerkt, in ein schwarzes Loch hineinfallen, das einen mit allen für gültig geglaubten Antworten verschlingt. Und auch das weiß ich aus persönlichem Erleben, wenn mir nahestehende Menschen von jetzt auf gleich mit der Sache mit Gott abschließen und den Glauben an den Nagel hängen.

Als Theologe merke ich, dass beide Typen etwas gemeinsam haben: Sie haben und brauchen einen Gott für ihre (Glaubens-) Schublade. Und das ist ja auch irgendwo normal. Denn hinter vielen Glaubenshaltungen stecken, bewusst oder unbewusst, tiefe menschliche Ängste. Der eine Typ, der sich auf keine einfachen Antworten einlässt, versucht oft, mit Wissen und Differenzierung die Angst vor einem Glauben zu bändigen, der sich nicht kontrollieren lässt. Vielleicht ist es, wie der Psychoanalytiker Fritz Riemann sagt, die Angst vor Hingabe oder die Angst vor Beständigkeit, die diesen Menschen dazu bringt, immer wieder alles hinterfragen zu müssen, um sich selbst treu zu bleiben. Der andere Typ, der klare Ansagen braucht, will vielleicht der Angst vor Veränderung und Unsicherheit entkommen und sucht deshalb Halt in einfachen Wahrheiten, vertrauten Strukturen und klaren Regeln.12

Beides sind verständliche Reaktionen. Wo der eine also (nur) das glauben kann, was sich logisch erklären lässt, blendet der andere mögliche – und oft sehr berechtigte – Anfragen an Glauben und Kirche einfach aus. Gott weiß schließlich am besten, wer er (nicht) ist und was er (nicht) tut – und die Bibel ist darin ja auch völlig klar …

So entsteht entweder ein unpersönlicher, distanzierter und abstrakter „Denk-Gott“, der zwar nicht viel Trost spendet, aber wenigstens keine Überraschungen bereithält – oder ein weichgespülter, harmloser und bequemer „Plüsch-Gott“, der zwar gut ins Leben passt, aber bei echten Krisen kaum trägt. Ob durch Verkomplizierung oder Vereinfachung: Beide Glaubenstypen versuchen auf ihre Weise, einer bestimmten Grundangst des Glaubens aus dem Weg zu gehen: der Angst, dass Gott „nicht sicher“ oder „ganz anders“ ist, als man bisher gedacht oder geglaubt hat.

Und doch sind Unsicherheit und Andersheit, zumindest mit Blick auf den Glauben, richtig(er) und wichtig(er) – das versuche ich dir zumindest in diesem Buch zu zeigen. Denn ich möchte dir und mir einen dritten, einen alternativen Weg vorstellen, wie man sich dieser Angst mit Mut stellen kann. Ich möchte dich einladen, über einen Glauben nachzudenken, der sich weder in zu detailreichen Erklärungen (Denk-Gott) noch in zu simplen Antworten (Plüsch-Gott) verliert.

Eine der eindrücklichsten, vielleicht aber auch befremdlichsten Geschichten über Jesus finden wir gleich in allen vier biblischen Evangeliumsüberlieferungen. Hier nach der Version von Johannes:

Das Passafest der Juden stand kurz bevor. Da ging Jesus nach Jerusalem. Im Tempel traf er auf Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften. Auch Geldwechsler saßen dort. Da machte Jesus sich aus Stricken eine

Peitsche und jagte sie alle aus dem Tempel hinaus –samt ihren Schafen und Rindern. Die Münzen der Geldwechsler schleuderte er auf den Boden und stieß ihre Tische um. Zu den Taubenhändlern sagte er: „Schafft das weg von hier! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Seine Jünger erinnerten sich daran, dass in der Heiligen Schrift steht: „Der Einsatz für dein Haus wird mich aufreiben!“

Johannes 2,13-17

In der Antike war es üblich, Geschichten wie diese einfach vorzulesen, statt sie auszulegen. Man ließ die Erzählung für sich selbst sprechen, statt sie zu Tode zu interpretieren. Denn jede Auslegung raubt auch immer etwas von der Dramatik der Geschichte. Mit jeder Interpretation geht auch das Geheimnisvolle an der Erzählung verloren. Und diese sogenannte „Tempelreinigung“ – oder besser gesagt: dieses Randalieren von Jesus im Tempel – ist absolut dramatisch. Was hier passiert, ist so was von geheimnisvoll. Da kann man noch so viele Superlative, Steigerungsformen oder Übertreibungen verwenden: Keine kommt an das völlig Verrückte heran, was hier passiert. Was macht Jesus hier, bitte? Wieso geht er so radikal vor? Was soll dieser Krawall? Was soll dieser Aufstand? „Jesus, komm doch mal runter! Was bist du denn so aggressiv? Cool down! Halte deinen Zorn mal im Zaum. Das steht doch nur im Widerspruch zu dem, was du sonst so lehrst und lebst. Wo bleibt dein ‚die andere Wange hinhalten‘ und dein ‚Liebet und betet für eure Feinde‘?“

Aber noch verrückter ist die Tatsache, dass Jesus nicht nur einmal, sondern wahrscheinlich gleich zweimal im Tempel randaliert hat – diese Überzeugung vertreten zumindest manche Auslegerinnen und Ausleger. Er hat also zwei Straftaten begangen – im Johannesevangelium ist es am Anfang (Kapitel 2), bei den anderen Evangelien am Ende seines Wirkens (Matthäus 21; Markus 11; Lukas 19).

Wir lesen in der Bibel an zwei unterschiedlichen Stellen davon, wie Jesus im Tempel randaliert. Man kann fast sagen: Jesus hat sich das Randalieren im Tempel zur Gewohnheit gemacht. Das ist der Rahmen und die Klammer von Jesu Leben hier auf der Erde. Und diese Randale waren anfangs die Ursache dafür, dass er von den führenden Juden und Priestern verfolgt wurde. Und zuletzt waren sie der Hauptgrund für seine Gefangennahme.

Ich bin der Überzeugung, man darf die Geschichte der Tempelreinigung nicht im klassischen Stil auslegen. Man darf das nicht tun, damit die Geschichte eben ihre Dramatik behält und das Geheimnisvolle bleibt. Aber trotzdem will ich dich in diese Geschichte hineinführen. Und zwar mit einem Bild, das ich an die Geschichte herantrage, das aber passender nicht sein könnte. Und dieses Bild hilft hoffentlich zu verstehen – oder sich dem wenigstens anzunähern –, was hier eigentlich passiert. Dieses Bild will nämlich dazu verhelfen, das Unbekannte und Ungewöhnliche an Jesus zu entdecken und zu erleben. Genau genommen stammt dieses Bild aus einer weiteren Geschichte.

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Stell dir vor, du betrittst eine fremde, eine magische Welt. Eine Welt voller sprechender Tiere und verzauberter Landschaften. Aber auch eine Welt, wo sich der uralte Kampf zwischen Gut und Böse abspielt. Genau das erleben die Pevensie-Geschwister in Die Chroniken von Narnia, einer berühmten Fantasy-Buchreihe von C. S.  Lewis. Durch einen geheimnisvollen Kleiderschrank gelangen die vier Geschwister – Peter, Susan, Edmund und Lucy – in das verschneite Reich Narnia. Narnia ist ein Königreich, das von einer grausamen Weißen Hexe unterdrückt wird. Aber es gibt Hoffnung: Aslan, der wahre König von Narnia, wird eines Tages zurückkehren und für Frieden, Freiheit und Sicherheit sorgen. Und dieser Aslan ist kein gewöhnlicher Herrscher, sondern ein gewaltiger Löwe. Als

die Geschwister zum ersten Mal von Aslan hören, fragt Lucy, die Jüngste und Neugierigste von ihnen, beklommen: „Dann ist er also nicht sicher?“13 Daraufhin lacht Herr Bieber, einer der sprechenden Tierbewohner Narnias – so stelle ich mir die Szene zumindest vor –, und antwortet mit Nachdruck: „Sicher? […] Wer hat denn von sicher geredet? Natürlich ist er nicht sicher. Aber er ist gut. Ich sage euch doch, er ist der König.“ Und einige Zeit später bestätigt Herr Bieber seine Aussage erneut: „Wisst ihr, er ist wild. Nicht so wie ein zahmer Löwe.“14

Das Bild vom Löwen beschreibt ziemlich treffend, wie Jesus bei der Tempelreinigung agiert: Er agiert als Löwe. Als jemand, bei dem du dir nie ganz sicher sein kannst, der es aber immer gut mit dir meint. Im englischen Original der Narnia Geschichte klingt diese Tatsache über Jesus sogar noch treffender, irgendwie noch passender, wenn Herr Bieber betont: „Course he isn’t safe. But he’s good.“ Und später sagt er: „He’s wild, you know. Not a tame lion.“15

Bei unserem Glauben an Gott bleibt immer ein Rest Unsicherheit. Ja, diese Unsicherheit muss sogar bleiben: weil wir als Menschen Gott nie kontrollieren können. Wir können ihn nie ganz erfassen und wir können ihm auch nie vorschreiben, was er zu tun hat und was nicht. Und das macht unsicher. Löwen lassen sich nicht zähmen –genauso wenig Gott: Gott lässt sich nicht zähmen. Er lässt sich nicht bändigen. Er lässt sich nicht in den Griff bekommen. Und deswegen werde auch ich das Verhalten von Jesus im Tempel jetzt nicht rechtfertigen – das passiert nämlich schnell, im Sinn von: „Jesus darf das! Er ist schließlich der Hausherr des Tempels. Er kritisiert doch völlig zu Recht die Profitsucht und das Konsumverhalten der Verkäufer und Käufer, die aus dem Heiligtum einen profanen Markplatz machen. Er verteidigt hier also nur sein Revier.“ Aber wenn ich das sage, wenn ich Jesus so verteidige, dann versuche ich schon wieder, Jesus vorzuschreiben, was er machen darf und was nicht. Ich stutze ihm gewissermaßen die Klauen.

Dorothy L. Sayers, eine englische Schriftstellerin aus dem 20. Jahrhundert, bringt das mal so auf den Punkt:

Die Leute, die Jesus damals ans Kreuz schlugen, haben ihn niemals, und das muss man ihnen lassen, beschuldigt, langweilig zu sein – ganz im Gegenteil: Er war ihnen zu dynamisch, als dass man sich seiner sicher sein könnte. Es blieb erst späteren Generationen vorbehalten, diese alle Konventionen aufbrechende Persönlichkeit einzumummeln und ihn in einer Aura von Langeweile zu verpacken. Wir haben dem Löwen von Juda gründlichst die Klauen gestutzt, ihn als „demütig“ und „milde“ zertifiziert und ihn als passendes Kuscheltier […] empfohlen.16

Jesus ist nicht langweilig. Ganz im Gegenteil: Er ist energisch, er ist unberechenbar, er ist nicht sicher – aber trotzdem gut. Nur kann es sein, dass wir als gläubige Menschen manchmal ein Problem damit haben, dass wir uns Gottes nicht sicher sein können? Stört es dich nicht auch manchmal, dass Gott Dinge tut, die dir eigentlich nicht passen, obwohl er es anscheinend gut mit dir und anderen meint? Oder regt es dich nicht auch kolossal auf, dass Gott manchmal bestimmte Dinge nicht tut (dass er plötzlich nicht mehr redet, nicht mehr eingreift), obwohl du doch genau das von ihm erwartet hast, obwohl du doch genau daran glaubst? Und macht dir nicht gerade das auch manchmal Angst oder löst zumindest ein komisches Gefühl bei dir aus?

Vielleicht war das damals, im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus, auch schon so: dass auch schon die ersten Christenmenschen ihre Probleme mit so einem wilden Jesus hatten. Und dass er deshalb Stück für Stück in ein niedliches Kuscheltier umgeglaubt oder um-geformt wurde. Wie komme ich auf diese Spekulation? Das Johannesevangelium, das einige Jahre später als die

anderen Evangelien entstanden ist, erzählt uns die Geschichte der Tempelreinigung um einiges radikaler, um einiges extremer als die anderen. Fast so, als ob sich auch schon bei den ersten Christenmenschen so ein Kontrollieren-Wollen Gottes eingeschlichen hat und Johannes noch mal einen draufsetzt. Fast so, als ob Johannes deutlich machen will: Gott lässt sich nicht kontrollieren. Er ist ein wilder Löwe. In seiner Beschreibung und Darstellung der Tempelreinigung ist Johannes radikal und extrem: Bei ihm hat Jesus eine Peitsche in der Hand, bei den anderen Evangelisten nicht. Im Johannesevangelium treibt Jesus wirklich alle Menschen hinaus –nicht nur die Verkäufer und Käufer wie bei den anderen Evangelien, sondern alle! Auch die Kinder, auch die Besucherinnen und Besucher, auch die Gäste, alle! Und bei Johannes jagt Jesus sogar die Tiere aus dem Tempel, bei den anderen Evangelientexten ist das nicht so.

Noch einmal: Jesus ist nicht sicher, aber er ist gut! Gerade dort, wo du Jesus nicht verstehst, ist er gut! Auch dort, wo du dich fragst: „Warum machst du das, Jesus?“, oder: „Warum lässt du das zu, Jesus?“, auch dort ist er gut. Denn überall dort, wo du Jesus als Löwe in deinem Leben erfährst, dort begegnet er dir auch als Lamm. Weil er eben beides ist: nicht sicher, aber gut! Auch bei der Tempelreinigung agiert Jesus nicht nur als Löwe, auch dort handelt er als Lamm: Er treibt als wilder Löwe zwar alle Opfertiere aus dem Tempel heraus, aber damit macht er vor allem deutlich, dass er das wahre Opfertier, das wahre Lamm Gottes, ist. Dass Gott sich nicht zu schade war, seinen einzigen Sohn für uns hinzugeben, damit wir ein erfüllendes und ewiges Leben haben.

Ich wünsche mir, dass du Gott in diesem Buch als Löwen erkennst und erlebst. Manchmal begegnet er dir in diesem Buch auch als Lamm, vor allem aber als Löwe. Das ist vielleicht nicht sicher, aber immer gut. Möglicherweise ist es deshalb kein sicheres Lesen, aber ein gutes Lesen, das sich hoffentlich für dich und vielleicht sogar für die Menschen, mit denen du unterwegs bist, lohnen wird.

Also lass dich doch mal auf diesen riskanten Gedanken ein, Gott in diesem Buch als den „nicht sicheren“ und „ganz anderen“ anzutreffen.

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