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Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

© 2026 R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Str. 41, 71088 Holzgerlingen brockhaus-verlag.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen

Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Stuttgart

Innengestaltung: Kathrin Spiegelberg, spika-design.de

Titelbild: Bella Hegarty, unsplash

Fotos Innenteil: Cathy Zindel / Rolf Roider / Daniel Zindel / unsplash.com

Druck und Bindung: Finidr s.r.o.

Gedruckt in Tschechien

ISBN 978-3-417- 01063-3

Bestell-Nr. 227.001.063

Vorwort

1 Rufinalta

Vom Geheimnis unseres Gedächtnisses

2 Höhsäss

Von der Kraft der Erinnerungen

3 Scära

Wie gute Erinnerungen unsere Dankbarkeit stärken

4 Pavig

Wie man sich mit unguten Erinnerungen aussöhnt

5 Rothorn

Von biografischen Weichenstellungen und nicht erreichten Zielen

6 Miesbach

Wenn Gott und das Leben zum unlösbaren Rätsel werden

7 Lerch

Eigene Erinnerungen umdeuten

8 Schärmenbach

Das biografische Rollenbuch verstehen lernen

9 Hinterberg

Wenn Menschen sich mausern

10 Furna

Das Vermächtnis des eigenen Lebens

11 Riedi

Zukünftiges gestalten

12 Rufinalta

Leben in der Gegenwart

Nachwort

Danke

Anmerkungen

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser, ich möchte Sie morgen auf eine Bergtour mitnehmen. Ob es gefährlich wird? Kaum. Es wird eine harmlose, technisch leichte Wanderung sein, keine Hochgebirgstour. Sie ist auch als gewöhnlicher Wanderweg ausgeschildert. An einer Stelle würde ich gerne vom o ziellen Weg abweichen und eine alternative Route über das Rothorn einschlagen. Ich kenne diese Strecke über den Kamm zwar nur von einer Tour auf meinen Skiern vom Winter her, vielleicht braucht es auf dieser Route etwas Trittsicherheit. Wir werden einen Hirten fragen, der uns darüber Auskun geben kann. Im Zweifelsfall lassen wir den Abstecher und nehmen den normalen Wanderweg über die Hochebene. Wir werden an sechs Alpen vorbeikommen: Rona, Scära, Sattel, Pavig, Vernezza und Lerch. Einige dieser Alpen sind Kuhalpen, wo gemolken und Käse hergestellt wird. Auf den anderen werden Rinder und möglicherweise auch Mutterkühe mit ihren Kälbern geweidet. Ein wunderschöner Anblick, diese Mutterkühe mit ihren Jungen! Säuglinge sind es nicht mehr, die benehmen sich eher wie Teenager. Aber aufgepasst, wir dürfen den Jungen trotzdem nicht zu nahe kommen Die Mütter hüten ihren kostbaren Nachwuchs und sind auch bereit, ihn notfalls zu verteidigen. Es ist kein erhebender Anblick, wenn eine Mutterkuh mit ihren Vorderbeinen wild zu scharren beginnt und dann mit gesenktem Haupt auf dich zurast.

Ich habe manche Erinnerungen an die einzelnen Orte. Zum Beispiel an Vernezza: Gleich nach dieser Alp durchquert man ein kleines Tobel*, in dem ein Bergbach ießt. Es war auch so ein heißer Tag, wie ihn das Wetter morgen verspricht, als meine Frau und ich unweit des Wander-

* Ein Tobel ist ein enges Tal oder eine Schlucht, durch die sich manchmal auch ein Wasserlauf zieht. Bei Gewitter oder Schneeschmelze kann es durch den schnell steigenden Wasserpegel für Wanderer durchaus gefährlich werden.

wegs an dessen Wasser rasteten. Es gibt dort ein natürliches Becken, das wie eine große, runde Badewanne aussieht, die von oben herab von einem kleinen Wasserfall gespeist wird. Ein paar schwarz gebrannte Steine neben dem Becken zeugen von einer unlängst gebrauchten Feuerstelle. O enbar haben auch noch andere diesen lauschigen Platz für sich entdeckt.

Ich lege mich also nur für kurz – lange hältst du es im eiskalten Wasser nicht aus – in diese natürliche Badewanne, und du glaubst es nicht: Auf unserer Wanderung haben wir stundenlang keine einzige Menschenseele angetro en, aber gerade in dem Moment, als ich mich in das Wasser begeben habe, kommt von unten auf dem Weg ein Hund daher. So ein ekliger Klä er. Er erblickt in dem alten weißen Mann im Bach ein willkommenes Opfer und aktiviert sofort seine Kernkompetenz: Er klä laut und lässt sich nicht beruhigen.

Da erscheinen zwei Damen. Eine von beiden trägt einen großen, violett eingefärbten Strohhut. Der Strudel im Becken verhüllt zum Glück meinen Leib. Ich verziehe mein Gesicht, das sie wohl als freundliches Grüßen deuten. Dabei stöhne ich innerlich vor Kälte. Mein Körper beginnt schon langsam gefühllos zu werden. Die Frauen beruhigen mit endloser Geduld den Hund und winken mir ihrerseits freundlich zu. Zu allem Über uss ziehen sie jetzt noch ihre Handys hervor und schießen ein paar Bilder. Sie haben diese Schnappschüsse sicher auf Instagram gepostet, als hätten sie das ultimativste ermalbad der Alpen entdeckt, während ich dann bald den Erfrierungstod gestorben wäre.

Eigenartig, dass mir diese Erinnerung noch so präsent ist. Je stärker unsere Emotionen und körperlichen Emp ndungen bei einem Erlebnis sind, desto besser bleibt es in unserem Gedächtnis ha en. Diejenigen Eindrücke scheinen wie eingebrannt, wo es besonders peinlich, witzig, überraschend, schön, gefährlich, beschämend, verletzend, schmerzha , verstörend, göttlich oder lustvoll zuging. O bleiben uns gerade Einzelheiten im Gedächtnis, wie dieser kleine Klä er oder jene violette Kopfbedeckung, die so gar nicht zu einer Bergwanderung passte.

Je stärker unsere Emotionen und körperlichen

Empfindungen bei einem Erlebnis sind, desto besser bleibt es in unserem Gedächtnis haften.

Dass unser Gedächtnis so funktioniert, hat vielleicht auch mit dem Überlebensinstinkt unserer Vorfahren zu tun. Die Stelle, wo du dich vor einem Säbelzahntiger auf einen Baum retten musstest, oder die Lichtung, auf der du dich in eine attraktive Höhlenbewohnerin verliebt hast, vergisst du nicht so schnell.

Trotz der vorausgesagten Hitze müssen wir morgen nur eine kleine Trink asche mitnehmen. Denn auf jeder Alp füllen wir diese nach. Wir werden die Wanderung mit verschiedenen Degustationen von Quellwasser verbinden. Keine Quelle schmeckt gleich.

Wer seine Erinnerungen gut hütet, trinkt aus köstlichen Quellen. Aber man muss über ihre Qualität wachen.

Nehmen Sie wenige Kleider mit. Es wird ein warmer Sommertag werden, wenn auch etwas schwül. Ich habe eben den Regenradar konsultiert, die ersten Gewitter sollen erst gegen Abend reinkommen. Nehmen Sie aber trotzdem einen Regenschutz mit, man weiß nie. Und viel Proviant! Wir werden lange auf den Beinen sein, auch wenn wir uns ho entlich für das letzte Wegstück eine Mitfahrgelegenheit ergattern können. Worüber wir den lieben langen Tag sprechen werden? Wie gesagt, uns werden sicher Geschichten in den Sinn kommen, die wir einander erzählen können. Je älter ich werde, desto wichtiger werden mir meine Erinnerungen. Sie nehmen in meinem Alter einen immer größeren Raum ein. Während das Zeitfester meines Lebens nach vorne hin immer kleiner wird, werden die Jahrzehnte, die ich zurückgelegt habe, immer zahlreicher.

Ich suche meinen Erinnerungsraum gerne auf. Es kommt mir vor, als beträte ich eine Schatzkammer. Ich durchschreite sie heiter und staunend, bewege mich darin wie in einem Museum. Aber anstelle des üblichen Verbotsschilds »Berühren verboten« steht in meiner Schatz-

kammer die Einladung: »Berührung empfohlen«. Ich bewege mich in meinem Erinnerungsraum wie in unserer Wohnung, wo wir gelegentlich Dinge neu ausrichten, zuweilen etwas abstauben, einzelne Dinge entsorgen oder wieder mal das Tafelsilber polieren.

In einem aufgeräumten Lebenshaus lebt es sich leicht. Das ist nicht bei allen Menschen der Fall: Ich habe einmal eine siebenundachtzigjährige Frau im Altenheim besucht. Sie schilderte mir in allen Farben – das heißt in allen düsteren Grautönen – den Verrat ihrer Freundin. Diese hatte ihr, als sie achtzehn Jahre alt war, also damals vor fast siebzig Jahren, ihren Verlobten ausgespannt. Darüber ist sie nie hinweggekommen.

Jetzt, im Alter, wurde ihr das zum »Lieblingsthema«, über das sie täglich sprach. Nur dass sie sich dadurch ihre Tage nicht versüßte, sondern sie in schöner Regelmäßigkeit mit Ballast und Bittersto en versetzt hat. Ich ho e für mich, wenn es bei mir im oberen Stübchen auch einmal zu einer solchen Endlosschleife kommen sollte, dass sich dann eine meiner Lieblingsmelodien als Perpetuum mobile einstellt und nicht die Kakofonie einer unverdauten Episode meines Lebens.

Ich nenne diese Arbeit an der eigenen Lebensgeschichte »Hirtenzeit«. Das hat eine doppelte Bedeutung. Zum einen bin ich der Hirte meiner Erinnerungen. So wie die Hirtinnen und Hirten hier oben jedem ihrer Tiere nachgehen und über ihnen wachen, so hüten wir die einzelnen Geschichten und Erinnerungen unseres Lebens. Welche Gestalt, welche Farbe, welchen Klang hat jede einzelne Episode? Ein guter Hirte hat aber nicht nur das einzelne Tier vor Augen, er hat auch die ganze Herde im Blick. So suchen wir im Rückblick dankbar und kritisch zu verstehen, wie sich die einzelnen Ereignisse und Geschichten unseres Lebens zu einer Biogra e verwoben haben.

Es kann nicht schaden, wenn wir dabei geordnet vorgehen. Wenn wir an und mit unseren Erinnerungen arbeiten, wühlen wir nicht einfach wahllos im Vergangenen wie in einer unaufgeräumten, vollgestop en

Schublade. Wir bearbeiten unsere Erinnerungen in Etappen – so wie wir morgen auf unserer Wanderung auch Wegstück um Wegstück zurücklegen werden.

Seien Sie unbesorgt, kein Stress! Wir lernen das von den Hirtinnen und Hirten hier oben. Sie halten ihre Herde nicht ständig auf Trab, aber sie beobachten sie sorgsam. Sie wechseln ab und zu die Weideräume –eine Tätigkeit, die sie »zügeln« nennen. Sie kontrollieren die Zäune, verbinden verletzte Tiere und halten die Feinde von der Herde fern. Und dennoch nden diese Lebenskünstler hier oben auch mal Zeiten für ein trautes Schäferstündchen.

Zum anderen laden wir Gott als den guten Hirten ein, unsere Erinnerungen in seine Hut zu nehmen. Denn es ist nicht egal, von welcher Warte her man sein Leben deutet und von welchem Referenzpunkt her wir Bilanz ziehen. Da muss man auch auf der Hut sein! Beurteilen wir unsere Biogra e von den Karrierezielen her, die wir erreicht oder aber verpasst haben? Von unserem materiellen Wohlstand? Von der Anzahl der Kinder und Enkel? Von dem Kreis der Freunde, der gesellscha lichen Stellung her? Von der Summe des Glücks oder dem Gewicht des Leids im Leben? Von woher verstehen wir und wie bewerten wir unsere Biogra e?

Wir sind eingeladen, unsere Erinnerungen unter dem Blick der liebenden Aufmerksamkeit Gottes zu bewegen und zu bewerten.

Ich lade Sie immer wieder dazu ein, Ihre Erinnerungen unter dem Blick der liebenden Aufmerksamkeit Gottes zu bewegen und zu bewerten. Dann wird die Hirtenzeit auch zur Gesprächszeit mit unserem himmlischen Hirten. Wir holen uns sein Feedback immer wieder mit folgender Bitte ein: »Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken. Sieh, ob ein gottloser Weg mich verführt, und leite mich auf ewigem Weg.«1

Unter seinem Blick werden die Erinnerungen an unsere Lebensgeschichte schöner und kostbarer, als wir gedacht haben. Das vertie unsere Dankbarkeit. Manchmal jedoch erscheinen gewisse Episoden in seinem Licht auch fragwürdiger, ja, schuldbeha eter, als es uns bis anhin bewusst gewesen ist. Dann dürfen wir das eine oder andere Gewicht, das wir in unserem Lebensrucksack mitschleppen, unserem himmlischen Hirten abgeben. Er kennt uns. Er ru uns bei unserem Namen. Er setzt sein Leben ein für seine Schafe.2 Die Zeit, die wir bei unserem biogra schen Rückblick mit unserem himmlischen Hirten verbringen, steht unter einem besonderen Schutz. Das brauchen wir: »Früher seid ihr umhergeirrt wie verlorene Schafe. Aber nun seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, dem Beschützer eurer Seelen.«3

Sie fragen, ob uns morgen auf unserem Weg ein Wolf begegnen wird. Es gibt ein Rudel ganz in der Nähe. Einer meiner Kon rmanden hat kürzlich, als er zu Bett ging, vom Fenster seines Schlafzimmers aus ihr Geheul aufgenommen. Es klang ganz schön unheimlich, als er mir die Aufnahme vorspielte! Eine meiner Schülerinnen wurde letzthin von einem Wolf aus nächster Nähe angeknurrt. Ihre Lehrerin ließ darauf die Polizei kommen, welche die Schülerinnen und Schüler über das richtige Verhalten bei einer Wolfsbegegnung informiert hat. Also, falls wir morgen Lupo begegnen, dies sind die polizeilichen Ratschläge: Keine Panik! Keine Flucht! Sich groß machen! Rennen Sie also nicht davon, sondern bringen Sie sich aufrecht in Position, so wie im Leben sonst auch.

Möglicherweise wird für Sie die Wanderung, die wir morgen miteinander unternehmen, auch zu einer inneren Reise in Ihre eigene Vergangenheit. Dazu ein Tipp: So wie Sie für morgen Proviant und den Regenschutz einpacken, haben Sie doch stets etwas zum Schreiben dabei. Sie können damit Ihre Erinnerungen auf der Wanderung durchs Leben wie ein Kapitän zu Papier bringen, der täglich sein Logbuch führt, wenn er auf hoher See unterwegs ist.

Ich bin als Wanderleiter dafür zuständig, dass wir morgen Abend wieder heil zu Hause sind. Wie Ihre innere Reise verläu ,

das bestimmen Sie. Allenfalls zusammen mit Ihrem himmlischen Hirten, wenn Sie ihn einladen, auch noch ein Wort oder Wörtchen mitzureden.

»Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen«, soll der Poet Matthias Claudius gesagt haben. Mit Sicherheit wird das auch für den morgigen Tag gelten.

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Rufinalta

Vom Geheimnis unseres Gedächtnisses

Ein herzha es Jodeln weckt mich. Es wird von einem brummenden Geräusch begleitet. »Das ist der Schindelmacher, der auf seinem Moped zum Adamsgada hochfährt«, geht es mir durch den Kopf. Beim Gedanken an ihn muss ich trotz meiner Restschläfrigkeit schmunzeln.

Draußen ist es noch dunkel. Gut, dass der Schindelmacher mich so früh aus dem Schlaf jodelt. Ich will heute auf den Hochwang. Der Tag wird heiß werden, der Weg auf den Berg ist lang, und gegen Abend sind Gewitter angesagt. Aber bis dann werde ich längst zurück in der sicheren Hütte sein und zuschauen, wie der hölzerne Wasserspeier die frühsommerlichen Wassermassen des Berggewitters vom Dach auf die Wiese hinunterspritzt.

Das Jodeln ebbt ab. Jetzt ist es wieder völlig still. Ich höre nur noch das leise Plätschern des Brunnens vor der Hütte. Er wird aus zwei Röhren gespeist, deren Wasser je von einer separaten Quelle herkommen. Die eine sprudelt krä ig mit stolzem Strahl, während die andere ihr Wasser in einem stillen, dünnen Faden dem Brunnen abgibt. Im letzten Hitzesommer, als hier oben manche Quelle versiegt war, tröpfelte die krä ige Quelle wie ein Prostatiker beim Wasserlassen, während der dünne Strahl der »schwachen« stetig wie immer oss. Von diesem zuverlässigen Wasserfaden lebten wir in jenen Sommermonaten. Uns wurde täglich vor Augen geführt, dass Ausdauer eine verkannte Stärke ist.

Der Schindelmacher wird jetzt oben angekommen sein. Der Adamsgada ist eine Alphütte mit einem angebauten Holzstall. Die Hütte wird gerade mit neuen Holzschindeln eingedeckt, die der Schindelmacher vor Ort herstellt. Zu diesem Zweck hat er gefällte Lärchen herbringen lassen. Mit seiner Motorsäge schneidet er die Stämme in Holzklötze von einem guten halben Meter, die er mit seinem Spalthammer viertelt. Dann grei er zu Spaltkeil und Schindelhammer und spaltet dem natürlichen Faserverlauf des Holzes entlang eine Schindel nach der anderen ab. »Du musst immer mit dem Holzverlauf arbeiten, nie dagegen«, sagte er mir einmal viel später, als wir nach einem Kon ikt Freunde geworden waren. Wir sollten nicht gegen den Widerstand arbeiten, den uns Menschen entgegenbringen, etwa unsere Kinder oder Mitarbeitende. Die Widerstandskra , die tief in uns Menschen steckt, sollten wir nicht brechen, sondern sie verstehen und auf gute Ziele umlenken lernen.

Die Widerstandskraft, die tief in uns Menschen steckt, sollen wir nicht brechen, sondern sie auf gute Ziele umlenken lernen.

Der Schindelmacher ist ein Trotzkopf. Er hat seinen Hammer schon mal auf eine Demonstration in die Kantonshauptstadt mitgenommen. Er soll damals in Chur gegen die Coronamaßnahmen protestiert haben. Zwar

habe er dort schon auch eine Maske getragen, aber eine selbst gebastelte, die er aus Tannenreisern aus seinem Bergwald gefertigt hätte. Auf der Heimfahrt habe er im Zug ganz auf sie verzichtet, bis der Scha ner kam und ihm befohlen hatte, sofort eine Maske anzuziehen. Darau in soll er mit drohendem Blick auf seinen Schindelhammer gezeigt haben, der neben ihm auf dem Sitz lag. Auf der Stelle soll der Scha ner kehrtgemacht haben und ward nicht mehr gesehen.

Diese Anekdote hat mir der Schindelmacher selbst erzählt. Ist sie wahr? Zuzutrauen wäre es ihm. Bei unserer ersten Begegnung war er mir gegenüber eigenwillig und etwas borstig. Da kam er als Letzter in den Gottesdienst, den ich in der kleinen Bergkirche zum ersten Mal leitete. Ein etwa siebzigjähriger Mann mit einem langen, struppig-grauen Bart, gekleidet in grobes, einheimisches Tuch, das in zeitloser Mode des letzten Jahrhunderts geschneidert war.

Der Schindelmacher ist ein äußerst rüstiger Mann. Bei einem medizinischen Check attestierte ihm der Arzt eine tadellose Gesundheit. »Treiben Sie Sport?«, hätte der Doktor ihn gefragt. »Jawohl, Holzsport!«, sagte der Schindelmacher.

Da setzt er sich also direkt vor meine Kanzel und grinst zu mir hinauf. Die Gesichter der übrigen Gottesdienstbesucher kann ich kaum lesen, da sie alle Masken tragen. Der Schindelmacher trägt keine und strahlt mich an, als wolle er sagen: »Jetzt schauen wir mal, wie du da oben reagierst.« Ich formuliere ein kurzes Stoßgebet gen Himmel und habe den Eindruck: »Lass es laufen.« Meine Verkrampfung löst sich, ich lächle den mir noch unbekannten, wilden Mann an und gestalte den Gottesdienst bis zum Ausgangsspiel. Unter den Orgelklängen schreitet der Schindelmacher mit freiem Antlitz an den maskierten Gesichtern der Gottesdienstbesucher vorbei und verlässt als Erster die Kirche. »Das kann ich mir nicht noch einmal bieten lassen«, denke ich. Eine Woche später wurden von der Landesregierung alle Coronamaßnahmen oziell aufgehoben. Manche Kon ikte lösen sich von selbst.

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