John Mark Comer
Leben vom Meister lernen
![]()
Leben vom Meister lernen
Practicing the way
SCM R. Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden in den in diesem Buch wiedergegebenen Erlebnisberichten einige Namen und Umstände geändert.
© der deutschen Ausgabe 2024
SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de
Originally published in English under the title Practicing the Way
Copyright © 2024 by John Mark Comer
This edition published by arrangement with WaterBrook, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC.
Published in association with Yates & Yates, www.yates2.com.
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.
Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen
Weitere verwendete Bibeltexte sind wie folgt gekennzeichnet:
BU – Das Buch. Neues Testament, Psalmen, Sprichwörter – übersetzt von Roland Werner © 2022 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen.
ELB – Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
HFA – Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel
NGÜ – Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft, Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
ZB – Zürcher Bibel © 2007 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich. LUT – Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Übersetzung: Renate Hübsch
Lektorat: Imke Früh
Umschlaggestaltung: SONNHÜTER www.sonnhueter.com
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Gedruckt in Deutschland
ISBN 978-3-417-01015-2
Bestell-Nr. 227.001.015
Markus 2,14
Mögest du mit dem Staub deines Rabbis bedeckt sein.1
Jüdischer Segen aus dem 1. Jahrhundert
Wem folgst du?
Jeder folgt irgendwem – oder zumindest irgendwas.
Mit anderen Worten: Wir sind alle Jünger. Die Frage ist nicht: Bin ich ein Jünger? Die Frage muss heißen: Wessen Jünger bin ich?
Ich weiß, ich weiß. Was ich gerade gesagt habe, grenzt in unserer modernen Welt an Ketzerei. Wir wollen so gerne glauben, dass wir – und nur wir – unseren Kurs bestimmen, unser Schiff steuern und unser Schicksal in der Hand haben. Wir legen es darauf an zu führen, nicht zu folgen. Aber: Wie gut klappt das bei dir?
Vielleicht spürst du auch manchmal dieses nagende Gefühl, das fragt: Ist mein Leben wirklich das Leben, das ich mir zutiefst wünsche?
Ich bin an der Westküste der USA geboren und aufgewachsen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die USA im Allgemeinen, und mein Heimatstaat Kalifornien im Besonderen, auf das gegründet ist, was Soziologen den »Mythos des robusten Individuums« nennen. Dr. Robert Bellah nannte es den »radikalen Individualismus« und sagte, er sei das entscheidende Merkmal Amerikas.2
Und doch ist »niemand eine Insel«, wie der Dichter John Donne einmal feststellte.3 Oder in den Worten von Tish Harrison Warren, einer Kolumnistin der New York Times: »Niemand von uns kommt
von selbst zu dem, was er glaubt. Die Welt hat keine Freidenker.«4
Du siehst, ich bin nicht der einzige Kulturketzer hier …
Mächtige Kräfte in unserer Gesellschaft haben ein ganz persönliches Interesse daran, dass wir den Mythos glauben, wir würden niemandem folgen – und es ist ein Mythos, so viel steht für mich fest. Viele der kulturellen Liturgien, mit denen wir täglich indoktriniert werden – »Bleib dir selbst treu!«, »Mach dein Ding!«, »Sag, was du willst!« –, lassen sich auf Quellen mit einer fragwürdigen Agenda zurückführen.5 Wenn »sie« – seien es multinationale Konzerne, Politiker, demokratiefeindliche Regierungsvertreter, Marketingabteilungen oder Influencer, die einfach nur mehr Anhänger wollen, oder, oder, oder – uns weismachen können, dass jeder Mensch ein unbeschriebenes Blatt ist, das nur dem inneren Kompass seines »authentischen Selbst« auf dem Weg zu seinem persönlichen Glück folgt, dann können sie uns blind machen für all die Wege, auf denen wir entsprechend ihren Wünschen »geschult« – geformt und manipuliert – werden.
Es ist ein alter Trick zur Täuschung eines Opfers, es glauben zu lassen, der jeweilige Plan sei die eigene Idee gewesen. Will heißen: Der Schlüssel, um Menschen dazu zu bringen, uns zu folgen, ist, sie davon zu überzeugen, dass sie überhaupt niemandem folgen.
Mit dem Aufstieg der Social-Media-Imperien und ihrer schaurigen digitalen Algorithmen haben diese mächtigen Kräfte jetzt jedes Mal, wenn wir mit dem Daumen über unser Smartphone wischen, direkten Zugang zu unseren Bewusstseinsströmen. Was wir für Werbung, Nachrichtenlinks, Retweets und zufälliges digitales Treibgut halten, sind in Wirklichkeit Techniken zur massiven Verhaltensmanipulation, die darauf abzielen, unser Denken, Fühlen, Glauben, Einkaufen, Wählen und Leben zu beeinflussen. Um den Tech-Phi-
losophen Jaron Lanier zu zitieren: »Was früher Werbung genannt wurde, muss heute als unaufhörliche Verhaltensmodifikation in gigantischem Umfang verstanden werden.«6 Die »Welt« – wie sie im Neuen Testament genannt wird – formt uns ständig.
Aber zu was formt sie uns?
Denn zu irgendetwas entwickeln wir uns alle. Das ist der Kern der menschlichen Erfahrung: der Prozess, Person zu werden. Ein Mensch zu sein bedeutet, sich zu verändern. Zu wachsen. Sich zu entwickeln. Das ist von Gott so gewollt.
Die Frage ist nicht: Entwickele ich mich? Sondern: Zu wem oder zu was entwickele ich mich?
Wenn du dir vorstellst, wie dein Leben in den nächsten fünf Jahrzehnten verlaufen wird und wie du mit siebzig, achtzig oder hundert Jahren aussehen wirst, wenn du so weitermachst wie jetzt, was für eine Art von Mensch siehst du dann vor dir? Und: Erfüllt dich diese Vorstellung mit Hoffnung? Oder mit Schrecken?
Diejenigen von uns, die Jesus folgen wollen, müssen sich der Realität stellen: Wenn wir uns nicht ganz bewusst von Jesus formen lassen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir – ohne dass wir das beabsichtigen – von jemand oder etwas anderem geformt werden.7
Also, noch einmal: Wem folgst du?
Oder tiefer gehend gefragt: Auf wen vertraust du?
Auf wen setzt du, wenn es um die Frage geht, wer dir den Weg zeigen kann? Den Weg zu dem Leben, das du dir wünschst?
Entgegen der gängigen Meinung bin ich davon überzeugt, dass aus dem Glauben zu leben, etwas allgemein Menschliches und nicht etwas Christliches oder Religiöses ist. Wir leben alle aus dem Glauben.
Die Frage ist nicht: Glaube ich? Die Frage ist: An wen oder was glaube ich?
Das heißt, wem oder was soll ich mein Leben anvertrauen? Will ich tatsächlich mir selbst vertrauen – oder irgendeinem anderen Menschen? Geschöpfen, die sich, wie es scheint, selbst in den Schlamassel gebracht haben, den wir nun zu beheben versuchen?
Es ist nur menschlich, dass wir uns zu jemandem hingezogen fühlen – zu einer Berühmtheit, einem Guru oder einer historischen Figur – und uns wünschen, so zu werden wie diese Person. Das gehört zu der Grundausstattung, mit der Gott uns geschaffen hat, damit wir wachsen. Wir haben alle eine Vorstellung von dem idealen Leben, das wir anstreben. Und wenn wir eine Person oder ein Ideensystem finden, das zu verkörpern scheint, was wir uns wünschen, folgen wir diesem Menschen oder dieser Idee und setzen unser Vertrauen darauf. Oder, um es in eher christlichem Jargon auszudrücken: Wir glauben daran.
An wen glaubst du?8 Wer ist die Koryphäe deiner Wahl, die Person, für die du alles geben würdest, um ein paar Tage in ihrer Nähe zu leben? Mit anderen Worten: Wer ist dein Rabbi? Dein Meister?
Ich gehöre zu den vielen Menschen, die Jesus von Nazareth für das strahlendste Licht halten, das je die Bühne der Menschheit erleuchtet hat.
Als echter Bücherwurm konnte ich durch das Geschenk der Literatur schon einen Blick in die Köpfe einiger großer Denker werfen. Sie alle haben lobenswerte Eigenschaften – und auch einige nicht so lobenswerte. Aber je länger ich lebe und je mehr ich lerne, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass Jesus keine echte Konkurrenz hat – weder früher noch heute. Meiner Einschätzung nach hat kein anderer Denker, Philosoph, Anführer, keine Philosophie oder Ideologie die Kohärenz, Differenziertheit und tiefe Resonanz
in unserem Inneren wie Jesus und sein Weg. Und erst recht nicht solch atemberaubende Schönheit.
In unserem säkularen Zeitalter ist die Luft, die wir atmen, durchsetzt von Skepsis, Langeweile, Misstrauen gegenüber jeglicher Autorität und einer Neigung, uns die Wahrheit zurechtzubiegen, je nachdem, was wir uns gerade wünschen oder wie wir uns fühlen. In dieser kulturellen Atmosphäre ist jeder von uns Thomas, der Zweifler.
Aber selbst an Tagen, an denen ich Mühe habe, zu glauben, dass Jesus der war, der er zu sein behauptete (Spoiler: mehr als nur ein Rabbi), sehne ich mich danach, es zu glauben. Ich wünsche mir, dass die Vision vom Leben im Reich Gottes, die Jesus verkündet hat, wahr ist. Ich kann das Fazit seines Schülers Petrus aus tiefstem Herzen nachvollziehen:
Herr, zu wem sollten wir gehen? Nur du hast Worte, die ewiges Leben schenken.
Johannes 6,68
Ich zähle mich zu einer riesigen Anzahl Menschen auf der ganzen Welt und im Lauf der Geschichte, die zu dem Glauben gekommen sind: Es gibt einfach keinen besseren Weg, keine bessere Wahrheit und kein besseres Leben als Jesus von Nazareth.
Unter den unzähligen Möglichkeiten, die ich wählen kann, ist Jesus derjenige, dem ich folgen will. Wenn ich am Ende sowieso irgendjemandem folgen werde, kann ich mich auch bewusst dafür entscheiden, Jesus zu folgen.
Der Philosoph Dallas Willard sagte immer wieder: »Es gibt kein Problem im menschlichen Leben, das nicht dadurch gelöst werden könnte, dass wir bei Jesus in die Lehre gehen.« Jesus zu folgen oder,
wie ich es auf den nächsten Seiten beschreiben werde, bei Jesus in die Lehre zu gehen, ist die Lösung für das Problem der sogenannten conditio humana. Nenne dein Problem: Polarisierung in der Politik, Klimawandel, drohender globaler Krieg, erschreckend hohe Zahlen psychischer Erkrankungen, Sucht, christlicher Nationalismus, weitverbreitete Heuchelei unter christlichen Leitern oder schlicht unsere Unfähigkeit, freundlich zu sein …
Es gibt kein Problem im menschlichen Leben, das nicht dadurch gelöst werden könnte, dass wir bei Jesus in die Lehre gehen.
Möglicherweise hast du dieses Buch in die Hand genommen, weil du ernsthaft in Erwägung ziehst, Jesus zu folgen. Aber du willst vorher wissen, wozu genau du Ja sagst. Das ist weise. Jesus forderte potenzielle Schüler auf, sich ihm nicht anzuschließen, ehe sie »nicht die Kosten berechnet hab(en)« (Lukas14,28).
Vielleicht bist du auch bereits Christ, aber in deinem Herzen wächst der Wunsch, deinen Glauben ernster zu nehmen – ganz neu bei Jesus in die Lehre zu gehen. Aktiv daran zu arbeiten, dass du geistliches Wachstum erlebst, statt nur darauf zu warten, was sich eben zufällig so ergibt.
Oder du bist schon sehr lange mit Jesus unterwegs, aber du trittst inzwischen irgendwie auf der Stelle. Du steckst fest und sehnst dich danach weiterzukommen, Heilung auf einer tieferen Ebene zu erfahren. Du willst die Diskrepanz zwischen deinem Leben und dem Leben von Jesus, dem »wahren Leben«9, verkleinern oder ganz überwinden. Mit anderen – etwas frommeren –Worten ausgedrückt: Du willst Jesus ähnlicher werden.
Wer du auch bist und was immer dich dazu veranlasst hat, dieses Buch zu lesen, willkommen. Ich freue mich, dass du hier mit mir unterwegs bist.
Ich sehe mich als Jesus-Schüler, und ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht herauszufinden, wie es im postchristlichen Westen dieser Welt aussehen kann, von Jesus zu lernen. Dabei bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es eine Lebensweise gibt, die von Jesus selbst festgelegt wurde, und dass es zu dem Leben, nach dem wir alle uns sehnen, führt, wenn wir uns diesem besonderen Lebensstil – und letztlich Jesus – hingeben.
Dieses Buch ist das Ergebnis von jahrzehntelangen Erfahrungen, von Versuch und Irrtum, von mehr Misserfolgen als Erfolgen und von einer Menge Lektionen, die ich in der Schule der harten (Rück-)Schläge gelernt habe. Aber die folgenden Seiten sollen kein dicker Wälzer sein, der in den Regalen irgendwelcher Bibliotheken verstaubt. Sie sind vielmehr eine Erkundung und Erläuterung dessen, was ich für drei der wichtigsten Worte halte, die jemals in den langen Annalen der Menschheitsgeschichte gesprochen wurden:
»Komm, folge mir.«10
Entgegen der landläufigen Meinung hat Jesus die Menschen nicht dazu aufgefordert, zur christlichen Religion zu konvertieren. Er hat die Menschen noch nicht einmal dazu aufgerufen, Christen zu werden. Wozu er Menschen eingeladen hat, war, eine Ausbildung bei ihm zu machen, bei der sie eine ganz neue Lebensweise lernen konnten.
Jesus lädt Menschen ein, sich zu verändern – oder, besser gesagt, sich verändern zu lassen.
Meine These ist einfach: Veränderung ist möglich, wenn wir bereit sind, unser Leben nach den Praktiken, Rhythmen und Wahr-
heiten auszurichten, die Jesus selbst vorgelebt hat und die unser Leben öffnen werden für Gottes Macht, Veränderung herbeizuführen. Anders ausgedrückt: Wir können verändert werden, wenn wir bereit sind, bei Jesus in die Lehre zu gehen. Dann – und nur dann –können wir zu den Menschen werden, zu denen wir bestimmt sind, und das Leben leben, nach dem wir uns zutiefst sehnen.
Unter Christen hören wir ständig, dass wir Jesus »folgen« sollen. Aber was genau bedeutet das?
Es bedeutet, seinen Weg einzuüben – ihn wirklich zu gehen.
Practicing the Way, den Weg von Jesus einüben und ausleben –so nennen wir das bei uns in der Gemeinde. Und genau darum geht es auch in diesem Buch: dass wir den Weg, den Jesus uns vorgelebt hat, wirklich praktizieren, nachvollziehen, einüben, selbst gehen.
Stell dir Folgendes vor: Dein Name ist Simon. Du bist ein Israelit aus dem ersten Jahrhundert, wahrscheinlich im späten Teenageralter oder Anfang zwanzig. Du betreibst einen kleinen Fischereibetrieb in Galiläa, einem Landstrich im Norden Israels. Dein Leben ist ziemlich genau vorgezeichnet. Du tust, was schon dein Vater getan hat und vor ihm sein Vater. Da du unter römischer Besatzung lebst, gibt es nicht viele Möglichkeiten. Die Devise lautet: Fall nicht auf und zahl deine Steuern.
Eines Tages stehst du zusammen mit deinem Bruder Andreas in eurem Boot. Ihr werft gerade euer Netz aus, als du einen Mann bemerkst, der am Strand auf dich zukommt. Du erkennst sein Gesicht auf Anhieb. Es ist Jesus aus Nazareth, nur ein paar Kilometer entfernt. Alle reden über diesen Mann – er sagt und tut Dinge, die noch kein Rabbi vor ihm gesagt oder getan hat. Niemals.
Da ist er und geht direkt auf dich zu. Du nimmst Blickkontakt auf. Seine Augen funkeln wie Sterne, als läge ein ganzer Kosmos dahinter. Er strahlt Freude aus, aber es gibt keinen Smalltalk: »Kommt mit und folgt mir nach. Ich will euch zeigen, wie man Menschen fischt.«
Du bist absolut fassungslos. Das kann nicht sein. Meint er wirklich dich?
Sofort lässt du das Netz fallen und zerrst Andreas aus dem Boot, der allerdings gar nicht lange überredet werden muss. Ihr lasst alles stehen und liegen und folgt Jesus – überglücklich, in seiner Nähe zu sein.
Oder in den Worten des Jesus-Biografen Markus: »Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach« (Markus 1,18).
Wenn du diese Geschichte schon lange kennst, ist es leicht, zu übersehen, wie bizarr sie für unsere modernen Ohren eigentlich
klingt. Was um alles in der Welt bringt Simon dazu, von jetzt auf gleich und ohne Plan ein profitables Geschäft aufzugeben und seine Familie und Freunde zurückzulassen, um einem Mann ohne Einkommen, ohne Organisation und ohne offizielle Position in eine unbekannte Zukunft zu folgen? Dreht er jetzt völlig durch?
Oder übersehen wir etwas?
Wenn du Simon wärst und Jesus an einem schönen Sabbatmorgen in deine Synagoge käme, um zu predigen, würdest du ihn wahrscheinlich in die Kategorie eines Rabbiners oder Lehrers einordnen.
Der Titel Rabbi bedeutet wörtlich »Meister«.11 Rabbiner waren die geistlichen Meister Israels. Sie waren nicht nur erfahrene Lehrer der Thora, der heiligen Schrift ihrer Zeit, sondern auch leuchtende Vorbilder für das Leben mit Gott. Sie gehörten also zu den wenigen Menschen mit innerer Leuchtkraft.
Jeder Rabbi hatte sein »Joch« – das ist ein Ausdruck für seine Lehren, seine Art, die Heilige Schrift zu lesen, seine Auffassung davon, wie man als Mensch in Gottes guter Welt gedeihen kann, seine Hinweise, wie auch andere ein wenig von dem kosten könnten, was er gekostet hatte.
Rabbiner entstammten den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten. Es konnten ehemalige Bauern, Schmiede oder auch Zimmerleute sein.12 Die meisten lernten viele Jahre lang bei einem Rabbi und begannen dann im Alter von etwa dreißig Jahren, selbst zu lehren und ihre eigenen Schüler zu berufen. Aber es gab keine formale Zertifizierung wie in unserem modernen Bildungssystem.
Autorität funktionierte anders: Ihr Leben und ihre Lehre waren ihr Zeugnis.
Rabbiner reisten umher, und die meisten wurden für ihre Lehre nicht bezahlt. Einige arbeiteten zeitweise in der Landwirtschaft oder in ihren Handwerksbetrieben und reisten dann in der Nebensaison. Sie zogen von Ort zu Ort, lehrten in jeder Synagoge, die sie aufnahm, und waren auf die Gastfreundschaft von Menschen angewiesen, die Jesus als »Söhne des Friedens«13 bezeichnete. Sie sprachen oft in Gleichnissen und Rätseln. Normalerweise reisten sie mit einer kleinen Gruppe von Schülern und lehrten nicht in einem Klassenzimmer, sondern unter freiem Himmel und auf der Straße – auch nicht nach einem Lehrbuch oder Lehrplan, sondern aus der Thora und der Schule des Lebens.14
In den vier Evangelien wird Jesus immer wieder mit dem Titel »Rabbi«15 oder »Rabbuni«16 angesprochen, was im antiken Judentum die respektvolle Anrede für geistliche Lehrer war. Die Anrede »Rabbuni«, die von dem gleichbedeutenden hebräischen bzw. aramäischen Wort rabbǒnî oder rabbunî abgeleitet ist, lässt sich mit »mein Herr«, »mein Meister« oder sogar mit »mein Gebieter« übersetzen. Diese Anrede bringt eine besondere Ehrerbietung, zugleich aber auch die persönliche Beziehung zwischen Lehrling und Meister zum Ausdruck. »Spätere jüdische Schulen unterschieden drei Stufen der Ehrerbietung: Rab, Rabbi und Rabbuni, von denen die letzte Anredeform die höchste war.«17
Jesus war kein gewöhnlicher Rabbi.18 Überall, wo er hinkam, waren die Menschen »tief beeindruckt« (Matthäus 22,33) und »in großer Aufregung« (Markus 9,15). Der Biograf Lukas schreibt: »Alle Anwesenden äußerten sich anerkennend über ihn und wunderten sich zugleich über seine Botschaft von der Gnade« (Lukas 4,22). Bei
Markus heißt es: »Sie waren von seiner Lehre überwältigt, denn er sprach – anders als die Schriftgelehrten – mit Vollmacht« (Markus 1,22). Die Menschen gaben Rückmeldungen wie: »Woher hat er diese Weisheit?« (Matthäus 13,54), und sogar: »Noch nie haben wir einen Menschen so sprechen hören!« (Johannes 7,46).
Dass Jesus ein Rabbi war, ist genauso wichtig, wie dass Jesus Jude war – eine Wahrheit, die viele Menschen vergessen. Aber leider nehmen nur sehr wenige Menschen – darunter auch viele Christen – Jesus als geistlichen Lehrer ernst.
Für manche ist Jesus so etwas wie eine geisterhafte Erscheinung, die spätere Generationen zu einer verschwommenen Art von Wohlwollen inspirieren sollte. Für andere ist er ein sozialer Revolutionär: »Widerstand! Faust hoch gegen das römische Imperium damals und alle Imperien heute.« Und für viele westliche Christen ist er das Ausführungsorgan einer bestimmten Sühnetheorie, als wäre er einzig und allein dafür gekommen, um zu sterben, nicht, um zu leben.
Das führt dazu, dass viele Christen Jesus nicht für besonders smart halten. Heilig, sicher. Freundlich, ja. Sogar göttlich. Aber schlau? Nicht wirklich.
Immer mehr Menschen, die sich selbst als Christen bezeichnen, würden Jesus in entscheidenden Punkten, wie Menschen sich am besten entfalten können, nicht zustimmen. Sie würden eher einem Politiker, einem Star oder einem abtrünnigen Pastor vertrauen als dem Lehrer Jesus und den Schülern, die direkt bei ihm in die Lehre gegangen sind. Sie kämen nie auf die Idee, Jesus zu den drängenden Fragen unserer Zeit zu befragen: Politik, Gerechtigkeit zwischen den Ethnien, Sexualität, Gender, psychische Gesundheit und so weiter. Wie Dallas Willard sagte: »Der Grund dafür, dass Tausende von bekennenden Christen ihren Herrn links liegen lassen und in
den Tag hinein leben, ist offensichtlich ein Mangel an Respekt und Ehrfurcht.«19
Aber Jesus zu respektieren und eine gewisse Ehrfurcht ihm gegenüber zu empfinden, ist entscheidend wichtig, wenn wir davon ausgehen, dass »nachfolgen« bedeutet, Jesus zu vertrauen, dass er dich zu dem Leben führt, nach dem du dich sehnst. Denn es ist nun mal sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich, dein Leben jemandem anzuvertrauen, den du nicht respektierst.
Aber was, wenn Jesus intelligenter war und ist als jeder andere Lehrer in der Geschichte? Schlauer als Stephen Hawking oder Karl Marx oder Buddha? Was, wenn er ein genialer Weiser war, dessen Einsichten in das, was Menschsein ausmacht, auch zwei Jahrtausende später noch unerreicht sind? Was, wenn Jesus einfach alle anderen weit übertrifft?
Das könnte jemand sein, dem du dein Vertrauen schenken kannst. Oder?
Wenn wir Jesus einen brillanten Rabbi nennen, heißt das natürlich nicht, dass er nur ein brillanter Rabbi war. Auf dem Schild, das über seinem Kopf hing, als er gekreuzigt wurde, stand »König der Juden«, nicht »Guru«. Es sagt viel über Jesus aus, dass seine Feinde ihn als politische Bedrohung ansahen.
Der Messias als Rabbi war in der Kultur der damaligen Zeit absolut stimmig. Mose, die große historische Lichtgestalt des jüdischen Volkes, wurde Moshe Rabbenu, »Mose, unser Rabbi«, und Israels großer Lehrer genannt. Die Israeliten des ersten Jahrhunderts warteten auf einen neuen Mose, der einen neuen Exodus aus dem Römischen Reich anführen sollte – eine Figur, die sie Messias zu nennen begannen. Einige erwarteten, dass der lang erwartete Messias als Krieger oder militärischer Führer erscheinen würde,
aber viele erwarteten, dass er als großer Lehrer kommen würde. So stellen zwei Bibelwissenschaftler fest: »Das jüdische Volk glaubte, dass es die höchste Errungenschaft des Lebens sei, ein großer Gelehrter der Heiligen Schrift zu werden. In einer solchen Kultur war es nur logisch, dass der Messias der größte unter allen Lehrern sein sollte. Kein Wunder, dass Jesus ein jüdischer Rabbi wurde.«20
Aber wir Christen glauben, dass er noch mehr war als der Messias. Jesus stellte Behauptungen auf, die kein jüdischer König je zu äußern gewagt hätte – Behauptungen, die ihm Anklagen wegen Gotteslästerung einbrachten, ein Kapitalverbrechen in seiner Welt. Einer seiner Kritiker drückte es so aus: »Nicht wegen einer guten Tat wollen wir dich steinigen, sondern wegen Gotteslästerung, weil du, obwohl nur Mensch, dich zu Gott gemacht hast.«21
Aber zu sagen, dass Jesus mehr als nur ein Rabbi oder sogar der Messias war, bedeutet nicht, dass er weniger war als ein brillanter, provokanter, weiser spiritueller Meister, der wusste, wie man in der Welt unseres himmlischen Vaters lebt und gedeiht.
Er war ein Rabbi. Und wie die meisten Rabbis seiner Zeit hatte auch Jesus einige Jünger …
Auch wenn das viele glauben, hat Jesus die Jüngerschaft nicht erfunden. Rabbiner mit einer kleinen Schar von Jüngern sah man zur damaligen Zeit regelmäßig in Galiläa. Nur ein paar Jahre vor Jesus hatte Rabbi Hillel achtzig Jünger berufen. Rabbi Akiva – ein berühmter Lehrer, der ein paar Jahrzehnte nach Jesus lebte – hatte nur fünf, aber es heißt, dass ihm Tausende in Israel »folgten«. Im