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Hans-Joachim Eckstein

Beziehungsgewiss

Grundlagen des Glaubens

Gesamtausgabe

Der SCM Verlag ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein ist Theologe, Referent und Autor, Poet und Liedkomponist, www.ecksteinproduction.com

Der vorliegende Band ist die Gesamtausgabe der neu bearbeiteten und stark erweiterten vier Bände der Reihe: Grundlagen des Glaubens – Glaube als Beziehung

– Zur Wiederentdeckung der Hoffnung – Du bist geliebter, als du ahnst – Wie will die Bibel verstanden werden

© Copyright 2023: Hans-Joachim Eckstein

Verlagsrecht dieser Ausgabe: SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-verlag.de · E-Mail: info@scm-verlag.de

Die Bibelstellen wurden eigenständig übersetzt, wo möglich, in Anlehnung an die Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, zitiert. Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch

Titelbild: Image by pch.vector on Freepik

Autorenfoto: © Holger Eckstein

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland

ISBN 978-3-417-00066-5

Bestell-Nr. 227.000.066

Hans-Joachim Eckstein

Glaube als Beziehung

Von der menschlichen Wirklichkeit Gottes

INHALT

Was kommt nach dem Kinderglauben?

Zu einer neuen Ursprünglichkeit jenseits von Naivität und Glaubenskrise

Gott wird Mensch .................................

Vom menschlichen Gottesbild zum christlichen Menschenbild

Gelingendes Leben ................................

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein«

Zu einer voraussetzungslosen, aber folgenreichen Beziehung

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« ..................................

Zur Verborgenheit des in Christus offenbaren Gottes Von der Geistesgegenwart Gottes

»Ich glaube an den Heiligen Geist

WAS KOMMT NACH DEM

KINDERGLAUBEN?

ZU EINER NEUEN URSPRÜNGLICHKEIT JENSEITS

VON NAIVITÄT UND GLAUBENSKRISE

Was kommt nach dem Kinderglauben? Für viele mag die ernüchternde Antwort lauten: »Nichts!« Von den Umbrüchen des Erwachsenwerdens – der Loslösung von den Abhängigkeiten der Kindheit und der Entwicklung der Eigenständigkeit – sind auch das Glaubensverständnis, das Weltbild und die Gottesvorstellung betroffen. Es geht dabei um die grundsätzliche Frage: Kann auch der Glaube erwachsen werden? Gibt es eine Form des christlichen Glaubens, die sich unter den Voraussetzungen dieser neuen Lebensphase als angemessen und echt erweist? Oder ist jede Art zu glauben zwangsläufig ein unreifes Festhalten am »Kinderglauben« vergangener Zeiten? Gibt es die Möglichkeit, sich ungebrochen seines Glaubens zu freuen oder nach einer Zeit der Krise und Entfremdung eine neue, nachkritische und reife Ursprünglichkeit zu finden?

Die schwerwiegendsten Zweifel kommen häufig gerade denjenigen, die in ihrer Jugend eine religiöse Erziehung und eine Einbindung in christliche Kreise erfahren haben. Denn viele von ihnen empfinden ihre christliche Prägung keineswegs als Befähigung und Hilfe für ihr Leben, sondern eher als zusätzliche Belastung. Nachträglich mag ihnen die Zeit ihres »engagierten Christseins« eher als eine Phase der Ängste, der Zwänge und des schlechten Gewissens erscheinen.

Der Verlust einer ungebrochenen Glaubenserfahrung und der Ursprünglichkeit des Glaubens kann sich auf ganz verschiedene Weise äußern:

1. Am offensichtlichsten ist die Form des harten Abbruchs und der entschiedenen Distanzierung und Abgrenzung von der eigenen frömmigkeitsgeprägten Vergangenheit. Es will nicht gelingen, den Kinderglauben erwachsen werden zu lassen, sondern das Erwachsensein und die eigene Persönlichkeitsentfaltung werden eher in unversöhnlichem Kontrast zu der früheren Unmündigkeit und Einfalt definiert. Manche beginnen noch ihre geistliche Ausbildung unter dem Eindruck einer engagierten Jugend- und Gemeindearbeit und finden sich dann in einem beruflichen Umfeld wieder, dem sie selbst sich längst entfremdet haben. Als besonders unglücklich erscheint diese Entwicklung, wenn die Betroffenen sich dann zu erklärten und leidenschaftlichen Gegnern jeder Frömmigkeit entwickeln, die sie an ihre eigene Herkunft erinnert.

2. Der Verlust einer ursprünglichen und ganzheitlichen Glaubenserfahrung kann sich freilich auch in entgegengesetzter Weise äußern. Wenn der einst »kindliche Glaube« nicht reifend und reflektiert erwachsen werden darf, sondern ängstlich und klammernd festgehalten wird, dann ergeben sich Frömmigkeitsformen eines als »kindisch« empfundenen Glaubens. »Kindisch« deshalb, weil die Verunsicherung und die Furcht vor dem Kontrollverlust zu einem verkrampften Festhalten an einer unreflektierten und – für die Entwicklungsstufe – unangemessenen Frömmigkeit führen. Das kann im Extrem bis zu einer Spaltung der Persönlichkeit reichen, wenn jemand in seiner beruflichen Qualifikation und Verantwortung hochreflektiert, weltoffen und eigenständig denkt und handelt, im Kontext seiner Frömmigkeit aber ängstlich und verstandesfeindlich, überangepasst und unselbstständig erscheint.

3. Während diese beiden – so entgegengesetzten – Formen des Verlustes der »ersten Liebe« und der vorkritischen Ursprünglichkeit teilweise extreme und fanatische Formen annehmen können, würden sich wohl die meisten Betroffenen eher einer dritten, weniger auffälligen Gruppe zuordnen. Sie haben weder einen abrupten Abbruch oder eine einschneidende Glaubenskrise erlebt, noch haben sie sich bewusst für eine Verleugnung ihrer Wurzeln entschieden. Sie würden wohl eher von einer allmählichen Entwicklung weg von Glauben und Gemeinde und einer Entfremdung von früheren Lebensformen und Glaubensüberzeugungen sprechen. Die Vergangenheit mag durchaus – wie manche Erfahrungen der Jugend – dankbar erinnert und positiv empfunden werden, sie ist aber nicht mehr unmittelbar bestimmend. Man könnte in diesem Fall vielleicht von einem »latenten Glauben« sprechen. »Latent« deshalb, weil er ruht, ohne abgelehnt zu werden, weil er schlummert, ohne aktiv zu sein.

Wenn die Betreffenden bei ihren Kindern oder Enkelkindern an ihre eigene Vergangenheit erinnert werden, mögen sie durchaus Gebete, Kindergottesdienste oder Abendlieder als naheliegend und für diese angemessen empfinden.

Besonders eindrücklich war für mich der Bericht eines erfolgreichen Managers, der auf der Höhe seines Lebens plötzlich mit der erschreckenden Diagnose einer Krankheit konfrontiert wurde. Am Vorabend seiner Operation suchte er Halt und Orientierung und griff auf Erfahrungen der Geborgenheit und Zuversicht in seiner Vergangenheit zurück. Zu seiner eigenen Verwunderung hörte er sich mit den Worten seines einstigen Kinderglaubens beten: »Ich bin klein, mein Herz ist rein; soll niemand drin wohnen als Jesus allein!« Ein bewegendes Beispiel des latenten Glaubens eines Erwachsenen, der nie bewusst aufhörte zu glau-

ben, aber seinen Kinderglauben auch nicht mit sich erwachsen werden ließ.

DIE VORAUSSETZUNGEN DES KINDERGLAUBENS

Was macht einen »Kinderglauben« eigentlich aus? Es ist der Glaube unter den Voraussetzungen eines Kindes. Die Ausgangssituation eines Kindes ist die des Angewiesenseins und der Schutzlosigkeit, der Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit des Erlebens. Nicht nur in den Monaten vor der Geburt, sondern auch in den ersten Lebensjahren ist die Ausgangssituation die der symbiotischen Einheit und Einheitlichkeit, aus der heraus sich die Persönlichkeit allmählich zur Selbstständigkeit entfalten kann. Zunächst existiert das ICH nur in der Geborgenheit und als Teil des WIR, und die lebensfördernde und bestärkende Umgebung ist Voraussetzung für den Gewinn von eigener Lebens-, Beziehungs- und Durchsetzungsfähigkeit.

Dieser natürlichen Grundvoraussetzung entspricht auf der Ebene der Wahrnehmung und der Beziehung, des Denkens und des frühen Glaubens eine vorkritische Grundhaltung. Bei Kindern und Heranwachsenden besteht das berechtigte Bedürfnis nach einheitlicher Wirklichkeitswahrnehmung, nach Einheitserfahrungen und einfachen Strategien. Zweifel auszublenden und Widersprüche wegzuerklären, einfache Lösungen zu suchen und Differenzierungen zu verweigern, sind Grundstrategien, um die Irritation durch die Kompliziertheit der Welt und der Wirklichkeit zu bannen. Da unklare Verhältnisse Angst machen und verunsichern, besteht die Sehnsucht nach klaren Unterscheidungen und eindeutigen Antworten. Komplexen Verhältnissen wird möglichst mit einlinigen Strategien begegnet. Auf die verwirren-

de Wirklichkeitswahrnehmung wird mit möglichst eindeutigen Wertungen, Zuordnungen und Strategien reagiert. In Anbetracht einer verwirrenden Vielfalt an Möglichkeiten wird die eigene Identität gerne durch die Identifikation mit vorbildlichen Personen gesucht. Zur Abwehr aller Zweifel und Relativierungen kann für den Glauben an die Machbarkeit des Gewollten eine große Energie und nachdrückliche Leidenschaft aufgebracht werden.

GEFÄHRDUNG UND VERLUST

DES KINDERGLAUBENS

Was für die Kindheit als notwendig erscheint und für die jugendliche Entwicklung zunächst als verständlich, will bei einer gesunden und reifen Persönlichkeitsentfaltung aber weiterentwickelt und überwunden werden. So kann auch der in Kindheit und Jugend gewonnene Glaube in die Krise der Emanzipation von den Eltern, Lehrern und Autoritäten der frühen Prägung geraten. Dies gilt umso mehr, wenn die Vorstellung von Gott durch die Personen repräsentiert wurde, von denen es sich zu lösen gilt. Gott ist als Person zunächst nur in Analogie zu anderen Personen für uns vorstellbar: Er liebt »wie ein Vater«, er tröstet »wie eine Mutter«. Damit hängt aber alles daran, ob er in Entsprechung zu zugewandten und wertschätzenden »Vätern« und »Müttern« gedacht wird – oder von ablehnenden und abwertenden. Viele würden neben der Emanzipation aus der Unmündigkeit gewiss die »Vernunft« und »Aufklärung« als Hauptursache für die Gefährdung des Glaubens nennen wollen. Widersprechen nicht die Naturwissenschaft und die Erfahrung der Geschichte dem Glauben an eine Existenz Gottes ganz grundsätzlich? Schließen sich Vernunft und Glaube nicht prinzipiell aus? Diese Einwände

mögen eine naive und vorkritische Frömmigkeit treffen, nicht aber einen reflektierten und erwachsen gewordenen Glauben. Weder widerlegt eine wirklich kritische und selbstkritische Vernunft den Glauben, noch kann sie ihn von sich aus begründen oder das Geglaubte beweisen. Meiner theologisch-wissenschaftlichen wie geistlich-seelsorglichen Erfahrung nach wird die Bedeutung der »kritischen Vernunft« als Motivation der Religionskritik und als Ursache der Glaubensgefährdung überschätzt. Sie dient oft als Vorwand, aber selten als Grund.

Als viel wirksamer erweisen sich psychologische und sozialpsychologische Aspekte. Die eigene Lebens- und Beziehungserfahrung, die das Gottesbild geprägt hat, stellt einen naiven und noch undifferenzierten Glauben viel existenzieller infrage. Steht der bisherige Glaube für Einschränkung und Unmündigkeit, dann erscheint seine Überwindung für die eigene Entwicklung als unausweichlich. Ist das Gottesbild durch abwertende, überfordernde und selbstbezogene Persönlichkeiten geprägt worden, dann wird die eigene Befreiung unwillkürlich auch in der Überwindung der früheren Frömmigkeit gesucht.

Wird aber Gott in seinem Wort und in der Zuwendung und Wertschätzung anderer Menschen als liebend, lebensfördernd und ermutigend erfahren, dann gibt es keinen Grund, die eigene Selbstentfaltung ohne seine Begleitung gestalten zu wollen. Wenn schon der Kinderglauben das Vertrauen in Gottes voraussetzungslose und bedingungslose Liebe durch das Evangelium von Christus erkannt hat, dann führen die Krisen und Irritationen der eigenen Wirklichkeitserfahrung nicht etwa von Gott weg, sondern zu ihm hin. So haben es schon die Psalmisten und Hiob erfahren oder die Auferstehungszeugen Jesu nach dem Entsetzen von Karfreitag in der Begegnung mit ihrem lebendigen Herrn. Sie fanden eine neue Ursprünglichkeit und eine versöh-

nende Einheit in der Hinwendung zu Gott selbst und in Gestalt des vertieften Vertrauens und der Liebe zu Christus.

DAS ERWACHSENWERDEN IM GLAUBEN UND DIE GEWINNUNG EINER NEUEN URSPRÜNGLICHKEIT

Sosehr die Wiedergewinnung von Zuversicht und Hoffnung durch eine einzelne Begegnung oder wesentliche Erfahrung ausgelöst werden mag, so sehr bedeutet das Erwachsenwerden im Glauben eine Bewusstseinsentwicklung und einen dauerhaften Lernprozess. Die neue Ursprünglichkeit ist keine neue Naivität – sofern man den Begriff »naiv« abwertend im Sinne von »unbedarft«, »ahnungslos« und »einfältig« gebraucht. Und die versöhnte Geborgenheit ist keine Rückkehr zu den Träumen einer ungefährdeten und vorkritischen Einfachheit. Wir sind gerade zur Ausbildung unserer eigenen Willensstärke und bewussten Eigenständigkeit eingeladen. Für den erwachsenen Glauben sind die Vernunft und kritische Auseinandersetzung keine bedrohliche Gefahr, sondern ein Geschenk inmitten der Verwirrungen dieser Welt. Wir kommen zwar nicht durch die Vernunft zum Glauben, aber durch den Glauben zur Vernunft!

Grundlegend ist dabei die Erkenntnis, dass unsere bisherigen Gottesvorstellungen unwillkürlich mit unseren Erfahrungen und Bildern von Menschen verknüpft sind. Gott ist aber nicht identisch mit unseren Bildern und Gedanken von ihm. Wenn wir von Gott reden, sind unsere Gedanken, Gefühle und Vorstellungen eingefärbt durch unsere eigene Prägung. Dies gilt es zu durchschauen und aufzuarbeiten. Gott ist nicht »wie mein Vater«, sondern im besten Fall hat der sich an Gott als Vater orientiert. Für viele, die leidvolle oder doch einschränkende Bezie-

hungserfahrungen machen mussten, beginnt die Befreiung mit der Erkenntnis, dass unsere Gottesbeziehung sich allein an dem Vater Jesu Christi zu orientieren hat – und an niemandem sonst. Es gilt, Gott selbst und um seiner selbst willen zu suchen und zu erkennen.

Unmündige und rückgewandte Fantasien pflegen viele auch in Hinsicht auf ihre Erwartungen an die eigene Gemeinde oder die Kirche insgesamt. Wie kommen wir eigentlich dazu, von der »Mutter Kirche« zu reden? Wie oft klagen erwachsene Personen über ihre Enttäuschungen in Gemeinden und mit Gemeindeleitern – wie kleine trotzige Kinder, die nicht entwöhnt werden wollen. Symbiotische Fantasien, emotionale Überforderungen und selbstbezogene Erwartungen stehen der Erfahrung von wechselseitiger Zuwendung und reifer persönlicher Begegnung gerade im Weg.

Dies bedeutet keineswegs die Preisgabe der Sehnsucht nach lebendiger Beziehung und aufwertender Wahrnehmung – im Gegenteil. Wonach wir uns aber wahrhaft sehnen, ist die bewusste Erfahrung des WIR und die eigene Fähigkeit zum DU. Jesus lädt uns als Erwachsene dazu ein, unsere eigenen Erwartungen – nicht die Erfahrungen! – zum Maßstab unseres Verhaltens anderen gegenüber zu machen (Mt 7,12). Im Glauben Erwachsene brauchen nicht passiv auf eine Gemeinschaftserfahrung zu warten, sie können von sich aus damit beginnen, sie zu verwirklichen.

Sosehr wir unseren Glauben durch Verkündigung und Zeugnis anderer Menschen gewonnen haben und sosehr wir von der Identifizierung mit Vorbildern in unserer frühen Entwicklung profitiert haben, so sehr dürfen wir nicht dauerhaft von menschlicher Begleitung abhängig bleiben. Gute Lehrer erübrigen sich selbst durch die Befähigung ihrer Schüler zur Eigenständigkeit.

Und liebende Eltern befähigen ihre Kinder, ihr Leben ohne sie eigenverantwortlich zu gestalten.

Gemeindestrukturen, bei denen nicht Christus allein Herr und Haupt ist und alle anderen gleichwertige Glieder und Geschwister, sind zu hinterfragen. Sie wirken auf reife Persönlichkeiten abstoßend. Dies ist kein Argument gegen verschiedene Begabungen, Ämter und Verantwortungen der verschiedenen Glieder am Leib Christi. Aber die unmittelbare Gottesbeziehung und die Gleichunmittelbarkeit des Zugangs zu Gott in Christus ist gerade das überraschend und befreiend Neue an der Verkündigung und dem Heilswirken Jesu Christi – in einer Welt der Hierarchien und autoritären Strukturen und Standesunterschiede.

Dieses Durchdringen des erwachsen werdenden und reifenden Glaubens betrifft dann alle Gebiete des eigenen Lebens: der Welterfahrung, der Gottes- und Glaubensvorstellung sowie der eigenen Identität. Das eigene Vorverständnis wird im Licht des Evangeliums kritisch geprüft, Zweifel und offene Fragen werden nicht länger verdrängt, sondern wie bei den Psalmisten und Hiob – ja wie bei Jesus selbst in seiner eigenen Versuchung –vor Gott offen und wahrhaftig ausgesprochen. Verbindlich sind für den reifen Glauben nicht die Meinungen anderer und die menschlichen Traditionen an sich, sondern nur das, was in Übereinstimmung mit der an Christus orientierten Wahrheit des Evangeliums steht.

Als erwachsene Töchter und Söhne Gottes zweifeln und klagen, beten und handeln wir nicht wie unreife Kinder immer nur fordernd und selbstbezogen, sondern richten uns an dem einzigartigen Sohn Gottes, unserem »großen Bruder« Christus, aus. Der hing nicht seiner geborgenen Vergangenheit nach, sondern lebte bewusst und zielstrebig in bedingungsloser und hingebungsvoller Liebe zu Gott und zu den Menschen. Er handelte

weder aus Angst noch aus Eigeninteresse, sondern aus Dankbarkeit, Liebe und Einsicht.

Wenn wir in diesen Spuren – trotz enttäuschender Erfahrungen und Krisen – die Suche nach einem glaubwürdigen und lebensbejahenden Glauben neu aufnehmen, dann werden wir überrascht entdecken, dass die Ursprünglichkeit und Echtheit unseres Glaubens nicht etwa hinter uns, sondern noch vor uns liegt. Mögen wir zuletzt doch noch zu unserer »ersten Liebe« finden.

Zur Wiederentdeckung der Hoffnung

INHALT

Die Hoffnung lebt zuerst ..........................

Gespräch mit dem Autor

»Ihr werdet den Himmel offen sehen« ...............

Zur Wiederentdeckung der Hoffnung

Wer ist eigentlich Gott? ............................ 215

Auf der Suche nach der Wahrheit

Das Evangelium – eine Kraft Gottes .................

Glaubensleben im Licht von Römer 1,16.17

Wie neu ist der neue Mensch? ...................... 246

Römer 7 und das Scheitern am Guten

Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu ............. 254

Von einer unglaublichen Realität

Wie leiblich ist die Auferstehung? ...................

Interview mit Paulus

DIE HOFFNUNG LEBT ZUERST

GESPRÄCH MIT DEM AUTOR

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig besorgt und worum drehte sich Ihre Sorge?1

Ernsthaft besorgt war und bin ich hinsichtlich der aktuellen weltpolitischen und damit verbunden wirtschaftlichen Krise, deren Folgen uns gesellschaftlich enorm herausfordern werden. Wir waren in unseren Ländern jahrzehntelang privilegiert, denn Epidemien, Kriege, Umweltkatastrophen und wirtschaftliche Not gab es global ja immer. Aber nun sind wir von den schon »apokalyptischen« Ereignissen als Gesellschaft aus der Sorglosigkeit aufgeschreckt und unserer Illusionen beraubt.

Was meinen Sie mit apokalyptisch? Inwiefern sind aktuelle Krisen anders als vorhergehende?

»Apokalyptisch« sind die drohenden Gefahren sowohl, weil sie Unheil und Not bringen, als auch, weil sie wie die Folgen der Klimaerwärmung oder Pandemien die ganze Welt in ihrer Existenz bedrohen. Verändert hat sich in den vergangenen Jahren vor allem unsere eigene Wahrnehmung. Wir wähnten uns als westeuropäische Gesellschaften zu lange in Sicherheit und glaubten aus Zweckoptimismus an die Machbarkeit und den steten technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt.

Wie können wir mit solchen apokalyptischen Ereignissen als Gesellschaft umgehen?

Damit formulieren Sie die entscheidende Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen in Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Was unseren Gesprächsrahmen angeht,

will ich mit zwei Aspekten beginnen. Erstens sollten wir wahrhaftig werden und uns selbstkritisch der Wirklichkeit stellen. Es gibt keinen kürzeren und besseren Weg zu einem gelingenden Leben als die Wahrheit. Eine Lebenslüge – so bequem sie auch erscheinen mag – ist in jedem Fall ein Umweg. Wir haben auf Neben- und Umwegen viel zu viel Zeit verschwendet – als Einzelne und als Gesellschaft.

Und der zweite Aspekt?

Er betrifft uns als Gemeinschaft. In Zeiten des Überflusses und der Sorglosigkeit mögen wir uns als Einzelwesen zurechtfinden und unseren Individualismus pflegen. In Krisenzeiten aber erweist sich, dass wir als Menschen in Wahrheit und grundsätzlich Beziehungswesen sind. Wir sind nicht »an sich« und haben dann auch noch Beziehungen, sondern was wir sind, das sind wir in Beziehungen. Dieser Aspekt ist vielen von uns im Zusammenhang der Corona-Maßnahmen schmerzhaft bewusst geworden. Die Besinnung auf den Wert der Gemeinschaft und Zuwendung –im Angewiesensein wie in der Übernahme von Verantwortung für andere – ist vor allem in Krisenerfahrung und Hoffnungslosigkeit wesentlich.

Mir kommt es oft so vor, als ob gerade in Krisenzeiten die Gemeinschaft leidet. Debatten werden beispielsweise nicht nur in den sozialen Medien mit Aggressivität und Verletzlichkeit geführt. Da scheint es eher zur Spaltung als zur Gemeinschaft zu kommen. Wir verhalten uns als Menschen oft inkonsequent, wenn wir das Gegenteil von dem tun, was uns guttäte. Es gibt aber eine nachvollziehbare Erklärung für diese Aggressivität und Verletzlichkeit. Unsere Befähigung zu Beziehung und Gemeinschaft erwächst aus unserer eigenen Beziehungsgewissheit, und unsere Beziehungs-

gewissheit gründet in unserer selbst erfahrenen Beziehungswirklichkeit. Nur Liebe und Wertschätzung können uns glaubhaft vermitteln, dass wir einzigartig und bedeutsam sind. Nichts ist für unser Leben so folgenreich wie die Erfahrung einer voraussetzungslosen Liebe. Erleben wir selbst diese Annahme, dann können wir unser Gegenüber und uns selbst erkennen. Aber wie schwer ist es, andere anzuerkennen, wenn wir selbst nicht erkannt worden sind. Wer nicht vertrauen kann, der kann auch nicht hoffen. Und wer nicht hoffen kann, der kann auch nicht lieben.

Was kann Hoffnung machen in solchen Zeiten?

Nun, ein wohlmeinendes, aber naives »Alles wird gut!« und »Wir schaffen das!« bewirkt bei von Sorgen und Leid Betroffenen offensichtlich keine Zuversicht. Es weckt eher Verzweiflung, Angst und Wut. Deshalb sind die Aspekte der Wahrhaftigkeit und der persönlichen Wahrnehmung und Wertschätzung für eine Wiedergewinnung von Zuversicht und Lebensmut so grundlegend. Darin liegt auch der eigentliche Sinn eines biblischen Buches, dem wir die Bezeichnung »apokalyptisch« verdanken: der »Apokalypse« – d. h. »Offenbarung« – des Johannes. Hier werden Menschen vorsorglich auf kommende Notlagen vorbereitet, nicht um ihnen Angst zu machen, sondern damit sie ihre Orientierung und Zuversicht nicht verlieren, wenn sie persönlich betroffen sind. So wie verantwortliche Eltern ihre Kinder auf bevorstehende Schwierigkeiten vorbereiten, damit sie ihre Vertrauensbasis nicht verlieren.

Aber gibt es nicht auch äußere Perspektiven, die Hoffnung machen? Das hoffe ich sehr! Wir tun alles menschlich Mögliche, um Kriege, Krankheiten, Katastrophen und Unrecht zu überwinden. Und es ermutigt uns, wenn wir Fortschritte, unerwartete Wendungen

oder gar Lösungen erkennen können – das sprichwörtliche »Licht am Ende des Tunnels«. Nur sollten wir uns nicht durch Illusionen über die eigenen Möglichkeiten motivieren wollen, weil das unweigerlich in noch größere Verzweiflung führt.

Sie haben schon mehrmals deutlich zwischen Hoffnung und Illusionen unterschieden …

Ja, Illusionen können kein Ersatz für begründete Hoffnung sein, weil sie auf einer Selbst- und Wirklichkeitstäuschung basieren. Eine Täuschung führt aber zwangsläufig zur Ent-Täuschung und Demotivation. Insofern sind Illusionen nicht die Vorstufe, sondern das Gegenteil von Hoffnung. Eine realistische Hoffnung aber ist selbst schon eine Wirklichkeit, indem sie zugleich relativiert wie motiviert. Sie lässt Unabwendbares leichter ertragen und Notwendiges und Zielführendes konsequenter und zuversichtlicher erledigen. Insofern ist echte Hoffnung nicht ein Vertrösten auf ein Jenseits oder Morgen, sondern bewirkt bereits ein vitales Getrostsein im Hier und Heute. Das Erstaunlichste an der Hoffnung auf das Kommende ist, dass sie unser Dasein bereits gegenwärtig verändert. Sie ist eine bewegende Erfahrung, bei der ausnahmsweise die Wirkung der Ursache zuvorkommt!

Man sagt, dass »die Hoffnung zuletzt stirbt«. Das trifft wohl für die Illusion zu! Aber von der Hoffnung gilt, dass sie »als Erste lebt«. Eine Hoffnung, die unsere erfahrbare Wirklichkeit nicht tief greifend verändert, ist noch nicht wirklich aus der Zukunft bei uns angekommen.

Was gibt es denn konkret, was Hoffnung macht? Was ist die Wahrheit? Hoffen auf Fortschritt? Akzeptieren, dass wir uns einschränken müssen, und Hoffnung, dass auch ein einfacheres Leben lebenswert ist? Eben weil wir Gemeinschafts- oder Beziehungsmenschen sind?

Beginnen wir bei der Einschränkung! Diesbezügliche politische Appelle verhallen deshalb so wirkungslos, weil wir als Menschen auf jede Form der Lebensminderung und Entfaltungsgefährdung mit Angst und Sorge reagieren. Wir motivieren uns durch die Hoffnung – oder auch die Illusion – auf eine Lebenssteigerung und einen Erfüllungsgewinn. Loszulassen, bevor wir ergreifen, und zu hoffen, bevor wir sehen, schaffen wir nur, wenn wir vertrauen können. Um Neues zu ergreifen, lassen wir im Vertrauen los, nicht um zu verlieren. Insofern setzt die gesellschaftlich notwendige Anpassung beziehungsfähige und vertrauensvolle Menschen voraus.

Sollten wir uns dann durch die Hoffnung auf den Fortschritt motivieren?

Dies alleine kann keinesfalls tragen, weil ein unbegrenztes Wachstum weder gesellschaftlich noch ökologisch möglich oder verantwortbar wäre. Individuell gesehen ist die Wahrheit, dass wir begrenzt und sterblich sind – obwohl wir unser Leben oft so planen und gestalten, als ginge es endlos weiter. Insofern sind unsere Heiterkeit und Zuversicht manchmal gar nicht Ausdruck unserer Beziehungs- und Vertrauensstärke, sondern unserer Verzweiflung. Dass der blinde Fortschrittsglauben auch wirtschaftlich, gesellschaftspolitisch und ökologisch schädlich wirken kann, ist uns in den letzten Jahrzehnten zumindest theoretisch allen bewusst geworden.

Das hört sich für mich nach größeren Veränderungen an. Das Vertrauen auf – oder die Illusion von – Fortschritt und Wachstum ist doch elementar für unsere kapitalistische Gesellschaft – und beziehungsfähiger werden Menschen auch nicht einfach so.

Allerdings! Die Herausforderungen ergeben sich auf allen Ebenen – den persönlichen, gesellschaftlichen und politischen! Mein

Anliegen ist, dass wir uns nicht in wirkungslosen Appellen und politischen Floskeln verlieren, sondern die tragenden Voraussetzungen schaffen und fördern, die diese Veränderungsprozesse unter Mitwirkung möglichst vieler Überzeugter ermöglichen.

Persönlich beginnt es damit, dass wir unsere eigenen Illusionen und Kompensationen der wahren Bedürfnisse durchschauen lernen und uns neu auf das für uns Wesentliche und bleibend Wertvolle besinnen – als Einzelne wie in den uns tragenden Gemeinschaften. Dies ist ein Bewusstseins- und Entwicklungsprozess.

Ein wesentliches Leben will gelernt und eingeübt werden.

Ja, Menschen werden »nicht einfach so« beziehungsfähiger! Das fordert vorrangig den Bildungsbereich, in dem ich selbst wirke. In der Bildung sollte es nicht nur um ein Wissen oder Objekt, um eine Kunst oder Fähigkeit gehen, sondern vor allem um Personen. Menschen bei der Entdeckung und Entfaltung ihrer eigenen Identität, Lebenskompetenz und Beziehungsfähigkeit persönlich zu begleiten sollte das zentrale Anliegen von Bildung sein. Bilden heißt vor allem Vertrauen bilden.

Das klingt jetzt alles sehr positiv. Bedarf es nicht auch der staatlichen Regelungen, rechtlichen Maßnahmen und regulierenden Eingriffe, um die Entwicklungen zum Guten umzukehren? Dem stimme ich nachdrücklich zu! Ich mache mir bezüglich der gesellschaftlichen Veränderungsbereitschaft keine Illusionen! Wir können als Staat und Weltgemeinschaft nicht darauf warten, bis auch der letzte Mensch sich eines Besseren besinnt. Allerdings können wir durch Verbote, Einschränkungen und rechtliche Sanktionen das Übel nur begrenzen und nicht das Positive schon hervorbringen. Wenn es um Herz und Gesinnung des Menschen geht, ergibt die Negation der Negation noch nicht die Position. Eine hoffnungsvolle Perspektive und Entwicklung zum Guten

werden wir nur in fördernden – und dann auch fordernden –Beziehungsgemeinschaften entfalten können.

Darf ich Sie fragen, worin Ihre persönliche offensichtliche Hoffnung begründet ist?

Sowohl meine eigene Zuversicht wie auch der nüchterne Blick auf unser menschliches Verhalten wären mir wohl nicht möglich, wenn ich nur aus mir selbst und meinen eigenen Möglichkeiten leben müsste. Es ist die Dimension des Glaubens an die Existenz einer Ewigkeit und eines himmlischen Gegenübers über diese Diesseits- und Welterfahrung hinaus. Die Fähigkeit zu Glaube, Liebe und Hoffnung gründet in der Gewissheit, dass nicht alles vergänglich und vergeblich ist, sondern seinen Sinn durch eine grundlegende und bleibende Beziehung gewinnt.

Dabei erlebe ich den christlichen Glauben deshalb als so ermutigend und lebenseröffnend, weil er nicht nur von einer abstrakten Wahrheit oder Ethik ausgeht, sondern Gott als ein persönliches und zugewandtes Gegenüber erkennt. In dieser Vertrauensbeziehung gewinnt der Mensch eine Lebensperspektive auch in Krisen und Verlusten und über sein eigenes Sterben hinaus. Wie gesagt: Was uns loslassen lässt, bevor wir ergreifen, und hoffen lässt, bevor wir sehen, sind Glaube und Vertrauen. Und die persönlich wie gesellschaftlich gerade so dringend benötigte Beziehungsfähigkeit beruht auf einer in tragenden Beziehungen gewonnenen Beziehungsgewissheit.

Du bist geliebter, als du ahnst

Zur Beziehungsgewissheit

Grundlagen des Glaubens 3

Von der Realität des Geglaubten

als Vater .....................................

Das zentrale christliche Gottesverständnis? »Mein Herr und mein Gott!« .......................

Wie ein Zweifler den Auferstandenen »begreift«

Zum Wesen der Liebe

Von dem realistischen Ideal der Beziehung

Christus ist mein Leben –

Was kommt nach dem Sterben? .....................

Von der Tragfähigkeit und Gewissheit der Beziehung Tolerant aus Glauben ..............................

Glaubensgewissheit und Anerkennung anderer

Zu Gaben, Aufgaben und Ämtern in der Gemeinde

GLAUBE UND ERFAHRUNG

VON DER REALITÄT DES GEGLAUBTEN

Mehr denn je wird heute von Glaubenden die Frage nach der Erfahrung des Glaubens gestellt. Einerseits liegt dies gewiss daran, dass wir in einer Zeit leben, die auf das eigene Erleben und die persönliche Glückserfahrung konzentriert ist, andererseits gewiss auch daran, dass wir als Kinder der Neuzeit allem gegenüber kritisch sind, was wir nicht selbst vernünftig erklären oder unmittelbar wahrnehmen und empfinden können. Gegenüber Traditionen sind wir zunächst einmal misstrauisch; und das, was Institutionen vertreten, genießt an sich noch keinen Vertrauensvorschuss. Dass unsere Vorfahren etwas geglaubt haben, macht es für viele noch nicht an sich glaubwürdiger; und dass etwas in unserer Kirche seit Jahrhunderten verkündigt und bekannt wird, berührt und verpflichtet selbst die nicht unbedingt, die sich einer Gemeinde zugehörig fühlen.

Freilich muss man zugleich auch einräumen, dass das Verständnis des »Glaubens« in Theologie und Kirche manchmal sehr wirklichkeitsfern und lebensarm entfaltet worden ist. Als kritischer Beobachter könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Glaube für viele Christen nur von unwesentlicher Bedeutung sein kann, da er ihr Leben kaum sichtlich beeinflusst. Zudem verwundern viele die Versuche in Lehre und Verkündigung, die Verlegenheit unseres Alltags auch noch zu verklären und dem Glauben seinen Realitätsbezug und seine Erfahrbarkeit wortgewaltig abzusprechen. Aber mit einem Generalverdacht gegenüber allem »Religiösen« und »Emotionalen« oder mit einem rein formalen Wort- und Predigt-Verständnis werden wir wohl weder der Realität des Geglaubten noch den Menschen gerecht, die wir doch gewinnen wollen.

Da kann es nicht wundern, dass vor allem junge Gläubige immer wieder neu nach Wegen der Erfahrbarkeit des Glaubens suchen. Sie wollen sich nicht einfach mit den Inkonsequenzen anderer und mit den Widersprüchen ihrer eigenen Lebenserfahrung abfinden. Sie wollen nicht nur theoretisch und rein verkopft, sondern ganzheitlich glauben. Ihnen genügen konventionelle Gottesdienstformen nicht mehr, wenn sie dabei das Gemeinschaftsmoment, die emotionale Wärme und das zeitgemäße Erleben und Gestalten vermissen. Bei der Verkündigung fehlt es ihnen oft an der gedanklichen Durchdringung und der soliden theologischen Grundlage, die das im Glauben Erfahrene auch für die Zeiten der Zweifel und Krisen bewahren können. Wollen sie doch als Gemeinde für die Bezeugung ihres Glaubens nach außen wie nach innen sprachfähig werden.

Wie gehören also Glaube und Erfahrung zusammen? Glauben wir, weil wir erfahren, oder erfahren wir, weil wir glauben? Trägt der Glaube die Erfahrung oder die Erfahrung den Glauben? Worin gründet die Gewissheit des Glaubens? Und wie äußert sie sich im eigenen Leben? Gibt es eine Form des Glaubens, bei der die unglücklichen Gegensätze unserer Frömmigkeitserfahrungen überwunden werden können und Kopf, Bauch und Herz zugleich angesprochen sind? Und vor allem – was meinen wir als Christen denn genau, wenn wir vom Glauben reden?

BESINNUNG AUF DEN AUSGANGSPUNKT

DER ZIELE

Es mag als naheliegend, für viele vielleicht als selbstverständlich erscheinen, dass wir unser Thema »Glaube und Erfahrung« im Gespräch mit den neutestamentlichen Schriften – und hier spe-

ziell mit Paulus als einem der bedeutendsten Theologen unter den neutestamentlichen Verfassern – entfalten wollen. Lässt uns nicht schon die Rede vom »Urchristentum« und der »Urgemeinde« an das Ideal und Vorbild unserer christlichen Tradition denken?

In Situationen der Krise und der Orientierungslosigkeit kann der sicherste Fortschritt für uns als Individuen wie als Gemeinschaften in der Tat darin bestehen, dass wir nicht unbedacht weiterlaufen, sondern anhalten und uns auf den Ausgangspunkt unserer Ziele besinnen. Gleich einem Wanderer im Moor, der spürt, dass der Boden unter ihm nachgibt, ziehen wir uns unwillkürlich zurück zu dem Punkt unseres Weges, an dem wir noch sicheren Boden unter den Füßen hatten, um uns neu zu orientieren. Dabei darf es nicht um ein zurückgewandtes und lebensängstliches Flüchten in die Vergangenheit gehen, sondern vielmehr um eine Wiedergewinnung der Perspektive, die uns vormals motivieren und unsere Wirklichkeit verändern konnte.

Die Rückbesinnung auf die Wurzeln unseres Glaubens führt ohnehin nicht zu einem verklärten Bild der ersten Christen und Gemeinden, bei denen alles noch dem Ideal entsprach und in Ordnung war. Vielmehr wird sich sehr schnell zeigen, dass es gerade der Umgang der ersten Christen mit den außergewöhnlichen Herausforderungen und Schwierigkeiten ist, der uns bei der eigenen Bewältigung unserer Aufgaben noch heute Orientierung und Motivation sein kann.

DIE ZENTRALE BEDEUTUNG DES GLAUBENS

In der Tat bilden das Substantiv »Glaube« und das Verb »glauben« nicht erst neuzeitlich, sondern von Anfang an einen – wenn nicht den – Zentralbegriff zur Beschreibung des rechten Gottes-

verhältnisses und zur Bezeichnung des Wesentlichen der christlichen Religion überhaupt. Dies zeigt sich schon rein formal an der Häufigkeit der Verwendung des Glaubensbegriffs im Neuen Testament: »Glaube« und »glauben« sind je 243-mal belegt,1 und nur in den beiden kürzesten neutestamentlichen Schriften, dem 2. und 3. Johannesbrief, findet sich der Begriff nicht. Allein in den Paulusbriefen kommt der Glaubensbegriff insgesamt 196mal vor.2

Entscheidender als die reinen Zahlen ist freilich die programmatische und umfassende Weise der Verwendung des Glaubensbegriffs in den frühchristlichen Schriften. So kann Paulus in Galater 3,23.25 vom »Gekommensein des Glaubens« reden, um das mit Christus gekommene Heil und Leben insgesamt zu umschreiben; und in Römer 12,6 nennt er als verbindlichen Maßstab für jede Predigt der christlichen Propheten »die Übereinstimmung mit dem Glauben«. Die ersten Christen bezeichneten sich schlicht als »die Glaubenden«3; und wollten sie das Christwerden, den Übertritt zur christlichen Religion und den Eintritt in die christliche Gemeinschaft, treffend benennen, sprachen sie vom »Zum-Glauben-Kommen«4. Doch was verstanden die ersten Christen genau unter »Glaube«? Was sind Bedeutung und Wesensmerkmal dieses Zentralbegriffs der christlichen – allemal der reformatorischen – Kirche bis heute?

GLAUBEN HEISST »FÜR-WAHR-HALTEN«

Bis in die Gegenwart hinein verbreitet ist erstens die Wendung »glauben, dass …« in der Bedeutung »für wahr halten«. Hier ist der Glaube also konkret auf einen Glaubensinhalt bezogen: Er bezeichnet etwas, was geglaubt wird. Die Geretteten »glauben,

dass Jesus gestorben und auferstanden ist« (1. Thess 4,14), »glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat« (Röm 10,9). In diesem Sinne lässt sich der Inhalt des Glaubens auch von Beginn an in Bekenntnissen formulieren – wie wir in unseren Gottesdiensten bis heute das Apostolische Glaubensbekenntnis gemeinsam bekennen. So wurde den Korinthern nach 1. Korinther 15 in der Verkündigung bezeugt und so haben sie geglaubt (V. 11), »dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift und dass er begraben worden ist, und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift und dass er erschienen ist Kephas, dann den Zwölfen« (1. Kor 15,3-5).

Umgangssprachlich wird der Begriff »glauben« heute oft verwendet, um hervorzuheben, dass sich etwas nur »annehmen« und »vermuten«, aber eben gerade nicht mit Gewissheit sagen lässt – wie in der Redewendung: »Glauben heißt nicht wissen.« Im Neuen Testament hingegen wird eine Erkenntnis nicht etwa deshalb als Glaubensaussage bezeichnet, weil ihr Wahrheitsgehalt dem Bekenner ungewiss oder zweifelhaft wäre. Der Glaubende darf und soll sich seiner Überzeugung durchaus gewiss sein. Was seine Glaubenserkenntnis vom sonstigen menschlichen Wissen unterscheidet, ist nicht etwa ein Mangel an Gewissheit, sondern lediglich die Weise, in der diese Gewissheit zustande kommt.

Zum Glauben an Gottes Existenz, an seine Zuwendung und sein Handeln kommt es nicht aufgrund von »Beweisen« und »eigenen Erfahrungen«, sondern vielmehr dadurch, dass der Mensch von Gott angesprochen und das Evangelium von Christus ihm zugesprochen wird. Der Glaubende wird von der Wahrheit des Evangeliums überzeugt, ohne dass er selbst Zeuge der beschriebenen Ereignisse gewesen ist. Er kann sich darauf einlassen und verlassen, ohne dass er sie wie andere Tatsachen seines Lebens persönlich nachprüfen und belegen könnte. So

versteht auch Paulus als Gegensatz zum »Glauben« nicht etwa das »Wissen«, denn der Glaube ist von Wissen, Erkenntnis und Gewissheit erfüllt – er würde in diesem Sinne wohl eher formulieren: »Glauben heißt wissen!« Für ihn besteht der Gegensatz zum gegenwärtigen Glauben der Christen vielmehr im zukünftigen »Schauen« – in der »Anschaulichkeit«, »dem Sichtbaren« der für uns noch zukünftigen himmlischen Welt. »Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen, im Sichtbaren« (2. Kor 5,7). Damit bedeutet Glauben, sich an das zu halten, was man nicht sieht, als würde man es sehen.

Die Glaubenden sind also durchaus davon überzeugt, dass Gott ist und dass er für sie ist; aber sie können dieses Wissen nicht eindeutig aus der Geschichte und Erfahrung – unabhängig und außerhalb von Christus – ableiten. Sie können ihre Glaubensüberzeugung anderen gegenüber wohl bezeugen und vernünftig erklären, aber eben nicht »beweisen«. Ihr Glaube gründet in Gottes Selbstvorstellung und Reden in Jesus Christus – in der Verkündigung und dem Wirken Jesu Christi sowie in dessen Lebenshingabe und Auferstehung zu unseren Gunsten. Ohne diese Offenbarung in Christus blieben ihre Erkenntnis von Gott und ihre Erfahrung mit der Welt und mit dem eigenen Glauben mehrdeutig und widersprüchlich – und damit gerade nicht vertrauenerweckend und glaubengründend.

Aufgrund der Zusage des Evangeliums vertrauen sie allerdings fest darauf, dass sich Gott dieser widersprüchlichen Welt gegenüber bereits behauptet hat und sich endgültig in Liebe und Gerechtigkeit durchsetzen wird. Sie nennen diese Gewissheit aber noch »Hoffnung«, weil sie eben noch nicht für jeden »augenscheinlich« und »offensichtlich« ist. – »Denn zu solcher Hoffnung sind wir gerettet; die Hoffnung aber, die man sieht [das heißt, die man schon erfüllt sieht], ist nicht Hoffnung; denn wie kann man

auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld« (Röm 8,24 f). Der christliche Glaube schließt somit durchaus »Wissen« und »Erkenntnis«, »Für-wahr-Halten« und »Bekenntnis« ein. Jedoch wird diese »Überzeugung« nicht durch einen »historischen Beweis« herbeigeführt. Schon gar nicht wird er als losgelöster »Faktenglauben« dem Menschen selbst vorweg abgefordert – im Sinne von: »Das musst du eben glauben!« Wenn man es mit neuzeitlicher Begrifflichkeit ausdrücken will, lässt es sich so auf den Punkt bringen: Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist für die ersten Christen sehr wohl »historisch« – das heißt in Zeit und Raum hinein geschehen –, aber eben nicht »historisch verifizierbar« – das heißt, mit wissenschaftlichen Mitteln auch außerhalb des Glaubens nachzuweisen. Und die Glaubensüberzeugung gilt sehr wohl als »objektiv begründet« und nicht nur als »subjektiv vermutet«, aber sie lässt sich gegenüber dem Unglauben zur jetzigen Zeit eben noch nicht »objektiv« und unwidersprechlich beweisen.

GLAUBENSLEBEN UND GLAUBENSGEHORSAM

Nun wird sowohl in den alttestamentlich-jüdischen wie in den neutestamentlichen Traditionen durchgängig vorausgesetzt, dass das, was der Glaube »erkennt« und »für wahr hält«, zugleich das Leben der Glaubenden bestimmen und prägen soll. Der Glaube bleibt nicht rein theoretisch und unverbindlich, sondern hat

Konsequenzen für die eigene Existenz und das persönliche Denken und Handeln. Dies kann als das zweite grundsätzliche Merkmal des biblischen Glaubensverständnisses angesehen werden.

Diejenigen, die in ihrem Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, die erkennen, anerkennen und bekennen

diesen zugleich als den von Gott eingesetzten »Herrn« – den Kyrios der Welt und ihres eigenen Lebens. So beschreibt es Paulus in Römer 10,9 als die Grundlage des Glaubenslebens: »Denn wenn du mit deinem Munde bekennst Jesus, dass er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.«

Die Verkündigung des Evangeliums zielt also auf Glaube und Zustimmung im Gehorsam – oder um es mit Römer 1,5 zu formulieren: Sie zielt auf den »Gehorsam des Glaubens«. Dies ist nun nicht so gedacht, dass der »Gehorsam« als ein Weiteres und etwas Anderes zum Glauben erst hinzutreten müsste. Sondern der Glaube stellt selbst den zustimmenden Gehorsam dar, der Gehorsam besteht im Erkennen, Anerkennen und Bekennen des Glaubens. Wenn die »Heiden« das von Paulus verkündete Evangelium von Jesus Christus »hören« und Gott »aufs Wort glauben«, dann kommt es damit zu dem »Gehorsam des Glaubens«, um dessentwillen sich der Apostel nach Römer 1,5 und 16,26 von Gott gesandt weiß. Und kommt es umgekehrt trotz der Verkündigung nicht zum Glauben, dann ist dieses »Nicht-Hören« und »Nicht-hören-Wollen« in umfassender Bedeutung »Ungehorsam« (Röm 11,30-32)5.

Somit gründet der »Gehorsam des Glaubens« in dem »Zu-Gehör-Bringen des Glaubens«. Der Gehorsam, der im zustimmenden Glauben besteht, gründet in der Verkündigung des Evangeliums, die den Glauben weckt.6 Der Gehorsam verdankt sich dem Hören! So folgert es Paulus selbst einprägsam in Römer 10,17: »So kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort Christi [das heißt das Evangelium].«

Wie will die Bibel verstanden werden?

INHALT

Einführung ......................................

485

Warum musste Jesus sterben? ....................... 490

Von der Bedeutung des Kreuzestodes Jesu1

Was bedeutet Vergebung der Sünden? ...............

Von der Rückkehr ins Wir

518

Gesund im Glauben ............................... 534

Heilt der Glaube – kann der Glaube gesunden?

Wie frei sind wir wirklich? ......................... 570

Zu dem neuen Verständnis der Freiheit bei Paulus

Was ist Gemeinde? ................................

Einheit und Vielfalt der Kirche Jesu Christi

587

Wie will die Bibel verstanden werden? ............... 609

Zu einem evangelischen Schriftverständnis67

Anmerkungen .................................... 637

WARUM MUSSTE JESUS STERBEN?

VON

DER BEDEUTUNG DES KREUZESTODES JESU1

1 VORAUSSETZUNGEN

1.1 DIE KREUZIGUNG JESU ALS VORGEGEBENE TATSACHE

Es lässt sich historisch kaum bestreiten, dass Jesus von Nazareth um das Jahr 30 n. Chr. durch die Hand der Römer vor den Toren der Stadt Jerusalem gekreuzigt wurde. Zu eindeutig sind die Belege, zu vielfältig die Zeugnisse. Streiten mag man über die näheren Umstände seiner Hinrichtung und den Anteil der jüdischen und der römischen Autoritäten an seiner Verurteilung. Aber dass Jesus ans Kreuz geschlagen und gewaltsam getötet wurde, kann als historisches Faktum gelten.

Schwieriger wird es, wenn man dieses historische Ereignis nach seinem Sinn befragt – nach dem »Warum?«. Denn der »Sinn« einer Sache erschließt sich nur im Zusammenhang; und weshalb ein leidvolles und schockierendes Ereignis möglicherweise nicht »Wahnsinn«, sondern dennoch »sinnvoll« war, offenbart sich erst vom Ende her.

So kann es nicht überraschen, dass nicht einmal die Frauen und Männer, die Jesus von Galiläa an begleitet hatten, das Kreuzesgeschehen von sich aus deuten konnten. Die einen erlitten das Sterben Jesu in Verzweiflung, die anderen flohen schockiert. Sinnstiftend und erhellend waren für sie nach allen neutestamentlichen Zeugnissen erst die Ereignisse seit dem Ostermorgen. Durch diese wurde nicht nur das Grab Jesu geöffnet, sondern zugleich auch Augen und Einsicht der Menschen, die fortan als

Zeugen seiner Auferstehung den Gekreuzigten verkündigten.

Erst im Licht der Auferweckung Jesu erhellte sich das Dunkel seines grausamen Sterbens. Das Rätsel des Kreuzes Jesu hat sich für die ersten Zeugen offensichtlich durch das Geheimnis seiner Auferstehung erschlossen (Lk 24,26 ff.44 ff; Mt 28,16 ff).

1.2 ES GIBT ZWEI WEGE, ÜBER DEN KREUZESTOD NACHZUDENKEN

Seitdem gibt es beim Verständnis des Kreuzestodes Jesu zwei Möglichkeiten: Entweder man fragt nach dem Sterben Jesu unter Absehung der Realität seiner Auferstehung, oder man versucht das Zeugnis der frühen Christen gedanklich unter der Voraussetzung ihrer Auferstehungserkenntnis nachzuvollziehen. Entweder man nähert sich der Kreuzigung Jesu von Nazareth allein auf der Basis der historisch allgemein plausibilisierbaren Fakten und unter Ausschluss der frühchristlichen Glaubenserkenntnis, oder man untersucht – ebenfalls mit den Mitteln der historischen Forschung und Quellenanalyse – die ältesten Zeugnisse vom Kreuzesgeschehen auf ihre Folgerichtigkeit und aufgrund ihrer eigenen Erkenntnisvoraussetzungen des Glaubens. Beide Wege kann man gehen, man muss sie nur klar unterscheiden.

»Musste Jesus sterben, um den himmlischen Vater mit der Welt zu versöhnen? Hat Gott ein Menschenopfer gefordert? Wollte er Blut sehen, um von seiner Feindschaft ablassen zu können? Sollte man das frühchristliche Sühneverständnis und Opferdenken heute nicht endgültig aufgeben?« Die meisten Verständnisprobleme unserer heutigen Debatte über das Kreuzesgeschehen rühren von der Vermischung der beiden Wege her. Christus ist »für uns gestorben«; so wird es in Römer 5,6.8;

2. Korinther 5,14 und 1. Thessalonicher 5,10 ausdrücklich formuliert. Dass er für uns gestorben ist, lässt sich nur dann erkennen und nachvollziehen, wenn man sich – zumindest gedanklich – auch auf den Erkenntnisgewinn einlässt, den die ersten Christen aus seiner Auferweckung durch Gott gewonnen haben. Umgekehrt erübrigen sich viele Anfragen an die neutestamentliche Deutung des Kreuzesgeschehens von selbst, wenn man lediglich von der offensichtlich ungerechtfertigten historischen Hinrichtung Jesu von Nazareth als eines Menschen »wie du und ich« ausgehen will. Auch dann ist sein konsequentes Leben bis hin zur Bereitschaft seines Lebenseinsatzes für Gott und die Menschen beeindruckend; sein Kreuz kann aber nicht mehr in gleicher Weise als »heilvoll«, »versöhnend« und universal bedeutsam verstanden werden, wie es die ersten Christen bezeugten. Zwar muss man die wegweisenden Lehren und das vorbildliche Leben des Nazareners auch dann nicht unbedingt als gescheitert ansehen, wenn man die Auferweckung Jesu durch Gott ausklammert; man bekommt aber nicht mehr die Hoffnungsperspektive und heilvolle Wirkung in den Blick, die das Christusgeschehen für die Auferstehungszeugen hatte.

Was sind dann aber die Grundlagen einer Kreuzestheologie, wie sie sich bereits in den ältesten frühchristlichen Schriften, Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus, entfaltet findet?

2 GRUNDLAGEN

2.1 MENSCHEN HABEN JESUS GETÖTET

»Menschen haben Jesus getötet – Gott aber hat ihn auferweckt!« Mit dieser Kontrastaussage halten die ersten Christen ihre

Grundeinsicht fest (s. Apg 2,23 f; 3,15; 4,10; 5,30). Gott hat Jesus in Wahrheit weder verworfen noch im Stich gelassen – das taten Menschen. Er hat sich mit seiner Auferweckung des gekreuzigten Jesus vielmehr zu ihm gestellt und ihm recht gegeben. Der Anspruch des Redens und Wirkens Jesu, seine Zuwendung zu den Sündern und seine herausfordernde Verkündigung der Gottesnähe werden durch die Auferstehung des Gekreuzigten überwältigend bestätigt. Damit erscheint das Kreuz nicht länger als das Scheitern, sondern als die Vollendung des Lebens und Weges Jesu.

Als »Gotteslästerer« (Mk 2,7; 14,62; Joh 19,7) erweisen sich plötzlich die Menschen, die ihn verfolgt und gekreuzigt haben, nicht etwa Jesus, der Gott seinen Vater nannte. »Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet … den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten« (Apg 3,14 f). Indem die »Herrscher dieser Welt« Jesus trotz seiner offensichtlichen Unschuld (Lk 23,4.14.22; 23,47 f) und offenkundigen Gerechtigkeit (2. Kor 5,21; 1. Petr 3,18; 1. Joh 2,1) ans Kreuz geschlagen und getötet haben, haben sie ihre eigene Ungerechtigkeit und ihr Unverständnis offenbart. Damit hat sich das Kreuz Jesu – zunächst und ganz unbestreitbar – als die Entlarvung weltlicher Herrschaft und als Demaskierung »menschlicher Weisheit« erwiesen – denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, »so hätten sie den ›Herrn der Herrlichkeit‹ nicht gekreuzigt« (1. Kor 2,8).

2.2 »GOTT WAR IN CHRISTUS«

Mit der Auferstehungserkenntnis waren zugleich ein vertieftes Erkennen der Person Jesus Christus und ein neues Verständnis

von Gott verbunden: »Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber …« (2. Kor 5,19). Was eigentlich schon an dem Wirken und den Worten Jesu erkennbar gewesen wäre, wurde jetzt für die Auferstehungszeugen endgültig offenbar: Jesus ist nicht als ein normaler sterblicher Mensch zu verstehen, sondern steht den übrigen Menschen in unvergleichlicher Weise gegenüber. Diese Einmaligkeit und einzigartige Zugehörigkeit zu Gott selbst kommen darin zum Ausdruck, dass sie ihn als den »einzigartigen Sohn Gottes« und als »Herrn« erkennen und bekennen!

2.3 WER VERSÖHNT?

Alles, was im Neuen Testament zur umfassenden Versöhnung der ganzen Welt durch das Kreuzesgeschehen entfaltet wird, setzt diese Einmaligkeit Jesu Christi voraus. Nicht ein beliebiges Kreuz an sich hätte diese Heilsbedeutung – es gab bei den Römern Tausende davon! Auch nicht das Kreuz eines normalen Menschen Jesus von Nazareth könnte eine so weitreichende Bedeutung haben. Denn wie könnten das Wirken und Geschick eines einzelnen Menschen eine so umfassende Auswirkung auf die gesamte Menschheit gewinnen? Nur wenn man voraussetzt, dass Gott selbst im Kreuzesgeschehen gegenwärtig war und das Leid trug, lassen sich solch umfassende und universale Konsequenzen überhaupt nachvollziehen. Erkennt man aber mit den ersten Christen in dem Gekreuzigten Gottes eigenen menschgewordenen Sohn – und damit Gottes leibhaftige und persönliche Gegenwart –, dann fallen bereits entscheidende neuzeitliche Bedenken gegen eine »Sühnetheologie« in sich zusammen. Die neutestamentliche Kreuzestheologie setzt kein von Gott geforder-

Zum alttestamentlichen Verbot von Menschenopfern s. vor allem 3. Mose 18,21; 20,2; 5. Mose 18,10; vgl. 2. Kön 16,3; 21,6; Jer 3,24; 7,31. Das ausdrückliche Verbot des Menschenopfers in Israel steht letztlich auch hinter der – zunächst irritierenden –

Erzählung von dem Auftrag der Darbringung Isaaks durch seinen Vater Abraham in 1. Mose 22,1 ff: »Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts!« (V. 12). Hinsichtlich der Erstgeburt – wie hier speziell des verheißenen Sohnes Isaak – gilt für das Volk Israel strikt die von Gott gebotene und gewährte Auslösung durch kultische Opfer: »Abraham nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt« (1. Mose 22,13).

2.4 WER WIRD VERSÖHNT?

Wie die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu das Geheimnis seiner Person erhellt, so offenbart die Tatsache seiner Auferweckung durch Gott das Wesen seines himmlischen Vaters. Handelnder und Urheber der Sendung Jesu und des Versöhnungsgeschehens in Kreuz und Auferstehung ist Gott selbst, der Vater, in seinem Sohn: »Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber …« (2. Kor 5,19). Weder wird hier vorausgesetzt, dass (a) Christus den Vater durch sein Opfer versöhnen musste, noch wird gesagt, dass (b) sich Gott selbst in Christus mit der Welt versöhnt hat, sondern allein, dass (c) Gott in Gestalt seines Soh-

495 tes »Menschenopfer« voraus – das war schon im Alten Testament grundsätzlich verboten! Sie erweist vielmehr die Sinn- und Nutzlosigkeit aller menschlichen Opfer. In Christus bewirkt nicht ein Mensch die Versöhnung Gottes, sondern Gott die Versöhnung des Menschen!

nes die ihm gegenüber feindlich eingestellte Welt mit sich und untereinander versöhnt hat. Die Welt war Feind Gottes, während Gott nach dem einmütigen Zeugnis der Kreuzes- und Hingabeaussagen des Neuen Testaments die Welt bereits liebte. Nicht Gott galt es durch das Versöhnungsgeschehen zu verändern, sondern die Menschen. Christus musste nicht wegen Gott sterben, sondern infolge der menschlichen Sünde als der lebensgefährdenden Beziehungsstörung gegenüber Gott und den Menschen. Was den Tod brachte, war und ist die Trennung von Gott als dem Leben und der Liebe, die Trennung von der Beziehung, die das Leben begründet.

So wird als das eigentliche Geheimnis des Kreuzes erkannt, dass Gott selbst die Konsequenzen dieser menschlichen Entfremdung auf sich genommen hat. Damit wird ausdrücklich vorausgesetzt, dass Christus nicht etwa sterben musste, damit Gott, der Vater, die Menschen lieben kann, sondern weil Gott – der Vater und der Sohn – die Welt trotz ihrer Gottesferne bereits liebte. Christus musste also keineswegs sterben, weil Gott ein Problem hatte, sondern weil die Menschen ein Problem hatten, nämlich die Trennung von Gott ihrem Schöpfer – und damit von der Grundlage ihres eigenen Lebens: »Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben … Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,6.8).

Von hier aus fällt auch Licht auf den – für uns heute leider recht missverständlichen – Begriff des »Zornes« Gottes. Unter Gottes Zorn ist im neutestamentlichen Zusammenhang seine entschiedene Ablehnung der Sünde zu verstehen; der Begriff hat auch da, wo er als »leidenschaftlich« beschrieben wird, mit menschlicher Wut und unbeherrschten Zornausbrüchen nichts gemeinsam.

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