1. KAPITEL
in dem ein Wall gebaut, Neugier geweckt und ein kleiner Finger gesegnet wird
Braínach wischte sich den Schweiß von der Stirn und seufzte. Dann ließ er die Hacke fallen, drückte die Hände in den Bereich der Lendenwirbel und streckte seinen schmerzenden Rücken. Sein noch jugendlicher Körper steckte in einer braunen, grob gewebten Kapuzen-Kutte, die an den schlanken Hüften mit einer Kordel zusammengehalten wurde. Die blonden Haare mit einem Hauch von Rot fielen ihm hinter der hohen Stirntonsur in lockeren Wellen in den Nacken. Seine dunkelbraunen Augen, mit denen er aufgeweckt in die Welt schaute, bildeten einen interessanten Kontrast zu seinem hellen Schopf. Er schüttelte seinen Kopf, dass die Schweißtropfen aus dem Nackenhaar in alle Richtungen spritzten.
Die finsteren Regenwolken der letzten Tage hatten sich verzogen, heute war es fast windstill und die Sonne brannte regelrecht vom tiefblauen Himmel. Braínach wandte sich um und betrachtete den ebenso blauen, hier und da kräftig türkisfarbigen Meeresarm, der sich wie ein riesiger Finger von Südwesten her weit ins Landesinnere Schottlands erstreckte: Loch Carron.
Eine knappe Viertelmeile unterhalb ihres Siedlungsplatzes ragte eine Landzunge mit einem kleinen bewaldeten Hügel ins Wasser. Der Weg dorthin war bei Flut nur etwa zwanzig Schritte breit, wie ein
natürlicher Damm. Links davon lag eine flache Bucht, in der ein paar Fischerboote auf den Wellen schaukelten. Auf der anderen Seite des Meerarms erstreckten sich steile Berghänge, so weit das Auge reichte. Da, wo der riesige Finger begann, verengte sich das Meer. Kurz danach weitete sich Loch Carron und ging noch weiter draußen in den Inneren Sund zwischen dem Festland und der zerklüfteten, gebirgigen Insel Ant-Eilean Sgitheanch über. Auf ihrer Herfahrt waren sie daran vorbeigekommen.
Im Nordosten lief der Meeresarm in ein flaches, sumpfiges Tal aus. Dort ragten zu beiden Seiten gewaltige Berge empor. Über den ausgedehnten Wäldern schimmerten karge Felsgipfel, die sicherlich um die dreitausend Fuß hoch waren.
Ihr Siedlungsplatz lag an einem Weg, der von einem Skoten-Dorf zu einer kleinen Befestigungsanlage führte, die sich ein Stück oberhalb des Ufers an der Meerenge befand. Das Dorf lag eine gute Viertelstunde entfernt Richtung Norden. Von hier aus waren zwischen den großen Bäumen nur Teile des Palisadenzauns zu erkennen.
Vater Cailton, der Leiter ihrer Pilgergruppe, hatte bewusst diesen Ort ausgewählt: in der Nähe eines Skoten-Dorfes und zugleich mit ein wenig Abstand. So konnte sich die Nachbarschaft langsam entwickeln. Es war etwa die gleiche Entfernung, die ihr Heimatkloster auf Iouan von den Insel-Bauern hatte. Dort war die Nachbarschaft längst zu einer vertrauten Einheit geworden, hier war dagegen noch alles fremd.
Links oberhalb des Weges lagen einige wilde Wiesen und dahinter ein Bergwald, der sich zu einer kahlen Kuppe hin erstreckte. Von dort hatte man einen wunderbaren Blick auf das entstehende Kloster, auf das Dorf und über Loch Carron zu den hohen Bergen hin. Dort oben arbeitete Bruder Cadog, der Steinmetz.
Am Anfang hatte Braínach den muskelbepackten Hünen mit dem wilden dunklen Bart und den buschigen Augenbrauen immer ein wenig gefürchtet. Seine Kräfte waren unvorstellbar. Der junge Mönch hatte einmal versucht, seinen Oberarm zu umfassen, aber als der Steinmetz die Muskeln anspannte, reichten Braínachs Hände bei
Weitem nicht aus. Dabei war Cadog ein durch und durch gutmütiger Mensch mit einem warmen Lächeln, das sein auf den ersten Blick finsteres Gesicht nicht selten völlig verwandelte.
Cadog war auf Iouan in einer einfachen Bauernfamilie aufgewachsen. Schon in jungen Jahren hatte er seinem Vater immer wieder geholfen, Marmorblöcke an der Südspitze der Insel zu brechen und in einem Lederboot zum Dorf zu transportieren. Nach und nach hatte sich gezeigt, wie geschickt seine riesigen Hände mit Hammer und Meißel umzugehen verstanden. So hatte er den Menhir oben auf einem der Iouan-Hügel mit dem Symbol der Sonne und einem rankenartigen Muster verziert. Er war einer der Ersten aus seinem Dorf, der nach der Ankunft von Abt Columcille Freundschaft mit den neuen Siedlern und ihrem neuen Glauben geschlossen hatte.
Fast zwei Wochen war es jetzt her, dass Cadog und Braínach mit vier anderen Mönchen in einem winzigen Segelboot auf ihre Pilgerfahrt nach Norden gestartet waren. Schon am dritten Tag nach ihrer Ankunft waren sie gemeinsam auf die kahle Bergkuppe oberhalb von ihrem Siedlungsplatz gestiegen, hatten einen riesigen Granit-Stein ausgesucht und mühsam zu dem weithin sichtbaren Aussichtspunkt gerollt. Seitdem bearbeitete Cadog diesen Felsbrocken tagsüber unermüdlich mit Hammer und Meißel. Nur am heiligen Sonntag ruhte er. Man konnte schon erahnen, was aus dem Felsbrocken werden sollte: ein keltisches Kreuz, mit einem Ring um den Schnittpunkt der Balken. Wenn das Werk im Groben fertig war, würden sie dieses Zeichen auf der Höhe aufrichten. Jeder sollte schon von Weitem sehen können, wem dieses Land gehörte, wer es in Zukunft richten und segnen würde: nicht mehr die alten Götter, sondern ihr christlicher Gott, der Schöpfer, der Erlöser, der Tröster.
Ein wunderschönes Fleckchen Erde war es, wo sie gelandet waren, jedenfalls wenn man so eine wilde Landschaft mochte. Braínach war sich noch nicht sicher, ob er das tat. Es war schon ziemlich anders hier als in den lieblichen Hügeln Irlands, wo er seine Kindheit verbracht hatte, und auch anders als auf der überschaubaren Insel Iouan.
Wenn er ehrlich war, hatte Braínach schreckliches Heimweh nach dem Kloster auf Iouan. Dort war alles klar geordnet gewesen. Dort waren sie sicher. Dort hatte Vater Columcille ihr Leben geleitet, hatte sie täglich gesegnet. Dort kannte er sich aus. Dort waren die Menschen freundlich. Hier aber war alles fremd und bedrohlich. Schon die tagelange Seereise gleich zu Beginn des Frühjahrs durch das Inselgewirr der Inneren Hebriden hatte ihm fürchterlich zugesetzt. Der starke Wind. Das im wahrsten Sinne des Wortes üble Schaukeln des Bootes. Die Nässe von allen Seiten.
Wie erleichtert war der junge Mönch, als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten und mit ihren Habseligkeiten an Land gegangen waren. Sie hatten vor allem Werkzeuge mitgebracht und natürlich ihr Heiliges Buch mit den Psalmen, dem Markusevangelium und einigen Hymnen, sicher verpackt in einer festen Truhe. Erst als sie alle Seiten kopiert hatten, hatte Vater Columcille sie auf die Pilgerreise geschickt.
Braínach seufzte wieder und dachte an die Schreibstube auf Iouan zurück, wo er viele Seiten des Buchs abgeschrieben hatte. »Warum habe ich mich bloß zu dieser Pilgerfahrt bereit erklärt?«, dachte er. »Ich bin grad mal sechzehn und hätte es noch ein paar Jahre bequem haben können.«
Auf Iouan gab es viele Kinder und junge Leute, mit denen er sich gut verstand. Hier war er mit Abstand der Jüngste der kleinen Pilgergruppe.
Auf eigenen Wunsch war er mit elf Jahren von Irland nach Iouan gekommen, denn er wollte ein Gelehrter werden. Da er aus einer vornehmen Familie stammte, die in früheren Zeiten bedeutende Druiden hervorgebracht hatte, war das durchaus naheliegend. In der berühmten Klosterschule von Iouan hatte er sich zum Schreiber ausbilden lassen und kürzlich seine Ausbildung abgeschlossen. Die Auszeichnung hatte ihm Vater Columcille selbst überreicht, worauf er mächtig stolz war. Gleichzeitig war er offiziell vom Novizen zum Mönch erhoben worden. Seitdem trug er wie die anderen eine braune Kapuzenkutte
und die keltische Tonsur. Der nächste Schritt wäre die Priesterweihe in einigen Jahren. Priester und Gelehrter auf Iouan, was für ein Ziel! Aber gerade war er dabei, seine feinen Schreiber-Hände durch Handlangerdienste und Schwerstarbeit zu ruinieren. Und ob er hier in der Wildnis je zum Priester geweiht werden würde?
Natürlich hätte er die Berufung zu dieser Reise auch ablehnen können. Aber wer sagt schon Nein, wenn Abt Columcille einen bittet? Was für ein Leben ihn hier erwartete, hatte Braínach sich allerdings nicht vorstellen können. Sonst hätte er vielleicht tatsächlich Nein gesagt.
Er betrachtete seine Hände, die voller Schwielen und Blasen waren. Sie schmerzten höllisch. Trotzdem griff er entschlossen zur Schaufel, um die gelockerten Steine aus dem Graben zu einem Wall aufzuwerfen.
Vater Columcille hatte ihnen vor der Reise genau erklärt, welche Aufgaben jeder von ihnen übernehmen sollte, jedenfalls am Anfang. Sie waren nach dem ausgewählt worden, was sie besonders gut konnten – oder wenigstens ein bisschen. Sie waren ganz unterschiedliche Menschen, die aber irgendwie auch prima zusammenpassten.
Cailton war ihr geistlicher Vater für die Pilgerreise. Er war mit Columcille aus Irland nach Iouan gekommen, als der Priester seine Verbannung in eine Pilgerfahrt umgewandelt hatte. Wie der Abt und Braínach stammte Cailton aus herrschaftlichem Haus. Als einer seiner engsten Freunde und geistlichen Vertrauten hatte Columcille ihn auf Iouan zum Priester geweiht. Cailton war sicher bald fünfzig Jahre alt.
Sein hinteres Haupthaar schimmerte in edlem Silbergrau, ebenso wie der stets sorgfältig geschnittene Bart. Aber sein Rücken war völlig ungebeugt, trotz der unermüdlichen Gelehrtenarbeit in der Schreibstube. Und seine hellblauen Augen blickten so wach und lebendig, als sei er ein junger Mann. Manchmal schaute er seine Mitbrüder mit solch einem Ernst und einer Strenge an, dass sie es niemals gewagt hätten, ihm zu widersprechen. Ein anderes Mal wiederum leuchtete
sein Blick voller Wärme und Zuneigung und die unzähligen kleinen Falten um seine Augen wirkten wie die Strahlen der Sonne.
Obwohl nur von mittlerer Größe, war er eine durchaus eindrucksvolle Gestalt. Sein Wort hatte schon im Kloster von Iouan gegolten, umso mehr hier in ihrer kleinen Pilgergruppe. Für Braínach war er eine Respektsperson, die er bewunderte. Ob er selbst irgendwann auch einmal so werden würde? Wobei – die Nebentätigkeit, der sich Cailton leidenschaftlich widmete, war nichts für ihn: Auf Iouan hatte der Priester ganz alleine den Kräutergarten angelegt und liebevoll gepflegt, bevor er diese Arbeit teilweise in jüngere Hände übergeben hatte. Und hier war Cailton nun dabei, einen neuen Kräutergarten anzulegen. Braínach sah ihn neben ihrer provisorischen Unterkunft den Boden umgraben und irgendetwas hineinstopfen.
»Nein, natürlich nicht irgendetwas hineinstopfen«, wies Braínach sich selbst in Gedanken zurecht. Für den jungen Mönch war es nur Grünzeug, aber Vater Cailton kannte jedes seiner Pflänzchen mit Namen. Er konnte genau beschreiben, welche Wirkung die Pflanzen hatten und wie sie dazu aufbereitet werden mussten. Er verstand sich auf heilende Kräuter und heilende Gebete wie kaum ein anderer.
Dass Cailton der Leiter ihrer Pilgergruppe war, gab Braínach ein tiefes Gefühl von Sicherheit, ein wichtiges Gegengewicht zu all dem, was ihn hier verunsicherte. Der Priester Cailton hatte am Tag nach ihrer Ankunft dem benachbarten Dorf einen Besuch abgestattet, um sich dem Häuptling vorzustellen und die Erlaubnis zu einer neuen Ansiedlung ganz in der Nähe einzuholen, sofern das nötig war. Er besaß einiges an diplomatischem Geschick und kam zufrieden von dem Antrittsbesuch zurück. Häuptling Garnaíd, so berichtete er abends, habe zwar eine strenge Miene gemacht, aber am Ende keine Einwände gegen ihre Pläne gehabt, wohl auch, weil er sich eine Belebung des Handels erhoffte, so weit weg von den belebten Handelsrouten.
Oswald, der Zimmermann, hatte zufrieden genickt und ihnen innerhalb der nächsten Tage ein brauchbares Dach über ihrem Kopf errichtet. Während Cailton und Cadog auf sehr unterschiedliche Weise
auffällige Erscheinungen waren, gab es bei Oswald nichts, wodurch er sich hervorhob. Er war von mittlerer Größe, hatte rotblonde glatte Haare wie so viele Iren und ein freundliches Gesicht. In ihrer Sechsergruppe war er aber genau dadurch etwas Besonderes, denn die verbleibenden beiden Mitglieder ihrer Gruppe waren wiederum echte Unikate:
Aodhán mit seiner rundlichen Figur und dem schelmischen Blick war ihr Koch. Schon seine Körperfülle war für einen Kelten ungewöhnlich, denn in manchen traditionellen Stämmen mussten Männer, deren Bauchumfang nicht mehr in die einheitliche Länge von Gürteln passte, Strafe zahlen. Zum Glück für Aodhán gab es diesen Brauch in Iouan nicht und die locker fallende Kutte verzieh selbst eine füllige Figur.
Der sechste Bruder war Ternan, ein kunstfertiger Schmied, der sich auch auf allerlei nützliche Dinge des Alltags verstand und erfolgreich seine Fischreusen auszulegen wusste. Ternan war zwar nicht ganz so groß wie Cadog, aber fast ebenso stark. Seine dunklen Haare standen ihm hinter der Tonsur immer wild zu Berge. Er trug einen beeindruckenden Zinken im Gesicht, das durch den imposanten Schnauzbart und unzählige kleine Narben regelrecht kriegerisch wirkte. Braínach fragte sich, ob diese Narben die Folge einer früheren Krankheit waren oder durch den ständigen Funkenflug bei seiner Arbeit an der Esse verursacht worden waren.
Gerade in ihrer großen Unterschiedlichkeit waren sie insgesamt eine wirklich gute Pilgergruppe, die sich in vielerlei Hinsicht ergänzte, auch wenn sie nur ein halbes und kein ganzes Dutzend waren, wie ihr Abt es ursprünglich geplant hatte. In jedem Fall hatte Columcille sie mit Bedacht genau so zusammengestellt. Nicht nur, damit sie selbst gut zurechtkämen, sondern auch, um den Menschen, bei denen sie eine Zeit lang wohnen würden, ihre Dienste anzubieten.
Braínachs Blick verlor sich in der Ferne Richtung Heimat, wo Vater Columcille vor ihrer Abreise das ganze Kloster zusammengerufen hatte, um sie feierlich auszusenden: »Ihr alle wisst«, hatte er mit seiner weithin klingenden Stimme gerufen, »ihr alle wisst, dass die höchste Form der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus dar-
in besteht, um seines Namens willen die Heimat zu verlassen, wie geliebt sie auch sei. Denn wer in der alten Heimat bleibt, wird auch in alten Gewohnheiten gefangen bleiben. Nur wer aufbricht, wirklich aufbricht zu unbekannten Ufern, ist Christus nahe. Das ist die wichtigste Form, das ist unsere Form des Fastens. Speiseregeln sind nicht so wichtig, wie Christus selbst schon gesagt hat. Aber Heimat zu fasten, Sicherheit und Vertrautheit zu fasten, ist wirkliche Nachfolge. Wir Mönche von Iouan sind berufen zur peregrinatio propter Christum, zur Pilgerschaft um Christi willen.«
Wie immer, wenn Columcille predigte, riss er Braínach mit. Das alles klang so überzeugend und bedeutsam. Aber inzwischen merkte der junge Mönch, wie hart diese Sorte Fasten sein konnte. Zugleich war er gespannt darauf, was sie hier erleben würden.
Auch davon hatte Columcille gesprochen: »Ich habe euch sechs ausgewählt für die nächste peregrinatio propter Christum, damit ihr in der Fremde lebt, betet und arbeitet, Gelehrsamkeit und Nachbarschaft pflegt. Wo auch immer ihr hinsegelt, Christus ist längst schon dort. Sucht ihn an diesem Ort. Soviel an euch liegt, haltet Frieden mit allen Menschen und untereinander. Wo möglich, segnet und stärkt das Gute. Wo nötig, wehrt dem Bösen mit dem Schwert des Wortes und der Kraft des Geistes. Seid ohne Furcht. Denn Gott, der den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen hat, ist bei euch. Zieht nun aus in seinem Frieden. Seid gesegnet im Namen des einen und dreifaltigen Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.«
Aus tiefstem Herzen hatte Braínach mit seinem Amen geantwortet, wie auch seine Gefährten. Und dann waren sie Richtung Norden losgesegelt und -gerudert unter Segenswünschen und langem Winken ihrer Mitbrüder und -schwestern. Gereist waren sie mit einem lederbespannten Curragh, wie es damals auch die Gründer bei ihrer Reise benutzt hatten.
Er war ein Abgesandter der Heiligen Insel, wie Iouan von vielen genannt wurde! Eben noch hatte er Heimweh gehabt, jetzt aber klopf-
te sein Herz vor Stolz, dass er würdig war, zu diesen Auserlesenen zu gehören.
Braínach warf die Schaufel beiseite, griff wieder zur Hacke und schlug auf den steinigen Boden ein, dass die Funken spritzten.
»Was machst du da?«, hörte er unverhofft eine helle Kinderstimme direkt neben sich. Er fuhr herum. Über ihm auf dem Stückchen Wall, das er schon fertiggestellt hatte, stand ein rothaariger Junge, etwa zwei Köpfe kleiner als Braínach, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Er trug ein ärmelloses, locker fallendes, buntes Hemd und eine braune Hose, die ein bisschen zu kurz war. Die Schuhe aus weichem Leder an seinen Füßen zeigten seine Herkunft aus einer bessergestellten Familie. Der Junge schaute ihn aus blaugrünen Augen neugierig an. Braínach war froh, dass sie noch innerhalb des Skoten-Gebietes waren. So hatte er keine Mühe, sich mit dem Jungen zu verständigen, auch wenn dessen Akzent etwas anders klang.
»Ich baue einen vallum, einen Wall mit Graben«, gab Braínach zurück.
»Wozu?«, fragte der Junge.
»Damit jeder sehen kann, wo unser Stück Land anfängt – oder aufhört«, antwortete Braínach.
»Darf da dann keiner mehr rein?«, wollte der Junge wissen.
Braínach zögerte ein bisschen: »Das kommt darauf an.«
»Worauf?«
»Nun, ob er Böses will oder Gutes.«
»Versteh ich nicht.«
Braínach legte seine Hacke hin, kletterte auf den Wall, setzte sich neben den Jungen und sagte: »Wir sind christliche Pilger von der Insel Iouan und bauen hier bei euch einen Brückenkopf des Himmels.«
»Einen was?«, fragte der Junge skeptisch.
»Wie du siehst, schütte ich in einem großen Kreis um unsere Hütte einen Wall auf. Innerhalb des Walls wollen wir ein Gleichnis des Paradieses leben«, erklärte Braínach.
»Versteh ich nicht«, gab der Junge fast ärgerlich zurück. »Was is’n das schon wieder: Paradies?«
»Hm, wie soll ich dir das am besten erklären? Also Paradies ist die Welt, wie Gott sie am Anfang geschaffen hat, ohne das Böse, ohne Gewalt und Hass, wo die Menschen in Frieden miteinander und mit der ganzen Natur gelebt haben. Und hier bei uns wollen wir versuchen, diesen Frieden auch zu leben. Verstehst du? Deshalb darf keiner hier rein, der etwas Böses tun will.«
Der Junge drückte die Beine durch und bohrte nachdenklich und ausgiebig in der Nase, die über und über mit Sommersprossen bedeckt war.
»Und«, sagte er nach einer Weile, zog den Finger energisch wieder heraus und wischte ihn an der Hose ab, »und wenn einer mal was Böses getan hat, darf der auch nicht rein?«
»Das kommt darauf an«, antwortete Braínach, »ob er lernen will, besser zu werden. Dann nämlich ist er herzlich willkommen.«
»Hm«, sagte der Junge und sein Finger näherte sich zielstrebig dem anderen Nasenloch. »Bei uns gibt es ziemlich viel Böses.« Dabei sah er zum Dorf hinüber, in dem er offenbar wohnte.
Braínach war vor ein paar Tagen hinübergelaufen, um es sich aus der Nähe anzuschauen. Hinter der Palisade mit den angespitzten Pfählen waren gut zwei Dutzend Rundhütten unterschiedlicher Größe erkennbar. Anhand des Umfangs konnte man wohl auf den Reichtum oder die Bedeutung der Besitzer schließen. Neben den Hütten gab es Verschläge für die Schafe und Ziegen und verschiedene Sorten von Obstbäumen. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Umzäunung lagen kleine Felder, auf denen Getreide angebaut wurde. Aus den Dächern einiger Hütten stieg Rauch auf und überall tollten Kinder herum. Auf den ersten Blick ein friedliches Bild.
»Was hast’n du für komische Haare?«, fragte der Junge in Braínachs Gedanken hinein.
Braínach strich sich über die Stirn. »Du meinst die Tonsur?«
»Was ist das, ’ne Tonsur?«
»So nennt man meinen Haarschnitt. Wie du siehst, wurden vorne auf meinem Kopf alle Haare von einem Ohr zum anderen abrasiert. Diese Tonsur tragen alle christlichen Mönche in Iouan und in Irland. Das ist ein Zeichen, an dem man von Weitem erkennen kann, dass sie zur Bruderschaft gehören.«
»Und dein komischer Kapuzenmantel ist auch so’n Zeichen?«
Braínach lachte: »Ja, richtig erkannt.«
In diesem Augenblick ertönte von der Unterkunft der Brüder her der blecherne Klang einer Handglocke. Der Junge zuckte zusammen: »Was ist das?«
»Unsere Glocke, die mich zum Abendessen und Nachtgebet ruft. Ich muss los. Sehen wir uns morgen wieder?«
»Hm«, machte der Junge und zuckte mit den Schultern.
Braínach sah ihn an und ihm fiel ein, was ihnen Abt Columcille eingeschärft hatte: »Wenn du einem Menschen begegnest, der das Gute sucht, dann segne ihn.«
Galt das etwa hier bei diesem Jungen? Durfte er, musste er jetzt? Er hatte doch noch nie einen Segen …
In aller Eile überlegte er, was er sagen könnte. Aber kein Bibelwort fiel ihm ein. Schon drehte sich der Junge um und wollte nach außen vom Wall herunterspringen. Aber Braínach hielt ihn fest: »Halt, warte noch!« Und dann wusste er’s.
»Wie heißt du?«, fragte er den Jungen.
»Braan heiß ich«, antwortete er ängstlich.
Braínach streckte seine Hände über ihm aus und sagte: »Braan, gesegnet sei dein Name. Gesegnet sei deine Neugier und – deine roten Haare. Gesegnet sei – dein Finger, der in der Nase bohrt und dir beim Denken hilft.« Er stockte kurz. »Was für ein komisches Segens-Gebet!«, wunderte er sich über sich selbst. Laut fügte er hinzu: »Und gesegnet bist du, wenn du wiederkommst. Im Namen des einen Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.«
Er ließ den verdutzten Jungen stehen, sprang in den Graben, griff nach Hacke und Schaufel und eilte zum Gebet.
Am nächsten Morgen stand Braan schon auf dem Wall, als Braínach dort ankam. »Guten Morgen, Braan«, rief Braínach ihm freundlich zu. »Na, du bist ja schon früh unterwegs. Wie geht’s dir?«
Der Junge ließ sich auf dem vallum nieder und schaute Braínach an. Als keine Antwort kam, zuckte der junge Mönch mit den Schultern, griff nach seiner Hacke und machte mit seiner Arbeit weiter.
»Wie heißt denn du?«, kam es nach einiger Zeit von oben. Braínach war richtig in Schwung und wollte sich nicht gleich wieder unterbrechen lassen. »Braínach heiß ich«, antwortete er zwischen zwei Hackenschlägen.
»Hm«, kam es vom Wall und dann wieder Schweigen. Braínach arbeitete intensiv weiter, mal hackte er, dann schaufelte er wie wild. Vielleicht wollte er den kleinen Jungen auch ein wenig beeindrucken mit seinen Kräften, wobei er nicht so zügig vorwärtskam, wie er sich das vorgestellt hatte.
»Du kommst aber nicht aus einer Bauernfamilie«, meinte Braan nach einiger Zeit mit einem gewissen Vorwurf in der Stimme.
Braínach sah auf, bog den Rücken gerade und stützte sich auf seine Schaufel. »Wie kommst du darauf?«
»Na, so wie du arbeitest!«, kam es trocken zurück.
»Was meinst du damit? Gefällt es dir nicht?«
Der Junge kicherte und stand auf. »Ob mir das gefällt, ist wurscht. Aber dir tut heute Abend der Rücken weh. Man sieht, dass du keine Übung hast.«
»Waas?«, antwortete Braínach leicht verärgert. »Das willst du Dreikäsehoch beurteilen?«
»Na klar«, meinte Braan und kicherte wieder. »Soll ich dir mal zeigen, wie das geht? Hier im Dorf lernt man so was direkt nach der Geburt.«
Jetzt war es Braínach, der losprustete: »Och, du kleiner Angeber. Komm, lass mich in Ruhe arbeiten.«
»Nein, im Ernst«, rief Braan und kam vom Wall herunter. »Du verbrauchst viel zu viel Kraft. Du musst das mit Schwung machen.«
Er ergriff die Hacke, hob sie hoch über den Kopf und ließ sie in den Graben sausen. Dann ließ er die Hacke fallen, griff zur Schaufel, stieg in den Graben und schaufelte von dort aus. Braínach hingegen hatte immer seitlich neben dem Graben gestanden.
Braan grinste, dass sich seine Nase kräuselte. »So jetzt du. Probier’s aus.«
»Na gut«, seufzte Braínach. Er hatte ja gelernt, möglichst mit jedem Frieden zu halten.
Als er Braans Methode ausprobierte, musste er zugeben, dass es zwar nicht schneller ging, aber viel leichter.
»Na gut«, sagte er wieder. »Du hast recht.« Und nach einer kleinen Pause. »Danke!«
»Gern geschehen«, antwortete Braan fröhlich. »Aber erzähl mal. Wenn du kein Bauer bist, was hast du denn dann gelernt?«
Und so erzählte Braínach, wo er herkam und wie er lesen und schreiben gelernt hatte und die Kunst, kostbare Bücher zu kopieren.
»Hm«, machte Braan und sein kleiner Finger war bereits auf seinem gewohnten Weg in Richtung Nase. »Bücher gibt es bei uns nicht. Unser Druide hat alles Wissen in seinem Kopf. Und mein Vater weiß auch eine ganze Menge. Der ist nämlich unser Häuptling.«