Die Waisenkindmentalität
Wenn wir Gott noch nicht besser kennengelernt haben, sein Wesen uns vertraut gemacht haben, dann dominiert in unserer Seele Misstrauen ihm gegenüber. Das ist deshalb so, weil es auf dieser Welt kein ungetrübtes Zugewandtsein, keine bedingungslose Liebe und kein absolut verlässliches Dasein gibt. Nirgends. Gott und die unsichtbare Welt sind uns seit der Vertreibung aus dem Paradies von Natur aus fremd geworden. Unser menschliches Erleben ist bis in den Kern geprägt von der Überzeugung, dass wir letztendlich doch alleine sind und alles selbst schaffen müssen. Das liegt daran, dass wir Gott noch nicht richtig kennen und dass alle Menschen, denen wir begegnen, in ihrer Nahbarkeit, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer Liebe Grenzen haben. Jeder von uns hat die Erfahrung gemacht, dass kein Mensch ganz gut und völlig verlässlich ist. Die Entscheidung von Adam und Eva, selbst Gott sein zu wollen, hatte den Verlust des unmittelbaren Zugangs zur Gegenwart Gottes zur Folge. So ist der natürliche Zustand des Menschen seitdem, dass wir Gott und seinem Königreich entfremdet sind. Dass wir vaterlos sind. Das führt zu dem, was ich die Mentalität eines Waisenkinds nenne. Wie denkt, fühlt und verhält sich ein Waisenkind? Ein Waisenkind muss sich um alles selbst kümmern, sich alles selbst erarbeiten. Es hat keine Eltern, die es versorgen und es einfach lieben.
Wer Gott nicht als verlässlichen, liebevollen Vater und echten Schutz wirklich kennt, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als für sich selbst zu sorgen. Der muss sich selbst beschützen und absichern. Er kennt den guten Vater und König noch nicht oder er denkt, Gott sei hart und kalt, nicht interessiert an ihm oder viel zu beschäftigt mit der Regierung der Welt, um sich um jeden Einzelnen kümmern zu können. Oder aber er weiß gar nicht, dass es Gott überhaupt gibt, und denkt, er sei alleine auf der Welt und müsste
es selbst schaffen. Das führt dann dazu, dass wir nicht die Gegenwart Gottes zuerst suchen, wenn wir einsam oder traurig sind, sondern wir versuchen, unseren Mangel mit Dingen oder Menschen zu füllen. Was zwangsläufig zu Enttäuschungen und noch mehr Verletzungen führt oder gar zu Süchten und Abhängigkeiten. Alle Sorgen und Befürchtungen, alle Gedanken von Neid, jedes Gefühl, abgelehnt zu sein und zu kurz zu kommen, haben ihre Ursache in der Waisenmentalität.
Kommt dir davon etwas bekannt vor? Ich kenne das von mir sehr gut. Obwohl ich ja schon von klein auf mit Jesus, der Bibel und dem Gebet vertraut bin, hat mich doch – so wie jeden Menschen –die angeborene Entfremdung von Gott und seiner Welt zutiefst geprägt. Seit dem Sündenfall ist das der natürliche Zustand des Menschen. Und es scheint uns so normal und natürlich zu sein, dass wir es alleine schaffen müssen und erst, wenn wir nicht mehr weiterwissen, Gott ins Spiel bringen dürfen oder sollten.
Das, was Adam und Eva dazu getrieben hat, der Schlange mehr zu glauben als Gott, spüren wir heute immer noch: Angst und Stolz. Angst, dass Gott nicht wirklich gut ist, sodass uns das Risiko, uns ihm anzuvertrauen, zu groß erscheint. Stolz, weil wir lieber doch selbst die Fäden in der Hand halten und unter keiner anderen Herrschaft sein wollen. Unser Urvertrauen ist ein für alle Mal erschüttert. Warum sollte Gott anders sein als alle Menschen, die uns je begegnet sind?
Unser Gottesbild
Um dem auf die Spur zu kommen, was uns zu schaffen macht, müssen wir uns das Bild anschauen, das wir von Gott, von uns selbst und von der Welt haben. Dabei geht es gar nicht darum, was
wir im Kopf darüber wissen, wie Gott ist oder was er über uns oder die Welt um uns herum sagt. Unser Gottesbild entspringt viel tiefer und hat seine Wurzeln auf der Herzensebene oder im Bauchgefühl: Es setzt sich aus den Erlebnissen zusammen, die wir mit unseren Eltern, Lehrern und geistlichen Leitern hatten, aus den Dingen, die uns im Leben widerfahren sind, und den Schlussfolgerungen, die wir daraus gezogen haben. Und dann haben wir noch einen Feind, den Teufel, die alte Schlange, den »Menschenmörder von Anfang an«, wie Jesus ihn nennt (Johannes 8,44). Der ist sehr daran interessiert, dass wir Gott misstrauen und möglichst distanziert von ihm als Waisenkind leben. Deshalb versucht er auch immer, uns seine Interpretation von Dingen, die wir erlebt haben, glaubhaft zu machen.
Was wir wirklich über Gott und über das Leben glauben, merken wir erst, wenn wir in einer Krise sind. Die Gedanken, die wir dann haben, die Ängste, die uns belasten, die Gefühle, die hochkommen, sie zeigen uns unsere wahren Überzeugungen, die wiederum unsere Gefühle bestimmen und unser Verhalten antreiben. Und sie zeigen uns, wo wir mit Gott stehen. Es ist wichtig, dass wir mutig genug sind, in diesen Momenten wirklich hinzuschauen und auszuhalten, was in unserem Herzen passiert. Denn das sind die Zeiten, in denen Gott Hand anlegt, in denen Offenbarungen ankommen und er uns wachsen lässt.
Hast du Härte und Ungeduld von Menschen erlebt? Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du das auch von Gott erwartest. Auch wenn du dir vom Verstand her sagst, dass Gott anders ist. Vielleicht hat sich nie jemand für dich interessiert – und du glaubst nun, dass du auch Gott egal bist.
Was für ein Persönlichkeitstyp bist du? Auch damit hat unser Gottesbild viel zu tun. Bist du leistungs- und ergebnisorientiert? Perfektionistisch? Lebst du nach dem Prinzip: Liebe nur für Leis-
tung? Bist du schnell dabei, dich und andere zu beurteilen und zu verurteilen? Dann gehst du vielleicht unbewusst davon aus, dass Gott auch so ist.
Vor einigen Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mir gezeigt hat, dass ich dringend den Vater kennenlernen muss und dass ich eine ziemlich schräge Vorstellung davon habe, wie er ist. Ich war bei einem Frauenabend, und die Referentin bot nach dem Vortrag noch persönliches Gebet an. Ihr ging der Ruf voraus, eine prophetische Gabe zu haben mit sehr akkuraten Eindrücken, was Gott zu uns sagen möchte. Als ich in der Schlange wartete, bis ich an der Reihe war, machte ich mir viele Gedanken, was jetzt wohl kommen würde. Ich erwartete Vorwürfe so in der Art: »Elke, du hast dich ja schon ganz gut bemüht, aber ich bin trotzdem enttäuscht von dir. Da geht noch mehr. Du könntest viel mehr beten und Bibel lesen und geduldiger sein mit deinen Kindern …« Was stattdessen kam, überraschte mich komplett. Einfach nur Liebe und Annahme, Trost, Lob und Zukunftsperspektiven. Ich fühlte mich so verstanden und so gesehen vom Vater und konnte mich bergen in seiner Liebe. Das hat mein Herz geschmolzen und weich gemacht. Paulus schreibt im Brief an die Römer, dass es die Güte Gottes ist, die uns zur Umkehr leitet, und nicht sein Zorn oder Frust (Römer 2,4). Es ist Gottes eigenes Anliegen, sich uns so vorzustellen, wie er wirklich ist. Und er hat genug Geduld abzuwarten, dass unsere verwaisten Herzen, die so tief im Misstrauen gefangen sind, weich werden. Er selbst will genau an dieser Stelle mit seiner Liebe rangehen.
ZU ERKENNEN, WIE GOTT WIRKLICH IST, IST EIN SCHLÜSSEL DAFÜR, WIE WIR UNSERE WAISENMENTALITÄT LOSWERDEN.
GOTT IST NICHT GENERVT UND NICHT
GESTRESST. ER HAT KEINE STIMMUNGSSCHWANKUNGEN, UND ES WÄCHST IHM NICHTS ÜBER DEN KOPF.
Bei mir sind die Aufräumarbeiten, was mein Gottesbild betrifft, bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Ich glaube, während unseres ganzen Lebens hier auf der Erde, solange wir Gott noch nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, werden wir in diesem Punkt zu lernen haben. Erst in der Ewigkeit, wenn wir »ihn sehen, wie er ist« (1. Johannes 3,2), wird unser Gottesbild vollständig sein und der ganzen Wahrheit entsprechen. Aber bis dahin hat Gott mit uns Geduld und offenbart sich uns immer mehr, je tiefer wir ihn kennenlernen.
Zu erkennen, wie Gott wirklich ist, ist ein Schlüssel dafür, wie wir unsere Waisenmentalität loswerden und unser Herz mehr und mehr vertrauensvoll diesem wunderbaren Herrn öffnen können, der der König und gleichzeitig unser Vater ist. Schauen wir uns deshalb an, was die Bibel darüber sagt, wie unser Gott wirklich ist.
Gott ist nicht launisch
Weil wir von unserer menschlichen Perspektive und unseren Erfahrungswerten mit Menschen ausgehen, erwarten wir manchmal nichts Gutes von Gott. Aber Gott ist nicht genervt und nicht gestresst. Er hat keine Stimmungsschwankungen, und es wächst ihm nichts über den Kopf.
Er ist auch nicht überfordert und wir werden nie von ihm hören: »Ach, damit habe ich jetzt nicht gerechnet, was mache ich jetzt bloß!« Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, und von ihm heißt es, er sei der glücklichste, fröhlichste Mensch, den es jemals gab. Ist das das Bild, das du von Jesus hast?
Psalm 45 beschreibt den Messias prophetisch, viele Jahre bevor Jesus auf die Erde kam. Ich finde diesen Psalm so bewegend! Hier wird Jesus als der Schönste beschrieben, innerlich und äußerlich.
Der edelste, mutigste, selbstloseste, klügste und liebevollste von allen Menschen. Voller Autorität und Hoheit. Überfließend von Fröhlichkeit. Lies den Psalm einfach selbst einmal, vor allem die Verse 3 bis 8.
Jesus ist mehr als alle Menschen mit Freudenöl gesalbt. Das ist eine sehr poetische Ausdrucksweise, die einfach bedeutet, dass er fröhlicher und glücklicher als jeder andere Mensch ist. Um Jesus herum war Freude, Lachen und Zuversicht. Er war so sicher in der Liebe des Vaters, dass er von Herzen dienen und lieben konnte.
Seine Feinde gaben ihm den Namen »Fresser und Weinsäufer« (Lukas 7,34). Das kam daher, dass er so oft auf Partys eingeladen war. Dort waren auch stadtbekannte Sünder und Prostituierte.
Aber Jesus hatte keine Berührungsängste. Im Gegenteil, er war nahbar.
Die Menschen fühlten sich zu ihm hingezogen. Jesus war kein Erbsen zählender Miesepeter, keine Spaßbremse. Menschen, und gerade auch die zerbrochenen, waren gerne in seiner Gegenwart und fühlten sich bei ihm wohl. Dort fanden sie Annahme und Heilung, Frieden und Leben. Das ist unser Gott! Er ist nahbar, souverän und glücklich. Bei ihm kannst du sicher sein, dass er immer ein offenes Herz und Ohr für dich hat. Egal wann und in welchem Zustand du zu ihm kommst.
Nimm dir doch jetzt einen Moment Zeit und komm mit Jesus darüber ins Gespräch. Vielleicht hast du ihn noch nie so gesehen. Er ist der Freund, den du dir immer gewünscht hast. Er ist immer zuversichtlich, er hat für jedes Problem eine Lösung. Er verströmt Heiterkeit, Leichtigkeit und unerschütterliche Freude.
GOTT JUBELT ÜBER DICH NICHT, WEIL DU ALLES RICHTIG MACHST, SONDERN WEIL ES DICH GIBT!
Erinnern wir uns noch mal an Zefanja 3,17: Gott ist ein Held in unserer Mitte, der sich über uns in Fröhlichkeit freut und über uns mit Jubel jauchzt. Das ist unser Gott! An anderer Stelle heißt es, dass er uns mit Rettungsjubel umgibt (Psalm 32,7). Das ist etwas so völlig anderes, als wie wir uns Gott manchmal vorstellen. Er ist ein glücklicher, fröhlicher Gott. Freude ist eine Frucht des Geistes, schreibt Paulus an die Galater, und in Psalm 16 lesen wir, dass in der Gegenwart Gottes Freude in Fülle ist. Lass das doch einmal ganz nah an dich ran: Dein Gott freut sich, er ist glücklich und er jubelt über dich. Nicht, weil du alles richtig machst, sondern weil es dich gibt und weil du sein Kind bist.
Gott ist gut
Als Adam und Eva im Paradies waren, hatten sie ungebrochene Nähe zu Gott, sie konnten ihn sehen, mit ihm reden und seine Gegenwart genießen. Und trotzdem entschieden sie sich, der Schlange mehr zu glauben, die ihnen eingeredet hatte, dass Gott nicht wirklich gut sei und dass es besser wäre, nicht unter der Herrschaft dieses Gottes zu bleiben, sondern lieber selbst wie Gott zu sein. Abraham und Sarah hatten von Gott die Verheißung, dass sie ein Kind bekommen würden; Abraham sollte ein Vater vieler Völker werden. Aber mit jedem Jahr, das ins Land ging, nahm die Zuversicht ab, und sie entschlossen sich, lieber eine andere Lösung zu suchen, als auf Gott zu vertrauen.
Wenn wir ehrlich sind, geht es doch bei uns heute noch immer um diese eine Frage: Ist Gott wirklich gut und meint er es wirklich gut mit mir?
Wie beantwortest du diese Frage? Was würde sich in deinem Leben ändern, wenn du überzeugt wärst, dass Gott gut ist und er es gut mit dir meint, mit dir ganz persönlich? An welcher Stelle merkst du, dass du es noch nicht schaffst, ihm zu vertrauen? Wo hältst du lieber noch selbst die Fäden in der Hand? Wie würde dein Leben aussehen, wenn du loslassen und Gott die Kontrolle überlassen würdest?
Seit dem Sündenfall ist der Mensch Gott und seiner unsichtbaren Welt entfremdet und hat keinen direkten Zugang zu Gott mehr. Deshalb musste ein Erlöser kommen, Gott selbst in Menschengestalt, Jesus von Nazareth, der Messias, der den Graben zwischen Gott und den Menschen wieder überbrückt hat. Der am Kreuz die Schuld der ganzen Menschheit mit seinem Tod bezahlt und den Weg in die Gegenwart Gottes wieder frei gemacht hat. Den Weg in das Paradies, für das wir geschaffen sind!
Er hat dich und mich aus der Gefangenschaft im Reich der Finsternis befreit, und das hat ihn das Leben gekostet. Er war bereit, so weit zu gehen. Es war ihm nicht zu viel, nicht zu teuer, das warst du ihm wert. Es gibt keine größere Liebe, als dass jemand für seine Freunde sein Leben lässt (Johannes 15,13). Aber Jesus ist sogar noch einen Schritt weitergegangen: Er ist für uns gestorben, als wir noch gar nicht seine Freunde waren. Er hat alles auf sich genommen, ohne die Garantie zu haben, dass wir jemals seine Freunde werden wollen. Lies dir die folgenden Bibelverse einmal laut vor:
Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.
Römer 5,8
Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.
Johannes 3,16
Was macht es mit dir, wenn du diese Bibelverse liest? Berührt es dich, oder prallt es an dir ab, weil du es schon so oft gehört hast? Wenn du merkst, dass es dich nicht mehr berührt, dann ist jetzt eine gute Gelegenheit, den Vater zu bitten, dass er dein Herz wieder weich und aufnahmefähig macht. Bitte ihn, das Abgestumpftsein zu entfernen, dein Herz wieder lebendig zu machen, die Antenne deines Herzens wieder neu auf ihn und seine Liebe hin auszurichten. Fang an, Jesus zu danken, dass er gekommen ist, um dich zu retten. Danke ihm, dass er bereit war, sein Leben zu geben, damit du ewig bei ihm sein kannst. Danke deinem Retter-Gott, dass er uns Menschen so sehr liebt.
Jesus ist gekommen, um uns das Herz des Vaters zu zeigen. Er wollte den Charakter, die Werte und die Einstellungen des Vaters
sichtbar und erfahrbar machen, wollte, dass wir durch ihn den Vater verstehen und erleben können. Durch Jesus bekommen wir einen Geschmack und eine Demonstration der neuen Welt des Königreiches Gottes. Durch Jesus verstehen wir, dass der Vater Menschen retten und nicht verurteilen will. Durch Jesus sehen wir, was echte Liebe bedeutet. Jesus war immer liebevoll und voller Annahme denen gegenüber, die mit ihrer Zerbrochenheit zu ihm kamen, die wussten, dass nichts Geschaffenes ihre tiefe Sehnsucht wirklich sättigen konnte und dass sie auf übernatürliche Hilfe angewiesen waren.
In vielen Gleichnissen erzählt Jesus, wie der Vater ist. Am eindrucksvollsten sehen wir das vielleicht im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15). Zunächst wollte der Sohn nichts von der Liebe des Vaters wissen, sondern ließ sich sein Erbe auszahlen und verprasste alles Geld auf extrem ausschweifende und ganz und gar gottlose Weise. Als er dann komplett am Ende war und als Schweinehirte arbeiten musste und hungerte, da fiel ihm sein Vater wieder ein. Er wollte zu ihm zurückgehen und einfach für ihn arbeiten. Er rechnete nicht damit, freundlich aufgenommen zu werden. Aber der Vater empfing ihn voller Freude, umarmte und küsste ihn, obwohl er noch nach Schweinestall duftete, und setzte ihn wieder in den Stand eines Sohnes ein – mit allen Würden und Rechten. Keine Vorwürfe, kein: Ich hab’s dir ja gesagt … Nur pure Liebe und Annahme und ein Freudenfest für den verlorenen Sohn, der zurückkehrt ins Vaterhaus.
So ist unser Gott. Durch und durch gut! Aber was hat Gott eigentlich davon? Er kontrolliert uns nicht, er übt keine Macht über uns aus, er lässt uns unseren freien Willen. Was Gott davon hat, ist, dass sein Vaterherz glücklich ist, wenn seine Kinder wieder in einer ungetrübten Beziehung mit ihm sind und er mit ihnen fröhliche Gemeinschaft haben kann.
Gott ist emotional
IN DIE WUNDERBARE BEZIEHUNG DER DREIEINIGKEIT
MÖCHTE GOTT UNS MENSCHEN MIT HINEINNEHMEN.
Es macht mich so glücklich zu wissen, dass Gott emotional ist. Dass er kein trockener, verstaubter Gelehrter ist, der die Welt und die Menschen sachlich und analytisch betrachtet und nicht persönlich berührt ist von ihrem Schicksal. Wie könnte ein gefühlloser, gleichgültiger Gott unsere emotionalen Bedürfnisse verstehen und erfüllen?
Gott zeigt viele Gefühle, und dadurch zeigt er uns, dass Gefühle gut und wichtig sind. Es geht unserem Schöpfer-Gott um unser Herz, das bedeutet so viel wie: unser ganzes Sein. Es geht ihm nicht nur um unseren Verstand oder unser äußerliches Verhalten. Gott will eine Beziehung von Herz zu Herz mit uns, nicht von Verstand zu Verstand. Unser Leben mit Gott ist eine Liebesgeschichte, eine ganz tiefe Beziehung. Tiefer, als es mit einem Menschen je möglich wäre. Unser Gott ist schon in sich selbst Beziehung. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind drei und doch eins. Gott spricht sogar von sich in der Mehrzahl: »Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich!« (1. Mose 1,26). In diese wunderbare Beziehung der Dreieinigkeit möchte er uns Menschen mit hineinnehmen. Gott stellt sich in der Bibel als Vater und auch als Bräutigam vor. Das ist bedeutsam. Beide Rollen sind in höchstem Maße mit Gefühlen verbunden. In seiner Geschichte mit dem Volk Israel lesen wir immer wieder, wie emotional es Gott berührte, wenn sein Volk ihm wieder und wieder nicht vertraute, wenn sie murrten, seinem Wort nicht glaubten, dass er sie in eine bessere Zukunft führen würde. Und das, obwohl sie Tag um Tag Wunder erlebten: eine übernatürliche Versorgung mit Manna, Wachteln, Wasser aus dem Felsen. Eine Wolkensäule bei Tag und eine Feuersäule bei Nacht, die sie
bis dahin zuverlässig geführt hatte. Den Untergang des ägyptischen Heeres im Roten Meer und vieles mehr.
Es ließ Gott nicht kalt, dass sein geliebtes Volk ihm einfach kein Vertrauen schenkte und ihn nicht liebte. Er zeigt Enttäuschung, Zorn, Eifersucht, Leidenschaft – wie ein eifersüchtiger Ehemann. Der Prophet Hosea sollte als prophetisches Zeichen eine Prostituierte heiraten. Damit sollte er sichtbar machen, wie es Gott mit seinem Volk geht, das sich immer wieder zu anderen Göttern hinwendet und ihn verlässt. Aber obwohl sein Volk Gott immer und immer wieder den Rücken kehrt und seine Hilfe bei toten Göttern oder in menschlichen Bündnissen mit anderen Ländern sucht, verlässt er es nie. Er gibt es nicht auf, er vernichtet es nicht. Nein, er ist der treue Gott, der treue Bündnispartner, auch wenn sein Volk untreu ist. Er kann sich selbst nicht verleugnen. Aber es lässt ihn nicht kalt, wenn seine Kinder davonlaufen.
Im Hohelied wird die Liebe zwischen Braut und Bräutigam beschrieben, und es ist auf einer Ebene auch die Beschreibung der Liebe Gottes zu seiner Braut, zu seinem Volk, zu dem wir in Christus jetzt auch gehören. Das ist keine platonische, sachliche Kopfsache. Nein, unser Gott ist ein leidenschaftlich verliebter Bräutigam:
Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.
Hohelied 2,10–14; e ü
Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut, wie viel süßer ist deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte.
Hohelied 4,9–10; e ü
So ist dein Gott. So spricht er zu dir, so sieht er dich! Er ist dir emotional nahe und hat direkt mit deinem Leben zu tun. Es berührt sein Herz, wenn du ihn ansiehst, er jubelt über dich und feiert jeden kleinen Wachstumsschritt, den du machst. Er sieht dich, und er liebt dich mit großer Leidenschaft. Er findet dich schön und ist dir am liebsten ganz nahe. Er ist nie gelangweilt mit dir. Und er meint es wirklich zu 100 Prozent gut mit dir.
Gott sucht eine Braut
Die Männer unter den Lesern brauchen nicht zu befürchten, dass sie im weißen Brautkleid zur Hochzeit des Lammes erscheinen müssen. Gott ist kein Mann; er ist weder Mann noch Frau. Und seine Braut ist keine Frau, sondern ein Volk, Menschen aus allen Völkern und Sprachen, die internationale Gemeinde, bestehend aus allen Menschen, die von Neuem geboren sind. Davon lesen wir zum Beispiel im fünften Kapitel der Offenbarung, wo Johannes schreibt, dass Jesus, das Lamm Gottes, würdig ist, angebetet zu werden, weil er sich Menschen aus allen Völkern und Sprachen erkauft hat und sie zu einem Volk von königlichen Priestern gemacht hat. In Offenbarung 19 lesen wir, dass die Hochzeit des Lammes gekommen ist und seine Braut sich bereit gemacht hat. Und im Kapitel 21 der Offenbarung sehen wir, dass das neue Jerusalem aus dem Himmel auf die Erde kommt, geschmückt wie eine Braut für ihren Mann.
In Epheser 5 spricht Paulus davon, dass die Gemeinde die Braut Christi ist (Epheser 5,25–27).
Weil die engste und innigste Beziehung hier auf der Erde die zwischen Bräutigam und Braut ist, verwendet Gott dieses Bild. Bilder sind jedoch immer unvollständig. So wie die Männer mit dem Bild von der Braut klarkommen müssen, müssen die Frauen damit zurechtkommen, dass sie »Söhne Gottes« genannt werden. Aber die Bilder sowohl von Sohn als auch von Braut sprechen über eine Position im Geist, die wir Gott gegenüber haben, eine Würde, in die er uns erhebt, und nicht über das Geschlecht einer Person.
Einige der größten Männer Gottes haben diese Botschaft von Gott als Bräutigam verstanden und darin gelebt, ohne deshalb unmännlich zu werden. König David zum Beispiel. Er war Israels größter Feldherr und war gleichzeitig ein leidenschaftlicher Anbeter Gottes, ein Poet und Songwriter. Die Psalmen, die er geschrieben hat, zeigen die Tiefe seiner Liebesbeziehung mit Gott. Der Jünger Johannes, von dem es heißt, dass er eine besondere Nähe zu Jesus hatte, und sein Bruder Jakobus bekamen von Jesus den Spitznamen »Donnersöhne«. Die beiden waren nämlich diejenigen, die ein beträchtliches Wutproblem hatten. Als Jesus mit seinen Jüngern einmal durch ein Dorf in Samaria ziehen wollte, ließen die Bewohner sie nicht durchlaufen, weil sie nach Jerusalem weitergehen wollten. Das machte Johannes und Jakobus so wütend, dass sie Jesus allen Ernstes vorschlugen, das ganze Dorf zu vernichten. Wie Elia damals könne er doch Feuer vom Himmel regnen lassen, um die Leute alle zu verbrennen. Jesus sagte den beiden deutlich, dass sie die Kultur des Reiches Gottes überhaupt nicht verstanden hätten. Er sei nicht gekommen, um Menschen zu töten, sondern um sie zu retten. Das war wahrscheinlich nur einer der Vorfälle, die Jesus veranlassten, seine hitzköpfigen Freunde Donnersöhne zu nennen. Wir können also mit Fug und Recht davon ausgehen,
dass Johannes eher kein verweichlichter Typ Mann war. Trotzdem bezeichnet er sich selbst im Johannesevangelium als den Jünger, den der Herr liebt.
Dass wir den Vater kennenlernen, ist die Grundlage für alles. Wir werden ins Reich Gottes hineingeboren und sind erst einmal geistliche Kinder, und als solche brauchen wir zuerst den Vater. Aber das ist nicht das Endziel unseres christlichen Lebens. Der Herr will nicht, dass wir unmündige Kinder bleiben. Er will uns nicht klein – und dumm halten. Stattdessen sollen wir zur vollen Mündigkeit heranwachsen. Wir sollen ihn kennenlernen, damit wir stark und belastbar werden.
Deswegen ist das Bild mit der Braut so bedeutsam, denn eine Braut ist kein Kind. Man kann kein Kind heiraten. Dass Kinderheirat in einigen Ländern (gar nicht selten) vorkommt, empfinden wir als Unrecht. Eine Braut muss erwachsen, mündig und mit dem Bräutigam auf Augenhöhe sein. Wenn Gott auf diese Weise mit uns Beziehung haben möchte, berührt uns das noch mal auf einer anderen Ebene, als wenn wir uns als seine Kinder betrachten. Einem Kind erzählt ein Erwachsener nicht alle seine Probleme. Ein König wird sein erst fünfjähriges Kind nicht in Regierungsangelegenheiten mit hineinnehmen. Das kann ein Kind nicht tragen, es wäre eine zu starke Belastung.
Deshalb will Gott eine mündige Braut, die ihn kennengelernt hat und stark geworden ist durch die Zeit, die sie auf der Erde mit ihm verbracht hat. Eine Braut muss lebenstüchtig sein, muss eine eigene Meinung haben, sonst ist sie nicht auf Augenhöhe. Denn wir sind von Gott dazu bestimmt, dass wir schon jetzt und nachher auch in der Ewigkeit mit ihm herrschen (Römer 5,17; 2. Timotheus 2,12).
Von Frankreichs Königin Marie-Antoinette, die während der Französischen Revolution hingerichtet wurde, erzählt man folgen-
de Geschichte: Als die hungernde Bevölkerung vor ihrem Palast demonstrierte und rief: »Wir haben kein Brot!«, soll sie gesagt haben: »Was, sie haben kein Brot? Dann sollen sie doch Kuchen essen.« Diese Königin war keine mündige Frau. Sie wusste nicht, was Hunger ist. Sie verstand die Probleme des Landes nicht. Sie war dem König kein Gegenüber. Sie war nicht auf Augenhöhe, sondern sie war noch ein naives, unmündiges Kind.
UNSER LEBEN HIER AUF DER ERDE IST EIN MÜNDIGKEITSTRAINING.
Unser Leben hier auf der Erde ist ein Mündigkeitstraining. Leid zu erleben und mit Gott durch schwere Zeiten zu gehen, ihn darin kennenzulernen als Erlöser, Beschützer, Versorger, Tröster, Friedefürst und noch viel mehr, das macht uns mündig, lässt uns reifen, lässt uns geistlich erwachsen werden.
Was für eine Würde gibt uns Gott dadurch! Er möchte uns nicht klein – und unwissend halten. Er möchte mit uns leben und uns mündig werden lassen, damit wir mit ihm auf Augenhöhe sind: »Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe« (Johannes 15,15).
Die Gefühle des Bräutigams
Über Jesus als unseren Bräutigam hören wir nicht so viel in unseren Predigten. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht? Jesus offenbart sich als Bräutigam, er ist nicht passiv auf seinem Thron und meistens enttäuscht von uns, sondern er liebt uns, wie ein Bräutigam seine Braut liebt, mit Leidenschaft, mit Freude, mit Stolz, mit Hingabe, ja sogar mit Eifersucht. Erst wenn wir Jesus so kennenlernen, kann etwas Neues in uns hervorkommen: eine
starke geistliche Identität als Gegenüber Gottes. Wie denkt Jesus, der Bräutigam, also über uns?
Er ist liebevoll zu den Zerbrochenen
So wie der Vater mit uns sehr liebevoll umgeht und Jesus zu unserer Erlösung gesandt hat, weil wir selbst es nicht schaffen, so begegnet Jesus, unser Bräutigam, uns ebenfalls. Als einige Männer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde und gesteinigt werden sollte, zu Jesus schleppten, brachte er ihr liebevolle Gnade entgegen (Johannes 8,2–11). Jesus rügte sie nicht wegen ihres Lebenswandels, er gab ihr auch keine guten Ratschläge, wie sie ihren Lebenswandel ändern könnte. Er verurteilte sie nicht. Stattdessen sagte er zu den Umstehenden: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.« Daraufhin gingen alle ihre Ankläger nach und nach fort. Jesus war der Einzige, der den Stein hätte werfen dürfen, aber er verurteilte sie nicht. Dann sagte er zu ihr: »Hat niemand dich verurteilt? Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr.«
Jesus sagt das auch zu dir! Ich verurteile dich nicht! Ich nehme die Strafe für deine Schuld auf mich. Du darfst noch einmal von vorne anfangen.
»Der Lohn der Sünde ist der Tod« (Römer 6,23), sagt Paulus –und es ist die Wahrheit. Auch heute noch. Jeder von uns hätte die Todesstrafe verdient. Aber Jesus hat gesagt: Ich nehme die Strafe auf mich, weil ich diese Menschen liebe und weil ich sie bei mir haben will in Ewigkeit. Selbst als seine Jünger ihn verraten und verlassen hatten, hatte er noch liebevolle Gnade für sie, verurteilte sie nicht – und er verurteilt dich auch nicht!
Er ist sanft zu uns in unserer Schwäche und Unreife
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin manchmal von mir selbst richtig enttäuscht, weil ich immer wieder Fehler mache, Menschen verletze, ungeduldig und hart bin. »Das sollte ich doch nun eigentlich schon können!« ist mein häufiger Gedanke in solchen Fällen. Ich bin dann selbst mein schärfster Ankläger. Doch irgendwann bin ich auf eine Bibelstelle gestoßen, die mir Hoffnung gibt. Paulus schreibt in 1. Korinther 4, dass niemand ihn beurteilt, auch er selber nicht. Wer ihn beurteilt, ist allein der Herr. Das ist interessant. Wie schnell bin ich dabei, Urteile zu fällen über andere Menschen, aber auch über mich selbst. Paulus sagt hier, dass uns das nicht zusteht. Als Braut sind wir eine Einheit, da hat nicht der eine den anderen zu beurteilen. Der Herr ist der, der beurteilen darf, denn er sieht alles, er sieht ins Herz, er kennt die ganze Geschichte. Er kennt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Er ist der perfekte Leiter und hat eine Vision für dein und mein Leben. Und weil er ins Herz sieht, kennt er den Unterschied zwischen Rebellion und Unreife genau. Gott hasst Rebellion, aber er ist sanft zu aufrichtigen, aber noch unreifen Menschen, die auf seinen Wegen gehen wollen. Jesus, obwohl er der Sohn war, musste durch das, was er litt, erst Gehorsam lernen, heißt es im Hebräerbrief (Hebräer 5,8). Als er zwölf Jahre alt war, blieb er eigenmächtig im Tempel in Jerusalem, ohne erst seine Eltern zu fragen, ob er dortbleiben dürfe. Er hielt es für selbstverständlich und machte sich gar keine Gedanken darüber, ob seine Eltern sich vielleicht Sorgen machen würden. Nach seinem Verständnis hielt er es für das Beste, dort zu bleiben und seine theologische Ausbildung zu bekommen. Aber seine Eltern bestanden darauf, dass er mit ihnen zurück nach Nazareth ging und Zimmermann wurde. Er entschied sich, den Eltern zu gehorchen. Das kostete ihn sicher viel. Aber dadurch nahm er zu »an Alter und Weisheit und Gunst bei Gott und Menschen« (Lukas
2,52). Im vierten Kapitel des Hebräerbriefes lesen wir, dass Jesus in allem versucht wurde wie wir, aber ohne Sünde war. Er musste also Gehorsam lernen, aber er war ohne Sünde. Jesus war tatsächlich ein echter Mensch wie wir und musste auch alles lernen wie wir.
Etwas lernen zu wollen und im Lernprozess Fehler zu machen, ist etwas anderes, als etwas gar nicht erst lernen zu wollen. Das Erstere wäre Unreife, das zweite Rebellion. Nur Gott weiß, was wir schon können sollten, und er weiß, an welcher Baustelle er gerade arbeitet. Wir haben manchmal andere Vorstellungen davon, wo wir schon sein müssten, was wir schon können müssten, als der Herr. Der Grund dafür ist oft der, dass wir uns mit anderen Menschen vergleichen. Aber jeder hat seinen eigenen Weg mit Jesus. Jeder fängt an einer anderen Stelle an.
MANCHMAL IST DAS, WAS IN DEN AUGEN DER MENSCHEN
WIE EINE NIEDERLAGE AUS-
SIEHT, IN DEN AUGEN GOTTES
SCHON EIN GROSSER ERFOLG.
Wenn wir im Prozess sind, bestimmte Gewohnheiten und Sünden in unserem Leben zu überwinden, aber immer wieder fallen, ist das nicht rebellisch, sondern wir sind halt am Lernen. Es ist, wie wenn ein Kind laufen lernt. Keiner käme auf die Idee, ein Kind, das gerade laufen lernt, zu schimpfen, weil es hingefallen ist. Ganz im Gegenteil, man feiert jeden Minischritt als Erfolg und ermutigt das Kind, einfach wieder aufzustehen und es noch einmal zu versuchen. Genauso erwartet keiner von einem sechs Monate alten Baby, dass es schon sprechen kann. Und ein Zweijähriger muss noch kein Abitur schreiben können. Manchmal ist das, was in den Augen der Menschen wie eine Niederlage aussieht, in Gottes Augen schon ein großer Erfolg.
Gott ist nicht wie wir Menschen. Er ist nicht ungeduldig mit uns. Seine Liebe hat keine Grenzen, seine Gnade ist jeden Morgen neu, sein Erbarmen hat kein Ende und seine Treue reicht bis an den Himmel.
An dieser Stelle möchte ich dich einladen, innezuhalten und in dich hineinzuhören. Sind da Stimmen der Anklage in dir? So ein diffuses Gefühl, dass Gott nicht zufrieden mit dir ist? Dass es nicht recht ist, dass du noch so unvollkommen bist? Vergleichst du dich mit anderen und denkst, du müsstest können, was andere können, oder sein, wie andere sind? Komm zu Jesus mit all diesen Gedanken und Gefühlen. Er klagt dich nicht an. Er ist geduldig mit dir. Er hat seinen eigenen, individuellen Weg mit dir. Lass dich ganz tief berühren von seiner Liebe und der Zuversicht, die er für dich und dein Leben hat.
Gott sieht die Sehnsucht nach mehr von ihm in deinem Herzen. Er sieht deinen Hunger danach, ihn besser kennenzulernen, und er sagt: »Das werte ich als echte Liebe. Das genügt mir.« »Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, meine Braut. Du hast mir das Herz geraubt mit einem einzigen Blick aus deinen Augen«, sagt der Bräutigam im Hohelied (4,9). Was glaubst du, was es beim Herrn bewirkt, wenn du ihn anschaust? Er sagt, es raubt ihm das Herz, es macht ihn glücklich, er ist zutiefst bewegt, wenn du deine Aufmerksamkeit auf ihn richtest. Gott klagt dich nicht an, sondern er ermutigt dich und feuert dich an. Er liebt dich, nicht, weil du immer alles richtig machst, sondern einfach, weil er dich liebt!
Es gibt noch einen weiteren Aspekt der Liebe eines Bräutigams, der uns auf eine andere Weise berührt als die Liebe eines Vaters: Dass ein Vater sein Kind liebt, ist normal. Wenn ein Baby zur Welt kommt, finden die Eltern, dass es das schönste Kind der Welt ist, egal wie es aussieht. Ein Kind kann man sich auch nicht aussuchen. Es wächst im Mutterleib heran, und dann kommt es zur Welt. Und dann liebt man es. Aber ein Bräutigam sucht sich seine Braut
bewusst aus. Er findet nur eine so schön, so anziehend, so faszinierend, dass er sein ganzes Leben mit ihr verbringen möchte.
Diese Qualität hat die Liebe Gottes zu dir. Er will genau dich! Du bist auserwählt! Du bist seine große Liebe! Ohne dich will er nicht sein! Lass das mal ganz nah an dich ran. So sehr bist du geliebt und gewollt! Nimm das doch jetzt als Gelegenheit, dem Herrn für diese unglaublich große Liebe für dich zu danken.
So geliebt von Gott ist jeder Einzelne von uns – aber es gibt auch noch eine andere Dimension: dass wir zusammen als Leib Christi, als Volk Gottes, seine Braut sind. Beide Aspekte sind wahr und wichtig. Doch wenn wir nicht die Wahrheit der persönlichen Erwählung Gottes verinnerlicht haben, fällt es uns vielleicht schwer, uns über die gemeinschaftliche Erwählung als Braut zu freuen. Wir sind ja nicht nur als Einzelpersonen die Braut Gottes, sondern als ganzes Volk. Aber wenn Gott nicht nur dich und mich, sondern noch Millionen anderer Menschen erwählt hat, nimmt uns das nichts weg von dem Aspekt der Erwählung. Denn die Kapazität Gottes, zu lieben, ist unendlich viel größer als die von uns Menschen.
DU BIST AUSERWÄHLT! DU BIST
SEINE GROSSE LIEBE! OHNE
DICH WILL ER NICHT SEIN.
Er genießt uns auch jetzt schon Es ist schier unglaublich, wie sehr Gott Menschen liebt. Paulus schreibt an Titus über die große Menschenliebe unseres RetterGottes, die erschienen ist, als Jesus auf die Erde kam. Menschen sind das Kostbarste, was Gott hat. Jesus sagt in Matthäus 10, dass wir uns nicht fürchten oder uns Sorgen machen sollen, weil sogar die Haare auf unserem Kopf gezählt sind. Wenn Gott sogar die Anzahl unserer Haare kennt, so können wir uns sicher sein, dass er sich für jedes kleinste Detail in unserem Leben interessiert. Er genießt uns schon hier
und heute, obwohl wir alle noch ziemlich weit weg von perfekt sind. Er ist wirklich begeistert, wenn wir da sind, er mag uns und das Zusammensein mit uns.
Kannst du dir das vorstellen, dass dieser vollkommene, wunderbare Gott total Freude daran hat, mit dir zusammen zu sein? Jesus ist niemals gelangweilt in seiner Beziehung zu dir!
David drückt es in einem Psalm so aus: »Und er führte mich heraus ins Weite, er befreite mich, weil er Gefallen an mir hatte« (Psalm 18,20). »Gefallen an jemandem finden« ist eine etwas altmodische Wendung. Wenn Gott Wohlgefallen an uns hat, bedeutet das einfach, er genießt uns. So wie wir es genießen, mit einer Person zusammen zu sein, die wir faszinierend finden und in deren Gegenwart wir uns so richtig wohlfühlen. Eine Person, mit der das Leben Freude macht und ein bisschen bunter wird. So ähnlich muss Gott empfinden, wenn wir in seiner Nähe sind. Und das, obwohl es in unserem Leben noch einiges zu reinigen gibt und wir noch reifen und wachsen müssen. Unser Gott freut sich über uns, wie sich ein Bräutigam über seine Braut freut! Der Prophet Jesaja schreibt:
Nicht länger wird man »Entlassene« zu dir sagen, und zu deinem Land wird man nicht mehr »Öde« sagen. Sondern man wird dich nennen »mein Gefallen an ihr« (Hephziba) und dein Land »Verheiratete«; denn der Herr wird Gefallen an dir haben, und dein Land wird verheiratet sein. Denn wie der junge Mann die Jungfrau heiratet, so werden deine Söhne dich heiraten. Und wie der Bräutigam sich an der Braut freut, so wird dein Gott sich an dir freuen. Jesaja 62,4–7
Gott gibt also seinem Volk den Namen »Hephziba«, das bedeutet: mein Wohlgefallen. Er freut sich über sein Volk, wie ein Bräutigam sich über seine Braut freut. Weil wir durch den Neuen Bund, den Jesus mit uns geschlossen hat, zum Volk Gottes gehören, dürfen wir
das auch für uns gelten lassen. Für uns als gesamte Braut aus allen Völkern und Sprachen wie auch für uns ganz persönlich.
Dieses Kapitel legt uns nahe, dass wir uns Gedanken machen über unser Gottesbild. Beim Gottesbild geht es nicht um Kopfwissen. Selbst wenn wir im Kopf ein ausgewogenes Bild von Gott haben, zeigt sich oft gerade in einer Krise, was wir wirklich glauben, wer Gott ist. Oder auch, wenn uns ein schlimmer Fehler unterlaufen ist. Dann merken wir, wo unser Gottesbild ins Lot gerückt werden muss, damit wir unsere Waisenmentalität loswerden können und gleichzeitig lernen, Gott mehr und mehr zu vertrauen.
Nimm dir doch ein paar Minuten Zeit, darüber nachzudenken. Vielleicht bist du gerade in einer schwierigen Situation – oder du kannst dich noch gut an die letzte erinnern. Wie hast du reagiert, als dir Schweres widerfahren ist? Wie hast du reagiert, als du in deinen Augen versagt hast? Welche Reaktion hast du von Gott erwartet – oder befürchtet? Bist du von Gott weggelaufen? Bist du zu ihm hingelaufen und hast Trost und Hilfe gesucht? Wie war deine Gefühlswelt? Welche Wahrheiten aus dem Wort Gottes haben dir geholfen?