Du sprichst zu mir
Wie Gottes Stimme dein Leben prägt
SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung
Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
© 2021 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Str. 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de · E-Mail: info@scm-brockhaus.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Weiter wurden verwendet:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen. (elb)
Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis –Brunnen Basel. (hfa)
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (ngü)
Jüdisches Neues Testament
Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, www.spika-design.de
Titelbild: Photo by Artem Kovalev on unsplash
Autorenfoto: © Vanessa Käser
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck
Gedruckt in Deutschland
ISBN 978-3-417-26938-3
Bestell-Nr. 226.938
TEIL 1




Gottes Herz kennenlernen
Kommunikation zwischen Himmel und Erde

1 Gemacht für Beziehung
Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn (den Menschen) gekrönt.
Psalm 8,6
Dieses Buch ist entstanden, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Gott heute noch spricht. Durch die Bibel und durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Und dass die Verbindung mit diesem Gott der tiefste innere Kern, die Grundlage unseres Daseins ist.
Ich schreibe dieses Buch in erster Linie aus meiner persönlichen Perspektive. Als Kind war mir nicht bewusst, dass der himmlische Vater zu uns spricht. Als ich das entdeckte, hat das mein Leben nachhaltig verändert. Ich schreibe dieses Buch aber auch aus der Perspektive einer Leiterin für Hörendes Gebet. Regelmäßig trainiere ich mit einem Team Menschen darin, hörend zu beten: die Stimme Gottes zu hören, zu interpretieren und das Gehörte weiterzugeben. Wir erleben, dass Gott uns einerseits persönlich ermutigt und stärkt, aber auch, dass er durch die Worte, die er uns für andere gibt, den Menschen in unserem Umfeld seine Liebe näherbringt.
Dass wir mit Gott in so einem nahen Austausch stehen können, war für mich nicht immer erlebbar und selbstverständlich.
Richtig und falsch
Ich bin christlich aufgewachsen. Von klein auf hörte ich, dass ein liebender Gott mich gewollt und erschaffen hat und dass er mit
mir in einer Beziehung leben will. So wuchs ich in eine vertrauensvolle Beziehung mit Jesus hinein. Ich besuchte in unserer Kirchengemeinde die Sonntagsschule und die Jungschar. Besonders lebendig erinnere ich mich an die herzlichen und ehrlichen Leiter in der »Jungschi«. Junge Menschen investierten über Jahre ihre Zeit, Kraft und Liebe in uns Kinder. Während langer Wanderungen löcherten wir Mädchen unsere Leiterinnen mit persönlichen Fragen, die sie bereitwillig beantworteten. Sie erzählten uns von ihren Freundschaften und Nöten und gaben uns an ihrem Leben Anteil. Diese Beziehungen gehören zum Prägendsten und Wertvollsten, was ich aus der Zeit mitnehme. Es war großartig, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
Die christliche Welt der Achtzigerjahre, in der ich aufgewachsen bin, war geprägt von guter, grundlegender Lehre und dem Wunsch, viele Menschen an Gottes Herz zu ziehen.
Solide Lehre und Evangelisation standen im Zentrum des christlichen Lebens und Wirkens. Es war wichtig, das »Richtige« zu glauben und entsprechend zu leben. Evangelisation habe ich in erster Linie so erlebt, andere Menschen von der »Richtigkeit« des Glaubens an Gott zu überzeugen. Es kam auf die passenden Antworten und Argumente an. Für Bedenken, Zweifel und Unsicherheiten war dabei wenig Raum. Klare, eindeutige Antworten auf die Fragen des Lebens zu haben, das war zentral.
Damals kannte ich Gott nur als strengen Richter: Gut konnte ich es nicht machen, nur richtig.
Rückblickend kann ich in mir einige Folgen dieser Prägung erkennen: Eine unterschwellige Angst und unspezifische Schuldgefühle waren lange Jahre meine ständigen Begleiter. Der Gott, den ich bisher kennengelernt hatte, war zuallererst ein gerechter, aber strenger Richter, der mit Argusaugen darüber wachte, dass mir ja kein Fehler passierte. Ich vergaß selten die Mahnung, die ich oft
gesungen hatte: »Pass auf, kleines Auge, was du siehst, pass auf, kleines Ohr, was du hörst, denn der Vater im Himmel schaut auf dich herab …« Die unterschwellig empfundene Schuld bewirkte, dass ich mich immer im Minus befand, was meine Beziehung zu Gott betraf, nie im Plus. Gut konnte ich es nicht machen, nur richtig. Ich stand grundsätzlich erst einmal unter Anklage und musste den Beweis erbringen, dass ich der Gnade Gottes würdig war.
Als ich dann zum ersten Mal mit dem Hörenden Gebet in Berührung kam, war für mich die wichtigste Neuigkeit, dass wir nicht nur mit Gott reden dürfen, sondern dass er auch zu uns reden will. Gott will sich uns offenbaren, er will sein Herz mit uns teilen? Der Gedanke war total neu für mich. Dieser Gott, der bisher vor allem Angst und Ehrfurcht in mir ausgelöst hatte, sehnt sich nach mir und hat das Bedürfnis, sich mir mitzuteilen? Es brauchte eine lange Zeit, bis diese Erkenntnis mein Herz erreichte.
Das Empfinden, dass das Reden Gottes ein riesiges Geschenk ist, ist bis heute nicht gewichen. Gott hat durch die gesamte Geschichte der Bibel zu den Menschen gesprochen. Und es wird nirgendwo erwähnt, dass er damit aufgehört hat. Auch wenn Gott manchmal schweigt: Dass er redet, ist etwas ganz Normales. Genauso normal, wie seine Stimme zu hören.
Beziehungsgott – Beziehungsmensch
Unser Gott ist ein Gott der Gemeinschaft. Er liebt es, zu uns zu sprechen und mit uns Menschen in einer Beziehung zu leben. Er will uns nahe sein, uns führen und leiten, mit uns im Gespräch sein und sein Herz mit uns teilen. Genauso liebt er es, wenn wir unser Herz mit ihm teilen. Obwohl Gott der Allerhöchste ist, wollte er sich ein Gegenüber erschaffen, um mit ihm Gemeinschaft zu
haben. Ein Gegenüber, ein »Bild, das uns gleich sei … Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn« (1. Mose 1,26-27).
Gleich dreimal wird hier gesagt, dass unser Wesen dem Bild Gottes entspricht. Er hat sich nach einem Gegenüber gesehnt! Obwohl alles da war, was man sich vorstellen konnte: Sonne, Mond und Sterne, Zeiten, Ebbe und Flut, Pflanzen und Tiere – ein Gegenüber fehlte Gott noch. Ein Ebenbild, mit dem er den Dialog sucht: wir Menschen. In Psalm 8 wird diese erstaunliche Position von uns Menschen beschrieben:
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan.
Psalm 8,5-7
Dass Gott uns in seinem Ebenbild geschaffen hat, findet einen ersten Ausdruck darin, dass Gott uns Menschen seine ganze Schöpfung anvertraut (1. Mose 1,28). Obwohl Gott weiß, wie wir Menschen sind, lässt er sich nicht beirren. Er vertraut uns Großes an und verleiht uns Autorität. Er wünscht sich Menschen, mit denen er zusammenarbeiten kann, die seine Partner und an seiner Seite sind. Gott entzieht uns sein Vertrauen nicht, sondern schenkt es uns täglich neu. Darin wird unendliche Liebe und große Wertschätzung sichtbar. Gott lebt selbst in Beziehung. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist sind jeder eine eigene Person. Der Kern der Dreieinigkeit ist Gemeinschaft. Und das, was er im Himmel lebt – diesen wertvollen Aspekt von sich selbst –, das gibt er von sich selbst in seine
Schöpfung: Beziehungsfähigkeit. Er schafft Menschen, die in die Gottesbeziehung mit hineingenommen werden, ein Gegenüber: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei« (1. Mose 2,18).
Aus diesem Grund erhält der erste Mensch, Adam, eine Gefährtin. Wir Menschen brauchen Gemeinschaft und den damit verbundenen Austausch. Wir brauchen es, wahrgenommen, gesehen und gehört zu werden. Geliebt. »Alles wirkliche Leben ist Begegnung«, sagte Martin Buber. Gemeinschaft ist mehr als ein Bedürfnis. Es ist für uns Menschen eine Notwendigkeit, eine Lebensgrundlage. Auch darin sind wir ein Ebenbild Gottes.
Gemeinschaft ist mehr als ein Bedürfnis. Es ist für uns Menschen eine Lebensgrundlage.
Gott ist ein Schöpfer-Gott. Sogar das Unscheinbarste – eine Schneeflocke, die sofort schmilzt, wenn sie den Boden berührt – ist kunstvoll gestaltet und mit Liebe gemacht. Auch diese Eigenschaft hat er uns weitergegeben: Der Mensch ist fähig, ja hat ein Bedürfnis, Dinge zu kreieren, kreativ tätig zu sein, Dinge zu erfinden und zu erschaffen. Es beginnt mit der Zeichnung im Kleinkind-Alter: »Schau, Mama, was ich gemacht habe!« Einmal waren wir an einem See, an dessen Ufer viele trockene Äste herumlagen. Unser Sohn fing sofort an, eine Hütte zu bauen. Von überallher schleppte er Äste an und war so fokussiert, dass er alles um sich herum vergaß.
Gott hat Wesenszüge von sich selbst in uns hineingelegt. Ich denke, weil er es einfach liebt, sich über die Dinge auszutauschen, die ihn selbst ausmachen. Verantwortung zu übernehmen, in Beziehung zu sein, zu erschaffen und noch viel mehr. Er ist ein Gott der Gemeinschaft und der Herzensbeziehung! Wir sind zur Gemeinschaft mit ihm geschaffen und dafür, ihm als Freunde ein Gegenüber zu sein. Das Beziehungsherz Gottes ist so groß, dass jeder Einzelne darin Platz hat. Seine Sehnsucht, sich zu offenbaren, gilt allen Menschen.
Wie sich Gott Gehör verschafft
Gott ist Gott. Er findet Wege, sich mitzuteilen. Und dabei tritt eine Eigenschaft von ihm besonders hervor: seine Kreativität! Wenn Gott zu einem Menschen sprechen will, tut er es, und zwar so, dass er gehört wird. Gott kann zu jedem Menschen sprechen. Ohne Einschränkung. Jeder Mensch kann Gottes Stimme hören.
Die Bibel ist die beste Informationsquelle dafür, wie Gott früher zu den Menschen gesprochen hat und es bis heute noch tut.
In den häufigsten Fällen redet Gott da …
• durch Propheten: z. B. Jeremia, Nathan, Jona, Hanna und viele mehr.
• durch Träume oder Engel, die im Traum gesprochen haben: z. B. zu Jakob, Daniel oder Josef, dem irdischen Vater von Jesus. Er sprach durch einen Traum zu der Frau von Pilatus, die am Morgen ihren Mann davon abhalten wollte, Jesus kreuzigen zu lassen.
• mit hörbarer Stimme: z. B. zu Samuel und Paulus.
• durch Engel: z. B. zu Daniel, Gideon, Zacharias, den Hirten in der Weihnachtsgeschichte, Maria, Petrus oder Kornelius.
• durch Visionen: z. B. zu Hesekiel oder dem Diener von Elisa.
• und natürlich durch den Heiligen Geist: z. B. in Johannes 14,16-17; 26; 16,13 und viele mehr. Damit werden wir uns noch intensiver beschäftigen.
Das wohl berühmteste Beispiel im Neuen Testament ist der Apostel Paulus. Auf spektakuläre Weise öffnet sich der Himmel, und die hörbare Stimme Gottes ist plötzlich da. Bevor Paulus ein Apostel wurde und in »Paulus« umbenannt wurde, war er Saulus, ein Verfolger der Christen. Also nicht nur kein Christ, sondern einer,
der Christen verfolgte und umbrachte. Mehr noch, er war geradezu davon besessen, den Christen den Garaus zu machen. Als sich Saulus eines Tages auf den Weg machte, um sich eine Bewilligung dafür zu holen, noch mehr Christen gefangen nehmen zu können, wurde er von Gott sehr rigoros gestoppt. Paulus vernahm die hörbare Stimme von Jesus: »Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst« (Apostelgeschichte 9,5-6). Sogar seine Begleiter hörten die Stimme, so laut und allgemein verständlich war sie.
Im Alten Testament begegnete Gott nicht nur den Stammvätern Israels und seinen auserwählten Propheten. Er redete zum Beispiel zu der Sklavin Hagar durch einen Engel (1. Mose 21), als sie weinend in der Wüste herumirrte und die Hoffnung auf das Überleben ihres Sohnes aufgegeben hatte. Hagar war in einer äußerst einsamen und hoffnungslosen Situation. Sie war von ihrer Herrin Sara buchstäblich in die Wüste geschickt worden. Ein Engel tröstete sie und versicherte ihr, dass Gott ihren Sohn sehen und ihn retten würde.
Zu Bileam sprach Gott zuerst durch einen Esel, dann durch einen Engel. Bileam wollte gegen den Willen Gottes das Volk Israel verfluchen. Darum stellte sich ihm ein Engel dreimal in den Weg (4. Mose 22). Nur die Eselin konnte den Engel sehen und wich jedes Mal aus, worauf sie von Bileam geschlagen wurde. Schließlich tat Gott ihr den Mund auf, und sie konnte Bileam fragen: »Was habe ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast?« Dann öffnete Gott Bileams Augen, damit auch er den Engel sehen und Gottes Anweisung hören konnte, nur den Willen Gottes über dem Volk Israel auszusprechen.
Gott kann zu jedem Menschen so sprechen, dass er gehört wird. Selbst wenn dieser Mensch keine besondere Beziehung zu ihm hat.
Wenn wir aber eine Beziehung zu Gott haben, dann gilt die feste Zusage aus dem Johannesevangelium für uns: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.« Wir, Gottes Kinder, die wir uns für ein Leben mit ihm entschieden haben, sind seine Schafe, und wir kennen die Stimme des guten Hirten und wir folgen ihm. Diese Selbstverständlichkeit gilt für uns alle, die wir aus Liebe mit Gott leben.
Doch wie hören wir diese Stimme des guten Hirten? Dass uns Gott Esel für seine Botschaften schickt, ist ja doch eher selten.
Gott kann durch alles und jeden zu uns sprechen. Durch jeden Menschen, durch alle erdenklichen Umstände und Situationen, im Alltäglichen und durch besondere Erlebnisse. Das Einzige, was es braucht, um ihn zu hören, ist ein offenes Herz.
Lebensworte aus der Bibel
Die Bibel ist das Wort Gottes. In diesem Buch stehen die Worte Gottes, die an sein Volk gerichtet sind. Durch Jesus gehöre auch ich dazu. Die Bibel ist also Gottes Reden an mich. Es ist sein Liebesbrief an mich. Sie ist die erste Anlaufstelle, wenn es um Gottes Reden geht, denn Gott hat uns darin sein Herz, seine Gedanken, sein Wirken und seine Pläne bereits offenbart. Die Bibel dient uns als Leitschnur und als Ermutigung. Sie ist vom Geist Gottes ein-
gegeben – dem gleichen Geist, der in uns wohnt, uns lehrt und erinnert:
Alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen.
2. Timotheus 3,16; ngü
Die Bibel ist die verschriftlichte Offenbarung von Gottes Herzen, für uns aufgeschrieben. So, wie Gott seinen Sohn für uns auf die Erde geschickt hat, und so, wie er uns zuerst geliebt hat, noch bevor wir da waren – genauso hat Gott wiederum den ersten Schritt gemacht und uns mit der Bibel alles anvertraut, was wir brauchen, um zu leben.
Rhema-Worte und Logos-Worte
Wie kommt dieses Leben Gottes durch die Bibel in meinen Alltag? Wie merke ich die Auswirkungen von Gottes lebendigen Worten in meinem Herzen? Das passiert wie bei der Erschaffung der Welt: durch Gottes Atem, den ruach, seinen Geist.
Manchmal lässt Gott durch den Heiligen Geist Worte oder Bibelverse »aufleuchten«, die er hier und jetzt betonen will. Worte, ganze Verse oder Sätze können für uns beim Lesen plötzlich eine neue Bedeutung bekommen, obwohl wir sie vielleicht schon hundertmal gelesen haben. Sie können zu uns sprechen, uns anrühren und uns halten.
»Der Geist ist es, der lebendig macht« (Johannes 6,63). Es ist der Heilige Geist, der die Bibel zu lebendigen, kraftvollen Worten Gottes macht, die genau jetzt zu mir sprechen. Solche Worte, die
durch den Geist lebendig werden, nennt man Rhema-Worte. Der Lebensatem Gottes macht aus dem geschriebenen Wort Gottes ein Wort für mich persönlich, genau für diesen Moment, für das Hier und Jetzt. Rhema ist griechisch und bedeutet »was geäußert wurde bei einer lebendigen Stimme; gesprochenes Wort; Wort«. Demgegenüber steht der Logos, das heißt »Wort, Idee, Konzept, Lehre«. Man könnte sagen: Rhema-Worte leuchten aus den Logos-Worten heraus. Logos-Worte werden in mir gebaut, ich lege mir einen Speicher an. Wenn ich in der Bibel lese, wird dieser innere Speicher gefüllt. Und dann erinnert mich der Heilige Geist an einzelne Worte. Vielleicht können wir sie gerade anwenden oder einordnen. Dann ist das ein Rhema-Wort.
Unser Sohn kam einmal angerannt, als ich in der Küche hantierte, und hielt ein Kärtchen mit einem Bibelvers in der Hand. »Mama, Gott hat zu mir gesprochen!« Auf dem Kärtchen stand: »Sorgt euch um nichts, denn Gott sorgt für euch.« Aufgeregt erklärte er mir: »Ich hatte doch einen Streit mit meinem Bruder, weil ich mein Brötchen nicht mit ihm teilen wollte. Wäre ich doch großzügig gewesen! Schau, Gott versorgt mich! Das habe ich jetzt gerade gelesen. Nicht wahr, Mama, Gott gibt mir alles – ich kann eigentlich richtig freigebig sein, oder?« Mein Sohn hatte diesen Bibelvers schon oft gelesen, aber in diesem Moment fielen die Worte direkt in sein Herz. Sie berührten ihn, sein Herz ging auf. Die Worte schenkten ihm eine neue Sicht für eine Situation, in der vorher Streit war. In diesem Moment hat Gott durch diesen Vers zu meinem Sohn gesprochen. Es ist möglich, ohne den Heiligen Geist die Bibel zu lesen. Aber ohne ihn ist es nicht möglich, Gottes Wort zu empfangen, denn er ist es, der das Wort lebendig macht. Wenn wir die Bibel lesen,
Es ist der Heilige Geist, der die Bibel zu lebendigen Worten Gottes macht, die genau jetzt zu mir sprechen.
brauchen wir die Hilfe des Heiligen Geistes, der aufleuchten lässt, betont, uns ins Herz fallen lässt, was Gott jetzt zu uns sagen will: »Dein Wort leuchtet mir dort, wo ich gehe; es ist ein Licht auf meinem Weg« (Psalm 119,105; ngü).
»Vater, was willst du mir heute sagen?«
Meine allererste bewusste Erfahrung mit dem Hören von Gottes Stimme – auch wenn ich das damals nicht so eingeordnet hätte –machte ich, als ich zwanzig war. Und das hatte entscheidend mit dem Lesen der Bibel zu tun.
Ich war in einer Zeit des Umbruchs und empfand, dass Gott so einiges an meinem Herzen tun wollte. Es war eine Zeit, in der mir zum ersten Mal überhaupt bewusst wurde, dass ich Veränderung nötig hatte. Und ich war bereit, Gott an meinem Herzen arbeiten zu lassen, obwohl ich keinen Plan hatte, wie das geschehen sollte.
Da wurde mir von einer Bekannten ein Buch empfohlen: Herr, verändere mich! von Evelyn Christenson. Das Buch packte mich sofort. Die Autorin beschreibt darin, dass man geistlich und persönlich wachsen kann, indem man Gott fragt, welchen Punkt er an einem verändern will. Dazu schlägt sie ein einfaches Konzept vor, nämlich vor dem Bibellesen Gott zu fragen: »Vater, was willst du mir heute sagen?« Dann liest man langsam, Vers für Vers, bis ein innerlich wahrnehmbares »Stopp!« kommt – wie ein innerer Flügelschlag, der innehalten lässt. An diesem Punkt verweilt man und fragt Gott, was er sagen möchte.
Ich probierte das sofort aus und war fasziniert. Praktisch kein Tag verging, ohne dass Gott mir etwas sehr Treffendes zu sagen hatte. Jedes Mal, wenn ich die Bibel las und das »Stopp!« empfand, redete Gott zu mir. Er sprach manchmal darüber, wie groß seine Liebe zu mir ist. Manchmal ermutigte er mich, ihm zu vertrauen.
Andere Male machte er mich auf Dinge in meinem Herzen aufmerksam, die er an mir verändern oder heilen wollte.
Ziemlich oben auf der Liste der Bereiche, die Gott an mir verändern wollte, fanden sich zum Beispiel meine Bequemlichkeit und meine innere Weigerung, mich bei der Haushaltsarbeit in der WG, in der ich damals lebte, von Herzen einzubringen. Er tat das auf seine liebevolle Art, sodass ich mich danach sehnte, mich verändern zu lassen!
Ja, Gott war daran interessiert, mich zu verändern, aber genauso sehr daran, mich zu ermutigen und zu bestärken. Er zeigte mir durch sein Wort, wie ich für andere beten konnte, was er tun wollte und vor allem, wie groß seine Liebe zu mir und zu allen Menschen ist. Gott auf diese persönliche Art kennenzulernen war das, was mich am meisten prägte.