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Stimmen zum Buch Was ist tragfähiger Glaube, mündiges Christsein, gelingendes Leben, gesunde Theologie? Mit acht sorgfältig gewählten Bohrern behandeln drei Zahnärzte vier wurzelvereiterte Stellen im brüchigen frommen Gebiss: Bibelverständnis, Gottesbild, Theologie, Ethik. Fair gegenüber Zweiflern, heilsam für Gläubige, aufbauend für Gemeinden – ein schmerzhaft notwendiges Buch! Andreas Malessa, Hörfunk- und Fernsehjournalist, Theologe, Buchautor Was ich gelesen habe, macht mich betroffen, wütend, ratlos, traurig – und zugleich spornt es mich an, diese Perspektive nicht auszublenden, sondern ehrlich zu fragen, was wir tun können, um solche schmerzlichen Entwicklungen zu vermeiden. Jörg Ahlbrecht, Willow Deutschland Fast jeder, der in missionarischer Jugendarbeit engagiert ist, kennt den Schmerz: Junge Menschen finden zum Glauben, aber eines nahen oder fernen Tages verlieren sie den Anschluss, wenden sich ab und lösen sich aus der Gemeinschaft. Die neue Marburger Studie hilft, solche jungen Menschen besser zu verstehen und zu achten. Sie hilft aber auch, Verkündigung, Seelsorge und Leitung in unseren Gemeinden kritisch zu überprüfen, inwiefern sie einen mündigen und widerstandsfähigen Glauben fördern – oder ihm im Weg stehen. Prof. Dr. Michael Herbst, Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald Wer sich von diesen – zum Teil dramatischen – Zeugnissen den Spiegel vorhalten lässt, wer sich als Rad im Getriebe der Entkehrung anderer erkennt, der wird vorsichtig im Urteil über Ex-Fromme. Diese Lektüre kann nur zur Buße und zu neuer Empathie mit denen führen, die auf der Strecke geblieben sind, aber vielleicht freier sind als wir, dichter an Gott selbst und seinem Wort. Wir lernen zu verstehen und werden still, ganz still. Und dann setzt vielleicht ein fruchtbarer Lernprozess ein, der im schönsten Fall zu einem versöhnten Treffen der Bekehrten mit den Entkehrten führt. Jürgen Mette, Theologe und Publizist, arbeitet für die Stiftung Marburger Medien und hat einen Lehrauftrag an der Evangelischen Hochschule Tabor Die Autoren hören denjenigen zu, die sonst nicht gehört werden. Auf diese Weise hält das Buch den Glaubenden einen Spiegel vor, der blinde Flecken sichtbar macht. Das ist nicht immer angenehm, aber äußerst hilfreich und deshalb für mich ein sehr wichtiges Buch. Prof. Dr. Miroslav Volf, Yale University, Director, Yale Center for Faith & Culture


Zum Lernprogramm der Gemeinde Jesu in dieser Welt gehört: die Fragen wahrnehmen, die junge Leute haben oder aussprechen oder darstellen. Sie ernst nehmen und lieben und liebevoll ihre Fragen umarmen mitsamt unseren eigenen Fragen. Im Namen des HERRN, der das Fragen kennt, der den Sinn für unser Leben, die Bestimmung für unser Dasein, die Kraft und den Halt für unsere Existenz hat. Monika Deitenbeck-Goseberg, ev. Pfarrerin in Lüdenscheid, Gründerin und Vorstand von Gott.net Glaubensverlust, „Apostasie“ – ein Tabu- und Reizthema aller Zeiten, gerade für fromme Menschen. Dieses Buch ist mutig und ehrlich, weil die Autoren genau hinsehen und hinhören, weil sie eher verstehen und weniger bewerten möchten. Und es ist extrem herausfordernd: Wir „haben“ den Schatz des Glaubens nur in zerbrechlichen, menschlichen „Gefäßen“. Diese Begrenzung verheißungsvoll anstatt niederschmetternd zu (er)leben, genau darum geht es. Dr. Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und ehrenamtlicher Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz Die Stärke dieses Buches liegt darin, denen einen breiten Raum einzuräumen, die einmal Glaubende waren. Manches daran schmerzt, anderes regt zum Nachdenken, wiederum anderes zum Widerspruch an. In jedem Fall eine absolut notwendige Auseinandersetzung. Jeder, der Interesse an Menschen hat, wird dieses Buch mit Gewinn lesen. Es ist keine Erbauungsliteratur und zum Teil schwer „verdaulich“ – vor allem aber ist es eine herausfordernde und dringende Einladung zum Nachdenken und Diskurs. In diesem Diskurs wird es auch darum gehen, welchen Gott und welchen Glauben wir in unseren Kirchen verkündigen und leben. Denn vieles (nicht alles!), wovon sich die Leute abgewandt haben, war nur eine Attrappe, nicht aber Gott selbst. Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden Die Autoren wagen den unvoreingenommenen Blick hinter die Biografien von jungen Erwachsenen, die aus christlicher Sicht „gescheitert“ sind, weil sie ihren Glauben verloren haben. Im Perspektivwechsel zeigen sich nüchterne Episoden eines gescheiterten Gemeindelebens, unvorsichtiger Pädagogik, missverstandener Theologie und persönlicher Enttäuschung. Sollte nicht jede Gemeinde froh über derart ehrliches Feedback sein? Pascal Görtz, Redakteur der Zeitschrift dran NEXT


Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias KĂźnkler

Warum ich nicht mehr glaube

Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren


Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2014 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG Bodenborn 43 · 58452 Witten Internet: www.scmedien.de | E-Mail: info@scm-brockhaus.de

Umschlaggestaltung: Johannes Schermuly, Wuppertal Satz: Christoph Möller, Hattingen Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-417-26583-5 Bestell-Nr. 226.583


Inhalt Vorwort von Paul M. Zulehner .................................................. 7 Einleitung ..................................................................................... 9 1. Annäherungen an ein verdrängtes Thema .......................... 17 Vom neuen Atheismus zum Jüdischen Museum ..................... 17 Die Herausforderung, (Un)Glauben messbar zu machen............................................................................ 29 Eine schwierige Generation? Junge Erwachsene, ihr Glaube und die Gemeinde ............................................... 32 Erste Entdeckungen................................................................ 37 Wie wir zu unseren Ergebnissen kamen ................................ 48 Den Gründen auf der Spur..................................................... 50

2. Warum ich nicht mehr glaube: acht Lebensgeschichten........................................................ 66 „Ich kann an diesen Gott nicht glauben“: Leitmotive der Dekonversion ................................................. 66 „Sie sind nicht, wie sie singen“: wenn der Glaube nicht mehr frei macht ................................ 72 Die Eingeengten – Claudia .................................................. 72 Die Verletzten – Ines ........................................................... 78 „Ich zweifle, also bin ich?“: wenn der Glaube nicht wahr sein kann ................................. 85 Die Zweifelnden – Nicolo ................................................... 85 Die Grübelnden – Magdalena............................................. 91 „Wer bin ich, wenn ich (nicht mehr) glaube?“: wenn der Glaube zu klein wird ............................................. 98 Die Zerrissenen – Frank ...................................................... 98 Die Entwachsenen – Gregor.............................................. 105 „Wo ist Gott?“: wenn Gott enttäuscht .................................. 109 Die Geplagten – Andreas .................................................. 109

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Die Enttäuschten – Patrick ................................................ 113 Fazit der Lebensgeschichten ................................................ 122

3. Wenn am Ende der Glaube nicht mehr trägt: weitere Aspekte von Entkehrung ....................................... 125 Die anderen sieben: Kurzvorstellungen der übrigen Gesprächspartner ............................................. 126 „Es war vollkommen normal zu glauben“: Glaube und Glaubensentwicklung....................................... 131 „… dass Christen einfach nur Menschen sind“: Erfahrungen mit Gemeinschaft ............................................ 139 „Ich kam an den Punkt, an dem es keinen Sinn mehr machte“: Gründe für die Dekonversion ...................... 148 „Das war für mich eine Befreiung“: Nachgeschichte ................................................................... 157 Zwischenbilanz ................................................................... 167

4. Denkanstöße für Christen und Gemeinden...................... 173 Der Zusammenhang von Glaube, Zweifel und Identität ........................................................................ 174 Offenheit für die Vielfalt des Glaubens ................................ 184 Macht und Missbrauch ........................................................ 190 Mündigen Glauben fördern und stärken .............................. 202

Fazit und Ausblick: zehn Fragen............................................ 213

Anhang .................................................................................... 215 Methodisches Vorgehen der Studie ...................................... 215 Fragebogen der Online-Befragung ....................................... 229 Leitfaden für die Interviews.................................................. 234 Anmerkungen ............................................................................ 239 Literaturverzeichnis ................................................................... 244 Über die Autoren ....................................................................... 248

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Vorwort von Paul M. Zulehner Über Religion, Kirche und Glaube kann in einer (post)modernen Welt trefflich diskutiert werden. Dabei werden wichtige Fragen gestellt wie: Was glauben junge Menschen heute überhaupt? Und: Wenn sie glauben, brauchen sie dazu noch die Kirche? Eine Frage wird dabei meistens vergessen: Was ist mit den Menschen, die in einer Kirche waren und nicht nur ausgetreten sind, sondern gleich ihren Glauben ganz aufgegeben haben? Über diese Gruppe von ehemaligen Gläubigen hört man erstaunlich wenig: warum eigentlich? Was sind die Gründe, dass junge Menschen nicht mehr glauben können oder wollen? Dieser spannenden Frage sind die drei Autoren in diesem lesenswerten Buch nachgegangen. Denn es hat sich einiges geändert. Religion ist heute nicht mehr Schicksal, sondern Wahl. Wählen kann „einwählen“, aber auch „auswählen“ bedeuten. „Dem Leben eine andere Richtung“ geben, das meint das lateinische Wort „vertere“. Dabei gibt es die Variationen „con-vertere“, aber auch „de-vertere“ – und davon abgeleitet die Wörter Konversion und Dekonversion. Bekehrungs- und Entkehrungsmobilität wird in Zukunft immer häufiger, wenn nicht gar zum Normalfall werden. Und das innerhalb von Religionsgemeinschaften – hier geht es um Annäherungen und Entfernungen –, aber auch über deren Grenzen hinaus. Übrigens: Auch Dekonvertierte bleiben in ihrer Weltanschauung mobil. Ein Leben lang? Für das Wählen braucht es gute tragende Gründe im Leben. Was zieht mich an, was stößt mich ab? Von Irritationen und Gratifikationen, anziehenden und abstoßenden Kräften ist die Rede, die von einer Religion oder – was nur theoretisch gesprochen dasselbe ist – einer Religionsgemeinschaft ausgehen. Das Entscheidende, so neuere Studien1 sind die Gratifikationen, also das, was leben lässt. Sind diese stark, hält jemand auch arge Irritationen aus. So wie ich selbst in meiner katholischen Kirche. Aber was passiert, wenn die Irritationen zu stark sind? Gar unerträglich? Es ist überaus verdienstlich, dass in dem vorliegenden Buch der Blick auf den sensiblen Prozess der Dekonversion, der Entkehrung fällt. Konkrete Geschichten werden wahrgenommen und auf dem Hintergrund der wenigen vorhandenen sonstigen Studien fachkun-

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dig aufgearbeitet. Treibende Kräfte für den langsamen Prozess der Umorientierung werden sichtbar: Zweifel an der Lehre, Probleme mit der Bibel und der neue Atheismus, Mündigkeit und Emanzipation, negative Erfahrungen mit Christen, negative Erfahrungen mit Gemeinde/Kirche, Erkenntnis der Zufälligkeit, negative Auswirkungen des Glaubens, keine Auswirkung des Glaubens, kein Erleben/fehlendes Gefühl, Diskrepanz zwischen Glaube und Leben, Theodizee – Leiden am Leid werden als Gründe genannt, warum sich jemand auf den langen Weg der Entkehrung macht. Ein solches Buch tut jenen gut, die aufgrund eigener Erfahrungen einen tragfähigen erwachsenen Glauben in einer modernen Welt suchen oder anderen diesen wünschen. Es ist immer ein Glauben, der vom Zweifeln begleitet wird, wie Peter L. Berger in seinem famosen Buch Lob des Zweifels mit dem Philosophen Anton Zijderveld einleuchtend dargelegt hat. Ein wirklich christlich Glaubender hat immer Jesu Frage im Ohr: „Wollt auch ihr gehen?“2 Christliche Kirchen haben von ihrem Gründer den Auftrag, sorgfältig und behutsam Menschen auf der Suche nach dem, was sie glauben oder auch nicht glauben, zur Seite zu stehen. Wer sich dieser Aufgabe verpflichtet fühlt, kann von dem vorliegenden Buch viel lernen. Sehr gut lesbar regt es an, über ein kommendes und wichtiges Thema nachzudenken. Ich wünsche diesem Buch viele aufmerksame und nachdenkliche Leserinnen und Leser unter den Eltern, Religionslehrenden, Amtsträgerinnen aller christlichen Kirchen, aber auch anderer nicht christlicher Religionsgemeinschaften – nicht zuletzt aber unter den religiösen Pilgerinnen und Pilgern. Denn das Buch ist auch eine Ermutigung für Dekonvertierte, denen der erfahrene Studenten- und Akademikerseelsorger im atheisierenden Prag, Tomas Halik, rät, nie zu früh aufzuhören zu fragen.3 So wünsche ich allen ein nachdenkliches Lesen. Wien, im Herbst 2013 Paul M. Zulehner, katholischer Theologe, emeritierter Professor für Pastoraltheologie und Religionssoziologe

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Einleitung

Wie dieses Buch entstand „Vielleicht gibt es gar keinen Gott …Vielleicht habe ich am Ende meinen Glauben und mein Leben auf einer menschlichen Erfindung gegründet?“ Patrick

„Sie reden irgendwie von Freiheit. Gott und Glaube machen frei, aber gleichzeitig stellen sie so viele Regeln und Gesetze auf, die man alle einhalten muss, weil man sonst nicht mehr bei Gott ist.“ Claudia

Vor nun gut drei Jahren werteten wir als Team vom „Institut empirica“ eine Studie aus, die junge Christen befragte, ob und warum sie in eine Gemeinde gehen oder auch nicht. Am Rande der Diskussion um die Ergebnisse fragten wir uns, was eigentlich diejenigen umtreibt, die nicht nur in keine Gemeinde mehr gehen, sondern ganz aufgehört haben zu glauben. Unser Gespräch war sehr lebhaft, da jeder solche Menschen kannte, aber uns klar wurde, dass wir nur wenig über ihre Motive und Hintergründe wussten. Wir alle hatten bei engen Freunden und Wegbegleitern miterlebt, dass ihnen der Glaube, den sie einst leidenschaftlich und intensiv gelebt hatten, auf stille und von außen oft nicht nachvollziehbare Weise abhandengekommen war. Zudem fanden wir heraus, dass es kaum Literatur zu diesem Thema gibt. Wir beschlossen daher, dass wir uns intensiver damit beschäftigen wollten. Mit der Zeit geriet die Frage allerdings wieder in den Hintergrund; andere Projekte hatten Priorität und im Arbeitsalltag war zunächst kein Raum für eine intensivere Beschäftigung. Ein knappes Jahr später erschien das Thema wieder auf unserer Agenda, als der SCM R.Brockhaus Verlag anfragte, ob wir nicht Interesse hätten, ein Buch zum Thema „Entkehrung“ zu schreiben – es gäbe da eine interessante Untersuchung aus den USA. Vielleicht würde man sich ja auch in Deutschland dafür interessieren, wie und

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warum Menschen ihren Glauben verlieren. Durch diese Gespräche begann unsere Arbeit an einem sehr spannenden, aber auch persönlich herausfordernden Thema. Schnell wurde uns klar, dass unsere eigenen beschränkten Erfahrungswerte nicht reichen würden, eine amerikanische Studie nicht so einfach auf Deutschland übertragbar ist und rein theoretische Überlegungen bei diesem Thema zu kurz griffen. Es war uns wichtig, Menschen mit ihren Geschichten ernst zu nehmen und zuerst einmal verstehend zuzuhören, bevor wir zu eigenen Schlüssen und Ergebnissen kamen. Deshalb haben wir uns für eine eigene Untersuchung entschieden, mit biografischen Interviews im Zentrum. Dabei interessieren uns der einzelne Mensch, seine Geschichte mit seinem Glauben an Gott und der Verlust dieses Glaubens. Was haben Leute erlebt, die sich zu so einem Schritt entschließen? Was erhoffen sie sich, wenn sie sich von Gott und ihrem Glauben abwenden? Wer begleitet sie dabei? Was sagen ihre Familien und Freunde? Wie reagieren ihre Kirchen und Gemeinden? Diese und weitere Fragen beschäftigten uns, als wir anfingen, uns diesem Thema zu nähern. Und so begann eine zweijährige Reise, von den ersten Vorbereitungen bis zum Schreiben dieses Buchs, die kaum aufregender hätte sein können. „Dekonversion“, zu Deutsch „Entkehrung“, ist der Fachbegriff für das von uns untersuchte Phänomen und wird in diesem Buch neben den Begriffen „Nicht-mehr-Glauben“, „Entkehrung“ und „Glaubensverlust“ verwendet. Kurz gesagt bezeichnet Dekonversion das Ereignis, dass zuvor Gläubige nicht mehr glauben wollen oder können bzw. dies irgendwann bewusst beschließen und sich nun als Nicht-mehr-Gläubige oder ehemalige Christen verstehen. Unser Anliegen in diesem Buch ist es, uns der Dekonversion ehemaliger junger Christen aus dem deutschsprachigen Raum aus unterschiedlichen Perspektiven zu nähern und besser zu verstehen, warum sie nicht mehr an Gott glauben können oder wollen. Unsere Zugänge zum Thema kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Internationale wissenschaftliche Untersuchungen haben ebenso ihren Platz wie Filme, Bücher oder auch Ausstellungen. Unsere wichtigste Informationsquelle ist jedoch die Untersuchung, die wir am Institut empirica durchgeführt haben. Ziel war

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es, die Geschichten von Menschen, den Dekonvertierten, zu hören und zu verstehen. Dazu haben wir insgesamt fünfzehn Interviews geführt. Wie wir dabei genau vorgegangen sind, kann man bei Interesse am Ende des Buches nachlesen. Uns war dabei, wie schon erwähnt, besonders wichtig, die einzelnen Menschen mit ihren individuellen biografischen Erlebnissen und Erfahrungen ernst zu nehmen und diese Erfahrungen nicht gleich moralisch, theologisch oder auf andere Weise zu bewerten. Auch wenn uns bewusst ist, dass jede Geschichte einzigartig ist, ging es uns auch darum herauszufinden, was die einzelnen Biografien gemeinsam haben, was sie unterscheidet und ob es letztendlich Muster gibt, die sich trotz aller Individualität erkennen lassen. Für viele unserer Gesprächspartner war die Dekonversion eine leidvolle Erfahrung, für andere eher ein logischer, fast schon emotionsloser Schritt. Eine Beobachtung zog sich jedoch durch: Es war in allen Fällen ein einschneidendes Erlebnis, das Auswirkungen auf die weitere Lebensführung hatte.

Zum Aufbau dieses Buches Das Buch ist in vier Kapitel eingeteilt, die immer weiter in das Thema Dekonversion und die Ergebnisse unserer Untersuchung hineinführen. Im ersten Kapitel nähern wir uns dem Phänomen des Nicht-mehr-Glaubens von verschiedenen Seiten. Wir zeigen auf, in welchen unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen es aktuell thematisiert wird, und stellen zudem verschiedene internationale Diskussionen und Forschungen vor, die sich um ähnliche Fragen drehen. Die unterschiedlichen Facetten des Themas werden so besonders deutlich. Außerdem gibt das Kapitel einen kurzen Einblick in die Lebenswelt der jungen Erwachsenen, für die wir uns besonders interessieren und die daher in diesem Buch im Mittelpunkt stehen. Was prägt ihren Alltag, ihr Denken, Fühlen und Handeln? Was unterscheidet sie von anderen Generationen? Schließlich stellen wir die Ergebnisse einer Onlinebefragung vor, die wir als Vorstudie zu den Interviews durchgeführt haben. Kapitel 2 bildet das Herzstück des Buches. Hier erzählen wir die Lebens- und Glaubensgeschichten von acht unserer Gesprächspartner. Dabei werden vier große Leitmotive im Prozess der Dekonversion deutlich. Im dritten Kapitel setzen wir uns dann genauer mit den

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Gründen und Begleitumständen auseinander und beleuchten einzelne Aspekte wie die Glaubensentwicklung oder Gemeindeerfahrungen. Auf Grundlage der beschriebenen Ergebnisse gehen wir in Kapitel 4 schließlich der Frage nach, welche Konsequenzen sich für Kirchen, Gemeinden und einzelne Gläubige ergeben. Wir möchten Denkanstöße geben, sich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen, denn wir wünschen uns vor allem, dass es durch dieses Buch zu konstruktiven Gedanken, Gesprächen und möglicherweise auch Veränderungen kommt. Wer sich genauer für unsere Studie und ihre Methoden interessiert, kann sich im Anhang darüber informieren. So ist es möglich, nachzuvollziehen, wie wir zu unseren Erkenntnissen kamen, welche Überlegungen uns dabei leiteten und mit welchen Herausforderungen wir uns auseinandersetzen mussten. Auch die Fragebögen und Interviewleitfäden sind hier zu finden.

Eine erste Orientierung: Was macht Dekonversion aus? Einer der ersten, die sich systematisch mit dem Phänomen der Dekonversion auseinandergesetzt haben, war John D. Barbour, Professor für Religionswissenschaft. Als Dekonversion bezeichnete er zunächst schlicht den Verlust des Glaubens. Um jedoch genauer zu bestimmen, welche Charakteristika diesen Prozess ausmachen, griff er auf die Autobiografien berühmter Persönlichkeiten zurück und untersuchte, wie diese ihre Dekonversion beschrieben. Neben Personen, die ihren christlichen Glauben verloren, betrachtete er auch Menschen, die ihren ersten Glauben verloren, bevor sie den aus ihrer Sicht wahren Glauben fanden. Dabei griff er auf die Autobiografien von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Kirchenvater Augustinus, dem Philosophen und Ökonom John Stuart Mill, der Schriftstellerin Mary McCarthy und dem christlichen Denker C.S. Lewis zurück. In seinem 1994 erschienenen Buch Varianten der Dekonversion: Autobiografie und Glaubensverlust4 arbeitete er vier Aspekte heraus, die für Dekonversionsprozesse charakteristisch sind. Alle Autobiografien wiesen in ihrer Schilderung des Glaubensverlustes mindestens drei dieser vier Aspekte auf. Der erste Aspekt ist ein intellektueller Zweifel bzw. eine Infrage-

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stellung von Wahrheitsaussagen oder ganzen Wahrheitssystemen. Der Ausstieg aus einer religiösen Gruppe oder Gemeinschaft ist ein zweiter Aspekt. Begleitet wird dieser Ausstieg mit drittens der moralischen Kritik an dieser Gruppe und deren Lebensweise. Ein vierter Aspekt ist schließlich emotionales Leiden (Trauer, Schuld, Einsamkeit, Verzweiflung). Heinz Streib und Barbara Keller, auf deren Arbeit wir später noch genauer eingehen, haben in ihrer Forschungsarbeit die vier Aspekte von Barbour übernommen und um einen fünften ergänzt: den Verlust religiöser Erfahrungen. Mit diesen Aspekten oder Kriterien der Dekonversion sind auch aus unserer Sicht zunächst einige zentrale Charakteristika des Phänomens gut umschrieben. Sie gaben uns bei unserer Reise eine erste Orientierung und begegneten uns immer wieder.

Biografie als Türöffner Jeder persönliche Glaube ist eingebettet in die eigene Biografie und wird von unterschiedlichen Aspekten beeinflusst. Die Umstände, unter denen man aufwächst und lebt, prägen ihn dabei in einem sehr hohen Maße. Wie wir glauben, was wir glauben und warum wir glauben, hängt elementar mit unserer Herkunftsfamilie, unserer Kirche und unserem Umfeld zusammen. Man kann einen Glaubensverlust nicht verstehen, ohne den Glauben zu betrachten, der verloren ging. Und man kann den Glauben nur verstehen, wenn man genauer in die genannten Bereiche schaut. Auch aus diesem Grund haben wir uns für biografische Interviews entschieden, bei denen wir die Gesprächspartner ihren Lebensverlauf berichten ließen. Es ging dabei genau um die eben genannten Fragen: wie sie ursprünglich überhaupt zu einem christlichen Glauben kamen, wer sie dabei geprägt hat, welche Erlebnisse sie hatten und welche Rolle dies dann in ihrem weiteren Leben spielte. Die Tatsache, dass die Biografie einen großen Einfluss auf den Glauben hat, gilt natürlich auch für die Forschenden selbst. Wir drei Autoren haben jeder unsere eigene Geschichte mit dem Glauben. Zwei von uns sind Soziologen, einer Theologe und wir können uns an kaum eine Forschung erinnern, in der wir so oft zusammensaßen und über die Ergebnisse so intensiv diskutiert haben. Natürlich versuchen wir als Forschende und Autoren, einen professionellen Ab-

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stand zu unserem Thema zu wahren, aber zur Professionalität gehört auch, sich bewusst zu sein, dass man niemals objektiv sein kann, sondern durch die Art, wie man forscht und arbeitet, fragt und agiert, immer auch den Forschungsprozess beeinflusst. Daher haben wir uns umso mehr bemüht, unser Vorgehen zu reflektieren. Auch ist uns klar, dass das Phänomen der Dekonversion mit diesem Buch nicht abschließend behandelt ist und es zu diesem Thema in Zukunft noch viel zu erfahren gibt. Warum ich nicht mehr glaube soll jedoch einen ersten Beitrag leisten. Und wir glauben, dass dieser Beitrag dringend notwendig ist. Wir haben gemerkt, dass wir in eine Welt eingetaucht sind, die uns bisher nur am Rande bekannt war. Wir haben feststellen müssen, dass unsere Befürchtung, nicht genügend Betroffene zu finden, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen, völlig unbegründet war. Im Gegenteil, es haben sich viel mehr Leute gemeldet, als wir vermutet hatten, und es melden sich immer noch mehr. Es ist, als ob wir eine Tür geöffnet hätten und die Menschen nur darauf warteten, endlich hereinkommen zu dürfen und ihre Geschichte erzählen zu können. Wir haben viele Mails erhalten, in denen uns Leute seitenweise ihre Geschichte erzählt haben; manchmal schrieben sie ganz sachlich, manchmal verletzt, manchmal wütend und böse. Diese Rückmeldungen kamen sogar in einer Phase, in der wir noch gar nicht danach gefragt hatten. Sie kamen einfach so, weil die Menschen ein Bedürfnis hatten, über etwas zu reden, was sie offensichtlich sehr beschäftigt.

Was wir uns wünschen Dieses Buch hat nicht das Ziel, neue Strategien zu entwickeln, wie „die verlorenen Schafe zurück in das Haus Gottes geholt werden können“ – wie es ein amerikanisches Buch zu dem Thema sinngemäß im Untertitel ausdrückt. Vielmehr soll es dabei helfen, Menschen und ihre Geschichte zu verstehen. So viel sei schon verraten: Viele haben sich in ihren Glaubenskämpfen alleine gefühlt und haben von ihrer Kirche und Gemeinde wenig positive Unterstützung erfahren. Nach den Interviews fielen zuweilen Sätze wie: „Danke, Sie sind die ersten, die sich wirklich für meine Geschichte interessieren.“ Deshalb ist eines unserer ersten Anliegen, dass Sie sich durch dieses Buch diesem komplexen und emotionalen Thema annähern,

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indem wir Sie mit hineinnehmen und Dekonversion von verschiedenen Seiten beleuchten und erklären. Dabei geht es uns nicht um Pauschalisierungen, weder in Richtung Kirchen und Gemeinden („so sind also die christlichen Gemeinden“) noch in Richtung der Entkehrten („so sind also die Entkehrten“). Vielmehr wollen wir das Thema und die erlebten Geschichten aufnehmen, ernst nehmen und überlegen, was wir daraus lernen können. Es geht uns also in diesem Buch nicht darum, jemanden anzugreifen oder gar Kirche, Gemeinde und Christen per se schlechtzumachen. Stattdessen geht es uns um eine konstruktive Aufarbeitung dieses wichtigen und herausfordernden Themas. Dabei ist manches von dem, was wir herausgefunden haben, nicht leicht zu verdauen. Wir stießen auf teils unbegreifliche Schicksale, verstörendes (Nicht-)Handeln Gottes, zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten von Glaubensgeschwistern u.v.m. Trotzdem sind wir davon überzeugt, dass es sich nicht nur lohnt, sondern dass es in gewissem Maße sogar unsere Verantwortung als Christen ist, uns mit diesem sensiblen, oft vergessenen und auch verdrängten Thema auseinanderzusetzen und als Einzelne wie als Gemeinschaften davon zu lernen.

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