Reinhard Deichgräber (Hrsg.)
Das Geheimnis eines glücklichen Lebens Die Weisheit der Bibel entdecken – 52 Andachten
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© 2012 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Bodenborn 43 · 58452 Witten Internet: www.scm-brockhaus.de · E-Mail: info@scm-brockhaus.de Umschlaggestaltung: Yvonne Pils, Düsseldorf Satz: Burkhard Lieverkus, Wuppertal | www.lieverkus.de Druck und Bindung: CPI–Ebner & Spiegel, Ulm Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-417-26479-1 Bestell-Nr. 226.479
Inhalt Einführung Reinhard Deichgräber .................................................................................. 1. Woche: Im Schmelzofen (Sprüche 17,3) Albrecht Gralle ................................................................................................ 2. Woche: Oberste Priorität: Lebensweisheit (Sprüche 4,7) Christoph Schalk ............................................................................................ 3. Woche: Der Weg zum Zorn (Jakobus 1,19) Martin Bühlmann ......................................................................................... 4. Woche: Die Absicht erst gibt eurem Werk seinen Namen (Psalm 62,11) Claudius Rosenthal ........................................................................................ 5. Woche: Von Gerüchtefeuern, Schwelbränden und Feuerlöschern (Sprüche 26,20) Andreas Malessa ............................................................................................. 6. Woche: Veränderung – ein Glücksfall?! (Jakobus 1,23-24) Gerd Ballon ....................................................................................................... 7. Woche: Kompromisslos ehrlich – weil er die Wahrheit liebt (Matthäus 5,37) Kerstin Wendel ................................................................................................ 8. Woche: Unser Stück Land (Sprüche 22,13) Doris Schulte .................................................................................................... 9. Woche: Freunde fürs Leben (Hiob 22,21) Steffi Baltes ....................................................................................................... 10. Woche: Flussfahrt mit Hindernissen (1. Timotheus 6,6) Christian Mörken ........................................................................................... 11. Woche: Lebe die Zeit in Perspektive Ewigkeit, oder: »Ich krieg die Krise! Wie gut!« (Prediger 3,11) Christof Lenzen ............................................................................................... 12. Woche: Gott ist immer noch da (Sprüche 3,5) Elke Werner ...................................................................................................... 13. Woche: Die Macht des gesprochenen Wortes (Sprüche 25,11) Ingolf Ellssel .....................................................................................................
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14 Woche: Vom Glück, mit Gott zu sein (Hiob 15,20) Gerdi Stoll ......................................................................................................... 67 15. Woche: Willkommen im Klub der Realisten! (Prediger 9,18) Ansgar Hörsting .............................................................................................. 72 16. Woche: Eine krumme Herz-Banane (Prediger 1,15) Doro Zachmann ............................................................................................. 76 17. Woche: Die Bibel mit 2000 Löchern, oder: Gott will Gerechtigkeit (Micha 6,8) Andreas Kusch ................................................................................................. 80 18. Woche: Beglückend leicht und schön (Sprüche 8,22.27-31) Hansgünter Ludewig .................................................................................... 85 19. Woche: Heute ist der beste Tag! (Kolosser 4,5b) Heike Malisic ................................................................................................... 89 20. Woche: Das richtige Maß (Sprüche 30,8b) Reinhard Deichgräber .................................................................................. 93 21. Woche: Gib mir, mein Sohn, dein Herz (Sprüche 23,26) Martin Schramm ............................................................................................ 97 22. Woche: Die Wasser des Streits (Sprüche 17,14) Inken Weiand ................................................................................................... 102 23. Woche: Spieglein, Spieglein an der Wand (Sprüche 15,13) Nicole Sutera .................................................................................................... 106 24. Woche: Aus Liebe inkonsequent (Hiob 36,5) Axel Nehlsen .................................................................................................... 110 25. Woche: Lasten abgeben (Psalm 37,5) Lothar Bublitz .................................................................................................. 114 26. Woche: Solidarität statt Selbstgerechtigkeit (Lukas 7,47) Ingo Marx .......................................................................................................... 118 27. Woche: Vom Glück, kritisiert zu werden (Psalm 141,5) Matthias Herrchen ......................................................................................... 122 28. Woche: Weise Worte zur rechten Zeit (Sprüche 10,14) Martina Kessler ............................................................................................... 126 29. Woche: Keine Furcht vor bösen Plänen (Psalm 37,7) Horst Marquardt ............................................................................................ 130 30. Woche: Jesu Diagnose (Matthäus 7,18) Peter Zimmerling ........................................................................................... 134
31. Woche: Letztlich geht es ums Vertrauen (Psalm 127,2) Astrid Eichler ................................................................................................... 138 32. Woche: Entscheidend im Leben: Was andere dir schenken! (Prediger 4,9) Martin Gundlach ........................................................................................... 141 33. Woche: Wie ein roter Apfel (Matthäus 7,12) Siegfried Wittwer ........................................................................................... 145 34. Woche: Das Messinstrument aus Gottes Hand (1. Thessalonicher 5,21) Mathias Christiansen .................................................................................... 149 35. Woche: Nichts Neues (Prediger 1,9) Wilfried Schulte .............................................................................................. 153 36. Woche: Erfüllt und überfließend (Matthäus 12,34) Cornelia Mack ................................................................................................. 158 37. Woche: Biblische Ernährungsempfehlung (Sprüche 24,13-14a) Arndt E. Schnepper ....................................................................................... 163 38. Woche: Reden oder nicht? (Sprüche 17,9) Ulrike Chuchra ............................................................................................... 167 39. Woche: Einfach sein (Sprüche 10,22) Dorothea Gersdorf ......................................................................................... 171 40. Woche: Schenken macht glücklich (Apostelgeschichte 20,35) Anja Schäfer ...................................................................................................... 175 41. Woche: Seelenhygiene im Alltag (Philipper 4,8-9) Roland Werner ................................................................................................ 180 42. Woche: Es gibt einen Unterschied! (Sprüche 12,10) Tamara Hinz .................................................................................................... 185 43. Woche: Mit dem Herzen sehen (1. Samuel 16,7) Heidrun Kuhlmann ...................................................................................... 189 44. Woche: Aufs Motiv kommt’s an (Sprüche 27,6) Ulla Schaible ..................................................................................................... 194 45. Woche: Eigenlob stinkt! (Sprüche 27,2) Klaus Eickhoff ................................................................................................. 198 46. Woche: »Wenn ich einmal reich wär …« (Prediger 5,9-11) Klaus-Günter Pache ...................................................................................... 202
47. Woche: Das Wunder ist zum Wundern (Psalm 139,14) Hartmut Steeb ................................................................................................. 206 48. Woche: Schutzmauern dürfen fallen (Sprüche 14,13) Inge Tempelmann .......................................................................................... 210 49. Woche: Keine Bedingungen (Lukas 5,31) Dörte Kraft ....................................................................................................... 214 50. Woche: Das Recht des Schwächeren (Sprüche 14,34) Ulrich Parzany ................................................................................................. 219 51. Woche: Herztherapie (Sprüche 14,30) Jürgen Mette ..................................................................................................... 223 52. Woche: Eine andere Art von Wissen (Psalm 90,12) Christoph Schrodt ........................................................................................ 226 Bibelstellenverzeichnis ........................................................................................ 233 Autorenverzeichnis ............................................................................................... 235
Einführung Weisheit ist ein kostbares Gut. Weisheit ist ein Wunder, ein Geheimnis, eine Gnadengabe. Weisheit ist ein Schlüssel zum Glück. Wohlgemerkt: ein Schlüssel und nicht der Schlüssel. Wer die Einsichten der Weisen verschmäht, gleicht einem Menschen, der die Wegweiser abmontiert, die ihm den Weg zum Geheimnis des Glücks zeigen möchten. Weisheit ist etwas anderes als Wissen. Wissen kann man erwerben. Zwar hängt das auch von der ererbten Begabung ab, beruht aber ebenso auf Fleiß, Anstrengung und Willenskraft. Wissen ist nach bestimmten Kriterien messbar. Wir sprechen vom Intelligenzquotienten und haben bewährte Verfahren, ihn zu bestimmen. Weisheit dagegen beruht nur geringfügig auf Anstrengung und Fleiß. Man kann sie nicht aus Lexika oder dem Internet ziehen; ich kann sie mir nicht per Mausklick herunterladen. Dafür gibt es da, wo Menschen ehrlich nach Weisheit trachten, etwas, worum wir uns sonst oft vergeblich bemühen: Chancengleichheit! Man kann ein Weisheitswort ohne Abitur, ohne Studium, ohne Diplom und ohne Doktortitel sprechen. Selbst Kinder haben hier eine echte Chance. Sie sind nicht zu klein, um uns plötzlich mit einer unglaublich tiefen Einsicht zu überraschen. Es war ein Kind, das – in Hans Christian Andersens berühmter Geschichte von Des Kaisers neue Kleider – entdeckte, dass der Kaiser in Unterhosen durch die Straßen seiner Hauptstadt paradierte; sein Weisheitsmut öffnete ihm den Mund, sodass es aussprach, was die Hochgelehrten nicht sehen und nicht sagen wollten oder konnten: »Er hat ja gar nichts an!« Wohl hat Weisheit manchmal etwas mit Lebensalter und Lebenserfahrung zu tun, doch ist Alter keineswegs eine Garantie für Weisheit, und es gibt – Gott sei es geklagt – Menschen, die selbst mit achtzig oder neunzig Jahren immer noch unsagbar töricht sind.
Ausdrucksformen der Weisheit Doch schauen wir uns die Weisheit genauer an. Eine ihrer schönsten Eigenschaften ist, dass sie keine überflüssigen Worte kennt. Weisheit ist ihrem Wesen nach einfach; in gewissem Sinne darf man sie sogar einfältig nennen. Sie hat Anteil an der Einfachheit des einen Gottes. Darum 7
spricht sie sich am liebsten in kurzen, knappen Sätzen aus, in Worten, die einfach und einprägsam sind. »Kommt Zeit, kommt Rat« – dieses kluge Sätzchen benötigt ganze vier einsilbige Worte, um etwas Wesentliches auszusagen. Dabei spricht die Weisheit sich gerne in Bildern aus, so wie sich ja auch unsere Seele der ihr eigenen Bildersprache bedient, sobald sie etwas Existenzielles, etwas Wesentliches sagen möchte. So sagt jemand, der in höchster Not ist, dass »ihm das Wasser bis zum Hals steht«, und ein glücklicher Mensch »hat das große Los gezogen«. Weisheit liebt die kunstvolle Form – kunstvoll, aber nicht gekünstelt und schon gar nicht kompliziert. In der Bibel benutzt sie gerne die schlichte Grundform hebräischer Poesie, den Zweizeiler, der die Sache im sogenannten Parallelismus der Glieder formuliert. Ein solcher Parallelismus, den wir vielleicht noch besser als Gedankenreim bezeichnen sollten, beleuchtet eine Sache von zwei Seiten: Feuer erlischt, wenn es kein Holz mehr gibt, und Streit legt sich von selbst, wenn der Klatsch aufhört. Sprüche 26,20 Auch Gegensätzliches lässt sich in einem solchen Zweizeiler fassen: Wer satt ist, dem schmeckt der Honig nicht, dem Hungrigen aber schmeckt sogar bittere Speise süß. Sprüche 27,7 Nicht selten ist das Ausgesagte paradox, scheinbar widersinnig. Die Weisheit liebt es, diejenigen, die nach ihr fragen, zu überraschen. Da macht etwa jemand die Entdeckung: Auch hinter einem Lachen kann sich ein trauriges Herz verbergen, und das Lachen vergeht und der Kummer bleibt. Sprüche 14,13 Die Weisheit liegt eben nicht auf der Straße. Wir finden sie nicht in den Massenmedien. Sie schreit nicht aufdringlich von Reklametafeln auf die
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Vorübergehenden herab. Sie liebt die Verborgenheit und nur zu gerne spielt sie mit uns Verstecken.
Wozu Weisheitsworte? Manche Menschen haben einen reichen Schatz an Sprichwörtern und Weisheitssprüchen. Meistens werden diese Worte aber erst dann zitiert, wenn es zu spät ist. Liegt das Gefäß in Scherben am Boden, heißt es: »Der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht.« Weisheitsworte wollen jedoch vor allem gelebt werden. Wer sie nur zitiert und nicht lebt, gleicht dem Menschen, von dem Jakobus in seinem Brief spricht: »Seid Täter des Wortes und nicht nur Hörer … Wenn jemand das Wort hört, es aber nicht tut, der gleicht einem Mann, der sein Gesicht im Spiegel anschaut, aber dann geht er fort und vergisst sogleich, wie er aussieht« (vgl. Jakobus 1,22-24). Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert! Und noch etwas gilt es zu beachten: Wer mit Weisheitsworten angemessen umgehen möchte, braucht ein feines Gefühl für den richtigen Moment, für die Situation, in die das Wort passt. Dieses Gefühl für den Kairos, den rechten Augenblick, versteht sich nicht von selbst. Wir haben in unserer Sprache ein hübsches Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Vielfache Erfahrung bestätigt die Richtigkeit dieses Satzes. Aber wann gebrauche ich ihn? Ist er ein zeitlos gültiges Prinzip? Und auf wen sollte ich ihn anwenden? Der Spruch vom Hänschen hat seinen guten Sinn und sein Recht, wenn das Hänschen seine Aufgaben gedankenlos und faul vor sich herschiebt und nicht wahrhaben will, dass es gewisse Künste und Fähigkeiten gibt, die man nicht genauso gut später irgendwann einmal nachholen kann. Es gibt Bewegungsabläufe im Sport oder beim Spielen eines Instrumentes, die sich im Kindesalter am besten lernen lassen. Und es gibt Gedächtnisleistungen, die dem kleinen Kind beinah in den Schoß fallen, während mancher Ältere sich vergeblich damit abquält. Und doch gibt es – in anderem Zusammenhang – auch die ganz andere Erfahrung. Es ist erstaunlich, wie viel auch alte Menschen noch lernen können, ja, dass wir bis ans Ende unseres Lebens lernfähig bleiben.
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Weisheitsworte sind Mutmacher und keine Totschläger. Was dem allzu Trägen heilsamen Druck macht, taugt nicht für den, der sich zu wenig zutraut und das Spiel verloren gibt, ehe er es richtig begonnen hat. So gehört zur Weisheit immer auch dieses wunderbare Feingefühl für den richtigen Augenblick, in dem ein Wort – einer heilsamen Arznei gleich – dem Menschen nicht schadet, sondern vielmehr hilft, das Leben mit seinen Schwierigkeiten zu meistern.
Was die Weisheit zum Thema hat Aber worum geht es eigentlich in den Weisheitssprüchen? Welches sind ihre Themen? Und wie entstehen solche geprägten Worte? Hier gilt in aller Regel: Sie entstehen nicht am grünen Tisch. Man wird meistens auch keinen Einzelnen als »Verfasser« ausfindig machen können. Vielmehr verdichtet sich in Weisheitsworten die Lebenserfahrung, die unzählige Menschen in vielen Jahrhunderten gemacht haben. Und der Inhalt? Da gibt es eigentlich keine einschränkenden Grenzen. Die ganze Weite und Breite menschlichen Lebens ist das Feld der Weisheit, der Umgang der Menschen miteinander, mit Freunden wie mit Feinden, mit Fremden wie mit Familienangehörigen, dazu nicht zuletzt auch die Erlebnisse, die ein Mensch mit sich selbst macht. Doch auch Erfahrungen mit der nichtmenschlichen Kreatur spielen eine Rolle, mit Tieren und Pflanzen, mit dem Großen und dem Kleinen, mit Sonne, Mond und Sternen. Und noch etwas ist wichtig: der Sinn für das rechte Maß, die Wachsamkeit, die der Versuchung widersteht, der verlockenden Anziehungskraft von Extrem und Rekord zu verfallen. Darum betet der Weise: Gott, lass mich weder reich noch arm werden, sondern gib mir gerade so viel, wie ich brauche. Sprüche 30,8 So hat Weisheit auch viel zu tun mit einem gut entwickelten, eingeübten Gleichgewichtssinn. Weise Menschen gleichen Akrobaten, die auch in schwierigsten Situationen nicht die Balance verlieren. Dazu aber gehört immer wieder eine elementare Übung: zu lernen, Menschen und Dinge in Ruhe, geduldig und liebevoll zu betrachten! Nicht so schnell zu urteilen, am besten gar nicht zu urteilen, damit uns die urteilenden Theorien
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nicht den einfältigen Blick auf die Dinge verstellen. Man muss Geduld haben, ganz viel Geduld, denn die Wahrheit erschließt sich nicht den Eiligen, die alles ganz schnell begreifen wollen, und auch den Frühreifen bleibt sie eher verborgen.
Am Anfang steht die Ehrfurcht So steht die wahre Weisheit allem schnell Hervorgebrachten und auch so manchem Spontanen entgegen. Wer weise werden will, hat sich nicht einfach bestimmte Wissensstoffe »reinzuziehen«, wie es unsere Jugendsprache so anschaulich sagt; wer Weisheit erwerben will, sollte sich in Demut und Ehrfurcht üben, denn ohne Demut und Ehrfurcht ist sie nicht zu haben. Und auch das Staunen (das wir als Kinder schon einmal so gut konnten!) will gelernt sein, denn Staunen und Erkenntnisgewinn sind Zwillingsgeschwister. »Die Furcht des Herrn (das heißt, die Ehrfurcht gegenüber Gott und allen seinen Geschöpfen) ist der Weisheit Anfang« (Sprüche 1,7). Dies ist und bleibt die erste Lektion einer jeden Weisheitslehre, und niemand sollte meinen, sie oder er könne diese Grundlagenübung leichtfüßig überspringen. Wie aber kann solche Übung konkret aussehen? Ehrfurcht drängt immer auf einen leiblichen Ausdruck. Sie kann sich im Schweigen zeigen, im Schließen der Augen, im Falten oder Erheben der Hände oder im Senken des Kopfes. Ihren Platz hat sie vor allem am Anfang, zu Beginn eines Gesprächs, vor dem Beginn einer Mahlzeit, vor der Betrachtung eines Gegenstandes oder eines Bildes. In solchen Gebärden halten wir für einen Augenblick inne. Wir nehmen uns zurück. Wir geben die Haltung des urteilenden Subjekts auf und nehmen eine empfangende Haltung ein. Zur Demut der Weisen gehört die Einsicht, dass eigentlich nur einer verdient, weise genannt zu werden: Gott. Er ist der Ursprung, die Quelle jeder Weisheit, und wer ihm, dem Schöpfer und Erlöser des Universums, auf die Hände schaut, wird in all seinem Tun die Spuren der ewigen Weisheit entdecken, einer Weisheit, die aller Menschenweisheit unendlich überlegen ist. Darum gilt: Was immer Gott geschaffen hat, trägt den Gütestempel seiner Weisheit (vgl. Psalm 104,24); in allem, was uns Gott sagt, spricht sich seine Weisheit aus. Darum ist auch Jesus Christus, der menschgewordene Gottessohn, die Weisheit in Person. 11
Er ist uns von Gott selbst »zu unserer Weisheit gemacht«, wie Paulus es ausdrückt (vgl. 1. Korinther 1,30). So begegnen wir in der ganzen Heiligen Schrift den Spuren der heiligen Gottesweisheit. Es gibt jedoch einige biblische Bücher, die im engeren Sinne des Wortes Weisheitsbücher sind: Das Buch der Sprüche Salomos sowie das Buch des Predigers Salomo. Dazu kommen einige Texte, in die verhältnismäßig viele Weisheitsworte eingestreut sind: das Buch Hiob sowie die Psalmen im Alten Testament; die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas, dazu einige Paulusbriefe und vor allem der Jakobusbrief im Neuen Testament. So sind die Worte, die den folgenden Andachten zugrunde liegen, nur eine kleine Auswahl aus dem großen Schatz der Gottesweisheit, den uns die Heilige Schrift bietet.
Zum Gebrauch des Andachtsbuches Zum Abschluss noch ein paar Anregungen zum Gebrauch dieses Andachtsbuches: Mit seinen 52 Texten ist es auf einen wöchentlichen Gebrauch zugeschnitten. Wer es regelmäßig benutzt, mag an einem bestimmten Wochentag, am besten am Sonntag, einen Andachtstext lesen oder vorlesen. Die Texte lassen sich ja gut in Gemeinschaft betrachten. So können sie etwa auch einem Ehepaar als Gesprächsgrundlage dienen. Neben diesen Empfehlungen für Familien oder Gruppen sei eine weitere Möglichkeit genannt, wie Einzelne das Buch nutzen können: Ich nehme mir ein Kärtchen, am besten in Postkartengröße, und schreibe den Weisheitsspruch darauf ab. Das kann je nach Begabung in meiner gewohnten Schrift oder aber auch in einer Kunstschrift geschehen. So kann ich den Text auch unterwegs bei mir haben oder das Kärtchen an passender Stelle, zum Beispiel auf dem Nachttisch, aufstellen, wo meine Augen immer wieder dem Wort begegnen. So wird sich mir das Weisheitswort gut einprägen, und vielleicht möchte ich es sogar auswendig lernen. Bei der Betrachtung des biblischen Wortes empfiehlt es sich, den Spruch zunächst einmal in der eigenen Erfahrung festzumachen. Die Andachten können Hilfe und Impuls zu einer solchen Übung sein. Überlegungen, wie wir die Wahrheit des Verses für unseren Alltag fruchtbar machen können, mögen sich anschließen. Dazu ein paar Fragen: 12
1. Welche Erfahrungen liegen dem biblischen Weisheitswort zugrunde? 2. Stimmen diese Erfahrungen mit dem eigenen Erleben überein? 3. Inwieweit ist das biblische Wort aktuell … t GàS EJF IFVUJHF HFTFMMTDIBGUMJDIF 4JUVBUJPO t GàS VOTFSF ,JSDIFO VOE (FNFJOTDIBGUFO JOTCFTPOEFSF GàS EJF t (FNFJOEF JO EFS JDI MFCF t GàS 4DIVMF VOE ,JOEFSHBSUFO VOE ,JOEFSFS[JFIVOH t GàS VOTFSF 'BNJMJFO t GàS NFJOF FJHFOF -FCFOTHFTUBMUVOH 4. Welche Möglichkeiten zur praktischen Umsetzung können mich durch die Woche begleiten? Ein Gebet um Gottes Kraft, Leitung und Segen mag diese und andere Überlegungen abschließen. Aber ganz gleich, wie wir mit den Weisheitsworten umgehen: Sie können uns das Geheimnis eines glücklichen Lebens erschließen. Wir werden erfahren, dass Weisheitsworte unglaublich viel Kraft haben. Sie erschöpfen sich nicht so schnell. Wir haben daher guten Grund, das Andachtsbuch nicht nach einem Jahr als »erledigt« wegzulegen. Es lohnt sich, immer wieder in das Buch zu schauen und sich von seinen Texten und Auslegungen inspirieren zu lassen. Dr. Reinhard Deichgräber
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1. Woche
Im Schme Mit Feuer der Herr a e 17,3
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u Rabbi Mendel kam eines Tages Jizhak, ein Hühnerfarmer. »Was soll ich tun?«, jammerte er, »meine Hühner sterben mir weg!« »Nun«, sagte der Rabbi, »was gibst du ihnen zu essen?« »Gerstenkörner«, antwortete Jizhak. »Gib ihnen Weizenkörner«, schlug Rabbi Mendel vor. In der nächsten Woche kam der Hühnerfarmer aufgeregt wieder: »Rabbi, Rabbi, ich habe ihnen Weizen gegeben, aber es sind noch mehr gestorben!« »Was gibst du ihnen denn zu trinken?« »Brunnenwasser.« Der Rabbi überlegte lange, murmelte vor sich hin und sagte schließlich: »Gib ihnen Regenwasser.« In der nächsten Woche kam Jizhak ganz aufgelöst an und klagte: »Rabbi, Rabbi, nun sind alle Hühnerchen tot.« »Ach«, sagte der Rabbi. »Das ist aber schade! Ich hätte noch so viele gute Ratschläge gehabt!« Genauso könnte man die Spruchsammlung der Bibel missverstehen: Als ein Bündel voller guter Ratschläge. Manche Christen denken deshalb: Ach, die Sprüche, was können die mir schon sagen? Ratschläge sind auch Schläge. Aber diese Verse, die traditionell König Salomo zugeschrieben werr den, sind mehr als ein paar gute Ratschläge. Denn die Tugenden und Werte, die in ihnen zum Ausdruck kommen, gelten bis heute. Ich fasse mal zusammen, was in Kapitel 17, in dem unser Vers eingebettet ist, alles vorkommt: Entfache keine unnötigen Streitereien, sei besonnen und gelassen, sei verständig, habe Respekt vor jedem Menschen, auch vor geringen und armen Leuten, geh freigiebig mit deinem Wissen um, sei zur Versöhnung bereit, vermeide Rache und Rechthaberei, verr wische nicht Recht und Unrecht und sieh auf die Not des anderen.
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1. Woche Diese Regeln haben sich schon tausendfach bewährt. Und wenn sich mehr Menschen danach richten würden, sähe es in der Welt wesentlich besser aus. Selbst Jesus war sich nicht zu schade, den einen oder anderen Spruch zu zitieren, zum Beispiel in der Bergpredigt, wo er sagt: »Versöhne dich schnell mit deinem Gegner, solange du noch mit ihm unterwegs bist …« (Matthäus 5,25). Es gibt einen Vers in diesem Abschnitt, der etwas aus den allgemeinen Weisheitssätzen herausfällt. Es ist der Vers drei, der es mir angetan hat. In diesem Vers ist es so, als ob Gott den Vorhang zur Seite zieht und wir einen Blick in seine Werkstatt werfen dürfen. Und wir ahnen etwas davon, wie Gott diese Welt im Verborgenen führt. Der Vers drei ist der einzige Vers in diesem Kapitel, in dem das Wort »Gott« vorkommt. Da heißt es: Mit Feuer prüft man die Reinheit von Silber und Gold, der Herr aber prüft die Herzen. Ein Bild, das übrigens mehrmals in der Bibel aufleuchtet. In Psalm 66,10 steht: Denn du hast uns geprüft, Gott, du hast uns geläutert, wie man Silber läutert (ELB). Und in Jesaja 48,10 ruft Gott seinem Volk zu: Siehe, ich habe dich geläutert. Doch nicht im Silberschmelzofen, ich habe dich geprüft im Schmelzofen des Elends (ELB). Gott, so sagt Vers drei, prüft unsere Herzen, also unser Inneres, wie das Gold oder das Silber im Schmelzofen. In diesem Vers wird eine Technik bezeichnet, die nur mit einem Stichwort erwähnt wird, weil die Leute damals wussten, warum Silber und Gold geschmolzen wurden. Aber es ist gut, diese Technik einmal genauer zu betrachten: Wenn Silber und Gold aus den Bergwerken gewonnen wurden, waren diese Edelmetalle nicht in reiner Form vorhanden, sie waren mit Mineralien und Schlacken durchsetzt und mussten geläutert werden. Das bedeutete: Das Silber wurde erhitzt, flüssig gemacht und wieder mit Wasser abgekühlt. Das wiederholte sich ganz oft, so lange, bis die Schlacken und fremden Stoffe ausgeschieden waren und man reines Silber oder Gold hatte. Und nun wird plötzlich klar: Diese weisen Lebensregeln stehen ja nicht einfach so da, sondern sie werden Leuten gegeben, die im Elend sitzen, die die Hitze der Prüfungen gespürt haben und sich nach einem guten Ausgang sehnen.
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1. Woche Da sind Menschen, die auf Lügen und Betrug hereingefallen sind, die vielleicht selbst das Unrecht verwischt haben und nun im Schmelzofen des Elends spüren, dass sie falsche Entscheidungen getroffen haben, dass sie dem Bösen Raum gegeben haben und nun die Konsequenzen aushalten müssen. Die Weisheit, die in diesem Kapitel steht, ist hart erarbeitet worden von Leuten, die selbst im Schmelzofen des Elends saßen. Gott, das wird in diesem Vers klar, arbeitet nicht nach dem Prinzip: Ich räume meinen Kindern alles Unangenehme aus dem Weg. Nein, er ist ein guter Pädagoge, er lässt uns unsere falschen Wege gehen und die Hitze der Prüfungen spüren, damit wir merken: So geht es nicht weiter. Er mutet uns die Konsequenzen unseres Handelns zu. Hätte ich doch damals nicht diesen Streit vom Zaun gebrochen oder den Überlegenen gespielt! Wäre ich doch damals eher zur Versöhnung bereit gewesen! Die Worte im Buch der Sprüche sind keine belanglosen Ratschläge, wie die an den Hühnerfarmer, sondern kleine funkelnde Diamanten, die unter dem Druck der unerträglichen Verhältnisse entstanden sind. Es ist nicht gut, wenn wir völlig sorgenfrei und verwöhnt durchs Leben gehen. Gott erspart uns die Prüfungen und die Schmelzöfen nicht. Denn nur so werden wir begreifen, dass es sich lohnt, sich zu versöhnen, dass es gut ist, andere nicht zu verachten, dass es langfristig nichts bringt, unangenehme Dinge unter den Teppich zu kehren. Auch dabei kann uns manchmal heiß und kalt werden. Aber nur so werden die störenden Schlacken aus dem Silber entfernt und es fängt an zu glänzen. Als Kind habe ich oft vor unserer Dorfschmiede gestanden und hörte von innen laute Geräusche und ein Zischen. Eines Tages war die Tür offen und ich habe Männer in Lederschürzen gesehen, die mit langen Hämmern ein glühendes Stück Eisen auf dem Amboss geschmiedet haben. Ich war fasziniert. So ähnlich ist es auch hier. Mit diesem Vers werfen wir einen Blick in die Werkstatt Gottes. Wenn wir Gott an unserem Leben so arbeiten lassen, dass sich wie im Schmelzofen die Schlacken unseres Lebens lösen, dann kann es sein, dass sich nach langer Zeit Gottes Gesicht in unserem Leben spiegelt. Aber das sehen wir nicht selbst. Der Silberspiegel kann sich nicht selbst betrachten. Das können nur andere sehen.
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1. Woche Dieser Läuterungsprozess ist hart, manchmal werden wir bis an unsere Grenzen gefßhrt. Aber er lohnt sich.
Albrecht Grallee ist Theologe und Schriftsteller und wohnt in Northeim.
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