Kamilla und der Dieb
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Kari Vinje
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© Copyright 1988 by Nye Luther Forlag, Oslo. Originaltitel: Kamilla og tyven. Übersetzt von Antje Meier © Copyright der deutschen Ausgabe 1995 by Hänssler Verlag, D-71087 Holzgerlingen
© 2010 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Krausswerbeagentur.de, Herrenberg Satz: Breklumer Print-Service, Breklum Druck: CPI-Ebner & Spiegel, Ulm ISBN: 978-3-417-2637-5 Bestell-Nr. 226.375
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Inhalt Der rothaarige Dieb und andere Leute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Schlüssel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diebstahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein reicher, gut gekleideter Herr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kamilla . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Langer Johan, Simon und Fioline . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kamilla bekommt einen Freund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bilderbibel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Zug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nur ein Dieb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwei Verbrecher sind geflohen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kamilla bekommt Besuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wette . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Es spukt im Simonshaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Schatz im Gras . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kamilla tut Sebastian einen Gefallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der alte und der neue Sebastian . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der schwarze Wagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Heldin des Tages . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Brief . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verlierer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mit Rücksicht auf Kamilla . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Großer Peter und Kamilla . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diebe und Räuber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Antons neue Rutsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Großer Peter kommt in Verlegenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein unheimlicher Plan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In der Stadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Mann auf der Treppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Überraschung am Heiligabend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Junge steht im Dunkeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der rothaarige Dieb und andere Leute Kamilla wusste genau, wie Diebe aussahen. Sie waren schmutzig, hatten einen Bart, waren unheimlich und finstere Gestalten. Das sagten alle, die sich auskannten. Kamilla hatte gehört, dass Diebe mit einem Sack auf dem Rücken herumschlichen. In dem Sack versteckten die Diebe ihre Beute, das, was sie anderen gestohlen hatten. Außerdem trugen sie ein großes, furchtbares Brecheisen mit sich herum. Das brauchten sie, wenn sie in die Häuser einbrechen wollten. Diebe hatten ein schwarzes Tuch vor Nase und Mund, damit keiner herausfinden konnte, wer sie in Wirklichkeit waren. Sie hatten behaarte Arme und Tätowierungen, und sie hatten kleine, listige Augen, die argwöhnisch über dem Rand des schwarzen Tuches herausschauten. So stand es in Büchern und so dachte Kamilla, bevor sie Sebastian Kok kennenlernte. Da glaubte sie, dass alle Diebe schmutzig und gefährlich seien und den ganzen Tag nur fluchten. Sie war sich vollkommen
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sicher, dass es nicht einen einzigen Dieb gab, der lachen und scherzen und mit dem Bauch reden konnte. Doch das alles konnte Sebastian. Sebastian sah überhaupt nicht unheimlich aus. Er hatte helle Haut, sein Gesicht war voller Sommersprossen. Er hatte rote Haare, große Ohren, und seine Augen waren so blau und freundlich, dass du niemals glauben würdest, dass sie einem Dieb gehörten. Sebastian war eigentlich gar kein Dieb, am Anfang. Da war er ein ganz normaler junger Mann, der zur Arbeit ging und Geld verdiente. Er verdiente nicht viel. Normale Arbeiter verdienten damals nicht viel. All dies geschah vor vielen Jahren. Ja, damals lag eine ganze Reihe von Fabriken in der Pflaumenstraße. Herbstblatt hieß der Mann, dem die Fabriken gehörten. Außerdem besaß er noch acht Mietshäuser, drei Geschäfte, eine große, weiße Villa und viel Geld. Ich muss dir nicht sagen, dass er der reichste Mann in der Stadt war. Einige sagten, dass er auch der verdrießlichste Mann gewesen sei. Dazu hatte er vielleicht Grund, denn es musste ja anstrengend sein, so viel zu besitzen. Herbstblatt hatte viele Hundert Arbeiter. Einer von ihnen war Sebastian Kok. Sebastian arbeitete in der Spielwarenfabrik. Die Spielwarenfabrik lag in der ersten Etage eines großen Gebäudes, das »Herbstblatthaus« genannt wurde. Im Erdgeschoss waren die Druckerei und die Möbelwerkstatt, in der zweiten Etage war nur Lagerraum, und in der dritten Etage wohnte eine Frau, die mit Herbstblatt verwandt war. Sie hieß Fräulein Bille, aber das brauchst du dir nicht zu merken, denn Fräulein Bille hat nichts mit der Geschichte zu tun. Außerdem war sie nicht einmal zu Hause. Sie war in Dänemark und besuchte ihre Schwester. Dort gefiel es ihr so gut, dass niemand wusste, ob sie wieder zurückkommen würde. An dem Tag, von dem ich erzählen will, war Herbstblatt auch nicht da. Die Arbeiter in der Spielwarenfabrik fanden es plötzlich richtig nett. Sie pfiffen und sangen und scherzten miteinander und waren in bester Laune. Auch Fransen pfiff. Er pfiff eine muntere kleine Melodie. Das tat er gewöhnlich nie während der Arbeitszeit. In der Arbeitszeit sollte man arbeiten und nicht pfeifen, meinte er. Jetzt willst du bestimmt wissen, wer Fransen war. Wenn du den 6
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Chef selber gefragt hättest, hätte er sicher geantwortet: »Fransen ist der zuverlässigste meiner Mitarbeiter«. Ja, natürlich war Fransen zuverlässig. An allen anderen Tagen, aber nicht am Dienstag, den 19. August, in dem Jahr, in dem er seine Tochter verheiraten wollte. Dienstag, der 19. August, war auch für Sebastian ein ganz besonderer Tag. Denn es war der Tag, an dem er auf den Gedanken kam, Geld zu stehlen. Vielleicht hätte er auch vorher gestohlen, wenn es leicht genug gewesen wäre. Vielleicht hätte er nie gestohlen, wenn nicht der Schlüssel im Geldschrank stecken gelassen worden wäre. Es war Fransen, der ihn vergessen hatte. Ja, es war Fransen, obwohl er normalerweise nie etwas falsch machte. Aber er musste ja niemals vorher eine Rede halten, und das war es, was Fransen an diesem Dienstag beschäftigte. Er musste eine Rede halten, die Hochzeitsrede! Fransen war ein fleißiger, kleiner Mann, der immer das tat, was die Leute von ihm erwarteten. Er war so dünn und trocken wie das Papier, mit dem er arbeitete, und außerdem war er sehr freundlich, sehr bescheiden und sehr sparsam. Etwas zu sparsam, meinten manche. Aber das sagten sie, bevor sie wussten, dass er für etwas Bestimmtes sparte. Fransen hatte einen heimlichen Traum, seit der Zeit, als seine Tochter anfing, einen Mann zu suchen. Er träumte davon, so viel Geld zu haben, dass er eine große schöne Hochzeit ausrichten könnte, wenn sie heiraten würde. Und das sollte am Mittwoch, den 20. August, sein. Alle, die in der Spielwarenfabrik arbeiteten, waren zur Hochzeit eingeladen. Der Chef auch! Die, die in der Nähe standen, als er die Einladung bekam, können erzählen, dass er Fransen anlächelte. Ja, Herbstblatt lächelte wirklich, und dann sagte er, dass es ihm ein großes Vergnügen sei, an diesem Festtag dem ganzen Personal freizugeben. Das sagte er, weil er Fransen mochte. Ansonsten gab es nicht so besonders viele Menschen auf der Welt, auf die er Wert legte. Aber als Ersatz dafür hielt er unendlich viel von sich selbst. Als Herbstblatt verreiste, bekam Fransen die Schlüssel und die Oberaufsicht. Am Dienstag, den 19. August, reiste er nach Fredrikstad und war den ganzen Tag nicht da. Das war gerade an dem Tag, an dem Fransen so viele Fehler machte, aber das konnte der Chef ja nicht wissen. Die anderen merkten wohl, dass Fransen anders war. Sein Blick ging so unendlich in die Ferne, und wenn jemand mit ihm sprach, war 7
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es so, als wenn er nicht hörte, was sie sagten. Das war natürlich deswegen, weil er an seine Rede dachte und an all das, was am nächsten Tag sein sollte. Weil Fransen so mit der Hochzeit beschäftigt war, konnte man ja nicht erwarten, dass er gleichzeitig genauso viel an seine Arbeit dachte. Deshalb machte er viele große Fehler, die er inzwischen bereut hat. Jetzt will ich nicht von allen Fehlern erzählen. Ich glaube nicht, dass ihm das gefallen würde. Ich will nur von dem dümmsten Fehler erzählen, den er machte. Der war, dass er den Schlüssel vom Geldschrank im Schloss stecken ließ, bevor er aus dem Büro ging.
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