Dietrich Gerhard Schindler
Das Jesus-Modell Gemeinden grĂźnden wie Jesus
Die genannten Bibelverse entstammen der Übersetzung durch den Autor. Außerdem wird zitiert aus: Hoffnung für Alle ® (Brunnen Verlag Basel und Gießen), Copyright © 1983, 1996, 2002 by International Bibel Society ®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages. (HfA) © 2010 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Jens Vogelsang, Aachen Satz: Breklumer Print-Service, Breklum Druck: CPI-Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-417-26343-5 Bestell-Nr. 226.343
Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil I Das Jesus-Modell: Prinzipien der Gemeindegründung aus dem Leben Jesu A Jesus als „Gemeindegründer“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jesu Sehnsucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeindegründung beginnt mit Jesus . . . . . . . . . . . . . . . Jesus als „Gemeindegründer“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . B. Das Jesus-Modell – Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kern: zu Hause in der Nähe Gottes, des Vaters . . . . Kennzeichen 1: Inkarnierende Kontaktaufnahme . . . . . . Kennzeichen 2: Barmherzigkeit als Triebfeder . . . . . . . . Kennzeichen 3: Christusorientierte Verkündigung . . . . . . Kennzeichen 4: Freimachende Herrschaft . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 5: Veränderte Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 6: Praxisorientierte Jüngerschaft . . . . . . . . Kennzeichen 7: Bevollmächtigte Leiterschaft . . . . . . . . . Kennzeichen 8: Zielgerichtete Multiplikation . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil II Praxis der Gemeindegründung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kern: zu Hause in der Nähe Gottes, des Vaters . . . . . . . Als Gemeindegründer nährte Jesus seine Seele mit der Liebe seines Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leben in der Versuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geistliche Übungen des Gemeindegründers in seinem Lechzen nach Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottzentriertes Beten – der Brennstoff des Wirkens Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 1: Inkarnierende Kontaktaufnahme . . . . . . . . . Die Revolution der Inkarnation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Missionarische und missionale Bestrebungen . . . . . . . . . Vier Phasen der Gemeindegründung . . . . . . . . . . . . . . . . Vier Entwicklungsstadien des Gemeindegründers . . . . . . Kennzeichen 2: Barmherzigkeit als Triebfeder . . . . . . . . . . Der Blick unter die Oberfläche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist Barmherzigkeit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Barmherzigkeit am Beispiel von Rut . . . . . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 3: Christusorientierte Verkündigung . . . . . . . . Menschen, denen wir begegnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Inhalt der Verkündigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Formen der Verkündigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 4: Frei machende Herrschaft . . . . . . . . . . . . . . Entscheidungsebenen eines Nachfolgers . . . . . . . . . . . . . Der notwendige Herrschaftswechsel . . . . . . . . . . . . . . . . Die Schaufenster-Religion der Schriftgelehrten und Pharisäer . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gerechtigkeit, die besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer . . . . . . . . . . . . Jesu freimachende Herrschaft praktisch umsetzen . . . . . Kennzeichen 5: Veränderte Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Gefahr der christlichen Sozialisierung . . . . . . . . . . . Gotteskindschaft schafft Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Menschen zu Jüngern machen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die gemeinsame Identität der Gemeinde . . . . . . . . . . . . . Kleingruppen als Orte der neuen Identität . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 6: Praxisorientierte Jüngerschaft . . . . . . . . . . . Leitende Jünger entwickeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das vierphasige Modell der Leiterschaftsentwicklung . . Stufe 1: Jünger ausbilden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kennzeichen 7: Bevollmächtigte Leiterschaft . . . . . . . . . . . Stufe 2: Coachs, die Leiter unterstützen . . . . . . . . . . . Stufe 3: Bereichsleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stufe 4: Gemeindegründer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Werte, die hinter dem Modell des großen M stehen . . . . Hinweis zum Coaching von Gemeindegründern . . . . . . . Kennzeichen 8: Zielgerichtete Multiplikation . . . . . . . . . . . Kennzeichen von „additiven“ und „multiplikativen“ Gemeindegründungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine „Gemeindegründungs-Multiplikationsbewegung“ erfordert neue Disziplinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Probleme bei der Multiplikation . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Herrlichkeit Jesu Christi und die Gründung neuer Gemeinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Überblick: Die vier Phasen einer Gemeindegründung . . . . . Das Coaching von Gemeindegründern in den Nachgründungsphasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Checkliste zur Jüngermachung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Transformations-Gesprächsfluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lectio divina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Endnote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Einleitung Gemeindegründer sind eine besondere Spezies Mensch. Sie gehören zum Club der unruhigen Herzen. Es treibt sie um, dass Menschen um sie herum ahnungslos ohne Jesus Christus leben und damit verloren sind und gehen. Das können sie nicht ertragen, das wollen sie nicht auf sich sitzen lassen, damit geben sie sich nicht zufrieden, das darf nicht sein. Gemeindegründer-Typen weisen oft besondere Eigenarten auf. Sie sind visionär: Sie blicken in eine von Gott erwünschte Zukunft, die andere meist nicht sehen. Sie sind glaubensvoll: Sie können Gott vertrauen und ihm für die Menschen, die den Weg zu ihm finden werden, danken. Sie sind zielstrebig und ausharrend: Sie wissen, was sie wollen und lassen sich nur schwer davon abhalten. Sie sind Beter: Sie lieben es, lange Zeit vor Gott zu sein, um ihm Menschen und Geschehnisse anzubefehlen. Sie sind auf Menschen bezogen: Sie sind in der Lage, neue Kontakte einzugehen, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Sie sind harte Arbeiter: Sie spucken in die Hände und sind sich nicht zu schade, niedrige Dienste zu tun. Weil sie unruhigen Herzens sind, setzen sich Gemeindegründer oft schnell und zielbewusst in Bewegung. Nicht selten sind sie ungeduldig und initiativ. Man könnte sie zu den Bauch-Menschen zählen, die eher dazu neigen, zu handeln und erst danach zu überlegen, ob ihr Handeln gut war oder nicht. Denn Gemeindegründer wollen grundsätzlich Fortschritte und Veränderung erzeugen. Was zählt, ist das Ergebnis. Neue Gemeinden braucht das Land! Das große Vorbild der Gemeindegründer ist, wie könnte es anders sein, der Apostel Paulus. So wie dieser große Gemeindegründer emsig und erfolgreich unterwegs war, wollen sie es auch sein. Sie wollen Paulus nacheifern und erleben, wie die gute Nachricht von Jesus als Retter und Herr sich ausbreitet und Menschenherzen erfasst, wie sie diese Menschen verändert und sie in neue Gemeinden zusammenfasst. Wie der Apostel es damals tat, wollen Gemeindegründer von heute ebenso zupacken. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn auch ich gehöre zu dieser besonderen Spezies. Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr lebte ich mit einem besonderen Wunsch in meinem Herzen, den ich immer wieder vor Gott brach9
te. Ich wollte mit seiner Hilfe in Deutschland fünf Gemeinden gründen. „Five to grow before I go“ (fünf Gemeinden gründen, bevor ich sterbe) war mein Lebensmotto. Nach achtzehn Jahren ist dieser Traum in Erfüllung gegangen! In diesem Zeitraum durften meine Frau und ich, gemeinsam mit unseren drei Kindern, viel Frucht sehen: Menschen kamen zum Glauben, Gemeinden wurden gegründet, Mitarbeiter geschult und Leiter freigesetzt. Bei alledem habe ich auch viele Fehler gemacht, worunter ich und andere gelitten haben. Ich habe eine Menge darüber gelernt, wie man gut oder weniger gut Gemeinden gründen kann. Ich habe gelernt, dass die große Stärke des Gemeindegründers, sein zupackendes Wesen, womöglich eine seiner größten Schwächen sein kann. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Wenn ein Segelschiff gebaut wird, wird es mit Kielgewicht ausgestattet, damit es im Sturm auf hoher See nicht kentert. Kielgewicht ist das, was Stabilität und Sicherheit verleiht, besonders dann, wenn ein Orkan das Schiff bedroht. Dieses Buch will Gemeindegründern Kielgewicht geben. Denn das, was unter der Wasserlinie verborgen liegt, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg in der Gemeindegründung, nicht das, was über dem Wasser zu sehen ist. Nicht die Methode der Gemeindegründung, sondern die Person des Gemeindegründers und die Art und Weise, wie er neue Gemeinden gründet, ist entscheidend. Doch was wäre ein Segelboot ohne Segel? Vermutlich ein besseres Floß. Deshalb will dieses Werk Gemeindegründern Prinzipien aus dem Leben Jesu aufschlüsseln und für sie praktisch anwendbar machen. Ferner wird auf besondere Herausforderungen zwischen der Startphase und den Aufbauphasen in der Gemeindegründung hingewiesen. Dieses Buch will Gemeindegründern von morgen dazu verhelfen, Jesus als ihr Vorbild, ihre Triebfeder und ihre Existenz, also ihr Kielgewicht, in der Gründung neuer Gemeinden neu zu entdecken. Denn wenn wir nach den Prinzipien und praktischen Mitteln der Gemeindegründung suchen, werden wir sie bei Jesus finden. Wen habe ich in diesen Zeilen besonders vor Augen, und wem kann dieses Buch eine echte Hilfe sein? Junge, noch unerfahrene Menschen, die eine Gemeinde gründen wollen, aber auch erfahrene Gemeindegründer finden fundierte Wegweisung und neue Perspektive. Bibelschüler und Seminaristen sowie Gemeindeleitungen beste10
hender Gemeinden finden hier wertvolle Hinweise zum konkreten Handeln, sodass Hindernisse umschifft und Herausforderungen mit Gottes Hilfe weise gemeistert werden können. Aber auch solche Christen, die gerne als Teil eines Gemeindegründungsteams mitarbeiten wollen, bekommen solide Grundlagen vermittelt. Dieses Buch ist aus freikirchlicher Sicht geschrieben und ist deswegen für freikirchliche Gemeindeformen bestens geeignet. Dennoch finden Christen, die innerhalb landeskirchlicher Strukturen zu Hause sind und neue Gemeinden gründen wollen, viel Nachdenkenswertes und Hilfreiches. Wer heute in postmoderner Zeit gesunde Gemeinden gründen möchte, wird sich höchstwahrscheinlich auf das größte Abenteuer seines Lebens einlassen, mit vielen Stern-, aber auch manchen Staubstunden. Ein solcher Mensch braucht die beste Ausrüstung, die zuverlässigsten Begleiter, den nahrhaftesten Proviant, ein waches Auge und vor allem die Gunst des lebendigen Gottes. Möge dieses Buch vieles liefern, was ein guter Gemeindegründer und Gemeindebauer von heute braucht. Vielleicht kann folgendes Gebet, von Ihnen gesprochen, Sie mit auf eine ganz neue Reise nehmen: Herr Jesus Christus, danke, dass du mich geschaffen hast, so wie ich bin. Ich will auch so werden wie du, in deiner Hingabe an den Vater, in deiner leidenschaftlichen Liebe zu den Menschen. Deshalb öffne ich dir mein Herz und sage somit „dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“. Und lass dieses in mir und durch mich zu deiner Ehre geschehen. Amen.
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Teil I
Das Jesus-Modell: Prinzipien der Gemeindegründung aus dem Leben Jesu A Jesus als „Gemeindegründer“ „Die erste Stelle ist das zweite Studium“, pflege ich jungen Leuten zu sagen, die ihre ersten Erfahrungen in einer Gemeindearbeit machen. Ich sage es ihnen besonders dann, wenn sie eine Niederlage erlitten haben oder eine Enttäuschung einstecken mussten. Es ist nämlich so: Manchmal prägen wir die Menschen und manchmal werden wir von den Diensten, die wir für Gott und die Menschen tun, geprägt. Die ersten Dienstjahre sind in der Regel reich an Selbsterfahrungen und Selbsterkenntnissen. Doch bevor wir das „zweite Studium“ durchlaufen, brauchen wir ein erstes Studium in Sachen Gemeindegründung und Gemeindeaufbau. Ich bekam dieses Rüstzeug während meiner theologischen Ausbildung von einem erfahrenen Gemeindegründer, der an der Trinity Evangelical Divinity School in Deerfield, Illinois, bei Chicago, Missiologie unterrichtete. Dr. David Hesselgrave ist ein ehemaliger Missionar, der neue Gemeinden in Japan gegründet hatte. Hesselgrave hatte damals eins der ersten Bücher über das Thema Gemeindegründung überhaupt geschrieben. In diesem Buch beschreibt er den „Paulinischen Zyklus“ der Gemeindegründung. Anhand der Apostelgeschichte trug Hesselgrave die Schritte zusammen, die Paulus und seine Mitstreiter gegangen sind, um neue Gemeinden ins Leben zu rufen. Diese Schritte sind nicht chronologisch, sondern systematisch zu verstehen. Mit dieser Information gerüstet, habe ich meine ersten Gemeindegründungsplanungen geschrieben und umgesetzt. Ich merkte, dass ich eine systematische Vorgehensweise nötig hatte, um Erfolg zu haben. Über die Jahre habe ich viel über Gemeindegründung nachgedacht, gelesen, selbst ausprobiert und umgesetzt. Mir fiel dabei auf, dass das 12
Schwergewicht jeglicher Literatur über Gemeindegründung auf dem Apostel Paulus liegt – wie ich das auch bei meinem Lehrer Hesselgrave entdeckt habe. Die meisten Bücher und Artikel beschreiben nämlich, wie Paulus auf seinen Missionsreisen vorgegangen ist und wie wir es heute ähnlich tun können. Ohne Frage können wir von Paulus eine Menge über die Themen Gemeindegründung und Gemeindeaufbau lernen. Eines Tages fing ich aber an, in diesem Zusammenhang über Jesus nachzudenken. War Paulus wirklich der erste Missionar und Gemeindegründer, oder war da nicht jemand vor ihm? Ich begann, die Evangelien mit neuen Augen zu lesen, nämlich mit der Frage nach Jesus und seiner Gemeindegründung im Kopf. Dabei staunte ich, wie viele Prinzipien, die Jesus vorlebte, nachher in der Apostelgeschichte bei Paulus zum Tragen kamen. Könnte es sein, dass Jesus der erste Missionar und der erste „Gemeindegründer“ war und dass Paulus und seine Mitstreiter, vom Heiligen Geist geleitet, von Jesu Vorbild gelernt haben? Das Ergebnis meiner Recherche ist das in diesem Buch beschriebene Jesus-Modell der Gemeindegründung und des Gemeindebaus. Denn bei Jesus entdecken wir, wie Gott Zugang zu Menschen sucht, findet, sie zu sich zieht und mit ihnen und durch sie hindurch sein Reich baut. Nichts könnte spannender und lohnender sein, als von Jesus zu lernen, Gemeinde zu bauen. Womit fangen wir an? Wir fangen mit Sehnsucht an. Ich bin ein Kind deutscher Eltern, die ausgewandert sind und sich in Wisconsin, USA, niederließen. Dort bin ich auf die Welt gekommen. Meine Eltern lernten sich im badischen Offenburg kennen und lieben. Meine Mutter entstammt einer Flüchtlingsfamilie, die aufgrund der Kriegswirren alles Hab und Gut in Schlesien zurücklassen musste. Neun Monate waren sie unter Lebensgefahr und größten Beschwernissen zu Fuß unterwegs. In der Heimat meines Großvaters im Mittelschwarzwald angekommen, versuchten sie, ihr Leben neu aufzubauen. Ein halbes Jahr nachdem meine Eltern geheiratet hatten, wanderten sie – gegen den Willen ihrer Eltern – in die USA aus. Zum zweiten Mal in ihrem jungen Leben musste meine Mutter Heimat zurücklassen. In der deutsch geprägten Bierstadt Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin, wo ich später auf die Welt kam, suchten meine Eltern ihr neues Glück. Doch statt bergauf ging alles nur noch bergab. Mein Vater fand, trotz zweier in Deutschland erlernter Berufe keine befriedigende 13
Arbeit. Zu allem Überdruss wurde er nach zwei Jahren in die Armee einberufen, obwohl er die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht besaß. Letztlich ging er zur Marine. Das hatte zur Folge, dass das junge Ehepaar in eine neue, weit entfernte Stadt an der Ostküste umziehen und mein Vater für zwei Jahre zur See fahren musste. Heimweh packte meine Mutter. Sie war mutterseelenallein, ohne Mann, ohne Freunde, ohne Familie, ohne ausreichende Englischkenntnisse, ohne Gemeinde, ohne Lebensmittel, ohne Geld. Hätte es eine Brücke zwischen Nordamerika und Europa gegeben, meine Mutter wäre zu Fuß zurückgewandert. Eine derartige Sehnsucht ist fast unbeschreiblich. „Inniges, schmerzliches Verlangen“ – so beschreibt Wahrigs Wörterbuch den Begriff „Sehnsucht“. Das passt zu meiner Mutter. Doch diese tiefe Sehnsucht hatte auch Jesus. Er hegte einen Wunsch, der so stark war, dass er für dessen Erfüllung die tiefsten Schmerzen, Beleidigungen, Ablehnungen, Unachtsamkeiten und was diese Welt noch an Verletzendem zu bieten hat, auf sich nahm. Was hätte Jesus sonst veranlasst, seine ungetrübte Gemeinschaft und ewige Freude mit Gott, dem Vater, und Gott, dem Heiligen Geist, zu verlassen, wenn nicht eine tiefe Sehnsucht?
Jesu Sehnsucht Jesu Sehnsucht wurde vor ungefähr zweitausend Jahren auf einer stinkenden Müllhalde außerhalb der Stadt Jerusalem zu Fleisch und Blut. Sein Verlangen, Menschen von ihrer Schuld und Feindschaft einem heiligen Gott gegenüber zu befreien, ist eine Leidenschaft, die zu Leiden wird. Jesus stirbt, damit Schuldige auf seine Kosten unverdient vor Gott gerechtfertigt sein können. Jesus stirbt, damit wir von oben neu geboren werden können. Jesus stirbt, um uns seine Liebe greifbar und erlebbar zu machen. Jesus stirbt, damit wir teilhaben können an seiner neuen Welt. Jesus stirbt, damit wir als seine Adoptivkinder Gott ungetrübt in die Augen schauen dürfen. Jesus stirbt, um eine radikal neue Gesellschaft zu gründen, und diese heißt „Gemeinde“. Jesus drückt seine Sehnsucht mit diesen Worten aus: „Ich will meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle werden ihr nicht widerstehen“ (Mt 16,18). Das ist seine Absichtserklärung, die einer Liebeserklärung gleichkommt. Die ganze Fleischwerdung, das Leben und die Lehre Jesu, sein Tod und seine Auferstehung waren alle auf 14
dieses eine Ziel gerichtet: Gemeinde. Jesus will Gemeinde gründen, bauen, reinigen, stärken, freisetzen, bevollmächtigen, vervielfältigen. Er brennt für sie. Sie ist seine große Leidenschaft und Sehnsucht. Dafür setzt er alles ein. Weil sie aus ihm entstanden ist, ist Gemeinde die Hoffnung dieser Welt. Wenn Christen das lieben, was Jesus liebt, dann werden sie die Gemeinde lieb haben, denn letztlich ist Ekklesiologie (Gemeindelehre) mit Christologie (Lehre von Christus) eng verknüpft und die Ekklesiologie aus der Missiologie (Lehre von der Mission) entstanden. Jesus denkt groß über seine Gemeinde. Wie ist es mit Ihnen? Denken Sie groß über Ihre Gemeinde – wie sie ist und wie sie sich entwickeln könnte? Ist das Leben in Ihrer Gemeinde für Sie: – ein Vorrecht und keine Last? – eine Freude und keine Plage? – ein Wohnraum der Geborgenheit und Annahme? – eine Atmosphäre der Gnade und der Vergebung? – eine lebensverändernde Kraftquelle Gottes? – eine Entbindungsstation, in der gottferne Menschen zu Kindern Gottes werden? Wer Gemeinde gründen will, denkt vor allem begeistert von Gemeinde. In der Bibel entdecken wir viele Bilder, die einer Begeisterung und einer Bewunderung von Gemeinde Ausdruck verleihen. Die Gemeinde ist eine Braut, die von der Liebe und Fürsorge Jesu umschlungen ist (Eph 5,25-33). Die Gemeinde ist ein geistlicher Leib, in dem die volle Palette der herrlichen Eigenschaften Gottes zu erleben ist (Eph 1,23). Die Gemeinde ist eine von saftigen Weintrauben überquellende Rebe, die ihre Kraft aus dem Weinstock Christus zieht (Joh 15,1). Die Gemeinde ist Hausgemeinschaft mit Gott, die ungetrübt ist (Eph 2,19; 1 Joh 1,5-7). Die Gemeinde ist Gottes Orientierung und Sinn in einer in Dunkelheit gehüllten Welt. Die Gemeinde ist der Prellbock Gottes gegen die Gemäuer der Hölle. Gemeinde nach Gottes Plan ist alles, wovon ein Mensch zu träumen wagt (aber oft wartet der Traum noch auf seine Erfüllung). Die Gemeinde ist eine auf Christus eingeschworene Familie, die geschlossen und treu zu ihm und zueinander hält, aus ihm und zu ihm lebt, und die verlorenen Menschen ihren Herrn Jesus Christus offen15
bart. Da, wo die auf Christus eingeschworene Familie unter gottfernen Menschen in Wort und Tat von ihm zeugt, werden aus Fremden Freunde. Sie werden ein Teil der neuen Gesellschaft Gottes. Als neue Glieder seiner Familie werden sie andere in Liebe aufbauen, tragen, freisetzen, um wiederum andere aufzubauen und zu tragen. Dadurch baut sich die Gemeinde in ihrer Qualität auf und wächst zahlenmäßig. Dazu gehört auch die Vermehrung der Gemeinde durch Neugründungen.
Gemeindegründung beginnt mit Jesus Weil Jesus Gemeinde gewollt hat, hat er sie ins Leben gerufen. Deshalb beginnt Gemeindegründung mit Jesus. Sie beginnt und findet ihre Bestimmung weder mit Menschen noch mit Methoden noch mit einer Zielsetzung, sondern allein mit Jesus. Es ist wahr: Jesus heiligt die Menschen, Methoden und Zielsetzungen, aber erst nachdem er von der Gemeinde geheiligt wird. Wenn wir die Rolle Jesu beim Beginn einer Gemeindegründung betonen, wollen wir damit die Rolle des Vaters und des Heiligen Geistes nicht außer Acht lassen. Selbstverständlich sind auch Vater und Geist bei der Entstehung und dem Gedeihen einer Gemeinde so wie Jesus vollständig dabei. Gemeindegründung und Gemeindebau haben eine trinitarische Grundlage.1 Dennoch ist Jesus als eine Person der Gottheit in diese Welt gekommen, um Gott „ein Gesicht zu geben“, damit Menschen ihn wie auch Vater und Geist persönlich kennenlernen können. Von der Vorstellung einer Gemeinde nach dem Herzen Jesu leite ich die Vorstellung von Gemeindegründung ab. Was meine ich, wenn ich von Gemeindegründung spreche? Gemeindegründung ist die Fortsetzung einer ungetrübten Gemeinschaft mit Gott in Christus, die von einer hingegebenen Leiterschaft gewollt wird, die die Verbindung von Verlorenen zu Christus und zu Christen vollbringt, die in die Ernte einmündet, die neue Gemeinden hervorbringt. Diese Definition von Gemeindegründung will erläutert werden. Gemeindegründung ist zuerst eine Fortsetzung ungetrübter Gemeinschaft mit Gott in Christus. Gemeindegründung hat ihre Quelle in der Gemeinschaft innerhalb des dreieinigen Gottes. Wo Jesus uns befohlen hat, Jünger auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des 16
Heiligen Geistes zu taufen, meinte er nicht in erster Linie, dass wir eine Taufformel aufsagen sollten. Die Taufe ist Ausdruck dafür, dass der Täufling in die Gemeinschaft des dreieinigen Gottes eingetaucht worden ist. Gemeindegründer setzen diese erlebte und ungetrübte Gemeinschaft mit Gott fort. Gemeindegründung geht von einer hingebungsvollen Leiterschaft aus. Jesus will neue Gemeinden ins Leben rufen, und deshalb sucht er Menschen, die es zusammen mit ihm wagen wollen. Das sind Menschen, die andere Menschen beeinflussen. Solche nennen wir Leiter. Ein Leiter ist ein Jünger Jesu Christi, der andere Menschen für die Zwecke Jesu beeinflussen kann. Gemeinden entstehen nicht per Zufall, sondern weil solche Leute sich willentlich gebrauchen lassen wollen. Gemeindegründung verbindet Christus mit verlorenen Menschen. Die Brücke dazu sind Christen, weil sie in zwei Welten leben. Gemeindegründung wird immer das Ziel Jesu vor Augen haben, zu suchen und zu finden, was verloren ist (Lk 19,10). Das nannte Jesus „Jüngerschaft“, denn seine Nachfolger machen alle Völker (Heiden) zu Jüngern. Jüngerschaft fängt demzufolge nicht mit der Bekehrung an, sondern bereits vor der Bekehrung. Weil sie vor der Bekehrung angefangen hat, kommt es zu Bekehrungen. Neue Nachfolger Jesu werden lernen, so zu leben, wie Jesus gelebt hat: aus den Ressourcen Gottes und in seiner Freude. Gemeindegründung mündet schließlich wieder in die Ernte. Die Ernte ist das Ziel, sagte Jesus (Mt 9,35-38), und sie wird als Zielsetzung letztlich die Gesamtrichtung bestimmen. Nicht die Scheune, sondern die Ernte ist das, worum es in der Gemeinde geht. Das hat zur Folge, dass die gegründete Gemeinde nach neuen Gemeindegründungen streben und sich danach ausstrecken wird. Das Evangelium, die Verkündigung von Jesus Christus als Retter von Schuld und Sünde und die Richtschnur für den weiteren Verlauf des Lebens, ist sowohl die Botschaft als auch der Weg zu neuen Gemeinden. Christusorientierte Gemeinden sind evangeliumsorientierte Gemeinden. Freiheit ist das Ergebnis der Annahme des Evangeliums. Im Johannesevangelium lehrte Jesus über seine Erhöhung bzw. Kreuzigung als Grundlage des Evangeliums (Joh 8,21-29). An Jesus zu glauben äußert sich darin, dass seine Nachfolger an seinen Worten festhalten; dies bewirkt Freiheit von Sünde und Freiheit, Jesu Wege zu 17
gehen (Joh 8,30-36). Das Evangelium hat in sich eine befreiende Wirkung – weg von uns selbst, hin zu Christus. Wann ist eine Gemeinde gegründet? Eine Gemeinde gilt als gegründet, wenn das Evangelium verkündet wird, Menschen die Herrschaft Jesu und sein stellvertretendes Werk am Kreuz für sich in Anspruch nehmen, Christen in ihrem Vertrauen zu Jesus wachsen, verbindlich miteinander leben und wenn Leiterschaft eingesetzt ist.
Jesus als „Gemeindegründer“ Wer heute einen Beruf erlernt, muss bereit sein, im Laufe seines Arbeitslebens flexibel zu bleiben. Zur Berufung Jesu gehörte auch eine solche Flexibilität. Um die Menschen von ihrer Schuld zu retten und sie in die Gegenwart Gottes, des Vaters, bringen zu können, musste Jesus unterschiedliche, dennoch einander ergänzende Rollen einnehmen. Jesus selbst bezeichnete sich als „Gesandter“. Davon lässt sich ableiten, dass Jesus ein Missionar war. Ein Missionar ist jemand, der von Gott berufen wurde, seine eigene Kultur zu verlassen, um in eine ihm fremde Kultur einzutauchen, damit dort verlorene Menschen Gott persönlich und ungetrübt kennenlernen können. Ein anderes Wort für Gesandter oder Missionar ist der Begriff „Apostel“. Ein Apostel ist jemand, den Gott in seinem Namen, unter seiner Hoheit und Autorität entsendet, um stellvertretend Gottes Werk zu tun. So haben Urchristen Jesus verstanden (Hebr 3,1). Das Johannesevangelium öffnet uns eine Schatztruhe, was das Selbstverständnis Jesu als Missionar betrifft. An mehr als vierzig Stellen in diesem Evangelium ist die Rede von Jesus als „Gesandter“. Als Gott verlässt Jesus die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Heiligen Geist und kommt in diese Welt, die er gemacht hat (Joh 1,10-11). Er machte sich unter uns heimisch, „wohnte unter uns“ (das griechische Wort bedeutet wortwörtlich: „zeltete unter uns“, Joh 1,14). „Gott sandte seinen Sohn nicht in die Welt, um sie zu verurteilen, sondern um sie durch seinen Sohn zu retten“ (Joh 3,17). Jesus verstand sich als jemand, der im Auftrag des Vaters gesandt wurde (Joh 7,29). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Jesus mit dem gleichen Auftrag seine Jünger in die Welt sendet, mit dem er von seinem Vater gesandt wurde (Joh 17,18). 18
Dieser Missionar Jesus war zudem ein souveräner König. Zwar ging er inkognito umher und die Leute erkannten ihn nicht als König, dennoch hat er sich selbst als solcher verstanden. Pilatus hörte von den Lippen Jesu, dass er ein König, sein Königreich aber nicht von dieser Welt sei (Joh 18,36). In der Person Jesu tauchte das Reich Gottes mitten unter den Menschen auf (Lk 17,21). Ein König ist die reichste Person in seinem Reich. Was der König will, geschieht auch. Alle seine Untertanen leben von seiner Gunst. Wo Menschen sich auf Jesus Christus einlassen, lassen sie sich auf seine Herrschaft ein. Jesus als Retter zu haben, ist damit gleichzusetzen, Jesus als König zu haben. Daher befolgt der Jünger die Anweisungen des Königs und gibt ihm in allem recht. Menschen tun sich schwer damit, dass Jesus die Dinge so einfach sieht. Die tiefgründigsten Dinge des Lebens sind oft am einfachsten zu verstehen, aber am schwierigsten umzusetzen. So ist es auch mit dem Königsanspruch Jesu. Im Grunde genommen besteht unsere Welt aus zwei Möglichkeiten: Ich kann mein Reich oder ich kann Gottes Reich bauen. Manchmal kommt jemand und sagt: „Jesus, ich möchte dich in mein Leben hineinlassen.“ Was er damit meint, ist, dass er mit seinem Latein am Ende ist. Er kann seine Schuld nicht entschuldigen. Sie drückt ihn zu Boden, und davon will er freikommen. Dazu merkt er, dass er mit seinen Ressourcen den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen ist. Er will also Jesus in seinem Leben haben, damit Jesus ihm hilft, seine Lebensziele zu verfolgen. Davon will Jesus aber nichts wissen. Denn das ist viel zu klein, zu unbedeutend, zu „welt-un-bewegend“. Deshalb lädt Jesus den Menschen ein, sich Gottes Reich unterzuordnen, wo Jesus das Sagen und die Führung hat. Eben dies ist gemeint, wenn wir beten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so (in meinem Leben) auf Erden.“ Es geht also nicht darum, dass wir Jesus in unsere Planung einladen, sondern dass wir uns in seine Planung von ihm einladen lassen und somit sein Reich bauen. Jesus ist Missionar, Gesandter, Apostel. Jesus ist König. Jesus ist aber auch Gemeindegründer. Wie lässt sich diese Behauptung begründen? Jesus ist als Gemeindegründer zu verstehen, weil er diese Behauptung selbst aufgestellt hat. Zu seinen Nachfolgern sagte er: „Ich werde meine Gemeinde bauen“ (Mt 16,18). Zwei Aussagen las19
sen sich daraus ableiten: Gemeindebau/-gründung ist das beabsichtigte Ziel Jesu, und dieses beabsichtigte Ziel wird er selbst erreichen. Auch wenn der Einwand kommen mag, dass Jesus von Petrus als Gemeindebauer sprach, ist es Jesus, der diesen Dienst durch Petrus hindurch vollzieht. Der Jesus-Nachfolger Lukas, der die Apostelgeschichte geschrieben hat, verstand Jesus in genau dieser Hinsicht. Lukas überschreibt die Geschichte der Apostel in seinem Buch als einen „Bericht von dem, was Jesus anfing zu tun und zu lehren“ (Apg 1,1). Die Anfänge waren die Grundlagen, die Lukas in seinem Evangelium beschreibt. Nach dem Anfang kommt die Fortsetzung im Leben der Urgemeinde. Was lesen wir dort? Wir lesen davon, wie die Jünger Jesu Menschen zur Umkehr von ihren Sünden und zur Hinkehr zu Jesus gerufen haben. Aus dieser Evangelisation ergaben sich viele Gemeindegründungen. Denn das Ergebnis von Evangelisation ist entweder Eingliederung in bestehende Gemeinden oder die Gründung neuer Gemeinden. Das Zeugnis der Apostelgeschichte ist das Zeugnis von Jesus im Leben seiner Jünger als Gemeindegründer. Das geht so weit, dass wir von einer recht erstaunlichen Entwicklung der Gemeindegründung im Leben der Urgemeinde lesen: „So wurden die Gemeinden im Glauben gestärkt und nahmen täglich zu an Zahl“ (Apg 16,5). Oft wird diese atemberaubende Feststellung einfach übersehen. Viele Leser meinen, die Zahl der Glaubenden nahm täglich zu. Dem ist bei dieser Zusammenfassung nicht so, denn die Anzahl der Gemeinden, die gegründet wurden, nahm täglich zu an Zahl!2 Im ersten Jahrhundert gab es jeden Tag neue Gemeindegründungen. Und diese neuen Gründungen waren das Werk des „Gemeindegründers“ Jesus. Die Apostelgeschichte ist also die Fortsetzung des Wirkens Jesu auf der Erde durch die Taten seiner Jünger. Diese Jünger haben partnerschaftlich mit Jesus seine Gemeinde(n) gegründet. Wie ist es aber dazu gekommen, dass sie wussten, wie sie diesen Auftrag auszuführen hatten? Ganz einfach: Sie haben von Jesus selbst gesehen, gehört und gelernt, wie man eine Gemeinde ins Leben ruft. Jesus hatte es ihnen vorgelebt. Sie waren seine erste Gemeinde. Um eine ganz Welt zu verändern, musste Jesus sein Leben über drei Jahre hinweg in zwölf Mann investieren. In den Evangelien offenbart uns Jesus seinen „Beruf“ als Gemeindegründer. Von ihm lernen wir beides, die Prinzi20
pien und die Praxis, die wir benötigen, um selbst mit ihm partnerschaftlich neue Gemeinden zu gründen. Fazit: Gemeindegründung kommt von Jesus und führt zu Jesus hin. Gemeinde ist Jesu große Sehnsucht. Er gründet neue Gemeinden durch ihm hingegebene Mitarbeiter, die sein Leben zu Verlorenen tragen. In diesem Sinne ist Gemeindegründung radikal, von lat. radis, von der Wurzel herkommend – weil sie von Jesus herrührt.
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