Michael Dieterich
Wer bin ich? Wer sind die Anderen? Selbst- und Fremdwahrnehmung Eine EinfĂźhrung fĂźr Berater, Seelsorger und Therapeuten
Erschienen als Band 15 der Hochschulschriftenreihe Herausgegeben vom Institut für Psychologie und Seelsorge (IPS) und dem Institut für Praktische Psychologie (IPP) Mit den Hochschulschriften aus dem Institut für Psychologie und Seelsorge (IPS) und dem Institut für Praktische Psychologie (IPP) wollen wir einen fächerübergreifenden wissenschaftlichen Beitrag im Grenzgebiet zwischen Psychologie, Medizin und Theologie liefern.
© 2010 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Ideen und Medien Johannes Schermuly, Wuppertal Druck: Dip-Digital Print, Witten ISBN 978-3-417-26328-2 Bestell-Nr. 226.328
Inhaltsverzeichnis Vorwort
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1 1.1 1.2 1.3 1.31 1.32
Selbst- und Fremdwahrnehmung Notwendigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung Was kann man beobachten? Wahrnehmungsfehler Wahrnehmungsfehler durch mangelnde Validität Wahrnehmungsfehler durch mangelnde Objektivität
11 11 12 17 17 20
1.33 1.4
Wahrnehmungsfehler durch mangelnde Reliabilität Projektion und Übertragung
24 24
2 2.1
Neuere Formen der Selbst- und Fremdwahrnehmung Das Menschenbild der „Allgemeinen Psychotherapie und Seelsorge“ (APS) Persönliche Grenzen des Erkennens
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2.2 3
3.4 3.5 3.6
Praktische Möglichkeiten zur Selbst- und Fremdwahrnehmung Ein Schema zur Einteilung der Wahrnehmungsmöglichkeiten Selbst- und Fremdwahrnehmung des Glaubensstils Exkurs: Differenzialdiagnostik von Schizophrenie und Besessenheit Selbst- und Fremdwahrnehmung der Persönlichkeitsstruktur Selbst- und Fremdwahrnehmung des kognitiven Stils Gemeinsame Beobachtungen von Persönlichkeit und
3.7 3.8 3.9 3.10 3.11
kognitivem Stil im Sinne des NLP Selbst- und Fremdwahrnehmung im Sinne der Transaktionsanalyse Selbst- und Fremdwahrnehmung über den Kommunikationsstil Körpersprache Lebensstil- und Skriptanalyse Weitere Zugänge zur Selbst- und Fremdwahrnehmung
3.1 3.2 3.3
29 35
38 38 43 51 62 76 93 98 104 108 116 149
5
4
Nachwort: „Was will Gott?“
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5 5.1
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5.3
Anhang Tabellen zur Beurteilung von Beratungs-, Seelsorgeund Therapieprozessen Beobachtung des Verhaltens von Ratsuchenden und Beratern im Sinne der Gesprächspsychotherapie Einschätzbogen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung
5.4 5.5 5.6
Erklärung der Wesenszüge im PST-R Anamnesebogen der BTS (Langform) Anamnesebogen in Kurzform
177 181 193
5.2
6
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Vorwort Die Überschrift zu dieser Publikation klingt relativ unverfänglich und damit auch wenig spektakulär. Und doch ist das Thema der Selbst- und Fremdwahrnehmung von zentraler Bedeutung für die Ausbildung und spätere Tätigkeit von Beratern, Seelsorgern und Therapeuten. Es ist aber auch wichtig für solche, die täglich Begegnungen mit anderen Leuten haben, denn immer dann, wenn Menschen mit anderen Menschen zusammentreffen, prallt ihre persönliche Sicht der Welt mit der davon verschiedenen Sicht der Anderen zusammen. Wer kann mir garantieren, dass das, was ich meine, vom Anderen so wahrgenommen wird, wie ich das selbst verstehe? Linguisten sprechen von Semantik und Syntax bei einer Botschaft - aber man muss das nicht so hoch aufhängen. Tatsächlich ist eines der Kernprobleme der Kommunikation, dass die Worte zwar gehört - aber häufig nicht im gewünschten Sinne verstanden werden. Viel mehr als zumeist angenommen müssen sich so gesehen Lehrer, Pfarrer, Richter und Ärzte - aber auch Mütter, die ihre Kinder erziehen wollen, oder Eheleute, die Wünsche an ihre Partner haben, fragen, ob sie mit ihren Aussagen auch das treffen, was sie zu treffen wünschen. Wir sehen: die Problematik der Divergenz zwischen meiner persönlichen Wahrnehmung und Sicht der Dinge und der des Anderen ist allgegenwärtig. Bei der Ausbildung zum Psychoanalytiker im Rahmen seiner Lehranalyse ist die Selbstwahrnehmung ein zentraler Ausbildungsgegenstand, und auch wenn man der Psychoanalyse kritisch gegenübersteht, so kann man doch in diesem Bereich viel von ihr lernen: Je mehr ein Therapeut über sich selbst, seine Motive, seine Projektionen und Übertragungen weiß, umso souveräner kann er seinen Ratsuchenden begegnen. Für die Berater- und Seelsorgerausbildung, aber auch für alle anderen Berufe, die viel mit Menschen zu tun haben, ist allerdings eine Lehranalyse in den meisten Fällen zu aufwendig. Deshalb habe ich mich aufgemacht, nach Methoden zu suchen, die es in kürzerer Zeit - und dennoch auf wissenschaftlichem Niveau - ermöglichen, einen „Spiegel“ zu finden, um sich selbst zu erkennen. Diese Methoden sollen dann ebenso auch eine bessere Fremdwahrnehmung des Ratsuchenden ermöglichen.
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Die für die Praxis mit einem angemessenen Aufwand einzusetzenden Instrumente kommen zum einen aus der Differentiellen Psychologie. Dort bemüht man sich schon seit über 100 Jahren, mit psychometrischen Tests Erkenntnisse über die Psyche des Menschen zu gewinnen. Aber psychometrische Tests kommen immer dann an ihre Grenzen, wenn Dimensionen zu messen sind, die nur sehr schwer empirisch zu erfassen sind. Hier können dann zum anderen einige Methoden aus unterschiedlichen Psychotherapieschulen hilfreich werden. Sie gehen zumeist den geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Weg. Biografische Analysen und Idio1 graphik können hier eingesetzt werden. Es gibt jedoch auch Dimensionen des Menschen, die sich sowohl den empirischen als auch den geisteswissenschaftlich-historischen Zugängen entziehen. Hierzu gehört die Spiritualität oder - ganz einfach ausgedrückt - der persönliche Glaube des Menschen. Einige meiner Kollegen sind der 2 Meinung , dass man dieses Gebiet in die Überlegungen zur Therapie bzw. Beratung nicht einbeziehen könne oder dürfe - insbesondere deshalb, weil es zur „Metaphysik“ gehöre und sich damit dem wissenschaftlichen Zugang entziehe. Der Glaube bzw. die Spiritualität wird dann auf eine ausschließlich theologische Fragestellung reduziert und sollte dementsprechend auch von den Spezialisten dieses Bereichs (den Theologen bzw. Seelsorgern im engeren Sinne) behandelt werden. Ich vertrete einen anderen, integrativen Ansatz, der davon ausgeht, dass der Mensch eine Seele ist und nicht eine - von anderen Bereichen abgeteilte - Seele hat. Die beim Menschen zu unterscheidenden Aspekte Pneuma, Psyche und Soma sind im Sinne des hebräischen Verständnisses von „nefesh“ (Gen 2,7) untrennbar miteinander verwoben. Vor einem solchen Hintergrund wird es dann aber notwendig, in die Überlegungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung konsequenterweise auch die Frage nach dem Glauben hinein zu nehmen. Mit der Entscheidung für die Ganzheitlichkeit (Holistik) taucht sofort die Frage nach der Erfassung dieses holistisch zu sehenden „Wissenschaftsgegenstandes“ auf. Eine der Grundregeln bei wissenschaftstheoretischen Überlegungen ist, dass jeder „Wissenschaftsgegenstand“ eine ihm adäquate „Wissenschaftsmethode“ benötigt. Weil „der Geist weht, wo er 1 2
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Einzelfallwissenschaft Z.B. Klaus Grawe
will“ (Joh. 3,8), wird schnell erkennbar, dass die Spiritualität mit den natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden nicht erfassbar ist. Dies zeigt gleichzeitig unsere Beschränktheit auf diesem Gebiet - wir werden uns nur tastend, vorsichtig und unter der Leitung durch den Heiligen Geist an die Spiritualität heranwagen können. Die vorliegende Schrift soll eine Hilfestellung für Berater, Seelsorger und Therapeuten sein. Sie wird diese Personen nicht unbeteiligt lassen können und so kann ich mir vorstellen, dass die Ergebnisse der Tests, Übungen, Einschätzungen und Analysen irgendwo zwischen zwei Polen ankommen werden: Zum einen gibt es Berater und Ratsuchende, die nie genug davon haben können, sich selbst im Spiegel zu sehen. Ein solcher Narzissmus ist m.E. allerdings eine Übertretung des 1. Gebotes, weil man sich selbst zum Götzen macht. Auf der andern Seite gibt es aber auch Menschen, die ihre Identität bis hin zur Selbstaufgabe verleugnen. Sie sollten lernen, sich mehr selbst zu lieben, wie wir dies schon im Alten Testament und von Jesus hören (3. Mose 19,18; Matth. 19,19). Meine praktischen Erfahrungen haben gezeigt, dass Menschen, die in ihrem Leben viel Leid und viele Demütigungen erfahren haben und/oder aus einfachen finanziellen Verhältnissen kommen, es leichter haben, Selbst- und Fremdwahrnehmung zu erlernen. Oft mussten sie vielleicht auch bei Streitigkeiten der Eltern unterschiedliche Positionen einnehmen und jeweils den anderen Partner verteidigen oder entschuldigen. Erfahrenes Leid zeigt also für die Selbst- und Fremdwahrnehmung eine positive Frucht. Wer über Selbst- und Fremdwahrnehmung reflektiert, muss auch über die Grenzen dieses Unterfangens nachdenken. Nicht so sehr bei der Selbstwahrnehmung - hier sind die Begrenzungen eher durch die Genauigkeit der Instrumente gegeben und es ist wünschenswert, so viel wie möglich über sich selbst zu wissen. Bei der Fremdwahrnehmung jedoch stellt sich die Frage, wie viel Berater, Seelsorger und Therapeuten über ihre Ratsuchenden wissen dürfen oder genauer, wie „tief“ sie „bohren“ sollen oder müssen. Grundsätzlich vertrete ich die Meinung, dass jeder Mensch seine „letzte Zitadelle“ braucht, in die andere Menschen nicht eintreten sollten. Gott hat Adam und Eva, die nackt waren, im Garten Eden bekleidet. Vielleicht ist hier der Ursprung der Scham zu entdecken, die seit dieser Zeit prinzi-
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piell zum Menschsein gehört. So gesehen, darf uns nur Gott ganz nackt sehen und wir Menschen haben die Distanz der Scham zu respektieren. Vor einem solchen Hintergrund ist es dann auch schlüssig, im umgekehrten Sinne davon auszugehen, dass Menschen, die sich bis ins Innerste vor Beratern „entblößen“, wohl eine Störung ihrer Identität aufweisen. Es gilt demnach, einen individuellen Mittelweg zu finden. Die nachfolgende Schrift zeigt nur einen Ausschnitt aus den vielen auf dem Markt vorzufindenden Instrumenten oder Möglichkeiten zur Selbstund Fremdwahrnehmung. Sie ist für Studierende im Fach Beratung, Seelsorge und Psychotherapie gedacht, die schon über Vorkenntnisse verfügen. Einsetzbar ist sie aber auch bei der Ausbildung von Supervisoren und Mediatoren und für andere praktische Beratungsfelder. Weil es ein Praxisbuch ist, wird nicht so gründlich zitiert, wie dies in einer wissenschaftlichen Abhandlung notwendig wäre. Einzelheiten zu meinem theoretischen Ansatz finden sich in M. Dieterich: Einführung in die Allgemeine Psychotherapie und Seelsorge, Wuppertal 2001. Recht herzlicher Dank gilt unserem Lektor, Herrn Gableske, der nicht nur verbessert, sondern auch manche gute Vorschläge eingebracht hat. Meine Frau, Frau Haug und Herr Vaske haben kritisch gegen gelesen, auch ihnen schulde ich herzlichen Dank. Freudenstadt im März 2006 Michael Dieterich
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1. Selbst- und Fremdwahrnehmung 1.1 Notwendigkeit der Selbst- und Fremdwahrnehmung Jeder Beruf erfordert ganz bestimmte Qualifikationen oder stellt besondere Anforderungen an denjenigen, der ihn ausübt. Ingenieure müssen statische Berechnungen durchführen, hierzu brauchen sie Computer. Ärzte untersuchen den Menschen, messen Blutdruck und Pulsfrequenz, Chirurgen arbeiten mit dem Skalpell und Röntgenärzte mit unterschiedlichen bildgebenden Verfahren. Landwirte wissen um die richtige Zeit für Saat und Ernte und benützen heute hochspezialisierte Maschinen. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten brauchen Berater, Seelsorger und Psychotherapeuten? Gewiss sollten sie die menschliche „Seele“ sehr gut kennen, wobei ihnen als „Werkzeug“ kein Rechner und auch keine „seelenbildgebenden“ Geräte zur Verfügung stehen. Hier kommt es in ganz hohem Maße auf die Beobachtung des Gegenübers an - und diese Beobachtung ist natürlicherweise gefärbt durch die eigene Weltsicht. Damit sind wir bereits beim Thema angelangt und können auch die Antwort hinsichtlich der besonderen Qualifikationen der Beraterberufe geben: Sie sollten wissen, welche Interessen, Wünsche und Absichten ihre Ratsuchenden haben, um sich adäquat auf sie einzustellen, die Handlungen vorauszusehen und sich vor Überraschungen zu schützen. Aber auch Berater sind Menschen: sie leben von der subjektiven Wahrnehmung, die sie allerdings versuchen, professionell zu objektivieren. Für die Ausbildung der Beraterberufe ergeben sich drei wichtige Felder: Berater brauchen Wissen über den Menschen bzw. die menschliche Seele. Sie brauchen Wissen über ihre individuelle (und teilweise vielleicht unrealistische) Sicht der Welt, um gewissenhaft diagnostizieren zu können. Dieses Wissen kann schwerpunktmäßig durch Selbst- und Fremdwahrnehmung erreicht werden. Die Beraterausbildung kann nicht theoretisch erfolgen, sondern bedarf gewichtiger Praxisanteile mit supervisorischer Begleitung. Schwerpunkt der nachfolgenden Abhandlungen wird die Selbst- und Fremdwahrnehmung sein. Zuvor aber soll über die Methodik und die Grenzen der Beobachtbarkeit der menschlichen Seele nachgedacht werden.
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1.2 Was kann man beobachten? Die Frage nach den Beobachtungsmöglichkeiten kann mit den Einsichten der klassischen Psychotherapieschulen der 1. Theoriegeneration beantwortet werden, es gibt aber auch neue Ansätze. Beide Wege sollen in den folgenden Kapiteln beschrieben werden. Klassische Wahrnehmungsbereiche Bei den klassischen Wahrnehmungsübungen wird schwerpunktmäßig in der Gruppe gearbeitet (Encounter-Gruppe). Es wird davon ausgegangen, dass die Gruppenmitglieder das Verhalten und die dahinter liegende Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen wahrnehmen und diese Erkenntnis dann artikulieren. Durch eine solche Rückmeldung erfährt das Individuum, wie es auf Andere wirkt. Ein solcher Gruppenprozess ist allerdings aus mehrfachem Grunde recht problematisch und wurde auch teilweise heftig kritisiert3. • • • •
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Es kommen Menschen zusammen, die wenig oder gar keine Ausbildung in Selbst- und Fremdwahrnehmung haben und subjektiv und unreflektiert ihre Meinung ausdrücken. Die Aussagen müssen nicht hinterfragt werden und können objektiv falsch sein. Teilnehmer mit höherer sprachlicher Kompetenz haben Vorteile, die sie – auch bei mangelndem Fachwissen – leicht ausspielen können. Beliebige Theorien aus unterschiedlicher und teilweise auch populärpsychologischer Provenienz können apodiktisch vorgetragen und müssen nicht belegt werden (z.B. „Du bist ein ‚Opfertyp’“ oder „Das hast Du sicherlich verdrängt“.) Sympathie und Antipathie, Haloeffekte4 können eine wesentliche Rolle spielen.
Nicht selten wird von der Beschreibung einer einzelnen Dimension der Persönlichkeit auf den ganzen Menschen geschlossen. Wenn z.B. einer der Teilnehmer zum anderen sagt „Jetzt hast Du mich schon wieder un3
Wenn dieses Vorgehen z.B. im Rahmen der Vikarausbildung eingesetzt worden ist. Aber auch im Rahmen der Seelsorgeausbildung der BTS wurden hier früher manche Fehler gemacht. 4 Wenn von einer Äußerlichkeit, die bei einem anderen Menschen erlebt wurde, auf eine ähnliche Persönlichkeitseigenschaft des Gegenübers geschlossen wird.
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terbrochen“, kann dieser annehmen: „Ich habe ihn unterbrochen und bin deshalb ein schlechter Mensch“. •
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Weil es sich um eine hoch sensible Situation handelt, die tief in die Intimität der Persönlichkeit des Betroffenen eingreift, werden alle Aussagen, die in der Gruppe gemacht werden, sehr ernst genommen. Es ergibt sich eine starke Gruppendynamik, die große Suggestionskraft hat. Es besteht die große Gefahr, sich einer Mehrheitsbestimmung anzuschließen, obwohl man selbst bisher eine ganz andere, möglicherweise durch viele Erfahrung bestätigte, Wahrnehmung hatte. Wenn sich der Leiter oder die Leiterin in einer solchen Gruppe artikuliert, wird deren Meinung als noch viel bedeutsamer bewertet aber auch diese können sich irren.
Zusammengefasst müssen wir davon ausgehen, dass die Gruppenmitglieder in solchen Selbsterfahrungsgruppen weder psychologisch geschult sind, noch objektive Ergebnisse zu ihrer privaten Sicht der Welt reflektiert haben. Sie reden also ganz subjektiv über das, was sie bei ihrem Gegenüber wahrnehmen. Dies muss nicht unbedingt falsch sein und wenn die Gruppe genügend groß ist, könnte man annehmen, dass sich die Aussagen statistisch verteilen. Das ist jedoch selten der Fall und oftmals „treffen“ unreflektierte Aussagen - insbesondere von Personen, die geachtet sind, also z.B. von den Leitern - so stark, dass alle weiteren und vielleicht ganz anderen Beobachtungen nicht mehr wahrgenommen werden. Die Spiegelung des Individuums durch die Gruppe ist also in hohem Maße subjektiv und kann in manchen Fällen zu mehr Störungen als zu objektiven Ergebnissen führen. Zudem wissen wir auf Grund von Ergebnissen aus der Sozialpsychologie, dass sich Menschen unter Gruppendruck ganz anders als in normalen Formen des Settings verhalten. Eigentlich müsste man mit einem solchen Fazit auf Selbsterfahrungsgruppen ganz verzichten oder zumindest die Teilnehmer und die Leiter vorab gründlich schulen. Dieses Buch soll mit dazu beitragen, einen solchen Schulungsprozess in Gang zu setzen, und dabei vor allem auch Wege zu einer objektiveren Selbst- und Fremdwahrnehmung aufzeigen. Die Kapitel 2 und 3 bringen Einzelheiten hierzu.
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Was kann die Gruppe am Einzelnen beobachten und wo sind die Grenzen? Eine fachlich gut geleitete Gruppe kann allerdings auch sehr hilfreich sein und zu Ergebnissen führen, die im Einzelgespräch nicht möglich sind. Es können vier Bereiche der Beobachtung unterschieden werden5: (A) Der Bereich freien Handelns, der mir bekannt ist und von Anderen wahrgenommen wird. (B) Der Bereich des „blinden Flecks“ , den ich nicht sehe, der jedoch von Anderen wahrgenommen wird. (C) Der Bereich des Verbergens, der nur mir bekannt ist und von Anderen nicht wahrgenommen wird. (D) Der Bereich des Unbewussten, der weder mir noch den Anderen bekannt ist und der auch (noch) nicht wahrgenommen wird.
zunehmende Sichtbarkeit (Transparenz) für mich und andere
A Bereich des freien Handelns
B Bereich des „blinden Flecks“
C Bereich des Verbergens
D Bereich des Unbewussten
abnehmende Erkenntnis von mir und Anderen
Der Bereich A umfasst jene Aspekte unseres Verhaltens, die uns selbst und den anderen Mitgliedern der Gruppe bekannt sind und in denen uns unser Handeln frei, unbeeinträchtigt von Ängsten und Vorbehalten erscheint. Hier sind wir transparent und unser Verhalten ist für alle konsequent und logisch. Der Bereich B umfasst im Sinne eines „blinden Flecks“ denjenigen Anteil unseres Verhaltens, den wir selbst wenig oder gar nicht, die anderen Mit5
Vgl. E. Martin, U. Wawrinowski: Beobachtungslehre. Weinheim/München 1991 (Juvena) S.20 ff
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glieder der Gruppe jedoch recht deutlich wahrnehmen. Es sind Verhaltensweisen oder auch Meinungen, unbewusste Gewohnheiten, Vorurteile, Sympathien und Antipathien, die uns selbst nicht in vollem Umfang bekannt sind, aber für die Gruppenmitglieder deutlich zutage treten. Auch die Kleidung, ein entsprechender Tonfall bei bestimmten Aussagen oder unser gesamtes Auftreten gehören hierher. In solchen Fällen können die Anderen deutliche Hinweise auf uns selbst geben und hier hat die Gruppendiagnostik auch große Vorteile gegenüber Einzelgesprächen. Bereich C umfasst den Bereich der Zurückhaltung, also jene Aspekte unseres Denkens, Fühlens, Handelns und Glaubens, die wir vor Anderen bewusst verbergen. Es sind dies die „heimlichen Wünsche“, die „empfindlichen Stellen“, quasi die „private Person“. Solche Aspekte braucht jeder Mensch, um sich als unverwechselbares Individuum zu kennzeichnen. Es ist derjenige Anteil, der aus dem „gläsernen Menschen“ das Individuum mit seiner „letzten Zitadelle“ macht, die nur ihm privat gehört, in die Andere keinen Zutritt haben dürfen und die er als Christ nur mit seinem Herrn Jesus Christus teilt. Allerdings kann die Kenntnis dieses Bereichs wichtig werden, wenn von ihm Störungen ausgehen, beispielsweise wenn sich eine Führungskraft in einem bestimmten Wissensgebiet für nicht kompetent hält und dies vor Anderen verbergen möchte. Wenn in einer Gruppe Offenheit und Transparenz herrschen, dann können solche Bereiche des Verbergens angesprochen und auch gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. Der Bereich D umfasst den Teil unserer Persönlichkeit, der weder uns noch Anderen derzeitig unmittelbar zugänglich ist. Hierzu können in der Gruppe keine Erkenntnisse gewonnen werden und Spekulationen einzelner Gruppenmitglieder führen zu falschen Deutungen. Wenn es überhaupt solche unbewussten Wünsche gibt (die derzeitige Psychotherapieforschung spricht eher dagegen), dann müssten Spezialisten diese im Einzelgespräch bzw. durch die Psychoanalyse versuchen zu finden. Auch die weiter hinten genauer beschriebene Lebensstilanalyse liefert Anhaltspunkte. Für Christen kann das Psalmwort „Wer bemerkt seine eigenen Fehler? Sprich mich frei von Schuld, die mir nicht bewusst ist.“ (Psalm 19,13, Einheitsübersetzung) eine Hilfe sein, den Blick nicht in eine unbewusste Vergangenheit, sondern nach vorne zu richten.
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Ganz praktisch wird der Bereich des Unbewussten eher dann, wenn es darum geht, dass in Menschen Begabungen schlummern, die von ihnen bisher weder ausgeübt noch von Anderen entdeckt worden sind. Nachfolgend sind die Gefahren, die sich durch eine Grenzüberschreitung bei der Gruppenarbeit ergeben können, zusammengefasst6. Diese Gefahren gelten jedoch nicht nur für die Gruppenarbeit, sondern sind für jede Art des Beratungsprozesses relevant. Gefahr der Grenzüberschreitung Psychologisierung geistlicher Angelegenheiten (z.B. Sünde) oder Vergeistlichung geschöpflicher Dinge (z.B. Sexualität) durch eine einseitige Theologie, die der biblischen Realität nicht gerecht wird. Unsachgemäßes und von Vorurteilen bestimmtes Beurteilen seelsorgerlicher Fragen.
Klärung durch Bibelkenntnis: d.h. in diesem Falle z.B. Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, Heil und Heilung, göttlichem Gebot und menschlicher Meinung usw. Akzeptanz unterschiedlicher Auslegungsvarianten und der Tatsache, dass es Fragen gibt, für die es in der Bibel keine direkte und eindeutige Antwort gibt. Unzutreffende Verallgemeinerung Psychologische Kenntnis: Wahreigener Erfahrungen im Sinne von nehmung der Andersartigkeit jeder Projektion und Übertragung. neuen Begegnung und Offenheit für Anwendung von psychologischem einen individuellen Weg. Halbwissen, wodurch der Seele des Vorsichtiges und aufmerksames Anderen Gewalt angetan wird oder Herantasten im Bewusstsein der ihm nicht die Hilfe gegeben wird, Komplexität der menschlichen Seedie er eigentlich bräuchte. le. Festlegung auf unzutreffende oder Differentialdiagnostische Kompeeinseitige Diagnosen, verharmlosen- tenz: d.h. Wissen um Störungen der Umgang mit gravierenden Pround deren Ursachen und damit verblemen bzw. fehlende Wahrnehbunden der Schutz vor Überfordemung derselben. rung in Beratung und Seelsorge. Erkennen der eigenen Grenzen und Hinzunahme von weiterem Fachpersonal. Überbetonung der einzelnen Aspekte Ganzheitliches Menschenbild, das der ganzen Seele. D.h. einseitige Sicht davon ausgeht, dass der Mensch eine auf Soma, Psyche oder Pneuma. Seele ist und nicht eine Seele hat (vgl. das folgende Kapitel).
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In Anlehnung an eine Zusammenstellung von H.A. Willberg
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