Matthew Paul Turner
Superfromm! Meine abenteuerliche Kindheit in einer ziemlich heiligen Gemeinde
Originally published in English under the title: Churched by Matthew Paul Turner Copyright © 2008 by Matthew Paul Turner Published by WaterBrook Press an imprint of The Crown Publishing Group a division of Random House, Inc. 12265 Oracle Boulevard, Suite 200 Colorado Springs, Colorado 80921 USA International rights contracted through: Gospel Literature International P.O. Box 4060, Ontario, California 91761-1003 USA This translation published by arrangement with WaterBrook Press, an imprint of The Crown Publishing Group, a division of Random House, Inc. German edition © 2009 SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten, Übersetzung: Oliver Roman, Urbach, www.oliverroman.de Die Namen der Personen wurden geändert, wie auch ihre charakteristischen Merkmale, anhand derer man sie identifizieren kann. An etlichen Stellen wurden kombinierte Figuren geschaffen. Zeitliche Abläufe wurden um des Erzählflusses willen zusammengelegt oder verändert.
© 2009 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Johannes Schermuly, Ideen und Medien Umschlagfoto: istockphoto.com – Darko Radanovic Satz: Christoph Möller, Hattingen Druck: CPI – Ebner &Spiegel, Ulm ISBN 978-3-417-26297-1 Bestell.-Nr.: 226.297
INHALT
Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Gottes neue Bude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Die Fundamente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Easy Like Sunday Morning . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Der Haarschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Zwölf Minuten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Jesus in Schwarz-Weiß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Zeit, erwachsen zu werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Einmal Hölle und zurück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Du weißt, wohin Lügner kommen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Der Deal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Siebenmal sieben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Fruchtbarer Boden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Satan regiert! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Wer eine Seele fängt, gewinnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Piano Boy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Segen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
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Die Rätsel Gottes sind befriedigender als die LÜsungen der Menschen. G. K. CHESTERTON
Prolog Auf der Schulter des Mannes war eine Tätowierung von Jesus, der Feuer aus seinem Mund spie. Obwohl ich wie jeder gute Amerikaner bereits wiedergeboren war (seit meiner Kindheit drückte ich hier wie bei einem CD-Player immer wieder auf die »Repeat«-Taste), schreckte mich dieses Bild ab. Das war das ganze Gegenteil einer liebevollen Einladung zur Umkehr. Wäre ich kein Christ, ich würde nichts mit diesem Feuer speienden Monster zu tun haben wollen. Ich konnte nicht aufhören, die Schulter dieses Mannes anzustarren. Sein Jesus war grün und verblasst, und durch einen kleinen Leberfleck schien es, als würde meinem Herrn und Erlöser ein Popel aus dem einen Nasenloch baumeln. Dann schaute mich der Mann vom anderen Ende der Sauna aus an, zog sein Handtuch fest um seinen Bauch und sagte: »Wie geht’s dir, Mann? Ich heiße Jim.« Zuerst sagte ich gar nichts. Seine Frage hatte mich irgendwie gelähmt. Würde er eine kleine Gideonbibel von irgendwo unter dem Handtuch herausziehen, ein paar schreckenerregende Verse aus dem Römerbrief nachschlagen und mich auffordern, auf meine Knie zu fallen und ihm nachzusprechen? Das würde ich nicht tun. Nicht in einer Sauna. Nicht mit nur einem Handtuch um. Übrigens hatte ich dem Wiedergeborenwerden für diese Dekade abgeschworen. »Hallo.« Ich sprach vorsichtig, denn ich war noch nicht bereit, einem Typen zu trauen, der einen Flammenmund-Messias zum ständigen Begleiter hatte. »Ich heiße Matthew.« »Angenehm, Matthew. Mann, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich hatte einen absolut verrückten Tag.« Jim fixierte mich mit seinem Blick, während er mit mir sprach. Ich nehme an, er wollte sicher sein, dass ich ihm aufmerksam zuhöre. »Ich hab heute noch nicht einmal trainiert. Ich bin direkt in die Sauna.« Er streckte seine Arme aus und massierte seine linke Schulter, wobei er Jesu Gesicht mit seinen Fingern zerquetschte. Ich lebe in Nashville. Die Klischees über diese Stadt sind zutref-
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fend: Jeder hier ist oder war irgendwann in seinem Leben ein Musiker. Die meisten von uns, die hier leben, führen lange Gespräche mit Menschen, die sie vorher noch nie gesehen haben. Wenn es hier regnet, vergessen wir, wie man richtig Auto fährt, und sind absolut dazu imstande, uns gegenseitig umzubringen. Und jeder von uns hat zumindest ein Mal in seinem Leben Jesus in sein Herz eingeladen – und sei es nur, damit er ihn befähigt, die Anforderungen für den Führerschein in Tennessee zu erfüllen. Wenn ich also ein wahrer Nashviller bleiben wollte, würde ich Jim bitten müssen, mir seinen »verrückten Tag« zu erklären. Diese Art von Direktheit wird in unserer Stadt nicht als neugierig empfunden, ganz im Gegenteil: Er erwartete geradezu, dass ich ihn fragte. »Was war an deinem Tag so verrückt?« »Ach, nur die Arbeit, Mann. Einer dieser Tage, an denen man sich fragt, ob man nicht besser im Bett geblieben wäre.« »Was arbeitest du denn?« »Ich bin der zweite Pastor in der Pfingstgemeinde am Ende der Straße.« »In der apostolischen?« »Ach, du kennst sie?« »Sie ist nicht gerade leicht zu übersehen.« »Ja, da hast du recht. Und sie wächst immer weiter. Die Gemeindeleitung hat gerade eine zehn Millionen Dollar teure Erweiterung verabschiedet. Ein paar von den Mitgliedern sind der Ansicht, dass wir ein neues Begegnungszentrum brauchen. Ich denke, das ist rausgeschmissenes Geld, aber was soll man machen. Was ist mit dir? Bist du Christ?« »Ich liebe Jesus. Zählt das?« Jim lachte, als würde er verstehen, was ich meinte. Zu dieser Zeit hatte ich eine Phase, in der ich anderen Leuten nicht gerne sagte, dass ich Christ war. Ich wollte nicht, dass sie Angst vor mir hatten, weil sie fürchteten, dass ich sie in den Gottesdienst einlade oder in ein »Rockkonzert« irgendeiner christlichen Band. Auch wollte ich nicht, dass sie mich für den Irak-Krieg verantwortlich machten. Den Leuten einfach sagen, dass ich Jesus liebte, erschien
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mir wie ein Rückzieher gegenüber einigen meiner Freunde. Doch es bewahrte mich oft davor, mit anderen Evangelikalen, wie z.B. den Pfingstlern – die oft bei Nichtchristen auf Unverständnis stießen –, über einen Kamm geschoren zu werden. »Weißt du, Matthew,« sagte Jim, »ich bin vor ein paar Jahren aus Connecticut hergezogen, das meiner Meinung nach geistlich völlig ausgetrocknet ist. Ich dachte, hierherzukommen würde es leichter machen, als Christ zu leben.« »Leichter? Wie kamst du darauf?« »Weil Nashville so etwas wie das christliche Mekka ist.« Jim malte mit seinen Fingern Anführungszeichen in die Luft, als er »Mekka« sagte. Ich bin sicher, dass er das tat, damit ich auf gar keinen Fall annehmen würde, er glaubte, Nashville sei Mekka oder Mekka sei christlich. Unter Christen sind in die Luft gemalte Anführungszeichen ziemlich beliebt. Ich habe selbst eine Schwäche dafür, vor allem, weil man damit vermeiden kann, dass jemand eine möglicherweise unvorsichtige oder übertriebene Aussage von mir gegen mich verwendet. Zu meinem Widersacher könnte ich in so einem Fall ganz getrost sagen: »Moment mal, ich habe ganz deutlich Anführungszeichen um die Wörter voll fetter Verlierer in die Luft gemalt, als ich den Pastor beschrieb. Das reinigt mich, Mann. Ich bin rein!« Obgleich sie nicht biblischen Ursprungs sind, scheinen in die Luft gemalte Anführungszeichen Beleidigungen und fragwürdige theologische Ansichten zu heiligen, genau wie Wasser die Stirn eines Säuglings heiligt. Doch ich verstand, was Jim sagen wollte. Während ich mir ziemlich sicher bin, dass gläubige Menschen in Städten wie Chicago und Detroit nicht gen Süden knien, wenn sie ihre Gebete zu Jesus sprechen, habe ich doch etliche Urlauber getroffen, die nach Nashville kamen, weil diese Stadt im sogenannten Bible belt1 so etwas darstellt wie die riesige Gürtelschnalle. »Ernsthaft, denk mal drüber nach, Matthew. Kennst du irgendeine 1 Dt.: »Bibelgürtel«. Gemeint ist ein von Osten nach Westen verlaufendes Gebiet in den USA, in der der evangelikale Protestantismus besonders verbreitet ist. Nashville gilt als dessen »Gürtelschnalle«, zum einen wegen der tellergroßen Gürtelschnallen seiner Country-Sänger, zum anderen, weil viele der evangelikalen Gemeinden hier zu Hause sind.
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andere Stadt in Amerika, die bekannter ist für ihre Gottesfurcht?« Jim wischte sich den Schweiß aus seiner Braue. »Ich nicht.« Ich dachte kurz nach. »Ich hab gehört, dass Colorado Springs ziemlich ehrfürchtig ist.« »Mag sein, aber ich bezweifle, dass es an Nashville rankommt. Mir wurde gesagt, dass unsere Stadt mehr Gemeinden pro Kopf hat als jede andere in Amerika.« Jim nickte gedankenversunken. »Das ist wirklich wahr, Matthew. Ich habe das jetzt schon von einigen gehört, und ich glaube es auch.« Ich glaubte es auch. Zweifellos haben wir eine Menge Gemeinden in dieser Stadt. Seit ich aber genau dieselbe Statistik auch schon für Dallas, Birmingham und Orlando gehört habe, bin ich nicht mehr so sicher, ob sie wissenschaftlich belegt ist. Doch wissenschaftliche Angelegenheiten haben nicht viel Gewicht, wenn es um Behauptungen über christliche Kultur geht. Ob bewiesen oder nicht, ist also völlig irrelevant. Der Glaube zählt. Selbst wenn Nashville nicht Spitzenreiter mit den meisten Kirchengemeinden wäre, habe ich schon immer gesagt, dass Jesus auf jeden Fall einer der Hauptexportartikel der Stadt ist. Gottes Sohn wird per Schiff, per Bus, Kurier, Radio, durch Fernsehen, Fax und E-Mail verschickt, ja, wenn nötig sogar wie eine Bombe aus sechs Kilometern Höhe auf die Erde hinabgeworfen. Nashville kann wahrhaftig als Gottes Kommandozentrum betrachtet werden. Wir sind sein Pentagon. Sein neues Jerusalem. Mit einem Knopfdruck können wir eine Million Bibeln zielgenau über einem Missionsgebiet in China abwerfen lassen. Und mit einem einfachen Telefonanruf bewirken, dass jemand einige sehr gute Nachrichten an Ihre Haustür bringt. Der einzige Haken ist, dass Sie bzw. Ihr »alter Mensch« sterben muss, bevor er sich die Villa leisten kann, von der er immer geträumt hat. Jim und ich gingen aus der Sauna in den Abkühlraum. Er saß auf einer der Bänke, und ich ging zur Wasserfontäne hinüber. »Erzähl mir, warum du dachtest, dass der Umzug nach Nashville es leichter machen würde, ein Christ zu sein«, bat ich. Er lachte. »Weil hier überall Christen sind. Ich dachte, es müsste doch toll sein, in einer Stadt zu leben, wo Jesus einfach zum Alltag ge-
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hört. Ich dachte auch, das würde es einfacher machen, ein Pastor zu sein. Zu Hause hätte ich nie diese Art von Unterhaltung mit jemandem in einem Fitness-Studio geführt. Hier passiert das beinahe täglich. Es ist fast schon langweilig. Manchmal fühlt sich das an, als würden wir Kirche spielen. Das ist schwierig zu erklären.« »Ich denke, ich weiß, was du meinst.« Ich suchte die ganze Zeit nach einer guten Überleitung, um ihn auf die Tätowierung anzusprechen. Doch nachdem sich dafür keine Gelegenheit bot, platzte ich einfach damit heraus. »Jim, du musst mir die Geschichte von der Tätowierung erzählen.« »Wieso, gefällt sie dir etwa nicht?« Er lachte. »Ich war jung. Ich denke, das war meine Art, die Wahrheit über Jesus weiterzusagen, ohne überhaupt etwas sagen zu müssen.« »Und was sollte diese Wahrheit sein? Dass Jesus eine Art magischer Feuerschlucker ist? So eine Art wütender Copperfield?« »Ich war damals ein Idiot. Heute ist es mir peinlich, ins Schwimmbad zu gehen. Mann! Was, wenn mich Bekannte ohne Hemd sehen! Ich hab richtiggehend Bammel, dass das jemand ernst nimmt.« »Um ehrlich zu sein: Ich habe es ernst genommen. Das ist eine der hässlichsten Tätowierungen, die ich je gesehen habe«, sagte ich lachend. »An deiner Stelle würde ich mir dieses Ding schnellstens entfernen lassen.« Ich ging für eine weitere Runde zurück in die Sauna. Ein paar Minuten saß ich dort allein und dachte über meine Unterhaltung mit Jim nach. Ich war zwar kein Pastor, aber ich war öfter in der Kirche gewesen, als ich zählen konnte. Da ich auch schon eine ganze Weile in Nashville lebte, konnte ich mir vorstellen, wie er sich fühlte. Am Anfang ist diese Stadt wie eine Glaubensspritze. Kurz nachdem ich hierhergezogen war, dachte ich, es sei belebend, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der man sonderbar erschien, wenn man nicht an Jesus glaubte. Ich fühlte mich wie zu Hause. Manchmal sogar wirklich erfüllt vom Heiligen Geist. Doch leider dachte ich zu viel darüber nach, und irgendwann fragte ich mich, ob ich nur eine Rolle in einer Art »Stepford-Realität« spielte. Wie in dem Film, in dem alle Frauen der Stadt durch
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Roboter ersetzt wurden. Alle waren absolut perfekt. Und alle waren gleich. Aber eben nicht echt. Jim öffnete die Saunatür, kam herein und setzte sich. Er sagte nichts, also war ich auch still. Meine Gedanken wanderten zurück zu einem Gottesdienst, den ich in einer der größten Nashviller Kirchen besucht hatte, ungefähr ein Jahr, nachdem ich hierhergezogen war. Ich wollte eigentlich gar nicht gehen, aber ein Freund bat mich darum. »Am Sonntag ist unser jährliches Erntedankfest«, erzählte er mir. »Das wird dir gefallen. Bitte komm doch. Gott zeigt sich immer am Erntesonntag.« Wider besseres Wissen erklärte ich mich einverstanden, ihn zu begleiten. Keinesfalls wollte ich einen Termin verpassen, den Gott sich so dick im Kalender angestrichen hatte. Als wir unsere Plätze auf der Galerie einnahmen, sagte mein Freund: »Es werden so um die fünfzehntausend Leute erwartet. Es musste sogar ein Zusatzgottesdienst angeboten werden. Denk doch nur, wie viele Menschen heute gerettet werden.« Er schüttelte ungläubig seinen Kopf, wie es Zuschauer im Zirkus tun, wenn sie einem Kunststück auf dem Trapez zusehen. Offenbar rechnete er mit Akrobaten und Spezialeffekten. Als der Chor die Empore füllte, war der Raum voll, und das Orchester begann, ein altes Kirchenlied zu spielen. Ich erkannte das Lied schon an den ersten Noten: »Bringing in the Sheaves«2. Das hatte ich gesungen, als ich noch ein Kind war. Damals konnte ich jedes Wort auswendig, doch ich verstand erst viel später, was sie bedeuteten. Der Chor begann, die erste Strophe zu singen: »Sowing in the morning,/ Sowing seeds of kindness« (Säen früh am Morgen, säen die Saat der Freundlichkeit). Das Lied erinnerte mich an eine Situation mit meinem Vater. Wir waren auf dem Weg zu unserem Nachbarn, um Maiskolben zu kaufen. Der Farmer hatte eine lange Zufahrtsstraße. Als wir über den holprigen Schotter fuhren, machte mich mein Vater auf ein goldenes Weizenfeld aufmerksam. 2 Dt.: »Die Garben einbringen«
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»Dieser Weizen ist bereit für die Ernte, Matthew.« Die Augen meines Vaters leuchteten jedes Mal, wenn er ein reifes Feld mit Weizen, Mais oder sonst etwas Essbarem sah. »Weißt du, als ich ein Kind war, da war die Erntezeit eine meiner Lieblingszeiten im Jahr. Arbeiter kamen aus der ganzen Umgebung und halfen uns, den Weizen zu Garben zu binden. Das war ein enorm wichtiger Tag für uns, so etwas wie unser Zahltag. Ich erinnere mich, dass dein Opa es mit seinem Getreide sehr genau nahm und sich vergewisserte, dass die Arbeiter wirklich jeden Weizenhalm auf dem Feld ernteten. Er wurde richtig sauer, wenn einer nicht gründlich arbeitete; er ging dann hinter dem Arbeiter her und las auf, was der übersehen hatte.« Der Pastor meines Freundes erwähnte das Wort Ernte nur ein Mal in seiner Predigt. Er sprach nicht von Weizenfeldern, auch Garben erwähnte er nicht. Er fragte: »Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was am Jüngsten Tag geschieht?« Dann richtete er seine Predigt an die Mitglieder seiner Gemeinde. »Liebe Gemeinde, an jedem einzelnen Tag gehen Seelen verloren. Warum? Weil wir unsere Arbeit nicht tun. Wir sind nicht da draußen und ernten Gottes Getreide. Menschen werden zurückgelassen werden, wegen Ihnen und wegen mir.« Ich sank zurück in meine Bank, mein Herz voller Furcht. Ich hatte dieselbe Botschaft schon tausendmal gehört, doch anstatt mich mit Hoffnung zu erfüllen, ängstigte mich die Gute Nachricht an diesem Tag. Ich dachte über meinen Großvater nach. Selbst er wollte nicht einen Weizenhalm auf dem Feld lassen. Wie musste dann erst Gott empfinden? Jim riss mich aus meinen Gedanken. »Was meinst du, ob sich wohl so die Hölle anfühlt?« »Meinst du die Sauna oder das Leben in Nashville?« Er lächelte. »Die Sauna.« »Dann bezweifle ich es. Ich mag das zu sehr.« »Nun, ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Ich habe heute Abend ein Treffen mit meinem Pastor. Er ist davon überzeugt, dass ich nicht in Zungen rede.« »Und ist das ein Problem?«
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»Natürlich – wir sind Pfingstler. Wir reden in Zungen.« »Klingt, als hätte auch deine Gemeinde ihr Päckchen zu tragen.« Mein Grinsen verschwand. »Aber ich bin wohl der Falsche, um darüber zu urteilen. Schließlich packe ich noch immer mein eigenes aus.«
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Gottes neue Bude Es passierte, als ich fast fünf war. Man riss mich aus meinem Leben als ganz normales Kind heraus und ließ mich in eine kleine fundamental-baptistische Kirche plumpsen. Es war, als würde man von Puritanern gekidnappt – ohne Hexenprozess, dafür aber mit einer »Triffdann-geht-er-baden«-Schießbude, auf der man selbst zum Ziel der frommen Geschosse wurde. Ich war ein unbeschwertes Kind, etwas zappelig, gut drauf, charismatisch und wissbegierig. An meinem ersten Sonntagmorgen als unabhängig-fundamentaler Baptist kam meine Mutter in mein Zimmer und durchwühlte meinen Schrank auf der Suche nach etwas Unbequemem zum Anziehen. »Du machst dich jetzt fein für die Kirche heut Morgen, Matthew.« Mama zog eine Hose und irgendwelche schwarze Socken raus und sah mich an, als würde sie darüber nachdenken, ob sie mich zum Frühstück verspeisen soll. »Das bedeutet: Du trägst eine Krawatte.« Sie warf mir meine Clipkrawatte über den Schoß. »Bitte keine Widerrede heut Morgen. Falls doch, schalte ich deinen Vater ein und lass ihn das erledigen.« Mama kehrte mir den Rücken zu und kramte auf der Suche nach meinem schwarzen Gürtel in meinem Schrank. »Es ist mein voller Ernst, Matthew. Mir ist heut Morgen nicht nach Diskutieren zumute. Ich habe noch andere Sorgen.« Von zu viel Nachdenken wurde meine Mutter immer ganz käsig im Gesicht, wie jemand mit Magen-Darm-Grippe oder Sonnenallergie. Wann immer Mama bleich aussah, beschäftigte sie etwas. Und an diesem Morgen war ihr Gesicht so bleich wie eine Schüssel Haferschleim. Ich hatte dasselbe Problem, doch ohne die verräterische Blässe. Schon als ich vier war, fühlte sich mein Gehirn manchmal so überstrapaziert an wie ein saltospringender Zirkushund.
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An diesem Sonntag lag Mama die neue Gemeinde auf der Seele. Sie und Papa waren zu dem Schluss gekommen, dass Gott nicht mehr in ihre alte Kirche ging. Und es war sinnlos, an einen Ort zu gehen, wo selbst Gott nicht mehr hinwollte. Eines Nachmittags klopfte ein junger Pastor namens Dave Nolan an unsere Tür. Er redete über eine Stunde mit meinen Eltern. Ich hörte nur Wortfetzen der Geschichte, doch im Wesentlichen ging es bei ihrer Unterhaltung um eine brandneue Kirche, die er gerade gründete. Mama und Papa hielten Pastor Nolans Besuch wohl für eine Nachricht von Gott. Ich habe über die Jahre gelernt, dass es mit Nachrichten von Gott oft so ähnlich ist wie mit einer brandneuen Packung Slime, einer Art Spielzeug-Schleim, der zu meiner Kinderzeit sehr beliebt war: Am ersten Tag scheint es das herrlichste Geschenk der Welt zu sein. Es ist das Einzige, an das man denken kann. Man spielt pausenlos damit. Doch je mehr man es in den Händen quetscht, es an irgendwelches Zeug presst, um zu sehen, ob es klebt, und anderen erlaubt, es in ihre schmutzigen Hände zu nehmen, umso dreckiger und umso weniger imponierend wird es. Innerhalb von drei Tagen langweilt es einen. Der Behälter, in dem es verpackt war, ist zerbrochen, und man gewinnt den Eindruck, dass dem Schleim ein paar Haare gewachsen sind … Mama hatte unseren Kirchenwechsel wieder und wieder überdacht, bis er nur noch ein ekliger kleiner Klecks Dreck und mit Fussel ummantelter Spielschleim war, der sich unter dem Sofa versteckte. »Möchtest du dein weißes Hemd oder dein blaues Hemd anziehen?« Mama hielt beide so, dass ich sie sehen konnte. Ich zeigte auf das weiße. »In Ordnung, jetzt die Schuhe.« Während meine Mutter Jagd auf meine schwarzen Kirchenschuhe machte, saß ich am Bettrand und federte wie bei einer Fahrt in dem Fahrzeug-Automaten am Supermarkt. Mama suchte zwar, doch sie behielt mich im Auge. Ich schätze mal, sie wartete darauf, dass ich mich über die Krawatte beschwerte. Aber nicht an diesem Tag. Ich war wegen der neuen Kirche viel zu aufgeregt, um mich zu beschweren. Unter gewöhnlichen Umständen hätte mich der bloße Gedanke an einen Schlips dazu veranlasst, mich hysterisch auf den Bo-
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den zu werfen. Ich hätte geheult wie eine Sirene, meine Hände gegen den Teppich geschlagen und mit den Füßen alles getreten, was in Reichweite war. Bis heute bin ich fest davon überzeugt, jedes Mal einen wirklich guten Grund für einen solchen Anfall gehabt zu haben. Doch meine Mutter dachte, ich sei einfach nur albern. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass jede meiner Clipkrawatten meinen Hals ableckte, wenn sie gerade nicht hinsah. »Das passiert wirklich, Mama«, erklärte ich ihr einmal. »Warum habe ich dann nicht gesehen, wie es passiert?« »Wahrscheinlich guckst du nicht zur richtigen Zeit.« »Wirklich?« »Ja. Sobald du deinen Kopf drehst, streckt dir die Krawatte ihre Zunge raus und fängt an, mich abzulecken.« »Ach, das macht die Krawatte also? Das ist nicht möglich, Matthew.« Mit meiner Mutter reden war manchmal so ähnlich, wie Onkel Ramil aus Usbekistan Jesus zu erklären. Er würde mich mit hochgezogenen Augenbrauen ansehen und herablassend nicken, als würde er alles vollkommen verstehen, wovon ich rede, dabei sprach er in Wahrheit noch nicht einmal meine Sprache. »Was ist los mit Matthew, Schatz?« Die Frage meines Vaters ließ mich hoffen. »Ach, er sagt, seine Clipkrawatte würde seinen Hals ablecken.« Mein Vater lachte. »Du glaubst, er bildet sich das nur ein?« »Ich habe sie bei Woolworth gekauft, Virgil. Man sollte meinen, es wäre in den Nachrichten oder so, wenn Woolworth perverse Krawatten verkaufte. Hab ich recht?« Ich hätte wissen müssen, dass mein Vater sich auf die Seite meiner Mutter schlagen würde. Er trug die Art von Krawatten, die sich einem um den Hals schlingen und von vorne würgen, nicht die mit den Zungen, die sich einem das liebe Leben lang ans Hemd klammern. »Du wirst heute richtig hübsch aussehen, junger Mann.« Meine Mutter schob meinen Kopf durch mein T-Shirt und half mir dann, mein Hemd anzuziehen. »Mama.« Ich sah ihren Fingern zu, die unten an meinem Hemd be-
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gannen und sich nach oben knöpften. »Denkst du wirklich, dass Gott in unserer neuen Kirche sein wird?« »Ich denke, Gott ist immer bei uns.« »Wirklich?« Mama nickte. »Denkst du, ich werde ihn heute Morgen sehen?« »Ich schätze, wir werden jetzt abwarten müssen, was geschieht, nicht wahr?« Mama steckte mir mit der einen Hand mein Hemd in die Hose und hielt die Hose mit der anderen Hand fest, damit sie nicht herabfiel. »Was ich sicher weiß ist: du magst ihn vielleicht nicht gern tragen, aber dieser Schlips wird perfekt zu der neuen Hose mit Schottenmuster passen, die ich dir gekauft habe.« Mama ließ den vorderen Knopf meiner Hose zuschnappen, glättete mit ihren Händen die Falten in meinem Hemd, nahm meine marineblaue Krawatte und befestigte sie mir – klipp! – am obersten Knopf meines Hemdes. Sobald sie meinen Kragen festgeknöpft hatte, wurde der Clip meinem Schlüsselbein gegenüber zudringlich. »Perfekt.« Mama klopfte mir auf die Schulter und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Gar nicht so schlimm, nicht wahr?« Es war überhaupt nicht schlimm. Tatsächlich begann ich Gefallen daran zu finden, von Polyester geküsst zu werden. »Schau dich an.« Die Farbe schien wieder in Mamas Gesicht zurückzukehren. »Auch, wenn ich mich selber lobe: Ich finde, du siehst wie ein perfekter kleiner Baptist aus.« Mama ging aus meinem Zimmer und ließ mich vor dem Spiegel stehen. Ein perfekter kleiner Baptist?, dachte ich. Das sah ich nicht. Was mich angeht, sah ich genau gleich aus wie am Sonntag zuvor, außer dass ich nun eine Hose trug, die zur Tischdecke im Esszimmer passte. Ich fühlte mich steif und spießig, aber nicht baptistisch.
Der Kirchgang war nicht neu für mich. Meine Eltern karrten mich in meinen ersten Gottesdienst und parkten meinen Kinderwagen neben
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ihrer Kirchenbank, als ich acht Wochen alt war. Mir wurde gesagt, dass alle wichtigen Leute in meiner Kirche an dem Tag zu mir kamen und ihre Köpfe in meinen Kinderwagen steckten, mit mir in Zungen redeten und mir auf den Bauch klopften. Ich hatte nicht viel von diesem ersten Gottesdienst. Ich schlief nur, ließ Luft ab und machte meine Windel nass. Nicht viel anders als der Rest: Die meisten Gemeindemitglieder waren älter als die Erfindung der Dampfmaschine und legten ein sehr ähnliches Verhalten an den Tag. Bevor wir die Gemeinde wechselten, waren Mutter und Vater keine Christen. Sie waren Methodisten. Das hatten sie jedenfalls eingetragen, als die letzte Volkszählung durchgeführt worden war. Ich nehme an, für meine Eltern wäre die Angabe »Christ« lediglich eine Unterscheidung von Juden, Muslimen oder Buddhisten gewesen, und das war nicht gut genug. »Wer in aller Welt sollte denken, wir wären Buddhisten?« Mein Vater hatte eine sehr pragmatische Weise, die Dinge zu betrachten. »Wir sind Weiße aus Maryland. Wir gehen auf die Jagd. Ich wette, es gibt hier nicht einen Buddhisten im Umkreis von hundert Kilometern. Ich wäre eher darüber beunruhigt, wenn jemand denken würde, wir wären katholisch.« Ich wuchs im Bezirk Kent, Maryland, auf, wo die meisten Leute, die Methodisten waren, auch als Methodisten geboren wurden. Das traf auf meine Mutter zu. Ihr Glaube war erblich. Sie hatte ihr Methodistin-Sein aus dem mütterlichen Zweig der Familie geerbt, doch mein Vater wurde ohne identifizierbares religiöses Gen geboren. Sein Glaube wurde ihm im Alter von neun Jahren gleichsam verliehen, als seine Mutter begann, sich schuldig zu fühlen, weil ihre Familie nicht religiös war. Meine Großmutter hatte sich vorgenommen, das zu ändern, daher verabredete sie ein Treffen mit dem zuständigen Pfarrer der methodistischen Kirche. Als sie in seinem Büro saß, erzählte sie dem Prediger alles über die missliche Lage, in der sie steckte. Er meinte, dass er helfen könne. Einige Tage später lud sie den Pfarrer zum Mittagessen ein. Nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte, stieß er sich vom Tisch ab und begann, sich einen wasserdichten Poncho überzuziehen.
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»Ich trage das, damit mein Anzug nicht verspritzt wird. Sie wären überrascht, wie nass man beim Taufen werden kann.« Dann forderte er meine Großmutter auf, ihre sechs Kinder – zwei Jungen und vier Mädchen – in einer Reihe vom ältesten bis zum jüngsten aufzustellen. Der Pfarrer stand in der Küche, und nachdem er das Vaterunser gesprochen hatte, bespritzte er das Gesicht eines jeden Kindes mit Leitungswasser im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. »Gut, Ruth, jetzt ist es offiziell. Ihre Kinder sind jetzt richtige Methodisten.« Der Prediger grinste die Kinder an, als wäre er eben damit fertig geworden, jedem von ihnen eine Spritze in den Hintern zu verabreichen. Mein Vater schien das für völlig angemessen zu halten. Er sagte, seine Mutter hatte nicht vorrangig versucht, ihren Kindern Jesus vorzustellen, als vielmehr sie zu impfen in der Hoffnung, dass sie keine Sektenmitglieder, Alkoholiker oder – Gott bewahre – Katholiken werden. Derzeit gehörte meine Familie zur St. James United Methodist Church, nur gute drei Kilometer von unserem Zuhause entfernt. Die Gemeinde traf sich in einem alten Gebäude, das im frühen 19. Jahrhundert erbaut worden war. In ihren besten Tagen hatte St. James viele Besucher aufzuweisen, doch diese Zeiten waren schon lange vorbei. Obwohl die Gemeinde 350 eingetragene Mitglieder hatte, waren viele davon entweder weggezogen oder im Kirchhof hinter St. James vergraben. Zu den Gottesdiensten sonntagsvormittags waren wir so um die 60 Gottesdienstbesucher. Meine Eltern waren aktive Mitglieder. Zusätzlich zu seinem Posten im Gemeinderat unterrichtete mein Vater auch eine Sonntagsschulklasse für Jungs. Meine Mutter leitete den Kinderchor und trainierte die Mädchen-Basketball-Mannschaft der Jugendgruppe. Unsere Kirche lag in unmittelbarer Nähe vom Strand, und das war einfach großartig. Während der Sommermonate, wenn die HobbyBootsfahrer übers Wochenende in der Stadt waren, um zu angeln, Krabben zu fangen und über die Stränge zu schlagen, wurde unsere Kirche zu einer Touristenattraktion. Allerdings kamen die »Sünder«,
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wie sie gern vom Pastor genannt wurden, nicht in unseren Sonntagsgottesdienst, sondern fuhren nur an der Kirche vorbei, um unseren wirklich eindrucksvollen Kirchturm zu begaffen. St. James war schon ziemlich lange dafür bekannt, einen der größten Kirchtürme im Bezirk zu haben. Sonntags nach der Kirche sahen wir für gewöhnlich sieben oder acht Autos mit ausgefallen verzierten Motorhauben vorbeifahren, die unsere heilige Monstrosität bestaunten. »Also wirklich, reiche Leute sind sonderbar. Schau nur, wie sie ihre Köpfe aus ihren Wagen strecken. Sie sehen aus wie Truthähne.« Miss Edith war die älteste Frau in unserer Gemeinde. Jeden Sonntag im Sommer saßen sie und eine Freundin auf den Treppenstufen vor der Kirche und schauten zu, wie die Touristen vorbeifuhren. »Guter Gott, Joyce, dieser Wagen kam den ganzen Weg aus New Jersey hierher.« Sie kniff die Augen zusammen, während sie sich umsah. »Ich würde nicht für Geld in New Jersey leben wollen. Der ganze Smog. Ich weiß gar nicht, wie die Leute das dort aushalten.« Ich sah, wie sie tief Atem holte, ihre Brille herauszog und dann eine Zigarette anzündete. »Die tun so, als hätten sie noch nie zuvor eine Kirche gesehen. Das kommt daher, dass sie aus New Jersey sind.« »Du hättest letzten Sonntag hier sein sollen, Edith.« Miss Joyce wedelte mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht herum, um den Zigarettenrauch zu vertreiben. »Da fuhren mit Sicherheit zehn Autos vorbei. George und ich saßen hier fast dreißig Minuten lang und sahen, wie bei einem Wagen nach dem anderen die Fenster heruntergekurbelt wurden und man auf unseren Turm starrte. Eine der Frauen hat sogar ein Foto geschossen.« Miss Ediths Mund klappte auf und ihre Augen weiteten sich so sehr, dass sie aussah wie ein Spielautomat. »Die haben ein Foto geschossen? Du lieber Himmel, wenn sie schon Fotografien von unserem Kirchturm machen, dann sollte da mal jemand rauf und das verdammte Ding neu streichen. Wenn du mich fragst, fängt er schon an zu verrotten.« Miss Edith sah sich vorsichtig nach beiden Seiten um, ob sie allein waren, und flüsterte: »Genau wie die Predigten in letzter Zeit.« Sie warf noch einen Blick über die Schulter und nickte. »Ich meine
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das ernst, Joyce. Yertle, die Schildkröte? Was für ein Prediger nimmt ein Kinderbuch als Grundlage für seine Predigt?« »Du brauchst kein Wort mehr sagen, Edith. Ich weiß genau, was du meinst. Ich habe meinem George gesagt: ›Wie in aller Welt soll man Gott in einem Märchen über eine Amphibie finden?‹« »Was hat er gesagt?« »Er sagte, das sei lachhaft. Und wie du weißt, hat mein George Biologie studiert.« Pastor Dean Woody mochte den Gedanken, dass man Gott in einer Vielzahl von Dingen finden könne. Zu seinem Unglück war eine ganze Reihe der ältesten Mitglieder von St. James der Auffassung, seine Theorie sei ein Haufen Mist. Einige Gemeindeglieder meinten, man könne in dem Schrott, den Pastor Woody manchmal während seiner Predigten erzähle, Gott nicht mal dann auffinden, wenn er tot wäre und nicht mehr aus lauter Angst davonlaufen könne. (Das Schildkröten-Fiasko war übrigens einer der Gründe, weshalb meine Eltern begannen, sich zu fragen, ob Gott in St. James anwesend war oder nicht.) Eines Sonntagmorgens kamen mein Vater und ich sehr früh an der Kirche an. Während mein Vater seinen Raum für die Sonntagsschule vorbereitete, entschloss ich mich, einmal nachzusehen, ob ich Gott irgendwo finden könnte. Ich hatte Pastor Woody bei mehreren Gelegenheiten sagen hören, dass Gott da ist, wenn zwei zusammen sind. Da mein Vater und ich zwei waren, dachte ich, dass meine Aussichten, Gott zu finden, recht gut waren. Der erste Ort, an dem ich suchte, war der Altarraum der Kirche. Ich dachte mir, dass Gott es bestimmt am liebsten hatte, wenn um ihn herum Kreuze, der Altar und Walnuss-Parkett ist. So suchte ich ihn unter den Kirchenbänken, auf der Kanzel, auf der Chor-Empore, unter dem Klavier, im Schrank für die Gottesdienstutensilien, doch ich fand ihn nicht. Ich schaute in jedes einzelne Sonntagsschul-Klassenzimmer. Dann machte ich alle Schränke und Schubladen in der Küche auf und zu. Ich habe sogar die Herrentoilette kontrolliert. Gott schien verschwunden zu sein. »Warum kann ich Gott nicht finden?«, fragte ich meine Sonntags-
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schullehrerin Fräulein Thelma, die meines Erachtens die männlichste Frau war, die ich jemals gesehen hatte. Darüber hinaus lebte Fräulein Thelma auf einem Milchbauernhof, und wenn sie zur Sonntagsschule kam, roch sie, als hätte sie sich mit den Kühen auf dem Boden gewälzt. Aber ich liebte Fräulein Thelma. Wirklich, wenn ich mir die Nase zuhielt, konnte ich sogar glauben, dass sie mehr über Gott wusste als irgendjemand sonst auf der Welt. »Ich habe heute Morgen überall nach Gott gesucht«, sagte ich zu ihr, »aber ich konnte ihn nirgendwo finden.« Fräulein Thelma lächelte breit, stand vom Tisch auf und kam auf mich zu. Da sie mich direkt anschaute, wäre es unhöflich gewesen, mir die Nase zuzuhalten. Ich holte tief Luft, hielt den Atem an und versuchte so zu tun, als atme ich weiter. »Matthew, es ist so.« Fräulein Thelma kniete neben meinem Stuhl nieder und gab mir mit der Hand einen leichten Klaps auf den Arm. »Wenn man Gott sehen will, ist mehr nötig, als nur mit den Augen nach ihm zu suchen oder mit den Ohren zu lauschen. Glaube ist nötig, Matthew. Und Glaube ist keines von den Dingen, die wir oft mit unseren fünf Sinnen erfahren.« Im Gegensatz zu Kuhmist, dachte ich und ließ die Luft langsam aus meinen Lungen entweichen. »Haben Sie Gott gesehen?«, fragte ich sie, nahm einen weiteren tiefen Atemzug und hielt die Luft an. »Ja, ich denke schon, Matthew. Ich denke, ich sehe ihn jeden Sonntag auf den Gesichtern und im Lächeln von euch Kindern.« Sie sah sich im Raum um. Fräulein Thelma legte ihren Arm um mich und drückte mich von der Seite. Sie stand auf, und als sie wegging, atmete ich aus. Nachdem ich wieder zu Atem gekommen war, schaute ich all die anderen Kinder im Raum an und versuchte, Gott in den Gesichtern meiner Klassenkameraden zu finden. Doch weil sie Kindercracker aßen und Fruchtpunsch tranken, sah ich nur Münder voller Krümel und Lippen, die vom Saft knallrot gefärbt waren. Meine Mutter war davon überzeugt, dass alles, was künstliche Lebensmittelfarben enthielt, gottlos war. Sie war auch Krümeln nicht zugeneigt; wenn Gott also dort war, machte er etwas falsch.
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Sonntagmorgens wusste ich immer, wann es Zeit war, zur Kirche zu gehen. Wenn der Geruch von Vaters Rasierwasser das Haus erfüllte, war es besser, schnell meine Bibel zu finden und die Schuhe anzuziehen. Vater war kein anspruchsvoller Mann, wenn es um seinen persönlichen Duft ging. Das moschusartige, süßliche Aroma, das ihn jeden Sonntagmorgen in einer dichten Wolke umhüllte, kostete ihn in der Apotheke neun Dollar und bewirkte, dass er roch, als ob er in einen Wok gefallen und etwas zu heiß gebraten worden sei. Doch es erfüllte seinen Zweck. Jedes Familienmitglied wusste, dass es Zeit war, zur Kirche zu gehen, sobald das Haus nach Kung-Pao-Huhn roch. Es war ein sicheres Zeichen, dass sich Vater innerhalb weniger Minuten auf seine sonntagmorgendliche Pilgerreise vom Schlafzimmer in die Garage begeben würde. Wir hörten ihn den Gang hinabgehen, die Lichter ausschalten, die Schlafzimmertüren schließen und sich im Flüsterton über den Strompreis beklagen. Der leichte Schritt meines Vaters verlor die ganze Woche hindurch nie seinen Rhythmus. Er hatte einen beschwingten, fast sportlichen Gang, mit dem er am Montag zur Arbeit oder an Freitagnachmittagen auf die Jagd nach Kaninchen in den Hecken ging. Nur sonntags ging er anders. Weniger lässig. Er lehnte sich beim Gehen ein wenig mehr nach vorn und sah seltener nach oben und zur Seite. Manchmal, besonders wenn es draußen sehr feucht war, legte er mehr Gewicht auf sein rechtes Bein, so, als ob er an einem imaginären Stock gehen würde – eine Art von Gang, die deutlich machen sollte, dass er sich sehr bewusst darüber war, wohin er ging, und dass ich das auch sein sollte. »Carole«, rief mein Vater aus der Küche. »Wir wollen gehen, Schatz! Es ist fast 8.35 Uhr. Ich will an unserem ersten Sonntag nicht zu spät kommen.« Bis meine Mutter bereit war, das Haus zu verlassen, hatten wir Übrigen uns in unseren blauen Chevy gezwängt, und Melanie und Kelley, meine beiden älteren Schwestern, baten meinen Vater inständig, nicht nach Mama zu hupen. Als sie in den Wagen stieg, blickte Vater sie mit böse funkelnden Augen an.
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»Ich will kein Wort von dir hören, Virgil.« Meine Mutter war wieder blass und fächelte sich selbst mit beiden Händen Luft zu. »Du musstest ja unbedingt Pfannkuchen haben. Und dazu noch Rührei. Das alles braucht Zeit. Es ist nicht meine Schuld, dass wir zu spät dran sind.« Mama stellte das Gebläse auf ihr Gesicht ein. »Ist es so heiß hier drin? Ich glühe.« »Mir ist nicht heiß«, sagte Vater. Meine Schwestern schüttelten ihre Köpfe. »Euch ist es wirklich nicht heiß?« Mama lehnte sich im Sitz zurück und sah mit starrem Blick aus dem Fenster. »Virgil, wir sind uns doch sicher bei dieser Sache, nicht wahr? Du weißt schon, wegen dem Kirchenwechsel und so?« Mein Vater lachte. »Das war doch deine Idee.« »Ich weiß. Aber wir finden doch beide, dass es eine gute Idee ist, nicht wahr?« »Ich habe dabei keine Bedenken, Schatz.« Vater lächelte und drückte sanft Mamas Arm. Mehr brauchte meine Mutter nicht – sie musste nur wissen, dass Vater sich sicher war. Als ich älter wurde, lernte ich, dass Vaters Sicherheit bei einer Entscheidung einfach bedeutete, dass das, was er entschieden hatte, unvermeidlich war – wie Steuern oder Tod oder eine Moral am Ende von Unsere kleine Farm. Sicher sein bei einer Entscheidung bedeutete nicht, dass es eine gute Entscheidung war. Es meinte lediglich, er würde lernen müssen, damit zu leben, ob es ihm gefiel oder nicht. Und wir Übrigen auch. Ein paar Minuten später fuhr Vater auf den Parkplatz. »Hierher ist Gott umgezogen?« Ich presste eine Seite meines Gesichts gegen das hintere Fenster des Wagens. »Ist das nicht das Gebäude der Volkshochschule?«, fragte Kelley. »Ich glaube, hier war ich schon mal.« »Vielleicht als du letztes Jahr die Schülerhilfe besucht hast«, sagte Melanie. »Halt die Klappe. Hier war ich doch nicht wegen Nachhilfe!«
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»Wo ist der Kirchturm, Papa?«, fragte ich. »Da ist nirgendwo ein Kirchturm. Wie können wir eine Kirche ohne Kirchturm haben?« »Mama«, sagte Melanie, »arbeitet hier nicht deine Freundin Pearl?« Mutter nickte. »Papa.« Ich zog meinen Vater am Saum seiner Jacke. »Wie kann Gott wissen, wo er sich zeigen soll, so ganz ohne Kirchturm?« »Gott wird uns finden, mein Engel. Vertrau mir, er wird uns finden.«
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