Ulrich Giesekus, Sandra Schmid, Alexander Fix
Bevor es kracht Kids gegen Gewalt stark machen
© 2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Marion Lüchtenborg, Oldenburg Satz: Christoph Möller, Hattingen Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-417-26279-7 Bestell-Nr. 226.279
INHALT
KAPITEL 1
Gewalt: Versuchung und Gefahr
...................9 Ein Klima der Brutalität? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Was ist Gewalt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Gewalt mit Worten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Stufen der Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Auf Worte folgen Taten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Von der Sache zur Person: Körperverletzung . . . . . . . . . 18 Normale Rauferei oder Gewalt – wo liegen die Grenzen? . . . 18 Prügel sind kein „christliches Erziehungsmittel“ . . . . . . . . . . 19 Den Teufelskreis der Gewalt erleben – Gewalt üben . . . . . . . 20
KAPITEL 2:
Wozu dient Gewalt?
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Aggression und seelische Befindlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Das Märchen vom „Abreagieren“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Selbstkontrolle: ein Aspekt seelischer Reife . . . . . . . . . . . . . 25 Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle: ein gesundes Paar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Selbstwertprobleme: Quellen der Aggression . . . . . . . . . . . . 27 Wie wirkt Aggression? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Gut geübt: Rollenverhalten in der Familie . . . . . . . . . . . . . . . 29
KAPITEL 3:
Kinder vor Gewalt schützen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Opfer werden wieder Opfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Soziale Kompetenz: Schutz vor Übergriffen . . . . . . . . . . . . . 35 Wie lernt ein Kind selbstsicheres Verhalten? . . . . . . . . . . . . . 36 Gefühle und Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Recht durchsetzen, Beziehungen klären, Sympathie erwerben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Umgang mit Gewaltsituationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Erwachsene: gute Helfer, wenn sie gefragt werden . . . . . . . . 41 Um Hilfe bitten will gelernt sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
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KAPITEL 4:
Cool bleiben im Konflikt: Stressbewältigung für Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Bewegungsmangel und Stress . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Andere Hilfen zur Körperwahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Musik und Entspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Entspannungstraining . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Seelische Aspekte von Stress und Stressbewältigung . . . . . . 50 Leistungsdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Krisenzeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Spannungen in der Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
KAPITEL 5:
Gewalt wird gelernt, Selbstsicherheit auch. Aber wie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Manchmal sind der guten Dinge vier: unterschiedliche Lernprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Gewalt beginnt im Kopf: Einsichten und Ansichten . . . . . . . . 56 „Ich bin eh schlecht.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 „Es gibt gute und böse Gewalt – meine ist gut.“ . . . . . . . 57 „Die haben’s ja nicht anders verdient …“ . . . . . . . . . . . . 59 „Gewalt ist das einzige Mittel, das mir noch bleibt.“ . . . 60 Vorbilder: was wir uns so abgucken und von wem . . . . . . . . 60 Wie man Hemmschwellen abbaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Systematische Desensibilisierung durch Gewaltspiele . . . . . . 64 Wenn Gewalt sich lohnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Sinn und Unsinn von Strafen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
KAPITEL 6:
Prävention: Gewalt verhindern in Kinderzimmer, Schule und Jugendarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Schüler helfen Schülern: schlichten und vermitteln . . . . . . . . 68 Frühe Hilfe für Opfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Schutz vor Gewalt in den Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Vorschläge für Eltern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Gewaltverzicht und Selbstverpflichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Vertrag zur Gewaltlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Wiedergutmachung als Prävention: die Täter-Opfer-Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 6
KAPITEL 7:
Konfrontative Pädagogik – ein (etwas) anderer Ansatz (von Sandra Schmid und Alexander Fix) . . . . . . . . . . . . 76 Das „RAD“ – Regeln für erfolgreiche Zusammenarbeit . . . . . 77 Der Ursprung der konfrontativen Pädagogik . . . . . . . . . . . . . . 79 Verhalten entsteht im Kopf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Die positiven Folgen wertschätzender Konfrontation . . . . . . . 81 Verstehen, ohne einverstanden zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Sie sind dran – die persönliche Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Die „kaputte Schallplatte“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Kann man mit Kindern jeden Alters die konfrontative Pädagogik betreiben? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Verhalten ignorieren – Verhalten erlauben . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Gefahren und Stolpersteine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Das Selbstkonzept des Jugendlichen . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Die „Statuswippe“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Der Jugendleiter als General . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Implosion oder Explosion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Spiele und Übungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Bewegungsspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Raufspiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Andere Spiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
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Kapitel 1
Gewalt: Versuchung und Gefahr
S
tellen Sie sich einmal vor, Ihr Leben spiele sich in einem schlechten Science-Fiction-Film ab: Gesetze gelten nicht mehr, die Regierung ist machtlos, die Polizei versteckt sich in ihren Bunkern. Herumstreunende Banden vagabundieren durch die Straßen, nehmen sich, was und wen sie wollen, eingeschüchterte Bürger leben hinter möglichst hohen Mauern und bei verschlossenen Rollläden. Wie häufig würden Sie ins Kino gehen, ein Konzert besuchen oder einen Kurs in der VHS buchen? Eine gepanzerte Limousine stünde Ihnen nicht zur Verfügung, auf dem Heimweg würden Sie sich möglichst unsichtbar an den Mauern entlangdrücken und versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Am besten wäre es, Sie wären unsichtbar. Wahrscheinlich würden Sie auf den Kino-, Konzert- oder VHS-Besuch gänzlich verzichten. Aber selbst wenn Sie hingehen würden: Was bekämen Sie wohl mit unter diesen Umständen? Wie andächtig würden Sie den stillen Passagen Ihrer Lieblingsmusik lauschen? Wie aufmerksam den Film verfolgen? Und wie konzentriert eine Vorlesung hören? Natürlich wären Sie mit den Gedanken ganz woanders. Die Frage, wie und ob Sie heute sicher nach Hause kommen, würde Sie ständig ablenken. Genuss wäre unmöglich, Konzentration und Lernen gestört, und wahrscheinlich hätten Sie vor lauter Anspannung Kopf- oder Bauchweh. Gut, dass es nur ein Film ist. Doch für immer mehr Kinder ist dieser schlechte Film Alltag – jeden Tag. „Der Unterricht ist okay – es ist die Pause und der Schulweg, was ich hasse“: Lisa ist neun und geht in die dritte Klasse. Jeden Tag erlebt sie auf dem Schulhof und dem Schulweg einen „rechtsfreien Raum“: Es wird beleidigt, es werden Sachen zerstört, es wird geprügelt. Manche Kinder schließen sich zu „Banden“ zusammen, zuerst, um sich zu schützen, später, um im Nachbarschaftskrieg eine Gewinnchance zu haben. Erwachsene sehen weg, die Aufsicht auf dem Schulhof hat ein 9
überforderter Lehrer. Und Lisa kann natürlich bei Weitem nicht so gut lernen, wie es ihrer Begabung entspricht. Die Schule macht keine Freude, selbst in den Fächern, für die sie sich interessiert; an das Kopf- und Bauchweh hat sie sich schon gewöhnt. Dass bei diesem Klima im Klassenzimmer bei noch so guten pädagogischen Konzepten nicht viel Erfolg möglich ist, dürfte eigentlich klar sein. Gewalt macht unglücklich und depressiv, unkonzentriert und leistungsschwach, unwohl und krank. Und aggressiv. Gewalt ist die Brutstätte für Gewalt.
Ein Klima der Brutalität? Bestürzt und tief erschrocken verfolgt eine Nation an den Fernsehgeräten an den Folgetagen des 26. April 2002 die Berichterstattung über die Ermordung von 16 Personen und den anschließenden Selbstmord des Täters, eines Erfurter Gymnasiasten. Was bisher nur aus US-amerikanischen Nachrichten bekannt war, nämlich dass ein Schüler mit unsäglicher Gewalt und völlig ohne jegliche Rücksicht auf Verluste, das eigene Leben nicht ausgenommen, seine Wut an Lehrern, Lehrerinnen und Mitschülern auslässt, kann offensichtlich auch hier passieren. In unserer Nachbarschaft, an den Schulen unserer Kinder. Wie kommt es zu dieser Art von Gewalt? Was sind die Hintergründe? Was müssen Menschen, die in der Pädagogik, in der Familie, in der Erziehung tätig sind, tun, um solche Gewaltausbrüche zu verhindern? Die Presse, das Fernsehen, sogar der Bundeskanzler äußern sich. Wochenlang sind Leserbriefe in den Zeitungen zu lesen, die das Für und Wider von Gewaltvideos, eine bessere Lehrerausbildung oder die Notwendigkeit von familientherapeutischen Interventionen diskutieren. Recht bald wird deutlich, dass jeder der Gesprächsteilnehmer anscheinend nichts Besseres zu tun hat, als seine schon vorher gefassten Meinungen weiter zu vertreten. Wer die schwierige Lage der Familien und ihre Herausforderung in der Erziehung immer schon problematisch fand, findet sie nun noch problematischer. Wer vorher beklagt hat, dass die Werte in unserer Gesellschaft verfallen, beklagt dies nun umso heftiger. Wer vorher das Fehlen von sozialen Einrichtungen, Jugendclubs, Schülerhilfsprogrammen und so weiter bemän10
gelt hat, tut dies nun umso lauter. Und Christen, die diese Gesellschaft schon vor dem 26. April 2002 selbstgerecht, überheblich und kopfschüttelnd betrachtet haben, schütteln den Kopf noch ein wenig heftiger und haben nun Grund, sich noch überlegener zu fühlen. Ist das wirklich alles? Wollen wir in unserer Gesellschaft auf diese und ähnliche Katastrophen wirklich nur reagieren, indem wir mit dem Finger auf andere zeigen und dabei feststellen, wir hätten es ja schon immer gewusst? Oder – vielleicht noch schlimmer – bleibt uns gar nichts anderes übrig, selbst wenn wir wollten? Natürlich fällt uns sofort auf, dass Gewalt in unserer Gesellschaft, in den Schulen, in den Kinderzimmern, in der Jungschar wie auch in christlichen Freizeitheimen kein wirklich neues Thema ist. Nicht viel hat sich gewandelt seit Kain und Abel – den Brüdern, deren Streit den biblischen Berichten folgend zum ersten Mord der Menschheitsgeschichte führte: Aus Rivalitätsgefühlen und Wut wurde der andere vernichtet. Ein Blick in die Medien genügt, und wir wissen, dass Gewalt in unserem Alltag und mehr noch in dem Alltag unserer Kinder eine erschreckende Rolle spielt. Dabei geht es zum Glück nur selten um die viel beachtete Tragik eines aus der Bahn geratenen Lebens, welches in einem Attentat gipfelt, sondern meist um die ganz alltägliche Gewalt, die unsere Kinder in der Schule, auf dem Heimweg und im Kinderzimmer erleben. Dabei sind Kinder gleichzeitig Täter und Opfer – manche von außen gesehen scheinbar mehr das eine, andere scheinbar mehr das andere, aber in der Regel beides, nach dem Radfahrerprinzip: nach oben buckeln, nach unten treten. Uns wird dabei deutlich, dass auch wir als Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Jugendleiterinnen und -leiter dieses Problem nicht nur unbeteiligt beobachten, sondern dass auch wir Opfer und Täter von Gewalt sind.
Was ist Gewalt? Wer bei dem Wort Gewalt zuallererst an „Kettensägenmassaker“, Amokläufe oder Kriege (in der Regel in fernen Ländern) denkt, hat schon den ersten Schritt dazu getan, sich an ihr zu beteiligen. Indem 11
wir die eigene Opfer- und Täterrolle weit wegschieben und aus Gewalt ein Thema für Presse, Funk und Fernsehen machen, nehmen wir uns selbst heraus. Das hat Tradition: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ – Hat Kain wirklich nichts Besseres zu tun, als die Verantwortung für den Mord an seinem Bruder Abel weit von sich zu schieben? Wenn wir uns selber und unseren Kindern helfen wollen, Gewalt zu überwinden, gewaltlose Auseinandersetzung zu lernen und konstruktive Wege zu finden, mit Wut, Ärger und Konflikten umzugehen, dann müssen wir in unserem kleinen Umkreis anfangen. Unsere Welt soll sich verändern, nicht die Welt an sich. Es ist relativ leicht, etwas oder jemanden zu finden, dem man die Schuld für die Gewalt in unserer Gesellschaft in die Schuhe schieben kann. Es ist jedoch relativ schwierig, Gewalt tatsächlich als ein Phänomen zu verstehen, welches in unseren Familien und in unseren Gemeinden seinen Ursprung hat. Und wer genauer hinsieht, stellt schnell fest: Die einfachen Antworten funktionieren dann nicht mehr. Pauschale Rezepte nach dem Vorbild der Leserbrief- und Stammtischdiskussionen stellen sich relativ schnell als ideologischer Blödsinn heraus, der höchstens dazu dient, die eigenen Hände in Unschuld zu waschen. Während also einige das Problem der Gewalt in ihrem eigenen Umfeld so bewältigen, dass sie es nur in der „Welt da draußen“ wahrnehmen und kritisieren, gehen andere damit um, indem sie resignieren und frustriert feststellen, dass ein Leben ohne Gewalt nun mal nicht möglich sei. Unbestritten: Solange wir in einer gefallenen Welt leben, wird sich die Geschichte von Kain und Abel immer wiederholen. Die Visionen des Friedensreiches, in dem ein Löwe und eine Kuh friedlich nebeneinander grasen, ist die Vision für die neue Welt, die Gott eines Tages gestalten wird (s. Jesaja 10). Aber: Sie ist nicht nur Gottes Vision für eine zukünftige Welt, sondern war von eh und je seine Absicht auch für unsere jetzige Welt. Als ein Mensch, der ein Buch wie dieses in die Hand nimmt, gehören Sie vielleicht jedoch zu einer dritten Kategorie von Menschen, die nicht hilflos resignieren wollen oder sich darauf beschränken, ärgerliche Vorwürfe zu machen, sondern die aus ihrer eigenen Betroffenheit Schlüsse ziehen und etwas ändern wollen. Dazu möchte dieses Buch 12
einladen. Allerdings enthält es keine Rezepte oder einfache Antworten, die für jeden gelten. Gewalt ist, wie alle echten Probleme, mit denen wir zu tun haben, kein monokausales Phänomen. Das heißt: Es hat keinen Sinn, eine Ursache zu suchen. Wenn man das Phänomen Gewalt verstehen will, muss man die Ursachenbündel finden, die Wirkungen erzeugen, wobei diese Wirkungen wiederum zu Ursachen werden. Gewalt ist kein „lineares“ Phänomen (weil A, deshalb B), sondern sie wirkt und entsteht „zirkulär“: Gewalt erzeugt Gewalt. Es macht daher auch wenig Sinn, in der Auseinandersetzung mit Gewaltursachen zwischen Tätern und Opfern scharf und durchgängig zu unterscheiden. Opfer werden in der Regel zu Tätern. Täter waren in der Regel Opfer. Der Kreislauf der Gewalt wird in unserem familiären Mikrokosmos deutlich, wo sich immer wieder zeigt, dass gerade die Eltern, die als Kinder unter der Gewalt ihrer Eltern oder anderer Erzieher gelitten haben, wiederum gewalttätig sind und auf Gewalt als legitimem Erziehungsmittel beharren. Auch im Makrokosmos von Politik und Weltgeschehen zeigt sich, dass die Verlierer von gestern diejenigen sind, die die Kriege von heute anzetteln. Die Attentate auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 mögen von einer relativ kleinen Gruppe irregeleiteter Krimineller zu verantworten sein – unbestritten ist jedoch, dass diese brutalen Terrorakte von vielen Menschen, die sich als Opfer ebenjener Institutionen (der Welthandelsmacht des Westens sowie seiner militärischen Überlegenheit) erleben, mit Freudenfeiern beantwortet wurden. Es ist also ein Merkmal der Gewalt, dass sie eskaliert. Und es wird auch in unserer Welt nicht anders sein, als dass die Kriege von heute bei den Verlierern Brutstätten des Hasses erzeugen, die den Hintergrund für die Kriege von morgen abgeben. Gewalt schaukelt sich immer weiter auf. Der alte Satz „Wehret den Anfängen“ ist uneingeschränkt gültig, denn eine einmal begonnene Gewaltspirale aufzuhalten, erfordert sehr viel mehr Energie, als eine beginnende Auseinandersetzung zu schlichten. Das gilt nicht nur auf der Bühne der Weltpolitik, sondern auch in allen anderen Bereichen, egal ob Familie, Schule oder Gemeinde. Ich möchte daher Gewalt folgendermaßen definieren: Gewalt ist 13
immer dann vorhanden, wenn eine Seite, die momentan stärker ist, einer anderen Seite, die momentan schwächer ist, seelischen oder körperlichen Schmerz zufügt. Gewalt beginnt in der Regel verbal. Worte können Gewalthandlungen sein, egal ob es sich um Beleidigungen, Beschimpfungen oder Bedrohungen handelt. Sie erreichen auch in der Regel das Ziel, das sie erreichen sollen: Verängstigung, Einschüchterung und – zumindest vordergründig – Unterordnung. Doch auch langfristig erreichen sie, in der Regel unbedacht, das Ziel, welches unweigerlich mit angesteuert wird: Rachegelüste, die Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen durch die Unterdrückung anderer wiederum Schwächerer und einen gestärkten Willen, die Seiten zu wechseln: also von der Opfer- auf die Täterseite zu kommen.
Gewalt mit Worten Verbale Gewalt kann genauso krank machend sein wie körperliche Gewalt, und weil sie oft nicht als solche erkannt wird, hat sie manchmal noch einen viel tiefgreifenderen Einfluss auf die seelische Entwicklung junger Menschen. Nehmen wir z.B. den 12-jährigen Emre. Seine Großeltern waren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Seine beiden Eltern sind bereits in Deutschland geboren. Als Inhaber eines kleineren Restaurants sind sie zwar sehr beschäftigt, verbringen aber sehr viel Zeit mit ihren Kindern, die sich nach der Schule in der Gaststube oder in der Küche aufhalten, wenn sie nicht draußen spielen oder mit Freunden durch die Stadt ziehen. Zu Hause ist Emre ein unproblematisches Kind, das die Gäste im Restaurant seiner Eltern freundlich behandelt, gerne auch mal den Kellner spielt oder in der Küche mithilft. In der Schule ergibt sich dagegen ein ganz anderes Bild. Emre prügelt sich häufig mit anderen Kindern. Er kommt mit kaum jemandem richtig gut klar und ist kürzlich wegen Sachbeschädigung bei der Polizei angezeigt worden, nachdem er die Fahrradreifen einiger Mitschüler mit seinem Taschenmesser „behandelt“ hatte. In der Erziehungsberatung, die die Eltern daraufhin aufsuchten, erzählte er unter anderem, dass es bereits seit der Einschulung vor sechs Jahren in der 14
Klasse Mitschüler gab, die Emre immer wieder wegen seiner türkischen Herkunft hänselten. Einige Mitschüler nannten ihn Ali, was auch von den Lehrern nicht als beleidigend empfunden wurde, was aber Emre (zu Recht) als einen Versuch empfand, ihn lächerlich zu machen. Die Imitation eines ausländischen Akzentes (den Emre gar nicht hat) sowie „Türkenwitze“, die in seiner Gegenwart erzählt wurden, empfand er als verächtlich, konnte sich jedoch nicht dagegen wehren, zumindest nicht mit Erfolg. Scheinbar nahm niemand wahr, dass die ständigen Spitzen und das Ausgelachtwerden in ihrer Summe eine Form von verbaler Gewalt darstellten, die in ihrer Wirkung nach einigen Jahren bei Emre nichts anderes erzeugten als den Wunsch, „es denen mal so richtig zu zeigen“. Das eigentlich Schlimme an dieser Form von verbaler Gewalt war, dass Emre von niemandem als Opfer wahrgenommen wurde. Zu Hause, wo er dieser Gewalt nicht ausgesetzt war, benahm er sich kooperativ und war ein fröhliches Kind. Und auch in der Schule wurde er weder von Lehrern noch von Mitschülern als Opfer wahrgenommen, obwohl sich jeder mit nur relativ geringer Mühe in die Situation eines Kindes hineinversetzen kann, das täglich lächerlich gemacht wird und dem schutzlos ausgesetzt ist. Die Art von verbaler Gewalt, die Emre erlebte, verzichtete sogar weitgehend auf Kraftausdrücke, offen ausgesprochene rohe Beleidigungen oder klare Drohungen und war wohl daher auch besonders gut geeignet, über Jahre hinweg von Lehrern und Erziehern bagatellisiert zu werden. Das neudeutsche Wort „Mobbing“ beschreibt einen solchen Prozess von (in der Regel verbaler) Gewalt, mit der eine Person sozial isoliert wird und über kurz oder lang als Zielscheibe verschiedener Gehässigkeiten dient. Was uns später in den Medien als brutale Gewalt begegnet, hat in der Regel seinen Hintergrund in solchen Formen des jahrelangen Mobbings, wie die Geschichten verschiedener Amokläufer in den USA belegen. Aber auch ohne diese medienwirksamen und glücklicherweise relativ seltenen Resultate erzeugt Mobbing vielfaches Leid. Angefangen von körperlichen Krankheiten, die durch den immensen Stress gefördert oder verursacht werden, bis hin zu Behinderungen der seelischen Entwicklung, die im Endeffekt sogar dazu führen, dass die Person, die sich sozial isoliert und ausgesondert erlebt, sich am Ende tatsächlich „eigenartig benimmt“, was dann wiede15
rum benutzt wird, um sie selbst dafür verantwortlich zu machen, Opfer geworden zu sein. („Kein Wunder, dass er nicht akzeptiert wird, so wie der sich benimmt …“)
1. Stufen der Gewalt Wenn Erzieher, Eltern oder Jugendleiter tatenlos zusehen, wie ein Kind zur Zielscheibe von Gemeinheiten oder Abwertungen wird, tragen sie dazu bei, dass Gewalt entsteht. Emre ist hier keine Ausnahme. Er hat es nie erlebt, dass das Erziehungssystem, die Schule, sich klar und deutlich schützend für seine Würde einsetzte. In späteren Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern zeigte sich ein besonders interessantes Phänomen, nämlich dass diese davon ausgingen, dass Emre ein „schwieriges Zuhause“ habe, was sich im Rahmen der Beratungsgespräche als ein hundertprozentiges Vorurteil herausstellte. Die Familienverhältnisse von Emre waren geordnet, die Kommunikation zwischen den Eltern und den Geschwistern war konstruktiv und effektiv. Allerdings war es Emre nicht gelungen, irgendeinem Erwachsenen, eingeschlossen der Eltern, klarzumachen, wie nachhaltig verletzend die Sticheleien einiger Mitschüler auf ihn wirkten. Dass die Erwachsenen in Emres Umfeld nicht in der Lage waren, sich in ihn hineinzufühlen, ist nun wirklich nicht Emres Fehler.
2. Auf Worte folgen Taten Wie eskaliert Gewalt? Die nächste Stufe der Gewalt, mit der in diesem Fall auch Emre antwortete, ist, etwas zu zerstören. Vandalismus, größere oder kleinere Sachbeschädigungen sind eine Form von Gewalt, die wie verbale Gewalt in vielen Familien nicht als solche wahrgenommen wird. Egal ob es die berühmte Untertasse ist, die durch das Zimmer fliegt, oder ob eine aufgebrachte Mutter die nicht aufgeräumten Spielsachen ihrer Sprösslinge so in eine Kiste schmeißt, dass sie dabei kaputtgehen – die Wirkung dieser ungezügelten Wutausbrüche auf Kinder ist klar: Sie befürchten, dass das, was ihren Sachen passiert, auch ihnen passieren kann. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für die Ehefrau, die erlebt, wie ihr Mann ein Bild von der Wand nimmt und auf dem Boden zertrümmert. Sie wird den Schaden dieses Ereignisses nicht in erster Linie in einem zerstörten 16
Bild sehen, sondern in einem zerstörten Vertrauen in die Fähigkeit ihres Mannes, sich selber im Griff zu haben und seine Gefühle zu kontrollieren. (Vielleicht erlebt diese Frau aber auch einen subtilen Gewinn, weil sie sich nun moralisch überlegen fühlen darf.) Auch anonyme Sachbeschädigung, wie z.B. das Herausreißen von Blumen aus städtischen Pflanzkübeln oder das Zerstechen von Fahrradreifen, hat seine primäre Wirkung nicht in dem Sachschaden, der angerichtet wird, sondern in dem Stress, der dadurch bei den Menschen entsteht, die z.B. Angst vor ähnlichen Zerstörungen bekommen. So ist es durchaus möglich, dass eine herausgerissene Pflanze im Wert von wenigen Euro bei dem Besitzer des Gartens zu einer echten Depression führt, wenn dieser Garten liebevoll und vermeintlich auch zur Freude der Nachbarn gepflegt wurde. Auch für Kinder ist es in der Regel so, dass sie das zerstörte Federmäppchen oder den mutwillig zerrissenen Anorak nicht in erster Linie als Verlust eines Gegenstandes mit einem bestimmten Wert wahrnehmen, sondern als Beschämung und Einschüchterung. Die 9-jährige Carina z.B. erlebt, wie ein paar Rowdys aus ihrer Klasse mit Tritten gegen die Reifen ihres Fahrrades etliche Speichen verbiegen. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, was sich bei ihr einstellt, ist allerdings weitaus schlimmer als der Verlust einiger Speichen. Carina fühlt sich beschämt und lächerlich gemacht, weil sie diesen Kindern hilflos ausgeliefert war, und sie bekommt Angst, ihren Eltern von dem kaputten Fahrrad zu erzählen, weil sie befürchtet, wieder Opfer der gleichen „Bande“ zu werden, wenn die Eltern einschreiten und z.B. Schadensersatz verlangen. Erst nach einigen Wochen und auf wiederholtes Nachfragen der Eltern, warum sie denn ihr Fahrrad nicht benutze, traut sich Carina, den Eltern von dem Ereignis zu erzählen. Innerhalb dieser Wochen sind jedoch deutliche Veränderungen wahrzunehmen, was Carinas emotionale Verfassung betrifft: Sie wirkt ängstlich, bedrückt und eingeschüchtert und berichtet ihren Eltern lediglich, dass sie Angst vor der Schule hat, was die Eltern sofort auf den Unterricht beziehen. Sie ahnen nicht – und Carina sagt es ihnen auch nicht –, dass sich die Angst nicht auf den Unterricht, sondern auf den Weg von und zur Schule bezieht. Daher hilft auch die Hausaufgabenbetreuung, der sich Carinas Mutter intensiver widmet, überhaupt nicht weiter. 17
3. Von der Sache zur Person: Körperverletzung Die weitere Eskalation der Gewalt führt dann häufig zur dritten Stufe, in der nach verbalen Auseinandersetzungen und dem Zerstören irgendwelcher Dinge das Zufügen von körperlichen Verletzungen geschieht. Sicherlich gehört eine gelegentliche Rauferei, insbesondere bei Jungen, zum Bereich des Normalen. Bei einer solchen Rauferei messen sich zwei etwa gleich starke Gegner, und das Ende der Rauferei ist auf jeden Fall dann gekommen, wenn deutlich ist, dass der eine stärker ist als der andere. Es wird also ein Sieger gekürt, z.B. dadurch, dass einer auf dem Rücken liegt und der andere ihn festhält, ohne dass der andere verletzt oder gedemütigt werden muss.
Normale Rauferei oder Gewalt – wo liegen die Grenzen? Wenn körperliche Auseinandersetzungen zwischen zwei deutlich ungleich starken Gegnern stattfinden oder der Kampf mit dem Kräftemessen nicht beendet ist, handelt es sich mit Sicherheit um ein sehr destruktives und schädliches Erleben. Wenn es also darum geht, dass ein Kind von einem Stärkeren verprügelt werden soll oder gar Gruppen von Kindern sich gegeneinander verbünden, geht es zweifelsohne um eine Gewalt, die nicht mehr im Bereich „normaler kindlicher Auseinandersetzungen“ liegt, sondern die bereits ein großes Schadenspotenzial in sich trägt. Auch die Häufigkeit von „normalen“ Raufereien kann zu hoch werden, sodass das betroffene Kind in die Rolle des „Schlägers“ kommt und dann möglicherweise bei nicht aggressivem Verhalten nicht mehr wahrgenommen wird. Man kennt dies als „Desensibilisierungseffekt“: Der Mensch gewöhnt sich an die lauten Töne, und die leisen werden nicht mehr gehört. Zweifelsohne gehört zu den schädlichen Formen der Gewalt auch, wenn ein erwachsener Elternteil seine Wut über den Ungehorsam eines Kindes so auslebt, dass er dieses Kind verprügelt. Es gibt kaum Eltern, denen nicht „im Eifer des Gefechts mal die Hand ausrutscht“ oder die durch Schreien verbale Gewalt ausüben oder durch Zerstörung die Schwelle zur Gewalt gegenüber ihren Kindern überschreiten. Selbstverständlich führt das nicht sofort und immer zu einem seelischen Schaden. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Langzeit18
folgen solcher gelegentlichen kleineren Scharmützel zeigen jedenfalls, dass die betroffenen Kinder keine längerfristigen Schäden zu befürchten haben. Allerdings wendet sich das Blatt dramatisch, wenn dem Kind diese elterlichen Wutausbrüche als berechtigt und moralisch richtig dargestellt werden, wenn die Eltern sich dafür also nicht entschuldigen, sondern dem Kind die Schuld zuschieben, oder wenn ein Elternteil häufig die Kontrolle verliert, sodass das Kind in ständiger Angst vor solchen Ausbrüchen lebt. Und natürlich wird das Kind seelisch verletzt, wenn die Härte der körperlichen Auseinandersetzung ein Minimalmaß überschreitet. Prügel, Schlagen mit Gegenständen (Gürtel oder Stock usw.) und ähnliche Erfahrungen sind für Kinder nachweisbar traumatische Ereignisse, die sie in ihrer Beziehung zu anderen Menschen nachhaltig stören, tief liegende Ängste erzeugen und eine mögliche Ursache für spätere seelische Erkrankungen im Erwachsenenalter darstellen können.
Prügel sind kein „christliches Erziehungsmittel“ Auch die „biblische“ Begründung für Prügelstrafe, die in manchen christlichen Kreisen immer noch von Zeit zu Zeit zu hören ist, gründet sich auf einzelne Verse, die aus dem Zusammenhang herausgenommen werden. In der Regel handelt es sich um Aussagen, mit denen die Bibel die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen illustriert. Sie wollen zeigen, dass Gottes Weg mit dem Menschen manchmal ein steiniger Weg ist, weil er in erzieherischer Absicht den Menschen für die Ewigkeit mit Gott reif machen soll. Daraus pädagogische Methoden abzuleiten, ist eine Fehlinterpretation. Die Bibel ist an diesen Stellen kein Erziehungsleitfaden, sondern ein göttliches Wort der Seelsorge für den erwachsenen Christen. Auch das in der LutherÜbersetzung mit „züchtigen“ wiedergegebene Wort bedeutet nicht „strafen“ oder „Schmerz zufügen“, sondern „in Zucht nehmen“. Es könnte also auch mit „Grenzen setzen“ übersetzt werden. Wer die Bibel als Ganzes betrachtet und nicht isolierte Verse herausgreift, dem wird deutlich, dass der Tenor biblischer Aussagen zum Umgang mit Kindern sowohl im Alten wie im Neuen Testament das Kind als ein Geschöpf mit eigener Würde ist, das zum Ebenbild Gottes geschaffen 19
wurde. Wenn Jesus seine Umgebung davor warnt, eines der „Kleinen“ zu ärgern (Markus 9,42 bzw. Lukas 17,2), oder wenn er die Kinder, die zu ihm gebracht werden, „herzt“ (also fest in den Arm nimmt und drückt) oder wenn der Epheserbrief in aller Klarheit die Väter ermahnt, Kinder nicht zum Zorn zu reizen (Epheser 6,4), wird deutlich, dass die Bibel ein für die Antike wohl einzigartiges Zeugnis der Würde von Unmündigen und Kindern ist. Wenn man daran denkt, dass Jesus häufig Kinder in die Mitte der Erwachsenen gestellt und dann die Kinder den Erwachsenen zum Vorbild gestellt hat (niemals umgekehrt), dann erscheint es absurd, sich vorzustellen, dass Jesus zustimmen würde, wenn einer dieser Erwachsenen eines dieser Kinder übers Knie legen, es mit einem Rohrstock oder einem Gürtel verprügeln oder ihm anderweitig Angst und Schrecken einjagen sollte.
Den Teufelskreis der Gewalt erleben – Gewalt üben Es gibt überzeugende, ja sogar überwältigende Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder, die selber Opfer von gewalttätigen Erziehungsmethoden sind, selber dazu tendieren, gewalttätig zu werden. Eines der wichtigsten Dinge, die wir tun können, um unsere Kinder vor Gewalt zu schützen, ist also, sie vor unserer eigenen Gewalt zu schützen. Wie kann das geschehen? Wir müssen als Erzieher darauf achten, dass wir selber nicht „auf dem letzten Loch pfeifen“, dass wir nicht ungeduldig und strafend reagieren, weil wir den Stress, unter dem wir stehen, nicht aushalten, kurz: Wir müssen als Erzieher dafür sorgen, dass unsere eigenen Ressourcen nicht überstrapaziert werden. In der Regel beginnt Gewalt in der Familie als ein Symptom eines zu hohen Stressniveaus, welches dazu führt, dass Menschen die Beherrschung verlieren. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass auch Beleidigungen und Sachbeschädigungen in die Kategorie Gewalt gehören. Jeder „Kontrollverlust“, bei dem Eltern „ausrasten“, ist ein Fehler, für den die Eltern die Kinder um Verzeihung bitten können (und sollen). Keinesfalls darf die Schuld dem Kind zugeschoben werden. Wenn das Kind Schmerzen oder Angst vor weiterer Bestrafung erleidet, weil die Eltern oder ein Elternteil zu gestresst sind, um mit dem Kind geduldig 20
umzugehen, ist das schädlich. Größer ist der Schaden für das Selbstwertgefühl allerdings, wenn das Kind glaubt, selber verantwortlich zu sein. Die Schlussfolgerung des Kindes heißt nämlich: Ich habe es verdient, dass ich angeschrien oder geschlagen werde – also bin ich schlecht und kann mich jetzt mit Fug und Recht minderwertig fühlen. Hier steckt die Ursache vieler zukünftiger Probleme.
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