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GĂźnther und Ulla Schaible

Anker der Hoffnung Biografische Notizen


Wenn Sie aktuelle Informationen von uns haben wollen, schauen Sie im Internet nach: Homepage von Günther und Ulla Schaible: www.g-schaible.de Homepage vom Wörnersberger Anker e.V.: www.ankernetz.de Die Bibelstellen wurden der Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart entnommen.

© 2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Krausswerbeagentur.de Satz: Breklumer Print-Service, Breklum Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-417-26278-0 Best.-Nr. 226.278


INHALT

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Ein Schlüsselerlebnis mit Kettenreaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Lebensläufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Jugendarbeit in der Großstadt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Im Reisedienst unterwegs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Lebensgemeinschaft: Traum oder Herzensanliegen? . . . . . . . . .

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Pionierphase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Bete und arbeite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Mache den Raum deines Zeltes weit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Weitere Lebensgemeinschaften entstehen . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Brücken bauen und Netze knüpfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Familien stärken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Wir brauchen Platz! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Junge Menschen im weltweiten Horizont . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 Am Puls der Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Das schöne schwere Geschäft der Leitung . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 Übergabe der Leitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Was machen wir heute? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213


Einleitung »Was hat euch bewogen, ein christliches Lebenszentrum zu gründen?« »Wie hat alles angefangen?« »Was sind eure Erfahrungen mit dem gemeinsamen Leben?« »Was sind eure Erfahrungen als Leiter?« So oder so ähnlich wurden wir immer wieder gefragt, nachdem wir 1980 den »Wörnersberger Anker« gegründet hatten. Vor allem die jungen Menschen im Jahresteam des »Wörnersberger Anker« fragten uns darüber hinaus oft auch nach unserer Lebensgeschichte: »Wie seid ihr aufgewachsen?« »Was habt ihr früher gemacht?« »Welche Erfahrungen haben euch besonders geprägt?« Wir haben gemerkt, dass junge Menschen heute verstärkt danach fragen, wie andere vor ihnen ihr Leben bewältigt und gemeistert haben – sie sehnen sich nach Leit- und Vorbildern. 2004 haben wir die Leitung des »Wörnersberger Ankers« abgegeben und sind in den Ruhestand gegangen. Persönlich fragen konnte man jetzt nicht mehr so einfach. Deshalb wurden wir gebeten, unsere Erfahrungen doch einfach einmal aufzuschreiben. Und so entstand dieses Buch. Es ist aus zwei verschiedenen Blickwinkeln geschrieben – aus der Sicht von Ulla und Günther (gekennzeichnet durch verschiedene Schriften). Außerdem fließen einige Erfahrungen von Freunden mit ein, die eine Zeit lang im »Wörnersberger Anker« mitgelebt haben. Ihnen und all den Menschen, die das Leben in der Gemeinschaft mit geprägt und mit gestaltet haben, ein herzliches Dankeschön! Denn was ein Lebenszentrum ausmacht, sind die Menschen, die darin leben. Ein großer Dank gilt auch allen Menschen, die am Projekt »Wörnersberger Anker« mitgedacht, mitgebetet und die Arbeit unterstützt haben. Nicht zuletzt danken wir Gott für seine gute und ganz konkrete Führung in all diesen Jahren. Günther und Ulla Schaible

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Ein Schlüsselerlebnis mit Kettenreaktion

Genau genommen wurde die Idee, eine christliche Lebensgemeinschaft zu gründen, an einem für uns denkwürdigen Heiligen Abend geboren. Den Anfang der Vision, mit jungen Menschen im Alltag zusammenzuleben, damit sie so in ihrem Glauben wachsen und in ihrer Persönlichkeit reifen können, kann man genau datieren: Es war der 24. Dezember 1969. Wir waren im Frühjahr 1969 mit unserer kleinen Tochter nach Heidenheim bei Ulm gezogen. Günther hatte dort die Stelle als Bezirksjugendreferent übernommen. Sein Aufgabengebiet war die gesamte evangelische Jugendarbeit im Dekanat. Es war eine unruhige Zeit, die Zeit der 68er Studentenrevolte. Mit etwas Verspätung hatte diese Bewegung auch Heidenheim erreicht. In der Stadt hatte sich eine »linke Kommune«, zu der etwa 70 junge Leute gehörten, zusammengefunden. Jedes Wochenende kamen Studenten aus Tübingen und anderen Universitätsstädten nach Heidenheim, um die Mitglieder der Kommune politisch und ideologisch auf den neuesten Stand zu bringen. Bei einer Podiumsdiskussion, die wir von der evangelischen Jugend aus Anfang Dezember im Gemeindehaus veranstaltet hatten, waren Mitglieder der Kommune auf das Podium gestürmt, hatten die Mikrofone ergriffen und die Veranstaltung an sich gerissen. Die »junge Linke« war keine Randerscheinung, sondern Stadtgespräch. Für den damaligen Dekan Walter Tlach (manchen bekannt als Mitbegründer des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen) war dies Anlass genug, das Thema in seinem Artikel für die Weihnachtsbeilage der »Heidenheimer Zeitung« aufzugreifen – kritisch aufzugreifen, wie man sich denken kann. Kaum war die Zeitung erschienen, erhielt er einen Anruf: Die Mitglieder der Kommune kündigten an, dass sie den Familiengottesdienst am Heiligen Abend stören würden – genau so wie 1968 der Heiligabend-Gottesdienst in der Berliner Gedächtniskirche gestört worden war. Nun hat der auch »Lichtleskirche« genannte 7


Gottesdienst eine lange Tradition in Heidenheim. Die Kinder bringen von zu Hause Kerzen mit und zünden diese am Weihnachtsbaum in der Kirche an, um dann das Licht nach Hause zu tragen und damit die Kerzen am eigenen Weihnachtsbaum zu entzünden. Dekan Tlach gab zu bedenken: Sollten die Mitglieder der linken Kommune diesen Gottesdienst stören, würden sie die ganze Stadt gegen sich aufbringen. »Aber«, sagte er ihnen, »um 22.30 Uhr gibt es in der Michaelskirche eine Christmette, die von der evangelischen Jugend gestaltet wird. Das wäre doch eine Alternative.« Gleich nach diesem Anruf – am Vormittag des 24. Dezembers – informierte uns Dekan Tlach und kündigte den »Besuch« der »jungen Linken« in unserer Christmette an. Mit einigen Mitarbeitern hatten wir diesen Gottesdienst seit Wochen vorbereitet. Nach diesem Anruf konnte bei uns von Weihnachtsstimmung keine Rede mehr sein. Als wir kurz nach 22 Uhr in die Kirche kamen, waren die ersten Bankreihen bereits mit ca. 50 jungen Leuten in Jeans und abgetragenen Parkas besetzt. Ich habe diesen Anblick immer noch vor Augen. Heutzutage würde sich niemand daran stören, aber damals war es noch üblich, selbst an einem normalen Sonntag mit weißem Hemd und Krawatte zum Gottesdienst zu kommen. So war schon das Aussehen der jungen Leute eine Provokation für sich. Einer der Wortführer kam gleich auf Günther zu: »Wir wollen keinen Gottesdienst! Wir wollen diskutieren!« Günther hatte glücklicherweise gerade einen Kurs in parlamentarischer Gesprächsführung absolviert (so was brauchte man damals). Er stellte einen »Antrag zur Geschäftsordnung«: Die Gemeinde solle abstimmen können, ob gleich diskutiert werden soll, oder ob wir zuerst Gottesdienst feiern und dann diskutieren. Die Leute von der »jungen Linken« kannten sich in solchen Spielregeln aus und wussten, dass ein »Antrag zur Geschäftsordnung« Vorrang vor allen anderen Anträgen hat. Da sie sehr viel Wert auf demokratische Verfahren legten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als diesem Verfahren zuzustimmen. Die Kirche hatte sich gefüllt, das Glockenläuten endete. Günther ergriff das Mikrofon und teilte der Gemeinde das Anliegen der jungen Leute aus der Kommune mit und dass zuerst abgestimmt werden 8


müsse. Einige Gottesdienstbesucher verließen daraufhin sofort die Kirche – so etwas hatten sie sich unter einer Christmette am Heiligen Abend nicht vorgestellt. Ein älterer Mann hob drohend seinen Krückstock und ging laut schimpfend hinaus. Zurück blieben aber dennoch mehr Gottesdienstbesucher als Mitglieder der Kommune – und so wurde zuerst Gottesdienst gefeiert. Allerdings ist »gefeiert« wohl kaum der richtige Ausdruck. Wir von der evangelischen Jugend »spulten« unser vorbereitetes Programm ab. Niemand war richtig bei der Sache, und von feierlicher Weihnachtsstimmung konnte schon gar keine Rede sein. Mitten im Gottesdienst rief plötzlich einer von der »jungen Linken« laut dazwischen: »Herr Schaible, distanzieren Sie sich davon, dass Sie die Polizei gerufen haben?« Da Günther (und alle Mitarbeiter) nachweislich die ganze Zeit anwesend waren und Handys damals noch nicht existierten, konnten wir glaubhaft versichern, dass wir nichts damit zu tun hatten. Wahrscheinlich hatte einer der Gottesdienstbesucher, die am Anfang die Kirche verlassen hatten, die Polizei alarmiert. Diese griff aber klugerweise nicht ein, sondern bezog nur Posten vor der Kirche. Nach dem Gottesdienst wurde dann diskutiert – bis nachts halb drei. Nicht nur wir Mitarbeiter, sondern auch viele der Gottesdienstbesucher blieben. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, über was genau wir damals diskutiert haben. Nur eines bleibt uns Beteiligten lebhaft in Erinnerung: Die Leute von der »jungen Linken« brachten ihre revolutionären Thesen vor, und wir Christen antworteten mit frommen Richtigkeiten. Ergebnis: Wir redeten drei Stunden lang völlig aneinander vorbei. Und das ließ uns keine Ruhe. Wir merkten, dass uns das Wissen über die Ideen, mit denen sich die jungen Leute beschäftigten, fehlte. Wir haben nicht ihre Sprache gesprochen, verstanden nicht, was sie bewegte und antrieb, und bekamen so auch keinen Zugang zu ihnen. »Da muss was passieren«, sagte Jörg Knoblauch, einer der Mitarbeiter, die die Christmette vorbereitet hatten. Noch vor Silvester beschlossen wir, uns regelmäßig mit Jörg, seiner Schwester Traudel und einigen anderen Mitarbeitern zu treffen. Wir setzten uns mit den Ideen der damals hochaktuellen drei »M« auseinander: Mao – Marx – Marcuse 9


(Professor für Philosophie und Soziologie mit marxistischer Prägung in Frankfurt). Das kleine rote Buch mit den Worten des »großen Vorsitzenden Mao Tse-tung« befindet sich heute noch in unserem Bücherregal. Wir wollten Bescheid wissen über das, was in unserer Gesellschaft gerade los war. Wir lasen aber auch in der Bibel und überlegten, welche Antworten sie auf die Fragen der »jungen Linken« gab. Und wir beteten zusammen und baten Gott, uns Ideen zu schenken, wie wir den revolutionär gesinnten jungen Menschen begegnen könnten. Jörg Knoblauch (heute Unternehmer, Professor und Mitveranstalter des Kongresses für christliche Führungskräfte) erfuhr, dass es eine Gruppe gibt, die sich »Offensive junger Christen« nannte und die sich die Auseinandersetzung mit der »jungen Linken« auf die Fahne geschrieben hatte. Also setzten sich Jörg und ein paar andere Mitarbeiter ins Auto, um am Freitagabend von Heidenheim nach Hamburg zu fahren, denn dort fand am Wochenende eine Konferenz der OJC (kurz für »Offensive junger Christen«) statt. Angefüllt mit neuen Ideen und Anregungen kehrten sie zurück. Wir beschlossen, ebenfalls in die Offensive zu gehen.

Der Beginn einer Offensive Im Februar 1970 luden wir zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit dem Thema »Christsein provokativ« in das evangelische Gemeindehaus in der Innenstadt von Heidenheim ein. Dies war unsere Antwort auf die vorausgegangenen Provokationen der »jungen Linken«. Jörg Knoblauch hatte schon, bevor wir nach Heidenheim kamen, eine Musikgruppe gegründet: die »twen preachers«. Mit dieser Band hatte ich – Günther – schon öfter gut zusammengearbeitet. Eine Band zu haben – das war in der damaligen Zeit etwas ganz Neues und Außergewöhnliches. Die »twen preachers« waren wohl eine der ersten christlichen Bands überhaupt im süddeutschen Raum. Diese Band kam natürlich auch bei der geplanten Veranstaltung zum Einsatz. 10


Mit dem Slogan »Christsein provokativ« hatten wir mit Handzetteln und Plakaten kräftig geworben – und uns gut auf die erwartete Diskussion vorbereitet. Und die jungen Leute kamen – auch junge Leute von der linken Kommune. Doch dieses Mal störten sie die Veranstaltung nicht, sondern diskutierten heftig mit. Viele Besucher waren erstaunt, dass Christsein keine verstaubte Angelegenheit von einigen Frommen ist, sondern weltoffen und engagiert gelebt werden kann. Sogar die Zeitungen berichteten darüber. Als zweiten Schritt der Offensive luden wir die jungen Leute von der linken Kommune und andere zu einer ersten Konferenz über das verlängerte Wochenende am 1. Mai 1970 ein. Unser Freizeitheim in Hausen in der Nähe von Ulm war voll besetzt. Wir wollten eine Plattform der Begegnung schaffen für die Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit und mit dem Evangelium von Jesus Christus. Auch darin war uns die »Offensive junger Christen« in Bensheim ein Vorbild. Von ihnen hatten wir den Namen »Konferenz« übernommen und auch sonst viele Ideen und Anregungen erhalten. Im Mitarbeiter-Team hatten wir uns im Vorfeld für diese Begegnungskonferenz gut vorbereitet. Während der Konferenz standen wir morgens vor 5 Uhr auf, um Zeit zu haben zum Beten, Bibellesen und für die Vorbereitung auf den Tag. Einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter hielten selbst Kurzreferate. Wir beschäftigten uns intensiv mit den Themen »Revolution« und »Veränderung der Gesellschaft« und welche Antworten es vom Evangelium her dazu gibt. Später habe ich mir diese Referate noch einmal angehört – an ihnen hat es wohl kaum gelegen, dass es bei dieser 1. Maikonferenz zu einem ersten geistlichen Durchbruch kam. Wir luden die Teilnehmer ein, sich auf ein offensives Leben mit dem Gott der Bibel einzulassen und Christen zu werden, und viele nahmen diese Einladung an. Wir waren erstaunt und überwältigt, wie Gott die Herzen der jungen Leute an diesem Wochenende erreicht hatte. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit einem jungen Mann aus der linken Szene erinnern. Er kam auf mich zu und wollte mit mir reden. Da wir keinen ruhigen Platz im Freizeitheim 11


finden konnten, setzten wir uns bei strömendem Regen einfach in mein Auto. Der junge Mann erzählte sehr offen aus seinem Leben und von seinen vielen Fragen und Problemen, mit denen er nicht fertig wurde. Er fragte mich sehr ernsthaft, ob auf diesen Jesus Christus auch Verlass sei und ob man es riskieren könne, sein Leben auf ihn aufzubauen. Ich konnte ihm nur antworten, dass ich es selbst bisher in meinem Leben so erfahren habe, und schlug ihm vor, es doch einfach einmal auszuprobieren. Er ließ sich darauf ein und übergab sein Leben in die Regie von Jesus Christus. Er begann auch sofort, in der evangelischen Jugendarbeit mitzuarbeiten und übernahm nach und nach immer mehr Verantwortung. Wir wurden richtig gute Freunde. Heute ist er ein verantwortlicher Mitarbeiter in seiner Gemeinde, und wir stehen immer noch in Kontakt.

Von der Offensive zur Sammlung »Wie geht es nach dieser 1. Konferenz jetzt weiter? Wo können wir uns wieder treffen?« – so fragten viele Teilnehmer. »Es muss doch weitergehen« – das stand für sie außer Frage. So weit hatten wir bisher noch gar nicht gedacht und deswegen zunächst auch keine Idee. Aber wir wussten: Irgendetwas müssen wir anbieten, sonst droht alles ein Strohfeuer zu bleiben. Deswegen luden wir kurzerhand alle ein, am nächsten Freitagabend in unser Jugendzentrum nach Heidenheim zu kommen. Und sie kamen. Und sie wollten wiederkommen. So entstand ein regelmäßiger Jugendtreff im Jugendhaus in der Innenstadt von Heidenheim. Wir hatten im Erdgeschoss dieses Jugendhauses einen Raum mit ca. 80 bis 100 Plätzen. Wer an der Konferenz teilgenommen hatte, brachte neue junge Leute mit. Andere hörten davon und kamen dazu. Meist war der Saal mit 80 bis 100 jungen Leuten voll besetzt. Wir sangen neue christliche Lieder miteinander und beteten zusammen, und ich hielt jedes Mal eine Ansprache. Ich wollte 12


deutlich machen, wie ein lebendiges, fröhliches und dynamisches Christsein – gegründet auf das Wort Gottes – heute im Alltag gelebt werden kann. Mit der Zeit wurden diese Freitagabende eine Anlaufstelle für junge Menschen aus der ganzen Region – für Christen und für solche, die es vielleicht einmal werden wollten. Während die »junge Linke« nach und nach an Bedeutung verlor, rollte eine nächste Welle aus Amerika auf uns zu: die Zeit der »Jesus People«. In meinen ganzen späteren Dienstjahren habe ich nie wieder eine Zeit erlebt, in der junge Leute so offen waren für das Evangelium wie damals. Junge Menschen sprachen mich auf der Straße an: »Ich habe gehört, bei euch ist so eine gute Gemeinschaft. Kann ich auch dazukommen?« Oder ich wurde direkt gefragt: »Ich möchte gern Christ werden. Was muss ich da machen?« Wichtig war mir, dass das, was wir predigten, nicht nur Theorie blieb. Das Evangelium sollte auch praktisch im Alltag gelebt werden. Deshalb bildeten wir kleine Gruppen, in denen wir uns gegenseitig zu einem lebendigen Christsein ermutigten, zum Beten und Bibellesen. In den Gruppen kam auch das Verhalten in der Familie, in der Schule oder im beruflichen Alltag zur Sprache und wurde konstruktiv-kritisch hinterfragt. Auch die »Kerntruppe«, die sich nach dem denkwürdigen Weihnachtsgottesdienst zusammengefunden hatte, traf sich weiterhin. Dort wurde ebenfalls nicht mit konstruktiver Kritik aneinander gespart (alles zu hinterfragen – dieses Erbe der »jungen Linken« war auch bei uns angekommen). Auch ich bekam das zu spüren. Jeden Freitagabend sollte ich eine neue, gut durchdachte, lebendige und alltagstaugliche Bibelarbeit halten. Langsam kam ich damit an meine Grenzen … Eines Freitagabends kam mein Freund Jörg Knoblauch auf mich zu und meinte: »Günther, du solltest so langsam mal wieder ein Buch lesen und dir was Neues einfallen lassen, denn du wirst zusehends langweiliger.« Diese Spitze saß! Ich strengte mich daraufhin neu an. Diese Heidenheimer Abende haben mich gelehrt, lebendig zu predigen und aktuelle Bibelarbeiten zu halten. Eine gute Schule für mein späteres Leben und meinen zukünftigen Dienst. 13


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