Mark Mittelberg
glauben
Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel Choosing Your Faith … In A World Of Spiritual Options © 2008 Tyndale House Publishers, Inc.
Deutsch von Ulrike Chuchra
Die Bibelstellen sind, soweit nicht anders angegeben, entnommen aus: Neues Leben. Die Bibel, © 2002 und 2005 by Hänssler Verlag, D-71087 Holzgerlingen. Wo abweichend davon andere Übersetzungen verwendet wurden, sind sie jeweils mit den entsprechenden Abkürzungen hinter den Bibelstellen gekennzeichnet: GN = Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart EB = Revidierte Elberfelder Bibel, © 1985/1991/2006, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal
© 2008 R. Brockhaus Verlag im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlag: Dietmar Reichert, Dormagen Satz: Breklumer Print-Service, Breklum Druck: CPI – Eber & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-417-26268-1 Bestell-Nr. 226.268
INHALT Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Warum sollte man sich überhaupt für eine eigene Glaubensüberzeugung entscheiden? . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. »Meine Wahrheit – deine Wahrheit« – Pragmatismus, Relativismus und die Wirklichkeit . . . . . . . 3. »Das habe ich schon immer so geglaubt!« – Tradition und Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. »Du solltest besser das glauben, was ich dir sage!« – Autorität und Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. »Ich fühle einfach, dass es wahr ist!« – Intuition und Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. »Gott hat mir gesagt, dass es wahr ist!« – Der mystische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. »Ich glaube es erst, wenn ich es sehe!« – Logik, Beweise und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. »Ich denke darüber nach, wie ich denke – und entscheide mich dann!« – Die sechs Glaubenspfade in der Praxis . . . 9. »Wie kann ich herausfinden, woran ich glauben soll?« – Teil 1:Logische und wissenschaftliche Kriterien . . . . . . . . 10. »Wie kann ich herausfinden, woran ich glauben soll?« – Teil 2: Textliche Kriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. »Wie kann ich herausfinden, woran ich glauben soll?« – Teil 3: Historische und empirische Kriterien . . . . . . . . . . . 12. »Ich würde gern glauben« – Die Schranken durchbrechen und zum Glauben finden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13. Der Nutzen einer weisen Entscheidung für eine eigene Glaubensüberzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
7 22 38 56 78 95 114 132 145 165 183 199 225
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
232
Über den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
239
VORWORT Ich wünschte, dieses Buch hätte es schon am 20. Januar 1980 gegeben. Das war der Tag, an dem ich beschloss, meine atheistische Einstellung noch einmal zu überdenken und zu prüfen, ob es überzeugende Anhaltspunkte für den Glauben an einen Gott gab – ob es der Gott des Islams, des Christentums, des Mormonentums, des Judentums oder vielleicht sogar einer der vielen Götter des Hinduismus war, spielte fürs Erste keine Rolle. Es beeindruckte mich, wie meine Frau sich verändert hatte, seit sie Christ geworden war, und deshalb nahm ich mir vor, meine journalistischen und juristischen Kenntnisse (ich war damals Gerichtsreporter der Chicago Tribune) für eine groß angelegte Ermittlung in Sachen Gott zu nutzen. Meine Aufgabe wäre leichter gewesen, wenn ich dieses wertvolle Buch damals schon zur Verfügung gehabt hätte. Mark Mittelberg beschreibt wunderbar, wie wir alle auf unserer geistlichen Entdeckungsreise verschiedene Pfade einschlagen. Bewusst oder unbewusst werden wir von unzähligen Faktoren beeinflusst. Einige davon bringen uns der Wahrheit näher, während andere nur heillose Verwirrung stiften. Diese Einsichten wären mir sehr nützlich gewesen, als ich ohne fremde Hilfe versuchte, einen Überblick über die vielen konkurrierenden religiösen Vorstellungen zu bekommen. Sie haben Glück, wenn Sie ein religiöser Sucher sind, denn nun besitzen Sie diese großartige Anleitung, die Ihnen einen Weg durch das Minenfeld widerstreitender und gegensätzlicher Aussagen über den Glauben zeigt. Aber dies ist nicht nur ein Buch für suchende Menschen. Es kann Christen helfen, ihren eigenen geistlichen Stil zu entdecken. Das wiederum stärkt ihren Glauben und macht ihnen bewusst, auf welche Weise sie ihre Freunde unterstützen können, wenn diese nach einem sinnvollen Glauben fragen. Ich könnte Ihnen niemanden nennen, der besser als geistlicher Begleiter und Berater geeignet wäre als Mark. Er hat eine ausgezeich5
nete akademische Ausbildung und besitzt einen Abschluss in Religionsphilosophie. Darüber hinaus war er die letzten 20 Jahre damit beschäftigt, ganz normalen Menschen auf dem Weg, sich für eine eigene Glaubensüberzeugung zu entscheiden, zu begleiten. Sie werden merken, dass Mark Ihnen keine Predigt hält. Er erörtert die verschiedenen Zugänge zur geistlichen Welt und geht neben Ihnen her, während Sie Ihre geistlichen Möglichkeiten abwägen und Ihre eigenen Schlussfolgerungen darüber ziehen, in welche Richtung die Anhaltspunkte weisen. Seit 20 Jahren bin ich mit Mark befreundet und arbeite mit ihm zusammen. Daher kann ich bezeugen, dass er einen einwandfreien Charakter hat, ein vorbildliches Leben führt und dass es ihm aufrichtig am Herzen liegt, Menschen bei ihrer Suche nach der Wahrheit in geistlichen Fragen zu helfen. Besitzt er eigene Überzeugungen, wenn es um Gott geht? Na klar. Aber er macht keinen Versuch, Sie einseitig zu beeinflussen. Stattdessen möchte er als Freund an Ihrer Seite sein, wenn Sie die spannendste und aufregendste Reise Ihres Lebens antreten, um selbst herauszufinden, was wirklich wahr ist. Jeden Montag treffen Mark und ich uns mittags zum Essen. Für mich ist das immer ein Höhepunkt meiner Woche, denn ich lerne jedes Mal etwas Neues von ihm. Wir reden über Alltägliches und Besonderes, aber oft kommen wir auf die Frage zurück, wie wir sicher sein können, dass unser Glaube eine gute Grundlage hat. Und da überrascht es mich immer wieder, dass Marks großer Vorrat an Weisheit offenbar unerschöpflich ist. Also lade ich Sie ein, sich einen Stuhl zu holen und sich zu uns zu setzen. Egal, an welchem Punkt Ihres geistlichen Abenteuers Sie sich gerade befinden, Sie werden auf jeden Fall ermutigt und herausgefordert. Das Wichtigste jedoch ist, dass Sie am Ende alles haben werden, was Sie brauchen, um die wichtigste Entscheidung in Ihrem Leben in Bezug auf Ihre Glaubensüberzeugung zu treffen. Lee Strobel Autor von Glaube im Kreuzverhör 6
1. Warum sollte man sich überhaupt für eine eigene Glaubensüberzeugung entscheiden?
Sich für eine Glaubensüberzeugung entscheiden? Warum sollte man überhaupt einen Glauben haben wollen? Glaube, das klingt verdächtig nach Religion – und dabei hat die Rockband R.E.M. mit ihrer mitreißenden Hymne Losing My Religion (dt.: »Meine Religion verlieren«) doch ziemlich treffend die Einstellung einer ganzen Generation zum Ausdruck gebracht. Es ist ja egal, dass kein Mensch, ich eingeschlossen, je richtig verstanden hat, was mit dem Song gemeint war. Michael Stipe, der den Text geschrieben und gesungen hat, sagte in einem Interview, die Formulierung »losing my religion« sei nichts anderes als eine Redensart, die bedeute, mit der eigenen Kraft oder Geduld am Ende zu sein. »Außerdem«, erklärte Stipe, »ist das ein säkularer Song, der so gut wie nichts mit Religion zu tun hat.« Aber das hindert unzählige Leute nicht daran, den Song mit angsterfülltem Gesicht und voller Inbrunst mitzusingen, sobald er im Radio gespielt wird: That’s me in the corner That’s me in the spotlight I’m losing my religion Trying to keep up with you1
Ich habe mir den Song auf YouTube.com angeschaut und die Kommentare gelesen, die einige Leute dazu geschrieben haben. Es ist beinahe zwei Jahrzehnte her, seit der Song erschienen ist, und noch immer zerbrechen sich Leute den Kopf darüber, wie sie ihn verstehen sollen: animeMMA Das ist ein guter Song, weil Religion falsch ist Nakasi100 animeMMA, du Dummkopf, losing my religion ist ein Slangausdruck aus den Südstaaten und heißt, die Nase voll haben 7
Natürlich gibt es, ganz abgesehen von diesem R.E.M.-Song, eine Menge Gründe, warum man dem Religiösen misstrauisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen kann. Die meisten von uns haben da ihre persönlichen Gründe. Ich muss allerdings zugeben, dass meine nicht besonders gravierend sind. Bei mir ist es die Erinnerung daran, wie ich früher jeden Sonntagmorgen zu einer unchristlichen Zeit aufstehen musste, zu der ein Kind am Wochenende noch ins Bett gehört, und was es dann für eine Hetze war, um rechtzeitig fertig zu werden. Ich musste sogenannte »Sonntagskleider« anziehen, die ich an einem normalen Wochentag nicht einmal im Traum getragen hätte. Sie waren meist entweder zu klein oder zu groß (»Das macht doch nichts«, sagte mein Vater dann, »da wächst du schon noch rein«), aus der Mode gekommen (genauer gesagt, niemals in Mode gewesen) und kratzten meistens. Manchmal zwangen mir meine Eltern sogar ein Sakko und eine Krawatte auf! Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Jugendamt heutzutage – und vor allem hier in Südkalifornien – bei derartigen Misshandlungen sehr schnell eingreifen und Kinder aus einer solchen Familie holen würde, zumal mein oberster Hemdenknopf immer zu eng war und ich fast von meinem Kragen erwürgt wurde, wenn ich Luft holen wollte. Selbst heute noch kann es passieren, dass der bloße Gedanke, in eine Kirche zu gehen, ein beklemmendes Gefühl am Kehlkopf bei mir auslöst. Wenn ich endlich fertig war, rannte ich die Treppe hinunter und stellte fast jedes Mal fest, dass alle außer mir weg waren. Das hieß aber nicht, dass ich einfach so davongekommen war. Nein, nun musste ich auf die Straße hinaushetzen, wo die ganze Familie schon im Auto saß und ungeduldig auf mich wartete. »Beeil dich, Mark, wir sind schon wieder spät dran!« Wenn wir dann endlich in der Kirche ankamen, war ich dermaßen schlecht gelaunt, dass es mir schwerfiel, über erhabene Dinge wie Gott oder ernste geistliche Angelegenheiten nachzudenken. Später, als ich auf der weiterführenden Schule war, wurde mir immer bewusster, wie merkwürdig die Kirchenmusik oft war. Die von der Orgel hervorgebrachten Töne erinnerten auf unheimliche Weise an die Geräusche, die in billig produzierten Spielfilmen erklangen, 8
wenn jemand ein Spukhaus betrat. Die meisten traditionellen Kirchenlieder stammten von Menschen aus einer vergangenen Zeit und waren ganz offensichtlich für die damaligen Zeitgenossen geschrieben worden – für Menschen, denen es anscheinend Spaß machte, in Kirchenbänken zu sitzen und Loblieder zu singen und hinterher mit ihren Bekannten in der Eingangshalle der Kirche herumzuhängen. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, bei dem von neun gesungenen Liedern keines jünger als 100 Jahre alt war – und einige waren mehrere Jahrhunderte alt. Ich habe nichts gegen Denkmäler und Antiquitäten, aber vieles, was ich in meinem religiösen Umfeld erlebte, kam mir irgendwie anachronistisch und kulturell überholt vor. Ich kam zunehmend dahin, mein Leben in zwei Bereiche einzuteilen: Da gab es das Normale und das Religiöse. Normal bezog sich auf das alltägliche gewöhnliche Leben und beinhaltete Dinge, wie zur Schule zu gehen, mit Freunden etwas zu unternehmen und Ich habe nichts gegen Denkmäler einfach ein bisschen Spaß zu haben. Zum und Antiquitäten, religiösen Bereich gehörten all die tiefgrünaber vieles, was ich digen Dinge wie Glaube, Weltanschauunin meinem religiösen Umfeld erlebte, kam gen, die Unterscheidung zwischen Falsch mir irgendwie und Richtig und das sonntägliche Zusamanachronistisch mentreffen mit netten (oft übertrieben netund kulturell überholt vor. ten) Menschen, die es gut meinten, aber manchmal von einem Planeten zu stammen schienen, der außerhalb meines Universums lag. Und dieses Universum – die normale Welt – wurde mit der Zeit immer interessanter für mich, während die religiöse Welt mir zunehmend fremd und auch langweilig erschien. Irgendwann erreichte ich einen Punkt, an dem ich das Interesse an allem verlor, was irgendwie geistlich war. Ich wollte ganz allgemein mit religiösen Dingen möglichst nichts mehr zu tun haben. Allerdings war ich damals noch zum Besuch der Gottesdienste verpflichtet, deshalb tat ich mich mit einigen Freunden, die ähnlich abtrünnige Gedanken hatten, zusammen und versuchte, die Sonntage einigermaßen erträglich zu gestalten. Manchmal versteckten wir uns 9
im Heizkeller, bis der Gottesdienst vorbei war. Wir verhielten uns leise, spitzten die Ohren und versuchten, den richtigen Moment abzupassen, um ganz lässig wieder aufzutauchen und uns unter das aufbrechende Volk zu mischen. Es kam auch vor, dass wir den Gottesdienst absaßen, aber dann dachten wir uns alles Mögliche aus, um uns die Zeit zu vertreiben, während die Minuten langsam verstrichen. Zum Beispiel wetteiferten wir manchmal miteinander, wer am längsten die Luft anhalten konnte. Wer weiß, was die um uns herumsitzenden Leute dachten, wenn meine Freunde und ich wie wild Luft holten, um möglichst viel Sauerstoff in unsere Lungen zu sammeln, dann mit einem gewaltigen Atemzug das Signal gaben, die Zeit zu stoppen, und anschließend die Luft anhielten, bis es nicht mehr ging. Eine merkwürdige Art, die Zeit zu vertreiben, ich gebe es zu, aber eines schönen Sonntagmorgens schaffte ich es immerhin, die Drei-Minuten-Marke zu durchbrechen. Wie gesagt, verglichen mit dem, was viele andere Menschen – zu denen Sie vielleicht gehören – erlebt haben, waren meine jugendlichen Schwierigkeiten mit der Religion recht belanglos. Es gibt andere Leute, die sehr bittere Erfahrungen gemacht haben. Ich denke da zum Beispiel an einen Freund von mir, der als junger Mann seine Kirche verließ, weil er dort Missbrauch erlebt hatte. Die Täter waren ausgerechnet die religiösen Leiter gewesen, deren Aufgabe es hätte sein müssen, sich um sein Wohlergehen zu bemühen und ihn zu schützen, ganz abgesehen von ihrer Vorbildfunktion. Dieser Vorfall liegt inzwischen viele Jahre zurück, aber bis heute macht mein Freund noch immer einen weiten Bogen um alles, was mit Gemeinde und Kirche zu tun hat. In den letzten Jahren ist in den Medien ziemlich viel über Missbrauch durch kirchliche Amtsträger berichtet worden. Bei solchen schrecklichen Vorkommnissen weiß ich nicht, was schlimmer ist: das Vergehen an sich oder die Art, wie es von höherer Ebene vertuscht wird – oft werden die Täter von den leitenden Entscheidungsträgern immer wieder in andere Bezirke versetzt und dort auf neue, ahnungslose Kirchgänger losgelassen. Wenn es einmal nicht sexuelle Übergriffe sind, die in den Schlagzeilen vorkommen, dann scheint heutzutage die finanzielle Korrup10
tion das aktuelle Thema zu sein. Darüber haben wir in den vergangenen Jahren jedenfalls mehr als genug gehört. Religiöse Probleme gibt es allerdings nicht nur im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben. In den letzten Jahren ist die muslimische Welt durch entsetzliche Vorkommnisse wie den Anschlag vom 11. September und eine wachsende Zahl von Terrorakten rund um den Globus erschüttert worden. Es ist schon so weit gekommen, dass die Begriffe »Islam« und »Terrorismus« in der Vorstellung vieler Menschen untrennbar miteinander verknüpft sind. Das mag den friedfertigen Muslimen gegenüber unfair sein, aber diese Wahrnehmung ist trotzdem vorhanden. Sie prägt unsere Einstellung gegenüber der Religion, und sie kann großen Einfluss auf unsere Bereitschaft haben, uns mit dem Glauben allgemein und der Frage nach unserem persönlichen Glauben auseinanderzusetzen. Dazu kommt noch, dass es viele Sekten und religiöse Gruppierungen gibt, die uns auf der Straße ansprechen oder ungefragt vor unserer Tür stehen und versuchen, uns ihre Schriften anzudrehen oder uns für ihre Herde zu rekrutieren. Vor allem Studenten an den Universitäten müssen vorsichtig sein. Es genügt ein schwacher Moment, und sie landen womöglich in einem weit abgelegenen Rüstzentrum bei einer Schar lächelnder, seelenloser Fanatiker, die ihnen das Glück versprechen, sie aber systematisch um ihre Identität, ihre Individualität, ihre Beziehungen und ihre Zukunftsträume bringen. Und während die Mitglieder der Gruppe alles opfern, was sie haben, um der Sache zu dienen und die Botschaft weiterzugeben, leben ihre Anführer oft materiell sehr verschwenderisch und sexuell freizügig. Privat und manchmal sogar öffentlich haben sie für alles eine fromme Antwort parat, wenn sie auf diesen Widerspruch zu ihren eigenen religiösen Forderungen hingewiesen werden. Diese Art von Heuchlerei und Missbrauch hat eine so große Empörung und Fassungslosigkeit ausgelöst, dass sie eine neue Bewegung von Schriftstellern und einflussreichen Stimmen hervorgebracht hat, die das Religiöse nicht nur für sich persönlich ablehnen, sondern es komplett – angefangen von skurrilen Sekten bis hin zu menschenfreundlichen Bewegungen – und grundsätzlich für gefährlich und 11
schädlich halten. Beispiele dafür sind Bücher wie Der Gotteswahn von Richard Dawkins, Das Ende des Glaubens von Sam Harris und Der Herr ist kein Hirte von Christopher Hitchens. Ich denke da auch an die Schauspielerin und Moderatorin Rosie O’Donnell, die in der amerikanischen Talkshow The View sagte: »Radikales Christentum ist genauso bedrohlich wie der radikale Islam.« Es ist klar, was hier ausgedrückt wird: Wenn du dich mit Religion beschäftigst, dann geschieht das auf dein eigenes Risiko. Und wenn du dich zu ernsthaft darauf einlässt, kann das verheerende Folgen haben. Warum nicht lieber ganz die Finger davon lassen? Aber jetzt kommt eine interessante Tatsache: Obwohl sich eine religionsfeindliche Einstellung in der Gesellschaft breitzumachen scheint, gibt es gleichzeitig ein neu erwachtes Interesse an der Spiritualität. Hier nur ein paar Beispiele: G
G
G
G
die wachsende Zahl von Sonderprogrammen und Nachrichtensendungen im Fernsehen, die sich mit Jesus, dem geschichtlichen Hintergrund der Bibel, archäologischen Entdeckungen, vermeintlichen Wundern und dem Vergleich zwischen Christentum und anderen Weltreligionen befassen; die steigende Zahl von Kinofilmen, die den Glauben zum Thema haben und von denen manche, wie z.B. Mel Gibsons Die Passion Christi, gigantischen Erfolg hatten; die große Zahl an religiösen Themen auf den Titelseiten von Nachrichtenmagazinen, vor allem während der Weihnachts- und Osterzeit, aber auch die vielen religiös orientierten Internetblogs, Podcasts und Webseiten; die biblischen Anklänge in einigen Songs in den Musikcharts, angefangen von dem einst allgegenwärtigen Song »What if God was one of us« bis hin zu den Titeln vieler religiös orientierter Bands wie U2, Creed, P.O.D., Lifehouse, Switchfood und The Fray.
Offensichtlich verkauft sich das Religiöse ganz gut. Das bedeutet aber, dass es in irgendeiner Hinsicht ein vorhandenes Bedürfnis anspricht. Ein gesellschaftlicher Beobachter brachte es auf den Punkt, 12
als er sagte, dass die Menschen im Allgemeinen »unheilbar religiös veranlagt« seien. Studien und Statistiken bestätigen dies. Eine aktuelle Umfrage des Gallup News Service fand heraus, dass 94 Prozent der Menschen in den USA immer noch an Gott oder an einen universalen Geist glauben.2 In einer durchschnittlichen Woche sind in Amerika mehr Menschen in einer Kirche zu finden als auf sämtlichen ameriEine aktuelle Umfrage kanischen Sportveranstaltungen. Und selbst des Gallup News Service fand heraus, nachdem so viel Skepsis gegenüber ihrer dass 94 Prozent Botschaft und ihrer historischen Zuverläsder Menschen in sigkeit verbreitet wurde, ist die Bibel weiden USA immer noch an Gott oder an einen terhin das meistverkaufte Buch aller Zeiten universalen Geist – und das mit Abstand! Karl Marx bezeichglauben. nete die Religion als »Opium des Volkes«. Mir scheint, uns Menschen fällt es schwer, von dieser Sucht loszukommen. Aber mal ernsthaft, spüren Sie diese Anziehungskraft nicht auch? Wie ist es zu erklären, dass nach all den schlimmen Attacken und Vorwürfen gegen die Religion in den vergangenen Jahren immer noch so viele Menschen daran interessiert sind? Und warum fühlen Sie sich vom Religiösen stark genug angezogen, um ein Buch über den Glauben in die Hand zu nehmen und – zumindest bis zu dieser Stelle – zu lesen? Warum geschieht es so oft, dass wir die Schönheit eines Sonnenuntergangs betrachten oder das Wunder einer menschlichen Geburt bestaunen und spüren, dass dem allen etwas Größeres zugrunde liegen muss? Tag für Tag, Jahr für Jahr schuften wir vor uns hin, gefangen in einem stetigen Wirbel von Aktivitäten, sodass uns der Kopf schwirrt, während unsere Seele verkümmert. Doch zumindest in den Momenten, wenn wir nachts wach liegen und grübeln, gibt es eine Stimme, die uns sagt, dass das Leben mehr sein muss. Wie kommt das? Und warum spüren wir oft diese Sehnsucht nach einem ruhigen und konzentrierten Leben, das mehr im Einklang mit dem Transzendenten steht und nicht so stark den Turbulenzen des Hier und Jetzt unter13
worfen ist? Woher stammen die Schuldgefühle, mit denen wir uns manchmal herumschlagen – und was können wir gegen das belastende Empfinden von Schuldgefühlen und dem Eindruck, geistlich nicht zu genügen, tun? Es ist leicht, die organisierte Religion zu kritisieren und sogar zu verwerfen. Einige ihrer geistlichen Leiter sind unfähig oder sogar korrupt, es gibt abstoßende Theatralik und viele Fernsehsendungen von kirchlichen Werken sind einfach nur peinlich. Sie behaupten, von der Kraft des Allmächtigen durchdrungen zu sein, während sie ständig die schlechtesten Programme produzieren, die jemals unsere Bildschirme eroberten. Das sind ganz offensichtliche Angriffsflächen, die man nicht verfehlen kann – aber wer sich nur darauf konzentriert, übersieht den tieferen Schmerz in unserer Seele, die unausweichliche Einsicht, dass unser Leben in dieser Form nicht so ist, wie es sein sollte, das Bewusstsein, dass wir irgendwie Hilfe von außen brauchen, um mit dem Leben klarzukommen. Wie gehen wir mit alldem um? Vielleicht fühlen Sie sich von einigen dieser Gedanken angesprochen, aber weil Sie jeder Form des Glaubens misstrauisch gegenüberstehen, wollen Sie sich nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie Sie sich entscheiden können, woran Sie glauben sollen. Sie warten lieber ab, bis Sie es »einfach wissen«, statt sich auf irgendetwas zu verlassen. Wenn das Ihre Einstellung ist, möchte ich Ihnen etwas sagen, was vielleicht ein bisschen überraschend und beunruhigend für Sie ist: Sie haben schon einen »Glauben« und Sie leben jeden Tag im Vertrauen darauf. Überlegen Sie doch einmal, wie Ihr Tag bisher abgelaufen ist. Heute Morgen sind Sie aufgestanden und haben im Glauben gefrühstückt. Sie haben darauf vertraut, dass niemand im Haus Ihr Essen mit Gift versetzt hat. In einer Bäckerei haben Sie sich einen Kaffee geholt und dabei den Gestalten hinter der Theke vertraut (war das wirklich so schlau?), dass sie Ihrem Cafè Latte mit Extraschaum nichts Schädliches oder Verdorbenes hinzugefügt haben. Sie sind zur Arbeit gegangen – vielleicht haben Sie sogar einen Aufzug benutzt? – und haben sich im Glauben in einen Stuhl gesetzt, ohne erst auszuprobieren, ob er immer noch stabil genug war, um Ihr Gewicht auszuhalten. Sie ha14
ben Ihren Computer hochgefahren und vertrauliche Daten eingetippt, obwohl Sie wussten, dass der neueste Virus diese Daten ausspionieren und an alle Leute in Ihrem Adressbuch schicken könnte. In der Mittagspause haben Sie einen Spaziergang gemacht und sich heruntergebeugt, um den Hund eines Fremden in dem Glauben zu tätscheln, dass Sie nicht einer von den knapp 10 000 Menschen in Deutschland werden würden, die jährlich von einem Hund gebissen werden (in zwei bis vier Fällen sogar mit tödlichem Ausgang). Am Ende Ihres Arbeitstages ging es mit Ihrem Auto wieder heimwärts, und auf der Straße hatten Sie das Vertrauen (aber wissen konnten Sie es nicht), dass kein 16-jähriger Halbstarker im geklauten Auto seiner Mutter mit voller Geschwindigkeit auf Sie zurasen würde. Ja, es ist wirklich so, dass Sie Ihr Leben jeden Tag im Glauben leben, bis in die alltäglichen Kleinigkeiten hinein. Es mag sein, dass Sie für Ihren Glauben scheinbar gute Gründe haben, und das ist prima, aber es könnte auch sein, dass Sie mit der ein oder anderen Schlussfolgerung falschliegen. Und das könnte unter Umständen ernsthafte, ja sogar lebensbedrohliche Folgen haben. Genau genommen ist es so, dass Sie selbst als ganz und gar unreligiöser Mensch in der Hoffnung leben, dass Ihre unreligiösen Annahmen richtig sind. Sie rechnen nicht damit, eines Tages vor einem ganz und gar religiösen Schöpfer stehen und feststellen zu müssen, dass dieser tatsächlich einmal eine Liste moralischer Anforderungen herausgegeben hat, die Sie von vorn bis hinten missachtet haben. »Ach, über so etwas Genau genommen mache ich mir keine Gedanken«, sagen Sie ist es so, dass Sie selbst vielleicht. Aber diese Aussage ist wiederum als ganz und gar ein Ausdruck des Glaubens, dass es in Ordunreligiöser Mensch in der Hoffnung leben, nung ist, solche Fragen links liegen zu lasdass Ihre unreligiösen sen. Sie wissen nicht, ob sie wirklich unAnnahmen richtig sind. wichtig sind, Sie glauben es einfach. Das gehört zu Ihrer persönlichen Ausprägung eines nicht religiösen Glaubens. Auch berühmte Atheisten wie Richard Dawkins und Sam Harris führen ihr Leben in der ungeprüften Annahme, dass es keinen Gott 15
gibt und dass die von ihnen vertretenen Meinungen für sie selbst und andere Menschen letzten Endes hilfreich und nicht schädlich sind. Sie wissen nicht, ob sie recht haben, sie hoffen es einfach. Dawkins, der wahrscheinlich größte Verfechter des Atheismus in unserer Zeit, hat sogar in einem Artikel im Time Magazine zum Thema »Gott versus Wissenschaft« zugegeben, dass es »etwas unglaublich Großes und Unbegreifliches jenseits unseres gegenwärtigen Verständnisses« geben könnte. Der Biochemiker Francis Collins, der in diesem Interview für die andere Seite argumentierte, gab zurück: »Das ist Gott.« Dawkins erwiderte: »Ja. Aber es könnte ein beliebiger von Milliarden Göttern sein. Es könnte der Gott der Marsmenschen oder der Bewohner von Alpha Centauri sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ein bestimmter Gott ist, Jahwe, der Gott Jesu, ist verschwindend gering – zumindest liegt die Verantwortung bei Ihnen, darzulegen, warum Sie meinen, dass das der Fall ist.«3 Egal ob diese Wahrscheinlichkeit groß oder klein ist, der Gedanke, der hier zählt, ist der, dass Dawkins nicht weiß, dass es keinen Gott gibt – er räumt sogar die Möglichkeit ein, dass Gott in irgendeiner Form tatsächlich existieren könnte. Aber er geht lieber im Glauben davon aus, dass es in Wirklichkeit keinen Gott gibt. Ich bin sicher, er würde argumentieren, dass das eine gut fundierte Schlussfolgerung ist, die durch eine überwältigende Zahl entsprechender Hinweise gestützt wird. Aber selbst wenn er damit recht hätte, ändert das nichts an der Tatsache, dass seine Schlussfolgerung auf einer Glaubensannahme beruht. Anders formuliert bedeutet das, dass es eine Schlussfolgerung ist, die ihm auf der Grundlage der von ihm geprüften Daten richtig erscheint, die aber weit über das hinausgeht, was mit vollkommener Sicherheit bewiesen oder gewusst werden kann. Genau so ist das Leben einfach. Wir alle leben mit einer gewissen Form des Glaubens. Und das bringt uns zu der zentralen Frage: Ist unser Glaube gut begründet? Ist es ein weiser Glaube? Ist es ein sinnvoller Glaube, der von den Tatsachen bestätigt wird? Ist es ein Glaube, der sich im echten Leben bewährt und es verdient, dass wir an ihm festhalten? Um noch persönlicher zu werden: Besitzen Sie eine Glaubensüberzeugung, über die Sie wirklich nachgedacht, die Sie sorgfältig be16
urteilt und für die Sie sich entschieden haben – oder sind Sie da nur im Lauf der Zeit hineingerutscht? Als ich ans College kam, wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich ziemlich passiv in meine spezielle Ausprägung des Glaubens hineingeraten war. Ich war von klein auf gelehrt worden, an Gott zu glauben, mich an die Bibel zu halten und darauf zu vertrauen, dass die Kirche die göttliche Wahrheit vermittelte. Und ich hatte eine un- Als ich ans College kam, wurde mir schmerzlich begründete und naive Zuversicht, dass all bewusst, dass ich das stimmte. ziemlich passiv in meine Ich schrieb mich für ein paar Philosospezielle Ausprägung des Glaubens phiekurse ein. Einer meiner Professoren hineingeraten war. war ein religiöser Mann von ganz anderem Schlag, und es schien ihm Spaß zu machen, die allzu simplen Überzeugungen, die viele seiner christlichen Studenten mitbrachten, zu zerlegen. Mir kam es vor, als wäre ich seine bevorzugte Zielscheibe. Er verstand es meisterhaft, auf Dinge aufmerksam zu machen, mit denen etwas nicht stimmte – Probleme mit der Bibel, mit »traditionellen Ansichten über Gott«, wie er es nannte, und mit einem Großteil dessen, was ich von Kind an geglaubt hatte. Sein intellektueller Angriff rüttelte mich auf, und ich musste mich der Tatsache stellen, dass ich mich auf ein Glaubenssystem verließ, von dem ich wenig verstand und das ich niemals kritisch hinterfragt hatte. Ich wusste kaum, wie ich damit umgehen sollte, und ich muss zugeben, dass meine Vorstöße, von einigen Leitern meiner Kirche bessere Antworten zu bekommen, insgesamt entmutigend waren. Zum Beispiel sagte ich einem meiner Lehrer, dass mein Glaube in der Schule angegriffen wurde und dass ich ein tieferes Verständnis brauchte – nicht nur für die Dinge, die wir glaubten, sondern auch für die Begründung, weshalb wir sie für wahr hielten. »Woher wissen wir, dass die Bibel wirklich wahr und tatsächlich Gottes Wort ist?«, fragte ich. Seine Antwort werde ich nie vergessen. »Ach, das ist leicht, es steht direkt hier im Neuen Testament: ›Denn alle Schrift, von Gott ein17
gegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.‹« »Ja, aber woher wissen wir, dass das, was da steht, wahr ist?«, wollte ich wissen. »Weil es da so steht«, antwortete er, »und es ist ja Gottes Wort.« »Aber das ist doch genau die Frage, die wir uns stellen«, gab ich zurück. »Wenn man sich in der Frage, ob die Bibel wahr ist, nur auf die Aussagen der Bibel beruft, dann ist das ein Zirkelschluss und beweist überhaupt nichts.« Seinem Blick zufolge befand ich mich in akuter Gefahr, im Treibsand des Liberalismus oder Skeptizismus unterzugehen – wenn ich nicht schon vielleicht ein Abtrünniger geworden war. Schließlich holte er tief Luft und nahm einen neuen Anlauf: »Aber du musst dir klarmachen, dass es keine höhere Autorität als Gottes Offenbarung gibt. Wenn Gott sagt, dass etwas wahr ist, dann kannst du dein Leben darauf bauen.« »Ja, gut«, antwortete ich resigniert, »aber woher wissen wir, dass es wirklich Gott ist, der hier spricht? Es gibt viele religiöse Bücher, die den Anspruch erheben, die Stimme Gottes zu sein – und all diesen Büchern glaubst du doch auch nicht.« »Der Grund dafür ist«, sagte er triumphierend, »dass diese anderen Bücher nicht das Wort Gottes sind.« An diesem Punkt war mein Frust so groß, dass ich am liebsten das getan hätte, was Indiana Jones in einer Szene in Jäger des verlorenen Schatzes tat, als er schließlich von den schwertschwingenden Mätzchen seines Gegners genug hat und einfach seine Pistole herauszieht und den Typ erschießt. Nein, das meine ich natürlich nicht ernst (jedenfalls jetzt nicht). Es wurde mir aber mehr als deutlich, dass ich mit Logik in diesem Gespräch nicht weiterkommen würde. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Sache aufzugeben – wobei ich mir weiterhin den Kopf über dieselben Fragen zerbrach. In der Folgezeit fand ich ein paar Leute und Bücher, die wesentlich hilfreicher waren. Ich komme später auf meine Geschichte zurück. Dieser irritierende Austausch und andere Gespräche nach einem ähnlichen Muster machten mir auf jeden Fall bewusst, dass es alle mögli18
chen religiösen Vorstellungen gibt – egal ob sie richtig oder falsch waren –, an denen viele religiöse Menschen aus dürftigen und allem Anschein nach unbegründeten oder zumindest ungeprüften Gründen festhalten. In diesem Moment beschloss ich, dass meine EntMir wurde bewusst, dass es alle möglichen scheidung für einen Glauben – ob es nun religiösen Vorstellungen der Glaube sein würde, mit dem ich aufge- gibt – egal ob sie richtig wachsen war, oder eine völlig andere Glauoder falsch waren –, an denen viele religiöse bensrichtung – auf jeden Fall eine bessere Menschen aus dürftigen Grundlage haben sollte als das, worauf ei- und allem Anschein nach nige meiner Lehrer und Leiter offenbar unbegründeten oder zumindest ungeprüften bauten. Gründen festhalten.
Vor Kurzem habe ich mir ein neues Mountainbike gekauft. Das hört sich vielleicht nicht sonderlich aufregend an, aber für mich war es ein größeres Ereignis. Das liegt daran, dass ich nicht mehr im Mittleren Westen der USA lebe, wo Mountainbiking im Grunde nichts anderes als Fahrradfahren ohne Berge ist – es gibt dort eigentlich nicht einmal echte Hügel. Jetzt wohne ich in den Ausläufern des Santa-Ana-Gebirges in Kalifornien, und mir war klar, dass kein Weg daran vorbeiführte, Recherchen über ein vollgefedertes, zweckmäßiges Mountainbike anzustellen und eine entsprechende Investition zu tätigen. Ich abonnierte also eine Zeitschrift für Mountainbiker, durchstöberte das Internet und führte mir alle möglichen Gutachten und Artikel zu Gemüte. Ich wollte ein Rad kaufen, das wenig wog, aber sehr stabil war. Ich befasste mich deshalb mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen verfügbaren Materialien für den Rahmen, wie zum Beispiel Stahl, Titan, Aluminium und Karbonfaser. Diese letzte Möglichkeit schien mir die abwegigste, zumindest zu Beginn, denn ich hatte vor, ein paar schwierige Touren zu machen – mit großen Felsen, scharfen Kurven, großen Höhenunterschieden und vielen Hindernissen –, und der Gedanke, meine Sicherheit einem neumodischen synthetischen Glasoder Plastikrahmen oder was auch immer es sein sollte, anzuvertrauen, gefiel mir ganz und gar nicht. Ich informierte mich weiter, re19
cherchierte im Internet und unterhielt mich mit jedem Fachmann, der bereit war, sich auf meine Fragen einzulassen. Und was fand ich heraus? Karbonfaser ist haltbarer als Aluminium oder Stahl und sogar leichter als Titan. Es ist ein teures Material, aber es zeichnet sich durch eine großartige Kombination von Belastbarkeit und Gewicht aus und sieht auch noch gut aus. Sie können sich natürlich denken, dass ich am Ende das Mountainbike aus Karbonfaser kaufte. Nach Monaten der Recherche legte ich das Geld für den Rahmen hin, und genauso sorgfältig informierte ich mich durch Gutachten und fachlichen Rat über die besten Komponenten, die den Rahmen ergänzen sollten, wie die Gabel, die HinterbauFederung, die Kurbel, die Umwerfer, die Gangschaltung, die Bremsen (nichts Geringeres als hydraulische Scheibenbremsen vorn und hinten), den Lenker, den Vorbau, die Sattelstütze, den Sattel, Räder, Reifen – ich investierte sogar einige Zeit, um mich über die besten Pedale und Radlerschuhe zu informieren. Das Ergebnis ist, dass ich jetzt ein Rad besitze, mit dem ich wirklich gern fahre, und es leistet mir sehr gute Dienste. (Es muss das coolste Rad auf diesem Planeten sein, und das sollte es auch – ich habe den Preis eines Motorrads bezahlt und besitze nichts weiter als ein Rad ohne Motor. Noch schlimmer, ich habe gemerkt, dass ich der Motor bin!) Warum führe ich das alles so aus? Ich möchte damit zeigen, dass viele von uns massenhaft Zeit darauf verwenden, möglichst viele Informationen und eine Menge Fachwissen für Entscheidungen zu sammeln, die von verhältnismäßig geringer Bedeutung sind – wie z.B. darüber, welches Rad wir kaufen, welches Auto oder welchen Geländewagen wir fahren, welche Kleider wir zu einem besonderen Anlass tragen, mit welchen Büschen oder Blumen wir den Garten bepflanzen, auf welche Universität wir gehen oder was wir sonst tun sollen (hier können Sie Ihr eigenes Beispiel einfügen.). Wie sieht es dagegen aus, wenn es um die ganz erheblichen Fragen geht, zum Beispiel darum, woran wir momentan glauben, ob wir gut daran tun, unser Vertrauen darauf zu setzen, oder ob wir uns nach einem würdigeren Objekt des Glaubens oder einer fundierteren Lehre umsehen sollten? Meinen Sie nicht, dass es sich lohnt, einige Zeit zu investieren, um 20
bewusst über Ihren Glauben nachzudenken? Erlauben Sie, dass ich Sie begleite? Ich Meinen Sie nicht, dass es sich lohnt, einige Zeit möchte Ihnen helfen, sich darüber klar zu zu investieren, um werden, was für ein Glaube es wert ist, in bewusst über Ihren Betracht gezogen zu werden, und welche Glauben nachzudenken? Kriterien hilfreich oder weniger hilfreich bei dieser Entscheidung sind. Mein Anliegen ist es also nicht so sehr, Ihnen zu zeigen, was Sie glauben sollen – das versucht ja ständig jeder –, sondern Ihnen Hinweise zu geben, wie Sie es selbst herausfinden können, indem wir die verschiedenen Methoden der Entscheidungsfindung abwägen und uns einige der vorhandenen Möglichkeiten genauer ansehen. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, denn die Art, wie Sie an Ihre Auswahl herangehen, hat großen Einfluss auf das Ergebnis Ihrer Entscheidung. Sie schulden es sich selbst, nicht nur darüber nachzudenken, was letzten Endes Ihre Auswahl sein wird, sondern erst einmal einen Schritt zurückzutreten und darüber nachzudenken, in welcher Weise Sie darüber nachdenken. Die meisten Menschen berücksichtigen das gar nicht. Sie picken sich ganz zufällig einen Ansatz heraus (oder übernehmen einen, der ihnen angeboten wird) und folgen ihm völlig unkritisch, um sich eine Weltanschauung auszuwählen, die vielleicht oder vielleicht auch nicht die Beste ist. Sicher haben Sie nicht die Absicht, es ebenso zu machen. Deshalb wollen wir uns sechs verschiedene Ansätze vornehmen bzw. sechs »Glaubenspfade« beschreiben, auf denen Menschen in der Regel zu ihrem religiösen Standpunkt gelangen. Wenn Sie erst einmal erkannt haben, auf welchem Glaubenspfad Sie sich befinden, können Sie sich damit befassen, ob dies ein nützlicher Weg für Sie ist oder ob es vielleicht andere, zuverlässigere Pfade gibt, um herauszufinden, was wahr und vertrauenswürdig ist.4 Ich weiß nicht, wohin diese wichtige Reise Sie führen wird, aber es ist unerlässlich, dass Sie Zeit und Kraft in diesen zentralen Bereich Ihres Lebens investieren, um sicherzustellen, dass Sie sich bewusst für eine eigene Glaubensüberzeugung entscheiden. Ich bin überzeugt davon, dass Sie im Nachhinein sehr froh darüber sein werden. 21