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Esther Kietz-Beck

Heimat im Herzen Mein steiniger Weg nach Hause


Die zitierten Bibeltexte ohne Quellenangabe entstammen der Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Die anderen Zitate sind aus folgender Übersetzung entnommen: Gute Nachricht Bibel, revidierte Fassung, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

© R. Brockhaus Verlag Wuppertal 2007 Umschlaggestaltung: Ralf Krauß, Herrenberg Satz: Breklumer Printservice, Breklum Druck: Ebner & Spiegel, Ulm ISBN: 978-3-417-24980-4 Bestell-Nr. 249.80


INHALT

Teil 1: Heimat in Hinterpommern: 1925-1945 Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4

Aus der Kindheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . In der Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Es ist Krieg! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ade, du liebes Heimatland! . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil 2: In der Fremde: 1946-1951 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9

Wohin? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begegnung mit dem »Feind« . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Hütte im Schwarzwald . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Besuch eines alten Freundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abschied von der Oase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil 3: Ziele, Pläne und Enttäuschungen: 1952-1971 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14

Die Ernüchterung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine schicksalhafte Entscheidung . . . . . . . . . . . . . Zunehmende Schwierigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . Nachdenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bis zum Rande des Abgrunds . . . . . . . . . . . . . . . . .

133 146 155 173 183

Teil 4: Am Horizont leuchtet der Tag: 1972-2005 Kapitel 15 Alles hat einen Sinn! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 16 Zeit der Freude, Zeit des Leides . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 17 Der Kreis schließt sich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Erinnerungen an gl端ckliche und traurige Tage, an gute und schwere Stunden, an sorgen- und angsterf端llte Augenblicke, an 端berraschende Wendungen und an die unfassbare, unbegreifliche, unwandelbare und grenzenlose Treue und Liebe Gottes, die doch alle Erkenntnis 端bertrifft.


Teil 1:

Heimat in Hinterpommern 1925-1945 Unsere Erinnerungen bergen viel mehr, als wir annehmen; wir mĂźssen mit ihnen nur behutsam umgehen. CHRISTIAN GRAF VON KROCKOW

Mein Bruder Walter und ich

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Mein Vater mit dem Pferd Grete, 1927

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Kapitel 1

Aus der Kindheit Das Glück überwiegt die Bitternis in der Erinnerung. Freude ist stärker als das Leid. Wie könnte sonst solche Sehnsucht nach der Heimat in einem sein? Ein Tag reiner Freude löscht ein ganzes Jahr des Schmerzes aus. TH. W. ELBERTZHAGEN

Der Erste Weltkrieg war zu Ende, auch die Inflation, die darauf gefolgt war. Am 19.06.1925 wurde ich geboren. Zwei Tage zuvor war mein Bruder fünfzehn Jahre alt geworden. Meine Mutter, fast 40 Jahre alt, hatte dem zu erwartenden Kind etwas besorgt entgegengeblickt. Die Zukunft sah nicht gerade rosig aus. Die Auswirkungen der Inflation waren durch die Einführung einer wohl stabilen Währung, der Rentenmark, für uns weniger zu spüren, denn mein Vater hatte als selbstständiger Kaufmann unter der Arbeitslosigkeit kaum oder wenig zu leiden. Aber die vergangene, schwierige und problematische Zeit bewegte und verunsicherte doch noch die Gemüter. Wer konnte sagen, ob sich so etwas nicht wiederholte? Und dann? Und überhaupt – würde meine Mutter den Anforderungen, die ein Säugling an sie stellte, noch gewachsen sein? Konnte sie in ihrem Alter überhaupt noch ein Kind aufziehen? Seit sie ihr Leben jedoch der Führung Jesu übergeben hatte, wollte sie ihm nun auch ihre Bedenken und Sorgen überlassen und sich trotz vieler unruhiger Gedanken auf ihr Kind freuen. Mein Vater wollte gerne eine Tochter haben. Nun war ihm sein Herzenswunsch erfüllt worden. Vor Begeisterung hatte er meiner Mutter ein Auto geschenkt und mit dem Rauchen aufgehört. In jeder freien Minute freute er sich über das kleine Wesen, das in dem schönen Himmelbettchen lag. Mein Bruder Walter hatte zuerst energisch 7


protestiert, als ihm das Ereignis angekündigt worden war. Er würde dann ins Wasser gehen, hatte er den Eltern gedroht. Mein Vater hatte jedoch ironisch gefragt: »Du meinst zum Schwimmen? – Ja, zu der Zeit wird das Wasser wohl schon warm genug sein.« Als dann die Schwester angekommen war, konnte er sich nicht satt sehen an dem kleinen Wunder. Auch die Aussicht, später einmal das Auto fahren zu dürfen, versöhnte ihn weitestgehend mit dem Nachkömmling. In einer hinterpommerschen Kleinstadt war ein Auto zu dieser Zeit noch eine Seltenheit. In unserer Stadt war es die erste Limousine – heiß begehrt und gern genutzt von Geschäftsleuten, Ärzten, Rechtsanwälten und anderen prominenten Bürgern, ganz besonders bei schlechtem Wetter. Bis Walter jedoch damit fahren durfte, musste er noch etwas Geduld haben. Nun stritt er mit Irma, der zehnjährigen Cousine, um einen Platz am Kinderbett. Irma gehörte ebenfalls zu unserer Familie, seit ihre Mutter vor drei Jahren gestorben war. Von all den Problemen, die meine Eltern vor und nach meiner Geburt beschäftigten, wusste ich natürlich nichts. Ich habe erst später von ihnen erfahren, als jene wundervolle Zeit zu Ende ging und mein Vater einige Jahre später das Auto verkaufen musste. Diese Gelegenheit war für mich sehr seltsam. Ich hörte, wie die kaufwilligen Interessenten, die das Auto kritisch oder wohlwollend begutachteten, über die Vorzüge einer Limousine sprachen und viele andere Fragen erörterten, von denen ich überhaupt nichts verstand. Dabei ging es zum Beispiel um »sechs Zylinder«. Ich zählte, soweit ich das damals schon konnte, die Sitzplätze vorn und hinten an den Fingern zusammen. Drei und drei und drei – warum sollten in dem Auto nur sechs Männer mit Zylindern fahren? Es gab doch Plätze für acht oder neun Leute darin. Und warum die dabei Zylinder aufsetzen mussten? Was war daran so wichtig? Männer, die zu irgendwelchen Feiern gingen, trugen diese schwarzen, steifen Hüte, die ich absolut hässlich fand. Aber mich fragte ja niemand. Warum wurde nun im Hinblick auf das Auto davon gesprochen und so viel Wirbel darum gemacht? – Viele Fragen, 8


auf die ein kleines Mädchen keine Antwort hatte. Es beschäftigte mich jedoch so sehr, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Rund um Falkenburg (heute Zlocieniec), einer kleinen Industriestadt in Hinterpommern, mit dem großen, nicht zu übersehenden Poststempel »Stadt der guten Tuche«, gab es ausgedehnte Wälder, sanfte Hügel und viele, viele Seen. Die »Pommersche Schweiz« – so lautete die offizielle Bezeichnung für den Höhenzug, obwohl die höchste Erhebung wohl kaum mehr als 200 m über dem Meeresspiegel liegt. Den anderen Namen für diese Gegend, »Pommersche Seenplatte«, finde ich zutreffender; denn es gab dort so viele Seen, dass man bei jedem kurzen Spaziergang an einem kleinen oder größeren See vorbeikam. Viele dieser Seen waren kaum bekannt, andere dagegen beliebte Badeseen, sofern sie einen schönen Strand und ein schattiges, nicht zu steiles Ufer hatten. Dort konnte sich die Familie niederlassen, Picknickkörbe sowie kalte und warme Getränke auspacken. Mit Wasserbällen und Schwimmreifen hatten die Kinder die Möglichkeit im seichten Wasser unter Aufsicht der Eltern zu planschen. Manche Seen waren versteckt, von dunklem Tannen- und Kiefernwald umgeben. Sie sahen romantisch, geheimnisvoll, sogar unheimlich aus, wenn sich auf dem dunkelgrün schimmernden Wasserspiegel die hohen Kiefernkronen spiegelten. Das unergründlich scheinende Wasser wirkte verlockend und bedrohlich zugleich. Beim kleinsten Luftzug raschelte und knisterte das dichte Schilfgras, als raunten und flüsterten unbekannte Wesen sich etwas zu, das der Beobachter nicht hören sollte und auch nicht verstehen konnte. Hatten die vielen Spukgeschichten, die an den langen Winterabenden beim spärlichen Schein der Petroleumlampe erzählt wurden, an solchen unheimlichen Seen ihren Ursprung? Ich erinnere mich noch, wie eine Gänsehaut nach der anderen über meinen Rücken lief, wenn ich am Abend im Bett lag und mir die riesigen Hunde vorstellte, die plötzlich aus der Dunkelheit auftauchten und mit rot glühenden Augen einsame Wanderer erschreckten und verfolgten. Papa hatte er9


zählt, dass das Pferd, die gute alte Grete, an einer Wegkreuzung gescheut hatte und in vollem Galopp nach Hause geprescht war. Dort war sie zitternd und schaumbedeckt, das schwarze Fell weiß vom Angstschweiß, vor der Stalltür stehen geblieben. Ob dafür wohl die geheimnisvollen Hunde verantwortlich waren? Die Frauen, die in unserem Wohnzimmer um den Tisch herum saßen, um Berge von Gänsefedern zu reißen, die in der Mitte des Tisches aufgeschüttet wurden, bemerkten kaum etwas von den weit aufgerissenen Kinderaugen. Selbst meine sonst so verständnisvolle Mutter achtete nicht darauf, dass ich schaudernd zuhörte. Unser viel und gern gesungenes Heimatlied weiß nichts von solchen unheimlichen Geschichten. Es besingt die faszinierende Landschaft und wurde beim Feiern in froher Runde oder beim Wandern gern und laut gesungen: »Falkenburg im Kranz der Wälder – Falkenburg im Kranz der Seen, Falkenburg im Kranz der Felder – Falkenburg, wie bist du schön!« In dem zweitletzten Haus der Tempelburger Straße, in dem ich meine ersten Jahre verlebte, wohnte auch meine Großmutter, die sich gemeinsam mit meiner Mutter um meine Cousine Irma kümmerte. Irma war Vollwaise. Sie war zehn Jahre älter als ich. Ihr Vater war im Ersten Weltkrieg gefallen und ihre Mutter drei Jahre vor meiner Geburt gestorben. Sie war für mich wie eine ältere Schwester. Meine lebhafteste und schönste Erinnerung geht in meine früheste Kindheit zurück. Mein erster Freund und Nachbar war Werner Beck. Kaum zwei Jahre alt waren wir, als unsere Mütter uns miteinander bekannt machten. Werner! – Ein Freund und Spielgefährte, wie man sich keinen besseren wünschen konnte! Zank und Streit waren für uns Fremdwörter. Wir waren uns ja immer einig. Ich gab den Ton an, bestimmte, wie und was ich bauen wollte, und Werner sagte nur: »Ja, so mach ich das auch!« Noch viele Jahre später erinnerte sich meine Mutter daran und meinte, wir wären die liebsten und artigsten Kinder gewesen, die sie je beobachtet hatte. 10


Werner war ein Frühaufsteher, ich eine Langschläferin. Stundenlang saß er auf der Treppe, um darauf zu warten, dass ich auch wach wurde. Dabei wurde er von meinem zwei Jahre jüngeren Vetter Gerhard gestört, dessen Vater auf dem Hof eine Tischlerwerkstatt hatte, aus der wir mit den schönsten Bauklötzen versorgt wurden. Diese glatt gehobelten kleinen und größeren Abfallstücke in vielen verschiedenen Formen, rund und eckig, dick und dünn, kurz und lang, waren unser schönstes Spielzeug. Wir liebten diese Tischlereiabfälle. Noch heute fällt es mir schwer, ein glatt gehobeltes Hölzchen wegzuwerfen. Zu gern nehme ich es in die Hand und lasse meine Finger über die warme Oberfläche gleiten. Beim Spielen und Bauen mit diesen Klötzchen waren unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt. Nie wurde es langweilig. Auf dem Fußboden bauten wir quer durch alle Zimmer riesige Anlagen, Häuser, Gärten und Eisenbahnzüge. Schachfiguren waren die Bewohner der Häuser und die Reisenden in der Eisenbahn. Immer wieder konnten wir alles verändern und neu gestalten, wenn uns eine andere Idee kam, und dabei vergaßen wir alles um uns her. Ich bemerkte nicht einmal, dass mein Bruder nach kurzer Krankheit noch vor seinem achtzehnten Geburtstag starb. Er hatte sich mit Tuberkulose angesteckt, was zu spät erkannt wurde und nicht mehr behandelt werden konnte. Erst Monate später wurde es mir bewusst, als ich meine Mutter auf dem Teppich im Wohnzimmer knien sah, während ihre Tränen unaufhaltsam darauf tropften. Die still weinende Mutter – dieses Bild hat mich so erschüttert und sich so tief eingeprägt, dass ich es nie vergessen habe. Ich war zu dieser Zeit erst drei Jahre alt. Als ich mich sehr viel später daran erinnerte und meine Mutter fragte, warum sie damals geweint habe, erzählte sie mir den Grund: Mein Bruder hatte sich den sehr wertvollen Teppich im Wohnzimmer schon vor meiner Geburt als sein Erbe erbeten. Den sollte die kleine Schwester nicht bekommen. Das möge meine Mutter doch in ihrem Testament bestimmen. Daran hatte Mutti denken müssen, als sie nun nach Walters Tod den Teppich gebürstet und ich ihre Tränen gesehen hatte. 11


Mit dieser Erinnerung an die weinende Mutter wird noch ein anderes Bild an meinen lebenden, noch gesunden, Bruder lebendig. Es war sein letztes Weihnachtsfest. Der Weihnachtsmann war gekommen und ich hatte einen kurzen Vers aufgesagt. Nun sollte auch mein Bruder ein Gedicht vortragen. Er stotterte dabei so, dass der Weihnachtsmann böse wurde und Walter mit der Rute drohte. Zitternd vor Angst saß ich neben meiner Mutter auf dem Sofa und wollte meinem Bruder so gern helfen. Aber der versteckte sich vor dem laut schimpfenden Weihnachtsmann und kroch unter den großen Blumentisch vor dem halbrunden Erkerfenster. Von dort aus flüchtete er hinter den Kachelofen und schien meine ängstlichen Bemühungen, ihm einen Vers vorzusagen, nicht zu bemerken. Wahrscheinlich machte Mutti im Hinblick auf meine Angst dem Spiel dann ein Ende. Der Weihnachtsmann ließ von Walter ab und wandte sich mir wieder zu. Ob ich für meinen ungezogenen Bruder nicht noch einen Vers sagen könne? Und ich stotterte bebend: »Lieber, guter Weihnachtsmann ….« Das genügte ihm schon. Wäre dieses Erlebnis nicht gewesen, könnte ich mich an meinen Bruder Walter überhaupt nicht erinnern. Drei Wochen vor meinem dritten Geburtstag starb er. Meine Mutter gehörte der Landeskirchlichen Gemeinschaft an, die im Haus meiner Eltern im Souterrain einen Raum für Bibelstunden und den Kindergottesdienst gemietet hatte. Der Prediger, der in Dramburg wohnte, übernachtete manchmal auch in unserem Hause, nachdem er die Bibelstunde gehalten hatte. Er half auch meinen Eltern durch seinen Zuspruch und Trost über die traurige Zeit nach dem Tode Walters hinwegzukommen. Sonntagnachmittags durfte ich Mutti zum Gottesdienst in den Konfirmandensaal gegenüber der Kirche begleiten, »zur Stunde«, wie sie es nannte. Obwohl ich von der Predigt nichts verstand, ging ich gern mit wegen der schönen Lieder, die gesungen wurden. Ich sang ja so gern, obwohl ich die Texte nicht verstand. Um mich während der Predigt zu beschäftigen, nahm Mutti ein Bilderbuch für mich mit; mein »Liederbuch«, aus dem ich hin und wieder auch sang, begeistert, laut 12


und nicht unbedingt mit der Melodie übereinstimmend, so dass manche Gottesdienstbesucher dadurch irritiert wurden. Für meine Eltern war der Tod Walters der Beginn einer schweren Zeit voller Not. Nicht nur die Trauer um den Sohn war es, die sie erschütterte, auch finanzielle Sorgen belasteten sie zunehmend. Mein viel zu gutmütiger und gutgläubiger Vater hatte unmittelbar nach der Inflation einigen Geschäftsfreunden helfen wollen, indem er ihnen Wechsel unterschrieb, die er dann auch einlösen musste. Das war zu viel Belastung für sein sonst gut gehendes Geschäft. Bald musste er Konkurs anmelden. Er fand niemanden, der bereit war, ihm zu helfen. Das Auto wurde verkauft, das Haus versteigert, und nur ein kleiner Rest für einen spärlichen Neuanfang blieb den Eltern erhalten. Mit diesem Geld konnten sie außerhalb der Stadt, fast in der Einöde, ein Grundstück erwerben. Sie bauten eine provisorische Wohnung, ein Gartenhaus mit angebautem Stall für das Pferd, eine Kuh, ein paar Hühner und Gänse. Später sollte dann ein solides Haus vorn an der Straße errichtet werden. In meinem Puppenwagen transportierte ich unsere alte graue Katze und meine zwei Puppen zu unserem neuen Heim. Für meine Begriffe war es ein weiter Weg. Die Polziner Chaussee begann unmittelbar hinter der Schlossziegelei, am Ausgang der Stadt. An der langen, graden Straße standen rechts und links Kastanienbäume, daneben waren Felder und Wiesen. Zuerst ging es sanft abwärts bis zur Dragebrücke, von der aus man einen wunderbaren Blick auf die Stadt hatte, unmittelbar hinter der Brücke ging es wieder bergauf. Weit und breit kein Haus. Erst oben, wo die Straße wieder eben wurde, standen rechts drei Villen, links verdeckte eine hohe Böschung die dahinter liegenden Felder. Hinter den Villen bog ein sandiger Feldweg nach rechts ab, an dem zwei lang gestreckte, schmucklose Häuser standen, zwischen beiden lag ein großer Hof, dessen Mittelpunkt eine Wasserpumpe mit einem langen Schwengel und einem gemauerten Brunnen mit niedrigem Rand bildeten. Die beiden Backsteinhäuser waren nach dem Ersten Weltkrieg für Deutsche gebaut worden, die in Westpreußen ge13


wohnt hatten, aber nicht dort bleiben wollten, als das Gebiet an Polen fiel, wie es im Versailler Vertrag ausgemacht worden war; »Optantenhäuser« nannte man sie. Unmittelbar angrenzend begann das Grundstück, das meine Eltern gekauft und auf dem sie unser provisorisches Heim erbaut hatten. Es war das letzte Gebäude am Ausgang von Falkenburg in Richtung Teschendorf. Als wir dort einzogen, gab es weder elektrisches Licht noch fließendes Wasser. Papa hat darum als Erstes eine Pumpe aufgestellt, aus der wir unser Wasser holen konnten. Die Pumpe war lange nicht so groß und hoch wie die auf dem Nachbargrundstück, aber sie war näher und für uns bequemer. Für die Beleuchtung dienten uns ausschließlich Petroleumlampen. Ich fand das alles ganz interessant. Es machte mir Spaß, den leichten Pumpschwengel zu bewegen und den kühlen Strahl des frischen Wassers über meine nackten Füße laufen zu lassen. Für Mutti war es ziemlich unbequem. Sie musste fast ein Jahr lang auf den Stromanschluss warten. In der Küche war ein aus Backsteinen gemauerter Herd, der gleichzeitig zum Kochen und Heizen diente. Der Ofen im Wohn- und Schlafzimmer, das nur durch Vorhänge abgeteilt war, war ebenfalls aus Backsteinen gemauert. Auf der Ofenbank war es im Winter so richtig mollig und behaglich. Ich saß gern darauf, um meine Füße aufzuwärmen, wenn es draußen eiskalt war und man durch die zugefrorenen Fenster nur hinaussehen konnte, nachdem man die Eisblumen durch den Hauch oder eine darauf gepresste Münze kurzzeitig weggetaut hatte. In der Ofenröhre lagen Äpfel, die nicht nur wunderbar dufteten, sondern auch sehr gut schmeckten. Etwa 400 Meter weiter war das Birkenwäldchen. Ein tiefer, von Sträuchern und niedrigen Bäumen bewachsener, trockener Graben, durch den vor langer, langer Zeit noch Wasser in die Drage geflossen war, trennte dieses Wäldchen in zwei verschieden große Bereiche. Für uns Kinder war nur der vordere Abschnitt interessant; denn an der steilen Böschung gab es Fuchsbauten und tiefe oder flache Gruben, die wir erweiterten und als Höhle oder Versteck nutzten, nachdem wir aus belaubten Zweigen ein Dach darüber gelegt hatten. 14


Aus dem Fenster sah man über die Drageniederung hinweg unser altes Haus. Unmittelbar daneben, in dem letzten Haus der Tempelburger Straße, wohnte Werner. Hier, so weit draußen, hatte ich mich mit niemandem angefreundet, gewöhnte mich aber allmählich daran, mich allein zu beschäftigen und zu spielen. Viel schlimmer war es für Werner, dessen Mutter nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben war. Sein Vater heiratete aber bald eine junge Frau, die Werner schon kannte. Sie hatte im gleichen Haus gewohnt.

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