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Das WeihnachtsfeierVorlesebuch Zusammengestellt von Friederike Tegge


© 2006 R. Brockhaus Verlag Wuppertal Umschlaggestaltung: Ralf Krauß, Herrenberg Satz: Fabian Sulzer, Witten Druck: Ebner, Ulm ISBN-10: 3-417-24949-X ISBN-13: 978-3-417-24949-1 Bestell-Nr.: 224.949


Inhalt VORWORT

„Irgendetwas sang in ihm!“ – Nachdenkliche Weihnachtsgeschichten

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Dina Donohue: Kein Raum in der Herberge (3 Min.) Dietrich Mendt: Das andere Weihnachten (6 Min.) Heinrich Böll: Monolog eines Kellners (5 Min.) Robert Farelly: Wie die Liebe Gottes durch ein Schweinskotelett zu einem Menschen kam (12 Min.) Penelope Hope: Weihnachtsfest in der Bronx (8 Min.)

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„Noch nie hat es solch ein Kind gegeben!“ – Geschichten rund um die Krippe

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Selma Lagerlöf: Die heilige Nacht (11 Min.) Agatha Christie: Die Versuchung (15 Min.) Kurtmartin Magiera: Vor der Tür (6 Min.) Max Bolliger: Eine Hirtenlegende (3 Min.) Geno Hartlaub: Der Esel Ibrahim (14 Min.)

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„Nur Liebe kann Liebe wecken“ – Weihnachtsgeschichten mit Herz

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O. Henry: Das Geschenk der Weisen (14 Min.) Pearl S. Buck: An jenem Morgen ... (7 Min.) Max Bolliger: II Panettone (9 Min.) Manfred Hausmann: Er entdeckt den Weihnachtsstern (7 Min.) Hans Christian Andersen: Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern (6 Min.)

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Inhalt „Ach, wie entzückend, ein Kerzenständer!“ – Heitere Weihnachtsgeschichten

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Margret Rettich: Die Geschichte vom artigen Kind (5 Min.) Karl Heinrich Waggerl: Worüber das Christkind lächeln musste (4 Min.) Renate Fehling: Das attraktive Seifenschälchen (4 Min.) Françoise Sagan: Ein flandrischer Hirtenhund (11 Min.) Karl Heinrich Waggerl: Der Tanz des Räubers Horrifikus (5 Min.)

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„Sogar das Lametta ist geladen“ – Skurrile Weihnachtsgeschichten

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Robert Gernhardt: Die Falle (18 Min.) Albrecht Gralle: Die wunderbaren Schaufenster (16 Min.) Ernst A. Ekker: The Real Christmas Tree (10 Min.) Ludwig Thoma: Der Christabend (8 Min.) John Updike: Die 12 Schrecken der Weihnacht (7 Min.)

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„Ich hab’ für das Jesuskind noch ein Geschenk“ – Weihnachtsgeschichten für Kinder von 3 bis 5 Jahren

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Helga Aichinger: Der Hirte (3 Min.) Günter Spang: Ochs und Esel (5 Min.) Jakob Streit: Bachstelze und Kreuzspinne (3 Min.) Max Bolliger: Eine Wintergeschichte (3 Min.) Catharina Bachem-Tonger: Das verschwundene Jesuskind (6 Min.)

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Inhalt „Ich wünsche mir dringend ein Nilpferd“ – Weihnachtsgeschichten für Kinder von 6 bis 8 Jahren Brüder Grimm: Die Sterntaler (2 Min.) David Henry Wilson: Der Mann im braunen Mantel (12 Min.) Roswitha Fröhlich: Wie Joschi zu seinem Meerschweinchen kam (7 Min.) Margret Rettich: Die Geschichte vom Weihnachtsbraten (6 Min.) Rudolf Kinau: Unter dem Schornstein (7 Min.)

„He! Euch ist ein Kindlein geboren“ – Weihnachtsgeschichten für Kinder von 9 bis 11 Jahren Barbara Robinson: Weihnachten mit den Herdmanns (15 Min.) Marie Hamsun: Ottar und der Stern (18 Min.) Hans Bender: Die Herberge (7 Min.) Selma Lagerlöf: Die Mausefalle (19 Min.) Gina Ruck-Pauquét: Mann im Park (1 Min.) Margret Rettich: Die Geschichte vom Strolch (9 Min.)

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Vorwort

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as? Schon wieder Dezember?!“ Erneut geht ein Jahr seinem Ende entgegen, und Weihnachten rückt mit Riesenschritten näher. Mit sich bringt es Nelkenduft und Glühwein, Schokolade, Plätzchen und Bratäpfel, Geheimnisse, Geschenke und Kerzenschein und über allem die Freude über das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Auch Bücher gehören für mich seit frühester Kindheit zum Weihnachtsfest. Man bekommt sie geschenkt oder verschenkt selbst eins. Vor allem aber ist die schummrigschöne Adventszeit eine Zeit des Lesens und Vorlesens. Zu zahlreichen Anlässen – bei Familientreffen, Adventskaffees oder Weihnachtsfeiern – kann man durch Geschichten den Zauber dieser besonderen Zeit weitergeben. Das Weihnachtsfeier-Vorlesebuch enthält dazu über vierzig der schönsten Weihnachtsgeschichten, aus denen Sie auswählen können. Leider ist die Weihnachtszeit nicht nur „eitel Kerzenschein“. Stress kann uns schnell die Festtagsstimmung verderben. Oft fällt es nicht leicht, zwischen der normalen Arbeit, dem Einkaufskampf im Festtagsgewühl, dem Telefonieren und Kartenschreiben noch Zeit zu finden, eine stimmungsvolle Feier vorzubereiten. Dieses Buch stellt sich der „Feiertagsrealität“ und bringt praktische Hilfe: Durch eine übersichtliche thematische Anordnung kann schnell die passende Geschichte gefunden werden – ob Sie nun etwas Heiteres oder Nachdenkliches, Geschichten rund um die Krippe, einen humorvollen Blick auf das moderne Christfest oder Geschichten für Kinder unterschiedlichen Alters suchen. Um Ihre Planung weiter zu erleichtern, ist außerdem zu jeder Erzählung die Vorlesezeit angegeben.

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Vorwort Ich hoffe, dass dieses Buch für Sie Erleichterung und Bereicherung zugleich sein wird, und wünsche Ihnen eine stressarme und segensreiche Weihnachtszeit! Friederike Tegge

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„Irgendetwas sang in ihm!“

Nachdenkliche Weihnachtsgeschichten


Kein Raum in der Herberge Dina Donohue

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alter Bulling war gerade neun Jahre alt geworden und ging in die zweite Grundschulklasse, obwohl er eigentlich in der vierten hätte sein sollen. Er war groß und unbeholfen, langsam in seinen Bewegungen und im Denken, aber seine Klassenkameraden mochten ihn. Er war stets hilfsbereit, gutmütig und heiter und der geborene Beschützer der Jüngeren. Eigentlich wäre Walter im Krippenspiel gern ein Schäfer mit einer Flöte gewesen, aber Fräulein Schmitt hatte ihm eine wichtigere Rolle zugedacht. Der Wirt hatte schließlich nur wenige Zeilen zu sprechen – so überlegte sie sich –, und Walters Größe würde der Weigerung, Joseph und Maria zu beherbergen, mehr Nachdruck verleihen. So versammelte sich wie gewohnt die zahlreiche Zuhörerschaft zu der alljährlichen Aufführung der Weihnachtsgeschichte mit Hirtenstäben und Krippe, Bärten, Kronen, Heiligenscheinen und einer ganzen Bühne voll heller Kinderstimmen. Doch weder auf der Bühne noch im Zuschauerraum gab es jemanden, der vom Zauber dieses Abends mehr gefangen war als Walter Bulling. Es kam der Augenblick, wo Joseph auftrat und Maria behutsam vor die Herberge führte. Joseph pochte laut an die Holztür, die man in die gemalte Kulisse eingesetzt hatte. Walter als Wirt stand dahinter und wartete: „Was wollt ihr?“, fragte er barsch und stieß die Tür heftig auf. „Wir suchen Unterkunft.“ – „Sucht sie anderswo.“ Walter blickte starr geradeaus, sprach aber mit kräftiger Stimme. „Die Herberge ist voll.“ – „Herr, wir

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Nachdenkliche Weihnachtsgeschichten haben überall vergeblich gefragt. Wir kommen von weit her und sind sehr erschöpft.“ – „In dieser Herberge gibt es keinen Platz für euch.“ Walter blickte streng. „Bitte, lieber Wirt, das hier ist meine Frau Maria. Sie ist schwanger und braucht einen Platz zum Ausruhen. Ihr habt doch sicher ein Eckchen für sie. Sie ist so müde.“ Jetzt lockerte der Wirt zum ersten Mal seine starre Haltung und schaute auf Maria herab. Dann folgte eine lange Pause, so lang, dass es für die Zuhörer schon ein bisschen peinlich wurde. „Nein! Schert euch fort!“, flüsterte der Souffleur aus der Kulisse. „Nein!“, wiederholte Walter automatisch. „Schert euch fort!“ Traurig legte Joseph den Arm um Maria, und Maria lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. So wollten sie ihren Weg fortsetzen. Aber der Wirt ging nicht wieder in seine Herberge zurück. Walter blieb auf der Schwelle stehen und blickte dem weiterziehenden Paar nach – mit offenem Mund, die Stirn sorgenvoll gefurcht, und man sah deutlich, dass ihm die Tränen in die Augen traten. Und plötzlich wurde dieses Krippenspiel anders als alle bisherigen. „Bleib hier, Joseph“, rief Walter. „Bring Maria wieder her.“ Walter Bullings Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. „Ihr könnt mein Zimmer haben.“ Manche Leute meinten, Walter habe das Spiel verdorben. Aber viele, viele andere hielten es für das weihnachtlichste aller Krippenspiele, die sie je gesehen hatten.

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Das andere Weihnachten Dietrich Mendt

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ans hat sich sehr verändert. Er ist freundlicher geworden, zuvorkommender, nachsichtiger und ein wenig bescheidener. Er schnappte früher sehr schnell ein, nahm „übel“! Aber jetzt tritt er nicht mehr so großspurig auf, er weiß nicht mehr auf alle Fragen eine Antwort, infolgedessen fragt man ihn neuerdings gern einmal. Er kann sogar jemanden um Hilfe bitten! Früher hielt er das für eine Schwäche. Ja, er hat sich sehr verändert. Und inzwischen weiß ich auch, warum. Ich will es euch erzählen. Es ist eine Weihnachtsgeschichte, aber eine andere als die, die wir gewohnt sind, aber vielleicht gerade darum eine der weihnachtlichen Wahrheit näher kommende Geschichte als alles, was mit Stall und Esel und Ochsen und dem rücksichtslosen Wirt in Bethlehem zu tun hat und überhaupt mit der Zeit vor zweitausend Jahren. Ich traf Hans mit dem Kinderwagen. Darin lag sein Junge, zwei Jahre alt. Mit einem Mann, der einen Kinderwagen schiebt, kann man besser reden als mit einem Kollegen. Wir arbeiten in der gleichen Werkhalle als Ingenieure, genauer: Ich arbeite in seiner Abteilung, er ist mein Chef. In der Vergangenheit hatten wir alle Angst vor ihm, jetzt, seit er sich so verändert hat, nicht mehr. Das sagte ich ihm. Ich sagte: „Hans, weißt du eigentlich, dass du dich sehr verändert hast? Wir sind froh darüber. Und wir fragen uns manchmal, woher das wohl kommt.“ Da antwortete er, ernst und ganz sachlich, als ob er Auskunft gäbe auf eine Frage nach der nächsten Haltestelle der Straßenbahn oder nach einer bestimmten Hausnummer:

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Nachdenkliche Weihnachtsgeschichten „Ich habe Gott gesehen!“ – „Was“, sagte ich, „was hast du gesehen?“ – „Gott!“ Mir war, das muss ich zugeben, ziemlich unbehaglich zu Mute. „Gott? Wo denn? Wo sieht man denn heutzutage Gott?“ Er zeigte auf den Kinderwagen. „Hier!“, sagte er. Und dann erzählte er mir seine Geschichte. Hans war das, was man einen „modernen Menschen“ nennt. Oder vielmehr: Er wollte es gern sein! Und so tat er alles so und lebte überhaupt so, wie er sich einen so genannten modernen Menschen vorstellte. Zu einem modernen Menschen gehört natürlich, dass er nicht an Gott glaubt, dass er sich manchmal lustig macht über Leute, die „noch“ (moderne Menschen sagen an dieser Stelle stets „noch“) an Gott glauben – wie seine Frau zum Beispiel. Sie hatte es aufgegeben, mit ihm darüber zu reden, nachdem er ihr eines Tages folgenden Vortrag gehalten hatte: „Weißt du, an Gott könnte ich nur glauben, wenn ich ihn sehe! Und dann müsste es ein Gott sein, der alles kann, der über eine überragende Intelligenz verfügt, der immer weiß, was zu tun und was zu lassen, was gut und was böse ist – und der auch die Macht hat, das Gute, das Richtige wirklich durchzusetzen. Zeige mir einen solchen Gott, und ich glaube an ihn. Aber wenn du ihn mir nicht zeigen kannst, dann lass mich in Ruhe.“ Seine Frau ließ ihn in Ruhe. Eines Tages bekamen sie ihr erstes, ersehntes Kind. Er war dabei, sah zu, wie sich seine Frau plagte. Sie plagte sich mehr als andere, es war ein Achtmonatskind, sie wussten nur beide noch nicht, warum. Sie wussten nicht, dass dieses Kind eher kam, weil es einen Hirnschaden hatte. Deshalb verursachte es seiner Mutter besondere Schmerzen bei der Geburt, man musste es operativ herausholen. Deshalb wich die Freude über das erwünschte Kind bald einem bitteren Leid, um nicht zu sagen, einer großen Enttäuschung. „Es wird, wie es aussieht, keine schwere Behinderung sein“, sagte der Arzt, der die Geburt

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„Irgendetwas sang in ihm!“ geleitet hatte, „aber es wird wohl keine Schule besuchen können und vielleicht auch Beine und Arme nicht normal bewegen.“ Als er so weit war mit Erzählen, fiel mir erst auf, dass man eigentlich ein Kind von zwei Jahren nicht mehr im Kinderwagen spazieren fährt – und außerdem fiel mir auf, dass wir alle als seine Kollegen von der Behinderung dieses Kindes bisher nichts gewusst hatten, und das bedrückte mich unwillkürlich, ich fühlte mich auf einmal schuldig Hans gegenüber, den ich immer nur für schuldig anderen gegenüber gehalten hatte. Hans machte es mehr zu schaffen als seiner Frau. Ehe er weitererzählte, sagte er: „Das ist wohl immer so bei den Vätern! Männer wollen immer stark sein, das ist ihre Schwäche.“ Er betrachtete es als eine persönliche Niederlage und fragte zunächst in seiner Verwandtschaft nach, ob „so etwas schon einmal vorgekommen“ sei. Er wollte den Nachweis bringen können: „An mir liegt es nicht! Es muss aus der Linie meiner Frau kommen!“ Er teilte diese Erkenntnis auch seiner Frau mit und hatte dabei noch ganz und gar seinen alten überheblichen Ton. Seine Frau schwieg. In ihrem Herzen rechnete sie damit, dass ihr Mann sie wegen dieses Jungen verlassen würde, wie es viele Männer tun. Sie wusste davon. Das Kind war sechs Wochen alt. Seine Frau stillte gerade, als er vom Betrieb nach Hause kam. Ein mühsames Geschäft, denn der kleine Sohn hatte nicht die gleiche Kraft wie ein gesundes Kind. Er schlief ständig ein von der Anstrengung und musste geweckt und neu angelegt werden. Man musste ihm sozusagen dauernd gut zureden. Hans verließ in der Regel das Zimmer. Er konnte den Anblick noch immer schwer ertragen. Diesmal blieb er. Eigentlich wusste er nicht, warum – später sagte er: „Gott hat mich festgehalten!“ Als er sich neben seine Frau stellte, machte der Junge die Augen auf und streckte seine Arme aus nach dem Vater, vielleicht nicht einmal be-

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Nachdenkliche Weihnachtsgeschichten wusst, aber es sah so aus. Da nahm ihn Hans, zum ersten Mal, obwohl man das Stillen eigentlich nicht unterbrechen soll, das wusste er aus Büchern – die ersten Kinder erzieht man bekanntlich noch ganz und gar aus Büchern. Er hielt ihn lange fest und schaute ihn genau an. An diesem Abend redete er wenig. Er dachte nach. Dann sagte er zu seiner Frau: „Das erinnert mich an ein Bild, wie ich euch vorhin so sitzen sah. Welches Bild mag das gewesen sein?“ Als er schon im Bett lag, fiel es ihm ein, und er stand nochmals auf. Er kramte in seiner großen Mappe, in der er Bilder aus Kalendern und Kunstdrucke aufhob, und brachte seiner Frau das Bild der Heiligen Familie von Correggio. Das Original ist im Besitz der Dresdner Gemäldegalerie. „Das ist es!“, sagte er, weiter nichts. Erst nach ein paar Tagen konnte er seine Gedanken ordnen. Das musste er immer: seine Gedanken ordnen. Erst dann konnte er auch danach leben, konnte er sie in sein Leben umsetzen. „Das ist Gott!“, sagte er. „Ein Kind! Jetzt habe ich ihn gesehen. Kein Mächtiger, nein, ein Schwacher. Er hat mich verändert. Er braucht mich. Gott braucht mich! Daran habe ich nie gedacht. Ein Gott, der mich brauchen kann! Nicht einer, den ich brauche, sondern einer, der mich braucht. Ich werde gebraucht. Unser Junge braucht mich. Ich will ihm ein guter Vater werden.“ Und er wurde es. Versteht ihr jetzt, dass meine Geschichte eine Weihnachtsgeschichte ist?

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