»Ich habe mir selbst über die Schulter geschaut« Wenn ein Sterbebegleiter Frau und Tochter verliert Matthias Brefin war Spitalpfarrer in Liestal bei Basel. Der Umgang mit Tod und Sterben war eines seiner Lebensthemen. Nun hat er Frau und Tochter durch die verheerende Flutwelle in Thailand verloren. Wie geht ein ausgewiesener Fachmann mit diesem Verlust um? VON DAVID NEUFELD
»Ich glaube, ich bleibe grad’ hier«, hatte Mireille Brefin (35) auf dem Fax aus Khao Lak geschrieben, in höchsten Tönen von dem thailändischen Ferienort geschwärmt. Der Urlaub war auch der Erholung von einer schweren Operation vor drei Jahren gedacht – man hatte ihr einen Gehirntumor entfernt, die Situation war kritisch gewesen. Nun haben sich ihre Zeilen auf tragische Weise ganz anders erfüllt: Am 30. Dezember 2004 erlag Mireille ihren Verletzungen. Als Vater Matthias Brefin (61) die Nachricht vom Seebeben in Südostasien mitbekommt, realisiert er schnell, dass die Situation bedrohlich ist: Seine Frau Rosette (64) und Tochter Mireille sind seit dem 10. Dezember 2004 zu einem vierwöchigen Urlaub in Thailand. Erst im Vorjahr war Brefin im selben Hotel. Er weiß also, wie nah sich das Hotel der beiden am Meer befindet. Sein erster Gedanke ist, Medikamente für Mireille zu organisieren, die sie im Zusammenhang mit dem Hirntumor einnehmen muss. Die Liestaler Apotheke stellt die wichtigen Medikamente unkompliziert der Rega (der schweizerischen Rettungsflugwacht) zur Verfügung, die sie mit dem nächsten Flug nach Thailand mitnimmt. 44
Matthias Brefin und die beiden anderen Kinder Lukas und Annette (beide 33) beginnen fieberhaft zu recherchieren. Telefonate beim Amt für Auswärtige Angelegenheiten in Bern, beim Reiseveranstalter und Nachrichtensendungen im Fernsehen. Von Mireille und Rosette fehlt jede Spur. Erst nach Tagen findet Lukas den Namen seiner Schwester auf der Verletztenliste eines Krankenhauses im Internet. Auch als sie in ein besser ausgestattetes Hospital verlegt wird, finden die Angehörigen zu Hause in der Schweiz das heraus. Sie bitten die Rega um Unterstützung. Am 30. Dezember 2004 sind zwei Ärzte der schweizerischen Rettungsflugwacht unterwegs zu Mireille Brefin. Tatsächlich finden sie sie in dem via Internet recherchierten Krankenhaus in Phuket. Mireille ist bewusstlos, an Kopf, Oberkörper und Bauch ist sie schwer verletzt. »Die Ärzte riefen mich vom Spitalbett aus an und sagten mir, dass sie jetzt bei meiner Tochter seien. Allerdings hätten sie leider schlechte Nachrichten für uns: Mireille sei so schwer verletzt, dass sie die Folgen der Flutwelle nicht überleben werde«, berichtet Brefin der Liestaler Basellandschaftlichen Zeitung, die über die Familie schreibt. Medizinisch können die Schweizer Ärzte nichts mehr für Mireille tun, menschlich sehr wohl: Die beiden bleiben etwa eine Stunde bei ihr, sind an ihrem Krankenbett, als Mireille stirbt. »Das war für mich eine große menschliche Geste. Ich bin sicher, meine Tochter spürte durch ihr Koma hindurch, dass nun ein kleines Stück Heimat bei ihr am Spitalbett angekommen war. Dafür bin ich sehr dankbar.« Brefins Frau Rosette gilt offiziell als vermisst, doch Matthias Brefin macht sich keine großen Hoffnungen mehr. Im Internet hat er bei Fotos noch nicht identifizierter Flutopfer auch ein Bild seiner Frau entdeckt. Die Polizei teilt seine Einschätzung, auch wenn es so schnell keine endgültige Gewissheit geben wird. Am 20. Januar 2005 fährt Matthias Brefin zum Flughafen nach Zürich, um eine Urne mit den sterblichen Überresten von Mireille in Empfang zu nehmen. Ein harter Tag? »Ich bin gleichzeitig traurig und gefasst. Es wurde etwas abgeschlossen, wofür ich lange 45
gebangt, gehofft und gelitten habe«, meint der Pfarrer im Ruhestand in einem Radiobeitrag des ERF Schweiz. Dass Mireille und Rosette ihre Ferien bis zum letzten Tag in vollen Zügen genossen haben, tröstet den Zurückgebliebenen. Auch die großzügige und warmherzige Hilfsbereitschaft von vielen Seiten schätzt er sehr. »Dieses Unglück hat eine Solidarität über alle Grenzen und Religionen hinweg geschaffen, die eine gewaltige Kraft ist. Man merkt nun vielleicht, dass man mit Krieg und Gewalt keine Probleme lösen kann.« Das Thema Tod ist Matthias Brefin vertrauter als den meisten Menschen. 25 Jahre lang hatte er als Spital-Seelsorger in Liestal Sterbende und ihre Angehörigen begleitet. Er hat zwei Bücher veröffentlicht und schult in Seminaren Pflegekräfte und Mitarbeitende von Hospizvereinen im Umgang mit dem Sterben. Inzwischen pensioniert, ist er durch das Seebeben vom 26. Dezember 2004 selbst dramatisch betroffen. Ob ihm sein spezielles Fachwissen jetzt eine Hilfe ist? »Im ersten Moment habe ich reagiert wie alle anderen auch. Ich bin fast durchgedreht, habe gehofft, gebangt. Mein Verstand spielte verrückt«, erzählt Brefin gefasst. »Aber dann hat es mir tatsächlich geholfen. An den ersten Tagen und Nächten habe ich ja ohne Unterbrechung nach Informationen gesucht, wollte Näheres über den Verbleib der beiden erfahren. Dabei habe ich mir manchmal irgendwie selbst über die Schulter geschaut und mir gesagt: Das kennst du doch!« Der Seelsorger weiß von unzähligen Erfahrungsberichten, dass dieser Zustand in solch einer Situation ganz normal ist. »Ich konnte mich dann selbst an der Hand nehmen und wieder auf den Weg zurückführen. Es war wohl eine Feuerprobe, was mein Wissen wert ist, was es wirklich taugt. Und was für die Halde ist.« Brefin lächelt. Reine Theorie war das Thema Tod in Brefins Leben so gut wie nie. Als er sechs Jahre alt ist, stirbt der Vater an einer Hirnblutung. »Da begann ich mir Gedanken zu machen: ›Wo ist der denn nun?‹ Ganz kindliche Gedanken waren das. Mit der Zeit wandelten sich 46
diese Gedanken, sie wurden erwachsener.« Mit 15 hat Brefin einen schweren Unfall, liegt im Koma. »In dieser Zeit hatte ich ein NahTod-Erlebnis. Aber ich konnte mit niemandem darüber reden.« Erst viel später, als er längst Pfarrer ist, begegnen ihm Patienten, die ähnliche Erlebnisse schildern. Brefin sucht den Kontakt mit Elisabeth Kübler-Ross. Die 1926 in Zürich geborene Psychiaterin und Medizinerin wurde 1969 durch ihre Arbeit mit Sterbenden in Chicago und durch das Buch On Death and Dying (»Interviews mit Sterbenden«) international bekannt. Matthias Brefin begleitete viele Sterbende in ihren letzten Stunden. »Es ist anders, wenn es einen selbst trifft«, sagt er freimütig. Wie geht es einem Pfarrer, dem der christliche Glaube mehr als vertraut ist, in solch einer Situation? »Aufs Ganze gesehen war mir der Glaube eine Hilfe. Auch wenn im ersten Schock vieles abfällt. Da hätte keiner der Kollegen mit einem Bibelspruch kommen dürfen. Das hätte ich nicht ertragen. Es hat mir viel mehr genützt, wenn jemand kam und mir eine Suppe kochte.« Erst als Brefin allmählich wieder Boden unter den Füßen gewinnt, beginnt er auch auf sein Fachwissen zurückzugreifen, was Tod und Trauer betrifft. Das biblische Buch Hiob gewinnt für ihn an Aktualität: »Ich habe noch nie so viel im Hiob gelesen wie in der letzten Zeit. Ich spürte eine große Nähe zu diesem schwer geprüften Mann.« Und Worte aus den Psalmen, die er in schweren Zeiten oft anderen zugesprochen hatte, fangen an, auch ihn wieder zu tragen: »Der Glaube fängt mich wieder auf.« Im Januar gibt Matthias Brefin langfristig geplante Kurse in Pflegeschulen (Thema: Umgang mit Trauernden), trotz des schweren Schicksalsschlages. »Das war sogar sehr gut für die Verarbeitung.« Diese Arbeit will er auf jeden Fall fortsetzen. Und einiges will er darin in Zukunft anders machen. »Mir sind durch die eigene Betroffenheit Dinge wichtig geworden, die bisher in meinen Schulungen kaum eine Rolle spielten: Dass zum Beispiel praktische Hilfe oftmals mehr wert ist als viele Worte. Oder dass simpler Augenkontakt enorm wichtig ist. Ich werde die Kursteilnehmer 47
neu ermutigen, trauernde Menschen da abzuholen, wo sie sind, um ihnen wieder Vertrauen und Geborgenheit zu geben.« Anfang Februar fliegt Matthias Brefin für fünf Wochen in die Vereinigten Staaten, um sich auf die neue Situation, alleine zu leben, einzustellen. »Man kann ja nichts mehr ändern. Ich muss mich mit der Tatsache abfinden.« Als Urenkel des Malers Albert Anker (1831 bis 1910) ist Matthias Brefin auch dessen Nachlassverwalter. Die beiden ersten Söhne des Urgroßvaters starben im Alter von zwei bzw. einem Jahr. Ob es Albert Anker ähnlich ging? Von Matthias Brefin sind die beiden Bücher erschienen: Licht im Leid. Ein Begleiter durch Tage der Trauer. Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 1991; Die lange Nacht. Ein Begleiter durch Tage der Krankheit. Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 1986
Choralgesang mit leiser Stimme Ein Besuch bei Christen in Banda Aceh Dr. Minda Perangin-angin ist Pastorin der evangelisch-reformierten Karo Church in Indonesien. Hier schildert sie ihre persönlichen Eindrücke von einer Fahrt in die massiv zerstörte Region Aceh, kurz nach dem Tsunami VON MINDA PERANGIN-ANGIN
Geistig und körperlich völlig erschöpft, hatte ich erstmal einen Zusammenbruch. Nicht nur weil ich die Erlebnisse von Banda Aceh mit mir herumtrug, sondern auch weil ich mich mit der Reaktion der Regierung, der Kirchen und der ökumenischen Institutionen auseinander setzen musste. Ich wollte nicht einmal über die Katastrophe und alles, was damit zusammenhängt, sprechen. Allerdings heilt die Zeit langsam meine Wunden, und gleichzeitig fühle ich mich gedrängt diesen Bericht zu schreiben. Der Prozess des Schreibens hilft mir, der »wirklichen Welt« ins Gesicht zu sehen.
Mittwoch, 29. Dezember 2004 Nachdem ich mich seit Montag bemüht habe, ein Ticket nach Banda Aceh zu bekommen, fliegen wir zu viert nach Aceh. Robinson Butar-butar, Pastor der lutherischen Huria Kristen Batak Protestan (HKBP) und Regionalleiter der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Medan, sein Programmleiter Adrianus Tarigan und Eben Ezer Ginting vom Förderungs- und Entwicklungsprogramm der reformierten GBKP-Kirche und ich. Unser Flug verspätet sich um vier Stunden. So kommen wir erst um Mitternacht im Flughafen von Banda Aceh an, ohne zu wissen, wie die Lage in der Region aussieht, wen wir dort treffen werden und wo wir genau hinfahren sollen. Das hält uns allerdings nicht davon ab, uns auf den Weg zu machen. Denn es ist unser Ziel, etwas über die Situation in Banda 48
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