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Noor van Haaften
Lichter in der Nacht Wozu wir berufen sind
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Die niederländische Originalausgabe erschien unter dem Titel Sterren van de hemel bei Uitgeverij Novapres, Apeldoorn, Niederlande © 2001 Noor van Haaften Deutsch von Hermann J. Benning und Martina Merckel-Braun Kap. 2-15 wurden von Hermann J. Benning übersetzt; Vorwort, Einleitung und Kap. 1 von Martina Merckel-Braun Überarbeitete und gekürzte Ausgabe von Durch euch wird es heller in der Welt, © der deutschen Ausgabe: SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten 2002. Die Bibelverse sind, soweit nicht anders angegeben, folgender Übersetzung entnommen: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. Weiter wurden folgende Übersetzungen verwendet: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (Luther); Revidierte Elberfelder Bibel, © 1985/1991/2006 SCM R.Brockhaus im SCMVerlag GmbH & Co. KG, Witten (Elberfelder).
748 © 2009 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten Umschlaggestaltung: Dietmar Reichert, Dormagen Satz: Breklumer Print-Service, Breklum Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-417-20748-4 Bestell-Nr. 220.748
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Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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I. Teil Wenn Gott uns ruft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 1. Unsere vierfache Berufung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2. Vom Loslassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 3. Schwierigkeiten und Rückschläge . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 4. Unsere eigene Planung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 5. Die Wüste des Unfriedens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 6. Lebe vor meinem Angesicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 7. Sei rechtschaffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 8. Gott hält sein Wort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 9. Von Menschen verlassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 10. Liebst du mich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 II. Teil So werden wie er . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Jesus, der geliebte Sohn (Thema: Identität) . . . . . . . . . . 12. Jesus, vom Vater gesandt (Thema: Berufung) . . . . . . . . 13. Jesus, ein besonderer Mensch (Thema: Lebensstil) . . . . 14. Weltstar oder Stern Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15. Ihr seid das Licht der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
132 136 145 165 185 199
Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 5
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Meinen beiden Nichten Nadine und Eleonore – Kindern dieser Zeit und Kindern Gottes
Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. (Micha 6,8)
… damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verdorbenen und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet. (Philipper 2,15)
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Vorwort
as Buch, das Sie jetzt in der Hand halten, ist eine neue, überarbeitete Ausgabe von Durch euch wird es heller in der Welt, das 2002 veröffentlicht wurde. Für die Veröffentlichung im Taschenbuch wurde der ursprüngliche Text gekürzt (und einiges Neue hinzugefügt). Der Titel dieses Buches bezieht sich auf ein Pauluswort aus Philipper 2,15. Dort sagt der Apostel, dass wir Christen Lichter in der Welt sein sollen. In manchen Übersetzungen heißt es auch Himmelslichter. Ich musste an diesen Bibelvers denken, als ich mich mit dem Leben von Abraham und Sara beschäftigte und über das wunderbare Ereignis nachdachte, das in 1. Mose 15,1-5 geschildert wird. Gott offenbart sich Abram, und dieser klagt Gott seinen Kummer über seine Kinderlosigkeit. Daraufhin führt Gott ihn hinaus ins Freie, zeigt ihm den funkelnden Sternenhimmel und verspricht ihm eine große Nachkommenschaft. »Sieh doch zum Himmel hinauf«, sagt er. »Zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. So zahlreich werden deine Nachkommen sein.« Ich habe mich angesichts dieser beiden Bibelstellen oft gefragt, ob wir – die wir zu Abrahams (geistlicher) Nachkommenschaft gehören – so hell strahlen wie die Himmelssterne, die Gott Abram damals zeigte. Ob wir diese dunkle Erde ebenso stark erleuchten, wie die Sterne damals den dunklen Himmel erleuchteten. Denn das wünscht sich Gott: eine unzählbar große Schar von Menschen, die ihm gehören und die auf dieser dunklen Erde im Licht wandeln und seine Zeugen sind. Menschen, die »leuchten«. Im ersten Teil dieses Buches begegnen wir Abraham und Sara. Als sie die Stimme Gottes hörten, waren sie bereits im fortgeschrittenen Alter, aber das hinderte sie nicht daran, das Ruder herumzureißen und ihm nachzufolgen. Wir beschäftigen uns mit dem Leben dieses Ehepaares – vor allem im Hinblick darauf, in-
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wiefern sie der Stimme Gottes gehorchten und welche Folgen das für sie hatte. Es ist erstaunlich, wie mühelos wir uns mit diesen Menschen identifizieren können, die vor so langer Zeit gelebt haben. Ihre Erlebnisse sind nachvollziehbar und das, was sie daraus gelernt haben, ist äußerst aktuell und kann auf unsere heutige Situation übertragen werden. Das gilt auch für das, was Gott Abraham in 1. Mose 17,1 sagte: Geh deinen Weg vor mir und sei rechtschaffen! Das ist die zweifache Berufung eines jeden Christen. Im zweiten Teil dieses Buches begegnen wir einem ganz besonderen Nachkommen Abrahams – Jesus Christus. Anhand seines Lebens auf dieser Erde suchen wir die Antwort auf die Frage, wie Nachfolger Jesu Lichter Gottes sein können in einer Welt, die praktisch nichts mehr mit Jesus anzufangen weiß. Wie Christen leben sollen in einer Kultur, in der das christliche Erbe weitgehend verloren gegangen ist und der Gott der Bibel weithin zu einem großen Unbekannten geworden ist. Wie wir leben sollen in einer Gesellschaft, die beunruhigend viele heidnische Züge trägt. Als Jesus auf dieser Erde lebte, war er ein Mensch wie die Menschen seiner Zeit. Er sprach ihre Sprache, er kannte ihre Gefühle und trug ihre Kleidung. Und doch war er ganz anders, denn er war vor allem eins: der Sohn Gottes. Der Mensch Jesus lebte inmitten seiner Zeitgenossen ein Leben, das auf seine königliche Herkunft hinwies. Er war heilig. Er war aufgeschlossen. Authentisch. Transparent. Vertrauenswürdig. Ausgeglichen. Er war barmherzig. Er war sympathisch. Er war ein anziehender Mensch, der die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte und seine Wahrheit und seine Liebe ausstrahlte. Er verblüffte die Menschen und sie folgten ihm nach. Das 21. Jahrhundert braucht Menschen, die wie Lichter in dieser Welt leuchten. Menschen, die unter ihren Zeitgenossen auffallen, weil Gott in ihrem Leben das Sagen hat. Anziehende Menschen mit einem kraftvollen Leben, das neugierig macht und das Verlangen weckt, die Quelle dieser Kraft kennenzulernen. Menschen, die nicht darin aufgehen, ihre eigene kleine Welt zu bauen, sondern die radikal und kompromisslos nach den Plänen Gottes 8
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für ihr Leben fragen. Unsere Zeit braucht Königskinder – Menschen, denen der vertraute Umgang mit Gott mehr bedeutet als die Jagd nach immer mehr Geld und Genuss. Menschen, die durch das Wirken des Heiligen Geistes Jesus immer ähnlicher werden. Darum geht es in diesem Buch: um das Vorrecht, Gott kennen zu dürfen. Und darum, was es bedeutet, ihm kompromisslos nachzufolgen. Und um das Wunder, seine Kraft und sein Wirken in einem Menschenleben zu spüren. Abraham und Sara, die Hauptpersonen der ersten zehn Kapitel, sind Menschen, mit denen ich lange Zeit in Gedanken »umhergezogen« bin und die ich lieben gelernt habe. Ihr Leben ist faszinierend und auch im Alltäglichen außergewöhnlich, weil diese Menschen mit dem Gott des Himmels und der Erde unterwegs waren. Ebenso faszinierend ist der Bogen, den die Bibel schlägt: von 1. Mose 15,5 (eine Nachkommenschaft, so zahlreich wie die Sterne) zu Philipper 2,15 (die Gläubigen als Sterne oder Lichter dieser Welt). Die Brücke ist Jesus, der leuchtende Morgenstern (vgl. Offenbarung 22,16). Er ist derjenige, der Gottes Verheißung an Abram vollkommen erfüllt, weil sich durch ihn nicht nur Juden, sondern auch Heiden zu Gottes Volk zählen dürfen. Nur durch ihn werden wir zu Kindern Gottes. Er gibt uns den Auftrag, Licht der Welt zu sein, und hilft uns, in tiefer Verbundenheit mit ihm diesen Auftrag zu erfüllen. Soest, 2009
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I. Teil
Wenn Gott uns ruft
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Einführung
ie sind Mitte dreißig und es geht Ihnen gut. Sie haben einen Arbeitsplatz, der Ihrer Karriereplanung entspricht, eine schöne Wohnung und einen Firmenwagen. Ihre Frau hat ein eigenes Geschäft eröffnet, das offensichtlich eine Marktlücke füllt. Sie haben genau miteinander abgesprochen, wer im Haushalt was zu erledigen hat, und abgesehen davon, dass Sie ständig in Zeitnot sind, läuft alles prima. Gerade haben Sie Ihren Urlaub gebucht, und nächstes Jahr soll dann das erste Kind kommen. Kurz, alles verläuft nach Plan. Und dann ist da plötzlich die Stimme Gottes: »Wagt ihr es, das Ruder herumzureißen? Ich habe etwas Neues mit euch vor!« Sie sind Mitte zwanzig und arbeiten als Lehrerin an einer Grundschule. Ihr Freund macht gerade ein Praktikum im Ausland. Wenn er zurückkommt, erwartet ihn eine feste Anstellung bei einer Firma. Sie haben Heiratspläne und sind auf der Suche nach einer Eigentumswohnung. Gerade hat der Makler angerufen und Ihnen eine angeboten, die Ihren Vorstellungen entsprechen könnte. Sie haben Ihrem Freund gleich in einer E-Mail davon berichtet und ihn gebeten, sich so schnell wie möglich dazu zu äußern. Und dann ist da plötzlich die Stimme Gottes: »Ich habe Pläne mit euch … oder liegt schon alles fest?« Sie sind Anfang fünfzig. Die Kinder sind aus dem Haus und stehen mehr oder weniger auf eigenen Beinen. Ihr Mann muss noch sechs Jahre arbeiten, dann wird er pensioniert. Sie haben das Gefühl, jetzt ist endlich Schluss damit, dass die Bedürfnisse anderer Menschen Ihr Leben regieren. Kein Kind mehr, dem Sie stundenlang bei den Hausaufgaben helfen müssen. Kein Theater mehr wegen Tonleitern, die für die nächste Klavierstunde geübt werden müssen. Keine Nachmittage mehr, die voll und ganz damit ausgefüllt sind, Ihre Kinder von A nach B zu kutschieren. Keine große
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Tasche mit Schmutzwäsche mehr, die Ihr studierender Junior jeden Freitag in Ihrem Korridor abstellt. Endlich Zeit für Sie selbst! Ein neuer, wunderbarer Lebensabschnitt voll ungeahnter Möglichkeiten und Herausforderungen ist angebrochen. Und dann … Dann kommt Ihr Mann nach Hause und verkündet freudestrahlend: »Ich kündige, Liebling. Wir ziehen um und fangen noch mal was ganz Neues an.« Sie sind wie vom Donner gerührt. Das kann doch nicht wahr sein – ausgerechnet jetzt, wo alles so gut läuft! Ehe Sie sich’s recht versehen, platzen Sie los: »Sag mal, was fällt dir ein? Du kannst doch nicht all das wegwerfen, was wir jahrelang miteinander aufgebaut haben! Ausgerechnet jetzt, wo wir es endlich ein bisschen ruhiger haben und wo ich mal Zeit für mich selbst habe! Willst du auf einmal alle unsere Pläne über den Haufen werfen? Du brauchst nur noch sechs Jahre zu arbeiten – was soll denn jetzt mit deiner Rente werden? Und wieso umziehen? Wohin? Und für wie lange? Und unsere Verwandten und Freunde? Was ist denn bloß in dich gefahren?« Vor lauter Aufregung beginnen Sie, sich zu verhaspeln. Und dann, als Sie einen Moment Luft holen, kommt seine Antwort: »Gott hat zu mir gesprochen.« Genau das ist Abram und Sarai passiert. Abram war damals 75 und Sarai 65 Jahre alt. Sie wohnten in Ur in Chaldäa, einem fruchtbaren Gebiet, das von den Strömen Euphrat und Tigris bewässert wurde. Ur war eine blühende Handelsmetropole und ein bedeutendes kulturelles Zentrum in Mesopotamien, dem heutigen Südirak. Die Großfamilie, an deren Spitze Abrams Vater Terach stand (ein Nachkomme von Noahs Sohn Sem), lebte von Rinderund Schafzucht. Sie hatten sich außerhalb der Stadt in einem Zeltlager niedergelassen. Dann durchbricht plötzlich die Stimme Gottes den Alltagstrott: Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde (1. Mose 12,1). Abram, kehre deiner geschützten kleinen Welt den Rücken, lass los, was vertraut und sicher ist, und folge mir nach! Hast du den Mut, mich deinen Halt und deine Sicherheit sein zu lassen? Bist du bereit, deine 13
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eigenen Vorstellungen und Ziele aufzugeben und nach meinem Plan zu leben? Abram, ich will mit dir und durch dich etwas Neues beginnen. Mach dich auf und folge mir nach: Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein (1. Mose 12,2; Luther).1 Was Abram da erlebt hat, war keine Kleinigkeit. Er war immerhin 75. Er hatte ein langes, arbeitsreiches Leben hinter sich und er war mit seinem Metier und seinen Arbeitern bestens vertraut. Er hatte einiges aufgebaut und führte, geborgen im großen Familienverband, ein angenehmes, zufriedenes Leben. Kurz gesagt, ihm fehlte nichts zu seinem Glück. In unserer Zeit und Kultur wäre Abram pensioniert gewesen. Er hätte vielleicht, weil es ihm Freude gemacht hätte, noch ein bisschen im Familienbetrieb mitgearbeitet und wäre Mitglied in ein paar Vereinen gewesen. Aber im Großen und Ganzen hätte er die Hände frei gehabt für »eigene Dinge« wie Hobbys, kleine Arbeiten im Umkreis seines Zeltes und Bridge-Abende in der Herrengesellschaft von Ur. Mit 75 hat man das Recht, seine wohlverdiente Ruhe zu genießen und die Früchte dessen zu ernten, was man in seinem Leben aufgebaut hat. Finden wir! Bei Abram jedoch läuft das ganz anders. Die Stimme Gottes bricht in sein Leben ein, und plötzlich ist nichts mehr so, wie es war, und … nichts mehr ist vorhersehbar! Dieser Augenblick ist ein Wendepunkt in Abrams Leben, der Anfang eines großen Abenteuers. Kannte Abram den Gott Israels, kannte er seine Stimme? Das erfahren wir nicht. Wir wissen aber, dass Abram in einer heidnischen Kultur lebte. Sowohl Ur als auch Haran (der spätere Wohnort Abrams) waren Zentren der Mondanbetung. Abrams Vater Terach, der nach Josua 24,12 ein Götzendiener war, verehrte wahrscheinlich den Mondgott Sin. Als der Herr Abram ruft, verlangt er von ihm, dass er einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zieht und sich auf Gottes Plan für sein Leben einlässt. Es ist ein großartiger Plan, denn Gott will mit Abram einen neuen Anfang machen. Er hat Großes 14
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mit diesem Menschen vor. Es wird jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Es ist, als ob eine himmlische Hand Abram aus seiner Umgebung herausnimmt und auf einen neuen Weg bringt. In Josua 24,23 lesen wir: So spricht der Herr, der Gott Israels: Jenseits des Stroms wohnten eure Väter von Urzeiten an, Terach, der Vater Abrahams und der Vater Nahors, und dienten anderen Göttern. Da holte ich euren Vater Abraham von jenseits des Stroms und ließ ihn durch das ganze Land Kanaan ziehen (Hervorhebung durch die Autorin). Vergleichbare Worte lesen wir im Zusammenhang mit der Berufung Davids viele Jahre später: So spricht der Herr der Heerscharen: Ich selbst habe dich von der Weide genommen hinter der Schafherde weg … (2. Samuel 7,8; Hervorhebung durch die Autorin; siehe auch Psalm 78,70). Es ist bewegend, wie Gott den Einzelnen sieht und ihn beruft, ihm nachzufolgen und der Mensch zu werden, den er vor Augen hat, und die Aufgabe zu verrichten, die er für ihn vorbereitet hat. Paulus drückt das in Epheser 2,10 so aus: Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat. Es muss eine Stimme mit großer Autorität gewesen sein, die Abram da gehört hat. Eine Stimme, die anders war als alle Stimmen, die er kannte. Sonst hätte er sich sicher nicht auf den Weg gemacht. Denn es war ein ziemlicher Schritt, der von ihm verlangt wurde. Und was er Sarai erzählen musste, war auch nicht gerade eine Kleinigkeit. Sie hatte von Geburt an zu demselben großen Familienverband gehört wie er; sie war nicht nur Abrams Ehefrau, sondern auch seine Halbschwester. Sie hatten gemeinsame Wurzeln und hatten ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Die Menschen, die sie umgaben, waren ihnen seit Langem vertraut. Aus einer so engen Bindung löst man sich nicht so plötzlich. Und erst recht nicht, wenn man nicht weiß, wohin die Reise gehen soll! Und doch tun sie es. Abram und Sarai machen sich miteinander auf den Weg. Sie gehorchen dem Auftrag, den Gott ihnen gegeben hat: »Geht hin …« In Hebräer 11,8 wird an ihren Glaubensschritt 15
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erinnert: Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.
Wenn Gott uns ruft »Folge mir nach!« – dieser Ruf ist untrennbar mit dem Evangelium verbunden. Es sind Worte, die mit Macht in ein Menschenleben hereinbrechen und weitreichende Folgen haben. Sie sind nicht einfach so dahergesagt. Es sind Worte, die Gott selbst spricht. Man kommt nicht um sie herum. Auch nicht um die Fragen, die sie mit sich bringen: »Kannst und willst du mir die Verantwortung für dein Leben und deinen Lebensweg übergeben? Darf ich in Zukunft den Kurs bestimmen und dein Leben mit Inhalt füllen?« Darauf kann man keine halbherzige Antwort geben – es kann nur Ja oder Nein sein. Wenn uns Gott dazu einlädt, ihm unser Leben anzuvertrauen, dann müssen wir eine Entscheidung treffen. Wir stehen buchstäblich an einer Weggabelung. Im Neuen Testament hören wir denselben Ruf aus dem Mund unseres Herrn Jesus Christus. Er ruft zwei Fischer, als sie mit ihrer normalen täglichen Arbeit vollauf beschäftigt sind. Petrus (damals noch Simon) und sein Bruder Andreas lassen ihre Netze liegen und folgen ihm nach (siehe Markus 1,18). Jakobus und Johannes passiert dasselbe. Als Jesus vorbeikommt und ihnen winkt, kehren die beiden Brüder dem Fischereibetrieb ihres Vaters den Rücken: … sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach (Markus 1,20). In Apostelgeschichte 9 lesen wir von Saulus’ unerwarteter Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Saulus befand sich ebenso wie Abraham damals in einer sicheren, gefestigten Position. Er war ein anerkannter Schriftgelehrter – ehrgeizig und erfolgreich. Als die Stimme und der Ruf Jesu in sein Leben hereinbrachen, war er gerade auf dem Weg nach Damaskus. Es traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Saulus wurde buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Leben und alles, 16
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woran er bis dahin geglaubt und wofür er gekämpft hatte, war innerhalb weniger Sekunden zusammengestürzt wie ein Kartenhaus. Ein paar Tage nachdem Saulus Jesus begegnet war, ließ dieser berüchtigte jüdische Christenverfolger sich taufen. Er erhielt einen neuen Namen, schlug einen völlig neuen Weg ein und kehrte nie mehr um. Vor seiner Bekehrung war er stolz auf seine Herkunft, seine Ausbildung und seinen Ruf gewesen, und seine Karriere war ihm über alles gegangen. Nun verfolgte er mit demselben Einsatz völlig neue Ziele: Er wollte Jesus Christus besser kennenlernen und seinem Ruf gehorsam sein. Alles, was ihm dabei im Weg stand, ließ er los (siehe Philipper 3,8-14). Paulus war nicht nur bereit, alte Sicherheiten loszulassen. Er war auch dazu bereit, Unsicherheit und Risiken in Kauf zu nehmen und um seiner Liebe zu Jesus und seiner persönlichen Berufung willen Entbehrungen zu ertragen. Er, der daran gewöhnt war, seinen Mitmenschen Respekt abzunötigen, war nun dazu bereit, sich für Dinge einzusetzen, die ihm ihre Ablehnung und Verachtung eintrugen. Er verlor seine Macht, sein Ansehen und seine Autorität. Und doch spricht er in seinem Brief an die Philipper von Gewinn! Paulus tauschte seine Religiosität ein gegen eine persönliche Beziehung zu Jesus, und das erneuerte zunächst sein Herz, dann sein ganzes Leben von Grund auf. Er wurde ein neuer Mensch mit völlig anderen Zielen und Prioritäten. Er gewann Jesus so lieb, dass alles andere bedeutungslos wurde. Paulus wurde ein hingebungsvoller Diener Christi und ein leidenschaftlicher Evangelist. »Ich kann nicht anders«, sagt er selbst dazu, »die Liebe Christi drängt mich« (bzw. uns, siehe 2. Korinther 5,14). Vielleicht sind Sie ein viel beschäftigter Mensch Mitte 30, der sich mit dem Mann oder der Frau identifizieren kann, die ich zu Beginn dieser Einleitung beschrieben habe. Vielleicht sind Sie der junge Mann oder die junge Frau mit Heiratsplänen und der Aussicht auf eine gute Stelle (und eine schöne Wohnung). Vielleicht sind Sie der Mann oder die Frau in den Fünfzigern, der (die) froh ist, endlich etwas Zeit für sich selbst zu haben, oder Sie sind, so wie Abram und Sarai, schon im Rentenalter. 17
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Wer wir auch sind – diese Frage gilt uns allen: Wer hat in unserem Leben das Sagen? Hören wir auf die Stimme unserer Kultur, unserer Generation, unserer eigenen Wünsche und Sehnsüchte oder auf die Stimme Gottes? Regiert uns der Wunsch nach Wohlstand und Bequemlichkeit oder das Verlangen, Gott zu gehorchen? Brauchen wir das Gefühl »dazuzugehören« und haben es deshalb nötig, mitzumachen bei dem, was in unserer Gesellschaft »normal« oder wünschenswert ist? Oder wollen wir zu ihm gehören? Welche Folgen hätte es, wenn wir ihm die Herrschaft über unser Leben einräumten? Die Worte »Folge mir nach« haben nichts an Kraft und Aktualität eingebüßt. Der Gott der Bibel hat sich nicht verändert. Noch immer fordert er Menschen heraus, sich mit ihm auf den Weg zu machen. Wir brauchen nicht alle buchstäblich unsere Koffer zu packen und allem, was unser Leben ausmacht, den Rücken zu kehren. Wenn man aber beginnt, Jesus nachzufolgen, dann hat das immer ein gewisses Aufbrechen, ein Loslassen und Sich-auf-denWeg-Machen zur Folge. Wer Ja sagt zu dem Gott der Bibel und seinem Sohn Jesus Christus, stellt ihm, was sein Leben und seine Zukunft betrifft, eine Blanko-Vollmacht aus.
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