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Paul D. Miller Darf Krieg sein?

www.fontis-verlag.com © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


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Paul D. Miller

Darf Krieg sein? Eine christliche Orientierung in Zeiten bewaffneter Konflikte

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Inhalt

Stimmen zum Buch

7

Vorwort

11

1 Krieg und Gewalt in der Bibel

13

2 Souveränität, Gerechtigkeit und Naturrecht in der Bibel

43

3 Die Traditionen des gerechten Krieges

79

4 Krieg im 21. Jahrhundert (Fallstudien)

115

5 Technologische Fortschritte in der Kriegsführung

155

6 Seelsorge für Soldaten und Bürger in Kriegszeiten

175

Nachwort Gewalt begrenzen – Frieden verantworten Eine Resonanz auf Paul D. Millers Darf Krieg sein? von Generalmajor Ruprecht von Butler Anmerkungen Ausgewählte Literatur

195 217 231

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Stimmen zum Buch

Christen müssen sich ständig mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern Kriege moralisch gerechtfertigt sind. Wir leben in einer gefährlichen Welt, in der sich Konflikte zwischen Nationen kaum vermeiden lassen. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Einführung in das Thema Krieg, die sich sowohl auf die Heilige Schrift als auch auf die christliche Tradition stützt. Es kann gläubigen Menschen von heute helfen, mit Weisheit und Besonnenheit auf die politischen Schlagzeilen unserer Zeit zu reagieren. Daniel Darling, Theologe und Direktor des Land Center for Cultural Engagement (USA)

Nachdem die USA lange Zeit Krieg gegen den Terror geführt haben und wir auch gegenwärtig ständig von Kriegen und Kriegsgerüchten umgeben sind, kommt das Buch von Paul Miller gerade recht. Es bietet jungen Studenten und Seminaristen eine nützliche Einführung in die christliche Tradition des gerechten Krieges. Miller ist Teil einer Bewegung, welche die christliche Reflexion über bewaffnete Konflikte neu wiederbelebt hat und sie mit Überzeugung, Selbstbewusstsein und Glaubensmut führt. An zahlreichen Stellen – insbesondere in seinen Ausführungen zur militärischen Notwendigkeit, Verhältnismäßigkeit und Unterscheidung sowie in seinen Fallstudien zur Ukraine und zum Krieg zwischen Israel und der Hamas – scheut Miller sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, die manchmal der çffentlichen Meinung zuwiderlaufen. Zugänglich, fesselnd und prägnant deckt Darf Krieg sein? eine Reihe wichtiger Themen ab – vom Naturrecht, der Einordnung von Gerechtigkeit und Souveränität bis hin zu neuen Kampftechnologien sowie der Fürsorge für Veteranen und ihre Familien. Es regt interessierte Leser dazu an, sich tiefer mit diesen Fragestellungen auseinanderzusetzen und weiter in die reiche und lebendige Tradition des gerechten Krieges vorzudringen. Marc LiVecche, Experte für Kriegsethik sowie Forschungswissenschaftler am US Naval War College © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


8 | Stimmen zum Buch

Paul Millers Buch Darf Krieg sein? ist einfach hervorragend. Es vereint gekonnt biblische, theologische und philosophische Argumente, um die christliche Tradition des gerechten Krieges zu erklären, zu verteidigen und anzuwenden. Christen und andere interessierte Leser, die sich mit den furchtbaren Dilemmata des Krieges verantwortungsvoll auseinandersetzen mçchten, werden von diesem Buch sehr profitieren. Bryan McGraw, Professor für Politikwissenschaft und Dekan am Wheaton College bei Chicago

Wenn es bei Jesus heißt: «Selig sind, die Frieden stiften», ist dann jemals ein Krieg gerechtfertigt? Und wenn ja, wann und wie? Diese Fragen waren kompliziert genug, um innerhalb des Christentums über zweitausend Jahre lang diskutiert zu werden. Angesichts von Atom- und Biowaffen, Drohnenkrieg und künstlicher Intelligenz sind die Fragen heute noch schwieriger zu beantworten. Niemand ist besser geeignet als Paul Miller, um Christen bei ihrer Suche nach Antworten den richtigen Weg zu weisen. Dieses Buch wird Ihnen helfen, Ihr Gewissen zu schärfen und den richtigen Umgang mit Krieg und Frieden aus der Perspektive des Reiches Christi zu lernen. Russell Moore, Chefredakteur Christianity Today

Paul Millers Buch Darf Krieg sein? ist eine hervorragende, auf der Bibel basierende Orientierungshilfe, die in unseren Kirchen und Klassenzimmern reichlich Verwendung finden sollte. Miller schreibt in einem klaren, leicht verständlichen Stil und bietet einen umsichtigen, theologisch fundierten Ansatz zu Fragen rund um Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit. Miller stellt zu Recht fest, dass sowohl das Alte als auch das Neue Testament die Regierung dazu aufrufen, dem Gemeinwohl in einer gefallenen Welt zu dienen, es zu schützen, zu verteidigen und zu fçrdern. In seinem Buch vermittelt er uns einen umfassenden Überblick, was christliche Staatskunst in unserer Zeit bedeutet. Eric Patterson, Präsident und CEO der Victims of Communism Memorial Foundation und Autor von A Basic Guide to the Just War Tradition © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Stimmen zum Buch | 9

Paul Miller ist ein Wissenschaftler, der aufgrund seiner Erfahrung und Überzeugung in einzigartiger Weise dazu geeignet ist, sich mit Fragen rund um das Thema Kriegsethik auseinanderzusetzen. Er zählt zu den führenden Persçnlichkeiten in der Forschung zum gerechten Krieg, welche gegenwärtig eine Renaissance erlebt. In unserer Welt, in der erneut Großmachtkonflikte und Stellvertreterkriege ausgetragen werden, sind seine Erkenntnisse nicht nur aktuell, sondern auch dringend notwendig. Mark Tooley, Präsident des Institute for Religion and Democracy und Chefredakteur des Providence Magazine

Paul Miller ist sowohl ein Wissenschaftler, der sich eingehend mit der Theorie des gerechten Krieges auseinandergesetzt hat, als auch jemand, der die praktische Seite kennt und selbst im Krieg für eine gerechte Sache gedient hat. Durch seine Ausbildung und Militärlaufbahn kann er mit einer Autorität über dieses Thema sprechen, die nur wenige besitzen. Ich kann sein Buch Darf Krieg sein? darum nur wärmstens empfehlen. Es bietet eine fundierte Einführung in die antike und moderne Ethiktheorie und stellt einen wichtigen Beitrag zur christlichen Debatte unserer Zeit dar. Die Leser werden von der gelungenen Verschmelzung biblischer Argumente mit naturrechtlichen Prinzipien sowie von der Anleitung zur seelsorgerlichen Begleitung von Soldaten überaus profitieren. Andrew T. Walker, Professor für christliche Ethik und çffentliche Theologie am Southern Baptist Theological Seminary

© 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


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Vorwort

2021 kam mein Buch Just War and Ordered Liberty heraus, die Frucht von zwei Jahrzehnten des Nachdenkens über Gerechtigkeit und Krieg. Das Werk behandelt geistesgeschichtliche Aspekte, Fragen der politischen Theorie sowie Grundsätze der internationalen Beziehungen. Ich habe in ihm die jahrtausendelange Entwicklung der Traditionen des gerechten Krieges nachgezeichnet, für eine neue Synthese plädiert und meine Argumentation auf aktuelle Sicherheitsprobleme angewendet. Dabei hatte ich Studenten hçheren Semesters und Doktoranden in den genannten Fachbereichen im Blick. Mein Buch sollte der Versuch sein, ihnen eine notwendige Neuorientierung in der theoretischen Kriegsforschung an die Hand zu geben. Nach der Verçffentlichung stellte ich fest, dass es auch auf anderen Ebenen das Bedürfnis nach Orientierung zum Thema Krieg gibt – und darauf will dieses neue Buch eine Antwort sein. Es ist für Pastoren, Seminaristen, Seelsorger, Offiziere, Sicherheitsexperten und politische Entscheidungsträger gedacht sowie für Studenten, die sich erst neu mit der Thematik befassen – für Personen also, die einen etwas greifbareren, direkteren und praktischeren Zugang bençtigen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, die Hauptpunkte meines früheren Buches zu anwendbaren Leitlinien für meine Leser zu machen. Es soll Menschen Hilfestellung geben, die Entscheidungen über Kriege treffen müssen, die vielleicht selbst vor einem Militäreinsatz stehen oder die Soldaten seelsorgerlich betreuen. In mancher Hinsicht bin ich auch über mein erstes Buch hinausgegangen, indem ich das biblische Fundament der augustinischen Tradition des gerechten Krieges darlege und so etwas wie eine biblische Theologie des Krieges präsentiere. In diesem Buch benutze ich mit freundlicher Genehmigung der Verlage Auszüge aus einigen meiner früheren Schriften: Just War © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


12 | Vorwort

and Ordered Liberty, What Does a Just End to the Russo-Ukraine War Look Like?, Ordered Liberty in the Bible, Israel vs. Hamas: A Just War Analysis und To Stand with the Palestinians, Support Israel Against Hamas. Schließlich mçchte ich Jason Thacker und C. Ben Mitchell für die Gelegenheit danken, dieses Buch als Teil der Serie Essentials in Christian Ethics bei B&H Academic zu verçffentlichen.

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1 | Krieg und Gewalt in der Bibel

W

as sagt die Bibel eigentlich über Krieg? Nun, eine ganze Menge! Sie ist voll von Blutvergießen, Krieg, Mord und Totschlag, Kämpfen und Gefechten. Je nachdem, wie man genau zählt, enthält das Alte Testament Berichte über 89 Schlachten, 15 Aufstände und 18 Morde.1 Die biblischen Autoren benutzen Krieg darüber hinaus als Bild für Gerichte und Prüfungen, für den Kampf gegen die Sünde, für die Apokalypse und – man hçre und staune – sogar für das Wesen Gottes. Krieg war in biblischen Zeiten etwas so Normales, dass das Erwachsensein gleichgesetzt wurde mit der Fähigkeit, in den Krieg zu ziehen. Die Musterung der Israeliten am Anfang des 4. Buches Mose erfasste demnach die israelitischen «Männer im wehrfähigen Alter von zwanzig Jahren an aufwärts» (4. Mose 1,20; NGÜ). Einerseits fordert Salomo dazu auf, sich gut zu beraten, bevor man einen Krieg beginnt (Sprüche 20,18), andererseits warnt der Psalmist vor dem Menschen, der «Krieg im Sinn» hat (Psalm 55,22; LUT). Im Alten Testament befiehlt Gott Israel wiederholt, in den Krieg zu ziehen, aber er verbietet David, ihm einen Tempel zu bauen, eben weil er viele Kriege geführt hat (1. Chronik 28,3). Gott verspricht zudem, sein Volk eines Tages von der Geißel des Krieges zu erlçsen, und in mehreren bewegenden Schilderungen der neuen Schçpfung heißt es, dass es dort nie mehr Krieg geben wird. Was die scheinbare Ambivalenz der Bibel gegenüber dem Thema Krieg vielleicht am treffendsten zum Ausdruck bringt, ist Salomos Diktum, dass alles auf der Welt seine Zeit hat – auch «Krieg und Frieden» (Prediger 3,8).

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14 | Krieg und Gewalt in der Bibel

Drei Positionen zu Krieg und Gewalt Was machen wir nun also mit dem Krieg? Sollen wir ihn rühmen oder verurteilen, mitkämpfen oder protestieren? Was gibt die Bibel uns hier an Orientierung? Zunächst einmal muss man festhalten, dass Krieg eine tragische Realität ist, welche die ganze Geschichte durchzieht und in unserer Welt allgegenwärtig zu sein scheint. Christen sind darum schon immer mit der Frage konfrontiert gewesen, ob und in welchem Maße sie Kriege guten Gewissens unterstützen oder sich sogar aktiv daran beteiligen kçnnen. Sie müssen sich auch darüber klar werden, inwieweit sie eventuell verpflichtet sind, einen Krieg abzulehnen, selbst wenn ihnen dafür Spott, Argwohn, Haft oder gar die Hinrichtung droht. Die meisten Einwohner der heutigen Industrienationen2 haben noch nie politische Gewalt erlebt (ein unglaublicher Segen mit historischem Seltenheitswert!). Doch als steuerzahlende Bürger demokratischer Staaten, die sich große stehende Heere leisten, haben wir durchaus die Aufgabe, uns genau anzuschauen, wozu diese Armeen eingesetzt werden. Wir sind in der glücklichen Lage, dass Gott die Kirche mit einer langen Tradition des Nachdenkens über diese Thematik gesegnet hat. Seit den Anfängen der Kirchengeschichte haben Theologen in der Bibel nach Antworten auf die Frage nach dem Krieg gesucht. Im Laufe der Zeit hat sich dabei ein Mainstream-Konsens herausgebildet, der zu einer festen theologischen Tradition wurde, nämlich der des gerechten Krieges. Dieses Konzept steht im Gegensatz zu anderen theologischen Optionen – beispielsweise dem Pazifismus, für den Kriege nie gerechtfertigt sind, und dem Heiligen Krieg, welcher fordert, das Christentum unter Einsatz von Gewalt auszubreiten und seine Feinde zu tçten. Die traditionelle Auffassung des gerechten Krieges ist weiter zu unterscheiden von der säkularen Position des politischen Realismus, nach welcher Kriege ihre Rechtfertigung in sich selbst tragen und keine weitere moralische Begründung brauchen außer die der politischen Notwendigkeit. © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Krieg und Gewalt in der Bibel | 15

Das Konzept des gerechten Krieges unterscheidet sich vom Pazifismus, weil es davon ausgeht, dass ein Krieg manchmal gerechtfertigt, ja sogar geboten sein kann. Es unterscheidet sich überdies vom politischen Realismus, weil ein Krieg laut den Grundsätzen des gerechten Krieges zwar zulässig sein kann, aber immer einer moralischen Rechtfertigung bedarf. Er muss also immer dem Frieden und der Gerechtigkeit dienen und darf nie um der bloßen Machtausübung oder politischen Zweckmäßigkeit willen geführt werden. Vom Heiligen Krieg unterscheidet sich der gerechte Krieg schließlich durch seine Forderung, dass die angestrebten Ziele durch das Allgemeinwohl definiert sein sollen und nicht durch die Eigeninteressen der Kirche. Der gerechte Krieg hat folglich ein Werkzeug in den Händen einer legitimen Regierung zu sein, die im Namen aller ihrer Bürger – egal zu welcher Religion sie gehçren – für Gerechtigkeit und Frieden eintritt, wenn diese durch einen Angriff bedroht sind. Im Folgenden wollen wir uns die drei genannten Positionen noch einmal genauer anschauen und von der Bibel her beurteilen.

Pazifismus Viele Christen zieht es instinktiv zum Pazifismus – also zur prinzipiellen Ablehnung von Gewalt, egal in welcher Form und mit welchen Zielen sie angewendet wird. Wir sind mit der Lutherbibel-Version des Sechsten Gebots aufgewachsen, die lautet: «Du sollst nicht tçten!» (2. Mose 20,13). Zudem weist Jesus uns im Neuen Testament an, unsere Feinde zu lieben und dem Bçsen nicht zu widerstehen, sondern ihm stattdessen die andere Wange hinzuhalten (Matthäus 5,39). Der Wortlaut dieser Verse scheint keine andere Deutung zuzulassen als die, dass wir niemals einen anderen Menschen tçten dürften – selbst dann nicht, wenn er versucht, uns das Leben zu nehmen. Im Krieg jedoch, sogar im reinen Selbstverteidigungsfall, werden unweigerlich Menschen getçtet, die als Ebenbilder Gottes erschaffen sind. Dies scheint ein unlçsbarer Widerspruch zu sein. © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


16 | Krieg und Gewalt in der Bibel

Denn wie sollten wir unsere Mitmenschen lieben, wenn wir sie umbringen (und damit womçglich in die Hçlle schicken)? Aus diesem Grund plädierten viele der frühen Kirchenväter (zum Beispiel Tertullian und Origenes) für den Pazifismus. Tatsächlich war ein Großteil der alten Kirche – zumindest nach dem, was wir wissen – mehr oder weniger pazifistisch eingestellt.3 Auch heute noch predigen Kirchen in der Tradition der Quäker, der Amischen, der Mennoniten und der Brüdergemeinden einen christlichen Pazifismus (häufig geprägt durch die Schriften von Stanley Hauerwas und John Howard Yoder4). Meiner Erfahrung nach tendieren heutzutage vor allem jüngere Christen instinktiv zum Pazifismus, da sie nie eine andere Position kennengelernt haben. Dabei ist ihnen gar nicht bewusst, dass der Pazifismus – betrachtet man die Kirchengeschichte als Ganzes – über weite Strecken die Position einer Minderheit darstellte. Andererseits gehen dieselben Christen genauso instinktiv auf Abstand zum Pazifismus, wenn sie nach der angemessenen Reaktion auf Genozide, Terrorismus oder Angriffskriege gefragt werden. Kurzum: Im Angesicht des Holocaust gibt es keine Pazifisten. Die Bibel fordert uns auch gar nicht dazu auf, Pazifisten zu sein. Die übliche Wiedergabe des Sechsten Gebots («Du sollst nicht tçten») ist eine Fehlübersetzung. Mehrere neuere Bibelausgaben (so zum Beispiel die NGÜ) formulieren korrekter: «Du sollst nicht morden.» Das in 2. Mose 20,13 benutzte hebräische Wort retzach hat nämlich die spezielle Bedeutung von «ungesetzliches Tçten», im weiteren Sinne auch von «Totschlag» oder «Fahrlässigkeit mit Todesfolge». John Murray kommentiert: «Das in diesem Gebot verwendete Wort meint konkret das, was wir als Mord bezeichnen, […] den gewalttätigen, bewussten, bçswilligen Angriff auf das Leben eines Mitmenschen.»5 Andere Bibelwissenschaftler stellen fest: «Dieses Verb wird im Alten Testament nie für das Tçten im Krieg gebraucht.»6 Ebenso wenig wird es im Zusammenhang mit Hinrichtungen benutzt. Ein typisches Beispiel für die Verwendung von retzach ist hingegen Psalm 94,6: «Brutal ermorden sie Witwen und Waisen, schutzlose Ausländer schlagen sie tot.» © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Krieg und Gewalt in der Bibel | 17

Ein rechtmäßiges Tçten, das nach den Gesetzen einer legitimen Autorität erfolgt und einem legitimen, dem Gemeinwohl verpflichteten Zweck dient – also zum Beispiel in Fällen von Notwehr, bei Einsätzen der Polizei, bei der Vollstreckung von Todesstrafen oder im Krieg –, ist nicht als retzach zu verstehen und fällt somit nicht unter das Sechste Gebot. Diverse andere Bibelstellen bestätigen die Auffassung, dass das Sechste Gebot Kriege nicht generell verbietet. So wird zum Beispiel Abrams militärische Intervention zur Rettung Lots in dem Krieg der zehn Kçnige (1. Mose 14) nicht als Sünde dargestellt. Im Gegenteil, der Priester Melchisedek nennt Abrams Sieg einen Segen Gottes: «Der hçchste Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, schenke dir seinen Segen, Abram! Gepriesen sei der hçchste Gott, denn er ließ dich über deine Feinde triumphieren» (1. Mose 14,19–20). Derselbe Gott, der retzach verbietet, befiehlt Israel zudem, in den Krieg zu ziehen, um das Land Kanaan einzunehmen. Es ist klar, dass Israels Bevollmächtigung zur gewaltsamen Eroberung des Landes nicht als Vorbild für unsere Zeit dienen kann (mehr dazu weiter unten). Sie zeigt uns aber sehr deutlich, dass die ursprünglichen Adressaten der Zehn Gebote das Sechste Gebot nicht als Verbot des Tçtens in einem legitimen Krieg verstanden. Darüber hinaus hat Gott für bestimmte Vergehen im Alten Testament die Todesstrafe angeordnet. Doch weder die Todesstrafe noch das Tçten in der Schlacht werden als retzach beschrieben und somit fällt beides nicht unter das Sechste Gebot. Es ist schließlich unmçglich, dass Gott ein und dieselbe Sache gleichzeitig verbietet und gebietet. An mehreren Stellen (z. B. in 2. Mose 15,3 und Jesaja 42,13) bezeichnet die Bibel Gott als einen Krieger. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Bibel keinen generellen Pazifismus lehrt. Es ist undenkbar, dass die biblischen Verfasser etwas, das grundsätzlich bçse ist, als Bild für Gottes Wesen benutzen würden. Gott wird nie als Mçrder, Prostituierter, Lästerer oder Verleumder bezeichnet, sehr wohl aber als Hirte, als Fels, als Adler, als Vater – und eben auch als Krieger. © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


18 | Krieg und Gewalt in der Bibel

Obwohl Krieg in vielerlei Hinsicht als etwas Schlechtes angesehen werden muss, weist er offenbar einen Aspekt auf, der das Wesen Gottes widerspiegelt. Muss am Dienst eines Kriegers demzufolge nicht irgendetwas Positives, Lobenswertes zu finden sein? Und wie sollten wir das Bild überhaupt verstehen kçnnen, wenn wir keine direkte Erfahrung mit dem haben dürften, was hier als gottähnlich bezeichnet wird? Als Johannes der Täufer von rçmischen Soldaten gefragt wurde, was sie tun sollten, um gerettet zu werden, befahl er ihnen nicht, den Dienst zu quittieren. Stattdessen wies er sie an, ihre Macht (die er mithin als legitim betrachtete) nicht zu missbrauchen: «Plündert nicht und erpresst niemand! Seid zufrieden mit eurem Sold» (Lukas 3,14). Indem diese Soldaten ihren Sold entgegennahmen, bejahten sie die Pflichten, für die sie bezahlt wurden und zu denen die Anwendung von Gewalt gehçrte. Mit seiner Antwort erklärte Johannes beides – die Pflichtausübung und den Sold – indirekt für legitim. Auch Jesus und Paulus haben in ihrem Umgang mit rçmischen Soldaten (Matthäus 8; Apostelgeschichte 10; 21–23; 27) nirgends eine Andeutung gemacht, dass diese allein schon aufgrund ihres Berufes Sünder wären. In Matthäus 8 erklärt Jesus eindeutig, dass der Hauptmann einen großen Glauben bewiesen hat, ungeachtet seines Dienstes im rçmischen Heer. Zudem besaßen die Jünger Jesu Schwerter, was bedeuten dürfte, dass Jesus den Besitz solcher Waffen nicht verboten hat. An einer Stelle befiehlt Jesus seinen Jüngern sogar, sich Schwerter zu beschaffen, wahrscheinlich zur Selbstverteidigung (Lukas 22,36). Aber wie haben wir dann Jesu Aufforderung zu verstehen, unsere Feinde zu lieben und ihnen auch die andere Wange hinzuhalten? Nun, zunächst sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass Jesus selbst Gewalt anwandte, als er mit einer Peitsche aus Stricken die Geldwechsler aus dem Tempel jagte (Johannes 2,13–22). Auch wenn dabei niemand getçtet wurde, müssen wir diese Szene berücksichtigen, wenn wir Jesu Worte über die Feindesliebe recht verstehen wollen. Es scheint: Liebe und Gewalt sind nicht notwendigerweise Gegensätze. © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Krieg und Gewalt in der Bibel | 19

Wie Augustinus einige Jahrhunderte später ausführte: «Wenn jedoch Menschen durch Gewaltanwendung davon abgehalten werden, Bçses zu tun, kann man durchaus sagen, dass ihnen ein echter Dienst erwiesen wird. […] Wenn ein Vater seinen Sohn bestraft, vielleicht sogar streng bestraft, bedeutet dies auf keinen Fall, dass er ihn weniger liebt. […] Der Mensch, dem die Freiheit, die er durch das Tun des Bçsen missbraucht, genommen wird, wird zu seinem eigenen Besten bezwungen.»7 Wir haben die Pflicht, sowohl unseren Nächsten als auch unsere Feinde zu lieben. Wenn unser Feind jedoch unseren Nächsten angreift, lieben wir beide dadurch, dass wir den einen gegen den anderen verteidigen, und nicht, indem wir danebenstehen und nichts tun. Aber wie ist es nun mit Jesu Aufforderung, einem Übeltäter nicht zu widerstehen? Hier hängt die Antwort mit der Unterscheidung zwischen individueller und institutioneller Autorität zusammen. Gott hat nämlich bestimmte Institutionen eingesetzt, die ihre je spezifischen Zuständigkeiten, Aufgaben und Befugnisse haben. Erst wenn wir um die spezifische institutionelle Autorität einer Regierung wissen, erkennen wir, warum sie eine Befugnis zur Ausübung von Gewalt hat, über die der Einzelne nicht verfügt. Jonathan Leeman hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es auch in der Bibel Institutionen gibt. Er definiert Institutionen, der aktuellen Forschung folgend, als «verhaltensregulierende Regelstrukturen» beziehungsweise als «die in einer Gesellschaft geltenden Spielregeln». Gott hat zum Beispiel die «verhaltensregulierende Regelstruktur» der Ehe geschaffen, welche eine fundamentale Institution des menschlichen Lebens ist. Leeman führt weiter aus, dass das Wort «Regel» beinhaltet, dass Institutionen das Verhalten nach einem Standard von Gut und Bçse zu lenken versuchen: «Institutionen sind die Anwendung von Autorität auf eine Beziehung.»8 So hat Gott das Gesetzbuch Israels geschaffen und eine Regierung zu seiner Durchsetzung ernannt. Ebenso hat er ein religiçses Gesetz erlassen und Priester mit seiner Ausführung beauftragt. Institutionen sind also nichts anderes als © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


20 | Krieg und Gewalt in der Bibel

mit Autorität ausgestattete Instanzen, die unser Leben prägen und dafür sorgen, dass wir uns auf eine bestimmte Art und Weise (und eben nur so) verhalten. Gott hat Institutionen eingesetzt, um Dinge zu tun, die der Einzelne nicht tun darf. Durch die ganze Bibel hindurch erteilt Gott Kçnigen und Priestern – und den Institutionen, denen sie vorstehen – spezifische Aufträge, die sich nicht an den Einzelnen richten. Ein Mensch, der keine von Gott kommende institutionelle Autorität hat, aber versucht, den Kçnig zu spielen, ist ein Usurpator, so wie Absalom (2. Samuel 15–18) und Adonija (1. Könige 1), die zu Recht bestraft wurden. ¾hnlich versündigt sich jemand, der das Amt eines Priesters auszuüben versucht, ohne die institutionelle Autorität dazu zu besitzen – so geschehen, als Saul auf eigene Faust ein Opfer darbrachte (1. Samuel 13). Weitere Beispiele sind diejenigen Priester, die fremde Gçtter anbeteten (vgl. die Episode um Aaron und das Goldene Kalb in 2. Mose 32) beziehungsweise den wahren Gott auf die falsche Art und Weise verehrten (vgl. das eigenmächtige Räucheropfer der Söhne Aarons in 3. Mose 10). Gott hat bestimmte Institutionen geschaffen und sie mit spezifischen Befugnissen und Aufgaben ausgestattet. Hierin liegt der Schlüssel für die Harmonisierung des Befehls Jesu, sich dem Übeltäter nicht zu widersetzen, mit denjenigen Bibelstellen, welche die Rolle der Regierung betreffen. Gott hat die Institution der Regierung ins Leben gerufen und ihr die legitime Autorität zur Wahrung der irdischen Gerechtigkeit und des irdischen Friedens verliehen. Zu dieser Autorität gehçrt auch der Einsatz von Gewalt, der dem einzelnen Bürger nicht erlaubt ist. In dem zentralen neutestamentlichen Text, an dem keine Auseinandersetzung mit dem Thema «Krieg» vorbeikommt, schreibt Paulus: Jeder soll sich den Behörden und Amtsträgern des Staates unterordnen. Denn es gibt keine staatliche Macht, die nicht von Gott kommt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich also den Regierenden widersetzt, handelt gegen die © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Krieg und Gewalt in der Bibel | 21

von Gott gegebene Ordnung und wird dafür von ihm verurteilt werden. Wer gut und richtig handelt, braucht die staatliche Macht ohnehin nicht zu fürchten; das muss nur, wer Böses tut. Wollt ihr also ohne Angst vor Bestrafung leben, dann tut, was richtig und gut ist, und euer Verhalten wird Anerkennung finden. Die Staatsgewalt steht im Dienst Gottes zum Nutzen jedes Einzelnen. Wer aber Unrecht tut, muss sie fürchten, denn Gott hat ihr nicht ohne Grund die Macht übertragen, Strafen zu verhängen. Sie handelt im Auftrag Gottes, wenn sie unbestechlich alle bestraft, die Böses tun. Es sind also zwei Gründe, weshalb ihr euch der staatlichen Macht unterordnen müsst: zum einen, weil euch sonst das Urteil Gottes droht, zum andern, weil schon euer Gewissen euch dazu auffordert. Die Vertreter des Staates üben ihren Dienst im Auftrag Gottes aus, deshalb zahlt ihr ja auch Steuern. Gebt also jedem, was ihr ihm schuldig seid. Zahlt die Steuern, die man von euch verlangt, ebenso den Zoll. Unterstellt euch der staatlichen Macht und erweist denen, die Anspruch darauf haben, den notwendigen Respekt. Römer 13,1–7

Mit anschaulichen Formulierungen legt Paulus hier dar, dass Gott der Regierung das «Schwert» (so in Vers 4 wçrtlich) gegeben hat – und damit verbunden auch die ausdrückliche Erlaubnis, es zu benutzen. Jesus weist den Einzelnen an, einem Menschen, der Bçses tun will, nicht zu widerstehen. Paulus hingegen befiehlt der Staatsgewalt, diejenigen, die Bçses tun, mit der Schärfe des Schwerts zu bestrafen. Das klingt wie ein Widerspruch – bis wir erkennen, dass unsere Reaktion davon abhängen muss, ob wir als einfache Bürger agieren oder als Vertreter der Obrigkeit. Denn sollten Vertreter der Obrigkeit die Bçsen etwa nicht bestrafen? Dann wären sie grob pflichtvergessen, schließlich befiehlt Gott es der Obrigkeit, bçsen Menschen zu widerstehen. Aber sollten einfache Bürger mit Waffen herumlaufen, um die Bçsen ihrer © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


22 | Krieg und Gewalt in der Bibel

Bestrafung zuzuführen? Das wäre Selbstjustiz und würde sie selbst der Bestrafung durch die Obrigkeit aussetzen. (Die Avengers der Marvel Studios haben diesbezüglich leider nicht die Bibel hinter sich …) Jesus redet zu Einzelpersonen, Paulus zu Institutionen. Jesus wendet sich in der Bergpredigt nicht an Vertreter der Obrigkeit und formuliert auch keine Richtlinien, wie eine staatliche Regierung auf Verbrechen, Gewalt, Unruhen oder eine Invasion durch eine fremde Macht reagieren sollte. Der Einzelne sollte in der Tat die andere Wange hinhalten – aber er kann auch die Polizei rufen, damit sie die Person, die ihn geschlagen hat, festnimmt. Der Pazifismus der frühen Kirchenväter mag zum Teil auf einer unzureichenden Bibelauslegung beruht haben. Die Lehre der jungen Kirche konnte erstaunlich unscharf und heterodox sein. So vertraten viele der Kirchenväter Ansichten zur Trinität und Christologie, die nicht mit dem übereinstimmten, was die çkumenischen Konzilien des 4. und 5. Jahrhunderts später als die verbindliche rechte Lehre festlegten.9 Es sollte uns daher nicht überraschen, wenn die Kirchenväter auch bei manchen Aspekten der politischen Theologie und bei ihrer Einordnung der weltlichen Obrigkeit falschlagen. Wir sollten ihren Irrtümern mit Nachsicht begegnen, ohne uns von ihnen vereinnahmen zu lassen. Der Pazifismus der frühen Kirchenväter kçnnte aber auch eine Reaktion auf die spezifische Situation gewesen sein, die damals im rçmischen Kaiserreich herrschte. Nach Ablauf des 1. Jahrhunderts nahmen nämlich das Heidentum und der Gçtzendienst im Rçmischen Reich spürbar zu. Die Kaiser beanspruchten Gçttlichkeit für sich und führten heidnische Rituale in das bürgerliche Leben sowie in den Militärdienst ein. Wenn die Kirche den Dienst im rçmischen Heer als sündig betrachtete, dann vielleicht deswegen, weil er mit heidnischem Gçtzendienst verbunden war, und nicht so sehr, weil er ein Ja zur Ausübung von Gewalt erforderte.10 Tertullian etwa sprach sich gegen den Dienst von Christen im rçmischen Militär aus, weil man dort Lorbeerkränze als Symbole des Sieges tragen musste (die in den heidnischen Religionen mit Apoll und Bacchus assoziiert wurden). Aber er verurteilte den Mi© 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Krieg und Gewalt in der Bibel | 23

litärdienst auch an sich: «Soll es etwa legitim sein, das Schwert zu seinem Beruf zu machen, wenn der Herr doch sagt, dass der, der zum Schwert greift, durch das Schwert umkommen wird? Und soll der, der sogar sich selbst nicht rächen darf, zu Ketten, Kerker, Folter und Strafen greifen?» Tertullian beruft sich indirekt auf Jesu Anweisung, die andere Wange hinzuhalten, wenn er argumentiert, dass ein Christ kein Amt ausüben darf, welches die Anwendung von Gewalt beinhaltet. Dabei verkennt er allerdings den Unterschied zwischen persçnlicher und institutioneller Autorität. Ebenso beruft er sich auf Paulus’ Verbot der persçnlichen Rache in Rçmer 12, ohne auf Paulus’ Anweisung an die Obrigkeit einzugehen, als Gottes Rächerin zu fungieren, die sich nur ein Kapitel später im Rçmerbrief findet. Und schließlich erwähnt Tertullian, dass Jesus und Petrus den Glauben mehrerer rçmischer Hauptmänner anerkannten, behauptet aber gleichzeitig (ohne dass es dafür im biblischen Text Anhaltspunkte gäbe), dass ein Soldat, der zum Glauben an Christus gekommen sei, den Dienst im Militär quittieren müsse.11 Damals wie heute gibt es Menschen, die es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren kçnnen, Gewalt anzuwenden, in welcher Form auch immer. Kriegsdienstverweigerung ist meiner Meinung nach eine Entscheidung, die es zu respektieren gilt – man denke hier nur an Rçmer 14, wo Paulus zur gegenseitigen Toleranz in Streitfragen aufruft. Auch viele meiner eigenen Vorfahren, die aus der amischen und mennonitischen Tradition stammten, haben den Militärdienst verweigert. Ich bin dankbar, dass sie in einem Land lebten, welches ihnen die Freiheit gewährte, dies zu tun, und ich bewundere ihre Prinzipientreue. Ich selbst habe mich jedoch anders entschieden und als Soldat des US-Militärs in Afghanistan gedient. Bei allem nçtigen Respekt vor den Entscheidungen, die der Einzelne für sich selbst trifft – es geht nicht an, die Legitimität des Staates und seines «Schwertes» prinzipiell zu leugnen. Der Pazifismus mag eine zulässige Option für den Einzelnen sein, aber er ist definitiv keine Option für eine Regierung und auch nicht für Christen in Regierungsverantwortung. © 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


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Regierungen sind dazu da, um in einer gefallenen Welt, in der sündige Menschen gewalttätig werden und Bçses tun, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Ein institutioneller Pazifismus – also eine Regierung, die aus politischer Überzeugung niemals zu Gewalt greift – wäre als klarer Fall von Pflichtvergessenheit und als grobe Unterlassungssünde zu betrachten. Denn er käme der Weigerung gleich, den Auftrag zu erfüllen, den die Obrigkeit von Gott erhalten hat. Christen sollten das Recht der Regierung anerkennen, die çffentliche Ordnung notfalls mit Gewalt aufrechtzuerhalten, und sollten sie darin unterstützen (mit ein paar Ausnahmen, auf die ich in späteren Kapiteln eingehen werde). Wir sollten folglich weder über dem Kriegsdienstverweigerer zu Gericht sitzen noch über demjenigen, der seinem Land als Soldat dient.

Heiliger Krieg Wenn Regierungen berechtigt sind, Gewalt einzusetzen, warum sollten sie diese Gewalt nicht auch dazu nutzen, um das Evangelium zu verbreiten? Heute hçrt man diese Argumentation nur noch selten, weil sie so eindeutig dem modernen Verständnis von Religionsfreiheit und legitimer Gewaltanwendung zuwiderläuft. Dennoch lohnt es sich, diesen Ansatz genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn er hebt die Bedeutung von institutionellen Autoritäten hervor, welche für die Annahme eines gerechten Krieges ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Und Tatsache ist auch, dass die Lehrtradition des gerechten Krieges zum Großteil auf dem Boden der kritischen Auseinandersetzung mit dem «Heiligen Krieg» gewachsen ist. Die Bibel scheint einen klaren Präzedenzfall für den Einsatz von Gewalt im Dienste Gottes zu liefern – Gottes Gebot an Israel nämlich, das Land der Verheißung einzunehmen: «Anders ist es bei Städten in dem Gebiet, das der Herr, euer Gott, euch schenken will. Denn von den Vçlkern, die hier bisher gelebt haben, dürft ihr niemanden am Leben lassen. An allen müsst ihr Gottes Urteil vollstre© 2026 des Titels «Darf Krieg sein?» von Paul D. Miller (ISBN: 978-3-03848-318-2) by Fontis-Verlag Basel, nähere Informationen unter: www.fontis-verlag.com


Die Seiten 25 –421 sind nicht in dieser Leseprobe erhalten.


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