Skip to main content

204317

Page 1

Simon

Debora

Raffaela («Raffi»)

Zwockel


Lisa

Bastian


Kapitel 1

Der verschwundene Geldschein

11

Kapitel 2

Gefährlicher Sturz

17

Kapitel 3

Das Rätsel in der Wohnung

25

Kapitel 4

Ertappt

33

Kapitel 5

Entscheidung an der Bahnlinie

39

Kapitel 6

Eine heiße Spur in der Stadt

47

Kapitel 7

«Ich will nicht ins Heim!»

57

Kapitel 8

Die unheimliche Unterführung

65

Kapitel 9

Überfall auf die Kids

71

Kapitel 10

Im dunklen Zimmer

79

Kapitel 11

Der Platz der Gestrandeten

87

Kapitel 12

Der Schock

93

Kapitel 13

Die Razzia

99

Kapitel 14

Verfolgungsjagd

105

Kapitel 15

Teufelskreis

111

Kapitel 16

Die Notunterkunft

119

Kapitel 17

Dave

127

Kapitel 18

Aufpassen – immer aufpassen

135

Kapitel 19

In krumme Dinge verwickelt?

141

Kapitel 20

Die große Überraschung

147


«Wo ist der Hunderter hin?» Die Lehrerin wühlte in der Klassenkasse und sah fragend auf. «Weiß jemand, wo der hingekommen ist? Der war eben noch da. Hat vielleicht jemand was gesehen?» Alle im Zimmer blickten sich an. Keiner sagte etwas. Debora beugte sich zu ihrer Pultnachbarin und flüsterte: «Vorhin in der Pause war die Tür offen – da könnte jemand den Schein geklaut haben …» «Frau Sievers!» Das Mädchen hob den Arm. «Debora hat gesehen, dass die Tür zum Schulzimmer während der Pause offenstand, vielleicht wurde das Geld da gemopst!» Alle Köpfe wandten sich zu Debora. Sie senkte den Blick. «Das ist aber seltsam», meinte ein Junge. «Wir dürfen doch in der Pause gar nicht im Schulhaus sein!» «Genau!», warf ein anderer ein. «Bastian war übrigens auch drinnen!» Bastian lachte auf. «Ja, klar! Warum wohl? …» «Stimmt», murmelte Debora. «Ich musste auch gleich aufs Klo nach dem Klingeln, darum war ich noch nicht mit den 11


anderen draußen. Ich hab das Geld auf jedenfalls nicht genommen …» «Ja, wer’s glaubt!», rief ein Mädchen. «Irgendwas stimmt nicht an deiner Geschichte. Vom Klo aus kann man gar nicht sehen, ob unsere Zimmertür offensteht!» In der ganzen Klasse breitete sich ein Getuschel aus. Von der Seite landete ein Papierflieger auf Deboras Pult:

«Wie dem auch sei», unterbrach die Lehrerin das Getuschel. «Ich gebe dem Dieb oder der Diebin die Möglichkeit, den Hunderter nach dem Unterricht unbemerkt zurückzugeben. Aber wenn das Geld bis heute Nachmittag nicht da ist, muss ich die Schulleitung informieren». «Warum sollte man überhaupt was aus der Klassenkasse stehlen?», fragte ein Junge. «Das Geld kommt doch uns allen zugute!» Das fand Debora auch. Die Klasse hatte nämlich am Morgen im Dorf Altpapier gesammelt und mit Handkarren zur Sammelstelle gebracht. Dabei war dank Spenden von Leuten und Firmen ganz schön was zusammengekommen – vor allem durch den großzügigen Beitrag der neuen Druckerei. Die 12


war in einem Teil der ehemaligen Schuhfabrik untergebracht und hatte viel Papierabfall zum Entsorgen. Jedenfalls war genügend Geld zusammengekommen, um als Klasse ins Kino zu gehen. Aber daraus wurde jetzt wohl nichts … Das Geflüster im Zimmer darüber, dass Debora den Schein gestohlen haben könnte, brach rasch ab, als Frau Sievers nun die Mathe-Prüfungen zurückgab. Das brachte alle erst mal auf andere Gedanken. Debora war mit ihrer Note zufrieden, doch sie konnte sich nicht wirklich darüber freuen. Sie musste ständig daran denken, dass sie unter Verdacht stand. Am Pult vor ihr bekam Lisa wieder ein «Ungenügend», obwohl sie früher immer die Klassenbeste gewesen war. Da fiel Debora ein, dass sie Lisa vorhin auch auf dem Klo gesehen hatte – die war also ebenfalls noch im Schulhaus gewesen …

In der kleinen Pause mussten alle das Zimmer verlassen, damit der Dieb – oder die Diebin – den Geldschein unbeobachtet zurückgeben konnte. Debora traf Simon und Raffi im Schulhof und erzählte ihnen bedrückt, was passiert war. «Und jetzt verdächtigen alle mich!» 13


Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke gegen die Kälte bis zum Hals hoch. «Dabei waren auch andere noch im Schulhaus. Im Klo kam Lisa plötzlich reingerannt und ist total erschrocken, als sie mich sah. Sie murmelte so was wie, sie müsse mal ganz dringend, und sperrte sich schnell in eine Kabine.» «Hmm…» Simon blickte zu Lisa hinüber. Das Mädchen stand allein am Rand des Pausenhofs und bibberte in ihrer dünnen Regenjacke vor sich hin. «Warum ist Lisa da wohl so erschrocken?», murmelte er. «Das ist schon echt verdächtig!» Debora nickte. «Und das ist nicht das einzig Seltsame an ihr. Im Unterricht ist sie oft todmüde, manchmal legt sie sogar den Kopf aufs Pult, und die Lehrerin muss sie ermahnen, nicht einzuschlafen.» «Ich hab auch was Komisches wegen ihr mitbekommen», warf Raffi ein. «Als ich am Lehrerzimmer vorbeiging, hab ich gehört, wie die Lehrerin mit Lisa gesprochen hat – Lisas Mutter müsse jetzt endlich mal zum Elterngespräch kommen, um über Lisas abstürzende Noten zu sprechen. Aber Lisa sagte, bei ihrer Mutter würde es an dem Tag leider nicht gehen. Da murrte die Lehrerin, das sei jetzt schon das vierte Mal, dass es bei ihr nicht ginge …» «Voll schräg», meinte Simon. «Dieser Mutter müsste es doch wichtig sein, wenn ihre Tochter in der Schule Schwierigkeiten hat.» Unter dem grauen Himmel tanzten Schneeflocken durch die Luft und lösten sich am Boden auf. In der Nähe sprach eine andere Schülergruppe auch gerade über Lisa. 14


15


«Ständig trägt die alte Sachen …» «Ja, und bei Klassenausflügen ist sie nie dabei!» «Irgendwas stimmt mit der nicht, da bin ich mir sicher. Die könnte locker auch den Hunderter geklaut haben.» «Genau – die oder Debora! Eine der beiden war’s, so viel steht fest.» «Hmm.» Simon vergrub die Hände in den Jackentaschen. «Das klingt wirklich nicht grade gut.» «Oh-oh …», machte Raffi. «Wie könnten wir denn beweisen, dass Debora es nicht war?» «Indem wir beweisen, dass es jemand anders war», meinte Simon. «Vielleicht Lisa – die hat sich echt verdächtig benommen.» Debora nickte. «Okay, schauen wir nach der Schule mal, wo sie hingeht.» «Abgemacht!» In diesem Moment klingelte die Pausenglocke, und die Kids schlenderten zurück zum Schulhaus. Vor dem Eingang blieb Debora noch mal stehen. «Als Erstes bin ich jetzt gespannt, ob der Hunderter wieder zum Vorschein gekommen ist – das werde ich ja gleich oben im Zimmer erfahren!»

16


Nach der Schule machten sich die Kids eingemummelt in ihre dicken Wintersachen an die Verfolgung von Lisa. «Der Hunderter ist nicht aufgetaucht», erzählte Debora aufgeregt. «Und das Schlimmste: Alle schauen mich blöd an – ich stehe voll unter Verdacht, ihn geklaut zu haben!» «Das werden wir hoffentlich gleich ändern», meinte Simon. «Wenn wir Lisa überführen können, bist du den Verdacht los.» «Ja, wenn …», seufzte Debora. In einiger Entfernung vor ihnen überquerte das Mädchen in der dünnen Regenjacke den Dorfplatz. Dort ging sie an der riesigen Weihnachts-Tanne vorbei, die mit bunten Kugeln geschmückt war. Dann betrat Lisa eine Apotheke. Die Kids huschten unauffällig näher ans Schaufenster und versuchten hineinzuschauen. Der Raum war hell erleuchtet – das Mädchen war gut zu sehen. Die Verkäuferin holte aus einem Regal mehrere Medikamente, schob sie in einen gelben Beutel und legte ihn auf den Ladentisch. Lisa zog aus ihrer Hosentasche einen Geldschein heraus. Faltete ihn auf. 17


Und streckte ihn der Frau hin. Es war ein Hunderter. «Aha!», stieß Raffi hervor. «Das ist ja wohl ein ganz klarer Fall!» Debora runzelte die Stirn. «Aber warum kauft sie mit dem Geld Medikamente?» «Schauen wir mal weiter», meinte Simon. Als Lisa zur Tür kam, stellten sich die Kids schnell hinter die Hausecke. Vorsichtig linste Debora hervor. «Kommt», flüsterte sie. «Aber passt auf!» «Schon klar», schmollte Raffi. «Ich bin doch kein Baby mehr!» «Ja, eh!» Debora warf Simon einen Blick zu. Sie folgten Lisa in eine Seitenstraße. Da gelangten sie in eine Gegend, in der sie noch kaum je gewesen waren. «Das ist das Arbeiterviertel der ehemaligen Schuhfabrik, oder?», fragte Simon. Debora nickte. «Seit die Fabrik geschlossen wurde, haben sie auch in der Wohngegend hier nicht mehr viel geflickt oder aufgefrischt.» Alle drei sahen sich um. In den Vorgärten der schmucklosen Häuser standen Fahrräder neben Mülltonnen. Am bescheidensten sah das hinterste Haus aus. Die Farbe war verblichen und düsterem Grau gewichen. Lisa trottete dort zum Eingang, öffnete einen der Briefkästen und nahm einen Stapel Briefe heraus. Dann verschwand sie in dem grauen Haus. 18


«Krass», murmelte Debora. «Ich hab gar nicht gewusst, dass Lisa hier wohnt …» Im Erdgeschoss ging ein Licht an. Raffi trat schlotternd von einem Bein aufs andere. «Und jetzt?» «Tja», sagte Debora. «Wenn wir mehr rausfinden wollen, müssen wir näher ran.» Die Kleine bekam ganz große Augen. «Und wenn uns jemand erwischt?» «Darauf müssen wir es ankommen lassen», meinte Simon. «Sonst können wir Deboras Unschuld nicht beweisen.» Ein eisiger Wind wirbelte von den kahlen Bäumen die letzten Laubblätter auf den Gehweg herunter. «Also gut», seufzte Raffi. «Aber wir müssen aufpassen!» «Na klar.» Simon zwinkerte ihr zu. «Wir sind ja keine Babys mehr!»

Aufmerksam schauten die Kids sich um. In der Gegend war niemand zu sehen, und aus den umliegenden Wohnhäusern schien niemand herauszublicken. Das konnte sich natürlich rasch ändern … «Also los!» Schnell gingen sie durch den Vorgarten zu dem grauen Haus. 19


Neben dem erleuchteten Fenster blieben sie stehen. Vorsichtig beugten sie sich vor und linsten durch die Scheibe. «Mist», zischte Raffi. «Die Vorhänge sind zugezogen!» «Mhm.» Debora zeigte zum nächsten Fenster. «Versuchen wir’s dort.» Die Kids huschten hinüber und spähten hinein. Die Scheibe war beschlagen. Frost zog sich wie ein feines Spinnennetz darüber. Doch die Vorhänge waren auf. Verschwommen waren drinnen Möbel zu erkennen. Eine Lampe und ein Tisch mit gestapelten Briefen darauf. In diesem Moment drang eine Stimme heraus. Schritte kamen näher. «Runter!», wisperte Debora. Hastig tauchten die Kids ab und drückten sich gegen die kalte Hausmauer. Über ihnen wurde knarrend das Fenster geöffnet. «Okay», sagte Lisa drinnen. «Aber nur kurz, sonst wird’s hier noch kälter.» Eine kraftlose Stimme antwortete in dem Zimmer leise etwas Unverständliches. Die Kids wagten kaum zu atmen. Da wehte eine Böe eiskalten Schneestaub in ihre Gesichter. «Mann, ey!», zischte Raffi und wischte mit den Handschuhen die Kristalle von ihren Wangen. Debora schaute sie warnend an und hob schnell den Finger an den Mund. «So», sagte Lisa oben. «So viel frische Luft muss reichen.» 20


Das Fenster ging knarrend wieder zu, und die Kids atmeten erleichtert auf. «Merkwürdig», flüsterte Simon. «Diese Stimme da drin klang irgendwie ganz gespenstisch.» Debora nickte. «Kommt mir auch voll eigenartig vor.» Sie sah ihre Geschwister an. «Wollen wir mal hinter dem Haus nachschauen? Vielleicht finden wir da ein Fenster, wo wir mehr sehen können.» Simon schaute sich prüfend um. In der Gegend schien alles ruhig. Keine Menschenseele war zu sehen. Nach einem Blick zu Raffi nickte er Debora zu. Geduckt huschten die Kids los.

Im Hinterhof stand trostlos ein verrosteter Grill neben leeren Blumentöpfen. An der Rückseite des Hauses gab es zwar ein Fenster – doch es lag ziemlich hoch. Und genau davor stand eine vereiste Mülltonne im Weg. Simon rüttelte an der Tonne, um zu prüfen, wie standfest sie war. «Da kann ich rauf.» Er stieg hoch, hielt sich am Fensterbrett darüber fest und versuchte, mit den Schuhen auf dem rutschigen Deckel Halt zu finden. 21


Als er einigermaßen sicher stand, linste er vorsichtig durch die Scheibe. Gespannt schauten die Mädchen zu ihm hoch. «Und?» In diesem Moment löste sich an der Dachrinne ein Eiszapfen und flog knapp an Simon vorbei in die Tiefe. Erschrocken zuckte er zusammen. Dadurch glitt er auf der eisigen Fläche aus und verlor den Halt. Mit einem erstickten Schrei stürzte er auf den gefrorenen Boden hinunter. «Simon!», rief Raffi geschockt. Beide Mädchen beugten sich über ihn. «Hast du dir was getan? Tut’s irgendwo weh?» «Ich glaub nicht …» Langsam stand er auf und wischte sich die Knie ab. «Scheint alles in Ordnung zu sein.» Debora atmete auf. «Da haben wir ja grade noch mal Glück gehabt!» Doch da täuschte sie sich. Denn in diesem Moment ging über ihr das Fenster auf. Und jemand schaute heraus. Lisa. «Was macht ihr denn da?» Sie wirkte überrascht und besorgt. Den Kids jagten tausend Gedanken durch den Kopf, was sie bloß sagen sollten. Debora fasste sich ein Herz. «Ganz ehrlich? Wir wollten rausfinden, ob du den Hunderter aus der Klassenkasse genommen hast. Um zu beweisen, dass ich es nicht war.» «Den hab ich nicht genommen.» Lisa begann das Fenster wieder zu schließen. 22


23


Debora runzelte die Stirn. «Und warum bist du dann im Schulklo so erschrocken, als ich dich reinrennen sah?» Lisa stockte. «Das … hat nichts mit dem gestohlenen Geld zu tun.» Sie wollte das Fenster nun endgültig schließen. Da rief Raffi: «Und wo kommt der Hunderter her, mit dem du in der Apotheke bezahlt hast?» Lisa erstarrte. Bestürzt sah sie sich um, ob jemand zuhörte. «Nicht so laut», wisperte sie. «Also gut, kommt kurz rein.»

24


Die Kids gingen um Lisas Haus herum. Das Mädchen hielt ihnen die Tür auf und führte die drei durch den Flur in die Küche. Dort fiel ihnen sofort auf, wie kühl es hier war. Im Spülbecken stapelte sich schmutziges Geschirr. Ein Wäschekorb mit frischer Wäsche stand in einer Ecke. Auf dem Esstisch klebten in leeren Tellern trockene Nudel- und KetchupReste. Lisa bemerkte die Blicke der Kids und errötete. «Ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen …» «Okay», begann Simon nun ohne Umschweife. «Wie ist das denn jetzt mit dem gestohlenen Hunderter?» «Hab ich doch gesagt – damit hab ich nichts zu tun.» «Und die Medikamente in der Apotheke – womit hast du die bezahlt?» Lisa warf einen Blick in den Flur. Rasch ging sie hinaus, schloss eine graue Tür und kam wieder zurück. «Das war schon ein Hunderter – aber nicht der aus der Klassenkasse.» «Ach, ja? Trägst du immer so einen großen Schein mit dir herum?» 25


«Nein …» Lisa wand sich. «Aber das mit dem Diebstahl war ich nicht, das müsst ihr mir glauben.» «Mal angenommen, das stimmt wirklich», begann Debora. «Weißt du dann vielleicht sonst was darüber?» «Nein, ehrlich.» Lisa warf erneut einen besorgten Blick in den Flur. «Ihr geht jetzt am besten wieder. Ich kann euch nicht helfen.» Zögernd schauten sich die Kids an. In diesem Moment drang eine schwache Stimme in die Küche. «Lisa, wo bleibst du denn?» Lisa zuckte zusammen. Bittend sah sie die Kids an. «Ich bring euch zur Tür, ja?» Da ertönte wieder die merkwürdige Stimme, diesmal noch dringlicher. «Lisa! Bitte!» Das blasse Mädchen riss den Blick von den Kids los und eilte in den Flur. Dort öffnete sie die graue Tür, machte das Licht an und verschwand im Raum. Leise folgten ihr die Kids in den Flur, wo sie unbemerkt in das Zimmer schauen konnten. Und was sie da sahen, ließ ihren Atem stocken.

26


In einem zerwühlten Bett lag eine bleiche Frau mit eingefallenen Wangen. «Ich hab solche Schmerzen», stöhnte sie. «Gibst du mir einen Schluck Wasser?» Lisa holte aus dem gelben Apothekenbeutel auf der Kommode eine Medikamenten-Schachtel, öffnete sie und gab der Frau eine Tablette. «Hier», murmelte sie. «Das wird dir helfen, Mama.» Vom Nachttisch neben dem Bett nahm sie ein Glas Wasser und hielt es ihr hin. Die Mutter richtete ihren matten Blick auf den ApothekenBeutel und die Schachteln darin. Fragend musterte sie Lisa. «Du hast doch nicht etwa das Geld, das ich dir für deine Wintersachen gegeben hab, für meine Medikamente ausgegeben?» Das Mädchen senkte den Kopf und schwieg. «Doch, du hast …» Die Frau schluckte. «Dabei brauchst du dringend eine warme Jacke und neue Stiefel. Die alten fallen auseinander, und deine Füße sind gewachsen.» Die Kids sahen sich betroffen an – Lisa hatte den Hunderter nicht gestohlen, sondern ihr Wintersachen-Geld für die Schmerzmittel ihrer Mutter eingesetzt … Sie fühlten sich richtig mies wegen ihres falschen Verdachts. Und auch, weil es Lisa und ihrer Mutter so schlecht ging. Raffi wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. «Ist nicht so schlimm, Mama», murmelte Lisa im Zimmer. «Etwas von dem Geld ist noch da. Ich werde mir eben gebrauchte Sachen kaufen, die kriegt man ganz billig.» 27


«Ach, Kind.» Die Frau seufzte bekümmert und schluckte die Tablette. Während Lisa die Kissen ausschüttelte und die Decken zurechtzog, bemerkte Simon im Flur den Tisch mit dem Briefestapel. Die neusten Umschläge waren noch ungeöffnet, aber viele Schreiben lagen offen da. Ohne es wirklich zu wollen, sah Simon, dass es Mahnungen für unbezahlte Rechnungen waren. Strom, Heizung, Krankenkasse … Da trat Lisa wieder aus dem Zimmer heraus. Befangen folgten ihr die Kids zurück in die Küche. Dort lehnte sich das blasse Mädchen gegen den Esstisch. «Jetzt wisst ihr’s», murmelte sie. «Aber ihr dürft es keinem sagen! Das müsst ihr mir versprechen!» «Warum denn nicht?», wandte Simon ein. «Vielleicht könnte euch jemand helfen, und …» «Nein, dann kommt das Jugendamt! Und dann muss ich ins Heim!» Lisa sah die Kids panisch an. «Ich will nicht ins Heim! Ich will bei Mama bleiben!» Debora trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. «Wir tun nichts, was du nicht willst. Versprochen.» Erleichtert atmete Lisa auf. Raffi betrachtete das Mädchen in den abgetragenen Kleidern mitfühlend. Beim Gedanken, dass sie selbst von ihrer Mutter wegmüsste, bekam sie gleich wieder feuchte Augen. Sie fühlte einen dicken Kloß im Hals. «Mama ist schon seit Monaten krank», erklärte Lisa. «Und ihr geht’s immer schlechter.» 28


29


Simon sah sie fragend an. «Kann ihr euer Arzt denn nicht helfen?» «Da kann sie nicht mehr hin.» Lisa senkte den Blick. «Mama sagt, das Geld hat schon vorher kaum gereicht, und jetzt …» «Was?» Raffi schaute sie bestürzt an. «Das kann doch nicht sein!» «Oh doch», sagte Lisa leise. «Da kann noch ganz viel sein, was sich andere Leute nicht vorstellen können.»

Debora sah Lisa berührt an. «Gibt’s denn niemanden, der euch helfen könnte? Wo ist denn dein Papa?» «Der ist schon lange weg», murmelte Lisa. «Er war arbeitslos, und irgendwann hat er gesagt, er geht jetzt in die Stadt und kommt erst zurück, wenn er Geld hat.» «Und dann?» «Nichts. Wir haben nichts mehr von ihm gehört. Der kommt nicht mehr zurück. Der hat uns längst abgeschrieben, wir sind nur eine Last für ihn.» Nun stiegen Lisa die Tränen in die Augen, und Debora nahm sie in den Arm. «Da drüben liegt ein Brief von ihm.» Lisa deutete auf ein 30


Regal an der Wand. «Das ist das Letzte, was wir von ihm gehört haben.» Simon ging hin und sah sich den Brief an. In sauberer Handschrift stand da:

Es is t ha r t in d e r S ta d t, a be r i ch ha l te m ic h irg e nd w ie übe r Wa sse r. Ich sc hla ge mi ch so l ang e d urc h, bis i ch e in e A r be i t gef und e n ha b e . Da s sch a f fe ic h, vo rh e r ke hre i ch ni cht z ur ück . Ma c ht ’s gu t, Eue r Da ve Darunter stand eine Absender-Adresse. Simon prägte sie sich ein. Es machte ihn traurig, dass ein Papa seine Tochter und seine Frau alleinließ, obwohl sie dringend Hilfe benötigten. Käme Dave zurück, müsste Lisa sicher nicht ins Heim … Simon atmete tief durch. Er wollte etwas unternehmen. Er musste etwas unternehmen. Heimlich gab er seinen Schwestern ein Zeichen. «Es ist schon spät, wir müssen heim.» Debora nickte ihm wissend zu. «Geht ihr schon mal vor, ich komm dann nach.» 31


«Okay.» Simon und Raffi verabschiedeten sich und verließen die kalte Wohnung. Draußen eilten sie auf dem schnellsten Weg zum KaminskiHof. Um Zwockel zu holen und den Eltern Bescheid zu sagen – und dann in der Stadt nach Lisas Vater zu suchen.

32


Die Seiten 33-158 sind nicht in dieser Leseprobe erhalten.


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook