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Vishal Mangalwadi

Das Buch der Mitte Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur


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Inhalt Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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PROLOG: Warum diese Reise in die Seele der modernen Welt?. . . . . . . . . . . .

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Teil I: Die Seele der westlichen Zivilisation . . . .

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Kapitel 1: DER WESTEN OHNE SEINE SEELE / Von Bach bis Cobain . . . . . . . . .

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Teil II: Eine persçnliche Pilgerreise . . . . . . . . . . . .

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Kapitel 2: DIENST AN DEN ARMEN / Oder eine Fahrkarte ins Gefängnis? . . . . . . Kapitel 3: AUF DER SUCHE / Kçnnen Blinde einen Elefanten erkennen? . . . . . . . Kapitel 4: DAS «SELBST» – WER BIN ICH? / Gleicht der Mensch einem Hund oder Gott? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Teil III: Der Same der westlichen Zivilisation . . Kapitel 5: MITMENSCHLICHKEIT / Was ist die grçßte Errungenschaft des Westens? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6: DIE VERNUNFT / Was machte den Westen zu einer denkenden Gesellschaft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 7: TECHNIK / Warum wurde die Technik ausgerechnet im Kloster erfunden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Teil IV: Die Revolution des Jahrtausends . . . . . . Kapitel 8: HELDENTUM / Wie konnte ein besiegter Messias Rom besiegen? . . . . . . . Kapitel 9: EINE REVOLUTION KOMMT IN GANG / Warum veränderten Bibelübersetzer die Welt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Teil V: Die intellektuelle Revolution . . . . . . . . . . . Kapitel 10: DIE ROLLE DER SPRACHEN / Wie wurde Bildung demokratisiert? . . . Kapitel 11: DER BEITRAG DER LITERATUR / Warum haben die Pilgerväter Nationen aufgebaut? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

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Kapitel 12: DIE UNIVERSIT¾TSBILDUNG / Warum sollte man für die Bildung seiner Untertanen sorgen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel 13: WISSENSCHAFT / Was ist ihre Grundlage? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil VI: Was brachte den Westen an die Spitze?

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Kapitel 14: ETHIK UND WERTE / Warum sind einige weniger korrupt als andere? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel 15: FAMILIE / Warum hat Amerika Europa überholt? . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel 16: MITGEFÜHL UND BARMHERZIGKEIT / Warum wurde für die Medizin Fürsorglichkeit zur Verpflichtung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

409

Kapitel 17: GESUNDE WEGE ZU REICHTUM / Wie wurde verantwortungsbewusste Haushalterschaft über Geld und Besitz zu einer geistlichen Angelegenheit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel 18: FREIHEIT / Warum brachte das feste Vertrauen in die Aussagen der Bibel Freiheit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil VII: Die Moderne erobert die Welt . . . . . . . . .

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Kapitel 19: WELTMISSION / Kçnnen Eingeborenenstämme zur Weltverbesserung beitragen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel 20: DER WEG IN DIE ZUKUNFT / Muss die Sonne über dem Westen untergehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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ANHANG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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NACHWORT: Die Bibel – ein Fax vom Himmel?. . . . . . . . . . . . . . .

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Dankesworte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Über den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Index . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil I Die Seele der westlichen Zivilisation Die Bibel ließ ihr Gottes-, Welt- und Menschenbild in alle führenden westlichen Sprachen und somit in die intellektuellen Prozesse einfließen, die den westlichen Menschen bestimmen. […] Seit der Erfindung des Buchdrucks betrachteten wir die Bibel aber nicht nur als eine Übersetzung alter orientalischer Literatur. Auch empfanden wir sie nie als ein uns fremdes Buch. Vielmehr war sie die zugänglichste, vertrauteste und zuverlässigste Quelle der intellektuellen, moralischen und geistlichen Ideale des Westens. H. Grady Davis


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Kapitel 1 DER WESTEN OHNE SEINE SEELE Von Bach bis Cobain

Zweihundert Jahre lang haben wir an dem Ast gesägt, auf dem wir sitzen, und gesägt, und gesägt. Am Ende wurden wir für unsere Mühe belohnt, viel eher als erwartet. Wir fielen herunter. Jedoch hatten wir uns unsere Landung ganz anders vorgestellt: Der Boden, auf dem wir landeten, war kein Bett voller Rosen, sondern eine Jauchegrube voller Stacheldraht … Die Entfernung der Seele scheint deshalb kein routinemäßiger chirurgischer Eingriff zu sein wie etwa eine Blinddarmoperation. Die Wunde kann sich entzünden. George Orwell, «Notes on the Way», 1940 Ein Elektriker in Seattle, Washington, entdeckte am 8. April 1994 zufällig eine Leiche. Durch eine Schrotflinte war der Kopf bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt worden. Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass es sich bei dem grausam zugerichteten Opfer um die Rocklegende Kurt Cobain handelte (geb. 1967), der wenige Tage zuvor Selbstmord begangen hatte. Cobains bisherige Suizidversuche durch eine Überdosis Drogen waren immer gescheitert. Deshalb soll seine hübsche Frau, die Sängerin Courtney Love, mehrmals die Polizei gerufen haben, um seine Waffen beschlagnahmen zu lassen und so zu verhindern, dass er sich damit selbst tçten oder andere verletzen konnte. Kurt Cobain, der Leadsänger und begabte Gitarrist der Rockband «Nirvana», fing die Probleme seiner Generation und ihre Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit für die Seele so treffend ein, dass von dem Album «Nevermind» über zehn Millionen Exemplare verkauft wurden; es verdrängte Michael Jackson von der obersten Chartplatzierung.


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TEIL I & Die Seele der westlichen Zivilisation

Der Ausspruch «Never mind» bedeutet: «Egal!» oder «Mach dir keine Gedanken!». Warum sollte man auch über etwas nachdenken, wenn es doch nichts gibt, was absolut wahr, gut oder schçn sein kçnnte? Soll sich ein Mann ändern, soll er es sich zu Herzen nehmen, dass seine entzückende Tochter einen Vater braucht? «Egal, mach dir keine Gedanken darüber», das wäre die logische Haltung eines Nihilisten, der denkt, dass es da draußen in der Welt nichts gibt, was irgendwie wichtig wäre und Sinn ergeben kçnnte – sei es die Tochter, die Ehefrau oder das Leben selbst. Doch das war nicht immer so. Der moderne Westen wurde von Menschen geprägt, deren Leben auf ihrem Glauben an das Gçttliche, Wahre und Ehrenwerte beruhte. «Nirwana» steht im Buddhismus für «Erlçsung» und bedeutet eine dauerhafte Nichtexistenz des Individuums beziehungsweise die Auflçsung unserer illusionären Persçnlichkeit ins shoonya (Auflçsung, Nichtsein und Leere). Damit ist die Loslçsung von unserer nur Kummer und Elend bewirkenden Illusion gemeint, die permanent unser Sein bestimme: das Selbst, die Seele, atman. Der folgende Text zeigt, wie Cobain Erlçsung versteht – nämlich als Schweigen, Tod und Auflçsung. Silence, Here I am, Here I am, Silent … Death Is what I am, Go to hell, Go to jail … Die1 Schweigen, hier bin ich, hier bin ich, schweigend … Tod, das bin ich, geh zur Hçlle, geh ins Gefängnis … Sterbe Nachdem sich die Nachricht von Cobains Suizid verbreitet hatte, taten einige Fans es ihm nach. Der Bericht in der Zeitschrift «Rolling Stone» über seinen tragischen Tod führte zu Nachahmungstaten, so dass etwa 68 Personen auf die gleiche Art und Weise aus dem Leben schieden.2 «Hey, hey, ho, ho, Western Civ has got to go!» Aus Frust über die Heuchelei und die Ungerechtigkeit des Westens forderten die Stu-


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denten der Universität Stanford in den 1960er-Jahren die Beseitigung der westlichen Gesellschaft. Dennoch erreichten sie mit der Ablehnung der herrschenden Gesellschaftsvorstellungen nicht das, was sie sich eigentlich vorgestellt hatten. Diana Grains bemerkte in «Rolling Stone», vor den 1960er-Jahren habe es unter der amerikanischen Jugend praktisch keine Suizidversuche gegeben. Nach 1980 nahmen sich jedoch jedes Jahr fast 400.000 Heranwachsende das Leben. Bereits 1987 galt der Freitod unter Teenagern nach Verkehrsunfällen als zweithäufigste Todesursache. In den 1990er-Jahren sank der Suizid dann auf Platz 3, weil sich die jungen Menschen genauso oft gegenseitig tçteten, wie sie sich selbst umbrachten. Grains erklärte diese Zahlen der Kinder der 1960er-Generation wie folgt: Die 1980er-Jahre brachten den jungen Leuten die Erfahrungen einzigartiger Gewalt und Demütigung. Traumatisiert von abwesenden oder süchtigen Eltern, von Erziehern, der Polizei und von Psychiatern, arbeiteten sie oftmals in Jobs, von denen sie kaum leben konnten. Da es auch von Seiten der Behçrden keinerlei Bemühungen gab, sie in die Gesellschaft zu integrieren, mangelte es ihnen an Orientierung. Viele junge Menschen gerieten in einen Kreislauf der Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Diese Schuld muss man den Erwachsenen anrechnen, denn sie hatten eine gesamte Generation im Stich gelassen, ihnen nicht ausreichend Schutz geboten, ihnen keine Chance gegeben, später ein eigenständiges Leben führen zu kçnnen. Als die ersten Anzeichen von Vernachlässigung bei ihnen sichtbar wurden, die sich in Suizidraten, Mord, Drogenmissbrauch, Schulversagen, Rücksichtslosigkeit und einem Lebensgefühl des Elends äußerten, bezeichneten die Erwachsenen sie als teilnahmslos, Analphabeten und gewissenlose Versager.3 Laut seiner Biografen erhielt Cobain in seiner Kindheit sehr viel Zuwendung, sein Leben verlief zunächst in geordneten Bahnen. Doch mit neun Jahren geriet er zwischen die Fronten seiner in Scheidung


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TEIL I & Die Seele der westlichen Zivilisation

lebenden Eltern. Wie so oft in Amerika hatte sich deren Ehe zu einem Schlachtfeld mit seelischen Verletzungen und verbalen Entgleisungen entwickelt. Einer von Cobains Biografen schrieb unter ein Familienbild mit dem sechsjährigen Kurt: «Ein Familienbild. Eine Ehe war es nicht.»4 Nach der Scheidung ging Kurts Mutter mit jüngeren Männern aus. Sein Vater wurde herrisch, ihn plagte mehr die Angst davor, dass seine neue Frau gehen kçnnte, als die Befürchtung, seinen Sohn Kurt zu verlieren. Durch die fehlende Zuwendung von Seiten der Eltern fühlte sich der Sohn unerwünscht, er konnte seine innere Mitte nicht mehr finden und hatte deshalb Mühe, stabile Beziehungen zu seinen Altersgenossen oder zu Erwachsenen aufzubauen. Diese Instabilität hinterließ in seiner Seele eine tiefe Wunde, die mit Musik, Erfolg, Geld, Sex, Drogen, Alkohol, Rehamaßnahmen und Entziehungskuren nicht geheilt werden konnte. Aufgrund dieses großen inneren Schmerzes fiel es ihm natürlich leicht, der ersten der vier «edlen Wahrheiten» Buddhas zuzustimmen, Leben heiße Leiden. Die Psychotherapie versagte bei Cobain. Da sie die eigentliche Existenz der Psyche (des Selbsts, der Seele) in Frage gestellt hat, befindet sich die säkulare Psychologie nunmehr im Niedergang. Sicherlich glaubten Sigmund Freud und Carl Gustav Jung noch an die Existenz des Selbsts,5 aber ihre Nachfolger vertreten den Standpunkt, der Glaube an das «Selbst» sei ein Überbleibsel der uns anhaftenden westlichen christlichen Vergangenheit – Jungs Vater zum Beispiel war ein Geistlicher. Jungs grundsätzlich atheistisch eingestellte Nachfolger wie James Hillman formulieren den Kerninhalt dieser Theorie vçllig neu. Heute vertreten immer mehr Fachleute die Ansicht, dass es ohne Theologie theoretisch nicht mçglich ist, Psychologie zu betreiben. Sechs Jahrhunderte vor Christus wusste Buddha bereits: Wenn Gott nicht existierte, dann existierte das menschliche Selbst auch nicht. Daher veränderte Buddha die hinduistische Lehre von der Seele: Wenn wir die Schichten der eigenen Psyche wie eine Zwiebel zu häuten begännen, entdeckten wir, dass es in unserem Wesen


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keinen festen Kern gebe. Unsere Annahme vom eigenen Selbst sei daher eine Illusion. In Wirklichkeit gebe es nur das Nicht-Selbst (anatman). Du existierst nicht! Folgt man der Lehre Buddhas, findet man nur dann Befreiung, wenn man erkennt, dass unser Sein nicht wirklich ist. Dieser Nihilismus ist logisch, wenn man von dem Ansatz ausgeht, dass es keinen Gott gibt. Andererseits ist es keinesfalls leicht, mit den Konsequenzen dieser Überzeugung zu leben und nicht mehr an das eigene Selbst zu glauben. Für sensible Menschen wie Cobain kann dieses Zugeständnis durchaus zerstçrerisch sein: «Ich glaube, dass ‹ich› nicht bin.» Seine Musik – feinfühlig und ungestüm, überzeichnet und depressiv, laut und ruhelos, gesetzlos und rachgierig zugleich – reflektierte jene Zerrissenheit, die er in seiner postmodernen Umwelt und in seinem Inneren wahrnahm. Obwohl er für sich einige wenige moralische Grundsätze gelten ließ (wie Umweltschutz oder Vaterschaft) war es für ihn nicht mçglich, ein stabiles Weltbild zu finden, in das er seine Prinzipien einordnen konnte. Die Lehre Buddhas von der «Impermanenz» schien ihn instinktiv anzuziehen: In der Welt gebe es nichts, das stabil und permanent ist. Es sei nicht mçglich, zwei Mal durch denselben Fluss zu schwimmen, weil der Fluss sich jeden Moment verändere, so wie der Mensch selbst auch. Man sei jetzt nicht mehr das «Selbst», das man gerade noch gewesen sei. Cobains Empfinden der Impermanenz hinsichtlich einer emotionalen, sozialen und geistlichen Mitte in seinem Leben hatte tragische Konsequenzen. Er machte sich die philosophische und moralische Leere zu eigen, die andere Bands als den «Highway to Hell»6 anpriesen.

Musik nach Gottes Tod Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844–1900) erkannte, dass Europa die positiven Resultate des christlichen Glaubens nicht


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mehr aufrechterhalten konnte, nachdem es Gott für tot erklärt hatte. Aber selbst Nietzsche bedachte nicht, dass die Abschaffung Gottes den Tod des eigenen Selbsts bedeutete. 1500 Jahre vor Nietzsche war die westliche Welt hingegen der These des Augustinus (354–430 n. Chr.) gefolgt, dass jedes menschliche Wesen eine dreifache Natur aus Kçrper, Seele und Geist sei. Nach der Leugnung des gçttlichen Seins wurde es nun unmçglich, weiterhin von der Existenz des menschlichen Seins auszugehen. Aus diesem Grund greifen viele Intellektuelle auf buddhistische Vorstellungen zurück, die das Selbst für eine Illusion halten. Der zeitgençssische Jung’sche Psychologe Paul Kuglar erklärte, in der postmodernen Philosophie sei Nietzsche (als redendes Subjekt) tot – er habe niemals existiert, denn Individualität sei nur eine Illusion, ein Produkt der Sprache.7 Die Dekonstruktivisten machen die Sprache dafür verantwortlich, die Illusion des Selbsts geschaffen zu haben, aber Buddha beschuldigte den menschlichen Geist, das heißt, das Denkvermçgen, den Intellekt. Für ihn konnte dies nicht Gottes Ebenbild sein. Vielmehr hielt er das Denken für ein Produkt urzeitlicher kosmischer Ignoranz des Seins – avidya. Klassischen Skeptikern wie Pyrrhon von Elis (360–270 v. Chr.), der mit Alexander dem Großen nach Indien gereist und mit buddhistischen Philosophen in Berührung gekommen war, erschien diese Theorie sinnvoll. Nach seiner Rückkehr nach Griechenland begründete Pyrrhon daraufhin die philosophische Schule der Skeptiker und lehrte, dass man nichts wissen kçnne. Warum sollte man dann Philosophen noch für ihre Lehrtätigkeit bezahlen, wenn dies wirklich der Wahrheit entsprach? Kein Wunder, dass Bildung, Philosophie und Wissenschaft in Griechenland einen Niedergang erlebten. Die Leugnung eines individuellen Wesenskerns im Menschen macht es allerdings schwierig, hinter Musik einen Sinn zu erkennen, denn Musik ist wie Ethik und Werte eine Sache der Seele. Jene, die davon ausgehen, dass alles in der Welt nur materielle Substanz und die Seele eine Illusion sei, stoßen bei der Erklärung von


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Musik auf Schwierigkeiten. Sie kçnnen natürlich die These aufstellen, Musik habe sich aus der Tierwelt heraus entwickelt. Andererseits hat keiner der uns von der Evolution zugeschriebenen Vettern jemals Musik gemacht (natürlich «singen» einige Vçgel, aber niemand hat bisher behauptet, dass unsere eigene Musik von ihnen stamme). Charles Darwin ging davon aus, Musik habe als Mittel des Liebeswerbens um eine Frau ihren Anfang genommen. Das kçnnte man glauben, wenn Vergewaltiger ihre Opfer mit einer Band zu betçren versuchten. Genauso gut kçnnte die evolutionistische Psychologie Vergewaltigung als natürliche Form der Paarung und Moral als willkürliche soziale Kontrolle betrachten. Musik dient jedoch offensichtlich keinem biologischen Zweck. Vielmehr hat Bono, der Leadsänger von U2, recht, wenn er sagt: «Musik ist Sache des Geistes.» Teile der zeitgençssischen Musik bewegen sich auf Gott zu – zum Beispiel Gospel-Musik. Andere Genres wie Blues bewegen sich vielleicht eher von Gott weg und suchen die Erlçsung anderswo. Wie dem auch sei, «für beide war Dreh- und Angelpunkt, dass Gott das Zentrum der Reise ist.»8 Selbst in der Bibel sind nicht alle Gesänge dem Lob Gottes gewidmet. Bereits bei Hiob finden wir beispielsweise, dass angesichts von Leid und Ungerechtigkeit die Gesangstexte auch eindringliche Anklagen gegen Gott enthalten. Diese Lieder klagen Gott an – aber auch sie bestätigen, dass der Sinn des Lebens nur in Gott zu finden ist und dass wir ein Recht darauf haben, moralische Urteile zu fällen. Der buddhistische Skeptizismus, den Pyrrhon nach Europa brachte, ist logisch und kraftvoll zugleich. Der Westen entrann seinem lähmenden Einfluss nur, weil Denker wie der heilige Augustinus in der Lage waren, ihn zu widerlegen. Augustinus bekräftigte die Existenz des menschlichen Seins, weil die Bibel diese Existenz lehrt und weil Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Augustinus glaubte zudem an die Gültigkeit des Worts. Er war der Ansicht, dass Sprache Wahrheit deshalb vermitteln kann, weil der Mensch Ebenbild eines dreieinigen Gottes ist, der sich mitteilt, der spricht. Da der Westen diese biblischen Grundlagen heute verworfen hat, hat er


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dem radikalen buddhistischen Pessimismus nur wenig entgegenzusetzen. Trotz oder vielleicht wegen seiner inneren Zerrissenheit blieb Cobain weiterhin dermaßen berühmt, dass ihn die Musikindustrie 2008 als den grçßten nicht mehr lebenden Künstler bezeichnete. Seine Alben übertrafen selbst die Verkaufszahlen von Elvis Presley. 2002, viele Jahre nach seinem Tod, konnte seine Witwe seine Notizen und Aufzeichnungen aus seinen Tagebüchern für (angeblich) vier Millionen Dollar an Riverhead Books verkaufen. Zwei Jahrzehnte zuvor hätte jeder Verleger der Welt diese Notizen als bedeutungsloses, stümperhaftes Gekritzel abgelehnt. Zu Beginn des 21. Jh. jedoch bemerkten die Kulturkritiker in Amerika zu Recht, dass Cobain mehr als jeder andere Prominente die Seelenlosigkeit Amerikas verkçrperte. Als Beispiel von bedeutsamer Bedeutungslosigkeit schrieb er: Ich mag Punk-Rock. Ich mag Mädchen mit gruseligen Augen. Ich mag Drogen. (Aber mein Kçrper und mein Verstand erlauben mir nicht, sie zu nehmen.) Ich mag Leidenschaft. Ich liebe es, meine Karten falsch zu spielen. Ich mag Vinyl. Ich mag es, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich ein weißer männlicher Amerikaner bin. Ich liebe es zu schlafen. Ich mag es, kleine Hunde in parkenden Autos zu ärgern. Ich finde es toll, wenn Menschen sich besser und über mich erhaben fühlen, wenn sie mich ansehen. Ich liebe es, meine Meinung zu vertreten, auch wenn sie vçllig daneben ist, aber es ist eben ernsthaft meine Meinung. Ich mag Ernsthaftigkeit, aber es fehlt mir an Ernsthaftigkeit … Ich mahne gerne Dinge an, aber ich unternehme nichts, um irgendetwas zu verbessern.9 ¾hnliche Auslassungen zu Cobains Tagebüchern und Liedtexten sind mir in privaten Tagebüchern von Studenten auf Kunstausstellungen amerikanischer Colleges begegnet. Vor Cobain, in den 1960er- und 1970er-Jahren, glaubten die kulturkritischen Studenten dieser Colleges, am Beginn der perfekten Gesellschaft zu stehen.


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Zur Zeit von Kurt Cobain wussten sie bereits, dass Nihilismus nur zur Weltflucht führt. Steven Blush erforschte die frühe Musik der 1980er-Jahre, die sich chronologisch wie vom Stil her direkt an Cobain anschloss, allgemein bekannt unter dem Begriff «Hardcore». Ein Genre, das von einer forschen Sprache und der Absicht gekennzeichnet ist, sich bewusst außerhalb der breiten Masse anzusiedeln. Blushs Schlussfolgerung: Hardcore ist mehr als Musik – es wurde auch zu einer politischen wie sozialen Bewegung. Seine Anhänger bildeten eine Gruppierung für sich. Einige von ihnen waren der Gesellschaft entfremdet oder hatten Misshandlung erlebt und fanden nun ihre Zuflucht in der harten Musik. Einige suchten nach einer besseren Welt oder der Aufhebung des Status quo und waren zornig. Die meisten allerdings wollten die Hçlle bejubeln. Krass und kompromisslos … Viele Problemkinder «fanden sich selbst» im Hardcore, der keinerlei ästhetischen Anspruch hatte. Die Bands konnten grçßtenteils auch nicht sonderlich gut spielen, und die meisten Songs ließen Talent vermissen. Wie dem auch sei, sie hatten «es» drauf – eine ansteckende Mischung von ultraschneller Musik, provozierenden Texten und einer «Frissoder-stirb»-Mentalität.10 Die postmodernen «sinnfreien Rebellen» lebten in ihrer eigenen Welt.11 Cobains Musik mit ihrer totalen Disharmonie, voller Zorn, innerer Qualen, Verzweiflung, Bedeutungslosigkeit und Obszçnität, traf den Nerv des modernen Amerikas. Einer seiner Songs trägt den Titel «I Hate Myself, I Want to Die» (dt. Ich hasse mich, ich will sterben) und «Rape Me» (dt. Vergewaltige mich), später verändert zu «Waife Me» – und was das bedeuten soll, darüber haben wohl schon viele gerätselt. Die meisten von Cobains Gesängen konnte man nicht entschlüsseln, und wenn es bei einigen Texten doch gelang, hatten sie nicht zwingend eine Bedeutung. Ob es ihm selbst bewusst war oder


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nicht, es handelte sich überwiegend um zen-koans, um Sinnlosigkeiten wie: «Wie hçrt es sich an, wenn eine Hand klatscht?» Solche Sätze ergeben keinen Sinn, da ohne eine Offenbarung auch die Wirklichkeit an sich keinen Sinn ergibt. Seine Wçrter waren schlicht einfach nur Mantras – Wçrter ohne Sinn –, die gechantet und gebrüllt wurden.a) Cobain beging Suizid, weil nichts Positives wachsen kann, wenn man vom Grundgedanken des Nichtseins als ultimativer Wahrheit ausgeht. Dieser Gedanke vermittelt der Welt weder Lebensfreude, noch bringt er Bedeutung oder Hoffnung in das Chaos des eigenen Lebens, in dem man sich befindet. So bleibt als einzige Konsequenz, dass man die Menschen dazu anregt, den Ausstieg aus dieser Welt zu finden und das Nirwana zu suchen. Doch letztlich kann auf dem Boden des Nihilismus keine Musikkultur aufblühen. Cobains persçnliche musikalische Begabung konnte sich nur deshalb entfalten, weil er von der einzigartigen Musikkultur und Musiktradition vorhergehender Generationen profitieren konnte. Darüber hinaus scheint Musik in der westlichen Geisteshaltung so selbstverständlich und so sehr verankert zu sein, dass sie zentral und als etwas Natürliches zum Leben dazugehçrt – als wesentlicher Bestandteil von traditionellem gottesdienstlichem Leben und Bildung. Das wird an den Universitäten Oxford und Cambridge deutlich, die im zweiten Jahrtausend einen hervorragenden Beitrag zur Bildung leisteten. Wer allerdings diese Städte noch nie besucht hat, dem wird nicht bewusst sein, wie sehr Kirchen und Kapellen das Stadtbild prägen. Man kann sogar behaupten, dass die «Chapel» das wichtigste Gebäude der altehrwürdigen Colleges darstellt, wobei die Pfeifenorgel das Herzstück bildet. Dies ist nicht in allen Kulturen so. Turkmenistan zum Beispiel hat erst in jüngster Zeit Musik an staatlichen Feiertagen, bei Fernsehübertragungen, offiziellen Kul-

a)

Siehe Kapitel 6 zur eingehenderen Erçrterung, inwieweit die Sicht, Mantras als Sprache zu sehen, weitere kulturelle Strukturen beeinflusst.


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turevents, çffentlichen Versammlungen und sogar bei Hochzeiten und çffentlichen Jubiläen mit Restriktionen belegt.12 In Ländern wie Saudi-Arabien existiert schon sehr lange eine Musikzensur. So dürfen im Iran und in Afghanistan Frauen nicht im Radio, geschweige denn im Fernsehen und erst recht nicht direkt vor einer gemischtgeschlechtlichen Zuhçrerschaft singen. Nach dem Sturz Saddams verhafteten radikale Muslime im Irak Verkäufer von Musik-CDs. In Moscheen sucht man vergeblich nach Keyboards, Orgeln, Klavieren, Orchestern und Worship-Bands, denn nach der Lehre des traditionellen Islams ist Musik haraam, unzulässig.b) Vom Standpunkt dieser Kulturen aus ist westliche Musik untrennbar mit Zügellosigkeit verknüpft. Musiker wie Kurt Cobain dienen als abschreckendes Beispiel. In der Tat stellte Cobain auf dem Cover von «Nevermind» unverkennbar drastisch die Werte dar, die sein Leben bestimmten: Ein kleines Baby unter Wasser mit einem langen Penis taucht nach einer Dollarnote, die auf einen Angelhaken gespießt ist. Auf der Rückseite sieht man Cobains Maskottchen, ein Streifenhçrnchen, das auf einer Vagina sitzt. Demgegenüber verachtet die Bibel Ausschweifung und mçchte, dass Musik zur Ehre Gottes betrieben wird: «Betrinkt euch nicht; das führt nur zu einem ausschweifenden Leben. Lasst euch vielmehr von Gottes Geist erfüllen. Singt miteinander Psalmen, und lobt den Herrn mit Liedern, wie sie euch sein Geist schenkt. Singt für den Herrn, und jubelt aus vollem Herzen! Im Namen unseres Herrn Jesus Christus dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit, überall und für alles!»13

b)

Die Idee, dass Musik haraam, unerlaubt, sei, gründet sich auf Koran 17,64, 31,6 und 53,59–62. Historisch gesehen haben Theologen in der Tradition der von Ibn Masud, Ibn Abbas und Jaabir nach Mohammeds Tod entwickelten Koranauslegung diese Passagen als Verbot jeglicher Musik verstanden. Andere Interpreten tendieren zu der Sichtweise, dass der Koran Musik nicht verbietet.


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Die buddhistischen Mçnche Asiens entwickelten sehr differenzierte Philosophien, Rituale und Psychotechniken, um dem Leben und seinem Leiden zu entfliehen. Sie perfektionierten Techniken wie das vipassanac), um nicht nur ihre Zunge, sondern auch ihre Gedanken zum Schweigen zu bringen. Der Buddhismus nahm in Indien seinen Anfang, und bevor er dort von der Bildfläche verschwand, genoss er über Jahrhunderte staatlichen Schutz. Dies ermçglichte den Bau gewaltiger Klçster; die buddhistische Kunst in unserem nationalen Erbe genießt große Wertschätzung. Dennoch hinterließ der Buddhismus in Indien weder nennenswerte Musiktradition noch ein Musikinstrument. Kein buddhistischer Mçnch hat je eine Band wie etwa «Nirvana» gegründet, weil man sich im Buddhismus unter Erlçsung nicht einen Himmel voller Musik und Gesang vorstellt.14 Eine pessimistische Philosophie des Schweigens kann keine Musik der Freude und Hoffnung hervorbringen. Darüber hinaus ist es im Buddhismus nicht üblich, das Leben und die Existenz zu bejubeln, weil nach seiner Ansicht das Leben im Wesentlichen Leiden ist. Angeregt durch westliche Konvertiten wie Kurt Cobain, der die westliche Tradition der religiçsen Musik in den buddhistischen Glauben einbaute, übernahmen lediglich einige Formen des modernen Buddhismus Musik in ihr System. Wenn ich Musik in buddhistischen Tempeln als neues Phänomen beschreibe, so bedeutet dies nicht, dass es im vorbuddhistischen Tibet oder in China keine Musik gegeben hätte.15 Musik gehçrt einfach zu unserer Welt und zum Menschsein dazu, auch wenn einige Weltanschauungen, inklusive des Darwinismus, sie weder verstehen noch beachten noch fçrdern.

c)

Um das eigene Selbst wahrzunehmen, versucht Yoga, die Atmung zu kontrollieren. Vipassana achtet auf die Atmung, um das Denken zum Schweigen zu bringen und auf dem Weg der Meditation zu der Erfahrung zu gelangen, dass sich in uns kein Selbst und keine Seele befinden – nur Leere, Nichts, Auflçsung und shoonya (Nichtsein).


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2000 v. Chr. kannten zum Beispiel chinesische Fruchtbarkeitskulte bei sexuellen Riten abwechselnden und gemeinsamen Gesang von Jungen- und Mädchenchçren, um den Dualismus von Ying und Yang zu symbolisieren. Noch ein Jahrtausend zuvor erklang schon bei den Tempelritualen der alten Sumerer in Mesopotamien Musik. Die musikalischen ragas der hinduistischen magischen Rituale haben 3500 Jahre überlebt. Die meisten Veden sind Hymnen und meditative Sprechgesänge. Die vedischen Priester verstanden von Klängen genauso viel wie die Menschen im Rest der Welt. Demzufolge entwickelten sie ein sehr ausgefeiltes System des Chantens, auch wenn die hinduistischen Mçnche und Priester dies nicht zu einem solch komplexen Medium ausbauten, wie es bei der westlichen Musik geschah. Allerdings hat Bollywood eine große Rolle dabei gespielt, einige hinduistische Aschrams dazu zu inspirieren, großartige Musik zu machen. Bollywood trug auch zur Qualitätssteigerung von qawwali bei, das seinen Anfang in der Sufi-Tradition nahmd) und mittlerweile von Hindus wie von Muslimen sehr geschätzt wird – auch in Pakistan.

Die Verankerung der Musik in der westlichen DNA Augustinus, Verfasser der sechs Bände Über die Musik, gilt als Wegbereiter für die Einführung der Musik in die westliche Bildung und Weltanschauung. Während seine ersten fünf Bände sehr theoretisch gehalten sind und auch von einem griechischen Philosophen verfasst worden sein kçnnten, spürt man im sechsten Band, in dem Augustinus die biblische Philosophie der Musik abhandelt, seine absolute Begeisterung für Musik. Musik gehçrt für ihn untrennbar zur Bibel, sind doch die Psalmen ihr umfangreichstes Buch. So fordert der letzte Psalm zum Beispiel die Schçpfung auf,

d)

Sunniten und Schiiten betrachten den Sufismus als muslimische Irrlehre.


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den Herrn zu loben – mit der Trompete, der Laute, der Harfe, dem Tamburin, den Saiten, mit Pfeifen und Zimbeln. Warum ist es mçglich, mit diesen Instrumenten Musik zu machen? Augustinus erkannte, dass die wissenschaftliche Basis oder das Wesen der Musik in mathematischen «Ziffern» oder einer Partitur in der Schçpfung angelegt ist. Da der Ursprung der Musik in mathematischen Zahlenverhältnissen liege, so argumentierte Augustinus, müsse sie rational, ewig, unveränderlich, sinnvoll und objektiv sein – es bestehe eine mathematische Harmonie. Wir kçnnen nicht mit jeder beliebigen Saite Tçne erzeugen. Um die Note präzise spielen zu kçnnen, muss die Saite vielmehr eine bestimmte Länge, Stärke und Spannung haben. Das lässt erkennen, dass der Schçpfer in der Struktur des Universums einen Code dafür angelegt hat. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Sie wurde bereits von Pythagoras (570–490 v. Chr.) notiert, dessen Schule Platon besucht hatte, bevor er eine eigene Akademie gründete. Augustinus stützte diese «heidnische» These, weil auch in der Bibel eine Sicht der Schçpfung präsentiert wird, die erklärt, warum man mit Instrumenten, die aus Materie bestehen, Musik machen kann. Augustinus lehrte, obwohl dieser musikalische Code «leiblich» (stofflich) sei, sei Musik ein Werk der Seele und diene dazu, diese zu erfreuen. Zum Beispiel befasst sich das Buch Hiob mit dem Problem von unerklärlichem Leid, und Gott verweist Hiob auf die Zusammenhänge zwischen Musik und der Erschaffung der Welt: «Wo warst du, als ich die Erde gründete? … als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessçhne?»16 Der Bibel entnehmen wir, dass ein souveräner Schçpfer das Universum regiert, und zwar zu seiner Verherrlichung (und nicht die vielen Gottheiten mit ihren widersprüchlichen Zielen). Demzufolge ist Gott auch mächtig genug, um Menschen wie Hiob von ihren Leiden zu erlçsen. Diese Lehre trug dazu bei, dass man im Westen von einem «Kosmos» ausging, einem geordneten Universum, in dem jede Spannung und jeder Konflikt irgendwann einmal aufgelçst wird – wie bei Hiob. Nach einer Phase unvorstellbaren Leidens wurde er wieder reich gesegnet.


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Dieser Glaube an einen Schçpfer als barmherzigem Erlçser bildete die Ausgangsposition der klassischen Musik in Europa mit ihrer Tradition der Spannung und Auflçsung. Bis zum Ende des 19. Jh. teilten die europäischen Musiker die Ansicht ihrer Mitmenschen und begriffen das Universum eher als Kosmos und weniger als Chaos. Sie komponierten Wohlklang und Harmonie, auch wenn sie persçnlich Unstimmigkeiten und Disharmonie erlebten. Das bedeutet nicht, dass die klassische Musik nicht die ganze Palette menschlicher Emotionen ausdrücken würde. Das tut sie unbedingt. Ein Komponist in der Trauerphase schrieb, inspiriert von seinem eigenen Leiden, durchaus ein tragisches Stück; wenn jemand von seiner Liebsten den «Laufpass» bekam, drückte er in der Musik seine Verlassenheit aus. Aber diese Ergüsse eines gebrochenen Herzens waren nur Momentaufnahmen des Lebens. Die Musiker schçpften ihre Kraft aus ihrer biblischen Weltsicht; diese war die Quelle ihres Kulturschaffens. Deshalb kam keiner von ihnen auf solche Gedanken wie Kurt Cobain, der sich als einen Beweis des Zusammenbruchs der Ordnung bzw. des Nichtvorhandenseins von Ordnung im Universum sah. In seinem Buch Silmarillion gibt J. R. R. Tolkien eine wunderbare fiktionale Darstellung der augustinischen Sicht der Beziehung zwischen Musik, Schçpfung, Sündenfall (dem Bçsen) und Erlçsung. Tolkiens «Mittelerde» erfährt weit mehr Leiden als Buddhas Indien. «Mittelerde» wurde von Mordor gefangen genommen, verdorben und vom Bçsen kontrolliert. Leiden war real, und es war schrecklich. Doch die Bibel hatte Tolkien gelehrt, dass der allmächtige Schçpfer ein barmherziger Erlçser ist und über genügend Kraft und Liebe verfügt, um die Welt aus Chaos, Sünde und Leid zu befreien. Das half Tolkien, die Schçpfung in ihrem Ursprung wie auch in ihrem letzten Schicksal zu feiern: Eru war da, der in Arda Ilfflvatar heißt, und er schuf erstens die Aitur, die heiligen Sprçsslinge seiner Gedanken, und sie waren bei ihm, bevor irgendetwas anderes erschaffen war. Und er


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sprach zu ihnen, sie Melodien lehrend, und sie sangen vor ihm, und er war froh. Lange aber sangen sie nur jeder für sich allein oder zu wenigen, während die anderen lauschten, denn ein jeder verstand von Ilfflvatars Gedanken nur jenen, aus dem er selbst stammte, und langsam lernten sie auch, ihre Brüder zu verstehen. Doch indem sie hçrten, verstanden sie besser, und es wuchsen Einklang und Harmonie … Und Ilfflvatar sagte zu ihnen: «Aus dem Thema, das ich euch angewiesen habe, machet nun in Harmonie gemeinsam große Musik.» Da begannen die Stimmen der Asimur zu erschallen wie Harfen und Lauten, Flçten und Posaunen, Geigen und Orgeln, und sie machten aus Ilfflvatars Thema große Musik; und ein Klang stieg auf von endlos ineinander spielenden Melodien, harmonisch verwoben, und verlor sich in den Hçhen und Tiefen jenseits allen Gehçrs, und die Räume, wo Ilfflvatar wohnt, quollen über, und die Musik und das Echo hallten hinaus in die Leere, und sie war nicht mehr leer.17 Augustinus wirkte als Professor der griechischen Philosophie, bevor er zum Glauben kam. Er wusste, dass Musik, obwohl sie in die Struktur des Universums eingebettet ist, aufgrund ihrer Begrenztheit dem Leben dennoch keinen endgültigen Sinn verleihen kann.e) Seine Schlussfolgerung lautete daher, dass die Musik Teil des hçchsten Ziels des Menschenlebens werden müsse, welches da laute, Gott und den Nächsten zu lieben. Diese Nächstenliebe beinhaltet, dass wir immer das Wohlergehen des anderen bedenken sollen und es uns nicht gleichgültig sein sollte. Über die Jahrhunderte nahm der Einfluss der augustinischen biblischen Musikphilosophie weiter zu. Ursprünglich wurde Kir-

e)

Platon, der als intellektueller Mentor von Augustinus gilt, vertrat die Überzeugung, dass epistemologisch ohne einen unendlichen Bezugspunkt ein endliches Einzelnes keinen Sinn ergeben kann.


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chenmusik von einstimmigem Chorgesang bestimmt, dem gregorianischen Gesang. Mit der Zeit entstand in der katholischen Kirche die polyphone Musik. Polyphone Musik besteht aus mehreren unterschiedlichen Stimmen, die gleichzeitig gesungen werden. Im 11. Jh. blühte sie besonders in der Kathedrale Notre Dame in Paris. Diese Entwicklung in der geistlichen Musik bildete das Fundament für das gesamte Spektrum der westlichen klassischen Musik, sei sie religiçs oder säkular.f) Im 10. Jh. inspirierte die auf die Bibel gegründete Musikphilosophie des Augustinus eine Gruppe benediktinischer Mçnche dazu, in der Kathedrale von Winchester die grçßte Pfeifenorgel der Welt zu bauen. Diese Orgel bençtigte 70 Männer und 26 Blasebälge, um die 400 Pfeifen mit Wind zu versorgen. Auch in technischer Hinsicht galt die Pfeifenorgel bis zur Erfindung der mechanischen Uhr als das Werk mit der fortschrittlichsten Mechanik. Die europäischen Orgeln waren Symbol für den Wunsch und die einzigartige Fähigkeit Europas, Kunst, Wissenschaft und Technik zur Ehre Gottes zu nutzen, aber auch dafür, das Mühsal und Leid zu erleichtern, unter dem die Menschheit damals litt.g) Die biblische Musikphilosophie des Augustinus spielte eine ebenso bedeutende Rolle wie das Handwerk, das damals aus christlichen Klçstern und Kirchen kam. Diese Tradition nutzte die Technik, um Gott zu ehren und dem Nächsten zu dienen.

Die Musik unters Volk bringen Martin Luther (1483–1546) sorgte dafür, dass die augustinische Musikphilosophie nicht nur in Klostergewçlben und im Chor-

f)

Augustinus hatte auf die Ostkirche kaum Einfluss, was ein Grund dafür sein kçnnte, dass sich die Musik hier in nur sehr geringem Maß über den Gesang hinaus entwickelte. g) Siehe Kapitel 7 zur Diskussion, warum die westliche Technik zum Instrument menschlicher Emanzipation wurde.


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gestühl blieb, sondern ihren Weg ins Volk fand. Als Augustinermçnch und Pionier der Reformation war und bleibt Luther eine polarisierende Persçnlichkeit. Einige lieben ihn, andere verwerfen ihn. Dennoch sind sich viele seiner Kritiker darin einig, dass Luther vielleicht die einflussreichste Gestalt des zweiten Jahrtausends ist. Luther war ein «Protestant», er war mit vielem nicht einverstanden und sah die Notwendigkeit, seine Stimme dagegen zu erheben. Zum Reformator wurde er aber nicht aufgrund seines Protestes, sondern weil er Europa veränderte – er fand etwas, für das es sich zu singen, zu leben und zu sterben lohnte. Martin Luther erkannte, dass eine Bundesbeziehung zu dem allmächtigen Gott mçglich ist, eine Beziehung, auf die er sein Vertrauen setzen konnte.h) Es war ein Glaube, eine Weltanschauung, auf dessen Grundlage man die verfallende Welt wieder aufbauen konnte. Für Luther bedeutete dies weit mehr als nur eine Idee oder ein Glaubensbekenntnis. Er verstand den Glauben als eine lebendige Beziehung zu jemandem, für den es sich zu sterben lohnte, eine Liebesbeziehung, die man in Liedern besingen konnte. Luthers große Begeisterung für die Bibel lag maßgeblich in ihrer Lehre begründet, dass der Mensch nichts tun kann und nichts zu tun braucht, um sich für Gottes Liebe zu qualifizieren. Erlçsung – Sündenvergebung und die Wiederherstellung der Beziehung eines Menschen zu Gott – war ein Gnadengeschenk, das mit leeren Händen in Empfang genommen werden musste. Die Bibel schenkte Luther, ähnlich wie einst Abraham, die tiefe innere Gewissheit, dass Gott ihn angenommen hatte. Freund Gottes zu sein, gab seinem Leben eine solche Bedeutung und einen sol-

h)

Später, zur Zeit der Aufklärung, haben Gelehrte den biblischen Gedanken eines gçttlichen Bundes mit seinem Volk zum «Sozialvertrag» säkularisiert. Diese Auffassung liegt dem modernen Konstitutionalismus zugrunde; der Westen war so in der Lage, auf der Basis gegenseitigen Vertrauens eine Gesellschaftsform einzurichten. Siehe Robert N. Bellah: The Broken Covenant: American Civil Religion in Time of Trial (New York, Crossroads Books, 1975).


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chen Wert, dass er Grund zum Singen hatte. Ja, in einer Welt, die gegen den Schçpfer rebellierte, herrschte Elend. Aber weil Gott Liebe war, gab es Hoffnung auf Begnadigung, Frieden, Veränderung und Wohlstand. Das Evangelium brachte dem Westen auf einzigartige Weise eine positive Grundstimmung, und die Menschen konnten «Freue dich, Welt» singen – eine Botschaft, die der von Kurt Cobain geradewegs entgegengesetzt war. Luther half, diese biblische Wahrheit in der westlichen Kultur zu verankern. Seine geistlichen Nachfolger fassten zusammen, was er als Kernpunkt begriffen hatte, und drückten es in Liedern der Hoffnung, der Zuversicht und Sicherheit aus. Wir erkennen dies zum Beispiel bei «Amazing Grace», das der ehemalige Sklavenhändler John Newton (1725–1807) schrieb: Amazing grace! How sweet the sound That saved a wretch like me! I once was lost, but now am found; Was blind, but now I see. O Gnade Gottes, wunderbar hast du errettet mich. Ich war verloren ganz und gar, war blind, jetzt sehe ich. Darüber hinaus wurde Luther zum Reformator, weil er erkannte: Wenn die Menschen Gottes Wort befolgen sollten, dann war es wichtig, dass sie die Heilige Schrift in ihrer Muttersprache zur Verfügung hatten. Bald darauf übersetzte er die Bibel in seinen eigenen deutschen Dialekt. Seine Übersetzung erlebte Hunderte von Auflagen, sein in der Bibel verwendeter Dialekt wurde bald zu «Hochdeutsch» und damit zur Standardsprache der Deutsch sprechenden Welt. Zusammen mit Luthers Kirchenliedern bildete die Bibel fortan das Herzstück westlicher Kultur. Luthers Werk inspirierte wiederum andere Reformatoren wie William Tyndale, der dann die Bi-


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bel ins Englische übersetzte. Dieser entscheidende Schritt rückte die Bibel nun auch ins Zentrum der Englisch sprechenden Welt.i) Nach dem Vorbild Jesu und seiner Apostel sang man in der frühen Kirche während des Gottesdienstes sehr viel gemeinsam, bis der Kirchenvater Hieronymus im 5. Jh. die Priester aufforderte, das Singen zu übernehmen. Von da an bis zur Zeit Luthers spielte das Gemeindelied kaum noch eine Rolle. Zudem wurde auf Latein gesungen, was kaum jemand verstand, so dass überwiegend die Priester Gebet und Gesang übernahmen. Luther entdeckte das im Neuen Testament verankerte Priestertum aller Gläubigen wieder.j) Von nun an war es Aufgabe der gesamten Gemeinde, Gott durch Gesang, Gebet und anderweitig anzubeten. «Gott», so war Luther überzeugt, «hat den Menschen geschaffen, damit dieser ihn ehrt und erhebt.»18 Inspiriert von seiner Überzeugung vom Priestertum aller Gläubigen begann der Reformator, für die Christen Choräle in Deutsch zu schreiben – und brachte somit Musik ins Herz und auf die Lippen selbst der ärmsten Kleinbauern. Nach der Reformation der Kirche kam für Luther die Reformation der Bildung gleich an nächster Stelle; auch hier maß er der Musik große Bedeutung zu. Er sagte: Musicam habe ich allzeit lieb gehabt. Wer diese Kunst kann, der ist guter Art, zu Allem geschickt. Man muss Musicam von Noth wegen in Schulen behalten. Ein Schulmeister muss singen kçnnen, sonst sehe ich ihn nicht an. Man soll auch junge Gesellen zum Predigtamt nicht verordnen, sie haben sich denn in der Schule wol versucht und geübet.19

i)

Siehe Kapitel 9 «Eine Revolution kommt in Gang: Warum veränderten Bibelübersetzer die Welt?» j) Wie wir in Kapitel 15 sehen werden, trug diese tiefgreifende Erkenntnis auf der Basis von 1. Petrus 2,9 und Offenbarung 1,6 u. a. maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur politischen Befreiung des Westens bei.


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Luther siedelte die Musik im Zentrum von Gottesdienst und Lehrplan an; damit folgte er schlicht der jüdischen (biblischen) Tradition von Tempelmusikern und -sängern, die «Propheten» oder Prophetenschüler waren. Mit der Bezeichnung «Sçhne der Propheten» sind in der Bibel oft die Prophetenschüler gemeint. Eine sehr frühe Bedeutung des Wortes «prophezeien» war auch ekstatisches Singen mit Musikbegleitung.20 Kçnig David zum Beispiel – die treibende Kraft hinter der Anbetung im Tempel zu Jerusalem – war Israels Musiker, Sänger und Dichter par excellence. Die Bibel bezeichnet ihn als «Propheten».21 Im Neuen Testament finden wir die Aufforderung an die Nachfolger Jesu, nach der Gabe der Prophetie zu streben.22 Nach alttestamentlichem Verständnis beinhaltete diese Ermahnung auch das Erlernen von Musik, wie man bei den «Prophetenschülern» sehen kann. Der moderne Westen bestätigte Luthers Bildungsphilosophie, dass Musikkenntnis Menschen dazu befähigt, ein intuitives Gespür für eine geordnete und logische Welt zu erwerben. So ist es kein Zufall, dass die Universitäten Oxford und Cambridge, die auf eine lange christliche Tradition zurückblicken und über ein großes kulturelles Erbe verfügen, der Musik einen weit grçßeren Wert beimessen, als dies in manchen Universitäten geschieht, die im 20. Jh. gegründet wurden und auf dem Säkularismus beruhen.

Die Blüte der westlichen Musik In Eisenach braucht man etwa fünf Gehminuten, um vom BachHaus zu der Bleibe zu kommen, in der Luther als Student gehaust hatte. In weniger als zehn Minuten ist man mit dem Auto den Berg hinauf zur Wartburg gefahren, wo er die Bibel ins Deutsche übersetzte. Als Johann Sebastian Bach (1685–1750) geboren wurde, war diese Region lutherisch. Philosophisch bekräftigte Johannes Kepler die biblisch-augustinisch-lutherische Lehre von Schçpfung und Musik: Er lehrte, die Musik sei ein Spiegelbild der gçttlich verordneten mathematischen Harmonie des Universums.


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Bach galt als musikalisches Genie, weil er über eine hervorragende mathematische Begabung verfügte und zugleich im Rahmen seiner Bildung die biblische (keine polytheistische) Weltsicht einer geordneten Schçpfung vermittelt bekommen hatte. Dazu gehçrte, dass ¾sthetik von absoluter Harmonie nicht zu trennen war. Wilfrid Mellers, einer seiner Biografen, schrieb: In der Schule, die Bach in Ohrdruf besuchte, wich der Lehrplan kaum von der alten (augustinisch-lutherischen) Vorschrift ab. Die Musik nahm immer noch gleich hinter der Theologie einen wichtigen Platz ein und wurde vom selben Schulmeister gelehrt in der Überzeugung, dass durch die Musik das Herz für das gçttliche Wort und die Wahrheit bereitet und geçffnet wird, so wie Elisius (Elisa) bekannte, dass er beim Harfespielen den Heiligen Geist spürte.23 Für Bach, wie auch für Luther, strebt die «wahre Musik» danach, «als endgültiges, letztes Ziel der Ehre Gottes und der Erquickung des Gemüts» zu dienen. Bach glaubte, die Musik sei eine «harmonische Euphonia, ein Wohlklang zur Ehre Gottes».24 Das heißt jedoch nicht, dass Bachs musikalisches Talent allein durch seine geistliche Motivation Entfaltung gefunden hätte. Bei der Fçrderung seiner musikalischen Begabung spielte seine Familie eine wichtige Rolle. Dennoch wird uns in Kapitel 15 deutlicher werden, dass es vor allem Luthers Bibelauslegung war, die Bachs Familie derartig tief prägte, dass ihr Leben eine ganz andere Richtung nahm als das der Familie Kurt Cobains. In seinen prägenden jungen Jahren profitierte Bach sehr stark von dem reichen musikalischen Erbe seiner Familie, das bis zu seinem Ururgroßvater zurückreichte. Zudem verfügte die Bach’sche Sippe über ein weitverzweigtes musikalisches Netzwerk und konnte ihm musikalische Ausbildung und Fçrderung bieten. Dies war entscheidend für Bachs Entwicklung. Doch Bach und Cobain verband mehr als nur ihre musikalische Begabung. Beide verloren ihre Eltern im Alter von neun Jahren.


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Cobain wurde Scheidungswaise, während die Eltern von Johann Sebastian Bach früh starben. Ein so tragisches Ereignis wie der Tod der Eltern hätte Bach unwiderruflich aus der Bahn werfen kçnnen. Aber in der damaligen Zeit verstand man unter «Familie» weit mehr als nur Eltern und Großeltern. Johann Sebastian zog zu einem älteren Bruder, der ihn das Orgelspiel lehrte, wenn auch manchmal zu Sebastians Leidwesen ohne allzu hohe Erwartungen, und somit seine Begabung zum Komponieren fçrderte. Später folgte er dem Vorbild seines Bruders, indem er seine eigenen Kinder unterrichtete und fçrderte, so dass sie zu den besten Musikern ihrer Zeit wurden. Sein jüngster Sohn wiederum gehçrte zu den Musikern, die großen Einfluss auf das Schaffen Mozarts hatten. Angesichts dessen mçchte man die Ordnung und Harmonie in Bachs Musik fast als metaphorische Reflektion jener Ordnung interpretieren, die er in der Familie erlebte. Die Stabilität und die Unterstützung, die er in seiner Großfamilie erfahren hatte, gaben ihm die innere Kraft, all sein Herzeleid zu überwinden. Diese Stärke spiegelte sich nicht nur in seinem Leben wider, sondern auch in seinem Werk.k) Doch mit der Familie allein ist nicht zu erklären, wie Bach die Johannes- und die Matthäus-Passion schaffen und das Leiden Christi darstellen und preisen konnte. Sein Lobpreis des Leidens Jesu resultierte vielmehr aus seinem Glauben an die Auferstehung – Gottes Triumph über Leiden und Tod. Philosophisch gesehen schçpfte Bach seine innere Kraft, um den Tod seiner Eltern zu bewältigen, aus seinem Glauben an einen allmächtigen und liebenden Gott. Sein Leben und seine Kompositionen waren erfüllt von dem Buch, das ihm eine fest verankerte persçnliche und generelle Hoffnung geschenkt hatte.25

k)

Kapitel 15 hat die westliche Familie im Blick, denn ihr ist es im Wesentlichen zu verdanken, dass der Westen Hervorragendes leisten konnte. Zudem ist besonders die Monogamie auf das Neue Testament zurückzuführen. Ohne die Bibel wäre der Westen nicht in der Lage, Familie zu definieren, geschweige denn sie gegen die Stürme der Zeit zu verteidigen.


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Das Leben hatte ihm beigebracht, dass das Bçse real und mächtig war, aber die Bibel lehrte ihn, dass Gott in dieser Welt als Erlçser wirkte, so dass alle Dinge letztlich zum Guten dienten.26 So hatte der biblische Glaube eine Art Schlüsselstellung inne für den Optimismus und die Musik in der westlichen Kultur; dies galt für Augustinus, als um ihn herum das Rçmische Reich allmählich verfiel, ebenso wie für Luther, als dessen Leben von einem mächtigen Reich und einer korrupten Geistlichkeit bedroht war. Ebenso galt es für Tolkien, der die Schrecken zweier Weltkriege durchleben musste. Wie Buddha und Cobain kannten auch diese Menschen Grausamkeit und Leid. Der Unterschied war, dass die Bibel ihnen eine Basis für Hoffnung bot – nicht nur für dieses Leben, sondern auch für das kommende. Der biblische Glaube an einen Schçpfer, der alles nach seinem Bild schuf und dessen Liebe so weit ging, dass er auf die Erde kam, um die Menschheit zu erlçsen, versetzte den Westen in die Lage zu singen: «Herbei, o ihr Gläubigen, frçhlich triumphieret!» Cobains Leben hingegen zeigt, dass sich die westliche Hoffnung und Feierstimmung ohne einen solchen Glauben in ein Gefühl absoluter Verzweiflung verwandelt. Wenn wir es mit einem Begriff aus der Musik umschreiben wollen: Der Westen ist dabei, seine «Tonalität» zu verlieren – seine «Grundtonart», seine Seele, seine Mitte, den Bezugspunkt für Spannung und Auflçsung.

Die Abwendung von der «Tonalität» in der westlichen Musik Über Jahrhunderte war die westliche Musik von Tonalität geprägt. Das bedeutet, dass sich die Musik durch den starken Bezug zu einer Grundtonart auszeichnete: dem tonalen Zentrum. Die Prägekraft der Tonalität wurde im Zuge der Romantik und des Expressionismus immer weiter an ihre Grenzen geführt. Vor allem Richard Wagner (1813–1883) und Claude Debussy (1862–1918) experimentierten am Rande der Tonalität. Schlussendlich brach der tonale Bezugsrahmen auf zugunsten einer Vielheit von tonalen und atonalen Bezügen und Systemen:


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Die ¾sthetik des Klangs bewegte sich weg von den bislang gültigen Mustern von Schçnheit und Harmonie. Der Wiener Komponist Arnold Schçnberg (1874–1951) schuf mit seiner Zwçlftonmusik eine vollkommen neue musikalische ¾sthetik auf der Basis disharmonischer Klänge. Dies war auch Ausdruck der geschichtlichen Ereignisse des Ersten Weltkriegs: Erschütterung und Desillusionierung fanden in der Atonalität ihren musikalischen Ausdruck. In technischer Hinsicht behielt Cobain Tonalität bei, aber in philosophischer Hinsicht fand der Verlust der Tonalität in der westlichen Kultur in Cobains Musik ihren Hçhepunkt. Er gilt als die Ikone des amerikanischen Nihilismus und wurde ein unglückliches Opfer einer Kultur, die im Begriff steht, ihre Mitte zu verlieren, ihre Seele. Zu Cobains Verteidigung muss ergänzt werden, dass er seine Überzeugung konsequent auslebte; diese Ernsthaftigkeit machte ihn zu einer authentischen Ikone. Das unterscheidet ihn von den meisten Nihilisten, die im Grunde genommen nicht konsequent nach der Erkenntnis leben, die sie als letzte Wahrheit erkannt haben. So vertraten die franzçsischen Existentialisten Sartre und Camus die Maxime der Selbstbestimmung, obwohl sie sich den Nihilismus zu eigen gemacht hatten. Damit fanden sie für sich einen Ausweg aus der Problematik Cobains. Ihrer Ansicht nach brauchte man sich nicht umzubringen, wenn man selbstbestimmt seine eigene Wirklichkeit schaffen konnte. Cobains konsequente Haltung bleibt indes weiterhin populär, gerade weil viele Menschen vorgeben, Nihilisten zu sein, auch wenn sie nicht immer konsequent danach leben. Er persçnlich tat dies. Er lebte, ohne sich selbstbestimmt eine eigene Wirklichkeit zu schaffen (oder eine Tonalität durch Reihentechniken). Er lebte im Nihilismus, in der «Atonalität», und er starb im Nihilismus. In diesem Sinne steht Cobain in direktem Gegensatz zu Leben, Denken und Werk von J. S. Bach. Während Bach in seiner Musik die Tatsache pries, dass die Seele in der Liebe des Schçpfers ewige Ruhe findet, wurde Cobain ein Symbol für den Basis- und Sinnverlust der modernen westlichen Welt.


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Die westliche Musik hat seit der Zeit Luthers und Bachs viele Phasen durchlebt, aber erst die 1980er-Jahre konnten ein Phänomen wie Kurt Cobain hervorbringen. Die Ablehnung eines guten, barmherzigen, allmächtigen Gottes und der biblischen Sicht auf Sünde hatte zur Folge, dass Leiden nun absolut keinen Sinn mehr hatte – sei es persçnlich, gesellschaftlich oder umweltbedingt. Die Realität wurde sinnlos, hoffnungslos und schmerzhaft.

Die Amputation der Seele Heute lehnen viele Menschen die Bibel ab, sie halten sie für irrational und nicht mehr zeitgemäß. Andere sind der Ansicht, dass die Bibel für Rassendiskriminierung, sektiererischen Fanatismus, Sklaverei, Unterdrückung der Frau, Hexenverfolgung, Wissenschaftsfeindlichkeit, Umweltzerstçrung, Diskriminierung von Homosexuellen und Religionskriege verantwortlich zu machen sei. Diese Kritik beweist allerdings auch den starken Einfluss der Bibel im letzten Jahrtausend. Während dieser Zeit fand eine intellektuelle Einschätzung oder soziale Haltung, sei sie falsch oder richtig, in der Christenheit nur dann breite Anerkennung, wenn sie mit der Bibel belegt werden konnte. Ebenso durfte man Überzeugungen und Handlungen nur hinterfragen, wenn man den Ruf nach Reform mit biblischen Argumenten bekräftigte. Die Kritik an der Bibel bestätigt daher letztlich deren einzigartige kulturelle Kraft. Sie war der intellektuelle und moralische Kompass des Westens, der «heilige Baldachin» (Peter Berger), der seinen Werten und Institutionen die Berechtigung verlieh. Hingegen führt die Ablehnung der Bibel wieder zu dem, was Jacques Barzun «Dekadenz»27 nennt. Dies brachte die Modernel)

l)

Damit meine ich die Periode vom 16. Jh. bis Mitte des 20. Jh., in der die Bibel eine beherrschende kulturformende Kraft war – auch wenn Skeptiker, Agnostiker und Atheisten sie ständig kritisierten.


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zum abrupten Stillstand – «gerade zu dem Zeitpunkt, als sich die westliche Kultur anschickte, sich in der Welt großer Beliebtheit zu erfreuen.» Nachdem man sich der Bibel entledigt hat, produziert die Bildungsmaschinerie des Westens «Irrende», die sich wie Cobain verloren fühlen. Sie schafft es, gute Roboter herzustellen, aber sie ist außerstande, einen guten Menschen auch nur zu definieren. An der postmodernen Universität wird man zwar gelehrt, wie man zum Mars fliegen kann, aber nicht, wie man sein Familienleben gestaltet oder als Staatsbürger lebt.28 Der in Indien geborene englische Autor George Orwell (1903–1950) war Sozialist und dem Atheismus zugeneigt. Die Schrecken des Faschismus, Nationalismus, Kommunismus und zweier Weltkriege zwangen ihn, den Konsequenzen der «Amputation der Seele» ins Auge zu schauen. In seinen «Notes on the Way» beschrieb Orwell die Autoren, die an der westlichen Seele gesägt hätten, bis diese abgetrennt war: «Gibbon, Voltaire, Rousseau, Shelley, Byron, Dickens, Stendahl, Samuel Butler, Ibsen, Zola, Flaubert, Shaw, Joyce – in der einen oder anderen Form sind sie alle Zerstçrer, Strauchdiebe und Saboteure.» Diese «Autoren der Aufklärung» führten den Westen in die gegenwärtige Finsternis. In seinem Essay beschäftigt sich Orwell mit dem Buch The Thirties von Malcom Muggeridge, der den Schaden beschreibt, den diese Schriftsteller Europa zugefügt haben. Muggeridge, zu diesem Zeitpunkt noch Atheist, besaß ausreichend Scharfsinn, um zu erkennen: Wir leben in einem Albtraum, gerade weil wir versucht haben, ein irdisches Paradies zu errichten. Wir glaubten an den «Fortschritt». Auf die Führung des Menschen fixiert, haben wir dem Kaiser gegeben, was Gottes ist. […] Es gibt keine Weisheit, es sei denn in der Furcht Gottes, aber da niemand Gott fürchtet, gibt es auch keine Weisheit. Die Geschichte des Menschen reduziert sich nun auf den Aufstieg und Niedergang materieller Zivilisationen, ein Turmbau zu Babel folgt dem anderen […] abwärts in Abgründe, die zu schrecklich sind, um über sie nachzudenken.29


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Ich entdeckte die Bibel während meines Studiums in Indien. Dies veränderte mich als Person, und schon bald begriff ich, dass im Gegensatz zu dem, was an der Universität gelehrt wurde, die Bibel die Kraft war, die das moderne Indien hatte entstehen lassen. Bevor wir also in dieses Buch einsteigen, mçchte ich Ihnen meine Geschichte erzählen.


Vishal Mangalwadi

Das Buch der Mitte

608 Seiten, Klappenbroschur, 15 x 22,5 cm

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder unter www.fontis-verlag.com

© 2015 Fontis – Brunnen Basel.

21.99 € [D] | 22.60 € [A] | 32.80 CHF* Bestell-Nr. 204004 ISBN 978-3-03848-004-4


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