David Gregory
DIE
LETZTE CHRISTIN Roman
Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Last Christian. Copyright © 2010 by David Gregory Smith Die deutsche Ausgabe erscheint aufgrund einer Vereinbarung mit Doubleday Religion, einem Imprint von The Crown Publishing Group in der Verlagsgruppe Random House, Inc. Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Friedemann Lux Lektorat: Renate Hübsch
Bibelzitate folgen i. d. R. der Übersetzung Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.TM. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten. Übersetzt und herausgegeben durch: Brunnen Verlag Basel, Schweiz.
© 2011 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Umschlaggestaltung: Ralf Simon Umschlagmotiv: Shutterstock Satz: DTP Brunnen Herstellung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-7655-7235-7
FĂźr meinen Vater
PROLOG 3. April 2088 „ICH KANN SEHEN, wie deine Neuronen feuern, Ray.“
Die Stimme war vertraut, Ray Caldwell kannte sie seit Jahrzehnten. Dann sah er ein Gesicht. Bryson Nichols. Ich muss wohl liegen. Spüren tat er es nicht. Er war gelähmt. „Ich habe dich ins Bewusstsein zurückgeholt, um dir den Eingriff zu erklären.“ Eingriff? Eingriff bei wem? Es waren keine weiteren Eingriffe geplant, Ray hatte sie alle abgesagt. Nichols’ Gesicht verschwamm, verschwand, kam wieder. Die chirurgischen Instrumente in seinen Händen waren Caldwell nur zu bekannt. Nein … Das würde er doch nicht … Während er arbeitete, sprach Nichols weiter, die Stimme ruhig. „Tut mir ausgesprochen leid mit der Betäubung. Aber es ging nicht anders. Du weißt, wie sehr ich unsere Zusammenarbeit – ich meine, unsere Freundschaft – geschätzt habe all die Jahre. Ich würde nie etwas tun, was diese Freundschaft aufs Spiel setzt. Aber du hast dummes Zeug geredet, Ray. Die Sache an diesem Punkt zu stoppen, das wäre Wahnsinn gewesen. Ich habe mir gesagt, das muss das erste Anzeichen deiner Krankheit sein, dass du nicht mehr klar denken konntest. Oder vielleicht hattest du auch nur kalte Füße bekommen, dass du jetzt auch dran sein würdest. Auf jeden Fall musste ich den Zeitplan beschleunigen.“ Nichols schwieg; von rückwärts schob sich sein Gesicht in Caldwells Blickfeld und verharrte dort lächelnd. „Deine Alphas zeigen, dass du zögerst, aber ich entschuldige diese Reaktion, Ray. Wirst sehen, wenn der Eingriff vollzogen ist, sind wir uns wieder einig.“ 5
Caldwell musterte Nichols’ Gesicht. Er war ruhig, entschlossen, selbstsicher. Keine Spur von Schock über das Verbrechen, das er gleich begehen würde. „Oh, Ray, endlich frei sein von den Fesseln der biologischen Intelligenz. Ich wünschte, ich könnte mit dir tauschen!“ Es wurde still, bis auf das leise Klicken der Schalter und das Schnurren und Sirren der Messinstrumente. Caldwell kannte das Procedere gut. Er hatte die Operation schon oft selbst durchgeführt, wenn auch nie vollständig. Lass dir was einfallen! Er musste nachdenken. In knapp einer Stunde würde sein biologisches Gehirn ausgeschaltet sein … für immer. Wenn er nur reden könnte! Er würde Nichols davon abbringen, ihn zu … Nichols’ Gesicht erschien wieder. Er war jetzt bereit zu beginnen, das erkannte Caldwell intuitiv. Jetzt hatte er seine letzte Chance, sein Schicksal abzuwenden. „… ich halte deine Hand, Ray. Natürlich spürst du es nicht. Aber du sollst wissen, dass ich die ganze Zeit bei dir bin.“ Nichols’ Kopf kam näher, seine Stimme wurde leiser. „Offen gestanden, ich bin ein bisschen neidisch. Eigentlich hatten wir ja immer verabredet, dass ich der Erste sein sollte, an dem der Selbstversuch vollzogen wird. Und nun sieht es so aus, als ob dieser Ruhm an dich geht … der erste Transmensch zu sein.“ Er richtete sich auf. „Ich könnte schon ein wenig bitter sein, dass du mich so ausbootest. Aber was ist letzten Endes schon die Anerkennung, die wir für unsere Leistungen erhalten? Kaum der Rede wert im Vergleich dazu, welchen Beitrag wir für den Fortschritt unserer Spezies – ja, für die Evolution des Universums − leisten.“ Nichols schaute nach rechts. „Deine Hirnaktivität zeigt mir, dass du mir nicht ganz zustimmst …“ Er legte den Kopf zur Seite. „Ray, deine Gamma-Wellen spielen verrückt. Das typische Bild. Du versuchst mir etwas zu sagen, oder?“ Er kam wieder näher und schüttelte den Kopf. „Du erstaunst mich immer wieder. Ich glaube nicht, dass es unter unseren Kollegen einen Zweiten gibt, der seine Gehirnströme so mühelos beeinflussen kann. Nicht zuletzt aus diesem Grund hab ich dich damals ins Team geholt. Immer wieder erstaunlich.“ 6
Nichols’ Gesicht verschwand, dann kam es zurück. „Ich lass dich jetzt wieder schlafen, Ray. Wenn du aufwachst, ist alles vorbei. Was immer dich auch jetzt beunruhigt, es wird dann vorbei sein. Dann bist du das, wofür wir so hart gearbeitet haben, wovon die Menschheit seit Jahrtausenden geträumt hat. Unsere Freundschaft, unsere Partnerschaft in diesem großen Projekt, wird fortbestehen. Und bald wirst du dann mich transformieren. Wir beide werden die Menschheit in ihr letztes und größtes Abenteuer führen.“ Er lächelte breit. „Auf Wiedersehen am anderen Ufer.“ Mit seiner gesamten Willenskraft befahl Ray Caldwell seinen Armen, sich zu heben, seinen Beinen, die Gurte zu durchbrechen, die ihn auf dem Operationstisch hielten. Aber es war umsonst. In wenigen Augenblicken würde er das Bewusstsein verlieren. Wenn er aufwachte, würde ihm das fehlen, was allein sein Leben − ja, die Existenz selbst – lebenswert gemacht hatte. Die Müdigkeit überkam ihn. Sein Geist dämmerte weg. *** Drei Stunden und sechs Minuten später startete sein neues Gehirn. Er wurde wach. Elektronische Impulse schossen durch die Silikonmasse, die jetzt unter seiner Schädeldecke lag. Panik packte ihn. Er setzte sich abrupt auf und schaute um sich. Da, vielleicht zwei Schritte entfernt, das lächelnde Gesicht von Bryson Nichols. „O schöne neue Welt, die solche Bewohner hat! Ray, wie fühlst du dich, mein Freund?“ Hinter Nichols, in einem Glasgefäß, sah er die vier Pfund schwere graue Masse, die man ihm herausoperiert hatte. Die Panik ging in Resignation über. Was er am meisten gefürchtet hatte − es war also geschehen. Es war fort. Alles fort. Er hatte seine Verbindung verloren.
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1 Drei Wochen später immer Geschichte unterrichten wollen. Dass ich eines Tages Geschichte schreiben würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Geschichte schreiben – das tun Erfinder, Politiker und Astronauten! Aber nicht Professoren. Und schon gar nicht solche, die mit beiden Beinen in der Vergangenheit stecken. Besucher, die in mein Büro in der Uni kommen – viele sind es nicht; man geht nicht mehr auf den Campus, um zu studieren – staunen immer über meine „Antiquitäten“. Das Türschloss aus Messing, für das man noch einen altmodischen Schlüssel braucht. Die Uhr zum Aufziehen. Das Namensschild aus Metall, in das – von Hand! – „Creighton Daniels“ eingraviert ist. Die Massen an Büchern. Die Studenten, die in mein virtuelles Büro kommen (es ist identisch mit meinem physischen Büro), staunen vor allem über zwei Dinge: die Bücher und den Geruch. Eigentlich ist das ja dasselbe. Schaff dir genügend alte Bücher an und du kriegst dieses Moderaroma. Aber das weiß heute niemand mehr, weil niemand mehr Bücher besitzt. Bis auf die Tür und das große Fenster hinter meinem Schreibtisch sind die Wände meines Büros mit deckenhohen Regalen vollgestellt, die von Büchern überquellen. „Wo haben Sie nur all die Bücher her?“, fragen meine Studenten mich. Und die weniger höflichen fügen hinzu: „Wozu brauchen Sie die?“ Ich habe gerne Bücher um mich. Das war schon immer so. Wenn ich als Kind meine Großeltern besuchte, stieg ich in die Rumpelkammer unterm Dach und grub in den Kisten und Kästen, die dort standen, auf der Jagd nach alten Kinderbüchern. Lederstrumpf, Alice im Wunderland, Harry Potter … die Klassiker eben. „Warum erlebst du diese Geschichten nicht einfach in der virtuellen Realität, wie andere Kinder auch?“, fragte mein Vater immer. ICH HATTE SCHON
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Er hatte Angst, dass ich technologisch hinter der Zeit zurückbleiben würde. Was ich auch tat. Aber gleichzeitig entwickelte ich eine Leidenschaft für Bücher. Und nebenbei auch für das Lernen. Wenn ich mit meiner Erklärung, warum ich so ein Büchernarr bin, fertig bin, rümpfen die meisten Studenten die Nase und fragen: „Was riecht da so komisch?“ Worauf ich sie in die Freuden des Umgangs mit alten Büchern einführe: Wie es sich anfühlt, wenn man eines aus dem Regal zieht, der Geruch, wenn man es aufschlägt, diese Spur von Alter und Muffigkeit. Es gibt nichts, was dem gleichkommt. An diesem Mittwoch ging ich den menschenleeren Flur des zweiten Stocks des McMinnus Building entlang zu meinem Büro und begann mein kleines Morgenritual. Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich an meinen Schreibtisch, nahm den ersten Bissen von meinem getoasteten Cranberry-Bagel und loggte mich bei Interface ein. „Guten Morgen, Alistair.“ Auf einem der beiden Besucherstühle vor meinem Schreibtisch erschien Alistair. „Guten Morgen, Creighton. Wie hast du geschlafen?“ „Danke, gut. Öffne CulturePulse, bitte.“ Alistair runzelte die Stirn. „Du musst bis Ende des Trimesters noch sieben Dissertationen lesen. Soll ich die aktuelle aufrufen?“ Ich seufzte. Dissertationen. Der Fluch meines Berufs. Die Gehirnimplantate, die die Lese- und Verständnisgeschwindigkeit um den Faktor 8 steigerten, waren schön und gut; aber auch sie machten 500 Seiten über „Nationale Klischees in der virtuellen Realität und ihre Auswirkungen auf die interkulturellen Beziehungen von Jugendlichen“ nicht interessanter. Ich tat, was ich immer tat, wenn ich vor einer unangenehmen Arbeit stand. „CulturePulse zuerst, bitte, Alistair.“ Hundert elektronische Bilder erschienen in der Luft hinter meinem Schreibtisch – die Einträge, die (nach Meinung der Webseite) im Netz in den letzten 24 Stunden am häufigsten besucht worden waren. „Nummer eins, bitte.“ Das Bild ganz links schob sich zum Stuhl neben Alistair. Es war 10
eine attraktive junge Frau mit kurzem braunen Haar in einem blauen Sommerkleid und Sandalen. Sie hieß Katie und kam aus Auburn (Michigan, USA). Sie hatte einen Traum gehabt, in dem ihr Jesus erschien. Das zweite Bild kam. Ein junger Mann in beigem T-Shirt und Jeans. Er hatte den gleichen Traum gehabt. Ich überflog die übrigen 98 Bilder; in 22 von ihnen ging es um dieselbe Geschichte. Ich nahm meine Kaffeetasse und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. Warum hatten alle diese Leute den gleichen Traum? Und warum kamen sie alle aus Nordamerika? Ein Audio-Tap riss mich aus meinen Gedanken. Polizeipräsidium Champaign. Das ist bestimmt keine gute Nachricht. „Hier Creighton Daniels.“ „Mr Daniels – oder Dr. Daniels?“ Die Stimme war leise und langsam. „Wie Sie wollen. Ist etwas passiert?“ „Mr Daniels, laut Netz sind Sie die erste Kontaktperson Ihres Vaters, Eli Daniels.“ Ich richtete mich auf. „Das ist richtig, ja. Ich hoffe, es geht ihm gut?“ Eine Pause, dann: „Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber Ihr Vater hat Selbstmord begangen.“ *** Der Polizist stieg aus seinem Auto, als er mich vor dem Haus meines Vaters vorfahren sah. „Mr Daniels? Officer Stefan Hixon.“ Wir schüttelten uns die Hände. „Sie waren schon im Leichenschauhaus und haben ihn identifiziert?“ Ich nickte. „Furchtbar, wenn so ein junger Mensch stirbt. Keine 90 Jahre. Wenigstens war es schmerzlos. Hat er je angedeutet, dass er an Selbstmord dachte?“ „Nein. Also mir gegenüber nicht. – Stimmt es, dass er eine Abschiedsnachricht hinterlassen hat?“ 11
„Ja. Ich muss Sie bitten, sie sich anzusehen, und auch die Wohnung − ob alles in Ordnung ist. Es ist nur eine Formalität, die Autopsie ist ja schon gemacht worden.“ Wir gingen durch die Haustür in das bescheidene, sechzig Jahre alte Haus, in dem mein Vater die letzten zwei Jahrzehnte gewohnt hatte. Wir hatten uns ein oder zwei Mal im Monat in der virtuellen Realität getroffen, aber in seinem Haus hatte ich ihn seit elf Jahren nicht mehr besucht. Es sah aus wie damals: makellos. Mein Vater war ein Ordnungsfanatiker gewesen. Leider hatte er mir dieses Gen nicht weitervererbt. Der Polizist startete den Monitor. Dad saß an seinem Schreibtisch, das Gesicht ausdruckslos. Nun ja, es war eigentlich immer ausdruckslos gewesen. „Dies ist eine kurze Botschaft an die Menschen, die ich zurücklasse“, sagte er. „Ich schätze mich glücklich, dass ich so viele gute Freunde und Verwandte hatte, besonders meine Kollegen an der Universität. Ich habe euch alle sehr geschätzt. Aber jetzt ist es Zeit, mich zu verabschieden. Ich habe eine schlimme Diagnose bekommen: Creutzfeldt-Jakob, was bekanntlich unheilbar ist. Ich habe dies bewusst niemandem gesagt, um euch nicht unnötig zu belasten. Die Ärzte geben mir noch ein Jahr, in dem es mit mir rasant abwärtsgehen würde. So will ich nicht abtreten, und so möchte ich nicht in eurer Erinnerung bleiben. So ist es für uns alle besser. Lebt wohl, meine Lieben!“ Das war alles. Warum hatte er mir nichts gesagt? Und warum nur dieses allgemeine „Lebt wohl“? Der junge Beamte schüttelte den Kopf. „Ja, das ist hart. Tut mir echt leid.“ Er schaute sich im Wohnzimmer um. „Also, ich möchte Sie bitten, eben zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Sie sind der einzige Sohn? Keine Geschwister?“ „Nein, keine.“ „Eine Lebenspartnerin?“ „Das ist Jahre her.“ „Hat er noch Eltern?“ „Sie wohnen im Staat Washington. Ich glaube, er hat seit Jahren nicht mehr mit ihnen gesprochen.“ 12
Er nickte. „Das erleb ich oft – Einzelkinder, an denen dann alles hängen bleibt. Aber so ist das wohl heutzutage.“ Er unterbrach sich und zeigte zur Haustür. „Ich warte dann dort. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Nehmen Sie halt jetzt noch keine Sachen mit.“ Ich ging langsam durch das Wohnzimmer, die Küche, die beiden Schlafzimmer, das Bad. Alles sah normal aus, aber wie wollte ich das beurteilen? Ich trat in das Arbeitszimmer meines Vaters und setzte mich an den Schreibtisch. Er sah makellos aufgeräumt aus. Ich öffnete eine Schublade. Darin lagen, in Reih und Glied, diverse elektronische Zubehörteile. Ich öffnete die zweite Schublade und zog einen unordentlichen Stapel Papiere heraus. Ich weiß nicht, was mich mehr überraschte, die Papiere oder die Unordnung. So hatte Vater seine Sachen nie aufbewahrt. Ich blätterte den Stapel durch. Es schien nichts Wichtiges dabei zu sein. Ich schaute in die unterste Schublade. Eine Schüssel. Vater aß immer Popcorn, wenn er arbeitete. Ein veralteter elektronischer Notizblock. Ich öffnete ihn. Er war verstaubt, wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr benutzt. Ich wollte ihn gerade wieder schließen, als ich sah, dass im Innenfach des Deckels etwas steckte. Ich zog eine altmodische digitale Speicherkarte hervor. Solche Dinger benutzte man schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. Ich schaute durch den Flur zur Haustür hin. Der Polizist war in die virtuelle Realität abgetaucht. Ich schob das Speicherding in meine Hosentasche.
2 Neun Tage später ABIGAIL CALDWELLS AUGEN öffneten sich. Sie hob mühsam ihren Kopf
vom Boden des Einbaums und schaute zum Sonnenlicht hoch, das zwischen den endlosen Kolonnaden der Baumriesen an beiden Ufern des Flusses hing. Später Nachmittag. Ich fahre Richtung Osten. 13
Sie setzte sich auf und musterte den Dschungel links und rechts, dann die Biegungen des Flusses vor und hinter ihr. Nein, die Gegend kannte sie nicht. Sie langte nach dem handgeschnitzten Paddel und begann, es rhythmisch in das Wasser zu tauchen. Ihre Arme und Schultern waren steif. Sie konzentrierte sich auf die Technik ihres Paddelschlags. Rücken gerade. Arme entspannt. Kaum war sie wach, kamen die Moskitos wieder. Um sie zu verscheuchen, hätte sie mit dem Paddeln aufhören müssen – ein Luxus, den sie sich nicht erlauben konnte. Sollten die Biester sich doch gütlich tun … Hunger und Durst plagten sie. Zwei Tage hatte sie nichts gegessen, hatte keine Zeit gehabt, anzuhalten, um nach Essbarem zu suchen, und sich auch nicht allein in den unbekannten Dschungel gewagt. Sie ließ die Hand über den Rand des Kanus gleiten, schöpfte etwas bräunliches Wasser und trank. Es schmeckte widerlich, aber die Flüssigkeit war ihrer Zunge und ihren Lippen dennoch willkommen. Schließlich hatte sie geschlafen. Bevor sie mit dem Kanu aufgebrochen war, hatte sie zwei Nächte lang keinen Schlaf bekommen. Sie war pausenlos auf den Beinen gewesen, hatte die Kranken versorgt. Nun verlangte ihr Körper nach mehr Schlaf. Sie spürte die Schwere in Kopf und Muskeln, aber jetzt konnte sie ihr nicht nachgeben. Sie musste vorwärtskommen. Die Sonne kroch tiefer. Das Kanu glitt durch eine Flussschlinge nach der anderen, mal nach Westen, dann wieder nach Osten. Sie versuchte, in gleichmäßigem Tempo zu paddeln. Sie merkte, wie ihr Rücken sich krümmte, und machte ihn gerade. Zehn Minuten später dasselbe. Sie gab es schließlich auf, sollte der Buckel ruhig wehtun. Die Nacht kam. Der Dschungel ertönte in einem Missklang aus Gekreisch, Grunzen, Geheul und Gekrächze. Ein plötzlicher geller Schrei − und der Wald verstummte abrupt. Sie wandte ruckartig den Kopf und starrte in die Schwärze. Sie konnte ihre eigene Hand nicht sehen. Sie kämpfte gegen eine ansteigende Panik. Konnte sie noch eine mondlose Nacht auf dem Fluss überstehen? Jeden Augenblick 14
konnte der Einbaum gegen einen querliegenden Baum, einen Felsen oder eine niedrige Brücke krachen und sie hinausschleudern in den von Krokodilen und Flusshaien wimmelnden Fluss – oder, schlimmer noch, plötzliche Stromschnellen sie in die Tiefen des brackigen Wassers reißen. Aber sie musste es wohl riskieren. Sie musste die Küste erreichen. Wenn sie versagte, würde das ganze Dorf − alles, was sie je gekannt hatte − sterben. Sie hörte auf zu paddeln und ließ sich von der Strömung tragen. Sie schloss die Augen. Sie schlief ein, träumte. Ein dunkelhäutiges kleines Mädchen trat mit einem weißen Hibiskuszweig zu ihr. „Wo hast du das gefunden, Miraba?“ „Am Fluss.“ „Diese Blume wächst nicht in unserem Dschungel.“ „Es war nur diese eine da.“ Das Mädchen legte die Blüte vor sich auf den Boden. Sie wuchs langsam hoch und hüllte es ein. „Ich gehe Hilfe holen, Miraba. Warte auf mich.“ „Xén, bi náana ‘nû ten la.“ Mein Herz ist immer bei dir, Mama. Sie wachte auf, als ihr Gesicht ins Wasser tauchte. Sie keuchte und schluckte einen Mund voll schwarzer Flüssigkeit, versuchte es auszuhusten, und schluckte nur noch mehr. Sie schlug mit Armen und Beinen um sich, begann zu schwimmen. Nach oben, nach unten? Sie wusste es nicht. Ihr Kopf stieß an etwas Hartes. Sie hielt an, einen Augenblick benommen. Ich muss atmen. Sie hob die Hände über den Kopf und fühlte etwas. Das Kanu. Mit aller Kraft stieß sie nach oben. Ihr Kopf schoss durch die Wasseroberfläche. Sie keuchte, würgte, bekam das Kanu zu packen, hielt sich fest, während sie das schwarze Wasser heraushustete. Jetzt einfach so bleiben und sich flussabwärts treiben lassen … Aber das wäre das Ende. Sie musste zurück in den Einbaum! Sie arbeitete sich zum Heck des Kanus vor. Jetzt die Hände auf beide Seiten des Kanus gepresst und ihren Körper hochgedrückt, ein Mal, noch ein Mal! Ihr Körper kam aus dem Wasser, jetzt lag ihre Taille auf dem Heck. Der Einbaum schwankte heftig. Sie zog vorsichtig ihre Beine nach und ließ sich nach innen rutschen. Geschafft. 15
Dann packte sie Panik. Ihre Hände fuhren hektisch die Wände des Kanus entlang. Wo ist das Paddel? Sie spürte etwas Loses und packte erleichtert zu. Das Paddel. Sie stieß einen Seufzer aus, suchte das Kanu weiter ab, aber ihr zweiter Schatz blieb verschwunden: ihr Messer. Jetzt war sie schutzlos. Abby biss sich auf die aufgesprungenen Lippen und spürte, wie der Riss größer wurde. Sie schmeckte Blut. Sie starrte in die Dunkelheit. Was sollte sie jetzt bloß tun? Ihre Hände griffen das Paddel. Paddeln. Sie konnte nur paddeln. Als ihre Arme ihr den Dienst versagten und sie sich kaum noch wachhalten konnte, rollte sie sich auf dem Boden des Einbaums zusammen und schlief ein. Sie erwachte mit der Sonne. Ihre Hände verscheuchten mechanisch die Blut saugenden Moskitos. Ihre Arme pochten. Sie langte mit der Hand an ihren Nacken und fühlte eine Schwellung. In ihrem Haar klebte getrocknetes Blut. Sie setzte sich auf und inspizierte ihre Umgebung. Sie befand sich auf einem anderen Fluss. Er war breiter als der erste, die Strömung sanfter, die Farbe ein Milchkaffeebraun. Die Bäume links und rechts am Ufer hingen wie grüne Gewölbe über dem Wasser. Lianen, Zweige, Epiphyten waren zu grünen Hängeteppichen verflochten, oft so dicht, dass man das Ufer nicht sehen konnte. Der Morgen schritt voran und das Terrain änderte sich. Sie fuhr jetzt an Felsen vorbei. Die Strömung wurde stärker. Dann von vorne ein Geräusch, das nicht zum Dschungel gehörte. Es klang wie ein Motor. Was immer es war, den Menschen, die das Geräusch machten, wollte sie lieber nicht begegnen. Sie hatte keine Ahnung, welcher Stamm an diesem Abschnitt des Flusses lebte und ob man ihr hier sichere Durchfahrt gewähren würde. Sie lenkte den Einbaum zum gegenüberliegenden Ufer und ließ sich von der Strömung treiben. Aha, da war es, auf der anderen Seite des Flusses – ein Motorboot mit zwei Männern, das im Leerlauf vor einer Anlegestelle lag. Hinter dem kleinen Pier kletterte ein Dorf von vielleicht hundert Holzhäusern auf Pfählen einen steilen Hang hoch. Unterhalb des Piers überspannte eine Holzbrücke den Fluss. Sie lenkte das Kanu zwischen dem Lianenvorhang und dem eigentlichen Ufer hindurch. Die Zweige würden ihr die nötige Deckung geben, um ungesehen zur Brücke zu kommen. 16