Irmhild Bärend
In meinen Träumen kann ich laufen Briefe aus meinem zweiten Leben
Vorwort Diese Nacht im November 2004 hat das Leben meiner Schwester radikal verändert. Diese Nacht, die so normal begann und dann so schrecklich weiterging. Diese Nacht, in der Irmhild so unglücklich gefallen ist, dass sie nicht mehr aufstehen konnte und bis heute nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen kann. Diese Nacht, die die Diagnose „Querschnittlähmung bis zur Schulter“ mit sich brachte. Und dann dauerte es noch vier lange Stunden, bis die Nachbarin die Rufe meiner Schwester hörte. Per Hubschrauber kam sie in ein Unfallkrankenhaus. Nach der Operation sagte der Arzt zu uns: „Bei dieser Unfallsituation ist es schier zum Verzweifeln.“ Aber meine Schwester ist nicht an ihrem schweren Unfall verzweifelt. Sie hat Augenblicke gehabt, gewiss, da war es zum Verzweifeln. Aber ihre Lebenskraft ist wiedergekommen; viele Menschen sind im Gebet an ihre Seite getreten, andere haben praktisch geholfen. Ihr in die Wiege gelegter Lebensmut hat mitgewirkt; der lebendige Heiland Jesus Christus, dem sie schon vor so vielen Jahren ihr Leben übergeben hat, hat sie getröstet und gestärkt. Irmhild hat begonnen, ihr Leben aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Sie konnte das schwere Schicksal annehmen, soweit das überhaupt in einem Leben möglich ist. Aber so richtig wiedergekehrt ist die Lebenszuversicht, als Irmhild in eine behindertengerechte Wohnung 5
einziehen konnte, ein Dreivierteljahr nach dem Unfall. Da ist sie aufgeblüht, da wuchsen Lebenswille und Frieden trotz aller Belastung. Da waren und sind rund um die Uhr kompetente Betreuerinnen und Betreuer, da entfaltete sich ein bis heute nicht abreißender Besucherstrom. Und da konnte sie sich mithilfe eines sprachgesteuerten Computers wieder an die geliebten Lektoratsaufgaben machen. Ja, und auch das Telefonieren ging wieder, ebenfalls mit Sprachsteuerung. Schon kurz nach dem Unfall begann Irmhild Freundesbriefe zu schreiben. Jedes Mal, wenn ich einen solchen Brief bekam, habe ich gestaunt: Wie ehrlich, wie persönlich, wie geistlich und doch auch wie menschlich berichtet sie da von sich. Ja, hier ist wirklich geistliches Leben vor Augen, das das ganze Menschsein in sich trägt. Auch das angefochtene, angeschlagene Leben steht unter dieser Überschrift, denn immer wieder bricht das „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand“ (Psalm 73,23) heraus. Es ist ihr bewusst, dass Jesus Christus bei ihr ist, in guten und in schweren Zeiten. Und eine Sehnsucht durchzieht die Freundesbriefe wie ein roter Faden: dass doch auch andere unseren Herrn kennenlernen und ihm ihr Leben anvertrauen. Was für ein Geschenk, dass wir diese so lebensvollen und lesenswerten Briefe haben und veröffentlichen können. Hartmut Bärend Herausgeber der Reihe Geistlich Leben Frühjahr 2013 6
2. Von der ersten Mobilisation bis zur neuen Wohnung
Januar 2005 Meine lieben Freunde, von Herzen möchte ich Sie alle grüßen zum neuen Jahr! Die Jahreslosung aus Lukas 22: „Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“, ist für mich gerade in meiner Situation zu einem besonderen Trost geworden. Dieses Einstehen im Gebet für den anderen, wie Jesus es uns vorgelebt hat, tun Sie für mich. Wie sehr möchte ich Ihnen immer wieder dafür danken! Ich diktiere diesen Brief aus dem Rollstuhl. Ja, wirklich, seit einigen Tagen darf ich morgens und nachmittags jeweils eineinhalb Stunden im Rollstuhl sitzen. Als ich das erste Mal aus der Sitzhöhe Menschen und Häuser sehen konnte, hätte ich am liebsten vor Dankbarkeit geweint. Es war wie ein Zurückkommen in die „normale“ Welt. Neben dem Sitzen im Rollstuhl wird die Mobilisation auch mit anderen Bereichen des Körpers versucht. So kann ich zum Beispiel beide Handgelenke drehen und bewegen, und seit ein paar Tagen machen drei Finger der rechten Hand erste kleine Bewegungsversuche. Jeden von ihnen – manchmal sind es nur Winzigkeiten – verstehe ich als einen kleinen Sieg und als große Gnade unseres Herrn. Ein besonderes Geschenk ist auch das neue Zimmer, 9
das ich mit einer sehr lieben Dame teile: ein großer Raum mit hohen Fenstern und dem Blick ins Grüne auf einen Schmetterlingsstrauch und Kiefern. Zu meiner großen Freude habe ich inzwischen mehrfach mit meiner Zimmernachbarin beten können. Schlimm ist für mich nach wie vor die Spastik. Ich habe das Gefühl, als ob der Körper bei den besonders schweren Attacken zusammengepresst und von oben bis unten zerschnitten wird. Ich atme dann immer bewusst intensiv und bete, dass Gott mir die Kraft gibt durchzuhalten. Herzlichen Dank, wenn Sie auch das weiter im Gebet begleiten. Mir wurde inzwischen gesagt, dass diese Spastik total verschwinden kann, dass es dafür aber keine Garantie gibt. Bitte beten Sie doch auch dafür, dass der Körper langsam wieder zu seinen normalen Funktionen zurückkehrt. Vor allem wünsche ich mir dies für meine Hände und Finger. Im Hinblick auf die Bewegung der Beine und Füße kann ich noch nichts sagen; dort hat die Mobilisation erst vor zwei Tagen begonnen. Ich danke Ihnen allen so sehr für Ihre lieben Grüße, für Gottes gutes Schwarzbrot, das Sie mir durch die verschiedenen Bibelworte geschickt haben. Es ist immer wieder Nahrung für mich. Wie gerne würde ich Ihnen allen persönlich schreiben, aber das ist leider nicht möglich. Doch jeder Name, jede Unterschrift, die auf den verschiedenen Karten und Grüßen vermerkt ist, bedeutet für mich nicht nur ein festes Gebet, sondern auch einen Bruder oder eine Schwester in Christus, die sich 10
jetzt neben mich stellt. Was für ein Reichtum, diese große, weltweite Familie Gottes! Meine liebsten Grüße Ihnen allen. Gerne würde ich Sie zu einem Besuch in „mein“ Krankenhaus einladen, aber meine Kraft ist zurzeit noch sehr klein.
In herzlicher, sehr dankbarer Verbundenheit grüßt Sie Ihre Irmhild Bärend
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April 2005 Meine lieben Freunde, wissen Sie, was ein Stehbett ist? Es hat einige Vorrichtungen zum Festschnallen des Patienten und kann vollständig aufgerichtet werden. Das geschieht in einigen Stufen mit Pausen. Ich wusste gar nicht, wie lang ich bin. Meine 178 Zentimeter schienen den gesamten Raum zu überragen. Irgendwie hing ich ein bisschen unter der Decke, und irgendwie schwebte ich ein bisschen über dem Fußboden. Das Erlebnis war wunderbar! Seit einem halben Jahr konnte ich wieder „stehen“. Schlimmer ist das Stehpult, das gibt es nämlich auch. Da wird der gesamte Mensch in entsprechende Halterungen hineingestellt, bis er tatsächlich nahezu auf dem Fußboden steht. Die Oberarme liegen auf einem kleinen Pult. Leider ist dieser Vorgang nicht mit Stufen und Pausen versehen – man steht sofort. Das hat mein Kreislauf nicht mitgemacht. Ich wurde ohnmächtig, konnte aber nicht umfallen, weil ich ja festgehalten wurde. Natürlich hat man die Übung sofort abgebrochen, aber ich will sie unbedingt wiederholen. Alles das dient der Dehnung und Streckung des Körpers. Seit knapp 14 Tagen befinde ich mich in einer Rehaklinik vor den Toren Berlins. Der uralte Park, ganz verwildert mit seinen verfallenen Gebäuden, zum Teil noch wunderschönen Fenstern aus der Jugendstilzeit, ist bezaubernd. Hier darf alles blühen und wachsen, wie es will. Ich bin so dankbar für jeden Besucher, der mich mit dem Rollstuhl hinausfährt. Es werden viele neue Therapien mit mir durchgeführt. 12
Über jede bin ich froh. Denn nun kommt auch das andere. Da sagt ein Pfleger beiläufig, dass ich der am meisten betroffene Patient in der gesamten Abteilung von immerhin 26 Patienten sei. Da meine Rückgratverletzung so hoch liegt, ist meine Spastik auch am schlimmsten. Das spüre ich hier jeden Tag viele Male. Im Krankenhaus hatte ich den Eindruck, dass die Spastik etwas weniger geworden sei. Hier scheint sie wieder neu auf mich einzustürzen. Natürlich bekomme ich entsprechende Medikamente. Es gibt allerdings, das hörte ich auch von den Pflegern, eine Pumpe, die in den Körper implantiert und alle paar Monate mit einem entsprechenden Mittel neu gefüllt wird. Sie soll die Spastik sehr gut beeinflussen. Davor habe ich Angst. Das würde bedeuten: Ich müsste in das Unfallkrankenhaus zurück, erneut operiert werden, mindestens drei Wochen dort bleiben. Dann wieder retour in das Rehazentrum – und anschließend die Fortsetzung meiner Therapie, wenn sie nicht ganz „von vorne“ begonnen werden muss. Wenn ich das alles höre, sind meine Zuversicht und mein Mut sehr klein. Dann warte ich geradezu auf meine schlaflosen Nächte, um weinen zu können, ohne dass es einer sieht. Ich habe nie gedacht, dass ich einmal einen Brummer oder eine Mücke mit Sorge ansehen würde. Heute könnte ich ihnen nicht ausweichen, wenn sie mich stechen würden. Ich kann ja noch nicht einmal ein Haar aus der Stirn nehmen, wenn es mich juckt. Damit leben zu lernen, gehört zu meinen täglichen Kämpfen. Auch gelagert zu werden, meistens mit Schmerzen, ist immer wieder nicht einfach. Manche Pfleger sind aus13
gesprochen grob in ihren Bewegungen. Natürlich meinen sie es nicht so, und nicht jeder kann gleich wissen, dass meine Schultern und Schultergelenke sehr wehtun. Durch den Sturz ist dort Muskelmasse abgebaut worden. Medizinisch gesehen, kann sie wohl kaum wieder aufgebaut werden. Nun sollen andere Muskelgruppen trainiert werden, um den Schmerz aufzufangen. Wie oft denke ich: Gut, dass ich nicht weiß, was noch auf mich zukommt. Aber gilt das nicht für jede Situation unseres Lebens? Sehr, sehr dankbar bin ich, dass ich meinen Oberkörper und meine Schultern bewegen und drehen kann. Auch meine Handgelenke sind nach wie vor beweglich und machen den Eindruck, als ob doch noch mehr Kraft in die Finger fließen könnte. Sollte allerdings eine höhere Dosierung des Antispastikmittels vorgenommen werden, werden diese Bereiche sicherlich erneut in Mitleidenschaft gezogen. Wie froh bin ich auch, dass ich im Rollstuhl bereits vier bis sechs Stunden am Stück sitzen kann. Allerdings sind damit in meinem Rehazentrum neue Schwierigkeiten verbunden. Es stehen nur wenige Rollstühle für Spastik-Patienten zur Verfügung. Und einen Rolli mit Kinnsteuerung, den ich im Krankenhaus schon sehr gut fahren konnte, gibt es hier nicht. Auch der Aktivstuhl ist nur eine Notlösung. Für meine Körpergröße gibt es da nichts Geeignetes. Zur Verfügung steht nur ein älterer Rollstuhl mit Handsteuerung, den ich aber nicht allein bedienen kann. Es fehlen bestimmte Vorrichtungen, damit ich ihn anhalten kann. Sollte mir die Krankenkasse eine längere Zeit der Rehabilitation genehmigen, müsste 14
Gott in seiner Güte auch hier noch etwas ganz Neues zeigen. Wenn es dann einmal „ganz dick kommt“, denke ich fest an meine neue Wohnung. Der Umbau soll im nächsten Monat beginnen. Sie hat wirklich alle Voraussetzungen, die ich mir nur jemals wünschen könnte. Sie ist wie ein Wunder vor meinen Augen. Hier in der Rehaklinik sehe ich ein neues „Aufgabengebiet“: Viele Mitarbeiter des Pflegepersonals stehen Menschen, die glauben, staunend gegenüber. Dass es das heute noch gibt! Hier ist das Thema nicht etwa eine Konfirmation, sondern das große Jugendweihefest. Wenn ich dann vorsichtig frage, wer wem geweiht wird – verblüffte Gesichter. Es sei doch im Grunde gar nicht wichtig, wie das Fest hieße. Wichtig seien die Einladung von möglichst vielen Menschen und das Zusammentragen möglichst vieler Geschenke. Immerhin konnte ich von „Weihnachten im Schuhkarton“, der Geschenkaktion für Kinder in Not, erzählen und auch schon einige christliche Literatur weitergeben. Und tatsächlich, auch hier haben bereits Mütter aus dem Pflegepersonal an der Aktion teilgenommen und äußerten sich begeistert darüber. Wie gut lässt sich dann die Brücke zu Glaubensfragen bauen! Ich wünsche mir so oft, dass Gott in meinem Fall etwas ganz „Praktisches“ tun möge. Dass plötzlich Funktionen meines Körpers wieder erwachen, die bisher schliefen. Am wunderbarsten wäre natürlich die Rückkehr der Bewegung in den Fingern. Wie danke ich Ihnen für Ihre Gebete und die vielen E-Mails, Briefe und Karten. Sie sind mir ein großer Trost 15
und verbinden mich „mit dem Rest der Welt“. Das größte Wunder ist, dass Gott mich immer wieder mit so viel Freude und Zuversicht erfüllt.
In herzlicher Verbundenheit grüßt Sie Ihre Irmhild Bärend
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Mai 2009 Meine lieben Freunde, sind Ihnen schon einmal von einer Leiter aus die Haare geschnitten worden? Auch diese Erfahrung gehört zu meinem neuen Leben: Ich hatte mich in einem neuen Friseursalon angemeldet. Nachdem man mich zu einem Waschbecken gerollt hatte, kam eine kleine Friseurin zu mir und fragte: „Können Sie Ihren Rollstuhl etwas absenken?“ Die junge Frau war im Stehen nicht größer als ich mit dem Rollstuhl im Sitzen. „Nein“, antwortete ich etwas ratlos. „Aber haben Sie einen Untersatz, mit dem Sie etwas ‚wachsen‘ können?“ Sie lächelte zuversichtlich, sagte: „Ich finde schon etwas“ – und kam mit einer Leiter zurück. Dann stellte sie sich doch tatsächlich auf eine der unteren Sprossen und fing an, meine Haare zu schneiden. Das machte sie so selbstverständlich, als ob sie jeden Tag nichts anderes tun würde. Auch als sie die Haare föhnte, wandte sie sich nicht etwa an einen großen Kollegen, der neben ihr stand. Nein, sie hielt den Föhn und die Bürste weit von sich gestreckt und jonglierte damit geschickt um meinen Kopf herum. Das Ergebnis war beeindruckend. Leider war der Haarschnitt etwas zu kurz geraten, aber für diese artistische Übung ein großartiges Resultat. Immer wieder werde ich mit Situationen konfrontiert, die völlig neu für mich sind: Gibt es Dampferfahrten, bei denen der Behinderte nicht nur in den geschlossenen Mittelteil des Schiffes, sondern auch hinauf auf das Deck befördert wird? Sind die Zuschauer bei einer Vorführung bereit, dem Rollstuhlfahrer Platz zu machen, damit er 79
nach vorne fahren und von dort aus gut sehen kann? Welche Geschäfte, Restaurants oder Cafés haben keine Stufen? Welche Türen sind so schmal, dass der Rollstuhl einfach nicht hineinpasst? Welche U-Bahnhöfe haben Aufzüge für Behinderte und welche nicht? Und was, wenn der Fahrstuhl an der Station defekt ist, an der ich gerade aussteigen muss? Sehnsüchtig blicke ich auf Menschen, die mit schnellen Schritten die Straße überqueren oder auf dem Fahrrad kräftig in die Pedale treten. Dann kommen Gedanken wie: „Das kannst du jetzt nicht mehr.“ Aber da ist auch das Hoffen: „Ob Gott nicht doch ein Wunder tut?“ Ich weiß nicht, wie viele Menschen mir nach dem Unfall ein Haar aus der Stirn gestrichen, die Nase geputzt oder die Ohren gerubbelt haben, damit der fast unerträgliche Juckreiz an diesen Stellen wieder aufhörte. Gegen Abend ist er besonders schlimm: Je müder ich werde, umso mehr plagen mich die „Nervenläuse“. Ich habe das Gefühl, als ob es ständig an vielen winzigen Stellen im Kopf- und Halsbereich pikst und krabbelt – und selber kann ich mir doch nicht helfen. Weh tun auch immer wieder die Schultern und Arme, wenn die Spastik zupackt. Sie verwandeln sich in eiserne Stöcke. Kämpfen muss ich auch mit dem Rücken, der lieber einsinkt, als sich gerade aufzurichten. Hinzu kommt die mehlsackartige Unbeweglichkeit des gesamten Körpers – er wird ja durch entsprechende Medikamente völlig „lahmgelegt“. Ob sich an diesem Zustand noch einmal etwas ändert? Und doch schenkt mir Gott jeden Tag neuen Mut und Zuversicht. Wenn ich nicht an ihn 80
glauben würde, geschähe es jetzt. Nur durch seine Gnade und Ihre treuen Gebete bin ich immer wieder fröhlich und danke ihm für seine große Güte. Kürzlich wurde ich im Anschluss an einen Vortrag zum Thema „Leid“ interviewt. Es bewegte mich sehr, mit wie viel Mitgefühl die Menschen danach zu mir kamen. Ach, es gibt nichts Schöneres, als von unserem Herrn zu reden. Ich bin auch so froh, dass mein kleiner Hauskreis wächst. Es ist ein großes Geschenk, diese Gemeinschaft zu erleben und miteinander – wie früher – in Gottes Wort zu lesen und darin auf „Entdeckungsreise“ zu gehen. Ach, und es ist immer wieder so eine Freude, noch schreiben zu dürfen, mitzuarbeiten an der schönen Zeitschrift „Entscheidung“. Ich liebe es, die etwas ungelenk geschriebenen Texte einzelner Autoren durch leidenschaftliches Redigieren zum „Blühen“ zu bringen. Kürzlich hatte die bekannte Journalistin und Moderatorin Sandra Maischberger einige verblüffend „junge“ Hundertjährige zu einem Interview eingeladen. Dabei wurde berichtet, dass die meisten Hundertjährigen auf Okinawa leben. Fünf Kriterien sind für ihre Jugendlichkeit entscheidend: Ernährung, Bewegung, Arbeit, Gemeinschaft, Spiritualität. Na, bei diesen Erfahrungswerten darf ich ja sehr fröhlich nach vorne schauen. Mein Abenteuergeist ist immer noch ungebrochen. Anlässlich eines besonderen Ereignisses schenkte man mir kürzlich einen Flug mit einem Heißluftballon. Er steigt von einer bestimmten Stelle in Berlin auf und gibt einen weiten Blick frei. Auch zu einem Gebetsrundflug 81
über meine Stadt wurde ich eingeladen. Ein Freund ist Hobby-Pilot, engagierter Christ und traut sich zu, mich mitzunehmen. Eine dritte Person hat in diesem Flugzeug keinen Platz. Ich brauche nur ein bisschen Mut – und den habe ich. Außerdem träume ich weiter von einer Safari in Afrika. Ich bin Gott von Herzen dankbar, dass die Krankenkasse auch in diesem Jahr den Großteil der Stunden für meine Pflege bezahlt. Doch wie immer liegt auch ein Teil bei mir. Ich weiß nicht, wie ich ohne diese Betreuung existieren könnte. Inzwischen ist es Frühling geworden. Die mächtige Rotbuche vor meinem Fenster sieht aus, als würde sie brennen. Nicht so flammend wie ein Feuer, das gerade erst entzündet wurde. Nein, eher wie ein tiefes warmes Glühen, so richtig von innen heraus, als ob da noch viel mehr kommen würde an Schönheit und Leuchtkraft in den kommenden Monaten. Was für ein wunderbarer Maler ist unser Schöpfer! Wie verschwenderisch hat er seine Natur ausgestattet! Es ist wie ein Wettlauf der Farben. Eine leuchtende Blüte möchte die andere am liebsten überholen. Das alles darf ich trotz meiner Begrenztheit sehen, fühlen, schmecken. Ich danke Ihnen allen so sehr für Ihre Liebe, Ihre Fürsorge, Ihr festes Begleiten – was für ein Reichtum!
In herzlicher Verbundenheit grüßt Sie Ihre Irmhild Bärend
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