Roswitha Gruber
Die verheimlichte
Großmutter
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© 2026 Brunnen Verlag GmbH Gottlieb-Daimler-Str. 22, 35398 Gießen www.brunnen-verlag.de info@brunnen-verlag.de Umschlaggestaltung: Jonathan Maul Umschlagfoto: Caraianu Camelia/unsplash.com, Privatarchiv Helene Leitner Satz: Brunnen Verlag GmbH Druck: CPI books GmbH, Leck ISBN Buch 978-3-7655-4396-8
Inhalt Stammbaum
4
Die Vorgeschichte
7
Ein Kind stellt Fragen
9
In der alten Mühle in Unterwössen
64
In Reit im Winkl
75
Bei den Klosterschwestern in München
87
Verliebt – verlobt – verheiratet
122
Endlich selbstständige Hebamme
150
Krankenhausaufenthalte
180
In der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee
214
Die Tochter der Hebamme
235
Der Stolperstein
280
3
Stammbaum
183 Georg OO * 1799 † 1853
1861 1. Frau 2. Frau 1886 Elisabeth OO Georg OO Maria * 1837 Gschlösser Hörmann † 1902 * 1839 * 1853 † 1885 † 1940 1914 Elisabeth Johann OO Klara Bapt. Hausberger * 1887 * 1891 † 1973 Mühlberger * 1888 † 1963 † 1974
Ursula * 1892 † 1952
Therese * 1898 † 1940
Alois * 1899 † 1974
Georg * 1860 †
M * †
M *1 †1
Joh. Georg M Joh. Bapt. Stefan Karolina Josef Maria Elis. Gottfried * 1923 * 1921 * 1914 * 1916 * 1919 * 1920 * 1922 † 1924 † 1952 † 1920 gef. 1943 † 2001 † † 1922
1833 g OO Anna Weißenbacher 99 * 1800 53 † 1867
Maria Maria * 1839 * 1841 † 1839 †
Katharina * 1844 † 1844
Stammtafel Georg Mühlberger
Anonymus Lorenz * 1844 * 1846 † 1844 †
Maria Joseph Maria Katharina * 1861 * 1863 * 1864 * 1865 † 1861 † † 1865 †
g Monika 3 * 1924 4 † 1957
Josef * 1925 † 2010
Katharina Anna * 1866 * 1868 † †
Theresia Sebastian Anna * 1927 * 1929 * 1932 † 1955 † † 2018
Therese * 1869 † 1869
Apollonia * 1871 †
Die Vorgeschichte In unserem Gemeindeblatt las ich, dass in Reit im Winkl im Rahmen einer Feierstunde ein »Stolperstein« für eine ehemalige Bewohnerin des Dorfes, die Hebamme Therese Mühlberger, verlegt werden solle. Einen Monat später war dann in der Gemeindezeitung der Bericht über die Gedenkfeier zu lesen, der auch einige Fotos von dieser Frau enthielt. Dadurch erfuhr ich Näheres aus ihrem Leben, und mein Interesse war erst recht geweckt. Es gelang mir, die E-MailAdresse ihrer Enkelin Helene Leitner, die das alles initiiert hatte, ausfindig zu machen. Nachdem einige weitere Monate ins Land gegangen waren, besuchte mich Helene mehrere Male. Sie beantwortete nicht nur viele meiner Fragen, sie brachte mir auch Unterlagen über ihre Großmutter mit, die sie nach eifrigem Stöbern in verschiedenen Archiven und aus alten Aufzeichnungen zusammengestellt hatte. Beim Lesen derselben war ich zutiefst erschüttert. Was mir noch an Informationen fehlte, versuchte ich in alten Tauf- und Sterbebüchern zu finden, und indem ich betagte Bewohner in Reit im Winkl befragte. 7
Das Ergebnis möchte ich Ihnen mit diesem Buch vorlegen. Jetzt lasse ich Helene, die Enkelin von Therese, zu Wort kommen. Roswitha Gruber
8
Ein Kind stellt Fragen Meine früheste Erinnerung ist folgende: Noch nicht ganz drei Jahre alt, sehe ich mich an der Hand meiner Mutter in einem fremden Haus eine Treppe hinaufsteigen. Oben angekommen, entdeckte ich in einem Zimmer mein Gitterbett und fragte: »Mutti, warum steht mein Bettchen hier?« »Wir wohnen jetzt hier.« »Warum?« »Das verstehst du noch nicht«, speiste sie mich ab. Diese Antwort sollte ich in Zukunft noch öfter auf meine Fragen zu hören bekommen. Die nächste Begebenheit, an die ich mich erinnere, muss sich einige Monate später zugetragen haben. In der neuen Wohnung saß ich auf der Kloschüssel und wollte Wasser lassen. Es ging aber nicht. Der Druck auf die Blase wurde immer stärker, sodass ich schon Schmerzen hatte, doch ich konnte nicht loslassen. Ratlos standen meine Eltern um mich herum. Ungeduldig befahl mein Vater schließlich: »Dirndl, du bieselst jetzt, aber sofort.« Dieser Befehl verschlimmerte meine Lage nur noch. Jetzt ging erst recht nichts. Die Schmerzen wurden immer stärker. 9
»Ich kann nicht«, jammerte ich unter Tränen. »Es geht nicht. Es tut so weh.« Endlich hatte meine Mutter die richtige Idee: »Das Kind muss in die Klinik.« Der Vati trug mich die beiden Treppen hinunter und legte mich auf die Rückbank seines alten VW-Käfers. So landete ich nach wenigen Minuten in der Kinder-Klinik, die sich in der Lindwurmstraße befand. Der Arzt redete begütigend auf mich ein und setzte mir einen Katheter. Was für eine Erlösung, als der Druck auf die Blase endlich nachließ! Meine heutige Erklärung für das damalige Verhalten: Vermutlich war mein Körper so verkrampft, weil mich meine Mutter zu rigide zur Sauberkeit angehalten hatte. Zum Glück hatte ich nach diesem Erlebnis nie wieder Probleme mit dem Wasserlassen. Schon früh hörte ich aus den Gesprächen meiner Eltern heraus, wie stolz sie darauf waren, in München zu wohnen. Erst viele Jahre später begriff ich, warum dieser Wohnort so wichtig für sie war. Meine Mutter stammte aus Reit im Winkl in Oberbayern. Dies war zwar in ihrer Kindheit bereits ein bekannter Ferienort, er war ihr aber zu eng und vor allem zu abgelegen. 10
Mein Vater war auf einem Einödhof aufgewachsen, der in einer gottverlassenen Gegend in Niederbayern lag. Beide Orte sollte ich schon in meiner frühen Kindheit kennenlernen. Nach Reit im Winkl fuhren wir in schöner Regelmäßigkeit alle zwei Wochen, um meine Großeltern zu besuchen. Das war für mich herrlich. Dort fand ich es wesentlich schöner als in München. Man sah Kühe, die durchs Dorf getrieben wurden, man sah hochbeladene Heuwagen über die Straßen rumpeln, man konnte gefahrlos auf der Straße spielen, weil nur selten ein Auto fuhr. Im Winter fand ich es in diesem Dorf besonders toll. Mit Begeisterung denke ich an den vielen Schnee. Auf allen Dächern lagen dicke weiße Polster, und beiderseits der Straßen waren richtige Schneewände aufgetürmt. Man fuhr über weiße Wege, und beim Gehen knirschte der Schnee unter den Füßen. In München schneite es zwar auch, die Bürgersteige waren aber immer schnell geräumt, und der Schnee auf den Straßen wurde von den vielen Autos sehr bald in Matsch verwandelt. An Opas Haus befanden sich rechts und links vom Eingang Schneewände, die so hoch waren wie ein Erwachsener. Der Vati konnte unser Auto nur vor dem großen Tor parken, das ich 11
lange Zeit für eine Garageneinfahrt gehalten hatte. Später, als ich mal die Gelegenheit hatte, einen Blick hineinzuwerfen, entdeckte ich, dass der Raum so voller Gerümpel war, dass kein Auto darin Platz gehabt hätte. Wozu hätte der Opa auch eine Garage haben sollen? Er hatte ja weder Auto noch Führerschein. Wenn wir wieder abfuhren, musste mein Vater rückwärts zwischen den Schneewänden hinausmanövrieren. Weil er dabei nicht auf die Straße sehen konnte, stand die Mutti auf der Fahrbahn und gab ihm Zeichen, wenn frei war. Oma und Opa standen dann an der Haustür und winkten zum Abschied. Den Opa Stefan mochten wir Schwestern sehr gern, denn er war stets freundlich und spielte oft mit uns. Der Oma Katharina ging ich aber am liebsten aus dem Weg. Sie war kalt und abweisend, und wenn sie mich überhaupt ansprach, dann nur, weil sie was zu meckern hatte. An Heiligabend 1968 – genau während der Bescherung – kam ein Anruf von dieser Oma. Sie teilte meiner Mutter mit, dass Opa gestorben sei. Das überraschte uns alle sehr. Wir Kinder brachen in Tränen aus, und noch heute sehe ich meine Mutti traurig dasitzen und den Vati irgendwie ratlos hin und her laufen. 12