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Danke, Merci, Thank you – es gibt immer mal wieder gute Gründe, einem anderen Menschen „Danke“ zu sagen. Ob mit Worten oder Gesten, mit einem kleinen Geschenk, einem Blumenstrauß, einer Schachtel Pralinen –oder mit einem Buch voller „Dankeschön“-Geschichten.
In diesem Buch finden sich 10 frische Geschichten von bekannten Autoren, die auf die ein oder andere Art Dankbarkeit ausdrücken. Stories, die den Blick auf die schönen und guten Dinge des Lebens richten, unterhaltsam, positiv, optimistisch.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen.
Ihr Stefan Loß
© 2024 Brunnen Verlag GmbH, Gießen
Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger
Satz: Brunnen Verlag GmbH
Druck: CPI Books GmbH, Leck
Gedruckt in Deutschland
ISBN 978-3-7655-4387-6 www.brunnen-verlag.de
Eckart zur Nieden
Alfred Brecht kommt langsam zu sich. Er muss sich erst wieder besinnen, wo er ist. Ach ja – im Krankenhaus.
„Na – ausgeschlafen?“
Seine erwachsene Tochter Susanne sitzt auf dem Stuhl neben dem Bett.
„Ach – Susanne! Schön, dass du gekommen bist!“ Alfreds Stimme ist noch etwas krächzend.
„Ich war gestern schon hier. Hast du das mitgekriegt?
Ich hatte den Eindruck, du warst noch nicht wieder richtig da.“
„Doch, ich erinnere mich schwach.“
„Mensch, Papa! Du machst Sachen!“
Eine Weile überlegt Alfred an einer Erwiderung. „Ich habe gar nichts gemacht. Es wurde etwas mit mir gemacht. Kannst du mir mal sagen, was eigentlich passiert ist?“
„Du warst im Wald spazieren und bist anscheinend plötzlich zusammengebrochen. Das Herz, wie wir inzwischen wissen. Jemand hat dich gefunden und den Notdienst gerufen. Sie haben dich gleich hergebracht. Es hätte nicht viel später sein dürfen, hat der Arzt gesagt. Hast unverschämtes Glück gehabt!“
„Hm“, brummt Alfred nur. Was soll er auch sonst dazu sagen?
Susanne steht auf und packt einiges aus der Tasche, die sie mitgebracht hat, in den Schrank. „Ich habe deine Zahnbürste und den Rasierapparat und was man so braucht aus deiner Wohnung geholt.“
„Danke!“
„Was ist das hier? Das lag auf dem Tisch, wo immer deine Sachen liegen, die du noch erledigen willst.“ Sie zeigt ihm ein gefaltetes Blatt. „Da steht: HIFIKI.“
„Ach das! Kannst du wegschmeißen.“
„Ach, da lese ich grade den Text, für den die seltsame Buchstabenkombination wohl die Abkürzung ist: Hilfe für indische Kinder. Was hat es damit auf sich?“
„Ach, nichts weiter. Ich wollte da eventuell mal was spenden.“
„Spenden? Du?“
„Na ja, ich dachte, nachdem ich die Erbschaft von Tante Elfriede aus Wuppertal bekommen habe…“
„Wie viel war das denn?“
Alfred lächelt. „Es wurde ja auf die ganze Verwandtschaft aufgeteilt. Auf mich entfielen zweiunddreißigtausend Euro.“
„Toll! Und da dachtest du, du solltest ein paar armen indischen Kindern auch was von … hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Na ja, vielleicht fünfzig Euro. Oder dreißig.“ Pause. „Oder zwanzig. Ich meine, von 30 000 Euro zwanzig abzugeben – da kann man ja nicht sagen, ich hätte das Geld mit offenen Händen zum Fenster rausgeworfen.“
„Stimmt, das kann man nicht sagen.“
„Aber ich habe das mit der Spende dann vergessen.
Und wollte es dann auch lassen. Im Grunde habe ich ja gar keine Beziehung zu indischen Kindern.“
Susanne setzt sich wieder. „Ich muss jetzt gleich wieder gehen, Papa. Ein wichtiger Termin. Aber ich komme morgen wieder.“
„Danke, mein Mädchen!“
„Du sollst nicht immer Mädchen zu mir sagen!“ Sie lächelt dabei und es klingt auch nicht wie eine Rüge.
„Ach so, ja. Jedenfalls bin ich dir sehr dankbar für alles.“
„Nicht der Rede wert. Aber dankbar kannst du sein, dass dich jemand so schnell gefunden und dir geholfen hat. Sagte Mama nicht immer: Danken macht froh!? Dann mach dich mal froh!“
Als Alfred wieder alleine ist, denkt er weiter über diese Worte nach und über alles, was geschehen ist. Es geht in seinem müden Kopf alles noch etwas durcheinander. Aber allmählich schälen sich etwas klarere Gedanken heraus.
Komisch! Erst so ein Glück mit der Erbschaft, dann das Unglück mit dem Herzanfall und dann das Glück, dass mich jemand gefunden hat! Was bedeutet das? Ist mir das Unglück vielleicht passiert, weil ich nach dem Glück mit der Erbschaft noch nicht einmal zwanzig Euro abgeben wollte von der großen Summe? Susanne würde jetzt sagen: ‚Quatsch, Papa, das hat gar nichts miteinander zu tun!‘ Und damit hätte sie ja wohl auch recht.
Alfred hakt den Gedanken ab.
Dafür drängt sich ein anderer auf: Dankbar soll ich sein. Es würde mir sicher ein Gefühl der Befriedigung
geben, wenn ich etwas von dem geerbten Geld dem Menschen gebe, der mir geholfen hat. Er hat mir schließlich das Leben gerettet. Und das Leben ist mehr wert als ein paar Tausend Euro.
Was soll ich auch sonst mit dem Geld machen? Ich hatte ja mal eine große Weltreise vor. Aber das lasse ich jetzt lieber. Was, wenn mir so ein Unglück auf Reisen passiert? In Patagonien vielleicht oder in Botswana oder auf den Fidschi-Inseln?
Allmählich reift in Alfreds Kopf ein Plan. Er will seinen Lebensretter ausfindig machen und reich beschenken. Das würde dann sicher auch ihn selbst glücklich machen. Vielleicht auch ein bisschen stolz. Vielleicht sogar zufriedener, als es eine Weltreise könnte.
„Ich erkenne Sie wieder!“, sagt der Rettungssanitäter. Er sitzt in dem weiß-roten Wagen und schaut aus der offenen Fahrertür. „Wir haben Sie doch vor drei Wochen oder so im Wald aufgegabelt!“
„Ja, richtig. Ich wollte mich bedanken.“
„Gern geschehen. Das ist unser Job.“
„Und zwar ganz praktisch wollte ich mich bedanken. Mit Geld.“
„Sehr freundlich! Da vorn im Büro haben wir eine Kaffeekasse. Rechts von dem linken Stuhl. Da können Sie was reinstecken. Vielen Dank schon mal!“
„Hm. Das ist dann aber nicht so persönlich.“
„Dann geben Sie es doch dem Mann, der uns gerufen hat. Der hatte ja auch einen wesentlichen Anteil an Ihrer Rettung.“
„Gute Idee!“, sagt Alfred. „Aber wer war das? Wie finde ich den?“
„Da kann ich Ihnen helfen. Seine Telefonnummer ist im Computer gespeichert.“
„Guten Tag“, spricht Alfred ins Telefon. „Mein Name ist Alfred Brecht. Wenn ich richtig recherchiert habe, haben Sie mir das Leben gerettet. Sie haben mich im Wald gefunden, als ich zusammengebrochen war, und haben die Rettung gerufen. Vor etwa drei Wochen. Das waren Sie doch, oder?“
„Ja, das war ich“, antwortet der andere, der Stimme nach ein älterer Herr. „Ich habe mit dem Handy Hilfe geholt. Aber gefunden habe ich Sie nicht. Das war ein kleines Mädchen, das da im Wald gespielt hat.“
„Ich wollte mich gern mit einem Geldbetrag bedanken. Vielleicht kann ich ja einen Teil Ihnen geben und einen Teil dem Kind.“
„Mir brauchen Sie kein Geld zu geben. Ich habe genug. Außerdem käme ich mir schäbig vor, wenn ich mir so eine selbstverständliche Hilfeleistung bezahlen ließe.“
„Hm, es ist offenbar gar nicht so leicht, meinen praktischen Dank loszuwerden. Aber dann danke ich Ihnen wenigstens mit Worten. Herzlichen Dank!“
„Wie gesagt: gern geschehen.“
„Kennen Sie das Mädchen? Dann würde ich mich gern bei ihm bedanken.“
„Kennen ist zu viel gesagt. Aber ich weiß, dass sie in der Parallelstraße wohnt – Schwalbengasse. Die Leute
heißen Kühn oder Kuhn oder Kuhl oder so ähnlich. Das vorletzte Haus.“
„Danke! Das finde ich sicher.“
„Hallo!“, spricht Alfred über den Gartenzaun das kleine Mädchen an, das auf einer Schaukel durch die Luft schwingt.
„Hallo.“
„Darf ich fragen, wie du heißt?“
„Christine.“
„Christine Kuhl?“
„Nein!“ Das Mädchen lacht, schwingt aus und springt vom Sitzbrett der Schaukel. „Kuhl doch nicht! Kuhn! Mit nnnn!“
„Sag mal, Christine, hast du neulich mal im Wald einen Mann gefunden, der ohnmächtig war? Und bist schnell gelaufen, um Hilfe zu holen? Der Mann war nämlich ich!“
Das Kind steht einige Augenblicke still, dann rennt es zur Haustür. „Mama! Mama! Hier ist der Mann, der tot war. Im Wald. Komm mal!“
Eine Frau erscheint in der Tür. „Ich habe dir doch erklärt, Christine, der war nicht tot, er war ohnmächtig. Sonst hätten die Sanitäter ihn ja nicht retten können.“ Sie tritt vor das Haus. „Guten Tag!“
„Guten Tag“, grüßt Alfred zurück und geht durch das Gartentürchen auf sie zu. Er trägt eine Plastiktüte in der Hand. „Ja, ich bin das. Und wie Sie sehen, bin ich ziemlich lebendig. Es hat allerdings fast drei Wochen gedauert. Und jetzt wollte ich mich bei Ihrer Tochter bedanken.“
Christine kommt ganz unbefangen auf den Fremden zu und streckt ihm lächelnd die Hand hin. Alfred schlägt ein und sagt: „Liebe Christine, ich danke dir, dass du gleich Hilfe geholt hast. Du hast mir damit das Leben gerettet.“
Christine strahlt über das ganze Gesicht.
„Ich möchte dir gern zum Dank ein Geschenk machen. Eine größere Summe Geld. Damit kannst du dir etwas Schönes kaufen, was du immer schon mal haben wolltest.“
Frau Kuhn kommt heran. „Augenblick mal, Herr …“
„Brecht.“
„Herr Brecht, ich möchte nicht, dass Sie dem Kind Geld schenken. Schon gar nicht viel!“
„Verzeihung! Ich hätte Sie erst fragen sollen. Ich wollte nur meinen Dank …“
„Ich verstehe, dass Sie dankbar sind. Aber was Christine getan hat, hat sich doch einfach so ergeben. Da müssen Sie sich nicht groß bedanken. Danken Sie Gott, der das alles so gefügt hat, dass Sie mit dem Leben davongekommen sind.“
„Aber von Gott habe ich keine Kontonummer.“
„Die brauchen Sie auch nicht. Sie können …“
„Mama!“, unterbricht ihre Tochter. „Wenn der Mann mir Geld geben würde, dann könnte ich es doch zu meinen zwei Euro dazutun, die ich von meinem Taschengeld geben wollte. Für die armen Kindern in Indien. Du hast gesagt, du wolltest es hinschicken.“
Ihre Mutter erklärt: „Sie spricht von einer Hilfsorganisation. Am Sonntag hat jemand im Kindergottesdienst
davon berichtet. Das hat sie so beeindruckt, dass sie auch etwas spenden wollte.“
Ein erschreckender Gedanke schießt Alfred durch den Kopf. „Die Hilfsorganisation heißt nicht zufällig HIFIKI?“
„Doch. Kennen Sie sie?“
Alfred antwortet nicht. Er schaut nur in die Plastiktüte und murmelt: „Wenn das so ist, dann muss ich wohl tiefer in die Tasche greifen, als ich zunächst wollte.“ Er zählt lauter große Geldscheine auf das Sitzbrett der Schaukel. Einige sind noch mit Banderolen der Bank zusammengepackt. Mit leiserer Stimme, die eine gewisse Unsicherheit vermuten lässt, sagt er: „Das sind 30 000,- Euro. Wenn Sie so freundlich sein wollen, das mit zu überweisen …“
Christines Mutter macht große Augen. „Das … Sie machen wohl Scherze? Dass … Sie können doch nicht …“
„Ich kann schon“, sagt Alfred und wird dabei wieder lauter. „Das ist das Erbe von meiner Tante Elfriede aus Wuppertal.“
„Ist das Geld echt?“, fragt Christine.
„Ganz echt. Und ich überlasse es Ihnen, ob es ein Dank an Christine oder ein Dank an Gott sein soll. Übrigens –Tante Elfriede aus Wuppertal wäre mit Letzterem sicher einverstanden, sie war eine fromme Frau.“
„Für die armen Kinder in Indien!“, freut sich Christine.
„Also gut“, sagt Frau Kuhn, „überweise ich also 30.002,- Euro. Wenn Sie es bereuen – jetzt können Sie noch zurück!“
Alfred schüttelt nur den Kopf. Und seltsam – er hat erst etwas verkniffen ausgesehen, aber jetzt lächelt er.
Frau Kuhn schaut ihn einige Augenblicke an, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, einen Rückzieher zu machen. „Gut. Aber bei so einer Summe sind doch einige Formalitäten nötig. Wenn Sie mir bitte ins Haus folgen wollen?“
Als Alfred nach einem herzlichen Abschied die Schwalbengasse verlässt, fühlt er sich merkwürdig leicht. Am liebsten wäre er freudig gehüpft, wie Christine beim Abschied. Aber das scheint ihm dann doch etwas unangebracht für einen älteren Herrn. Ihm ist, als hätte er das Geld in Form von Gold oder Silber in der Tasche getragen und sei nun eine Last losgeworden.
Jetzt bin ich nur gespannt – denkt er –, was Susanne sagt. Entweder: „Wie kannst du nur, Papa! So viel Geld! Das war wirklich sehr unüberlegt!“ oder: „Siehst du –Mama sagte auch schon immer: Danken macht froh.“