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URN LYNN H. BLACKB

r e d n e Morg g n u d i e h Entsc Deutsch von Dorothee Dziewas

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Copyright © 2023 by Lynn H. Blackburn. Originally published in English under the title Under Fire by Revell, a divison of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A. All rights reserved. Die Bibelverse aus 5. Mose 20,3.4 folgen dem Wortlaut der Übersetzung Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblia Inc.® Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis.

© 2023 Brunnen Verlag GmbH Redaktion: Alexandra Eryiğit-Klos Umschlagfoto: stock.adobe.com Umschlaggestaltung: Jonathan Maul Druck: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN Buch 978-3-7655-3668-7 ISBN E-Book 978-3-7655-7666-9 www.brunnen-verlag.de


Habt keine Angst! Fürchtet euch nicht! Der HERR, euer Gott, zieht mit euch. 5. Mose 20,3.4 .


Glossar*

AA-Treffen = Treffen der Anonymen Alkoholiker CCBI = City-County Bureau of Identification: eine multidisziplinäre Einrichtung für forensische Dienstleistungen, die sich u. a. um die Untersuchung von Tatorten, Schusswaffen oder Drogen kümmert und digitale Beweismittel analysiert Gatekeeper = Torwächter: eine Person, die eine wichtige Position bei einem Entscheidungsfindungsprozess einnimmt NCSBI = North Carolina State Bureau of Investigation: die Untersuchungsbehörde von North Carolina NSA = National Security Agency: der größte Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten PD = Police Department: die örtliche Polizei PID = Protective Intelligence and Assessment Division: eine Abteilung, die für Personenschutz zuständig ist POTUS = President of the United States: der Präsident der Vereinigten Staaten RAIC = Resident Agent in Charge Office: ein kleineres Büro, in dem der erste Vorgesetzte auch der ranghöchste Agent ist und mehr Befugnisse und Verantwortlichkeiten hat SBI = State Bureau of Investigation: US-amerikanische Staatsstrafverfolgungsbehörden SWAT = Special Weapons and Tactics: ein Sondereinsatzkommando der Polizei UAV = unmanned aerial vehicle: unbemanntes Luftfahrzeug, Drohne *hinzugefügt vom Brunnen Verlag GmbH


1 1 Jahr, 3 Monate und 27 Tage früher Es war nicht das erste Mal, dass US-Secret-Service-Agentin Tessa Reed einen Kater hatte. Ihr Kopf hämmerte im Takt mit ihrem Herzschlag. Am liebsten hätte sie die Augen gar nicht aufgemacht. Sie wollte dem Tag nicht ins Angesicht sehen. Als sie ein Auge vorsichtig öffnete, sah sie, dass es noch dunkel war. Tessa hatte keine Ahnung, wie lange die Nacht noch dauern würde, aber sie kämpfte nicht gegen den Sog des Schlafes an, sondern ließ sich noch einmal davon überwältigen. Als sie schließlich wieder wach wurde, waren ihre Kopfschmerzen noch viel schlimmer. Durch die Lider nahm sie Licht wahr und ein ekliger Gestank stieg ihr bei jedem Atemzug in die Nase. Sie konnte sich zusammenreißen. Das hatte sie schon oft gemacht. Zu oft. Aber so heftige Schmerzen, dass ihr Schädel schon bei der kleinsten Bewegung dröhnte, fand Tessa in der weiten Landschaft ihrer Erinnerungen nicht. Noch ein paarmal Luft holen und dann würde sie – Kalte Erkenntnis packte sie, als ihr in einem Tsunami des Entsetzens drei unterschiedliche Empfindungen bewusst wurden. Sie lag auf der Bettdecke und … Tessa riss die Augen auf und kniff sie dann sofort wieder zusammen, um die Wirkung 5


des Lichts zu minimieren, das zwischen den Gardinen hindurchdrang. Sie drehte sich langsam um und fand das bestätigt, was sie bereits wusste. Ihre Bluse war nicht mehr da. Nein! Nein! Das durfte nicht wahr sein! Bitte, Jesus, mach, dass es nicht wahr ist! Tessa zwang sich, die Augen wieder aufzumachen und ihre Umgebung wahrzunehmen. Allem Anschein nach befand sie sich in einem billigen Motelzimmer. Ihre Bluse war weg, aber ihre restliche Kleidung trug sie noch, auch die Schuhe. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war, wie sie dorthin gekommen war, wer bei ihr gewesen war, was sie getan hatten oder wann dieser Jemand zurückkommen würde. Tessa kämpfte gegen ihre Übelkeit an und setzte sich mit Mühe auf. Dann saß sie mit dem Kopf in den Händen da und atmete flach ein und aus, bis der Angriff des imaginären Eispickels auf ihr Gehirn etwas nachließ. Obwohl sie noch lange nicht bereit dazu war, hob sie den Kopf und sah sich im Zimmer um. Ihre Handtasche lag auf einem niedrigen Nachttisch. Von ihrer Bluse weit und breit keine Spur. Was war gestern Nacht geschehen? Als Nächstes untersuchte Tessa ihren Körper. Keine Prellungen. Keine sichtbaren Spuren einer Verletzung. Keine Schmerzen außer diesen höllischen Kopfschmerzen. Nichts fühlte sich gestaucht oder empfindlich an. Sie nahm ihre Tasche und öffnete sie in der Erwartung, dass sie leer sein würde. Handy und Schlüssel waren genau dort, wo Tessa sie hingetan hatte. Wenn jemand sie entführt hatte, war es die schlimmste Entführung in der Geschichte der Menschheit. Wenn sie freiwillig hierhergekommen war – nein. Das wäre 6


sie nicht. Oder? Könnte sie aus freien Stücken hier sein – wo auch immer hier war? Das ergab keinen Sinn. Tessa versuchte, sich zu erinnern. Sie war im Gino’s gewesen. Sie hatte an der Bar gesessen. Und dann? Sie hatte eine vage Erinnerung an etwas, aber als sie nach konkreteren Anhaltspunkten suchte, entglitt sie ihr. Dies war kein normaler Kater. Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Tot. Wenn sie diesen Raum verließ, würde sie in völlige Ungewissheit treten und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in eine feindliche Umgebung – unbewaffnet und auf das, was dort draußen wartete, in keiner Weise vorbereitet. Und das Ganze ohne Bluse. Aber wenn sie hierblieb, war völlig offen, wer oder wie viele Leute demnächst durch diese Tür kommen würden. Tessa konnte auf sich aufpassen. Viel besser als die meisten Frauen. Oder Männer. Aber sie hatte eben keine Waffe. Und auch wenn sie Kampftechniken beherrschte, war es möglich, dass jemand sie überwältigte. Jedenfalls konnte sie nicht in diesem Raum bleiben. Jeder Schritt jagte einen Stoß durch ihren schmerzenden Schädel, aber Tessa zwang sich, unter dem Bett und in den Schubladen nachzusehen. Ihre Bluse war eindeutig nicht mehr da. Vorsichtig trat sie ans Fenster und spähte an der Gardine vorbei auf einen Parkplatz. Sie sah nichts, was ihr einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort hätte geben können. Ein uraltes Telefon mit Wählscheibe stand auf der Kommode. Sie schob sich rückwärts zu dem Apparat, die Tür immer im Blick. Dann nahm sie den Hörer ab und lauschte. Ein Freizeichen. Danke, Jesus. Danke! Drei Atemzüge lang überlegte sie, was für Optionen sie hatte, und dann wählte sie die Nummer. 7


Ihr blieb nichts anderes übrig. Sie wartete darauf, dass er abnahm, wohl wissend, dass durch dieses grandiose Versagen die dunkelsten Seiten ihrer Seele ans Tageslicht gezerrt werden würden.

* Secret-Service-Agent Zane Thacker warf einen Blick auf das Display seines Smartphones. Es war eine Nummer mit der lokalen Vorwahl, aber keine, die er erkannte. Er ließ die Mailbox anspringen. Seine Beziehung zu Handys war eine Art Hassliebe, allerdings mit Schwerpunkt auf dem Hass. Trotzdem hatte er sein Telefon 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr bei sich. Dafür hatte er seine Gründe. Die meisten davon waren deprimierend. Und deshalb konnte nicht jeder, der ihn anrief, ihn auch erreichen, obwohl das Handy immer in seiner Nähe war. Vor allem jetzt nicht. Zane hätte nichts dagegen gehabt, nie im Leben von einem trauernden, rachsüchtigen Attentäter angeschossen zu werden. Aber das Leben hatte es ihm in der Vergangenheit nicht gerade leicht gemacht. Warum also sollte es jetzt damit anfangen? Der Arzt hatte ihm erlaubt, wieder arbeiten zu gehen, aber er bewegte sich noch immer langsam, seine Reaktionen blieben träge und die Schmerzen weigerten sich einfach zu verschwinden. Und deshalb war er an einem Samstag noch vor acht Uhr morgens wach, angezogen und dabei, seinen zweiten Kaffee zu trinken. Er hatte den Versuch weiterzuschlafen, schon vor Stunden aufgegeben. Wieder klingelte das Telefon. Niemand, der ihn kannte, würde so früh anrufen. Es sei denn, die Person war in Schwierigkeiten. Zane nahm den Anruf an. „Thacker.“ 8


„Zane“, erklang Tessas zitternde Stimme. „Kannst du mich bitte abholen?“ Er hatte Schlüssel und Waffe schon in der Hand, noch bevor sie den Satz beendet hatte. „Wo bist du?“ „Ich … ich weiß nicht.“ Er schaltete die Alarmanlage aus. „Bist du verletzt?“ „Nein. Aber ich kann nicht weg.“ Zane spürte, wie eine eisige Hand nach ihm griff. „Wo ist dein Handy?“ „Das habe ich hier, aber der Akku ist leer. Ich rufe vom Telefon im Zimmer an.“ „Warte.“ Er war schon beim Wagen und schob sich hinters Steuer seiner neuen Limousine. Wenn er zu schnell machte, würde es wehtun, und das würde ihn aufhalten. Besser, sich so zu bewegen, dass sein Körper nicht protestierte. Als er auf dem Fahrersitz saß, öffnete er das „Freundefinder“-Programm, das alle Agenten beim amerikanischen Geheimdienst von Raleigh vor ein paar Monaten nur zu gerne installiert hatten. Wenn jemand versucht, dein ganzes Team auszuschalten, ist es ein gewisser Trost zu wissen, dass die anderen dich finden können. Ein Blick verriet Zane, was er längst wusste. Alle waren dort, wo sie sein sollten. Alle außer Tessa. Tessa Reed war nicht in ihrer eleganten Wohnung. In der Wohnung mit Überwachungskameras in allen Hausfluren und auf dem gut beleuchteten Parkplatz. Der zuletzt angezeigte Standort ihres Handys befand sich in einem Stadtteil, in dem niemand sich aufhalten sollte. Schon gar nicht jemand, der aussah wie Tessa. „Das letzte GPS-Signal zeigt an, dass du im Motel Tropische Oase bist.“ „Okay. Dann bin ich wahrscheinlich dort. Obwohl nichts hier darauf hinweist. Und niemand, der bei Verstand ist, würde diesen Ort als Oase bezeichnen.“ 9


„Ich bin unterwegs. Wie es aussieht, werde ich zwanzig Minuten bis zu dir brauchen.“ „Okay“, flüsterte Tessa, aber weder Erleichterung noch Gewissheit schwangen in dem Wort mit. „Gibt es einen speziellen Grund, warum du dort bist?“ „Ich … ich weiß nicht.“ Zane schlug mit der flachen Hand auf sein Lenkrad. Es gab so viele Dinge, die er sagen wollte. Aber er war klug genug, um zu wissen, dass nichts, was er sagte, helfen würde. Tessa hatte ein Problem. Und zwar ein riesiges. Es würde sie alles kosten. Vielleicht hatte es sie schon viel mehr gekostet, als sie zu zahlen bereit war. Dieser Gedanke ließ seine Wut verfliegen. Übrig blieb eine kraftvolle Mischung aus schwelendem Frust und herzzerreißendem Mitgefühl. „Gibt es einen Grund, warum du noch dort bist, Tess?“ „Ich habe keine Bluse.“ Ihre Stimme war so leise, dass er sie kaum hören konnte. „Wie bitte?“ „Meine Bluse ist weg. Ich habe überall im Zimmer geguckt. Unterm Bett. Sie ist nicht da. Ich erinnere mich nicht daran, dass ich hierhergekommen bin. Ich weiß nicht, wie oder warum. Ich weiß nicht, wo ich bin und was um mich herum ist.“ Ihre Worte hatten einen panischen Unterton, der sofort von Zanes Ohr in seinen Fuß wanderte. Er trat das Gaspedal durch. Zane umklammerte das Lenkrad fester. Bitte hilf mir, Jesus. „Tess, ich frage noch mal: Bist du verletzt? Hat jemand dir was getan?“ „Nein.“ Kein Zögern und keine Unsicherheit. „Mein Kopf bringt mich um, aber abgesehen von der fehlenden Bluse bin ich angezogen, meine Handtasche ist noch da und niemand hat mich körperlich angegriffen.“ Zane fehlten vor Erleichterung die Worte. Also sprach er 10


über das leichtere Thema. „Deine Handtasche hast du noch? Du bist nicht ausgeraubt worden?“ „Nein. Aber ich habe kein Bargeld. Überhaupt kein Portemonnaie. Das habe ich zu Hause gelassen.“ Das alles ergab keinen Sinn. „Tessa, du musst versuchen, dich zu erinnern. Gestern Abend. Wo warst du? Was ist das Letzte, woran du dich erinnerst?“ „Ich bin was trinken gegangen.“ „Ja. Das war mir klar.“ Aber so was von. „Bei Gino.“ Gino’s war eine relativ neue Bar in der Nähe von Raleigh. Dort ging ein gehobenes Publikum ein und aus. Es war ein Ort, an den Tessa hervorragend passte. Ein Ort, an dem eine Frau davon ausging, dass sie ein Glas Wein trinken konnte, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass jemand etwas in ihr Getränk tat. Jedenfalls dachten die Leute das. „Erzähl mir, woran du dich erinnerst, von dem Augenblick an, als du die Bar betreten hast, bis zu dem Moment gerade, als du mich angerufen hast.“ Das tat sie. Es dauerte nicht lang. „Hast du dich im Zimmer umgesehen, ob die Person, mit der du dort warst, etwas zurückgelassen hat?“ „Nein, eigentlich nicht. Ich habe meine Bluse gesucht, aber als mir klar wurde, dass ich nicht einfach gehen kann, habe ich dich angerufen. Ich habe kein Geld und mein Handy funktioniert nicht, also konnte ich mir kein Taxi nehmen. Und selbst wenn, hätte ich keine Bluse gehabt. Vermutlich hätte ich mir ein Laken oder Handtuch überwerfen können, aber ich hatte ja kein Geld und kein Handy. Es schien mir kein guter Zeitpunkt, um draußen rumzulaufen, an irgendwelche Türen zu klopfen und fremde Leute um Hilfe zu bitten.“ „Das sehe ich auch so. Während du auf mich wartest, musst du im Zimmer nach irgendwelchen Hinweisen suchen, die uns verraten können, was geschehen ist.“ 11


„Mach ich, aber dieses Telefon ist am Tisch festgeschraubt. Das Kabel ist keine 2 Meter lang. Dann muss ich auflegen.“ „Nein! Leg stattdessen den Hörer auf den Tisch. Und sag immer mal wieder was, damit ich dich hören kann.“ Tessa folgte seinen Anweisungen. Er hörte, wie sie Schubladen aufzog und etwas zurückzog, das wie ein Duschvorhang klang. Zwei Minuten später war sie wieder am Apparat. „Ich habe einen Manschettenknopf gefunden.“ „Wo war der?“ „Unterm Bett.“ „Irgendwas Besonderes daran?“ „Ich bin noch ziemlich benommen, aber ich glaube, es ist ein Bild von Janus.“ Zane hatte keine Ahnung, wer oder was Janus war. Und es war ihm im Moment auch völlig egal. „Kommt das Ding dir bekannt vor? Weißt du, ob du es vorher schon mal gesehen hast?“ Tessas Schweigen war wie ein Stich in sein Herz. „Nein. Zane … ich … ich kann nicht …“ „Ich bin gleich da. Kopf hoch.“ Als er schließlich auf den Parkplatz des Motels fuhr, bebte Zane vor Wut und Angst und dem Verlangen, eigenhändig Gerechtigkeit zu üben. Er stellte sich nicht in eine Parkbucht und ließ den Motor laufen, während er das Gebäude musterte. „Alle Zimmer sind ebenerdig. Mach nicht die Tür auf, sondern beweg die Gardine, damit ich weiß, in welchem Zimmer du bist.“ Er musste ihr nicht sagen, dass dies kein Etablissement war, in dem die Eigentümer zu schätzen wussten, wenn ein Polizeibeamter an ihre Tür klopfte. Also musste er sicher sein, dass er vor dem richtigen Zimmer stand, damit die Lage nicht eskalierte. Oder nicht noch mehr eskalierte. Zane suchte die Fenster rechts und links von ihm ab. Nichts. Er fuhr ein Stück weiter, bis er ein weiteres Gebäude sah. „Beweg noch mal den Vorhang.“ 12


Diesmal sah er die Bewegung. „Okay, ich hab’s gesehen. Jetzt lege ich auf. Mach die Tür erst auf, wenn ich klopfe.“ Er stellte den Wagen ab und öffnete den Kofferraum. Dreißig Sekunden später ging er zu dem Motelzimmer, ein T-Shirt aus seinem Klamottenvorrat, den er immer im Wagen hatte, in einer Hand, während die andere auf der Waffe an seiner Taille lag. Er trat zu der Tür und klopfte. „Tess? Mach die Tür auf.“ „Em. Zane. Ich –“ „Schließ auf und geh dann ins Bad. Ich gebe dir das T-Shirt, wenn ich drin bin.“ „Okay.“ Zane wartete zehn Sekunden und öffnete dann die Tür, bevor er mehrere Wörter unterdrückte, die er seit zehn Jahren nicht mehr benutzte. Das Zimmer war ein verdrecktes Loch. Der Teppich war bestimmt so mit Bakterien verseucht, dass ihm sogar seine Schuhsohlen zu schade dafür waren. Tessa hatte Hand und Unterarm zur Badezimmertür herausgestreckt. Er drückte ihr das T-Shirt in die Hand. „Wir sollten die Poliz–“ „Nein! Zane! Bitte!“ Tessa kam aus dem Bad. „Ich bin sicher, dass nichts passiert ist.“ „Nichts passiert?! Du bist ohne deine Bluse in einem dreckigen Hotelzimmer aufgewacht!“ Tessa machte einen Schritt zurück. „Bitte.“ Er sollte die Polizei anrufen. Damit sie Fingerabdrücke sammelten. Irgendwas. Aber Tessas Situation war prekär. Sie war in Schwierigkeiten. Ernsthaften Schwierigkeiten. Und sie hatte ihn angerufen. Er konnte ein Beamter sein oder ein Freund. Aber wenn er darauf bestand, die Polizei einzuschalten, würde sie ihn das nächste Mal nicht anrufen. Und wenn sie nicht bald etwas unternahm, würde es ein nächstes Mal geben. „Gehen wir.“ Tessa folgte ihm zu seinem Auto und sie spra13


chen erst, als sie wieder in einem besseren Teil der Stadt angekommen waren. Zane bog auf einen Parkplatz, der sich allmählich mit Leuten füllte, die ihre samstäglichen Einkäufe erledigen wollten. Er stellte den Motor aus und wandte sich Tessa zu. Er konnte einfach nicht anders, als direkt zu sein. „Das hätte dich das Leben kosten können.“ „Ich weiß.“ Eine Träne. Nur eine. Aber die brach ihm das Herz. Tessas ganzer Kampfgeist war erloschen. Unter anderen Umständen wäre er wütend gewesen und hätte alles in seiner Macht Stehende getan, um ihr zu helfen, damit sie wieder die Oberhand bekam. Aber in diesem Augenblick hoffte und betete er nur, dass sie für das offen sein würde, was er sagen musste. „Du musst einen Entzug machen.“ Die Zeit stand still, während Zane auf ihre Antwort wartete. „Ja. Stimmt. Ich brauche Hilfe.“

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