Claudia Filker Andrea Specht
Welt BEWEGERINNEN 2
Starke Frauen – 40 neue Geschichten
1
© 2023 Brunnen Verlag GmbH www.brunnen-verlag.de Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger Satz: Brunnen Verlag GmbH Druck: Finidr s.r.o., Tschechien ISBN Buch 978-3-7655-3634-2 ISBN E-Book 978-3-7655-7692-8
Inhalt Frauen, die inspirieren und bewegen 5
Engel der Vergessenen Stella Deetjen 9 Sabine Ball 13 Lorena Jenal 17 Ruth Winter 21 Jutta Herbst-Oehme 25 Catherine Booth 29 Christine Schmotzer 33
Unerhört! Katharina von Bora 39 Esther Chang 43 Harriet Tubman 47 Helen Berhane 51 Margaret Brown 55
Eine Klasse für sich Hildegard von Bingen 61 Edith Stein 65 Dorothea Christiane Erxleben 69 Linda Zervakis 73 Bertha von Suttner 77 Adele Neuhauser 81
3
Neuanfang Nina Hagen 87 Esther Mujawayo-Keiner 91 Julia Albrecht, Corinna Ponto 95 Susanna Wesley 99 Andrea Sawatzki 103 Rosie Swale Pope 107
Mehr als „die Frau von“ Eleanor Roosevelt 113 Elly Heuss-Knapp 117 Anna Magdalena Bach 121 Michelle Robinson Obama 125
Mutiger Widerstand Rosa Parks 131 Katrin Behr 135 Elisabeth von Thadden 139 Pranitha Timothy 143 Hildegard Hamm-Brücher 147 Sojourner Truth 151
Mit den Augen der Liebe Florida Zimmermann 157 Donata Wenders 161 Jennifer Strickland 165 Teresa von Ávila 169 Mahalia Jackson 173 Katharina Saalfrank 177 Literaturhinweise 181 4
Frauen, die inspirieren und bewegen Wir orientieren uns an Vorbildern, von Anfang an. In der Kindheit übernehmen wir Mimik, Körperhaltung, Sprache, den Umgang mit Emotionen, Werte und vieles mehr von den Menschen, die uns direkt umgeben. Wir sind Geschöpfe, die auf Beziehung und Miteinander angelegt sind, und werden ganz selbstverständlich am meisten von anderen Menschen geprägt. Sie und ihre Geschichten faszinieren uns ein Leben lang: Wir verstehen uns durch andere selbst besser, grenzen uns ab und bekommen Möglichkeiten der Lebensgestaltung vor Augen geführt – und zwar in schier endloser Fülle, sobald wir erst einmal durch Bücher oder andere Medien aus dem eigenen Herkunftshorizont hinaustreten. Mein großes Glück ist es, mich beruflich durch Biografien, Porträts und Interviews mit Menschen beschäftigen zu dürfen. Mit solchen, die mich auch privat inspirieren und herausfordern, mir helfen, mich immer wieder neu auszustrecken und zu verorten. Seit 2019 gehört für mich dazu auch die Arbeit am jährlich erscheinenden FrauenTaschenKalender, in dem jeweils zwölf bemerkenswerte Frauen in Porträts vorgestellt werden – verfasst von Claudia Filker und mir. Aus den gesammelten Frauenporträts der letzten dreizehn Jahre haben wir vierzig der eindrücklichsten in diesem – bereits zweiten – Band der Weltbewegerinnen ausgewählt. Inspiration satt. Dabei haben wir Frauen ein Denkmal gesetzt, die Muti5
ges gewagt, Neues ausprobiert, Bleibendes geschaffen oder Schwieriges zum Guten gewendet haben, die sich gegen bestehende Einschränkungen oder Ungerechtigkeiten gestellt oder selbstlos Nächstenliebe geübt haben. Frauen, die zu großer Bekanntheit gelangt sind, oder eher im kleinen Rahmen wirken. Frauen, die noch heute aktiv sind, und solchen, die sich vor vielen Jahren oder Jahrhunderten in einer Zeit durchgesetzt haben, in der für den weiblichen Teil der Bevölkerung viele, heute teils undenkbare Beschränkungen herrschten. Wir stellen Ihnen hier vierzig wunderbare Frauen vor, die inspirieren. Deren Beharrlichkeit, Einsatz für andere, Liebe und Mut auch in Ihr Leben hineinstrahlen kann. Mit diesem Buch öffnen Sie einen Schatz – lassen Sie sich bewegen! Ihre Andrea Specht mit Claudia Filker
PS: Falls Sie am FrauenTaschenKalender, am FrauenPost kartenKalender oder dem ersten Buch der Weltbewegerinnen Interesse haben, schauen Sie gern auf die letzten Seiten dieses Buchs, dort werden sie vorgestellt.
6
ENGEL DER ÜBER GRENZEN VERGESSENEN GEHEN
7
Kämpfe nie gegen etwas, kämpfe nur für etwas! Stella Deetjen
8
Stella Deetjen Zurück ins Leben Von Magenkrämpfen geplagt sitzt die Vierundzwanzigjährige auf den Stufen zum heiligen Ganges in Benares, Indien, als ein leprakranker Bettler ihr sanft die Hand auf den Kopf legt. Eine Begegnung, die Stella Deetjens Leben komplett verändert. Eigentlich wollte sie zurück nach Nepal, bevor ihr Fotografiestudium in Rom beginnen würde; Benares war nur als Kurztrip gedacht. Doch sie bleibt. Ohne Berührungsängste und Vorurteile freundet sie sich mit den von Lepra gezeichneten Frauen und Männern an, die aus der Gemeinschaft ihrer Dörfer ausgestoßen wurden und nun auf Almosen der Pilger angewiesen sind. Die tragischen Schicksale der aussätzigen Menschen gehen ihr zu Herzen. Stella kann und will es nicht hinnehmen, dass die Leprakranken rechtlos und unberührbar sind, ihnen jede Würde und Perspektive genommen wird. Als eines Tages auf Anweisung der Polizei alle Bettler gewaltsam abtransportiert werden, setzt sich die junge Frau kurzerhand mit auf die Ladefläche. Abgeladen in einem Gefängnishof, sind sie sich selbst überlassen. Stella kämpft unermüdlich – und schließlich erfolgreich – für die Freilassung. 9
Dann erfährt die junge Frau durch eine schweizerische Ärztin, dass Lepra kaum ansteckend ist und sogar durch eine Tablettentherapie geheilt werden kann. Hoffnung keimt in ihr auf. Bislang hatte sie nicht viel über die Krankheit gewusst. 1996, in einer Zeit ohne Internet, lässt sie sich eine Broschüre der WHO schicken und liest dort auch, wie die Wunden versorgt werden müssen, um die Folgen der Krankheit einzudämmen. Mit den 100 Dollar, die ihr die Schweizerin geschenkt hat, startet Stella zusammen mit einer niederländischen Krankenschwester eine improvisierte Straßenklinik. Von nun an säubert sie täglich eitrige, von Maden zerfressene Wunden, legt Verbände an und berührt die Kranken durch ihre bedingungslose Annahme und selbstverständliche Zuwendung. Wo nötig, bringt sie die Kranken auf eigene Kosten ins Krankenhaus und besorgt Medizin. Auch führt die junge Frau mit denjenigen, die möchten, die zweijährige Tablettentherapie durch und findet passende und kreative Einkommensmöglichkeiten für die Leprakranken. Beides mit Erfolg. Parallel ermöglicht sie den Kindern der Ausgestoßenen Schulunterricht und Perspektiven aus der Armut. Spenden aus Deutschland helfen, die Arbeit und Projekte auszuweiten. Schließlich gründet Deetjen mit einigen Mitstreitern den Verein Back to Life e. V., der sich 2009 nach Nepal ausweitet – eines der ärmsten Länder der Welt, das Stella ebenfalls sehr am Herzen liegt. Auch hier bewegen sie Schicksale von Menschen, die ohne Unterstützung keinerlei Möglichkeiten haben, aus dem Kreislauf von Armut und Krankheit auszubrechen. In der abgelegenen Himalajaregion Mugu initiiert der Verein zahlreiche Projekte wie verbesserte Bildungschancen, 10
Landwirtschaftsschulungen, Einkommensförderung, Trinkwasserzugang, Geburtshäuser, ärztliche Versorgungscamps und vieles mehr. Was als kleiner Verein über Mund-zu-Mund-Propaganda begann, erhält heute Spenden in Höhe von 1,5 Millionen Euro jährlich und erreicht 45 000 Menschen mit Hilfe zur Selbsthilfe. Stella Deetjen leitet den Verein als Geschäftsführerin und hat für ihr unermüdliches Engagement bereits viele Auszeichnungen und Ehrungen erhalten, darunter den Womens World Award 2006. (AS)
Stella Deetjen geb. 1970 in Bad Homburg, Entwicklungshelferin in Indien und Nepal
11