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Sylvia B. Barron

November NÄCHTE

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© 2023 Brunnen Verlag GmbH, Gießen Lektorat: Carolin Kotthaus/Brunnen Verlag GmbH Umschlagfoto: © Elina Garipova/Trevillion Images, © Sina Ettmer/Adobe Stock und © Viktor/Adobe Stock Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger/Brunnen Verlag GmbH Satz: Brunnen Verlag GmbH Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN Buch 978-3-7655-3622-9 ISBN E-Book 978-3-7655-7838-0 www.brunnen-verlag.de


Vorwort Der Hintergrund dieses Romans ist die deutsche Revolution 1918/1919. Eine verworrene Zeit, in der sowohl politisch linke als auch rechte Kräfte eine Demokratie abwenden wollten. Noch bevor die junge Demokratie richtig entstehen konnte, musste sie sich schon in verschiedenen Feuerproben bewähren und ungute Bündnisse eingehen. Doch in dem Strudel der verschiedenen Parteien und Weltanschauungen war es gar nicht immer so einfach, die richtigen Bündnispartner zu wählen. Auch meine Protagonisten werden auf der Suche nach Gerechtigkeit nicht immer gleich den richtigen Weg finden … Damit ihr beim Lesen den Überblick behaltet, sind alle historisch realen Personen beim ersten Auftauchen mit einem kleinen Symbol am Rand versehen, zu denen ihr im Anhang des Romans eine kleine Biografie findet. Außerdem habe ich euch ein kleines politisches Schaubild erstellt, auf dem ihr in sehr vereinfachter Form die verschiedenen Gruppierungen nachschlagen könnt, falls ihr einmal den Faden verlieren solltet. Viel Spaß beim Lesen! Eure Sylvia B. Barron

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Wenn du mit deinem Smartphone diesen QR-Code scannst, gelangst du zur Onlineversion des Schaubildes und kannst es dir im Detail anschauen. Oder du rufst über deinen Internetbrowser folgende Website auf: https://miro.com/app/board/uXjVP3QCvLk=/

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Er lässt es den Aufrichtigen gelingen und beschirmt die Frommen und behütet die, die recht tun, und bewahrt den Weg seiner Heiligen. Dann wirst du verstehen Gerechtigkeit und Recht und Frömmigkeit und allen guten Weg. Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, dass du gerne lernst. Guter Rat wird dich bewahren und Verstand wird dich behüten. Sprüche 2, 7-11


Kapitel 1 22. Oktober 1918, SMS König, Voslapp-Reede Er schob die zähe Masse durch seinen Mund. Der beißende Geschmack von zerhackten Kohlebriketts fraß sich unbarmherzig in Nathanaels Nervenenden. Wie konnte man Grünkohl so zu Tode kochen? Der Physik­ student in ihm überschlug sofort Umfang und Höhe der monströsen Kochtöpfe in der Kombüse und er kam zu dem Schluss, dass eine mindestens zwei Zentimeter dicke verbrannte Kruste am Boden des Kessels kleben musste. In der grünen Mahlzeit schwammen die Rußpartikel wie Blattläuse auf einem Gummibaum. Es war nicht das erste Mal, dass man ihnen als Matrosen versalzenes, verkohltes oder gar verschimmeltes Essen vorsetzte, aber heute war es besonders ekelerregend. Wie gerne säße Nathanael jetzt in seiner engen Berliner Studentenbude auf dem Teppich. In der einen Hand eine Butterstulle mit Käse von der schwäbischen Alb aus einem Fresspaket seiner Mutter, in der anderen ein gutes Buch. Die Zeiten waren lange vorbei. In seinem alten Zimmer war längst ein Fremder eingezogen und die Päckchen mit Ess­barem gingen, wenn überhaupt, in die andere Richtung; immerhin bekamen die Soldaten ein bisschen mehr zugeteilt als die Zivilbevölkerung. Er fuhr sich durch seine rotblonden, ordentlich zur Seite gekämmten Haare. Er wünschte sich an einen anderen Ort. Irgendwo. Hauptsache nicht hier. Der Eintopf schwankte auf seinem Teller und Nathanael wurde gegen die Schulter von Rupert gedrückt. „Pfui Deife! Woin de uns vagiftn??“, schimpfte der Bayer Rupert und spie seinen Bissen zurück in die Schüssel. „Wäre nicht das erste Mal“, knurrte es von Nathanaels anderer Seite. Wiltzi ließ die Mahlzeit von seinem Löffel tropfen und un7


tersuchte eingehend die schwarzen Flocken. Seine bulligen Nasenflügel bebten und die breiten Schultern schüttelten sich. Nathanael musste zu ihm aufsehen – mit seinen dreiundzwanzig Jahren war Wiltzi zwar drei Jahre jünger als er, dafür aber ungefähr zwanzig Zentimeter größer. „Ob sie den Grünkohl jetzt auch schon mit Sägespänen strecken wie das Brot?“, brummte Wiltzi. „Wohl mit verbrannten Sägespänen“, murmelte Nathanael. „Wia viel Gang gabs heid noch mal für de Herrn Offiziere?“ „Drei. Kartoffelsuppe mit Speck, frisch gefangener Kabeljau auf Buttergemüse und zum Nachtisch Apfelstrudel mit Vanillesauce“, wiederholte Nathanael Klingenstein das Menü, das er gestern beim Putzen in der Offiziersmesse gelesen hatte. Dreißig Gedecke aus verschnörkeltem Silberbesteck und rosenförmigen Tellern mit Goldrand, fein akkurat nebeneinander drapiert. Als wäre es eine Hochzeitsgesellschaft und kein Mittagessen auf einem Großkampfschiff mitten im Krieg. Er rückte seine Brille zurecht, aber die kastaniengroße Kartoffel und die fünf Fasern altes Schweinefleisch neben dem Grünkohl blieben unverändert klein und die wässrige Brühe im Schälchen daneben durchsichtig. Eine Zeit lang hatte der Physikstudent seinen Kameraden zu jeder Mahlzeit vorgerechnet, wie viele Kalorien sie heute auf den Tellern hatten. Doch nach drei Wochen waren alle müde geworden, immer dasselbe Ergebnis zu hören: zu wenig. Das Gemurmel unter den vierzig Matrosen in dem stickigen, engen Raum wurde lauter. Löffel knallten auf den Tisch, man hörte verächtliches Schnauben und Würgegeräusche. Nathanael sah an seiner Sitzreihe entlang. Die weißen Arbeitsanzüge schaukelten auf den Bänken hin und her wie ein brausendes Meer, das zu einer vernichtenden Welle Anlauf holte. Einzelne Männer standen auf, stopften sich noch die Kartoffeln und das Fleisch in den Mund und verkündeten kauend, den Verpflegungsausschuss aufzusuchen und sich zu beschweren. „Oder besser gleich zum ersten Offizier!“ Aufgebracht schimpfend quetschten sich etwa fünfzehn Mat8


rosen durch die Rücken ihrer Kameraden zum Ausgang der Kasematte III. Der gepanzerte Raum, der vierzig Seemännern der dritten Musterungsdivision als Schlaf- und Essraum diente, wurde stiller. Aber Nathanael ahnte, dass sich das Wasser der Wut nur für die nächste Welle zurückzog und sammelte. Das Maß war voll. Vier Jahre lang schlemmten die Offiziere schon im ruhigeren hinteren Teil des Schiffes von goldenen Service, während ihre dünnen Suppen vom Fahrwasser durchgeschüttelt über die Tellerränder schwappten. Nur um sich dann demütigende Worte anhören zu müssen, dass sie es nicht hinbekamen, ihre Uniformen sauber zu halten. Heute Morgen hatte es „Künstlerfrühstück“ gegeben: Kaffee und Zigarette, wobei ihnen die Glimmstängel nun ebenfalls ausgegangen waren. Brot gab es schon seit einer Woche nicht mehr, noch nicht einmal mit Sägemehl gestrecktes. Das war nichts Neues, brotlose Zeiten hatten sie in den letzten Jahren viele erlebt. Doch dass es heute Morgen keine Zigaretten gegeben hatte, die den Hunger linderten, hatte seine Kameraden zur Weißglut gebracht. Aus dem Künstlerfrühstück war ein Kaffeefrühstück geworden, wobei es nicht Kaffee, sondern aus Hafer gebrauten Muckefuck gab. Nathanael war insgeheim ein wenig froh gewesen, dass heute das ständige Gequalme an Deck nachgelassen hatte, aber das rauchige Aroma des Grünkohls machte dem Zigarettengestank starke Konkurrenz. „Es reicht!“ Kreuze, ein bartloser Junge, erhob sich und stellte sich auf seine Bank. Die Welle kam ins Rollen. „Wie lange wollen wir uns noch von unseren Offizieren drangsalieren lassen? Die Friedensverhandlungen laufen schon, aber trotzdem werden wir behandelt wie Sklaven!“ Das Wort traf es gut. Nathanael nickte zustimmend, ebenso wie viele andere im Raum. Gefangen an Bord eines Monstrums, zur Arbeit verpflichtet, gehalten bei Muckefuck und verbranntem Grünkohl, während ihre Herren sich im Überfluss suhlten. Auf Abhauen oder Meuterei standen mehrere Jahre Zuchthaus. 9


Vor dem Krieg hätte er einen anderen Begriff gewählt: Diener des Vaterlandes, Kämpfer für die Heimat. Auch wenn er sich damals schon nur widerwillig freiwillig gemeldet hatte. Sein Bruder war im Januar 1915 eingezogen worden. Nach seinem ersten Brief von der Front bei Verdun, der mit Schlammspritzern gesprenkelt gewesen war, hatte Nathanael sich der Marine verpflichtet. Auf dem Meer zu schippern hatte ansprechender geklungen, als sich in modrigen Gräben zu verschanzen. Vielleicht war es auch besser, aber mehr so, als hätte man lieber eine lebensgefährliche Grippe als die Beulenpest. Kreuzes Ausbruch hatte sich wieder gelegt und er setzte sich. Er erntete ein paar Schulterklopfer von den Kameraden neben ihm. Nathanael nahm einen weiteren Löffel Grünkohl. In einem seiner Bücher hatte er gelesen, dass die Nase den Geschmack beeinflusste, deswegen hielt er die Luft an, während er das Besteck zum Mund führte. Aber das Experiment scheiterte, es war auch ohne den Geruchssinn unerträglich. Wiltzi neben ihm schaufelte stur den Teller in sich hinein. „Wia hoidsn du des aus?“, fragte Rupert ihn staunend. Wilhelm Stark hob seine vom Rauchen vergilbten Finger in die Luft und umschlang mit ihnen eine unsichtbare Zigarette. „Alles Training.“ Er beugte sich mit seinem breiten Rücken über den Tisch und schnappte sich die Portion von einem Nachbarn, der sich dem Beschwerdetrupp angeschlossen hatte. Wenn Wiltzi das Zeug herunterbekam, sollte er es auch versuchen. Nathanael schloss die Augen, hielt die Luft an und dachte an den schönen Räucherspeck, den er sich manchmal vor der Vorlesung auf einem der Berliner Wochenmärkte gegönnt hatte. Langsam ließ er den grünen Matsch vom Löffel in den Mund gleiten. Er schluckte heftig. Ging doch. „Wenn man von der möglichen Vergiftungsgefahr einmal absieht, sollte der Kohl durchaus nahrhaft sein. Oder werden beim Verbrennungsvorgang die Kalorien durch die chemische Reaktion in Wärmeenergie umgewandelt? Doch, das müsste eigentlich …“ 10


„Hör mit deinen Kalorien auf!“ Wiltzi lachte, wie immer grölend und zu laut. Nathanael biss sich auf die Lippen. Inzwischen hatte er gelernt, dass Wiltzi und Rupert nichts von seinen physikalischen Über­ legungen hielten. Im Stillen kam er zu dem Entschluss, dass der Verbrennungsvorgang durchaus Kalorien verbrauchte, aber im Vergleich zur Menge im zu vernachlässigen Bereich. Mühsam kämpfte er sich durch seinen Teller, dann stapelten sie die Gedecke auf Tabletts. Sie setzten sich ein paar Bänke weiter zu Kreuze, der sich mit Wiltzi seine letzte Zigarette teilte. Kreuzes bester Freund Socke, den jeder so nannte, weil er einmal im Winter seine halb erfrorenen Segelohren mit Socken gewärmt hatte, pulte Tabakreste aus diversen Stummeln, um sich daraus neue Zigaretten drehen zu können. Die Jungen waren kaum zwanzig Jahre alt, aber die resignierten Gesichtszüge ließen sie älter aussehen. Rupert Vogl, der mit seinen vierunddreißig Jahren der Senior in der Runde war, rauchte ebenfalls nicht. „Hob in meim Leben gnuag Rauch gschnaufd“, antwortete er, wenn man ihn danach fragte. Mehr sagte er nicht, aber die zerfurchte weiße Haut auf seiner linken Wange erzählte so einiges. Wiltzi hielt Nathanael wie immer die Zigarette hin. „Zieh, ­Nattel.“ Wie immer schüttelte er den Kopf. Er konnte sich nicht so recht erklären, wie er, der schmächtige, langweilige Brillenträger, sich mit dem breitschultrigen Hünen angefreundet hatte. Am Anfang hatte Nathanael geglaubt, Wiltzi nehme ihn aus Mitleid mit dem Außenseiter unter die Fittiche. Aber irgendwann hatte er gemerkt, dass Wilhelm Stark es aus irgendeinem Grund schätzte, ihn um sich zu haben. Als er ihn einmal unter dem Sternenhimmel auf offenem Meer neben dem Achtergeschütz danach gefragt hatte, hatte Wiltzi sein zu lautes Lachen gegrölt, ihm auf die Schulter geschlagen und gesagt: „Bist doch ein nettes Kerlchen, Nattel.“ Nathanael war ihm zu lang und zu förmlich. 11


Die Zigarette war noch nicht fertig geraucht, als „Pfeifen und Lunten aus“ ertönte, der Befehl, die Backen, wie sie die Tische an Bord nannten, zusammenzuklappen und unter die Decke zu hängen. Nathanael erhob sich und wollte die Bank anheben, aber die anderen machten keine Anstalten aufzustehen. „Ich hab keine Lust mehr“, schnaufte Socke und zog am Glimmstängel. „Lassen wir es einfach bleiben“, stimmte Kreuze mit ein. „Was bleiben?“ Nathanael blieb unschlüssig mit den Knien zwischen zwei Bänken eingeklemmt stehen. „Wir räumen die Backen nich’ weg. Warum sollen wir die Arbeit für die anderen machen? Warum sollen wir überhaupt arbeiten? Für was?“ „Damit … wir den Krieg … ähm …“ – gewinnen wollte er sagen, aber das war Unsinn. Jeder wusste, dass der Waffenstillstand in Verhandlung war und man diplomatische Briefe mit Präsident Wilson der Vereinigten Staaten austauschte. „Überleben? Wenn wir überleben wollen, tun wir am besten nichts.“ Socke verschränkte die Arme vor der Brust. „Und … wenn jemand kommt?“ Nathanael sah zur Tür hin. Wenn sie sich zur Musterung verspäteten, würde man sofort nach ihnen suchen. Obwohl ihr Schiff, die SMS König, durchaus groß war, die halbe Besetzung einer Kasematte war schnell gefunden. „Tür zu und Licht aus“, rief Kreuze und die Männer am Ausgang hielten inne. Dann lachten sie, schlossen die Tür und schoben den breiten Riegel vor. Jemand legte einen Schalter um und die elektrische Beleuchtung erstarb mit einem Sirren. Die Glühbirnen glommen noch ein paar Momente nach, dann war es stockdunkel. Durch die grau gestrichenen und fest vernieteten Stahlwände im Bauch des Schiffes stahl sich kein einziger Lichtstrahl. Nervöses Lachen und verhaltenes Johlen breitete sich unter den Männern aus. „Freiheit!“, rief Socke. 12


Wiltzi lachte aus seinem breiten Mund und Kreuze ergänzte: „Heute mal Revolution!“ „Die werden uns doch hier finden.“ Nathanael flüsterte die Worte nur. „Und wenn schon! Der Krieg ist bald vorbei und dann ist sowieso alles egal. Nach dem Krieg wird bestimmt keiner mehr wegen irgendwelcher Soldaten-Lappalien in Festungshaft sitzen.“ Socke brüllte die Antwort förmlich durch den Raum. Nathanael war sich da nicht so sicher. Er wollte nach Hause, zurück zu seinen Büchern in Berlin. Da konnte er keinen kin­ dischen Aufstand in seinem Lebenslauf gebrauchen, der sowieso zum Scheitern verurteilt war. „Still jetzt!“, zischte es von irgendwo her. „Vielleicht dauert es dann länger, bis sie uns finden.“ Der Lärm wäre Nathanael lieber gewesen. Das gleichmäßige ­Pochen der Schiffsmaschine der SMS König dröhnte in seinen Ohren wie ein warnendes Klopfen. Auch wenn sie auf der Voslapp-Reede lagen und Wilhelmshaven nur einen Katzensprung entfernt lag, hörte man tief im Inneren des Schiffes in der Kasematte III nichts von dem lebhaften Treiben der Hafenstadt. Nur der Herzschlag der Bestie, in deren Bauch sie sich befanden, hatte hier drin eine Relevanz. Was kümmerte sie Krieg oder Frieden draußen, solange sie hier gefangen waren? Hier hatten die Offiziere die Macht – sie waren die Köpfe des Monsters, Kläger und Richter in einem. Das Schlagen von Stiefeln auf Stahl hallte den schmalen Gang vor der Kasematte entlang. Es rüttelte an der Tür. „Aufmachen!“, tönte es. Es war Obermaat Steede, den Wiltzi liebevoll „Obertrottel Steede“ getauft hatte. Jeden Morgen kam der Unteroffizier um sechs Minuten vor fünf in die Kasematte III, um die verschlafenen Matrosen notfalls aus den Hängematten zu schütteln, obwohl Wecken in allen anderen Musterungsdivisionen erst um Punkt fünf Uhr war. Eine Beschwerde über ihn beim ersten Offizier hatte erwirkt, dass Steede für diese Morgenroutine eine Belobigung bekommen hatte. 13


„Aufmachen! Dies ist ein Befehl!“ Nathanael hielt die Luft an. Sie machten sich gerade der Befehlsverweigerung schuldig. Er sollte hingehen und die Tür öffnen. Doch seine Knie unter ihm fühlten sich an wie Dr. Oetkers Pudding, den er das letzte Mal an Weihnachten vor drei Jahren gegessen hatte. „AUFMACHEN!“ Steede klang eine Spur verzweifelter. „Ja, warum machen Sie denn nicht auf?“, brüllte Kreuze zurück und ein allgemeines Gelächter brach aus, übertönt natürlich von Wiltzis dröhnendem Bariton. Auch auf Nathanaels Lippen stahl sich ein Grinsen, dass sie es Obertrottel Steede gezeigt hatten. Kasematte III zu spät zur Musterung! Was für ein Skandal im Lebenslauf des überpünktlichen Obermaats. Ein Stiefel krachte gegen die Tür, gefolgt von einem schimpfenden Wimmern. Dann entfernten die Schritte sich. Angespannte Stille legte sich über die stockdustere Kasematte. „Und jedsad?“, fragte Rupert in den Raum hinein. Ja, was nun? Wie weit wollten Socke und Kreuze den Spaß treiben? Wie weit konnte man es überhaupt treiben? Was würde mit ihnen geschehen, wenn sie die Befehlsverweigerung fortsetzten? Schaudernd dachte Nathanael an letztes Jahr zurück. Einigen Matrosen der SMS Prinzregent Luitpold war eine Kinovorstellung abgesagt und durch Dienst ersetzt worden. Aus reiner Offizierswillkür natürlich, Sinnvolles gab es auf den im Hafen vor sich hin modernden Großkampfschiffen selten zu erledigen. Daraufhin waren rund fünfzig Matrosen nicht zum Dienst erschienen und stattdessen am Ufer spazieren gegangen. Bei ihrer pünktlichen Rückkehr wurden elf von ihnen verhaftet. Am nächsten Tag ging nahezu die gesamte Besatzung aus Protest von Bord, marschierte neunzig Minuten im Hafen und fand sich wieder auf dem Schiff ein. Die ganze Zeit über waren Matrosen an Deck geblieben, die die Gefechtsbereitschaft sicherstellten. So oder so ähnlich hatte man es sich im Wirtshaus „Banter Schlüssel“ in Kiel erzählt. Und noch mehr Geschichten hatten die 14


bierseligen Seeleute in den Schaum ihrer Krüge geflüstert. Als man sich geweigert hatte, Essen anzunehmen, in dem es von Würmern nur so gewimmelt hatte. Oder wie der Matrose Max Reichpietsch sich im Heimaturlaub mit sozialistischen Politikern getroffen hatte, um sich über die ungerechte Verpflegungsverteilung in der Marine zu beschweren. Dazu noch ein paar kleinere Unruhen auf anderen Schiffen, aber mehr war nicht passiert. Umso größer war Nathanaels Entsetzen gewesen, als die Tavernengerüchte zur Gewissheit geworden waren, dass man Albin Köbis und Max Reichpietsch erschossen und einige andere Matrosen zu mehreren Jahren Haft verurteilt hatte. Für Spaziergänge und verwurmtes Essen. Das war keine Gerechtigkeit! Nathanael schloss die Augen. Blühte ihnen das gleiche Schicksal? Erschießung und Zuchthaus? Dabei wollte er doch einfach nur nach Hause, herunter von diesem elenden Schiff. Keinen sinnlosen Routinen mehr folgen, sondern seinen Kopf wieder für sinnvolle Gedanken benutzen. Die Relativitätstheorie zum Beispiel oder die Entdeckung, dass Licht Energie in Quanten abgab. Diesen Geheimnissen der Naturwissenschaft auf die Spur zu kommen, das war seine Leidenschaft. Nicht dieses stumpfsinnige Matrosenleben und schon gar keine dunkle Arrestzelle, in der man keinen klaren Gedanken fassen konnte. Sie sollten schleunigst diese Tür öffnen! Jemand musste etwas sagen! Er wollte Wiltzi anstoßen, aber sein Arm war wie erstarrt. Wieder hallten Schritte den Flur entlang. Diesmal waren es mehrere Paar Stiefel. „Alle Mannschaften antreten in Musterungsdivisionen!“, bellte die Stimme des ersten Offiziers. Niemand rührte sich. Der Geruch von verschwitzten Männerfüßen stieg Nathanael in die Nase. Plötzlich fühlte er sich, als würde er keine Luft mehr bekommen. „Sofort!“ Jemand legte den Lichtschalter um und brachte verschreckte Gesichter zum Vorschein. Der Bann war gebrochen, die Männer 15


an der Tür stemmten eilig den Eisenriegel auf. Kreuze räusperte sich, erhob sich von seiner Sitzbank, schob Socke beiseite und klappte sie wortlos zusammen. Innerhalb von zwei Minuten waren alle Backen an die Decke gehängt. Mit hängenden Köpfen trotteten die fünfundzwanzig Matrosen die Stufen hinauf. Salziger Wind schlug Nathanael ins Gesicht. Er schnappte danach wie ein Fisch, den man auf ein Bootsdeck gezogen hatte. Wiltzi klopfte ihm kräftig auf den Rücken. „Wird schon alles“, murmelte er, aber seine Augen zuckten von links nach rechts über das Deck. [...]

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