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TIMOTHY KELLER

Vergeben Warum eigentlich? Und wenn ja – wie?

Deutsch von Renate Hübsch

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Titel der Originalausgabe: Forgive – Why should I and how can I © 2022 by Timothy Keller Veröffentlicht bei VIKING, einem Verlag der Verlagsgruppe Penguin Random House LLC Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Renate Hübsch Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). © Neues Testament und Psalmen: Genfer Bibelgesellschaft Romanel-sur-Lausanne, Schweiz, 2011. © Texte Altes Testament: Genfer Bibelgesellschaft Romanel-sur-Lausanne, Schweiz, Brunnen Verlag GmbH Gießen, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Weitere verwendete Bibeltexte sind wie folgt gekennzeichnet: EIN – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. ELB – Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen. GNB – Gute Nachricht Bibel, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Hfa – Hoffnung für alle®, © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica Inc.™. LUT – Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

© der deutschen Ausgabe: 2024 Brunnen Verlag GmbH, Gießen Lektorat: Uwe Bertelmann Umschlagfoto: Adobe Stock Umschlaggestaltung: Jonathan Maul Druck: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN Buch: 978-3-7655-3617-5 ISBN E-Book: 978-3-7655-7868-7 www.brunnen-verlag.de


Für David A. Powlison und Donald A. Carson Zwei Freunde und begnadete Bibellehrer, deren biblische Einsichten über Vergebung mir als Grundlage für dieses Buch dienten.


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INHALT

Das Gleichnis vom Diener, der keine Schuld erlassen wollte

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Einführung: „Keine Zukunft ohne Vergebung“

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Kapitel 1: Eine Geschichte der Vergebung

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Kapitel 2: Die Verflüchtigung der Vergebung

43

Kapitel 3: Die Geschichte der Vergebung

67

Kapitel 4: Das Buch der Vergebung

84

Kapitel 5: Der Gott der Liebe und des Zorns

107

Kapitel 6: Gerechtigkeit und Liebe, Ehre und Missbrauch 126 Kapitel 7: Die Grundlagen der Vergebung

147

Kapitel 8: Die Notwendigkeit der Vergebung für uns

169

Kapitel 9: Gottes Vergebung annehmen

188

Kapitel 10: Anderen Vergebung gewähren

218


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Inhalt

Kapitel 11: Von der Vergebung zur Versöhnung

246

Epilog

265

Danksagung

269

Anhang A: Grundsätze der Vergebung

271

Anhang B: Biblische Texte über Gottes Vergebung

275

Anhang C: Vergebung praktisch

281

Anhang D: Versöhnung praktisch

293

Anmerkungen

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DAS GLEICHNIS VOM DIENER, DER KEINE SCHULD ERLASSEN WOLLTE Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?“ – „Nein“, gab Jesus ihm zur Antwort, „nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!“

„Darum hört dieses Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der mit den Dienern, die seine Güter verwalteten, abrechnen wollte. Gleich zu Beginn brachte man einen vor ihn, der ihm zehntausend Talente schuldete. Und weil er nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und seinem ganzen Besitz zu verkaufen und mit dem Erlös die Schuld zu begleichen. Der Mann warf sich vor ihm nieder und bat auf den Knien: ‚Hab Geduld mit mir! Ich will dir alles zurückzahlen.‘ Da hatte der Herr Mitleid mit seinem Diener; er ließ ihn frei, und auch die Schuld erließ er ihm. Doch kaum war der Mann zur Tür hinaus, da traf er einen anderen Diener, der ihm hundert Denare schuldete. Er packte ihn an der Kehle, würgte ihn und sagte: ‚Bezahle, was du mir schuldig bist!‘ Da warf sich der Mann vor ihm nieder und flehte ihn an: ‚Hab Geduld mit mir! Ich will es dir zurückzahlen.‘ Er aber wollte nicht darauf eingehen, sondern ließ ihn auf der Stelle ins Gefängnis werfen, wo er so lange bleiben sollte, bis er ihm die Schuld zurückgezahlt hätte.


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Das Gleichnis vom Diener, der keine Schuld erlassen wollte

Als das die anderen Diener sahen, waren sie entsetzt. Sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles. Da ließ sein Herr ihn kommen und sagte zu ihm: ‚Du böser Mensch! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest du da mit jenem anderen Diener nicht auch Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?‘ Und voller Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er ihm alles zurückgezahlt hätte, was er ihm schuldig war. So wird auch mein Vater im Himmel jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt.“ (Matthäus 18,21-35)


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EINFÜHRUNG

„Keine Zukunft ohne Vergebung“

Für mich sind Vergebung und Mitgefühl immer miteinan­ der verbunden: Wie können wir Menschen für ihr Fehlver­ halten zur Rechenschaft ziehen und gleichzeitig mit ihrer Menschlichkeit in Kontakt bleiben, um an ihre Fähigkeit zur Veränderung zu glauben? Bell Hooks im Gespräch mit Maya Angelou1

Umstrittene Vergebung Der schwarze südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, der unter der Apartheid aufgewachsen war und viele Jahre im Gefängnis verbracht hatte, wurde nicht müde zu betonen, dass es „ohne Vergebung keine Zukunft“ für Südafrika gebe. Er lehnte das Modell der Nürnberger Prozesse ab, das im Nachkriegsdeutschland bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen während der Herrschaft der Nationalsozialisten angewandt wurde. Dieser Ansatz hätte für alle Personen, die wegen Gewaltverbrechen unter dem Apartheid-Regime angeklagt waren, ein abgeschlossenes Gerichtsverfahren und eine entsprechende Verurteilung erfordert. Tutu entwarf stattdessen einen Plan, der Amnestie und Vergebung für alle Gewalttäter – Schwarze oder Weiße – v­ orsah,


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Einführung

die sich melden und öffentlich die volle Wahrheit über ihre Taten während bestimmter genau benannter Jahre bekennen würden. Diejenigen, die zu ihren Taten standen, wurden nicht strafrechtlich verfolgt, aber weil das Licht der Wahrheit darauf fiel und die Taten bekannt gemacht wurden, konnte die Gesellschaft in die Zukunft blicken. Für die Täter gab es natürliche Konsequenzen, moralische und soziale. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission schuf Gelegenheiten, persönliche Vergebung zu gewähren und Beziehungen wiederherzustellen. Bischof Tutu argumentierte, in Südafrika wäre die Alternative zur Vergebung der Kreislauf der Gewalt gewesen, wie er auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens zu beobachten war.2 Als Desmond Tutu in der letzten Woche des Jahres 2021 starb, schrieb ich folgenden Beitrag auf Twitter: Viele vertreten die Ansicht, dass die „Vergebungskultur“ den Tätern hilft, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Desmond Tutu argumentierte: Ohne Vergebung behalten die Täter uns im Griff. Er vertrat die Position, dass es möglich sei, gleichzeitig Vergebung und Gerechtigkeit anzustreben. Er lehnte das Modell der Nürnberger Prozesse ab und setzte Wahrheit und Versöhnung dagegen.3 Wie erwartet waren die Reaktionen auf diesen Tweet gemischt. Viele Menschen, die Missbrauch erlebt hatten, warnten davor, dass die Forderung nach Vergebung gegen die Opfer verwendet würde, indem man sie aufforderte, nach vorn zu schauen, über das Erlittene hinwegzukommen und zu vergeben. Einige sahen darin eine Strategie von Institutionen und Missbrauchstätern, um sich der Verantwortung zu entziehen. Und doch konnten die meisten dieser Stimmen nicht leugnen, was Desmond Tutus Kommission erreicht hatte. Jemand antwortete auf den Tweet: „Menschen aufzufordern, zu vergeben


„Keine Zukunft ohne Vergebung“

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und nach vorn zu schauen […], hilft Missbrauchstätern, sich der Verantwortung zu entziehen.“ Aber dann ergänzte er oder sie: „Ich weiß, dass Pfarrer Tutu eine erstaunliche Arbeit geleistet und wahre Gnade bewiesen und gelehrt hat.“ Andere meinten, dass Tutus Modell unsere derzeitige CancelCulture verändern könnte. Michael Dyson – Pastor, Collegeprofessor, Radiomoderator, Kolumnist der New York Times und Autor mehrerer Bestseller u. a. über Martin Luther King Jr. – räumte ein, dass sein Aufruf zur Vergebung heute „überholt, pathetisch oder geradezu irrelevant erscheinen mag […], selbst für die meisten Verfechter der sozialen Gerechtigkeit“, aber er forderte alle auf, ihm dennoch Aufmerksamkeit zu schenken.4

Das Verblassen des Verzeihens Wie in einem Mikrokosmos lässt sich in den widersprüch­lichen Reaktionen auf Tutus Werk nach seinem Tod die zwiespältige Haltung unserer eigenen Gesellschaft zur Vergebung beobachten. Im Juni 2020 tweetete Elizabeth Bruenig von der New York Times: „Ein geistiges Klima, das ständige Sühne fordert, aber den bloßen Gedanken der Vergebung aktiv verachtet, hat etwas Untragbares an sich.“5 Schnell wurde sie mit empörten E-Mails überschwemmt und löschte bald, was sie geschrieben hatte, aus Betroffenheit darüber, welchen Aufruhr sie verursacht hatte. In einem Gespräch erklärte sie jedoch, dass wir eine Kultur haben, die von einem übersteigerten Gerechtigkeitssinn und dem Wunsch geprägt ist, Menschen für ihre Sünden büßen zu lassen. „Ich [sehe] in der amerikanischen Kultur, wie anstößig die Idee des


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Einführung

Verzeihens für die Menschen ist. Sie scheinen es unmoralisch zu finden, und ich denke, das ist sehr beunruhigend.“6 Viele finden das Konzept der Vergebung zunehmend problematisch. Nach den Todesfällen der beiden Afroamerikaner Michael Brown in Ferguson, Missouri, und Eric Garner in New York City im Jahr 2014 entstand eine neue Bewegung für Gerechtigkeit zwischen den Ethnien, die ursprünglich von einem neuen Netzwerk namens Black Lives Matter ausgelöst wurde. Doch nach der Ermordung von George Floyd in Minneapolis im Mai 2020 nahmen die Forderungen nach einer Änderung des systemischen Rassismus in den westlichen Gesellschaften ein Ausmaß an, das den Rahmen einer einzelnen Organisation weit überstieg. Millionen Menschen gingen weltweit auf die Straße, um Veränderungen zu fordern. Diese neue Bewegung schlug andere Töne an als die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren. „Dies ist nicht die Bürgerrechtsbewegung eurer Großeltern“7, sagte der Rapper Tef Poe. Diese Bewegung, so meinte er, würde viel zorniger sein. Unser kulturelles Problem mit der Vergebung ist nicht nur auf ethnische Konflikte beschränkt. Auch die #MeToo-Bewegung hat große Probleme damit, wenn an Vergebung appelliert wird. Viele Frauen fragen: Ermutigt es die Täter nicht nur zu weiterem Missbrauch, wenn man verzeiht? Auch die Welt der sozialen Medien scheint ein Bereich zu sein, in dem Fehltritte und ungesetzliche Beiträge nie verziehen werden. Stattdessen können Screenshots von jedem unbedachten Wort, das irgendjemand jemals online geäußert hat, auf ewig in Umlauf sein. Selbst nachdem sich die TV-Größe Whoopi Goldberg für beleidigende Äußerungen über den Holocaust entschuldigt hatte, wurde sie ausgeschlossen und bestraft. Der jüdische Schriftsteller Nathan Hersh fand diesen Mangel an Vergebung „beunruhigend“. Er fand Goldbergs Äußerungen ebenfalls an-


„Keine Zukunft ohne Vergebung“

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tisemitisch und beleidigend, aber er verwies auf die jüdische und biblische Tradition, dem Menschen, der Reue zeigt, zu vergeben. Er äußerte die Befürchtung, dass das Bedürfnis der Kultur, selbst diejenigen ins Abseits zu stellen, die zur Veränderung bereit sind, nicht dazu dienen würde, Bigotterie abzubauen. Es könnte sie sogar noch verstärken.8

„Zur Hölle mit der Vergebungskultur“ Angehörige der neun in Charleston, South Carolina, getöteten Afroamerikaner sagten öffentlich zu dem Amokläufer Dylann Roof: „Ich vergebe Ihnen.“ In einem Kommentar in der Washington Post schrieb die bekannte Journalistin und Aktivistin für den Schutz von Kindern vor Gewalt, Stacey Patton, daraufhin: „Das schwarze Amerika sollte aufhören, weißen Rassisten zu vergeben.“9 Die Erwartung, dass Schwarze vergeben sollten, und die Bewunderung dafür, so schrieb sie, „dienen dem Schutz des Weißseins […]. Beides ermöglicht es den Weißen, die Schäden zu leugnen, die rassistische Gewalt verursacht […], ständiges Verzeihen setzt den Kreislauf von Angriffen und Missbrauch nur fort.“ Schnell zu verzeihen, so sagte sie, führe schließlich zur Unfähigkeit, die Täter für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen. Im September 2018 kam Amber Guyger, eine Polizeibeamtin aus Dallas, von der Arbeit nach Hause und betrat eine benachbarte Wohnung, die sie fälschlicherweise für ihre eigene hielt. Als sie in der Wohnung einen Schwarzen sah, schoss sie auf ihn und tötete ihn. Es war Botham Jean, ihr unbewaffneter Nachbar, der in seiner eigenen Wohnung vor dem Fernseher saß. Kurz nachdem Guyger vor Gericht zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war, verzieh der Bruder des Opfers,


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Einführung

Brandt Jean, ihr öffentlich und umarmte sie. Die landesweiten Reaktionen auf diese bewegende Szene waren höchst unterschiedlich. Das Institute for Law Enforcement Administration verlieh Brandt den Ethical Courage Award 2019. Aber andere vertraten die Ansicht, eine solche öffentliche Vergebung der Schwarzen gegenüber den Weißen führe nur dazu, dass die weiße Vorherrschaft gefestigt wird. Der schwarze Journalist und Menschenrechtsaktivist Kevin Powell schrieb einen Artikel mit der Überschrift „Der Irrsinn von Weißer Gerechtigkeit und Schwarzer Vergebung: Einen weiteren tragischen Verlust eines Menschenlebens zu einer Kitschpostkarte zu reduzieren, ist keine Gerechtigkeit“.10 Der Anwalt und Aktivist Preston Mitchum twitterte: „Schwarze Menschen werden schon immer gezwungen, den Kolonisatoren gegenüber Mitgefühl zu zeigen, und es wird ihnen ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie es nicht tun.“11 In derselben Zeitung schrieb die siebzigjährige Barbara Reynolds, die in den 1960er-Jahren an den Bürgerrechtsprotesten teilgenommen hatte, eine Gegendarstellung zu Stacey Pattons Artikel. Sie argumentierte, dass die von Martin Luther King Jr. und Nelson Mandela angeführten Bewegungen deswegen die moralische Oberhand gewonnen und die Mehrheit überzeugt hatten, weil sie von der „Ethik der Liebe, der Vergebung und der Versöhnung“ geprägt waren. Dass sie sich durchgesetzt hatten, sei zurückzuführen auf die „Kraft des spirituellen Ansatzes“.12 Reynolds schloss ihren Artikel mit der Feststellung, dass Liebe und Vergebung „in dieser Bewegung fehlen“. Vergebung, so argumentierte sie, entwaffne die Unterdrücker und gewinne viele ihrer Anhänger und schwäche so das System. „Wenn man zornig wird“, so zitiert sie den ehemaligen Bürgermeister von


„Keine Zukunft ohne Vergebung“

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Atlanta und Bürgerrechtsaktivisten Andrew Young, „ist das ansteckend, und am Ende handelt man genauso schlecht wie die Täter.“ Der derzeitige zornige Ansatz könne zwar zu kurzfristigen Erfolgen führen, werde das Land aber letztlich nur spalten, statt es zu einen. Und doch – haben Menschen, die wie Stacey Patton frus­ triert sind, weil sich nichts ändert, nicht auch recht? Ist es nicht so, dass eine permanent unterdrückte Gruppe von Menschen, die ihren Unterdrückern vergibt, lediglich das System stabilisiert? Sabine Birdsong macht für den Missbrauch der Vergebung nicht nur eine schlechte Praxis verantwortlich, sondern das Christentum an sich. In einem Blogbeitrag mit dem aufsehenerregenden Titel „Zur Hölle mit der Vergebungskultur“ argumentierte sie, dass „wir weiterhin glauben, dass Vergebung einen Menschen überlegen macht und dass jeder, der etwas so Einfaches nicht zuwege bringt, die Schuld bei sich suchen sollte“. Die Autorin macht dafür „eine tief eingeprägte religiöse Nachwirkung aus dem Christentum“ verantwortlich, eine Denkweise, die „sich in Geboten wie Vergeben und Vergessen, die andere Wange hinhalten“ manifestiert. Wir verurteilen Menschen, die nicht vergeben wollen, und sagen, sie „vergiften sich selbst“, was „einer weiteren abrahamitischen kulturell geprägten Schuldzuweisung gleichkommt. Kurz gesagt, es ist Opferbeschuldigung.“ Dies diene nur dazu, Missbrauchstätern zu helfen, die „ungestraft handeln können [… weil] sie ungeachtet der Schwere ihrer Taten in der selbstgefälligen Gewissheit ruhen können, dass ihnen vergeben wird“. Die Betonung der Vergebung führe tendenziell auch dazu, die Täter als Menschen zu sehen, was es schwieriger mache, sie zur Verantwortung zu ziehen. „Die Menschen lieben eine gute Erlösungsgeschichte. Dieses [Vergebungs-]Narrativ ist nichts weiter als ein bloßes


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Einführung

Mittel, um […] dem Täter auf Kosten der Opfer charakterliche Tiefe zu verleihen.“13 In einem Folgeartikel fordert die Autorin, dass wir „die überholten Vorstellungen von Vergebung neu schreiben“, die „das pseudo-spirituelle Märchen von Erlösung und Vergebung“ idealisieren und „über das inhärente Recht der Menschen, nicht missbraucht zu werden“, stellen.14 Dieses letzte Zitat stellt das Problem klar heraus, das wir heute empfinden: den offensichtlichen Widerspruch zwischen Vergebung und Gerechtigkeit, das Gefühl, dass wir das eine dem anderen vorziehen müssen. Aber ist das wahr?

Das unauslöschliche Bedürfnis nach Vergebung Das menschliche Bedürfnis nach Vergebung scheint unauslöschlich zu sein. Es verschwindet nicht, wenn man es anprangert oder versucht, es zu dekonstruieren. Damit meine ich sowohl ein tiefes Bedürfnis, Vergebung zu gewähren, als auch Vergebung zu empfangen. In der Silvesternacht des Jahres 1843 stand in einer lutherischen Gemeinde in Möttlingen ein junger Mann vor der Tür des Pfarrers Johann Blumhardt. Er beichtete viele Sünden und Verfehlungen, gravierende wie weniger schwere. Der Mann erfuhr große Erleichterung und das sprach sich herum. Bis Ende Januar waren 35 Menschen gekommen, um ihre Gewissen bei dem Pfarrer zu erleichtern und Gott um Vergebung zu bitten. Bis Mitte Februar waren es bereits über 150. Diese Erweckung, über die an verschiedenen Stellen berichtet wird, war wegen der konkreten Verhaltensänderungen, die sie bewirkte, bemerkenswert. „Gestohlene Güter wurden


„Keine Zukunft ohne Vergebung“

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zurückgegeben, Feinde wurden versöhnt, Untreue wurde gebeichtet und zerbrochene Ehen wiederhergestellt. Verbrechen, darunter ein Fall von Kindermord, wurden aufgeklärt“, und Alkoholiker wurden trocken.15 Hier sehen wir ein Beispiel dafür, wie die Gewährung von Vergebung in dieser Stadt eine Bewegung für mehr Gerechtigkeit auslöste. Ziemlich zu Anfang von Jesu öffentlichem Wirken brachte eine Gruppe von vier Freunden einen gelähmten Mann in das Haus, in dem er sprach, weil sie hofften, eine Heilung für ihn erwirken zu können. „Doch es herrschte ein solches Gedränge, dass sie nicht zu ihm durchkamen. Da deckten sie das Dach über der Stelle ab, wo Jesus sich befand, und machten eine Öffnung, durch die sie den Gelähmten auf seiner Matte hinunterließen“ (Markus 2,4). Zum Erstaunen aller heilte Jesus zunächst nicht die Lähmung des Mannes. Vielmehr lesen wir: „Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: ,Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!‘“ (Vers 5). Versetzen Sie sich einen Moment lang in die Situation des gelähmten Mannes. Vermutlich hätten Sie gedacht (und wenn Sie eine mutige Persönlichkeit sind, hätten Sie es vielleicht auch gesagt): „Äh, danke – aber ist es nicht offensichtlich, dass ich hier ein dringenderes Bedürfnis habe?“ Und wenn Sie das gesagt hätten, hätte Jesus geantwortet: „Nein, das stimmt nicht.“ Wahrscheinlich hatte der Mann das Gefühl: „Wenn ich nur wieder laufen könnte – dann wäre ich glücklich. Ich würde mich nie beklagen. Ich würde zufrieden sein.“ Aber Jesus sagt gewissermaßen: „Sieh dich um, und sieh dir all diese Menschen an – sie können alle laufen. Aber sind sie in ihrem Herzen zufrieden? Sind sie alle glücklich? Wenn ich dich nur heile, wirst du eine Zeit lang überglücklich sein, aber dann wirst du werden wie alle anderen auch.“ Nein. Was der Mann brauchte, war Vergebung. Vergebung geht den Dingen auf den Grund –


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Einführung

der Entfremdung von Gott und von uns selbst, die wir empfinden, weil wir eben Dinge falsch machen. Was Jesus hier sagt, ist im Grunde: „Ich will euch zeigen, dass das tiefste Bedürfnis, das ihr als Menschen habt, das Bedürfnis nach mir ist. Nur ich kann euch vollkommene Liebe, neue Identität, unendlichen Trost, Hoffnung und Herrlichkeit schenken. Und das Tor zu alldem ist es, zu erfahren, was Verge­ bung ist.“ Es ist an der Zeit, diese Tür zu öffnen und hindurchzugehen.


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