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COLLIN HANSEN

Was ihn prägte: Menschen, Bücher und ein gnädiger Gott


Titel der amerikanischen Originalausgabe: Timothy Keller: His Spiritual and Intellectual Formation (Grand Rapids, Mi: Zondervan). © 2023 by Collin Hansen Published by arrangement with HarperCollins Christian Publishing, Inc. Epilog (Ab der Überschrift „Lerne niemals deinen Helden kennen“) aus: Collin Hansen, „I met my hero, Tim Keller“, The Gospel Coalition: https://www. thegospelcoalition.org/article/met-hero-tim-keller, aufgerufen am 15.01.2024, © 2023 Collin Hansen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frauke Bielefeldt Bibelstellen sind nach der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ) zitiert. Neues Testament und Psalmen. Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

© der deutschen Ausgabe: 2024 Brunnen Verlag GmbH, Gießen Lektorat: Uwe Bertelmann Umschlagfoto: © José A. Alvarado Jr./Redux/laif Umschlaggestaltung: Jonathan Maul, Brunnen Verlag GmbH Satz: Brunnen Verlag GmbH Druck: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN Buch 978-3-7655-3613-7 ISBN E-Book 978-3-7655-7851-9 www.brunnen-verlag.de


Meinem Großvater William, der vor mir das Evangelium verkündet hat, und meinem Sohn William, der es nach mir verkünden wird, so mein Gebet.


Stimmen zum Buch „Gedenkt eurer Lehrer“ – in diesem Sinne sind nach dem Tod von Timothy Keller unzählige schriftliche und audio-visuelle Nachrufe erschienen. Sie machen deutlich, dass wir mit seinem Tod einen der einflussreichsten evangelikalen Theologen der vergangenen Jahrzehnte verloren haben. Keller besuchte Deutschland meines Wissens nur ein Mal, anlässlich einer Gemeindegründungskonferenz in Berlin im Jahr 2011. Dennoch hat er auch hierzulande tiefe Spuren hinterlassen. Viele Leiter (nicht nur, aber gerade auch in meiner Generation) verdanken ihm entscheidende Weichenstellungen für ihr theologisches Denken und ihre Gemeindepraxis. Prof. Dr. Philipp Bartholomä, Professor für Praktische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen „Timothy Keller vereinte in seiner Person mehreres, was die Christenheit in den USA, weltweit und auch bei uns sehr gut gebrauchen kann: Klarheit im Evangelium, unerschütterliches Zutrauen zur Bibel, Freundlichkeit und Klugheit, Respekt im Gespräch mit Andersdenkenden, heitere Bescheidenheit, Liebe zur Mission und zur Gemeinde – und Liebe zu Gott. Er fehlt uns sehr. Wie schön, dass nun seine Biografie auch auf Deutsch vorliegt.“ Prof. Dr. Matthias Clausen, Karl Heim-Professor für Evangelisation und Apologetik an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg „Keller war ein konservativer Evangelikaler, der auch außerhalb seiner Kreise großen Respekt und Anerkennung erfuhr. Er hielt zusammen, was bei vielen in allen christlichen Strömungen auseinanderzuklaffen drohte: Verwurzelung in aktiver Gemeindearbeit und die Arbeit an gewichtigen theologischen Impulse für viele. Eine persönliche Jesusfrömmigkeit des Alltags und die intellektuelle Durchdringung des Glaubens. Eine klare theologische Position in vielen Fragen, die er stets mit Respekt vor anderen Haltungen formulieren konnte. […] Nicht nur die evangelikale Bewegung ist heute ärmer geworden, sondern die Christenheit. Und zugleich sind seine Werke ein Erbe, an 4


dem man sich reiben und wachsen kann, egal ob man ihm weitgehend folgt oder auch andere Wege geht.“ Prof. Dr. Thorsten Dietz am 09.05.2023 auf Facebook zum Tod von Timothy Keller „Nachdem ich mir schon alles ins Bücherregal gestellt hatte, was von Timothy Keller auf Deutsch erschienen war, konnte ich ihn ein einziges Mal live erleben. Es war Ende Oktober 2018 zur „City to City Europe Conference“ in Krakau. Die fand im Kijow-Filmpalast statt und war ganz großes Kino. Aber kein Schauspiel! Timothy Keller hielt vier Bibelarbeiten und ich erlebte einen Mann mit Standing, Vollmacht und Gelassenheit. Seine ruhige und demütige Art hat mich nachhaltig beeindruckt. Ein Gemeindegründer – tief verwurzelt in reformatorischer Theologie. Ein Amerikaner, der Luther wirklich verstanden hat. Eine geniale Synthese aus missionaler Leidenschaft und theologischer Tiefe. Immer wieder zitierte er C. S. Lewis und ermutigte zu tiefen Wurzeln, die man viel besser durch intensives Lesen als mit ziellosem Surfen ausbilden kann. Ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: „Movements run on stories.“ Erzählt eure Geschichten mit Gott – was Gelingen, Scheitern und Neuanfänge einschließt – und gebt dafür Raum in der Gemeinde! Wie gut, dass wir nun Timothy Kellers Geschichte – erzählt von Collin Hansen – in deutscher Übersetzung hören können.“ Sandro Göpfert, Pfarrer der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens in Burgstädt „Timothy Kellers Predigten haben mich immer wieder für die eigene Predigtpraxis und den Unterricht über christliches Predigen beeindruckt und inspiriert. Immer wieder buchstabierte der reformierte Theologie dabei sein theologisches Credo durch: Das Evangelium ist gute Nachricht, nicht guter Rat.“ Prof. Dr. Michael Herbst, Viereth-Trunstadt „Nur wenige Autoren und Denker haben mich so geprägt wie Timothy Keller. Sein Umgang mit der Bibel, besonders sein großartiges Verständnis vom Evangelium, sind für viele zu einem Kompass 5


in unserer postchristlichen Kultur geworden. Sein kluger, offener und liebevoller Umgang mit Skeptikern und Gegnern hat uns ein überzeugendes Beispiel gegeben, das noch lange nachwirken wird. Wie hat Keller diese Spur gefunden? Colin Hansens Biografie nimmt uns Backstage in sein bemerkenswertes und gleichzeitig so unspektakuläres Leben, das Millionen inspirierte.“ Lothar Krauss, Pastor der Viva Kirche Mannheim, Blogger (der-leiterblog.de) und Mitglied im Vorstand von Willow Creek Deutschland „Timothy Keller ist eine große Inspiration für viele junge Gemeinden im deutschsprachigen Raum. Nicht zuletzt sein Buch Centerchurch war ein echter Booster für etliche Verantwortliche. Persönlich bin ich immer wieder beeindruckt von Timothy Kellers Charisma der Balance: Text und Kontext werden aufeinander bezogen, ohne dass sich das Evangelium dabei auflöst.“ Prof. Dr. Arndt Schnepper, Professor für Praktische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach. „Kein anderer Theologe hatte in den letzten knapp 20 Jahren durch seine Bücher, Predigten, Vorträge und persönlichen Begegnungen einen größeren Einfluss auf meine Nachfolge, meine Verkündigung und meinen Dienst als Timothy Keller. In einer meiner tiefsten persönlichen, emotionalen und geistlichen Krisen hat er mir durch sein Buch von den beiden verlorenen Söhnen (Bedingungslos geliebt) die Schönheit des Evangeliums der Gnade vor Augen gemalt, wie ich sie bis dahin noch kannte. Seitdem hat dieses Evangelium Stück für Stück mein Herz erreicht, geprägt und verändert. Die Art und Weise, mit der er Herz und Hirn, Gefühl und Intellekt miteinander verbindet, hat mich auf eine Entdeckungsreise in die Tiefen dieses Evangeliums geführt. Auf die befreienden Auswirkungen in allen Lebensbereichen möchte ich nicht mehr verzichten. Timothy Keller hat sich mit seinen Gaben als Gottes Werkzeug zum Segen für mich persönlich und viele andere gebrauchen lassen.“ Steffen Weil, Gemeindegründer, Teil des Leitungsteams von „City to City“ DACH und Bereichsleiter bei der Allianzmission für DACH.


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Teil 1: Ehrlich gegenüber Gott (1950–1972) 1. Mama-Wettbewerb Allentown, Pennsylvania. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 2. Der absurde Mensch Bucknell University. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 3. Die Frau, die ihn lehrte, die Bibel zu lesen InterVarsity Christian Fellowship . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 4. Kathy, die Tapfere Kathy Kristy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 5. Wahrer Mythos Die Inklings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 6. Zweifler willkommen R. C. Sproul und das Ligonier Valley Study Center . . . . . . . . 77 Teil 2: Professoren und Kommilitonen (1972–1975) 7. Theologisches Sammelsurium Gordon-Conwell Theological Seminary. . . . . . . . . . . . . . . . . 89 8. Table Talk Elisabeth Elliot und die „Robins“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 9. Wertschätzend widersprechen Roger Nicole und der Neo-Calvinismus. . . . . . . . . . . . . . . . 113 10. Pneumodynamik Richard F. Lovelace und Jonathan Edwards. . . . . . . . . . . . . 119

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Teil 3: Feuerprobe (1975 bis 1989) 11. Chemiehauptstadt des Südens Hopewell, Virginia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 12. Das biblische Drama der Erlösung Edmund P. Clowney. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 13. „Geprägt vom Evangelium“ Westminster Theological Seminary. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Teil 4: Von New York in die Welt (1989–2023) 14. Masters of the Universe New York City. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 15. „Das Land des Ja“ Redeemer Presbyterian Church. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 16. Jeder betet Der 11. September und „Warum Gott?“. . . . . . . . . . . . . . . . . 257 17. „Glaube wozu?“ Dogwood Fellowship. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 18. Ringe eines Baumes Schluss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 Epilog: Ich habe meinen Helden kennengelernt . . . . . . . . 309 Nachwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 Dank. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 Anmerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325

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Vorwort „Wenn er zur Tür hinausgeht, werden die ersten Zehntausend Menschen, die er sieht, keine Ahnung haben, wer er ist.“ So beschrieb Kathy Keller ihren Mann Tim, wenn er in New York über die Bürgersteige ging. Tims langjähriger Assistent Craig Ellis ist mit ihm auf unzähligen Straßen in New York gegangen und unzählige Male mit der U-Bahn gefahren. Niemand hat Keller je erkannt.1 Nicht, dass Tim Keller in der Menge untergehen würde. Der 1,95 m große Kahlkopf ist einer der wenigen Menschen, die auf der Straße mit einem aufgeschlagenen Buch unterwegs sind. In London wird er eher erkannt als in New York, wo er seit mehr als dreißig Jahren lebt. Als Billy Graham 1957 evangelistische Versammlungen veranstaltete, suchte er die Bekanntheit durch den Kontakt zu Reichen und Prominenten, um sich eine größere Plattform für die Verkündigung des Evangeliums zu schaffen. Als Tim Keller 1989 die Redeemer Presbyterian Church gründete, vermied er es bewusst, die Kirche in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, vor allem gegenüber anderen Christen.2 Er wollte eher religiöse Skeptiker an der Upper East Side treffen, als in Nashville Bücher zu verkaufen. Prominente wie Jane Pauley, Elisabeth Hasselbeck, Robin Williams und Diane Sawyer besuchten die Redeemer-Church gelegentlich oder traten als Mitglieder ein und entdeckten eine Gemeinde, die ihre Prominenz nicht nutzte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Warum also über jemanden schreiben, der sich so wenig für Publicity interessiert? Weil es nicht wirklich um ihn geht. Im Gegensatz zu einer gewöhnlichen Biografie erzählt dieses Buch Kellers Geschichte nicht, um herauszustellen, wen er alles beeinflusst hat. Viel spannender ist es, zu sehen, wer oder was ihn beeinflusst hat. 9


Wer je mit Keller zu tun hatte, merkte bald, dass er nicht gerne über sich selbst sprach. Er redete viel lieber über das, was er gelesen, beobachtet und gelernt hatte. Die Geschichte von Tim Keller ist die Geschichte seiner geistlichen und intellektuellen Einflüsse – von der Frau, die ihn zum Bibellesen führte, über den Professor, der ihn lehrte, in jedem Text Jesus zu predigen, bis hin zu dem Soziologen, der ihm beibrachte, hinter die Oberfläche der Gesellschaft zu blicken. Mit freiem Zugang zu Kellers Familie, Freunden und Kollegen besuchen wir das Haus seiner Kindheit, in dem er sich mit anderen Jungs prügelte. Wir kehren zu der kleinen Südstaatengemeinde zurück, in der er lernte, Menschen seelsorgerlich zu begleiten. Und wir erkunden die Stadt, die ihm zu dem internationalen Ruhm verhalf, den er nie wollte. Als Kind der 1960er-Jahre, Student in den 1970ern, Gemeindegründer in den 1980ern und Leiter einer der größten Kirchen New Yorks am 11. September 2001 umspannt Tim Kellers Leben viele der turbulentesten Ereignisse des letzten Jahrhunderts. Dies ist die Geschichte der Menschen, der Bücher, der Vorträge und letztlich des Gottes, der Timothy James Keller geprägt hat.

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Teil 1

Ehrlich gegenüber Gott 1950 bis 1972


Kapitel 1

Mama-Wettbewerb Allentown, Pennsylvania 1950 bis 1968 Tim Kellers Großmutter verbot ihren beiden Söhnen, am Zweiten Weltkrieg teilzunehmen. Die Verlobte des einen Sohnes schämte sich so sehr, dass sie die Verlobung löste, als er sich als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen registrieren ließ. Der andere Sohn, William Beverly Keller, lernte seine Frau auf der Psychiatriestation für gewalttätige Männer kennen. William Keller, genannt Bill, hat die Geschichte immer gerne so erzählt: Louise Anne Clemente arbeitete als Krankenschwester und Bill musste seinen Wehrdienst ableisten. Als sie beide 22 Jahre alt waren, heirateten sie am 24. Mai 1947 in Wilmington (Delaware). Die Ehe von Bill und Louise Anne spiegelte die sich wandelnden gesellschaftlichen Normen in den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg wider: Als junge Paare über religiöse und ethnische Grenzen hinweg heirateten, stellten sie konfessionelle Loyalitäten infrage und trugen zur Entstehung einer überkonfessionellen evangelikalen Bewegung bei. Tim, das älteste Kind der Kellers, wurde römisch-katholisch getauft, lutherisch konfirmiert, ging später als methodistischer Arminianer ins Theologiestudium und wurde als Presbyterianer ordiniert. 13


Bill Keller wurde 1924 in Quakertown (Pennsylvania) geboren. Seine Mutter kam in Kontakt mit den mennonitischen Pazifisten in der Gegend. Sie war Antialkoholikerin, verabscheute die progressive Reformpolitik von Präsident Franklin D. Roosevelt und gehörte der Church of God (Holiness) an, die die vollständige Heiligung des Christen betont. Die Familie Keller kann indes mehrere Veteranen des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs in ihrer Familiengeschichte aufbieten. Der erste Keller in Amerika brachte 1738 seine Frau und vier Kinder aus dem deutschen Baden nach Philadelphia. Sie ließen sich auf einer Farm in Bucks County in Pennsylvania nieder, wo die lutherische Kirche und Schule ihr Lebensmittelpunkt wurden. Zweihundert Jahre lang blieben Generationen von Kellers ihrer Heimat treu. Tim Kellers Großvater James Clemente wurde 1880 in der Nähe von Neapel geboren und ging mit 18 Jahren nach Amerika. Seine Clemente-Großmutter, deren Eltern die Ehe arrangiert hatten,1 wurde als Tochter italienischer Einwanderer kurz vor der Jahrhundertwende in den Vereinigten Staaten geboren. Als Bill Keller und Louise Clemente 1947 heirateten, mussten sie die Zeremonie im Haus des Priesters abhalten statt in der Kirche, weil Bill Lutheraner war. Louise hat diese empfundene Kränkung nie verziehen. Sie ließ ihren ältesten Sohn katholisch taufen, trat aber aus der Kirche aus und erzog ihre Kinder lutherisch. Louise brachte Timothy James Keller am 23. September 1950 in Allentown (Pennsylvania) zur Welt. Die kleine Familie lebte in einer Mietwohnung und Bill unterrichtete Kunst in einem kleinen Schulbezirk südlich von Allentown. Diese Arbeit erfüllte ihn aber nicht und er gab den Lehrerberuf auf, um in der Werbebranche zu arbeiten und für seine Familie ein stabiles Einkommen mit nach Hause zu bringen. Er begann, Küchen für die Firma Sears zu entwerfen. Die Familie zog nach Allentown und baute ein Haus gegenüber von Bills Eltern, auf einem Grundstück, das früher Großmutter Kellers Garten war. Schließlich nahm Bill Keller eine Stelle bei einer Kaufhauskette namens Hess Brothers an und stieg vom Anzeigenredakteur bis zum Werbemanager auf. Als Führungskraft ver14


brachte Bill viele Stunden außer Haus, getrennt von seiner Familie. Louise erwartete nicht von ihm, dass er kochte, putzte oder Windeln wechselte oder sonst irgendetwas tat, um ihr beim Aufziehen der Kinder zu helfen. Tim Kellers Freunde erinnern sich an Bill als einen „Schatten“, der schweigend in seinem Stuhl saß.2 Jeder wusste, wer den Haushalt führte.

Wer ist der Boss? Zwei weitere Kinder folgten, Sharon Elizabeth im Jahr 1953 und William Christopher 1958. Tim widmete sein Buch Walking with God through Pain and Suffering (dt.: Gott im Leid begegnen) „Für meine Schwester Sharon Johnson, einen der geduldigsten und fröhlichsten Menschen, die ich kenne, von der ich so viel über Lastentragen, Schmerzarbeit und Gottvertrauen gelernt habe.“3 Tim war Wegbereiter und Anführer für seine jüngeren Geschwister. Er brachte seiner Schwester, die den Spitznamen „Shu“ trug, das Fahrradfahren bei, indem er sie in einen Stapel Kartons fahren ließ. Er brachte ihr bei, dass sie, wenn sie jemanden schlägt, den Daumen aus der Faust nehmen muss, um ihn nicht zu brechen. Er schrieb die Geschichten für ihre Puppenspiele, zu denen sie Eintrittskarten und Snacks verkauften. Shu erinnert sich, wie sie Tim zuhörte, wie er auf einen kleinen Baum kletterte und ihr aus der Baumkrone Geschichten erzählte. Tim schrieb eine Comedy-Nummer über die ersten Jahre der amerikanischen Geschichte. Mithilfe der Schallplatten ihrer Eltern spielten sie The Music Man nach und sangen Stan-Freberg-Melodien. Als er später seine zukünftige Frau Kathy beeindrucken wollte, konnte er aus einem ganzen Repertoire von Musicals schöpfen, da dies die einzige Musik war, die Louise außer Opern in ihrem Haus erlaubte. Da sie ganz am Ortsausgang von Allentown lebten, keine Leihbücherei hatten und nur ein einziges Auto zur Verfügung stand, beschäftigten sich die Keller-Kinder mit den Büchern ihrer Mutter. Im Amerika der 1950er-Jahre mit seinem unscharfen Empfang auf 15


kleinen Schwarz-Weiß-Fernsehern gab es nicht viele Alternativen. Tim las bereits im Alter von drei Jahren auch ohne besondere Hilfe seiner Eltern. Die Liebe der Keller-Kinder zu geschichtlichen Themen und Sachbüchern im Allgemeinen wurde durch die Lektüre von Aufstieg und Fall des Dritten Reiches von William Shirer und insbesondere durch die Lexikonreihe Funk & Wagnalls Standard Reference Encyclopedia geweckt. Wenn sie etwas im Fernsehen sahen, wollte Tim es in der Enzyklopädie nachschlagen. Egal worum es ging, alles faszinierte ihn. Er schien sich alles zu merken und trug es seinen jüngeren Geschwistern vor. Die Familie hatte nicht viel Geld für Bücher, aber sie besaß eine Ausgabe der Werke von ­Rudyard Kipling, dazu Jane Eyre von Charlotte Brontë und ­ Wuthering Heights (dt.: Sturmhöhe) von ihrer Schwester Emily Brontë. Für seine jüngeren Geschwister mag Tim den Anführer gespielt haben. Aber jeder wusste, wer der Boss war. Besucher konnten nicht einmal den Flur entlanggehen, ohne dass Louise fragte, wohin sie gingen.4 „Meine Mutter hatte ein großes Bedürfnis nach Kontrolle“, sagt Sharon. „Das Problem war, dass sie mich so erzogen hat, als gäbe es nur einen Weg, etwas zu tun – ihren. Und wenn man anders war, war man falsch. So etwas wie ‚Es gibt mehr als einen Weg, einer Katze das Fell abzuziehen, und wenn du keine Tür findest, öffne ein Fenster‘ gab es nicht.“ Louise Kellers italienisch-katholische Erziehung verlangte, dass ihr ältester Sohn sie stolz und ihre älteste Tochter sie glücklich machte. Alle drei Kinder entwickelten eine intuitive Gabe, Unmut bei anderen zu erkennen. „Ich glaube, sie war natürlich am härtesten zu Tim“, sagt Sharon. „Es gab Wochen, in denen sie sagte: ‚Ich werde Tim diese Woche zeigen, wer der Boss ist.‘“ Jedes Kind ging anders mit dem Druck um. Sharon flüchtete sich in Tagträumereien. Billy und Tim übernahmen ihren Hang zur Werkgerechtigkeit, entwickelten aber jeweils ihr eigenes, heimliches inneres Leben. Tim wehrte sich. Er widersetzte sich. Er argumentierte. Er konnte ihre Zuneigung und Zustimmung nicht gewinnen. Viele Jahre später, als Tim Kathy 16


heiratete, nahm sie wahr, was sie später den „Mutterwettbewerb“ zwischen Louise und deren ältere Schwester Angela nannte. Tims Cousine machte mit 15 Jahren ihren College-Abschluss, studierte anschließend Chemie und wurde Ingenieurin. Tim konnte da nicht mithalten, sodass er seiner Mutter keine Punkte in diesem für sie wesentlichen Geschwisterkampf einbrachte.5 Sharon sah in ihrer Mutter die Unsicherheit, die Beste sein zu müssen, um ihren Wert zu beweisen. „Tims Intelligenz war so breit angelegt“, sagte Sharon. „Ich glaube, meine Mutter hat das nicht ganz verstanden, als wir aufwuchsen. Tim war ein Denker, den die großen Zusammenhänge interessierten. Das war sie ganz und gar nicht.“ Ein ehrgeiziger, beschleunigter Lehrplan, der später von der Schule wieder aufgegeben wurde, hinterließ bei dem jungen Tim emotionale Narben. In der dritten Klasse kam er in die Klasse für begabte Jugendliche aus Allentown. Diese „besten und klügsten“ Schüler wurden nicht mit den Kindern aus der Nachbarschaft zusammen unterrichtet, sondern in einer anderen Schule in einem sozial schwächeren Stadtviertel. Man braucht nicht viel Fantasie, um nachzuvollziehen, warum der Schulbezirk dieses Konzept änderte, noch bevor Tim seinen Highschool-Abschluss gemacht hatte. Diese „Intelligenzbestien“ wurden schikaniert, verspottet und gehänselt. Die Schule trug dazu bei, dass Tim sich in seiner Kindheit einsam fühlte. Er war im sozialen Umgang daher unbeholfen und unsicher – ein Mauerblümchen, das nicht so recht wusste, wie man Freundschaften schließt oder pflegt. Er verkroch sich in seine Bücher – hier konnte er seine Umgebung unter Kontrolle behalten und seinen Selbstwert sichern. Doch die Einsamkeit und der unerbittliche Perfektionismus seiner Mutter führten dazu, dass er zu ständiger innerer Selbstkritik neigte. Doch Shu erinnert sich daran, wie sich ihr älterer Bruder an die widrigen Umstände angepasst hat. Tim und sein jüngerer Bruder Billy waren beide in der Begabtenklasse und wurden zur Zielscheibe von einer Clique aus der Nachbarschaft. Louise erinnerte sich wohl daran, wie sie den Vater ihrer Kinder kennengelernt hatte, 17


und verbot den Jungen, sich zu prügeln. Aus purem Überlebens­ instinkt entwickelte Tim die Fähigkeit, sich verbal zu wehren, wenn er buchstäblich in die Ecke gedrängt wurde. In Auseinandersetzungen mit seiner Mutter verfeinerte er seine Künste, wenn sie ihren Kindern wieder einmal sagte, wie oft sie sie enttäuschten. „Ich glaube, dass er auch deswegen so gut zu Menschen sprechen kann, weil er es im Umgang mit unserer Mutter gelernt hat“, sagt Sharon. „Ohne ihn hätten wir nie Star Trek gesehen. Er musste argumentieren, um dieses oder jenes gucken zu dürfen. Sie war ziemlich unerbittlich, wenn es darum ging, dass die Dinge in ihrem Sinn liefen. In ihren Augen war sie uns eine Hilfe, um uns gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen.“6 Unter der Last der Schuldgefühle zu Hause fand Tim Zuflucht in Aktivitäten. Er versuchte es mit Ringen, sein größeres Talent lag aber beim Trompetespielen in einem Spielmannszug.7 Tim schätzte seine Erfahrungen mit den Pfadfindern so sehr, dass einer seiner Söhne sogar von Roosevelt Island in New York aus den Eagle Scout machte (höchster Grad der Pfadfinder – Anm. d. Übers.). Seine Frau Kathy gab ihm später den Spitznamen „Boy Scout“, weil seine Verpflichtung, das Richtige zu tun, es ihm nicht einmal erlaubte, in der Stadt vor einem Hydranten zu parken.8

Die Evangelical Congregational Church Selbst innerhalb ihrer italienischen Einwandererfamilie zeichnete sich Louise Keller durch besonders hohe moralische Standards aus und verurteilte andere Katholiken, wenn sie diesen Standards nicht gerecht wurden. Später in ihrer Ehe klagte Louise Keller ihren Mann an, seine Führungsrolle im religiösen Leben der Familie aufgegeben zu haben. Also übernahm sie diese Verantwortung. Aus Kriegszeiten als Krankenschwester hatte Louise eine protestantische Freundin, die in der Bibel las und persönlich betete, was sie von ihrem katholischen Hintergrund her nicht kannte. Louise war fasziniert davon, dass sie persönlich mit Gott in Kontakt treten konnte. 18


Nach Tims Taufe kam sie zu dem Schluss, dass die katholische Kirche nicht mit der Heiligen Schrift zu vereinbaren war. Also ließ sie die Familie in die lutherische Kirche der Kellers gehen, die damals zur Lutheran Church in America gehörte – einer Denomination, die später Teil der Evangelical Lutheran Church in America werden sollte. Die Kellers besuchten jeden Sonntag den Gottesdienst und ließen Tim sogar noch einmal lutherisch taufen. Louise fing an, Bibelstunden zu leiten, und wurde zu einer „Säule“ der Gemeinde, die nur eine Meile von ihrem Haus entfernt lag. Theologie war für Louise nicht besonders wichtig, aber sie spielte mit ihren Kindern regelmäßig Bibelquiz. So lernte Tim die Namen aller Könige von Israel und Juda auswendig. Als Teenager in den frühen 1960er-Jahren besuchte Tim den Konfirmandenunterricht in der lutherischen Kirche. In dieser kleinen Gemeinde blieben die Pfarrer nicht lange im Amt. Sein erster Lehrer, ein Pastor im Ruhestand namens Rev. Beers, vermittelte seinen Gemeindemitgliedern einen orthodoxen Zugang zu christlicher Geschichte und Theologie und eine sehr klassische Glaubenspraxis. Er ließ seine Konfirmanden den Aufbau des Augsburger Bekenntnisses auswendig lernen. Die Lehre von Gericht und Erlösung durch Glauben an Jesus allein vermittelte er anhand des Akronyms SOS: „The law shows our sins, the gospel shows our Savior“ (Das Gesetz zeigt unsere Sünden, das Evangelium zeigt unseren Erlöser). Es war das Jahr 1963 und Tim Keller hörte zum ersten Mal in klaren Worten vom Evangelium der Gnade. Damals war diese Botschaft für Tim jedoch nicht mehr als ein weiterer interessanter Gedanke, den er als Lernstoff beherrschen musste, um einen Kurs zu bestehen. Und doch war ein Samen gepflanzt worden, den später ein anderer Pastor, Jack Miller, begießen sollte, als er Martin Luther zitierte. Aus diesem Samen des Evangeliums erwuchs die Kraft, die schließlich Tims Leben veränderte und dazu beitrug, dass er die Verkündigung des Evangeliums als Befreiung von zwei Arten von Gesetzlichkeit verstand. Die erste Art der Gesetzlichkeit – Erlösung durch gute Werke – lernte er bei seinem zweiten Konfirmandenlehrer, einem frischge19


backenen Absolventen des lutherischen Seminars in Gettysburg (Pennsylvania). Zur Enttäuschung seiner Mutter und Großmutter setzte sich dieser Pfarrer auf dem Höhepunkt der gesellschaftlichen Umbrüche im Jahr 1964 für die Bürgerrechtsbewegung ein. Ähnlich wie die Professoren, denen Tim später am College begegnete, stellte auch dieser Pfarrer die biblische Autorität und die aus seiner Sicht überholten Lehren infrage. Themen wie die christliche Lehre oder das Leben der Kirche beschäftigten ihn wenig. Christsein war eine gesellschaftspolitische Angelegenheit: Es galt, sich zu engagieren, um die Welt zu verbessern. Der Kontrast zwischen seinem ersten und zweiten Konfirmandenjahr irritierte Tim: Es war fast, als hätte man uns zwei verschiedene Religionen präsentiert: Im ersten Unterrichtsjahr standen wir vor einem heiligen, gerechten Gott, dessen Zorn man nur mit Mühe besänftigen konnte. Im zweiten Jahr hörten wir von einem Geist der Liebe, der das Universum durchwehte und der von einem erwartete, dass man für die Menschenrechte und die Befreiung der Unterdrückten kämpfte. Ich hatte große Lust, die beiden Pastoren zu fragen: „Wer von euch beiden lügt?“, aber das traute ich mich mit meinen 14 Jahren dann doch nicht und hielt lieber den Mund.9 Nach einem Jahrzehnt bei den Lutheranern fand Louise Keller eine Gemeinde, die ihrer eigenen religiösen Prägung und ihren Vorstellungen entsprach: Die Evangelical Congregational Church, die das menschliche Bemühen um das Heil und das Erreichen der sündlosen Vollkommenheit betonte. Zu Hause wie in der Gemeinde lernte Tim Keller diese zweite Form von Gesetzlichkeit kennen: die fundamentalistische Variante. Als Tim von zu Hause auszog, um aufs College zu gehen, wusste er über Martin Luther nicht nur Bescheid, sondern konnte sich persönlich mit ihm identifizieren – auch er war geplagt von einem krankhaft überkritischen Gewissen, 20


das von ihm Perfektion erwartete, weil er versuchte, seinen Maßstäben und seinem Potenzial gerecht zu werden. Diese äußeren Anforderungen wurden noch verstärkt, als seine Eltern sich mit Bischof John Moyer anfreundeten, einem Pastor ihrer kleinen Konfession, die deutschsprachige Wurzeln in der methodistischen Tradition hatte. Als Tim 1968 seinen Abschluss an der Louis E. Dieruff High School machte und an die Bucknell University ging, stellte sich seine Mutter vor, dass er eines Tages an die Spitze der Evangelical Congregational Church zurückkehren würde. Vielleicht würde eine solch hohe kirchliche Position ihres Sohnes ihren Wert als Mutter unter Beweis stellen. Aber Tim war sich nicht so sicher, ob er überhaupt etwas mit dem christlichen Glauben zu tun haben wollte. Ein Kreislauf von Scham ließ ihn nach einer Gemeinschaft lechzen, in der er aufgenommen und akzeptiert, ja sogar bewundert werden konnte. Und wenn das hieß, dass er die Kirche verlassen musste, dann war das eben so.10

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