STEVE VOLKE
Die Hoffnung klopft an die Hintertür Ermutigende Lebensgeschichten aus aller Welt
Über den Autor: Steve Volke, Jahrgang 1961, lebt in Marburg, ist verheiratet mit Anke und Vater von 4 erwachsenen Töchtern. Der Journalist, Referent und Fotograf ist in seinem Hauptberuf CEO des Kinderhilfswerks Compassion (Marburg). Volke ist Autor von über 35 Büchern, von denen sechs in anderen Sprachen und Ländern veröffentlicht wurden. Mehr zu ihm: www.stevevolke-blog.de
Die zitierten Bibelverse sind folgenden Übersetzungen entnommen: Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Hoffnung für alle®, © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.® Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
© 2024 Brunnen Verlag GmbH, Gießen Lektorat: Stefan Loß Umschlaggestaltung: Jonathan Maul Umschlagfoto: Compassion International Druck: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN Buch: 978-3-7655-3602-1 ISBN E-Book: 978-3-7655-7865-6 www.brunnen-verlag.de
Danke!
Vielen Dank an die Freunde von Compassion International, die sich in 29 Ländern um die Förderung von inzwischen über 2,3 Millionen Kindern kümmern. Ihr seid die wahren Helden. Danke, dass Ihr Geschichten wie diese hier im Buch ermöglicht und nicht müde werdet, immer wieder neue Hoffnungsgeschichten zu schreiben. Vielen Dank an Stephanie Friedrich und Andreas Schuss für die inhaltliche und redaktionelle Begleitung bei diesem Projekt. Vielen Dank an meine Frau Anke, die mal wieder ein Buchprojekt ihres Mannes mit durchgezogen hat und seit fast 40 Jahren an meiner Seite mit mir gemeinsam unterwegs ist. Danke, dass wir gemeinsam auf dem Weg sind, Kinder aus Armut zu befreien. Steve Volke
Inhalt
Vorwort 7 1. Frau H. – wer denn sonst? 11 2. Aura: Von der Müllkippe auf die Universität 13 3. Frida: Das geknickte Rohr 16 4. Remmy: Vom Fluch zum Segen 19 5. Frau H. liebt Musik 25 6. Eduarda: Der Trost der Musik 28 7. Ein Lied kann alles verändern 30 8. Rydia und Fred: … und dann werden wir tanzen 32 9. Benson: Vom „kleinen Nichts“ zum Rechtsanwalt 35 10. Dr. Rediy: Nicht gewöhnlich, außergewöhnlich 41 11. Frau H. wird überprüft 47 12. Betty: Das neue Leben kann gelingen 50 13. Tony: Vom Schuhputzer zum Direktor 54 14. Kemi: Der Jesus-Rapper 59 15. Pedro: Verbrannt, doch nicht zerstört 65 16. Frau H. ist immer schon da 71 17. Jennifer: Von der Müllhalde zur Menschenrechtlerin 74 18. Misgana: Der Rechtsanwalt aus dem Rotlichtviertel 83 19. Dan: Vom Segen eines Smartphones 89 20. Kanani: Einhundert Prozent Vertrauen 94 21. Frau H. wird untersucht 98 22. Grace: Handycap mit Folgen 101 23. George: Mein Gott und sein Toyota 104 24. Muthulakshimi: Gott hat dich im Blick 107 25. Michelle: Geboren, um Hoffnung zu verbreiten 111 26. Adul: Rettung für die Höhlenkinder 117 27. Frau H. bleibt an Ihrer Seite 123 28. Wozu wir geboren werden (Nachwort) 125 5
Vorwort
Die Hoffnung klopft an die Hintertür. Jede Geschichte eines Menschen nimmt irgendwo ihren Anfang – an Hunderten Orten, in verschiedensten Kulturen und unter den ungewöhnlichsten Umständen. Zuvor waren da viele andere Geschichten, die auf diese neue Geschichte zuliefen, lange vor der Geburt dieses Menschen. So hat jeder Mensch seine Vor- und Nachgeschichte. Dazwischen liegt das ganze eigene Leben. Und dort spielt Gottes Geschichte hinein. Die Bibel zeigt uns in sachlicher und poetischer, manchmal harter, aber immer spiritueller Art und Weise, wie man Geschichte als Gottes Geschichte begreifen kann. Sie blickt immer wieder in die Vergangenheit zurück, zeigt auf, wo sich dort seine Wirklichkeit gezeigt hat und wo Gott im Leben von Menschen Geschichte schrieb: in Hoffnung und Enttäuschung, Freud und Leid, in festem Vertrauen und quälenden Zweifeln. Immer wieder entdecken Menschen: Gott handelt – in meiner Geschichte. In dem, was sich ereignet, ist Gottes Geist aktiv. Die Geschichte Gottes mit seinen Menschen – das ist das Thema der Bibel. Und was Gott für diese Menschen zur Zeit der Bibel war, das will und kann er auch für uns heute sein: ein fester Halt und die Mitte unseres Lebens. Wir tragen unsere Geschichte nicht mit uns herum wie etwas, das man an- und ablegen kann, sondern wir sind mit ihr verwoben. Es gibt eine Gruppe von Menschen, deren Geschichten sich auf den ersten Blick gleichen. Es sind die Geschichten von Armut, Ausgrenzung, Leid und Hoffnungslosigkeit. Zumindest auf den ersten Blick. Doch jede Geschichte steht auch für sich allein, so wie jeder Mensch auch für sich selbst lebt. Jeder von uns ist einzigartig. Jeder von uns hat sei7
ne eigene Geschichte – und Gott hat seine eigene Geschichte mit jedem von uns. Die ermutigenden Lebensgeschichten in diesem Buch zeigen, dass das Leben verändert werden kann. Ausweglosigkeit kann in Lebensfreude verwandelt werden. Es gibt Hoffnung. Aber: „Hoffnung haben“ – für viele Menschen ist das ein schwacher Begriff. Wenn nichts mehr übrig ist von den eigenen Vorstellungen, Kräften und Ideen, dann bleibt noch die Hoffnung. Echt jetzt? Ist Hoffnung nicht eher eine „treibende Kraft“, die befähigt, die Dinge komplett zu verändern? „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, das sagen Menschen, die alles andere bereits ausprobiert haben, um etwas zu verändern, zu bewirken oder Probleme zu lösen. Manchmal ist es eine zynische Bemerkung oder geht mit einer guten Portion Sarkasmus einher, denn Hoffnung ist oft das Erste, was uns verlässt, und das Letzte, was uns noch bleibt. Vielleicht können Sie die folgende Beschreibung nachvollziehen, weil es Ihnen manchmal ähnlich geht. Sie zeigt, wie Gefühl und Wirklichkeit auseinanderklaffen können. Unsere Wahrnehmung ist – zumindest in den Lebensumständen, in denen wir in Deutschland leben dürfen – immer etwas verzerrt. Ich saß im Wohnzimmer und dachte über mein Leben nach, wie ich es immer am Ende eines Jahres tue. Mindestens eine Stunde gönne ich mir zum Jahresende, um mich selbst zu fragen, was ich im letzten Jahr erlebt habe, was ich gelernt habe, wo ich vielleicht besser geworden bin oder etwas völlig Neues getan habe. Aber diesmal war die Stimmung äußerst gedrückt. Ich schaute auf ein Jahr zurück, das nach einigen schwierigen Jahren endlich Lichtblicke bringen sollte. Aber ich fühlte mich wie unter einer Glocke, von Nebel umgeben. Die Bilanz hätte positiv ausfallen können. Wenn ich auf die Fakten in meinem Leben sah, musste ich zugeben, dass es eigentlich ein wirklich gutes Jahr gewesen war. Aber die Stimmung war so depressiv, niederschmetternd und negativ. Ich fragte mich, warum, denn wie gesagt, die Fakten waren alle positiv. Schnell merkte ich, dass ich diese 8
Glocke zerschlagen musste, die sich unmerklich über mich gesenkt hatte. Aber wie? Gegen schlechte Stimmung und depressive Anflüge hilft bei mir oft nur das positive Beispiel von anderen. Ich habe mich entschieden, solche Beispiele zu sammeln und aufzuschreiben. So ist dieses Buch mit Hoffnungsgeschichten entstanden. Mut machende Berichte aus dem wahren Leben anderer Menschen. Die meisten Menschen, über die ich hier schreibe, kenne ich persönlich. Jede Geschichte ist einzigartig und erzählt von Herausforderungen, die überwunden wurden. Für mich sind es Motivationsgeschichten, die mich dazu bringen, nicht aufzugeben, auch wenn es durch Täler geht, das Leben äußerst unfreundlich zu mir ist oder ich vor ausweglosen Prüfungen und Herausforderungen stehe. Oder wenn ich mal wieder im Nebel sitze und gar nichts mehr sehe. Mein Wunsch ist, dass die Lebensgeschichten in diesem Buch Hoffnung und Segen ins Leben der Menschen bringen, die sie lesen. Und es sind wirklich schier unglaubliche Geschichten: • Ein Mädchen wird im Slum in Nairobi geboren und wird als Teenager Vollwaise. Heute ist sie Mitglied des Höchsten Gerichts in Kenia und Anwältin für Menschenrechte. • Ein vierzehnjähriger Junge wird mit elf Fußballfreunden und ihrem Trainer in einer Höhle im Norden Thailands von Wasserfluten überrascht. Die Welt hält den Atem an, während Spezialisten um das Leben der Teenager kämpfen. Mit einer beispiellosen und gefährlichen Rettungsaktion werden schließlich alle gerettet. • Ein Kind wird in Ruanda als Albino geboren. Von seinen leiblichen Eltern verstoßen, wächst es in einer Familie auf, die den Jungen über mehrere Jahre im Ziegenstall versteckt. Wie kann es sein, dass er heute ein gesundes Selbstwertgefühl hat und sich für andere arme Kinder einsetzt? • Ein Mädchen wächst im Rotlichtviertel von Manila auf. Ihr Vater ist Drogenhändler und wird von der Familie weggejagt. 9
Heute ist das Mädchen eine erwachsene Frau, die mit ihrem eigenen Hilfswerk ,Made in Hope‘ Frauen aus der Prostitution heraushilft und sich gegen Menschenhandel einsetzt. Die Hoffnung klopft an die Hintertür. Sie tritt manchmal unscheinbar in unser Leben, während vor dem Haus auf den Straßen das Chaos tobt. Während draußen noch mit Plakaten demonstriert wird, die uns zeigen, wie schlimm das Leben ist, und wie aussichtslos die Situation, breitet die Hoffnung sich Raum für Raum aus und erfüllt nach und nach das ganze Haus mit Segen. Sie ist immer unauffällig und zurückhaltend da, so wie „Frau H.“, die Ihnen in diesem Buch immer mal wieder begegnen wird. „Frau H.“ hat Eigenschaften, die wichtig sind, um die Lebensgeschichten besser einordnen zu können, uns auf neue Gedanken zu bringen und auf neue Felder zu führen. Denn ehrlich gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie dieses Buch an einem Stück durchlesen werden. „Frau H.“ wird Ihnen helfen, die Geschichten ins rechte Licht zu rücken, sie tiefer zu verstehen und dann vielleicht sogar Impulse und Gedanken für Ihr eigenes Leben daraus zu ziehen. „Frau H.“ möchte nämlich auch in Ihr Leben kommen. Sie möchte Ihr Herz und Ihre Gedanken erobern. Sie möchte Sie mit ihrer Schönheit begeistern, und schnell werden Sie merken: Mit ihr wollen Sie Ihr Leben verbringen.
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1. Frau H. – wer denn sonst?
Guten Tag, darf ich mich vorstellen? Nein, warten Sie, Sie kennen mich doch bestimmt. Vielleicht nur unter meinem vollen Namen, aber ich bin mir sicher, dass wir uns schon mal begegnet sind. Nicht? Doch. Waren Sie es nicht, die hastig an mir vorübergegangen ist, als wir uns das erste Mal begegnet sind? Flüchtig. Das trifft es am besten. Dabei habe ich Sie unmerklich seit Ihrer Geburt begleitet. Natürlich konnten Sie selbst noch nicht über mich nachdenken, aber Ihre Eltern haben es getan. Seit sie wussten, dass es Sie gibt, durfte ich sie immer wieder begleiten. Ich stand zur Seite, als Ihre Mutter überlegt hat, wie Ihr Zimmer eingerichtet werden soll. Ich war dabei, als sie beim Frauenarzt saß, habe ihr im Wartezimmer sanft die Hand gehalten. Ich durfte sie berühren, als sie gemeinsam mit der Ärztin das erste Ultraschallbild gesehen hat. Ja, ich war auch an diesem denkwürdigen Abend dabei, als Ihr Vater aufgeregt fragte, wie es denn finanziell weitergehen soll, wenn Sie in ihr Leben getreten sind. Ich habe gespürt, wie mich Ihre Eltern an beiden Händen gefasst haben und sich gegenseitig versicherten, dass sie mit mir an ihrer Seite das alles schon packen würden. Doch, doch, wir kennen uns gut! Nicht immer ist Ihnen bewusst, dass ich im Raum bin. Manchmal vergessen Sie, dass es ohne mich noch dunkler wäre in Ihrem Leben. Sie glauben ja gar nicht, was ich schon alles durchgemacht habe! Oft komme ich in Häuser, in denen ich erst mal richtig ausfegen muss. Frau V. hat alles durcheinandergemacht. Die ist keine Schlampe, sondern ein Teufelsweib! Sie ist richtig gut darin, Chaos zu verursachen. Frau V. wie Verzweiflung. Sie zieht die Leute runter, bis sie 11
sich klein und ohnmächtig fühlen. Wenn ich das sehe, läuten bei mir alle Alarmglocken. Das sind die Situationen, in denen ich gebraucht werde. Aber ich bin nicht rabiat, sondern sanft. Mein Charakter ist nicht forsch, ich dränge mich nicht auf, aber wenn ich gebraucht werde, bin ich da. Frau H. steht bereit! Vielleicht ist es meine Erfahrung, die mich stark macht. Ich war in den Schützengräben in Stalingrad, ich war in der Ukraine, nachdem die Panzer alles verwüstet haben. Ich habe Unfälle gesehen und was sie mit den Menschen machen, die in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich habe mich an die Seite von verzweifelten Menschen gestellt, die alles verloren haben. Ich habe an offenen Gräbern gestanden und meine Arme um trauernde Menschen gelegt. In Kliniken kenne ich mich auch sehr gut aus. Ich schaue in die Augen von Ärzten, die nicht wissen, was sie in diesem Moment tun sollen. Frau H. ist da. Aber es muss nicht immer so dramatisch sein. Wissen Sie, manchmal schleiche ich mich abends in Kinderzimmer. Besonders in der Vorweihnachtszeit macht mir das viel Spaß. Hier pflanze ich einen Wunsch, da eine Idee, ein anderes Mal zeige ich einen Weg, wie der Wunsch erfüllt werden kann. Aber mehr noch: Ich kenne mich auch auf dem politischen Parkett bestens aus. Ohne mich würden viele wichtige Entscheidungen erst gar nicht getroffen. Manchmal befinde ich mich schon im Raum, manchmal denken die Leute, ich sei durchs Fenster oder durch den Schornstein gekommen. Egal, eins kann ich sagen: Immer, wenn die Menschen merken, dass ich da bin, hebt sich ihre Stimmung. Sie bekommen glänzende Augen, wenn sie mich sehen. Sie bekommen Kraft und neuen Mut. Und meistens schlägt ihr Denken, ihr Handeln und ja, ihr ganzes Leben eine neue Richtung ein. Sie mögen mich. Sie sind dankbar für mich. Sie schätzen mich sehr, ihre unscheinbare, aber spürbare Frau H. – ihre Hoffnung.
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